#20 – Entlassung

Als der Beamte meine Tür aufschloss und fragte, ob ich in den Hofgang wolle, teilte ich ihm mit, dass ich meine Zelle noch putzen und auf Vordermann bringen wollte und deshalb nicht in den Hof möchte. Der wahre Grund lag aber darin, dass ich die Konfrontation mit Mustafa hinauszögern wollte. Ich wusste, dass ich ihm spätestens abends in der Freizeit begegnen würde, doch das war mir egal. Ich hörte die Stimmen der Häftlinge im Gang, alle warteten darauf, dass sie in den Hof durften. Plötzlich gab es mehrere laute Schlaggeräusche an meiner Tür: „Hey Emre, kommst Du nicht raus?“. Es war Mustafa. Ich ging langsam zur Tür und redete vom Türspalt aus: „Hey, nee, ich muss die Zelle noch aufräumen.“ Ein paar Sekunden war Stille. Dann kam ein leises: „Gut. Wir sehen uns heute Abend.“

Während ich schön meine Schokolade, die ich glücklicherweise nicht mehr teilen musste, auf meinem Bett genoss und TV sah, verging die Zeit wie im Nu und es war schon Freizeit. Kaum erklang das elektronische Aufschließ-Geräusch der Türen, stand schon Mustafa neben meinem Bett und sah mich grinsend an. Voller Furcht, was jetzt passieren würde, starrte ich ihn an und wartete auf das, was er sagen oder tun würde: „Hast mich einfach verkauft, was?“ Ich antwortete nicht. „Also Emre, wir machen das dann so, dass ich einen Tag den Fernseher nehme und du dann am nächsten Tag den Fernseher bekommst. Und gib mir noch was von deinem Einkauf ab, willst mich verhungern lassen?“ Ich war wirklich mehr als erleichtert, denn zu dieser Zeit war mir noch nicht klar, dass die Häftlinge selten eine Schlägerei wegen etwas so Banalem wie einem Zellenumzug beginnen würden, da sie meist selbst Konsequenzen davon tragen mussten. Ich stellte ihm eine kleine Kiste mit Schokolade, Cola, Essen etc. zusammen und übergab ihm den Fernseher, da er diesen für heute Abend haben wollte. Mir reichte es völlig aus, endlich alleine in meinen 4-Wänden zu sein.

Am Abend kochten wir wieder mit der Kochgruppe, später kam Savas auf mich zu: „Emre, hat Dir der Mustafa den Fernseher weggenommen?“ fragte er mich, als sei er besorgt um mich: „Ja, der sagt, dass er den einen Tag behält, und einen Tag darf ich den TV haben.“ Savas überlegte kurz: „Eigentlich geht das gar nicht. Wenn der Beamte sieht, dass er einen TV hat, obwohl er nicht zahlt und Du hast keinen TV in der Zelle, dann bekommt ihr beide Fernsehsperre. Nur, dass Du’s weißt.“ Jetzt war ich erstaunt. Savas erklärte mir, dass es damit zu tun hat, dass quasi keine Geschäfte mit dem TV untereinander gemacht werden können. „Aber Savas, wie soll ich dem den weismachen, dass das so ist, das juckt den doch gar nicht? Ich kann da ihm gegenüber nichts ausrichten.“ Ich hoffte, dass mir Savas helfen würde: „Ja, ich gebe Dir nur Bescheid, den Rest musst Du selber überlegen.“

Es hatte sich wohl schnell rumgesprochen, dass mein TV bei Mustafa war, obwohl ich diesen bezahlte, denn mehrere Häftlingen sprachen mich im Laufe des Abends darauf an. Das war natürlich mehr als schlecht, da solche Aktionen wie mit dem TV den anderen Häftlingen zeigten, dass ich „ausnutzbar“ war. Bis ich diese „Ausnutzbarkeit“ von mir werfen konnte, verging gut ein halbes Jahr.

Vorerst reichte es mir allerdings, alleine in meiner Einzelzelle zu sein, ob mit oder ohne Fernseher war mir schnuppe. Ich sah schon, wie Mustafa sich nach neuen Zellenkollegen umsah und den Beamten schon darauf ansprach, ihm ja nicht einen Rumänen in die Zelle zu packen. Eine Konversation zwischen ihm und mir fand an diesem Abend nicht mehr statt. Ich schlief tief und fest, es war schon lange nicht mehr so angenehm und ruhig in meiner Zelle gewesen.

Als ich am nächsten Tag von Mustafa meinen Fernseher wollte, bekam ich ihn nicht. Am übernächsten Tag wollte ich wieder den Fernseher haben, ich bekam ihn abermals nicht. Als der Beamte meine Tür am Abend verschloss, schaute er auf meinen Tisch: „Sag mal, wo ist denn dein Fernseher?“ Ich hatte Glück, dass es sich bei ihm um einen der besseren Beamten handelte: „Ich hab ihn bei Mustafa gelassen für heute Abend, er hat ja keinen und ich will heute ein Buch lesen.“ Er schaute so, als hätte er schon längst Wind von der Sache bekommen: „Aha, schau, dass Du den morgen zurück nimmst, sonst müssen wir ihn dir wegnehmen.“

Ich schlief ein und machte mir Gedanken, wie ich Mustafa mitteilen könnte, dass der Fernseher abhandenkommt, wenn er ihn mir nicht zurückgibt. Und ehrlicherweise verging die Zeit in der Zelle ohne den Fernseher viel langsamer und war weitaus langweiliger. Der nächste Morgen brach an, und meine Tür ging zu einer unüblichen Zeit auf. Ein Beamter und Mustafa standen vor der Tür: „Ich wollte nur kurz Tschüss sagen.“ Ich war schockiert: „Wie jetzt?“ Mustafa hatte solch ein Strahlen im Gesicht, dass es nur einen Grund dafür geben konnte: „Ich werde entlassen, man! Vergiss nicht, was ich Dir beigebracht habe. Man sieht sich, tschau!“ Die Tür schloss sich und ich stand verwirrt da, einerseits überglücklich, dass er endlich weg war, andererseits traurig, dass ich nicht entlassen wurde und wiederum stieg meine Hoffnung, dass mich bald auch eine Blitzentlassung erwarten würde. Er war der Erste von dreien, die während meiner Haftzeit per Blitzentlassung frei gelassen wurden.

Als ich mich beruhigte, schoss mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf: „Mein Fernseher!“

Ich wartete bis zum Hofgang und rannte sofort ins Beamtenbüro, bevor sie uns in den Hof ließen: „Der Mustafa hatte meinen Fernseher, kann ich ihn wiederhaben?“ Der Beamte schaute mich desinteressiert an: „Da frage ich mich, wieso er Ihren Fernseher hatte?!“ Noch bevor ich ihm irgendetwas erklären konnte, mussten wir in den Hof raus. Unsere Türken versicherten mir, dass ich damit rechnen muss, eine Woche ohne den TV auszukommen. Ich war traurig und wütend zugleich und hasste es, dass der Mustafa, der es aus meiner Sicht eigentlich am wenigsten verdient hatte, entlassen wurde, und ich nun Konsequenzen davon trug.

Abends in der Freizeit flehte ich die Beamten wieder an, erhielt nur rhetorische Fragen als Antwort und war den ganzen Abend sauer. Da der Mustafa weg war, ging ich von Häftling zu Häftling und lästerte über ihn. Das ist natürlich eine Charaktereigenschaft, die ich selber gar nicht leiden kann, aber mir fiel sonst nichts anderes ein, um meinen Frust abzulassen.

Ich war überglücklich, als ich abends zum Einschluss in meine Zelle ging und plötzlich meinen Fernseher auf meinem Tisch vorfand. Der Beamte, der mir die Tür zuschloss, sagte ganz liebevoll: „Und das nächste Mal, gib deinen Fernseher keinem weiter. Gute Nacht.“ Das war auch das letzte Mal, dass mein Fernseher mir weggenommen wurde, aber nach einer gewissen Zeit wäre es mir lieber gewesen, wenn sie ihn mir weggenommen hätten, denn ich hatte das Gefühl, dass ich vor lauter Fernsehschauen verblödete und jeden Tag derselbe Mist lief

Es vergingen ein paar Tage und der Montag stand schon vor der Tür. „Sag denen, die sollen Dir wenigstens einen Kaffee und Schokolade kaufen“, sagte der Reiniger zu mir, als ich vom Beamten abgeholt und runter in den Besuchsraum gebracht wurde. Es dauerte keine fünf Minuten im Warteraum, und schon wurde ich von einem anderen Beamten abgeholt und in den hintersten Raum gebracht. Es befanden sich drei Personen im Raum und ein leerer Stuhl für mich. „Hallo, ich bin Götner, das ist mein Kollege Bauer.“ Ich gab ihnen meine Hand und grüßte danach die dritte Person: „Hallo, Herr Holz.“ Er stellte seinen Anwaltskoffer auf den Tisch, er war wohl erst gerade eben angekommen, denn seine Jacke hatte er noch an.

„Hallo Herr Ates, wie geht es Ihnen?“

2 Tage jeweils 8 Stunden und ich erzählte, erzählte und erzählte … mit der Hoffnung, dass sie mich wie Mustafa entlassen würden. Doch ich durfte noch eine lange Zeit hoffen.

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