#4 – Erster Hofgang

„Bist neu hier, wa?“, kam es langsam aus dem Mund des alten Mannes, gleichzeitig zog er noch ein letztes Mal an seiner Kippe.
„Ja, grad erst angekommen, Du?“ ich wusste nicht, wie ich mit einem Häftling sprechen sollte, ich hatte noch nie zuvor einen gesehen und jetzt war ich selber einer. Alleine mit einem unberrechenbaren Kerl in einem kleinen Warteraum, einer Zelle, wenn ich etwas falsches sagen würde, wäre das mein Ende?
„Paah, Entlassung! Ich geh heute!“ lachte er, Sabber lief ihm aus dem Mund und blieb an seinem Bart hängen.
„Echt? Wie lang musstest Du sitzen?“. So sah also einer aus, der vor der Entlassung stand, ob er wohl überhaupt ein Zuhause hatte fragte ich mich, als die schockierende Antwort kam: „3 Wochen“.
Ich war perplex, 3 Wochen in dieser Anstalt? 3 Wochen ohne Fernseher (dachte ich zumindest), ohne Kontakt, nur mit Häftlingen, Vergewaltigern, Mördern, Drogendealern und wie war das überhaupt mit den Duschen, der Seife?
„Krass, wie war das in den 3 Wochen? Ist doch bestimmt sehr langsam rumgegangen?“
Er schaute mich verdutzt an: „Haha, du bist echt ein Frischling. 3 Wochen ist nichts, war wie im Nu vorbei“.
Ich saß nur noch und wünschte so sehr, dass jetzt endlich was passierte, ich fühlte mich, als würde ich gleich verrückt werden.
Die Zellentür ging auf, eine kleine, aber ältere Beamtin stand da, sie schien sehr nett, das war sie auch, wie sich später herausstellte.
„Herr Ates?“
Ich stand auf. „Kommen Sie mit.“
Ich folgte ihr, jetzt erst bemerkte ich, wie scheußlich die Anstalt aussah, die Wände waren grau, der Boden braun, alles war heruntergekommen, keiner hatte sich die Mühe gemacht irgendetwas sauber zu machen, geschweige denn zu renovieren.
Beamten saßen im Büro und erzählten sich wohl Witze, dann alle schienen fröhlich zu sein, sie lachten alle.

Dieser Anblick sollte mich die kommenden Jahre immer wieder anwidern.
Der Moment, wenn der Beamte deine Zellentür zuschließt und dich dabei anlächelt, vielleicht meint er es nur gut mit dir, vielleicht ist es besser als ein böser Anblick. „Frohe Weihnachten“, wünschte mir einmal tatsächlich ein Beamter, als er meine Zellentür abschloss. „Frohes Neues Jahr“, kam von einem anderen Beamten, der mir die Tür aufschloss. „Pah, schon 23? Na dann mal alles Gute!“,  hatte mir einer von den Schlüsselträgern gewünscht, als er mich von meinem Besuch entfernt und zurück in meine Zelle gebracht hatte.

Doch das wusste ich alles noch nicht, noch war ich in der Hoffnung in den nächsten Tagen, nein, in den nächsten Stunden, entlassen zu werden.
Stattdessen saß ich nun vor einer Fotokamera und ging die Erstaufnahmeprozedur durch.
„Raucher?“
„Nein, ich rauche nicht.“
„Das sieht man hier auch immer seltener.“ grinste die nette Beamtin, als sie irgendwelche Kreuze auf einem Formular eintrug.
„Wollen Sie eine Einzelzelle oder lieber eine Gemeinschaftszelle?“
Ich wusste nicht, was besser war, in eine Einzelzelle, in der mich keiner stört, in der ich keine Angst vor anderen Häftlingen haben muss, in der ich weinen kann, wenn mir danach ist? Denn mir war danach.
Oder eine Gemeinschaftszelle, mit verrückten Leuten, mit verrückten Geschichten, in der es eventuell nie langweilig werden würde?
„Ich weiss nicht, was würden Sie für mich empfehlen?“
„Einzelzellen sind begrenzt und beliebt, nicht zu Unrecht. Da Sie Nichtraucher sind, würde ich Ihnen ohnehin zur Einzelzelle raten, der Rauch würde Sie ungemein stören, denn alle rauchen hier.“
„Gut, dann die Einzelzelle.“ ich wusste nicht, ob diese Entscheidung richtig war, doch ich bemerkte früh genug, dass Einzelzellen sehr gefragt waren, das Angebot allerdings begrenzt.

„Lächeln Sie lieber nicht.“ empfahl mir die Beamtin, als sie gerade mit der Kamera ein Foto knipsen wollte. Ich verzog wieder mein Grinsen, lief leicht rot an, sie hatte Recht.

„Reiniger, bring dem hier das Zugangspaket!“ rief die Beamtin, als sie mich in eine Zelle bringen wollte. Reiniger? Was ist das? Der läuft ja hier im Flur rum? Fragen über Fragen, noch wusste ich nicht, dass dies meine Beschäftigung für die nächsten Jahre werden würde.
Er brachte mir ein Bettlaken, das zusammengebunden war, in ihm befanden sich Teller, Besteck, Becher, Kopfkissen, Bettdecke, und so weiter.
Zelle 39, das war also meine Zelle.
Die Beamtin öffnete die Tür: „Leg deine Sachen auf das Bett, dann kannst zum Hofgang, die sind grad alle draußen.“ Ich würdigte der Zelle keinen Blick, sah nur, dass zwei Betten bereits bezogen waren.
Die Beamtin führte mich durch irgendwelchen Gänge, es kam mir vor wie ein Labyrinth, und andauernd musste sie Türen auf – und zuschließen.
Als ich die frische Luft atmete, fühlte ich mich, als wäre ich ein halbes Jahrzehnt gefangen gewesen.

Der Hof war klein, sehr klein. Und tatsächlich war er geformt wie eine 8, die Häftlinge hielten sich an die „Markierungen“ und liefen immer wieder diese 8 durch.
Ich tastete mich langsam an den Hof, und als ich merkte, dass mich die Häftlinge komisch ansahen, lief ich im Schrittempo den anderen hinterher. Ich blickte keinem in die Augen, ich sah nur auf den Boden.
Dennoch war mir sofort aufgefallen, dass es hier allerlei Arten von Menschen gab, von jung bis alt, von Deutschen (Minderzahl) bis hin zu Albanern und Türken. Auch waren Gruppierungen aufzufinden, es gab 5-er Gruppen, 10-er Gruppen, dann gab es noch welche, die mit allen Gruppen kommunzierten, sie sprangen von einer Gruppe zur nächsten und beteiligten sich an allen Themen.
Sowohl die Ungewissheit, was die Häftlinge mit mir machen könnten, als auch  Szenen aus irgendwelchen Gefängnisfilmen verleihten mir das Bedürfnis, in meine „sichere“ Zelle zurückzugehen.
Mein erster Hofgang war wohl der gefühlt längste Hofgang, mit der Zeit kamen auch mir die Hofgänge immer kürzer vor.
„Hofgang Ende!“ schrie ein Beamter.
Zwei Beamte liefen den Hofgang entlang, als wären sie Hirten und würden eine Horde Schafe führen.

Ich stand vor meiner Zelle, der 39, die Zahl merkte ich mir gut, vielleicht würde ich sie für einen Tippschein beim Lotto verwenden.
Ein Albaner, ziemlich breit, mit glattrasiertem Kopf und Halskette, kam auf mich zu:
„Bist Du in dieser Zelle?“ fragte er mich.
„Ja.“ antwortete ich.
Er ging zurück zu seinen Albanern, schien zu fluchen.
Der Beamte öffnete die Zellentür, „Los, rein.“
Die Zelle sah ziemlich dunkel aus, ich wagte meinen ersten Schritt und befolgte die Anweisung des Beamten. Zu meiner Verwunderung lag bereits einer im Bett, ich hatte ihn vorhin wohl nicht bemerkt.
Die Zellentür knallte hinter mir zu, abermals das Schlüsselgeräusch.
Der Typ im Bett drehte sich um, sah mich an, drehte sich wieder um und schlief wohl weiter.

Ich stand nur da, wusste nicht, was ich tun sollte, ich war überfordert.
Plötzlich erneut ein Schlüsselgeräusch, die Tür öffnete sich:
„Das nächste Mal gibt es Disziplinarmaßnahmen! Wenn ich sage, dass Sie nach dem Hofgang vor Ihrer Zellentür zu stehen haben, dann tun Sie das gefälligst auch!“
Der Albaner kam grinsend rein, die Tür knallte zu.

„Tschifcha None.“ flüsterte er dem Beamten hinterher, legte seine Jacke auf den Stuhl, legte sich auf sein Bett.

Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gefühl. Das war dann wohl Angst.

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