#5 – Du bekommst Bewährung

Es war so still in der Zelle, dass ich erst jetzt bemerkte, dass aus einer an der Wand befestigten Anlage
Musik zu hören war. Ich betrachtete die Anlage an der Wand etwas genauer, in ihr waren einige Knöpfe angebracht,
ein Lautstärkeregler, ein Ein – und Ausschalter für das Licht, sowie ein Knopf für den „Notruf“.

Ich fragte mich, was alles in einer Zelle passieren konnte, sodass jemand den Notruf-Knopf betätigen müsste.
Im Laufe der Zeit fand ich es vernünftigter, die Bezeichnung in „Hotline/Service/Information“ umzuändern, denn für einen Notruf
war die Reaktion von Beamten, vom Abnehmen des Hörers bis hin zur Öffnung der Zellentür, viel zu langsam.

Die Toilette in der Zelle hatte keinen Deckel und auch keinen „WC-Sitz“, zudem war dieser nicht seperat in einer Art Kabine,
sondern direkt neben der Tür, lediglich eine Art „Tür“ diente als Sichtschutz.
Wenn einer auf das Klo musste, konnten ihn die anderen dabei beobachten, und dementsprechend auch den Gestank riechen.
Alleine diese Tatsache machte eine Einzelzelle sehr begehrt.
In der Mitte stand ein Tisch, ich war verwundert, dass dieser überhaupt noch stand, so abgekommen wie dieser aussah.
Zwei kleine Fenster, mit Gittern versteht sich, brachten Licht in den Raum rein. Sie waren allerdings etwas hoch angebracht, so dass man
auf einen Stuhl steigen musste um nach draussen zu sehen.
Dies tat ich auch. Ein Hof war zu sehen, nicht derselbe in dem ich zuvor war, sondern ein viel größerer, auch die Mauer war zu sehen, sie war riesig.
Die Zelle war mit zwei Stockbetten versehen, die beiden unteren waren schon besetzt.
Also nahm ich mir das obere Bett und bezog dieses.
Danach packte ich alles aus, was ich von den Beamten bzw. dem Reiniger bekam.
Darunter waren Hygieneartikel wie Zahnbürste, Zahncreme, (tatsächlich auch) Seife, Rasierschaum und Rasierklingen.

Ich legte mich auf mein Bett, die beiden anderen schienen in einen Winterschlaf gefallen zu sein.
Schnell bemerkte ich, dass diejenigen, die viel schlafen konnten, auch am wenigsten Probleme hatten, da sie weniger Zeit damit
verbrachten zu denken. Und wenn man in einer Zelle anfängt zu denken, kommen einem die schlimmsten Vorstellungen in den Sinn.

Es mussten Stunden vergangen sein, ich war nochmals eingeschlafen.
Geweckt wurde ich vom Albaner, der sich Tee gekocht hatte und auf irgendetwas zu warten schien.
Das Allererste was man einen Neuankömmling fragt: „Weswegen sitzt Du?“
Genau das waren seine ersten Worte an mich.
„Computerbetrug. Hab‘ die deutsche Bahn betrogen.“
Er lachte: „Wie zur Hölle hast Du das gemacht?“
„Hab‘ eigentlich nur Bahntickets gekauft und günstiger weiterverkauft. Nur halt mit Kreditkartendaten anderer Leute, die haben aber die Buchungen von ihrer
Kreditkarte von der Bank zurück bekommen  glaub ich. Und die Leute, die die Tickets von mir gekauft haben, sind wirklich damit gefahren, ohne Probleme.
Letztendlich hatte die Bahn das Ticket ausgestellt und kein Geld gesehen bzw. das Geld an die Kreditkarteninhaber zurückgeben müssen.“
Er sah mich an: „Bist Du ein Hacker oder was?“
„Nein nein, ich kann nicht hacken. Ich hab‘ die Kreditkarten nicht mal selber irgendwie gehackt oder so, sondern einfach nur in so Internetseiten gekauft.“
Er verstand das simple Vorgehen wohl nicht, doch ihn interessierte viel mehr etwas anderes: „Wie viel hast Du denn gemacht?“
„Also selber hab‘ ich so ca. 50.000 EUR bekommen.“
Er war überrascht: „Nicht schlecht, wie lang hast gemacht?“
„1 Jahr lang, also eigentlich ’nur‘ ein Akademiker Jahresgehalt.“

Ich fragte ihn nicht weshalb er saß, wahrscheinlich interessierte es mich gar nicht, im Nachhinein hätte ich es schon gern gewusst.
Doch höchstwahrscheinlich saß er wegen BtM, bzw. dem Dealen mit Drogen, das war bei fast allen Albanern und den restlichen Häftlingen der Fall.

Wir wurden unterbrochen. Die Zellentür ging auf: „Abendessen“.
Ich stand auf, und machte dem Albaner nach.
Mit meinem Alu-Teller ging ich vor die Tür, zwei Häftlinge (Reiniger) standen bereit und taten mir Brot und etwas Butter, sowie Marmalade auf den Teller.
Zudem gab es noch 2 gekochte Eier. Auch heissen Tee durfte ich mir einschenken.
Der Andere lag immer noch im Bett, der Albaner nahm allerdings auch seine Portion mit in die Zelle rein.
Die Tür ging zu, es war ca. 17.00 Uhr, bis morgen um 6:00 Uhr sollte sie geschlossen bleiben.

Der Abend verging langwierig. Erst aßen wir, dann redeten wir, ich fragte gut ein dutzend Mal die Frage, was er denke,
wie viel Jahre ich bekommen würde.
Er meinte, dass ein Junge wie ich niemals ne hohe Strafe erhalten würde.
„Höchstens 2 Jahre Bewährung.“ sagte er.
Viele andere Häftlinge, die ich im Laufe der Zeit gefragt hatte, waren derselben Meinung.
Zudem erzählte er mir, dass die U-Haft maximal 6 Monate geht und dass die danach nicht so einfach die U-Haft verlängern können,
ich hätte bestimmt in ca. 3 Monaten mein Urteil.

Ich legte mich nach ein paar Kartenspielen, die wir gespielt hatten (mittlerweile war auch der Andere, ein Italiener, aufgewacht), in mein
Bett. Ich hoffte, dass ich das Wochenende gut überstehen und am Montag entlassen werden würde, denn ich wollte keine 6 Monate auf
mein Urteil warten.

Ich träumte in dieser Nacht von Freiheit, wusste jedoch nicht, dass noch eine lange Zeit nur ein Traum bleiben würde.

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