#6 – Ein verwandtes Gesicht

Der Samstag war angebrochen, meine erste Nacht in der Haftanstalt hatte ich mehr oder weniger gut überstanden.
Die Sonne war grad am Aufgehen, als Punkt 6.00 Uhr der Beamte in unsere Zelle stand.
Er überprüfte, ob wir alle noch lebten, eine Standardprozedur, die jeden morgen durchgeführt werden muss.
„Frühstück Männer, Aufstehen“.
Ich hatte großen Hunger, noch hatte ich keine warme Mahlzeit erhalten und mein Brot mit Butter und Marmelade war schon fertig.
Etwas enttäuscht war ich dann sehr wohl, als ich erneut nur Marmelade und Butter in die Hand gedrückt bekam und ein paar Scheiben Brot.
Doch ich traute mich nicht irgendetwas zu sagen, geschweige denn, mich zu beschweren.
Die anderen beiden machten sich nicht die Mühe aufzustehen, war ja auch klar bei diesem „Frühstück“.

Nachdem ich meinen Magen etwas stillen konnte, legte ich mich erneut hin, und versank in Gedanken.
Gut 14:00 Uhr war es geworden, als ich meinen zweiten Hofgang hatte, wieder in diesem 8-förmigen kleinen Hof und nicht im großen, den ich von meinem Fenster aus beobachten konnte.
Ich sah jedes Mal neue Gesichter, gut alle zwei Stunden fand in diesem großen Hof ein Hofgang statt.
„Arbeiterstockwerke, Jugendliche, Erwachsene, alle haben getrennt Hofgang, die können nicht 7 Stockwerke auf einmal in den Hof lassen.“ erklärte mir der Shiptor (Albaner).

Mein Hofgang verging erneut ohne Stress, aber dementsprechend auch ohne jegliche Kontakte. Ich fühlte mich sehr verlassen und alleine, nur die Angst vor den Häftlingen als auch der Zukunft war mein stetigen Begleiter.
Zurück vom Hofgang gab es dann die erste warme Mahlzeit. Ich weiß nicht mehr was es war, aber das Gerücht, dass das Essen in der Haft eklig ist, stimmt. Noch nie hatte ich etwas derart Ekliges gesehen, gerochen, oder gar geschmeckt. Doch meinem Magen war dies vorerst egal.

Der Samstag verging genauso langweilig wie der Freitagabend. Ein paar Kartenspiele, ein bisschen Plaudern und dann endlich mal eine gute Nachricht: „Nur noch der Sonntag, dann kann ich endlich in meine Zelle, will wieder Fernsehen.“, meinte der Italiener.
„Wie, Fernsehen? Hast Du einen Fernseher in deiner Zelle?“ Ich war überrascht, wenn das stimmte, wäre doch schon mal für etwas Unterhaltung gesorgt. Ich muss zugeben, da wusste ich noch nicht, dass man das deutsche Fernsehen in die Tonne werfen konnte. Ich glaube, die Häftlinge verblöden nur, weil sie non-stop RTL2 und Co anschauen. Und dann auch noch diese Programme wie Richter Alexander Hold, Richterin Barbara Salesch, Polizei auf Streife, usw… . Sie erhoffen sich immer, dass ein ähnlicher Tatfall wie der eigene im Fernsehen auftaucht, sodass sie ihr eigenes Strafmaß abschätzen können. Dabei vergessen viele (den Fehler machte ich auch), dass die alleinige Straftat noch nicht viel über das Strafmaß aussagt, es zählen viele Faktoren mit hinein, die Persönlichkeit des Täters, das Tatmotiv und so weiter und so fort. Es fließen einfach viel zu viele Aspekte mit ein. Und meiner Meinung nach werden manche unwichtigen Faktoren viel höher gewichtet als andere, eventuell wichtigere Faktoren.

Mit der Freude, dass ich auch einen Fernseher in meiner Zelle haben würde, schlief ich diesmal vorerst etwas glücklicher ein.
Am nächsten Morgen, einem Sonntag, dieselbe Prozedur. Frühstück, und dann auf den Hofgang warten.
Angezogen wartete ich darauf, dass die Tür aufging und ich zum Hof geführt wurde.
Ich lief eine Runde in der 8, als mich plötzlich jemand an meiner Schulter packte.

Ich war geschockt. War das der Tag, an dem ich das erste Mal Stress bekommen sollte?…
Ich drehte mich um und konnte meinen Augen nicht glauben: „Brüderchen!“. Ich umarmte ihn und dann ließen wir schnell los, denn uns kam der Gedanke, dass der Beamte uns sehen könnte.
„Was machst Du hier? Hab gedacht wir haben Mittätertrennung?“, fragte er mich.
„Keine Ahnung, denkst du, die haben das verpeilt? Lauf einfach unauffällig neben mir. Alter voll krass, hätte nicht gedacht, dass ich dich so schnell wieder sehe.“
Wir liefen erstmal eine Weile und versuchten runterzukommen. Ich war überglücklich: „Hey, wir müssen irgendwie in eine Zelle kommen, hab gehört, man muss hier so Anträge schreiben und morgens abgeben. Schreib du einen, und ich schreib auch einen, die sollen keine Faxen machen!“
„Ja man, zusammen in ner Zelle wär’s voll gut. Aber die sagen, dass ich zum Jugendbau muss und ich darf nicht mal arbeiten gehen, weil wir Mittäter sind.“, meinte mein Bruder.
„Was? Darf ich dann auch nicht arbeiten, oder wie?“ Ich war schockiert, laut dem Albaner verging hier die Zeit nicht, wenn man nicht arbeiten ging.
„Ja aber scheiß mal drauf jetzt. Wir machen kein Geständnis oder? Also die haben doch eigentlich nichts? Wir sagen einfach wir sind Läufer, haben das Geld für jemand anderes abgehoben. Und am Computer können die eh nichts machen, das ist doch mit TrueCrypt verschlüsselt, denkst du, die können das knacken?“, fragte er mich.
„Also, laut der Szene können die das nicht knacken, bzw. die haben nicht die nötigen Mittel und die Zeit, um das zu knacken. Außerdem ist das Passwort auch noch 40 Stellen lang. Aber Brüderchen, Du hast sowieso nichts gemacht, du hast doch nur ein paar mal Geld abgehoben. Du warst halt immer nur dabei und hab dir Geld gegeben. Also brauchst keine Angst haben, du kommst sowieso raus, ich mach einfach ein Geständnis, dann sollte das Ganze schnell von der Bühne gehen.“
„Nein Bruder, mach kein Geständnis, die können das Passwort nicht knacken!“. Er hatte recht, doch mein einziger Gedanke war, ihn so schnell wie möglich hier rauszubekommen. Als Älterer von uns beiden fühlte ich mich verantwortlich und schuldig.
„Erzähl mal, wie Du erwischt wurdest.“ Ich war gespannt, was passiert war, als er am Tag der Verhaftung abgehauen war und keiner der Beamten ihn verfolgt hatte.
„Haha, alles wegen Dir Bruder, alles wegen Dir“. Er grinste.

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