#26 – Die Therapie in die Freiheit

Ich drehte im Hof meine Runden, völlig vertieft in Gedanken bei meinem Bruder. Was er wohl gerade tat? Hatte er Gutes zu essen? Gab es bei ihm auch Häftlinge, mit denen er sich verstand, oder hatte er gar Stress? Vom Charakter her war er schon immer eine schwierige Person gewesen, er lässt sich nicht viel gefallen. Ich befürchtete, dass dies zu Konflikten führen könnte.

Meine Eltern sagten mir immer, dass es meinem Bruder auch gut ginge, aber ihren Gesichtszügen konnte ich entnehmen, dass dem nicht so war.

„Hey, was ist los?“ fragte mich Taylan und klopfte auf meine Schulter, hängte sich an meinen Hals und lief mit mir eine Runde. „Weißt Du, was eine Haftbeschwerde ist?“ Er sah mich an: „Oglum, kaum hast ein Geständnis gemacht, reichst Du schon eine Haftbeschwerde ein, oder was?“ Ich verneinte: „Mein Bruder, naja, eher sein Anwalt, hat Haftbeschwerde eingelegt.“ Er erklärte mir, dass dies deshalb gemacht wird, damit ein Haftrichter nochmals die Umstände beurteilt, also Flucht- und Verdunklungsgefahr, und das könnte dazu führen, dass er zumindest aus der U-Haft entlassen wird. „Was stand denn in eurem Haftbefehl drin? Beides, oder? Als Türke hast Du eigentlich keine Chance Emre, mach Dir da für deinen Bruder keine allzu großen Hoffnungen.“ Ich war weiterhin am Überlegen, denn ich glaubte an seine Entlassung. Es waren also einfach diese zwei Bedingungen, die einen in der Untersuchungshaft hielten, die Fluchtgefahr zum Einen, die Verdunklungsgefahr zum Anderen. Also überlegte ich mir, ob beide Bedingungen erfüllt waren. Die Verdunklungsgefahr, das hieß für mich, dass wir die Polizisten bei ihren Ermittlungen behindern könnten, indem wir Beweismaterial zerstören oder verstecken. Ich hatte allerdings ein Geständnis abgelegt, mein Bruder genauso. Die Polizisten hatten nun mehr, wenn nicht alles gegen uns in der Hand, wir hatten nichts mehr an Beweismaterial, das wir hätten vernichten können. Da war ich mir sicher, dass mein Bruder aufgrund von Verdunklungsgefahr nicht in U-Haft sitzen könnte. Dann gab es noch die Fluchtgefahr. Wenn man keinen deutschen Pass besaß und zudem auch keine sozialen Kontakte in Deutschland, war das Grund genug, einen in der U-Haft zu halten. Dies leuchtete mir auch ein. Doch mein Bruder hatte die doppelte Staatsbürgerschaft, sowohl die deutsche als auch die türkische. Er hätte zwar in die Türkei fliehen können, aber seine komplette Familie, Freunde und Bekannten befanden sich in Deutschland. Warum sollte also mein Bruder in die Türkei fliehen? Was würde das Gericht als Begründung für eine erhöhte Fluchtgefahr angeben?

Mir fiel nichts ein, der Hofgang war noch nicht zu Ende und da sah ich ihn, den besten Justizbeamten, den ich je kennen gelernt hatte: „Herr Nil, wie geht es Ihnen?“ Er duzte mich, wie alle Beamte, mit denen ich mich gut verstand. „Gut, und Dir,  Ates?“ Meinen Vornamen kannte er wohl nicht. „Wie es einem Häftling halt so geht, die Zeit vergeht einfach nicht.“ Wir plauderten ein wenig und dann kam ich direkt zur Sache: „Herr Nil, warum könnte das Gericht denken, dass mein Bruder Flucht begeht, wenn er aus der U-Haft entlassen wird?“ Er brauchte nicht lange zu überlegen: „Ich bin kein Jurist, aber dem zufolge, was Du mir erzählt hast, ist schon allein eure Flucht bei der Verhaftung ein Grund, den das Gericht nennen könnte. Aber viel wichtiger ist das zu erwartende Strafmaß. Das Gericht könnte sagen, dass deinen Bruder eine hohe Strafe erwartet und dies Grund genug sei, dass er in die Türkei fliehen könnte. Würden sie ihn frei lassen, kann dein Bruder davon ausgehen, dass es höchstwahrscheinlich zu keiner Freiheitsstrafe ohne Bewährung kommt.“ Nun war ich schlauer, das Ganze machte mehr als Sinn. Mein Bruder sollte also aus dem Schneider sein. Ich hatte doch alles auf mich genommen. Ich war mir sicher, dass er rauskommen würde. Nun interessierte es mich natürlich auch, wie es mit mir weitergehen würde: „Herr Nil, was denken Sie, wie lange ich noch sitzen muss?“ Er lachte, die Frage hatte er sicherlich oft genug gestellt bekommen: „Ates, Du verbringst Weihnachten hier.“ Ich wusste nicht, ob das ironisch gemeint war, aber er brachte es auf eine lustige Art und Weise rüber, und unfreiwillig musste ich darüber lachen. „Herr Nil, wir haben Juli. Anfang Oktober sind meine 6 Monate U-Haft-Obergrenze um, bis Weihnachten bin ich nicht da.“ Ich hatte Angst, dass es noch so lange dauern würde bei mir, aber auch Hoffnung, dass ich spätestens Anfang Oktober wieder in Freiheit wäre. Ich war naiv und habe zu dem Zeitpunkt nicht geahnt, wie ernst das Ganze ist, und welches Strafmaß mich tatsächlich erwartete. Wäre mein Urteil gleich in den ersten drei Monaten meiner Haftzeit gefallen, dann wäre ich wahrscheinlich kaputt gegangen. Fast 4 Jahre in Haft, das hätte ich nicht verkraften können. Doch bis zu meinem Urteil ein Jahr später lebte ich aufgrund der Hoffnung, die ich hatte. Nach meinem Urteil hatte ich mich mit der Haft abgefunden, ich hatte mich an meine Umstände gewöhnt.

Bald würden meine Eltern wieder zu Besuch kommen, Woche für Woche taten sie sich den langen Weg an, nur, um mich dann für eine halbe Stunde zu sehen. Sie würden mir diesmal hoffentlich auch die wundervolle Nachricht mitteilen, dass mein Bruder frei ist. Es war an der Zeit, dass ich mich um mich selbst kümmerte.

In diesem Zusammenhang hatte ich etwas von einer Therapie gehört. Die ganzen Drogendealer sagten einfach, dass sie gedealt hatten, um ihren eigenen Konsum zu finanzieren, dass sie süchtig waren und deswegen das Geld brauchten. „Man muss dann nur 6 Monate in Therapie und dann ist man frei.“ teilte mir Savas mit. „Was? Wie jetzt? Das geht doch nicht, egal wie hoch meine Strafe ist?“ Ich war verblüfft. „Nein natürlich nicht, Du Dummkopf! Wenn Du nur noch 2 Jahre zu sitzen hättest, könntest Du 6 Monate in Therapie, und dann wirst entlassen. Würdest Du beispielsweise 2 Jahre und 6 Monate bekommen, müsstest Du 6 Monate sitzen, und dann nochmal 6 Monate Therapie, dann bist frei. Das nennt sich ’35er‘. Aber es gibt noch den ’64er‘, das werde ich machen.  Man darf 2 Jahre vor seiner „Halbstrafe“ in die Therapie, die ist aber strenger als der 35er. Die dauert 2 Jahre lang an und ist auch anfangs geschlossen, man darf nur von Zeit zu Zeit raus. Wenn ich also 6 Jahre bekommen würde, müsste ich 1 Jahr sitzen, dann 2 Jahre Therapie, dann werde ich entlassen.“ Das hörte sich für mich an wie eine Sicherheitslücke im System, ich konnte es einfach nicht glauben. Warum sollte ich nicht auf Nummer sicher gehen? Es hätte ja sein können, dass ich 2 Jahre 6 Monate bekomme, dann würde ich meine U-Haftzeit absitzen und könnte dann direkt in die Therapie. „Du Spaßvogel, du hast dem Arzt schon gesagt, dass Du noch nie Drogen genommen hast. Du kannst  die Therapie vergessen!“ Taylan holte mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. „Und gibt’s sowas wie Glücksspielsucht? Ich hatte einen Wettschein bei meiner Verhaftung dabei. Ich könnte doch sagen, ich hab das Geld für Glücksspiel ausgegeben, weil ich süchtig bin?“ Savas überlegte nicht lange: „Glaub mir Alter, die checken, dass Du lügst. Aber probier’s einfach aus.“

Ich war froh. Endlich gab es mal etwas, das ich tun konnte, und endlich keimte in mir wieder das Gefühl auf, meine missliche Lage beeinflussen zu können. Ich gab sofort meinen Antrag bei der Suchtberaterin ab. Eine Woche später kamen dann auch schon die Informationen bezüglich des ersten Gesprächstermins. Meinen Eltern würde ich von meinem Vorhaben aber nicht erzählen, ich wusste nicht, wie sie drauf reagieren würden. Glücklich ging ich in den Besuchsraum runter, gleich würden sie mir mitteilen, dass mein Bruder wieder zuhause ist und ich könnte nun endlich meinen eigenen Arsch retten, die Therapie war die Lösung. Ich ging in den Raum rein, ich sah ihre Gesichter. Meine Mutter, traurig wie immer, das Taschentuch allzeit griffbereit in der Hand. Mein Vater mit seinen strengen Blicken war ziemlich gelassen und sah meine Mutter immer wütend an, in der Art „Frau, wehe, Du weinst schon wieder!“

Ich küsste ihre Hände und setzte mich hin.

Es gab mal einen Albaner, den ich in der U-Haft kennen gelernt hatte. Er war um die 30, hatte eine hübsche Frau und eine kleine süße Tochter. Eigentlich eine tolle Familie, deren Wert er aber leider nicht zu schätzen wusste. Er war Zuhälter, und bei den Black Jackets noch dazu ein hohes Tier. Irgendwie verstand ich mich gut mit ihm, wie mit allen anderen Albanern auch. Doch mit ihm verbrachte ich etwas mehr Zeit, und hin und wieder nutzte er dies zu seinem Vorteil aus. Das war mir bewusst, aber es war mir egal, denn ich genoss durch seine Gesellschaft ein besseres Ansehen vor den anderen. Er war der festen Überzeugung, dass er maximal drei Jahre Haftstrafe bekommen würde. „Nur diese eine dumme Nutte hat ausgesagt und behauptet, ich hätte ihr eine Knarre auf den Kopf gehalten und gedroht zu schießen, wenn sie mir keinen bläst.“ Das war ziemlich krank, er bestritt es aber auch nicht. Jedoch hatte diese „Nutte“ wohl ziemlich gut ausgepackt bei den Polizisten. „Emre, kannst Du rechnen?“ fragte er mich einmal lachend. „Ja klar.“ sagte ich. Dann machte er eine ruckartige Bewegung und tat so, als würde er zuschlagen. Ich zuckte kurz zusammen. „Haha, damit hast nicht gerechnet, was?“ Irgendwie fand ich das witzig in dem Moment.

Nicht witzig war es dann, als er knapp 10 Jahre Haftstrafe bekam. Er hatte wohl nicht damit gerechnet.

Weniger witzig war aber, als ich von meinen Eltern erfuhr, dass mein Bruder noch in Haft war. Diesmal war ich derjenige, der nicht damit gerechnet hatte.

Und am wenigsten witzig war für mich der Moment, als mir klar wurde, dass eine Therapiesitzung nicht nur Positives mit sich brachte, nein, ganz im Gegenteil. Ich hätte nie damit gerechnet, dass mir das Vorhaben mit der Therapie mehr schaden, als etwas bringen würde.

Nun saß ich da mit meinen Eltern im Besuchsraum und wollte wissen, warum mein Bruder noch immer in Stammheim gefangen war. Ich bekam Gänsehaut, als ich den Grund erfuhr.

Wir waren sowas von am Arsch.

4 Gedanken zu „#26 – Die Therapie in die Freiheit“

    1. Danke 🙂
      Ja, versuche ab jetzt mindestens einmal in der Woche ein Kapitel zu veröffentlichen.
      Solche Kommentare wie deiner helfen mir natürlich dabei die Motivation zu bekommen die ich brauche 😉

    1. Haha Danke, das mit dem Cliffhanger hab ich jetzt schon öfter von meinen Lesern gelesen 😀
      Ich glaub ich hätte irgendwie Drehbuchautor werden sollen für Serien xD

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