#30 – Nicht aller guten Dinge sind Drei – Teil 4/4

Mein Vater war bereits wach, als ich mich auf die Socken machen wollte: „Ich geh kurz zum Supermarkt, Brötchen für die Arbeit holen.“ Mein Vater nickte und übergab mir seinen Autoschlüssel. Ich düste zum Supermarkt, holte die Brötchen, damit mein Vater keinen Verdacht schöpfen konnte, und traf mich danach mit Adnan am Bahnhof.

„Wir haben einen neuen Bankdrop!“, begrüßte ich ihn. „Wie jetzt?“, Adnan schaute mich fragend an, konnte sich meine Begeisterung nicht erklären. Ich ging zum Auto und nahm den Briefumschlag an mich, packte den bereits geöffneten Brief von der Bank aus und zeigte ihm die rote Bankkarte: „Adnan, wir können weitermachen, die Bullen haben mit dem Bankdrop nichts zu tun gehabt, die haben nicht mal gecheckt, dass da ein Bankdrop im Briefkasten meiner Oma liegt!“ Adnan war etwas skeptisch, doch auch froh darüber, dass wir endlich wieder einen Bankdrop hatten. Diesmal war mein Bruder Cem nicht dabei, Adnan würde viel Geld verdienen können. Nachdem ich ihn wieder überredet hatte das Ding durchzuziehen, kam nun der etwas schwierigere Part:

„Adnan, Du musst den Bankdrop fillen, ich habe da keine Zeit für, ich muss ja Vollzeit schaffen in den Ferien.“ Auch wenn ich in Sorge war, dass er einen Fehler begehen würde indem er beispielsweise vergaß, seine IP-Adresse zu verschleiern, vertraute ich dennoch darauf, dass er die simplen Schritte einhalten konnte. Adnan hatte bereits ein präpariertes Notebook. Alles, was er zum Verkauf der Bahntickets brauchte, war dort bereits vorhanden.

Die Tage vergingen, ich arbeitete als Ferienjobber und Adnan verkaufte währenddessen Bahntickets. Nach meinem Feierabend gingen wir beide das Geld abheben und teilten uns das Geld. Daheim gab es hin und wieder Auseinandersetzungen mit meinem Vater, doch alles schien rund zu laufen. Und dann kam der Unfall.

„Emre, ich will glaub aufhören.“ Adnan zog fest an seiner Shisha, während ich mich – mal wieder – darauf vorbereitete, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. „Was, wieso?“

„Ich hatte gestern einen Autounfall, weißt Du.“

„Wirklich? Dir geht es hoffentlich gut?“, fragte ich besorgt. Er nickte und schaute die ganze Zeit auf den Boden, so als überlegte er, was er als Nächstes sagen sollte, wobei er meinen durchdringenden Blick vermied. „Also weißt Du, ich habe mir eine Playstation gekauft mit dem Geld. Und als ich dann vom Media Markt zurück nach Hause fahren wollte habe ich einen Unfall gebaut, aber so einen richtig dummen. Das hätte nicht passieren müssen, hätte ich besser aufgepasst. Es ist keinem was zugestoßen, aber ich denke, der Unfall ist passiert, weil ich die Playstation mit dem illegalen Geld, dem Haram Geld, gekauft hab. Ich glaube, Allah hat mich deswegen bestraft.“ Jetzt kam Adnan wieder mit der religiösen Tour, wir beide hatten viel Zeit in der Moschee verbracht. Dort lernt man, dass wenn im Leben etwas Schlimmes passiert, es immer eine Strafe Allahs darstellt, und wenn etwas Gutes passiert, dann nur, weil man fleißig betete. Adnan war sich in seinem Fall sicher, dass Allah ihn bestraft hatte für sein Vergehen, dass er sich ohne Reue eine Playstation mit illegalem Geld gekauft hatte. „Und dein Auto bezahlst Du dann wie? Deine Schule hat begonnen, Du bekommst sehr wenig Schülerbafög. Unfälle passieren Adnan, zerbrich Dir nicht den Kopf deswegen.“ Diesmal schien es schwieriger,  ihn zum Weitermachen zu bewegen. Ich wollte nicht, dass er aufhörte, da ich dann alleine gewesen wäre – und das machte einfach weniger Spaß. Ich hatte das Bedürfnis, das Ganze mit jemand anderes abzuziehen. Wenn Adnan ausstieg, verlor ich mit ihm einen Eingeweihten und Gefährten.

Doch genau zu der Zeit kam mein Bruder wieder aus der Türkei zurück.

Cem und ich unterhielten uns eine ganze Weile. Er erzählte von der Türkei, ich von der Hausdurchsuchung, und wir verstanden uns gut. Die Auszeit hatte eine positive Wirkung auf unsere geschwisterliche Beziehung gehabt, im Nu waren wir wieder Freunde geworden, das Vergangene geriet in Vergessenheit. „Cem, ich muss Dir was beichten. Ich habe einen neuen Bankdrop und mach gerade mit Adnan den ganzen Ticketverkauf.“

Ich wartete nur darauf, dass mein Bruder versuchte, mir die Sache mit Adnan auszureden. „Alter, kick den doch endlich raus, ich bin dein Bruder! Mach das Ganze mit mir, was teilst Du mit dem das Geld. Scheiß auf den.“

Ich stand nun abermals vor der Entscheidung: Adnan oder mein Bruder? Alleine wollte ich es auf keinen Fall durchziehen. Und was war schon dicker als Blut? Nach den Geschehnissen mit Adnan fiel mir die Wahl diesmal relativ leicht. Ich hatte es satt, Adnan jedes Mal aufs Neue überreden zu müssen. Es kam, wie es kommen musste, die Geschichte wiederholte sich: Ich traf mich mit Adnan und teilte ihm mit, dass die Bankkarte eingezogen wurde und ich aufhören wollte. Als ich Adnan dies mitteilte, erkannte ich an seinem Blick, dass er ganz genau wusste, dass ich bei ihm exakt das Gleiche wie mit Cem damals abzog. „Gut, ich wollte ja sowieso nicht mehr.“ Das war das letzte Mal, dass ich Adnan sah, ich brach auch den freundschaftlichen Kontakt ab.

Die Ära Adnan war beendet, nun kam wieder die gute alte Zeit mit meinem Bruder. Ich hatte mich für ihn entschieden. Hätte ich das nicht getan, wäre er womöglich nie in der Haft gelandet.

Ich lag nun also in meinem Bett in der Zelle und machte mir die ganze Zeit Gedanken um die beiden. Das Grinsen meines Bruder, als ich ihm mitteilte, dass ich mich für ihn und gegen Adnan entschieden hatte, erschien mir vor meinem geistigen Auge. Nun stand ich also zum dritten Mal vor der Entscheidung. Sollte ich Adnan verpfeifen, damit mein Bruder rauskommt? Sollte ich die gleiche Wahl treffen, mich wieder für meinen Bruder entscheiden? Aber hatte er nicht auch eine gewisse Schuld, dass er nun in Haft war? Als der Morgen anbrach und ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte ich mich entschieden – diesmal für Adnan. Er hatte es nicht verdient, auch in den Knast zu wandern, seine Familie sollte nicht den gleichen Schmerz spüren wie meine Eltern. Ich hatte Adnan immer überredet mitzumachen, er hätte von sich aus nie solche Taten begangen. Ich war die Ursache für seine Taten gewesen…dann wollte ich wenigstens nicht die Ursache für seine Haft sein.

Als die Tage langsam verstrichen und ich auf eine Antwort wegen des Widerspruchs der Haftbeschwerde meines Bruders wartete, bekam ich Besuch. Diesmal war nur mein Vater da, und er war stinksauer, dass ich keinen Namen genannt hatte.

„Bravo, Du hast das toll gemacht, Emre. Der Widerspruch wurde abgelehnt.“

Mein Vater brachte mir das nicht im Mindesten schonend bei – das war sein erster Satz zur Begrüßung. Der Funke Hoffnung, den ich  zuvor noch gehabt hatte, löste sich in diesem Moment in Luft auf.  „Mit welcher Begründung?“, wollte ich wissen, während meine Ohren rot anliefen und mein Herz pochte. „Naja, laut deinem Anwalt haben die Ermittler sich gewundert, wie Du Bahntickets verkaufen konntest, während Du Vollzeit gearbeitet hast und waren sich dann sicher, dass es noch einen Dritten gegeben haben muss. Hast Du gedacht, Du bist schlauer als die Polizei? Dank Dir bleibt dein Bruder nun in der Haft.“ Ein Licht ging mir auf, daran hatte ich tatsächlich nicht gedacht, wie dumm konnte ich nur gewesen sein? „Deinen Freund, den Adnan, sie haben ihn verhaftet.“ Mein Vater wollte wohl, dass ich einen Herzinfarkt bekomme. Mir wurde sehr schlecht, nun waren wir alle drei dran. „Aber Papa, warum lassen die Cem nicht gehen? Er hat doch gar nichts gemacht.“ Der uns überwachende Justizbeamte hörte fleißig zu und schien zudem ein paar Notizen zu machen. „Cems Anwalt meinte, er hätte gute Chancen gehabt rauszukommen. Aber das ist nicht mehr möglich, weil nämlich Adnan entlassen wurde.“

Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Ich wollte meinen Vater nur noch anschreien, dass er mir das Ganze gefälligst gescheit erklären und mich nicht durch alle möglichen Gefühlslagen durchjagen sollte. „Wie, Adnan wurde entlassen?“, fragte ich stattdessen.

„Adnan wurde entlassen, er war nur zwei oder drei Tage in Haft. Er hat gegen deinen Bruder ausgepackt!“

29 Gedanken zu „#30 – Nicht aller guten Dinge sind Drei – Teil 4/4“

    1. Haha, vielen Dank, bin echt geschmeichelt.
      Hoffe, dass ich euch mit zukünftigen Kapiteln nicht enttäusche, Du machst mir echt Druck mit deiner Aussage, haha

    1. Dein Wunsch wurde zur Kenntniss genommen hahaha 😀
      Freut mich wirklich, dass so viele auf ein neues Kapitel warten und es mir mitteilen 🙂
      Vielen Dank dafür!
      Ein neues Kapitel wird dieses Wochenende folgen.

    1. Hey,

      sorry, ich komme aktuell einfach gar nicht dazu. Hab viel um die Ohren, tut mir echt Leid, dass ich das Versprechen nicht einhalten konnte.

  1. Du müsstest deinen kalender mal austauschen, Sonntag ist schon laaaaange vorbei, schaue täglich mehrmals vorbei, ich bitte um verständnis für meine ungeduld ^^
    Ich freue mich schon auf das nächste kapitel und kann mich nur nochmal wiederholen wenn ich sage „weiter so“ 🙂

    best greetz…

    1. Hey 🙂

      danke, freut mich sowas zu lesen und verstehe Dich total.
      Aber ich hab echt viel zu tun, finde die Energie gerade nicht um weiterzuschreiben.
      Ich brauch einfach noch etwas Zeit.

    1. Gerippt? xD
      Weiss nicht was Du meinst, ausser, dass ich mein Versprechen nicht einhalten konnte.
      Ich hoffe echt, dass ich bald die Lust und Power habe weiterzuschreiben.
      Bis dahin bitte ich einfach um Geduld.

  2. was soll die verfickte scheisse? du hast geschrieben am Sonntag kommt ein neues kapitel, was ist daraus geworden? ich schau jeden verfickten tag mehrmals hier rein in der hoffnung du löst endlich dein versprechen ein – aber null, nada niente. wenn bis sonntag – also 7 Tage nach der ursprünglichen frist – hier kein neues kapitel vorzufinden ist kannst du davon ausgehen das ich den gesamten blog unter ddos setzen werde und dann niemand mehr etwas davon hat.

    mittlerweile gehe ich auch davon aus, dass das ganze hier in einem exit scam endet und kann daher meinem vorredner spielberg nur recht geben – wir wurden gerippt. 🙁

    1. Hey,

      dein Kommentar ist total mies, dennoch antworte ich darauf.
      Mein Versprechen konnte ich nicht halten, das stimmt. Aber ich habe einfach zu viel zu tun, und verstehe nicht, welchen Schaden Du davon trägst, so dass Du von einem Scam oder Rip reden kannst? Wüsste nicht, dass ich irgendeine Gegenleistung von Dir für mein „Geschreibsel“ bekommen habe.

      Ich kann es nur noch betonen, ich mach das hier alles freiwillig und gerne, aber solche Kommentare müssen echt nicht sein. Ich hab einfach auch noch ein Leben und kann mich nicht um das Hafttagebuch kümmern, wenn es gerade einfach zeittechnisch nicht mit meinem Leben vereinbar ist.

      Falls Du meinst Du müsstest den Blog unter DDoS setzen, wäre das wirklich schade, aber verhindern kann ich das dann auch nicht.
      Also tue Dir keinen Zwang an. Ich kann mein Hafttagebuch auch einfach für mich schreiben und dann veröffentlichen, wenn alle Kapitel stehen.

      Zeige bitte einfach etwas Verständnis.

      1. Hahahaha, das war nur Spaß Dude, dachte spätestens bei den Worten „exit scam“ müsstest darauf gekommen sein das mein Geschreibsel überhaupt gar keinen Sinn macht(wie du schon sagtest es existiert ja keine Gegenleistung) und nur dazu dient dir begreiflich zu machen wie sehr du die Leute mittlerweile in deinen Bann gezogen hast, dass sogar mit ddos gedroht wird falls keine Fortsetzung folgt. Meine Worte sind komplett sinnfrei und entsprechen nur meinem Humor, bitte nicht allzu ernst nehmen 😀

        Nochmal: dein Blog ist der Hammer und ich würde sogar ganz im Gegenteil für eine ddos-protection blechen falls sich doch mal nen Freak finden sollte der das ganze ddosed, also nehm diese Zeilen, und speziell auch die zukünftigen Zeilen die noch von mir kommen werden bitte mit einer gehörigen Portion Humor!

        Keep on writing!

  3. Der Schaden der durch die nutzung der Kreditkarten entstanden ist…. und für die Ermitlung ..das Gerichtsverfahren etc pp

    Wie ist es den nach der Haftstrafe , komme auf dich/ihn irgendwelche kosten…wenn ja wie viel?

    1. Also Gerichtskosten musste ich bezahlen, ungefähr 7.000 EUR.
      Dann natürlich meine Anwaltskosten.

      Beides hat mein Vater bezahlt.

      Was den Schaden der Deutschen Bahn angeht, da kam bisher noch keine Zivilklage ein, doch theoretisch könnte die Bahn, meines Wissens, bis 3 Jahre nach dem Urteil das Geld von mir einfordern. Es wären dann ungefähr 120.000,00 EUR

      1. Danke für die Antwort 😉 , wie seht es aus mit den Schaden bei den „Opfern“ den die Kreditkarten gehörten , ich denke schon das die Versicherung der Bank das irgendwie reguliert . Ist aber nicht noch in zusätzlicher schaden entstanden z.b das die Opfer durch das fehlende geld Rechnungen etc pp nicht behalen konnten ?

        Verstehe mich nicht falsch es geht hier bei nicht um dir schlechtes gewissen zu machen , mich interessiert einfach welchen FInziele folgen es für dich hat bzw noch haben kann.

        Falls es du schon alle genannt hast dann danke dir noch mals für die Antowort 🙂

        Frage 2

        Aus dem Blog konnte ich entnehmen dass dein Bruder das Geld dafür ausgegeben hat um sein Lifestyle zu verbessern , wie war es bei dir?

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