#36 – Deutscher mit Migrationshintergrund

„Man, Savas! Was soll das? Kartal ist während meiner Abwesenheit einfach in meine Zelle und hat die Tabakdose auf meinen Tisch gelegt!“

Ich war stinksauer. Savas sollte meines Erachtens nach mit ihm klären, dass so etwas nicht angeht. „Hast du es jetzt? Alter, geil Emre.“ Ich hatte Savas schon lange nicht mehr so glücklich gesehen, mit seiner Gebetskette in der rechten Hand und Tayfun an seinem linken Kleinfinger, fing er an, „Halay“ (ein traditioneller türkischer Festtanz) zu tanzen. „Ey man, Savas, jetzt hör mir mal zu! Was wäre passiert, wenn der Beamte gesehen hätte, dass der Kartal nach der Dusche noch in meine Zelle geht? Außerdem hat Herr Winter die Tabakdose auf meinem Tisch gesehen. Der weiß doch ganz genau, dass ich Nichtraucher bin.“ Ich war genervt von den Freudensprüngen der beiden, was sich noch weiter verschlimmerte, als ich merkte, dass ich auf taube Ohren stieß. „Jetzt chill mal, Emre. Der Winter denkt bestimmt, dass du die Tabakdose zum Tauschen gekauft hast, der weiß doch ganz genau, dass Tabak die Währung im Knast ist.“ Für mich milderte dies keineswegs die Umstände, denn die Tauschgeschäfte waren genauso verboten, wie jemandem Schulden zu geben…oder eben, ein Handy zu besitzen. Nur griffen die Beamten bei Letzterem konsequenter ein.

In der Nacht löste jede Stimme und jedes Schlüsselgeräusch ein starkes Herzklopfen in mir aus, denn die Tabakdose hatte ich sehr auffällig im Schrank verstaut. Ich setzte darauf, dass es gerade deswegen nicht auffallen würde. Der Schlaf kam erst, als ich einen genialen Einfall zu einem sicheren Versteck hatte:

Jeden Morgen sammelten wir den Müll der Zellen in blauen Säcken ein. Wir hatten zusätzlich größere Mülltonnen mit blauen Säcken, die wir für den aufkommenden Müll nutzten, der bei den Reinigungsarbeiten so anfiel. Ich würde die Tabakdose einfach zum restlichen Müll in einen der Mülltonnen werfen…und müsste nur jeden Morgen, bevor ich die blauen Säcke nach draußen bringe, darauf Acht geben, dass die Tabakdose dann im neuen, frischen, blauen Sack landete. Außerdem war ich für den Müll zuständig, der andere Reiniger würde sowieso nichts mitbekommen. Der Deutsche war entlassen, er hatte auch nur wegen Dealens mit Gras gesessen. Nebenbei fragte ich mich, wen sie wohl als neuen Reiniger nehmen würden?

Am nächsten Morgen gab ich meinen Antrag für den Sozialarbeiter direkt beim Beamten ab, als er die anderen Anträge der Häftlinge sortierte. Es war wieder mal Herr Nils da, und abermals erwies er sich als der beste Beamte, den ich je getroffen hatte. „Ah, was willst Du denn vom Sozialarbeiter?“, fragte mich Herr Nils, nachdem er meinen Antrag überflogen hatte. Ich erklärte ihm kurz mein Dilemma, woraufhin er seufzte: „Na, dann hoffen wir mal, dass der Sozialarbeiter dir helfen kann.“ Ich begriff zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass er damit die Möglichkeiten des Sozialarbeiters gemeint haben muss. Er zweifelte wohl daran, dass dieser mir würde helfen können. „Was hältst du eigentlich von eurem Türken da? Dem Yilmaz?“, fragte er beiläufig. Ich erwiderte seinen fragenden Ausdruck mit dem gleichen Fragezeichen im Gesicht: „Er hat sich nämlich für den nächsten Reinigerposten beworben“, fuhr er fort. Ich überlegte kurz, denn eigentlich hasste ich diesen Kerl. Außer zu Meckereien war er zu nichts wirklich fähig. Aber… vielleicht war es besser, einen weiteren Türken als Reiniger-Kollegen zu haben. Auch würde er sicherlich weniger rumheulen, wenn er etwas gelockerte Haftumstände durch den Reinigerposten hätte. Gerade in Bezug auf das Handy würden unsere Türken es wohl begrüßen, dass der andere Reiniger mich nicht verpfeifen würde, wenn er wegen des Handys Verdacht schöpfte. Durch Yilmaz würde die Gefahr schon einmal um die Hälfte sinken, da er zu unserer Truppe gehörte. „Ja, weiß nicht, eigentlich ist der ganz nett. Er ist auch total sauber, seine Zelle ist immer schön aufgeräumt. Sein Deutsch ist auch sehr gut, ich denke, zumindest an der Kommunikation würde es nicht scheitern.“ Er schien diese Information wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen.

Ich ging meinem Tagewerk als Reiniger nach und sah den Sozialarbeiter immer durch die Gänge schlendern, aber nie kam er zu mir. Als ich dann gegen mittags, kurz bevor die Mittagsessen-Ausgabe anstand, ungeduldig wurde, sprach ich ihn an. Gerade als er in sein Büro, welches neben dem Beamten-Büro war, hineinspazieren wollte, hielt ich ihn an: „Herr Adler, Sie haben meinen Antrag wohl noch nicht erhalten?“ Obwohl es eine rhetorische Frage war, antwortete er knapp darauf, dass er auf mich zukäme, sobald er etwas wisse. Das Wochenende brach an, und der Sozialarbeiter hatte mich immer noch nicht zu sich bestellt.  Das Handy in der Tabakdose versteckte ich über das Wochenende in der Mülltonne in der Besenkammer. Soweit mir bekannt war, wussten neben mir nur Kartal, Savas und Tayfun Bescheid. Auch teilte Kartal mir mit, dass sich momentan kein Guthaben darauf befände, doch dass Savas sich darum kümmern wolle. Am Wochenende gab es das übliche Programm, morgens Teeausgabe, mittags Essensausgabe, nachmittags dann zwei Stunden Umschluss (ich ging mit ein dutzend Leuten in den Freizeitraum und spielte Poker mit Schokolade als Einsatz), gefolgt vom Hofgang und danach gab es die Abendessensausgabe. Meist verfasste ich Samstag und Sonntag abends Briefe an meine Familie, je nach Gemütslage waren diese entweder voller Trauer (ich verlangte förmlich nach Mitleid) oder ich erzählte von lustigen Vorfällen. Yilmaz wurde in der Zwischenzeit zum Reiniger ernannt, weshalb ich ihn am Wochenende einlernte und dementsprechend bis zum Einschluss am Hals hatte.

Die Woche begann mit einem Besuch. „Ist mein Vater da, oder meine Mutter, oder beide?“, wollte ich vom Beamten wissen, der mich in den Besucherraum begleitete. „Weiß ich nicht, da ist ein Mann.“ Der Beamte konnte daraus wohl nicht schließen, dass der Mann nicht meine Mutter sein konnte. „Mist, ich habe 30 Minuten Besuch, stimmt’s? Können Sie mich nicht einfach nach 15 Minuten rausholen, mit irgendeinem Vorwand, dass ich zur Essensausgabe muss, oder so?“, mein deprimiertes Gesicht schien den Beamten nicht davon abzuhalten, meine Frage als Witz aufzufassen: „Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder?“ Ich nickte, er schüttelte nur den Kopf und schon befand ich mich bei meinem Vater. Nach der Begrüßung setzte ich mich hin und fing an, die Süßigkeiten zu naschen. Wenigstens das machte mein Vater, er kaufte mir einen Haufen Süßigkeiten, und Kaffee gab es auch dazu. Das war pure Nervennahrung und die brauchte ich dringend: nach Gesprächen mit meinem Vater fühlte ich mich schlechter als zuvor. Diesmal durfte ich zu hören bekommen, was für ein Idiot ich war, dass ich mich nicht um meine Staatsangehörigkeit gekümmert hatte, obwohl er es mir seit meinem 18. Lebensjahr immer wieder ans Herz gelegt hatte. Er hatte auch meist Recht mit dem was er sagte, nur die Art und Weise, wie er etwas sagte oder eben wie das bei mir ankam, machte mich sauer. Dass mir die Gespräche total auf den Zeiger gingen, konnte ich ihm auch nicht sagen. Ich schluckte alles und kotzte dann unglücklicherweise bei meiner Mutter über meinen Vater ab, sobald sie mich alleine besuchen kam. „Das türkische Konsulat meint, du müsstest persönlich erscheinen, um die Dokumente zu unterschreiben, die JVA würde Dich zum Konsulat transportieren müssen, solche Fälle hätten sie schon paar Mal gehabt.“ Diese Aussage meines Vaters nahm ich mit zum Gespräch mit dem Sozialarbeiter. Nach der Verabschiedung von meinem Vater begab ich mich direkt zur Essensausgabe, um danach sofort an der Tür des Sozialarbeiters zu klopfen. Ich wollte ihm die Dringlichkeit meines Anliegens nochmals ins Gedächtnis rufen. Die Tür ging tatsächlich auf und der Sozialarbeiter, Herr Adler, stand vor mir: „Ja, was gibt es?“

Nachdem ich ihn darauf hingewiesen hatte, dass ich nun knapp eine Woche auf ihn gewartet hatte und mir die Zeit wegen meines deutschen Passes davonlief, schaute er nur verdutzt, als hätte er es vergessen und als sei ihm gerade ein Licht angegangen. „Treten Sie ein.“ Er zeigte auf einen Sitzplatz und setzte sich vor seinen Computer. Sicherlich hatte er damit Zugriff auf das Internet. Wie gerne würde ich jetzt auf irgendwelchen Newsseiten rumstöbern, auf Facebook schauen, was die Leute so trieben, und natürlich auf die Seiten gehen, die mit „You“- begannen, jedoch nicht auf „Tube“ endeten.

Zurück von meinen Fantasien des Internets, erklärte ich Herrn Adler, dass ich meinen deutschen Pass verlieren würde, wenn ich nicht bald zum türkischen Konsulat transportiert würde. Er war mir keine große Hilfe, lediglich zwei Argumente weshalb ich nichts unternehmen bräuchte, warf er mir auf den Tisch: „Sie können nicht einfach so zum Konsulat transportiert werden. Diese Möglichkeit besteht nur für Strafhäftlinge, als U-Häftling ist sowas nicht möglich. Außerdem werden solche Angelegenheiten wie Bürgerschaftsprozesse während der Haft stillgelegt, Sie müssen nichts befürchten, kümmern Sie sich entweder in der Strafhaft oder nach ihrer Entlassung darum.“ Nun verstand ich, worauf Herr Nils hinaus wollte, als ich ihm gesagt hatte, dass ich die Hilfe vom Sozialarbeiter aufsuchen würde.

In Bezug auf meine Staatsbürgerschaft ergriff ich von nun an keine Eigeninitiative mehr und vertraute dem Sozialarbeiter. Savas hatte in der Zwischenzeit Guthaben für das Handy besorgt und begann, in der Freizeit zu telefonieren. Dieses Zeitintervall war jedes Mal mit Risiken für mich verbunden, denn damit Savas und Tayfun abends in der Freizeit ab 18:00 Uhr telefonieren konnten, musste ich das Handy vor 15:30 Uhr aus dem Mülleimer in der Besenkammer holen und in meine Zelle legen. Ab da wurden die Räume nämlich geschlossen, und der Hofgang begann. Täglich befand sich das Handy also für knapp 3 Stunden in meiner Zelle, weshalb ich auch während meiner Hofgänge gedanklich immer bei meiner Zelle war. Es war nicht unüblich, dass während des Hofgangs Zellen kontrolliert wurden. Das ganze Thema mit dem Handy hatte sich zudem sehr schnell rumgesprochen, ein Russe kam während der Freizeit zu mir: „Hey Emre, hast Du was von einem Handy gehört? Die im ersten Stockwerk haben gesagt, dass die Türken im zweiten Stockwerk ein Handy besitzen.“ Ich konnte meinen Ohren nicht trauen, die beiden Vollpfosten Savas und Tayfun wollten mich ins offene Messer laufen lassen. Wie konnten die nur das Geheimnis nicht für sich behalten? Ich suchte sofort das Gespräch mit den beiden auf, welches aus meiner Sicht jedoch in die völlig falsche Richtung lief: „Emre, keine Angst, wenn etwas passiert, dann nehmen wir das auf uns.“, meinte Tayfun, „Ja? Warum versteckt ihr das Handy dann nicht gleich in eurer Zelle?“ Die Antwort von Savas klang logisch: „Weil die Reiniger-Zellen und Besenkammern viel seltener kontrolliert werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die das Handy finden, ist so geringer.“ Wie ich erfuhr, machten sie Deals mit dem Handy. Ein Russe hatte den beiden tatsächlich eine Tabakdose im Wert von ca. 20.00 EUR (eine beachtliche Summe für Knastverhältnisse) gegeben, um eine halbe Stunde telefonieren zu dürfen. Ich fuhr also mit dem Verstecken des Handys fort, telefonierte jedoch kein einziges Mal damit. Meine Familie würde es nicht verstehen, wenn ich sie anrief. Auch, als der Tag des Opferfests anbrach, traute ich mich nicht, meine Eltern anzurufen, und ihnen zu unserem religiösen Fest zu gratulieren. Dennoch gab es Grund zur Freude: es sprach sich herum, dass das türkische Konsulat für jeden angemeldeten Teilnehmer des Opferfests Döner, Ayran und Baklava mitbringen würde. Herr Nils brachte uns Türken zum anderen Gebäude, in dem das Fest stattfinden würde: „Herr Ates, Sie gehen auch mit? Sind Sie denn überhaupt Moslem?“ Er grinste etwas, ich hatte in vorangegangen Gesprächen nämlich durchaus Skepsis bezüglich des Glaubens durchsickern lassen. „Herr Nils, für einen Döner bin ich der frommste Moslem, den Sie je gesehen haben. Außerdem muss ich mit dem Konsulat wegen meiner Staatsbürgerschaft reden. Ansonsten werde noch zum richtigen Türken, wenn die mir meinen deutschen Pass wegnehmen.“ Ich lief mit ihm voran, so dass die anderen Türken nicht wirklich was von unserer Unterhaltung mitbekamen. „Was? Du bist doch Türke, egal, ob mit deutschem Pass, oder nicht.“ Ich lächelte ihn an: „Herr Nils, ich bin Deutscher mit Migrationshintergrund.“

Ich traute meinen Augen nicht, als ich dann abends tatsächlich mit zwei Dutzend anderen Häftlingen vor diesen Speisen saß und während des Essens den Leuten vom türkischen Konsulat bei ihrer Rede zuhörte. Es war ein Fest für meinen Gaumen, als ich den leckeren, knusprig-saftigen Döner regelrecht verschlang, den salzig-frischen Ayran aus der Kühlbox in großen Schlucken austrank und mir das übersüße Baklava im Mund zergehen ließ. Jeder durfte sich kurz vorstellen, und als ich an der Reihe war, ergriff ich die Chance und erzählte von meinem Konflikt wegen meiner deutschen Staatsbürgerschaft. Einer der Herren des Konsulats diskutierte mit mir. Vor allem erzählte ich ihm von dem Problem, dass ich als U-Häftling wohl nicht zum Konsulat transportiert werden durfte. Der Herr schrieb sich meinen Namen auf und versprach mir, meinen Eltern das Dokument mitzugeben, damit ich es hier vor Ort signieren darf. Das wäre eine Ausnahme, da es unter diesen Umständen keine Alternative gäbe.

Ich war sehr glücklich, dass der Abend noch so ausging – bis der Herr vom Konsulat mich noch kurz vor dem Abschied fragte, wann denn eigentlich mein Geburtstag sei, an dem ich dann auch spätestens meinen türkischen Pass abgegeben haben müsse: „Am 01. Dezember, also in etwas mehr als einem Monat“, meinte ich zunächst gelassen. Seine Mimik sprach Bände: „Ach Du meine Güte. Das wird dann aber nichts! Es dauert mehrere Monate, bis der Vorgang abgeschlossen ist. Die Unterlagen müssen nämlich nach Ankara in die Türkei verschickt werden. Dort wartet man generell einige Zeit, bis sich mehrere Anträge gehäuft haben, und arbeitet dann alle ab. Probier es aber dennoch.“ Ich war entsetzt, die türkische Staatsbürgerschaft würde noch mehr Ärger bedeuten – vor allem vor dem Hintergrund meiner Haft. Diese blöden Prozesse in den Konsulaten hatten dringend eine Optimierung nötig. Mir kamen plötzlich Gedanken an meinen Ethiklehrer hoch: „Emre, erzähl Mal. Fühlst du dich eher türkisch oder deutsch?“ Ich war noch ein Teenager, mit solchen Fragen konnte ich nicht umgehen. Bisher hatte mir keiner diese Frage gestellt – und ich mir selbst auch nicht. „Ähm, ich weiß nicht. Ich bin doch irgendwie beides.“ Er schaute mich damals an, und stieß mit seiner nächsten Frage etwas bei mir an, was mich noch mehrere Jahre beschäftigen würde: „Du meinst also, dass du keine Identitätskrise hast? Du weißt ganz genau, wer du bist?“ Ich konnte mir diese Frage noch sehr lange nicht beantworten. Ich wechselte immer von „Ich bin Türke, ist doch klar“ zu „Ich fühle mich eher Deutsch“.

Würde diese Frage vielleicht bald vom Schicksal geklärt werden, wenn ich meine deutsche Staatsbürgerschaft verliere?

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