#60 – Meine Gang: Meine Geschwister

Da lag doch definitiv ein Fehler vor! Das konnte nicht wahr sein. Ich las einmal, zweimal, dreimal: es stand schwarz auf weiß dort, auf diesem Stück Papier. Ich würde erst in 15 Jahren wieder die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen dürfen – also erst, wenn meine Strafe aus dem Bundeszentralregister entfernt worden war. Ich hatte das Thema Staatsangehörigkeit  auf die zu leichte Schulter genommen. Ich hatte so sehr gehofft, dass ich meinen deutschen Ausweis zurückbekommen durfte. Ich hatte nie den türkischen Ausweis genutzt, um mich auszuweisen. Abermals kam mir mein ehemaliger Ethik-Lehrer aus Schulzeiten in den Sinn: „Emre, fühlst Du dich Deutsch oder doch eher Türkisch?“, wollte er damals wissen und löste in mir zahlreiche Gedanken aus – als was hatte ich mich denn gefühlt? Als was fühlte ich mich genau in diesem Moment? Ich kam zu folgendem Ergebnis: Ich bin Türke, ich habe nun einen türkischen Pass und kann halt eben auch Deutsch sprechen. So wie Deutsche, die einen deutschen Pass besitzen und Englisch sprechen können – die werden ja auch nicht zu Briten, nur weil sie zufällig auch auf der britischen Insel leben. Meine Anwältin verstärkte mit der folgenden Aussage unbewusst meine Abwehrhaltung, die ich der deutschen Bundesrepublik gegenüber empfand: „Herr Ates, Sie müssen begreifen, dass die Abschiebung seitens des Regierungspräsidiums eine reale Gefahr darstellt. Hätten Sie Anrecht auf einen deutschen Pass gehabt, dann hätten wir den Weg mit dem Regierungspräsidium nicht gehen müssen. Ich frage mich ernsthaft, warum sich ihr vorheriger Anwalt nicht darum gekümmert hat.“ Wie sehr ich meine Anwältin auch leiden konnte, und wie sehr ich auch selbst daran Schuld war, konnte ich dennoch das Gefühl des in mir aufkeimenden Hasses ihr gegenüber nicht unterdrücken: Im Brief vom Landratsamt stand, dass mit der Rechtskraft meines Urteils mein Anrecht auf die deutsche Staatsangehörigkeit verfallen sei. Um einen deutschen Ausweis zu bekommen, muss man nämlich gewisse Kriterien erfüllen: unter anderem sollte man der deutschen Sprache mächtig sein, mindestens 8 Jahre in Deutschland leben etc. Alle Kriterien erfüllte ich natürlich, bis eben auf die Voraussetzung, straffrei zu sein. Was das Schlimmste an der Sache war, dass meine kleineren Vorstrafenhierbei nicht zählten. Das bedeutete für mich: Hätte ich meine Revision nicht zurückgezogen, hätte ich es noch etwas länger in Stammheim ausgehalten, hätte ich mich in der Zeit um die Staatsbürgerschaft kümmern können und diese höchstwahrscheinlich auch bekommen…heißt im Klartext: dann wäre ich jetzt deutscher Staatsbürger! Diese Erkenntnis traf mich mit voller Wucht… hätte die nun vor mir sitzende Anwältin nicht auch daran denken müssen? Ich dementierte nicht meine Schuld an der Sache, doch wurde ich nun richtig sauer und wollte Mitleid, zumindest hatte ich welches mit mir selbst. Und damit ich es auch wirklich verstand, teilte mir meine Anwältin noch ergänzend mit, dass ich sofort eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen müsse, sollte das Regierungspräsidium von der Abschiebung absehen. „Was, Wie bitte? Wissen Sie was, die können mich alle mal. Ich gehe zurück in die Türkei, da gehöre ich ja jetzt offiziell hin. Ich habe überhaupt keine Lust auf diesen „Abschiebungs-diskurs“, die Beantragung der Aufenthaltsgenehmigung etc. Gut, wenn die mich nicht haben wollen, dann gehe ich halt.“ Dass das eine Schnapsidee war, war meiner Anwältin natürlich bewusst, nur mir in diesem Moment nicht so wirklich. Sie beruhigte mich kurz, bevor ich mich wieder in mein Stockwerk begeben musste.

Zurück an die Arbeit, ich fegte und wischte, was das Zeug hielt, Essensausgabe, Kleiderausgabe und all dies Tag für Tag. Und in ebenso regelmäßigem Rhythmus, wie ich diesen Tagesablauf befolgte, beschwerte ich mich bei meinen Reinigerkollegen. Man könnte es auch als „Ausheulen“ bezeichnen, denn ich pflegte mein Selbstmitleid mit sehr viel Hingabe. Aus meinem Hass entstand langsam ein Gefühl der Rache, und so begannen wir, Pläne zu schmieden: Ich würde es Deutschland heimzahlen. „Bruder, sag mir nur, ob das mit der Deutschen Bahn noch klappt. Dann machen wir das im großen Stil“, redete mein Reinigerkollege auf mich ein. „Ich bin mir sicher, dass das noch funktioniert. Die Deutsche Bahn will es doch ihren Kunden so einfach wie möglich machen, Bahntickets zu kaufen“, gab ich als Antwort zurück. Tatsächlich machte ich mir Gedanken darüber, wie ich am besten nochmals straffällig werden könnte.

Soweit ich mich erinnern konnte, diente die Haft vielen Häftlingen auch dazu, ihre Erfahrungen auszutauschen und neue Pläne zu schmieden: „Das nächste Mal mach ich es besser. Das nächste Mal gibt es keine Fehler.“ Ich hatte so gut wie niemanden erlebt, der nicht mal mit dem Gedanken gespielt hatte, nochmals kriminell zu werden. Soviel zur Reue, welche man beim Gericht so sehr beteuerte, weil es anders halt nicht ging, es wurde erwartet. Es war wie ein Teufelskreis: Man passte sich irgendwie der Umgebung an. Ich hatte – logischerweise – noch nie so viele Kriminelle in meinem Umfeld gehabt wie jetzt. Demzufolge hatte ich noch nie so viel kriminelle Energie auf einmal erlebt. Irgendwie war doch was an dem Spruch „Einmal kriminell, immer kriminell“ dran. Abends im Bett verwarf ich diese Gedanken jedoch wieder: „Emre, du spinnst doch!“, teilte mir mein Gehirn wie von selbst mit, als ich ganz allein über den Gedanken brütete, bevor es mich in die Traumwelt überführte. Doch meine Traumwelt bestand aus Gittern und Mauern, ich war nicht mehr in der Lage, von der Freiheit, von draußen, von meiner Familie zu träumen.

Zum Glück stand diese völlig hinter mir, sie gab mir die nötige Kraft, um stark zu bleiben. Der Anblick meiner Geschwister war immer wieder aufs Neue überwältigend, wenn ich zum wöchentlichen Besuch meiner Familie in den Besuchsraum geführt wurde. Meine Zwillingsschwester saß diesmal in der Mitte und lächelte mich herzlich an, sie hatte eine wundervolle Ausstrahlung. Für mich war sie schon immer eher wie eine große Schwester gewesen. Viele Dinge, an denen ich gescheitert war, hatte sie zu bewältigen gewusst. Es herrschte zwischen uns auch eher der Dialog, der üblicherweise zwischen einem älteren Geschwisterteil und einem jüngeren stattfindet. Sie gab immer vor, mehr Erfahrung in allem zu haben, beriet mich folglich stets bei Problemen jeglicher Art und schien sonst auch charakterlich stärker als ich zu sein. So konnte sie sich locker gegen meinen Vater durchsetzen, wohingegen ich stets still in der Ecke gesessen hatte, wenn mein Vater sich – mal wieder – über seine Kinder aufregte. Ich konnte mich in dem Kontext sehr gut an eine Situation in meiner Jugend erinnern: wir saßen gemeinsam mit der Familie im gleichen Raum, während mein Vater meine Schwester anschrie – den Grund kenne ich nicht mehr. Während ich erwartete, dass sie gleich losheulen würde, stand sie völlig überraschend auf, schrie meinen Vater an, ging zur Haustür und knallte ebendiese hinter sich zu. Mein Vater entbrannte vor Wut, sämtliche Gesichtszüge entglitten ihm, und er war längst noch nicht alles losgeworden, was er zu sagen gehabt hatte. Er blickte durch den Raum, denn ein neues Opfer musste her, welches sich von ihm beschreien lassen sollte: Sein Blick war damals auf den ruhigen Jungen in der Ecke gefallen, der sich das Spektakel angesehen hatte und regungslos dasaß, der nie antwortete, der alles wie ein riesiges Fass einfach aufnahm. Und so begann er völlig zusammenhanglos, mich anzubrüllen. Wann wohl der letzte Tropfen kam, der das Fass zum Überlaufen bringen würde? Bis heute ist der letzte Tropfen noch nicht gefallen.

Meine Zwillingsschwester hatte zudem auch bildungstechnisch die Nase vorn. Ihren Bachelor of Arts hatte sie bereits erlangt, was eines der letzten schönen Dinge gewesen war, die ich vor meiner Haft erleben durfte. Als ob das nicht schon genügte, befand sie sich im Moment auf dem besten Wege, ihr Master-Studium erfolgreich abzuschließen. Dabei hatte sie mir schon einige Male verklickert, dass es für sie sehr stressig sei und sie kurz davor war, das Handtuch zu werfen. Einerseits waren da die anspruchsvollen Veranstaltungen, welche jedoch das allgemeine Leiden der Studierendenschaft darstellte. Doch des Weiteren, und das wiederum empfand sie als große Ungerechtigkeit, musste sie noch den privaten Stress ertragen: Mein Vater ließ wohl all seine Wut bei meiner Mutter und ihr aus. „Vater, als ob es für uns nicht schon schwer genug ist zu ertragen, dass Emre und Cem in Haft sind, müssen wir jetzt noch dich ertragen? Ich mache meinen Master, ich kann mit diesem Stress nicht umgehen“, hatte sie, so erzählte sie, meinem Vater kürzlich klar gemacht – zu Recht, wie ich finde. Das war wohl auch das ausschlaggebende Argument dafür gewesen, dass sie in eine Frauen-WG nach Stuttgart gezogen war. Ich vermute aber, dass sie keine Gleichgesinnten in der WG finden konnte und ihre Mitbewohnerinnen Dinge taten, die meine Schwester mit ihrer Religion nicht vereinbaren konnte – anders konnte ich mir nicht erklären, weshalb sie nach einem Semester wieder zurück ins Elternhaus kam.

Cem für seinen Teil war wohl auf Shopping-Tour gewesen, denn in letzter Zeit kam er oft mit schicken und neuen Klamotten zum Besuch. An ihn dachte ich gar nicht mehr so oft wie früher, er war nun in der Obhut meiner Eltern. Eigentlich erwartete ich von ihm ein paar Frauen-Stories, ein gut aussehender Ex-Häftling sollte wohl die eine oder andere Frau auf einer Party klarmachen können. Er erzählte jedoch relativ oft von einer bestimmten Frau, nämlich seiner sehr scharfen und spanischstämmigen Bewährungshelferin!  Sogar meine Eltern hatten wohl Gefallen an der hübschen Dame gefunden. Allerdings war sie etwas zu alt für ihn, sie war wohl schon Mitte 30. Abgesehen davon, hatte mein Bruder nun wieder mit der Schule angefangen, und wie es aussah, würde er die mittlere Reife endlich nachholen. Während ihm dies am meisten Sorgen bereitete, schien er sich weniger für das anstehende Gerichtsverfahren zu interessieren. Nach unserem damaligen Streit war er in die Türkei geflogen und hatte mit zwei anderen Typen aus dem Darknet die exakt gleiche Masche mit der Deutschen Bahn abgezogen, und dies im wirklich großen Stil: Während ich einen Gesamtschaden von etwa 130.000 EUR verursacht hatte, hatten Cem und diese beiden Jungs mehr als das 3-fache in einer viel kürzeren Zeit verursacht. Abgesehen davon lief ja auch noch die Revision meines Bruders, der diese noch nicht zurückgezogen hatte.

Meine herzzerreißend süße und kleine Schwester war noch im Kindergarten und erzählte im kindlichen Stil über ihre Freunde und Erzieher. Ich traute mich gar nicht zu fragen, ob sie wusste, wo wir uns gerade befanden und warum ich so lange fort war. Auch konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie überhaupt mit fünf Jahren in der Lage war, das Ganze zu verstehen. So sprachen wir stattdessen lieber über ihren anstehenden Geburtstag: „Was möchtest Du denn zum Geburtstag?“, fragte ich sie. „Ein Schmetterlings-Fänger“, strahlte sie, nachdem sie einige Sekunden überlegt hatte. „Was für ein Ding?“, fragte ich zurück und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen…„So ein Fang-Ding, ich will Schmetterlinge fangen.“ Sie wedelte mit den Händen und machte verschiedene Gestiken, die wohl das Fangen von Schmetterlingen nachahmen sollten. Immer wieder küsste ich sie auf ihre rosigen Wangen, während ich mich mit meiner Zwillingsschwester und Cem unterhielt. Meine kleine Schwester hatte sich ausgeklinkt und zeichnete mit einem bunten Stift Schmetterlinge auf ein weißes Papier. „Das macht sie immer, Emre. Sie tut so, als beschäftige sie sich anderweitig, doch horcht sie immer zu, sie bekommt alles mit“, teilte mir unsere größere Schwester mit, die daraufhin sofort Paroli von der Kleinen geboten bekam: „Das stimmt doch gar nicht! Ich male hier.“ Wir mussten lachen. Doch ich konnte mir vorstellen, wie schwierig es meine kleine Schwester hatte. Ich war ja bereits der Meinung, dass in meiner Kindheit und Jugend so einiges schiefgelaufen war und mein Vater wichtigere Prioritäten als seine Familie hatte, doch bei dem letzten Kind war es definitiv nochmal anders. Für mich war mein Vater immer jemand gewesen, vor dem ich Angst  haben musste, ihn deshalb „respektierte“ und entweder tat, was er wollte, oder zum Lügner wurde, da mir andernfalls Konsequenzen drohten. Doch soweit ich mitbekam und es schon vor der Haft gesehen hatte, behandelte mein Vater meine kleine Schwester wie eine Prinzessin, kaufte ihr alles und tauschte mit ihr sogar Zärtlichkeiten aus. Eine Umarmung mit meinem Vater konnte ich mir beim besten Willen in 100 Jahren nicht vorstellen, meiner Zwillingsschwester und Cem ging es sicherlich genauso. Meiner kleinen Schwester fiel es deshalb bestimmt schwer, die Probleme daheim zu begreifen: Warum beschimpfte der Vater die Söhne? Warum waren ihre Brüder böse? Warum beschwerte sich der Rest der Familie über den Vater? Er hatte doch nichts Falsches getan? Es war auf alle Fälle keine gesunde familiäre Umgebung, in der sie aufwuchs – das tat mir furchtbar leid.

Ich verabschiedete mich bei meinen Geschwistern und ging mit einem sehr angenehmen und warmen Gefühl zurück in meine Zelle. Am liebsten hätte ich ja ein Foto von diesem Moment geschossen und es den ganzen Gangstern in meinem Stockwerk gezeigt: „Schaut, das ist meine Gang! Das sind wahre Brüder, wahre Schwestern! Das ist die einzige Gang, die ich kenne und die einzige, zu der ich gehöre! Jetzt geht weg mit euren Möchtegern Brüdern und eurem Chapter!“

Ich war vor gut einem Jahr zur Suchtberatung gegangen, eine Aktion meinerseits in der Hoffnung, daraufhin eine mildere Strafe im Gericht erwarten zu können. Doch dies war vor Gericht unerwähnt geblieben, wir hatten verzichtet, darauf einzugehen. Die gewünschte Reaktion war demnach ausgeblieben. Dass das Gesetz „Aus Actio folgt Reactio“ jedoch trotz Allem existierte, bestätigte mir die Dame, die gerade an meiner Zellentür geklopft hatte. Sie sah aus, als wäre sie einer Bibliothek entflohen, irgendwie strahlte sie eine Art biblische Strenge aus: „Herr Ates?“ Ich nickte, sie fuhr fort: „Ich bin die Psychologin und möchte gerne mit Ihnen aufgrund ihres Antrags für die Verlegung in den offenen Vollzug sprechen. Es geht um Ihre Spielsucht.“

2 Gedanken zu „#60 – Meine Gang: Meine Geschwister“

    1. Wenn es so weiter geht, schreib ich in meinem Xing-Profil unter dem Abschnitt „Erzähl etwas über Dich“ noch: „Beende meine Aufgaben stets mit einem Cliffhanger“, hahhaa 😀

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