#61 – Meine Spielsucht

Ich folgte der Psychologin in das Büro des Stockwerksbeamten, welches unbesetzt war. Man hatte es wohl nicht für nötig gehalten, mich über ein bevorstehendes Gespräch mit irgendeinem Psychologen zu informieren. Vielleicht war es auch der Sinn der Sache, dem Häftling keine Vorbereitungszeit zu geben. Einerseits befürchtete ich, dass die Psychologin mich wie ein offenes Buch würde lesen können oder gar Dinge herausfinden, von denen ich selber keine Ahnung hatte. Andererseits hatte sie mir im Vorhinein bereits mitgeteilt, dass es um meine Spielsucht ginge. Im Vergleich zu den anderen Häftlingen konnte man bei mir doch nicht ansatzweise von einer Sucht reden – oder vielleicht doch? Wie auch immer, ich wusste nicht, in welchem Zusammenhang das Resultat dieser Frage mit meiner Verlegung in den offenen Vollzug stehen sollte.

„Setzen Sie sich bitte hin“, wies mich die Psychologin auf meinen Platz ihr gegenüber hin. Ich betrachtete sie etwas genauer. Irgendwie hatte sie ja etwas von diesen Magie-Lehrern aus Hogwarts. Auch war der Raum leicht abgedunkelt, es hätte mich nicht sehr gewundert, wenn sie plötzlich einen Zauberspruch  aus Harry Potter von sich gegeben hätte. Diese Szene spielte sich zwar noch in meinem Kopf ab, doch trotzdem bekam ich ein mulmiges Gefühl: waren gerade Psychologen nicht diejenigen, die in die Gedankenwelt eindrangen? Was das vor mir sitzende Psychologen-exemplar wohl so drauf hatte? Konnte es mich in Hypnose versetzen? Mich sagen lassen, was sie wollte? Doch im Endeffekt waren Psychologen wohl auch nur Menschen, das stellte ich in den nächsten Minuten fest: „Herr Ates, richtig?“ Ich bejahte. Sie fasste nochmals den Grund zusammen, wegen dem ich hier war: „Also, Herr Ates, bei Ihnen wird momentan geprüft, ob Sie in den offenen Vollzug können. Sie haben letztes Jahr bei Beratungsgesprächen aufgrund Ihrer Spielsucht teilgenommen. Ich möchte mehr darüber erfahren. Wollen Sie mir einfach mal was dazu erzählen?“ Das war wohl die beste Methode, um eine Basis für ein Interview zu schaffen: sich erstmal Informationen vom Gegenüber verschaffen. Ich legte los: „Um es gleich zu Beginn zu sagen, ich bin damals in der U-Haft nur zur Spielsuchttherapie, weil ich eine mildere Strafe wollte. Ich habe da auch etwas übertrieben. Das Ganze fand aber während meines Gerichtsprozesses leider gar keine Erwähnung. Meine Anwältin und ich waren uns einig, dass ich nicht wirklich spielsüchtig bin und das Gericht hat dies auch so akzeptiert.“

Mit ihrem Zeigefinger schob sie ihre Brille, die ihr einen leicht katzenartigen Look verlieh, auf ihrer Nase hoch. Offensichtlich war sie mit dieser Antwort nicht sehr zufrieden. Ihr Blick wurde sehr ernst: „In den Protokollen steht etwas ganz anderes. Außerdem hat Ihnen das Amtsgericht bereits damals eine Suchtberatung verhängt, welche sie nicht regelmäßig besucht hatten. Eine Spielsucht ist eine potentielle Gefahr, dass Sie wieder straffällig werden – durch Schulden, oder eben, weil Sie Geld zum Spielen brauchen. Daher ist es etwas Grundlegendes bei der Entscheidungsfindung zu ihrer Entlassung. Eine Spielsucht muss auf alle Fälle therapiert werden! Herr Ates, wenn wir hier weiterkommen sollen, dann müssen Sie mit mir kooperieren. Sagen Sie mir, wie viel Geld haben Sie für das Spielen schon ungefähr ausgegeben?“ Etwas rot wurde ich schon, als sie im Folgenden meine Vorstrafe erwähnte – die Frau war wohl gut informiert: „Also, bis jetzt, insgesamt? Und nur, was mein Geld war oder auch Schulden etc.?“ Sie bejahte beide Fragen. „Nun, hmm, ich weiß nicht. Vielleicht so 35.000 EUR … also so in den letzten sieben Jahren.“ So ganz konnte ich die Summe dann wirklich nicht abschätzen, doch sie reagierte relativ gelassen auf diese Zahl: „Und wie haben Sie ihre Spielsucht finanziert?“ Da brauchte ich nicht lange zu überlegen: „Ich habe immer nebenher gearbeitet. Habe mit Zeitung austragen angefangen, aber zu der Zeit habe ich noch nicht gezockt. Mit meinem ersten 400-EUR-Nebenjob in einem Supermarkt hat auch die Spielsucht angefangen. Danach habe ich noch in einem Bauhaus gearbeitet, in einer Tankstelle, in einem Kino und Pizza-Fahrer war ich auch eine Zeit lang.“

Diese vagen Aussagen schienen sie nicht zufrieden zu stimmen, weswegen sie nachhakte: „Und damit haben Sie insgesamt 35.000 EUR verdient und alles in Ihre Spielsucht reingesteckt?“ Auch wenn es jetzt etwas peinlich wurde, erzählte ich ihr die ganze Wahrheit: „Alles, was ich verdient hatte, habe ich sofort verzockt. Aber mein Vater hat auch viele Schulden bezahlt, die ich wegen meiner Spielsucht aufgenommen hatte. Einmal haben mir z.B. ca. 20 Leute insgesamt 6.000 EUR überwiesen. Ich hatte da so eine doofe Idee mit Affiliate-Marketing im Sportwettenbereich. Stattdessen verzockte ich jedoch das mir gegebene Geld.“ Über meine „Geschäftsidee“ wollte sie nichts weiter wissen. „Was haben Sie denn gespielt? Nur am Automaten?“, fragte sie, während sie sich eifrig Notizen machte. „Ach nein, ich habe nur Sportwetten gespielt, sonst nichts.“ Sie überlegte kurz: „Kennen Sie sich mit Sport aus? Also haben Sie willkürlich getippt oder weil Sie ein Kenner sind?“ Ich fuhr mit meiner Ehrlichkeitsschiene fort: „Ich habe wirklich keinerlei Ahnung von Fußball. Ich habe willkürlich getippt. Habe auch oft Kombi-Wetten gemacht. Also bei einem Schein auf mehrere Fußball-Ereignisse getippt. Damit ist die Verlustwahrscheinlichkeit höher, doch der mögliche Gewinn erhöht sich aufs Exorbitante.“ Sie versuchte der Sache weiter auf den Grund zu gehen: „Haben Sie schon von Anfang an diese Kombi-Wetten gemacht, oder hat sich das irgendwann gesteigert? Auf wie viele Ereignisse tippten Sie denn in etwa pro Schein?“ Ich kramte in meinem Hirn, und Bilder aus meinen spätpubertären Zeiten kamen wieder hoch: „Ich kann mich noch ganz genau an meinen ersten Tippschein erinnern, das Spiel war VfB Stuttgart gegen Hertha BSC. Ich war auf einem Portal angemeldet, auf dem man Angebote wahrnehmen konnte und Punkte bekam, welche man wiederum gegen eine Prämie einlösen konnte. Ich wollte zum damaligen Zeitpunkt unbedingt eine Xbox haben. Das Prinzip war einfach: Der Anbieter bekam eine Provision, wenn ich mich über seinen Link bei einem Sportwettenanbieter anmeldete und 10 EUR einzahlte, um damit zu spielen. Mit dieser Provision finanzierte der Anbieter dann einen Teil der Xbox. Und es war so, dass ich schon extrem viele solcher Angebote wahrgenommen hatte. So ein Angebot war beispielsweise der Abschluss von Zeitschriften-Abos. Ich brauchte nur noch ganz wenig Punkte, um meine Xbox zu bekommen. Es gab aber zu dem Zeitpunkt längere Zeit keine Angebote mehr, die gepasst hätten, bis eben auf diesen Sportwettenanbieter. Eigentlich wollte ich das überhaupt nicht in Anspruch neben, denn Glücksspiel jeglicher Art war haram, also eine Sünde im Islam, und als gläubiger Moslem konnte ich das zunächst nicht mit mir vereinbaren. Doch der Wunsch nach dieser Spielekonsole war so hoch und ich dachte, ich müsse ja nur 10 EUR einsetzen und sonst nichts mehr – es wäre ja nicht wirklich zocken in dem Sinne gewesen. Mein Ziel waren ja nur diese Punkte, um sie endlich gegen die Xbox einlösen zu können. Also zahlte ich 10 EUR ein, klickte dann wirklich völlig zufällig auf irgendwas bei dem Spiel VfB Stuttgart gegen Hertha BSC und bekam meine langersehnte Konsole. Als ich dann nach einer Weile  mal wieder spontan den Sportwettenanbieter besuchte, um mal nachzusehen, wie meine Wette ausgegangen war, erblickte ich einen völlig überraschenden Kontostand von etwa 70 Euro. Dies erschien mir als extrem leicht verdientes Geld, was mich einerseits entsetzte, mir aber gleichzeitig ein positives Gefühl gab. Damit fing das Spielen an. Und ja, ich habe anfangs immer nur auf ein Spiel getippt, später dann tippte ich sogar auf zwischen drei bis zehn Spiele pro Tippschein.“

Das war wohl genug Input zu der Spielsucht, sie begann, andere potenzielle Süchte auszuloten: „Rauchen Sie?“, fragte sie plötzlich. Ich verneinte entschieden. „Wie oft trinken Sie Alkohol?“, ging es weiter. Abermals verneinte ich. „Ich habe noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken.“ Auf ihrem Gesicht machte sich Verwunderung breit, so wie bei vielen anderen Menschen, denen ich das erzählte. „Sie haben Computerbetrug begangen. Wie ist denn ihre Beziehung zu Spielen im allgemeinen? Sie erzählten von der Xbox. Spielen Sie z.B. World of Warcraft?“ Ich musste kurz schmunzeln: „Nein, nein. Ich mag Videospiele nicht so. Habe damals Mario gespielt, aber eigentlich zocke ich heutzutage nur FIFA.“ Das notierte sie ebenfalls, vermutlich, weil sie das Videospiel FIFA mit meiner Sportwetten-Sucht in Verbindung brachte. „Also, Herr Ates. Vielen Dank für Ihre ehrliche und ausführliche Erklärung. Ich würde sagen, das ist auf alle Fälle etwas, was sie behandeln lassen müssen. Wie jetzt mit der Spielsucht umgegangen wird, müssen wir noch mit Herrn Kreuz abstimmen. Doch dazu mehr in Ihrem Gespräch nächste Woche.“ Abermals war ich überrascht, von einem Gespräch zu hören: „Herr Kreuz? Wer ist das? Und was für ein Gespräch nächste Woche?“

Während sie das Blatt zusammenfaltete, auf dem sie ihre Notizen gemacht hatte und aufstand, teilte sie mir den nächsten Knüller mit: „Herr Kreuz ist der Anstaltsleiter. Sie wissen also noch nicht, dass Sie nächste Woche mit ihm, einer Sozialarbeiterin und meiner Wenigkeit ein Gespräch zur Verlegung in den offenen Vollzug haben werden?“

9 Gedanken zu „#61 – Meine Spielsucht“

  1. Spannende Geschichte. Danke das Du diese mit uns teilst. Mache gerade das gleiche durch als Mutter wie Deine damals.
    Liebe Grüße ☺

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