#62 – Der Anstaltsleiter

„Glaub mir, Bruder. Das wird klappen!“, versuchte mein albanischer Kollege, mich zu motivieren. Ich hörte die Uhr förmlich ticken. Kaum konnte und kann ich mich daran erinnern, etwas so sehnsüchtig erwartet zu haben, wie das Gespräch mit dem Anstaltsleiter. Meine Freiheit stand immerhin auf dem Spiel, und diese – das war eines der Dinge, die ich während der Haftzeit feststellte – war sehr viel wert. Die kriminellen Pläne, die ich vor kurzem noch mit dem Albaner geschmiedet hatte, waren längst Schnee von gestern. Der Traum von der Freiheit ließ mich alles in der Richtung vergessen: Ich widmete mich wieder dem rechten Pfad. Ich würde studieren und einer anständigen Arbeit nachgehen. Genauso werde ich es auch dem Anstaltsleiter sagen – so dachte ich.

Während der Haftzeit fielen mir zwei Dinge an mir auf. Das erste war, dass ich mich nie wirklich auf Gespräche vorbereitete. Ich plapperte immer drauflos, ohne wirklich über die Konsequenzen nachzudenken: sei es mit meinem Anwalt, im Rahmen meiner Gehaltsverhandlungen, während der Gespräche mit den Sozialarbeitern etc. Zwar hatte ich stets ein paar Schlüsselbegriffe in meinem Kopf, doch niemals einen einstudierten Text oder sonstige Vorlagen. So kam es, dass ich auch dem Anstaltsleiter meine ungeordneten Gedanken präsentierte. Ich war der Meinung, dass ich dadurch authentischer wirkte und weniger Spielraum für Lügen zuließ. Andererseits konnte ich durch meine leichtfertigen Aussagen auch leicht in die Bredouille geraten, wenn sie gegen mich verwendet würden…

Die zweite Eigenschaft war mein ständiger Meinungswechsel, oder wie mein Vater so zu sagen pflegte: Ich hatte einen ausgeprägten Affengeschmack. Ich ließ mich schnell von der Meinung anderer beeinflussen. An einem Tag schmiedete ich kriminelle Pläne mit Häftlingen für die Zeit nach der Haft und am nächsten Tag träumte ich von dem Besuch meiner Familie und einem ehrwürdigen Leben. Vielleicht lag das daran, dass ich mir schon mein ganzes Leben lang von anderen Leuten vorschreiben ließ, was ich zu tun oder zu denken habe. Ich hatte stets das Gefühl, dass ich nicht in der Lage war, selber (richtige) Entscheidungen zu treffen. Ich sah alle anderen immer als die Klügeren und mit Weisheit Gesegneten an. Hauptsächlich sah ich die Ursache für diese (ziemlich schwache) Charaktereigenschaft in meiner religiösen Erziehung. Gerade in Bezug auf diese hatte ich, ohne Wenn und Aber, die Wahrheiten anderer als die meinige annehmen müssen. Ein Hinterfragen gab und gibt es nicht.

Als ob es nicht schon gereicht hätte, die komplette Woche auf den langersehnten Tag hinfiebern zu müssen, musste ich den gesamten Vormittag unruhig wartend zubringen, bevor ich endlich gerufen wurde. Das Mittagessen hatten wir bereits an die Arbeiter verteilt, welche auch bereits abgerückt waren, weshalb wir Reiniger uns bei einem Tässchen Kaffee dem Musiksender VIVA widmeten. Etwas peinlich war es dann jedoch schon, als die Sozialarbeiterin an der Zellentür stand und uns Reiniger dabei erwischte, wie sich unsere Köpfe synchron zum Wackeln des Popo von Nicki Minaj in dem Musikvideo „Anaconda“ bewegten. Ich kam mir vor wie diese Wackelkopfhunde, die man auf das Cockpit des Autos anbringt. „Herr Ates, kommen Sie?“, forderte mich die Sozialarbeiterin auf, sie zu begleiten. Ich sprang nochmals kurz in den WC-Bereich und begutachtete mich im Spiegel, um nach wenigen Sekunden festzustellen, dass ich „ganz nett“ aussah. Ich begab mich in das Büro der Sozialarbeiterin, die sich an ihren Platz setzte. Die Psychologin war ebenfalls da und saß rechts gegenüber der Sozialarbeiterin in Richtung Wand. Ein Stuhl stand auch schon für mich bereit, links gegenüber der Sozialarbeiterin in Richtung Tür. Zur Rechten der Sozialarbeiterin befand sich ebenfalls ein unbesetzter Stuhl. Keiner sprach. Die Psychologin schien sich bereits Notizen zu machen und die Sozialarbeiterin tippte ebenfalls noch an ihrem Rechner. Es verging keine Minute, als es an der Tür klopfte und ein großer, sehr schlanker Mann den Raum betrat. Er hatte etwas längere, blonde Haare, die nach hinten gegelt und gekämmt worden waren. Er hatte ein markantes Kinn und trug eine Brille. Unter seinem roten Pullover trug er ein weißes Hemd, das sehr dezent hervorlugte. Auch die blaue Hose sowie die Business-Schuhe sahen sehr hochwertig aus. Er entsprach genau dem Typ von reichem und irgendwie gebildet aussehendem Manager, wie es in den Hollywood-Filmen immerzu dargestellt wird. Mir war sofort klar, dass er der Anstaltsleiter war. Ich stand reflexartig auf, wonach er mich per Handschlag begrüßte und sich höflich vorstellte. Nachdem er sich hingesetzt hatte, forderte er mich ebenfalls dazu auf, mich zu setzen.

„Herr Ates, wir haben uns hier versammelt, um ihren Antrag auf die Verlegung in den offenen Vollzug zu prüfen. Ich weiß nicht, inwieweit Sie informiert sind, doch bevor Sie ins Freigängerheim verlegt werden können, müssen Sie erst in den – sagen wir mal, halb-offenen – Vollzug. Das ist bei uns Comburg. Haben Sie schon davon gehört?“ Ich bejahte diese Frage, Comburg war mir tatsächlich ein Begriff. „Gespräche mit den beiden Damen hier hatten Sie ebenfalls, nehme ich an?“, fuhr er fort, woraufhin beide angesprochenen Damen mir zuvorkamen und ebenfalls bejahten. „Nun, Herr Ates, ich würde vorschlagen, Sie erzählen mir jetzt einfach Mal, was Ihre Pläne sind, wenn Sie entlassen werden“, meinte er und zückte seinen Stift, um sich bereits etwas zu notieren. Ich erzählte schon zum gefühlt 100. Mal von meinem Plan, ein Studium aufzunehmen: „… an der Hochschule Ravensburg habe ich bereits meinen Studienplatz für das kommende Wintersemester bekommen. Ich würde der Hochschule schreiben und ein Urlaubssemester nehmen, damit ich zum Sommersemester starten kann. Ich möchte auf jeden Fall Wirtschaftsinformatik studieren“, schloss ich meine Worte zu meinen Plänen. Er kam mit den gleichen Fragen an, die ich zuvor bereits von anderen gehört hatte: „Wie gedenken Sie, Ihr Studium zu finanzieren?“ Ich machte ihm klar, dass ich finanzielle Unterstützung von meinem Vater zugesichert bekommen hatte und er bereits meine laufenden Anwalts- und Gerichtskosten trug. Außerdem würde ich einem Nebenjob nachgehen, zusätzlich zum Bafög. Überrascht war ich auf die Reaktion des Anstaltsleiters. Anders als die Sozialarbeiterin, kam er mir entgegen: „Das klingt doch schon mal gut. Ich kann ihren Willen zu studieren wirklich heraushören, und bin da auch recht zuversichtlich, dass Sie Ihr Studium erfolgreich absolvieren werden. Bei Ihnen wäre es dann jedoch frühestens Mitte Oktober möglich, nach Comburg verlegt zu werden.“ Ein breites Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit und meine Augen glänzten wahrscheinlich heller als jeder Stern an jenem Tag. Das sollte ein Glückstag werden! Dementsprechend säuerlich reagierte ich, als die Psychologin in das Wort des Anstaltsleiters fiel: „Herr Ates sollte auch noch seine Spielsucht therapieren. Das ist nicht zu unterschätzen…“ Der Anstaltsleiter war wohl genauso genervt wie ich, dass sie ihm ins Wort fiel: „Das mit der Spielsucht ist jetzt ein anderes Thema. Aber ja, Herr Ates. Wir werden entsprechende Vorschläge an das Gericht machen, welche sich auf ihre Bewährungsauflagen auswirken werden. Auch bezüglich der Spielsucht.“ In Gedanken lachte ich die Psychologin aus, in Wirklichkeit aber blickte ich die Sozialarbeiterin mit siegessicherem Grinsen an. Sie war die ganze Zeit still gewesen und beobachtete uns nur. Noch vor einigen Wochen wollte sie mir klar machen, dass das Studium nicht das Richtige für mich wäre und eine Verlegung in den Freigang nicht so einfach zu bewerkstelligen sei. Nun wurde sie endlich eines Besseren belehrt – dachte ich zumindest. Jedoch musste ja noch das berühmt-berüchtigte „aber“ folgen, sonst wäre das Ganze ja viel zu glatt über die Bühne gegangen: „Wenn es nach uns geht, können Sie wohl in den offenen Vollzug, Herr Ates. Jedoch läuft bei Ihnen noch das Abschiebeverfahren, welches ein Ausschlusskriterium für den offenen Vollzug darstellt und uns leider in der Hinsicht die Hände bindet – solange, bis das Regierungspräsidium eine Entscheidung gefällt hat.“

Ich war am Boden zerstört. Wozu das ganze Gespräch über den offenen Vollzug und Studium, wenn es dann am Ende doch an so etwas scheitern würde?

15 Gedanken zu „#62 – Der Anstaltsleiter“

    1. Ach man, das tut mir voll Leid! Hab mich extra heute hingehockt und gedacht, ich muss ein neues Kapitel verfassen und veröffentlichen, bevor ich hier mit dem April-Scherz rausrücke. So als kleine Entschuldigung 😉

      1. Ja, das Kapitel hat alles wieder gut gemacht 😀

        Ich bin mal gespannt welche Konsequenzen das haben wird, dass du bei deiner Uni-Bewerbung angegeben hast, dass du nicht vorbestraft bist.

      2. Es war auch einfach nicht herauszulesen, dass es ein Aprilscherz war, weil die Beweggründe so nachvollziehbar waren. Insgeheim habe ich aber auch darauf gehofft beim Blick auf den Kalender.

    1. Hi King 🙂
      Bin noch mit keinem Verlag im Kontakt.
      Ich wollte erst alle Kapitel fertig schreiben, bevor ich mich auf Verlagssuche begebe.
      Es sei denn, ein Verlag hätte sich bei mir gemeldet. Hat bisher jedoch keiner.

  1. Oh man 😀 Ich bin auch voll auf den Aprilscherz reingefallen. Jetzt habe ich endlich die Zeit gefunden um noch schnell alles zu lesen, bevor es offline geht und ein Kommentar hier klärt mich auf 😀

    Mach weiter so, ich finde deinen Blog wirklich spannend!

    1. Haha, sorry. So im Nachhinein habe ich echt ein schlechtes Gewissen wegen des Aprilscherzes – tut mir Leid!

      Vielen Dank! Ich bemühe mich bald neue Kapitel zu schreiben.

  2. mega nice geschrieben alle teile hab alles gelesen schon lange :PPP gucke alle paar monate die neuen teile und jetzt erstma wieder warten :-((

    1. Vielen Dank!

      Ja, das tut mir echt Leid, dass ihr teilweise lange warten müsst 🙁 Ich habe neben Studium noch viel mit der Arbeit und privaten Sachen, wie Umzug etc., viel um die Ohren.

      Ich versuche baldmöglichst neue Kapitel zu liefern!

    1. Falls Du noch nicht alles gelesen hast:

      Das BKA wusste an welchen Geldautomaten Geld abgehoben wurde. Statistisch gesehen haben sie es wohl für wahrscheinlich gesehen, dass ich zum selben ATM zurückkehre, bei dem ich öfter abheben war.
      Sie hatten recht 🙂

  3. Ich habe Dein Hafttagebuch erst vor Kurzem über reddit entdeckt und möchte mich nur kurz bedanken:

    Du hast zunächst mal natürlich eine herausragende Story zu bieten, aber auch einen richtig geilen Schreibstil! (Ganz beiläufig danke, daß Du nach diesem aktuell letzten Kapitel keinen Deiner miesen Cliffhanger eingebaut hast.) Ich bedauere es sehr, daß – wenn ich einen Deiner Kommentare richtig interpretiere – nur noch irgendwas zwischen 5 und 10 Kapitel folgen werden. Es ist immer ärgerlich, wenn liebgewonnene Geschichten enden.

    Was mich noch interessieren würde: In einigen JVAs gibt es ja anscheinend eine Gefängniszeitung. Gab es die bei euch nicht oder hattest Du keine Lust, daran mitzuwirken? Und Du schriebst mal, daß Du Dir bereits während der Haft Notizen machtest um dieses Hafttagebuch schreiben zu können. Wie hast Du diese „nach draußen“ bekommen und wieviele Seiten waren das? Und (sorry falls ich das überlesen habe sollte): Sprichst Du türkisch ebenso fließend wie deutsch?

    Danke auf jeden Fall für diese tolle Geschichte, die definitiv auch mal in Buchform erscheinen sollte.

    1. Hi Raoul,

      vielen vielen Dank für dein Kommentar! Es ist toll solche positiven Aussagen zu lesen 🙂

      Ja, leider muss alles irgendwann enden. Aber so langsam wie ich schreibe, dauert es wohl noch, haha. Ich sitze allerdings schon seit mehr als zwei Jahren an dem Hafttagebuch und sehne mich so sehr nach dem Ende. Habe nämlich schon das ein oder andere Projekt im Kopf, welches m.M.n. genauso interessant wie das Hafttagebuch wird.

      Soweit ich weiss, gab es keine Gefängniszeitung in unserer JVA. Zumindest habe ich keine zu Gesicht bekommen.
      Ja, genau, ich habe mir ca. 3-4 Seiten an Notizen gemacht. Ich hatte sogar das erste Kapitel in der Haft verfasst – quasi eine andere Version.
      Habe es letztens in meinen Unterlagen entdeckt und finde das erste Kapitel hier auf meinem Blog eindeutig besser, haha.
      Also „nach draußen“ habe ich sie ganz normal mit meinem Unterlagen bekommen – quasi mit meinem Hab & Gut. Da sagt keiner was. Das Hafttagebuch habe ich erst nach meiner Entlassung angefangen zu schreiben.

      Und ja, ich kann türkisch fließend sprechen. Allerdings würde man mich in der Türkei locker als Deutsch-Türken entlarven, wenn man mich sprechen hört 😛

      Danke auch für deinen Kommentar! Die Buchform meines Hafttagebuchs ist ein Traum von mir, ich hoffe so sehr, dass es klappt 🙂 Aber erstmal muss ich die letzten Kapitel noch schreiben und veröffentlichen.

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