#77 – 29. September 2015

Die letzten zwei Jahre hatten mein Leben auf den Kopf gestellt. Ich hatte meine Werte, meine Persönlichkeit, meine Einstellung, meine Ziele und meine Träume hinterfragt. Hatte die Zeit genutzt, um mich selbst zu finden. Und alles, was übrig blieb, war ein Emre, der sich verbog. Ein Emre, der seine Familie nicht enttäuschen wollte. Ein Emre, der Angst hatte, das Gespött der Gesellschaft zu werden. Ein Emre, der Angst vor der Sünde, vor der Hölle und vor Gott hatte. Ein Emre, der Angst vor seinem wahren Ich hatte, wobei er nicht mal wusste, was sein wahres Ich war. Ein Emre, der seit Jahren nach Freiheit schrie, aber in vielerlei Hinsicht Gefangener war. Nun war die Zeit gekommen, sich zu befreien. Zu handeln, und Taten für sich sprechen zu lassen. 

Tarik hingegen ließ sein Geld für ihn sprechen. Im Mai wurde er entlassen. Ich hatte noch einige Monate vor mir. Einige Male holte er mich vom Busbahnhof in Heilbronn ab, damit ich nicht in den Bus einsteigen musste. Er kam einmal gar mit einem Bentley und spielte laut einen Song von Xatars neuem Album ab: „… Para, du undankbares Scharmuta …“ Das nächste Mal holte er mich mit einem Lamborghini ab. Ich war gerade am Bahnhof in Heilbronn angekommen, als mich ein lautes Motorgeräusch auf den grauen Lamborghini aufmerksam machte. Irgendwie schämte ich mich für das Gehabe. Trotzdem ging ich zum Auto und stieg ein: „Alter, mir ist es schon etwas peinlich, in so ein Auto einzusteigen. Das ist total protzig und du musst dann extra noch Gas geben, damit der Motor solche Geräusche macht.“ Er blickte mich verdutzt an: „Ich habe nur den Motor eingeschaltet.“ Ich fragte ihn, wie viel er denn für das Auto bezahlte. Satte 5.000 EUR bezahlte er monatlich dafür. Das war nicht meine Welt. Langsam aber sicher kapselte ich mich von Tarik ab. Passend dazu brach er sein Studium ab. So, wie es alle vorhergesagt hatten. Nun war auch Tarik Geschichte.

Ich konnte kaum meinen Augen glauben, als ich am Ende des ersten Semesters meinen Notenspiegel begutachtete. Jede der Prüfungen bestanden! Doch damit nicht genug: ich befand mich immer unter den Top 5 der am besten Benoteten. Die Aussage meines Informatik-Professors, ich hätte im Programmier-Teil am besten abgeschnitten, motivierte mich umso mehr, im nächsten Semester mit demselben Tempo weiterzumachen. Auch mein Vater schaute sich meinen Notenspiegel am Wochenende an. Ich war sehr stolz auf mich und konnte kaum seine Reaktion erwarten. Als sie kam, blickte ich ihn aufmerksam an: „Warum hast Du hier zwei dreien?“, fragte er mich. Das hatte ich nicht erwartet. Wieso machte ich mir überhaupt noch Hoffnungen, dass mein Vater mir einmal, nur ein einziges Mal, mitteilte, wie stolz er auf mich war? Wieso überhaupt hatte ich seine Anerkennung so nötig? Und wieso konnte er mir sie einfach nicht geben? Enttäuscht, aber mit fester Stimme antwortete ich: „Papa, ich habe ja sonst überall nur Einsen und Zweien. Die zwei Dreien waren halt in Fächern, welche mir etwas schwer fielen.“ Er wünschte mir für das nächste Semester größeren Erfolg und den Segen Allahs. Wenigstens etwas.

Mit dem Beginn der Semesterferien hatte ich keinen Grund mehr, das Freigängerheim zu verlassen. Das Warten auf die endgültige Entlassung begann. Doch bis dahin entschied das Freigängerheim, dass ich während der Ferien den Job als Reiniger übernehmen würde. Es fühlte sich fast so an, als hätten sie mich noch einmal verhaftet. Ich hatte mich an die Ausgänge und an die Freiheit auf der Hochschule gewöhnt. Doch alleine die Tatsache, dass es nicht mehr lange bis zu meiner Entlassung dauern würde, gab mir die nötige Kraft, die ich noch für den Endspurt benötigte. Dennoch suchte ich nach Lösungen, um nicht die kompletten restlichen zwei Monate eingeschlossen im Freigängerheim zu verbringen. Bei einem unserer Professoren fragte ich nach einer HiWi-Tätigkeit über die Semesterferien. Allerdings bekam ich keine Rückmeldung und beschloss, stattdessen einen Spanisch-Intensivkurs an unserer Hochschule zu besuchen, der in den letzten drei Wochen der Semesterferien stattfinden würde. 

Das Freigängerheim genehmigte mir den Intensivkurs, und so freute ich mich auf den ersten Kurstag, nachdem ich die letzten anderthalb Monate im Freigängerheim verbracht hatte. Meine erster Kurstag hatte auf mich beinahe den gleichen Effekt, wie damals der Mathe-Vorkurs. Diesmal waren wir gerade mal drei Männer und zwei Dutzend hübsche Studentinnen. Diesmal blieb ich ruhig und zurückgezogen – mit so vielen Frauen auf einmal konnte ich nicht umgehen. Doch eine Dame sprach mich an. Wir begannen, die üblichen Eckdaten auszutauschen, als sie mich plötzlich fragte: „Hey, kennst Du die Jenny?“ Ich überlegte kurz: „Ah ja, haben eine Jenny in der Stufe.“ Sie runzelte die Stirn: „Ich habe von ihr gehört, ihr hättet einen Häftling in der Klasse.“ Ich musste kurz schlucken und lachte verlegen: „Achja? Und wie heisst dieser Häftling?“ Sie dachte nach: „Hmm, ich glaube irgendetwas mit Ehm.. Em … Emre, glaub ich.“ Ich sah sie kurz an und wusste nicht, ob sie nur eine gute Schauspielerin war, oder das Ganze hier gerade wirklich zufällig passierte: „Ja. Und wie heiße ich?“, erwiderte ich. Mit großen Augen starrte sie mich an: „Ach krass, Du bist der Emre!“ Die nächsten Minuten durchlöcherte sie mich mit Fragen. Den Intensivkurs über saßen wir zusammen und ich erlaubte mir, öfter bei ihr zu spicken. 

Meine Entlassung. Ich hatte sie mir ganz anders vorgestellt. Eigentlich genauso, wie es bei Cem abgelaufen war – total überraschend, aus dem Nichts und mit voller Wucht. Irgendwie lief es bei mir anders ab. Schritt für Schritt waren mir mehr Freiheiten gegeben worden. Und heute war er gekommen – der letzte Tag, den ich in Gefangenschaft verbringen würde! Und mein erster Schritt in Freiheit würde nicht in Richtung meiner Familie sein. „Das nenne ich mal vorbildlich! Wirklich vorbildlich, Herr Ates. Sie werden in einer Stunde entlassen und statt die letzte Stunde hier zu warten, möchten Sie tatsächlich zur Hochschule?“ Ich sah ihn an, den Freigängerheimsleiter, ich sah ihn an, als hätte er mich beleidigt. Als hätte er mich zuvor nicht ernst genommen: „Ich habe von Anfang an gesagt, dass das Studium für mich sehr wichtig ist. Ist doch alles halb so wild. Ich fahr jetzt zum Spanisch – Kurs, bin dann abends um 18 Uhr wieder da. Packe meine Sachen zusammen und gehe 10 Stunden verspätet in meine wohlverdiente Freiheit!“ Er war verblüfft. So ging ich ein letztes Mal den Weg über den Park, nahm zum letzten Mal die Bahn von Schwäbisch Hall nach Heilbronn. Und als ich in Heilbronn aus dem Zug stieg, stieg ich als freier Mann aus. 

Ich war nun offiziell entlassen. Auf dem Weg zur Hochschule, auf dem Weg zum Spanisch Kurs. Es war ein wichtiger Tag für mich. Ich saß im Klassenzimmer und spürte Zufriedenheit. Spürte, wie meine Reise zu Ende war. Und niemand bekam Wind davon. Niemandem erzählte ich, was für ein Tag heute war. Letztendlich war es einfach nur der 29. September 2015. Es lag an mir, diesem Tag Bedeutung zu schenken oder eben nicht. Denn die nächste Reise hatte bereits begonnen. Eine Reise, die viel wichtiger war, als meine Pilgerfahrt durch die Haft. So traf ich alle nötigen Vorkehrungen für die neue Reise. Abends holte mich Cem mit dem Auto ab. Die Fahrt nach Hause fühlte sich sehr gut an. Ich betrat unser Zuhause als freier Mensch, als freier Bruder, als freier Sohn. Nach so langer Zeit. Meine Mutter weinte vor Glück, und mein Vater… er reichte mir seine Hand, die ich küsste – als Zeichen des Respekts. Auch er hatte irgendwo tief in sich drin einen weichen Kern. Egal, wie hart er sich gab. Wie streng er auf mich wirkte. Seine Tränen konnte er sich nicht verkneifen. Tränen der Freude, der Erleichterung und des Glücks. Meine Schwestern waren da, mein Bruder war da, meine Eltern waren da – ich war da. Wir waren wieder alle zusammen als Familie. Doch es war Zeit, erwachsen zu werden. Es war Zeit, die Familie los zu lassen. Zeit, zu gehen – obwohl ich gerade erst wieder gekommen war. Ich genoss die letzten Tage gemeinsam mit meiner Familie daheim, bis ich meine Eltern aufsuchte, um ihnen etwas Besonderes mitzuteilen: „Mama, Papa. Ich weiß, es fällt euch sicherlich schwer. Aber ich kann nicht daheim bleiben. Ich kann nicht mehr hier wohnen. Mein Studium ist mir sehr wichtig. Ich kann nicht täglich drei Stunden pendeln. Bitte erlaubt mir, zu gehen.“ Zum ersten Mal in meinem Leben stieß ich auf Verständnis. Mein Vater zögerte zwar etwas. Er wusste, wenn ich mich mit meinen Sachen aus dieser Haustür begeben würde, gäbe es kein Zurück mehr. Dennoch musste er mir endlich erlauben, ein Mann zu werden. „Wie möchtest du denn die Miete bezahlen?“, fragte er mich. Es kostete mich viel Kraft, danach zu fragen, aber ich hatte mich damals schon nicht getraut, ihn darum zu bitten, und alles war schiefgelaufen. Wirklich alles. Also sprang ich über meinen Schatten und fragte ihn: „Papa, ich würde mich sehr freuen, wenn du das ganze Studium über meine Miete übernehmen würdest. Ich werde während meines ganzen Studiums arbeiten, werde mein Taschengeld, meine Lebenserhaltungskosten selbst verdienen. Ich hatte die Hochschule in den Semesterferien angeschrieben und nach einem Job gefragt. Vor einigen Tagen kam eine Rückmeldung, ich war beim Vorstellungsgespräch und habe den Job bekommen.“ Ich küsste erneut seine Hand, als er sein Einverständnis gab: „Oĝlum, du musst es diesmal wirklich schaffen. Wir glauben an dich.“ Ich hatte keine Zweifel daran, dass ich mein Studium erfolgreich abschließen würde. Doch wie immer, es war nicht das Ziel, auf das ich mich so sehr freute. Es war der Weg dahin. Das Abenteuer, die Entwicklung, die Herausforderungen und den ganzen Spaß, den man dabei haben konnte. 

Meine erste Herausforderung war die Suche nach einer Wohngemeinschaft. Ein Kommilitone, der Max, mit dem ich mich gut verstand, erzählte mir von einem freien Zimmer in seiner WG. Wir machten einen Besichtigungstermin aus und ich fand mich vor versammelter WG auf einer Couch wieder. Als ich fertig mit der Vorstellung war und bereits einige Fragen beantwortet hatte, fragte mich einer der WG-Mitbewohner, weshalb ich denn so spät mit dem Studium angefangen hatte, woraufhin er einen furchtbaren Scherz machte: „Warst du etwa im Knast?“ In diesem Moment hatte ich die Vermutung, dass Max der WG von meiner Vorgeschichte erzählt hatte. Sonst konnte ich mir diese Frage nicht erklären: „Ja, genau. Die letzten 2 ½ Jahre.“ Sie blickten mich alle verdutzt an. Max griff sich an die Stirn. Ich lief rot an: „Shit, hast du das denen nicht erzählt?“, fragte ich. Er lief auch rot an: „Nee man.“ Ich bekam eine Absage für die WG. Sie machten Witze darüber, dass ich ihren Router knacken und all ihre Daten ausspähen würde. Machten noch ein paar abfällige Bemerkungen, als ich an der Tür stand und nervös die WG verließ.

Doch davon ließ ich mich nicht unterkriegen. Wie weit war ich gekommen? Was hatte ich bereits für Herausforderungen gemeistert? Ich war gut darin, mich selbst zu motivieren. Gut darin, an meine Stärke zu glauben. So gab ich nicht auf. Ein türkischer Kommilitone, ein total lustiger Typ, war schließlich dazu bereit, mit mir in eine WG zu ziehen. Wir hatten so viel Glück, dass wir sogar eine Zusage für eine passende Wohnung erhielten. Die 2-Zimmer-Wohnung befand sich in optimaler Lage, war geräumig und günstig. Der Andrang war groß und ich musste Überzeugungsarbeit bei der Vermieterin leisten. Ich gab mein Bestes, ihr zu erklären, weshalb ich unbedingt diese Wohnung brauchte, weshalb mir das Studium so wichtig war und, dass sie sich auf mein Wort verlassen konnte. Sie gab die Zusage. „Weißt du, was voll komisch ist? Unsere WG ist einfach direkt neben dem Knast. Das ist sie doch dort, die JVA Heilbronn, oder?“, fragte ich meinen Mitbewohner in spe und musste bei dem Gedanken schmunzeln. 

Meine vorläufige Aufenthaltserlaubnis war kurz vor dem Ablaufen. So machte ich einen Termin beim Ausländeramt in Heilbronn aus. Als die Dame mir erneut eine befristete Aufenthaltserlaubnis in die Hand drückte, war ich etwas erstaunt: „Ähm, wie jetzt befristet? Wann kann ich denn meinen deutschen Pass wiederhaben?“ Die Beamtin im Büro sah mich an, als hätte ich einen schlechten Witz gemacht: „Ich glaube, Sie sind sich noch nicht richtig bewusst, in welcher Lage Sie sich befinden. Sie haben Ihre deutsche Staatsangehörigkeit verloren. Die können Sie erst 2029 wieder beantragen, wenn ihre Vorstrafe aus dem Bundeszentralregister entfernt wurde. Vorher geht da nichts.“ Etwas sauer war ich schon. So hart wollte ich dann doch nicht rangenommen werden: „Aber wieso bekomme ich keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung?“ Sie zog ihre Augenbrauen hoch: „Nun ja, Herr Ates, Sie sind gerade nicht anders dran, als die Flüchtlinge, die hier ankommen. Wenn Ihre Aufenthaltsfrist im Jahr 2021 abgelaufen ist, schauen wir, ob Sie eine Niederlassungserlaubnis bekommen oder nicht.“ Nun gut, dachte ich mir. Dann eben 2021. Ich würde bis dahin locker beweisen, dass ich es verdient hatte, in Deutschland zu bleiben und mich hier, in meiner Heimat, niederzulassen. 

Das zweite Semester verging wie im Flug. Wieder erfolgreich. Das dritte Semester brach an. Meine Bewährungshilfe hatte mich nach dem dritten Besuch bereits gehen lassen: „Herr Ates, bei Ihnen läuft alles so gut. Ich habe ganz andere Problemfälle. Ich komme da zeitlich nicht hinterher. Ich glaube, Sie schaffen es auch ohne Bewährungshilfe. Ich werde dem Gericht schreiben, dass Sie mich nicht mehr brauchen. Dann haben Sie und ich mehr Zeit, um uns jeweils auf wesentlichere Dinge zu konzentrieren.“ Ich bedankte mich bei ihr. Genauso verlief das folgende Gespräch bei meinem Spielsucht-Therapeuten: „Naja, Herr Ates, was wollen Sie denn jetzt genau von mir? Für mich hört sich das alles nicht so an, als hätten Sie es nicht unter Kontrolle. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob unsere Sitzungen etwas bringen.“ Also schlug ich ihm das vor, was mir die Bewährungshelferin bereits vorgeschlagen hatte: „Lassen Sie es uns doch hier beenden. Ich brauche das auch nicht. Lediglich das Gericht wollte, dass Sie mich therapieren. Können Sie mir einfach bescheinigen, dass alles so passt und Sie keinen Bedarf sehen, dass ich weiterhin zu ihren Sitzungen komme?“ Er bejahte und gab mir die formlose Bescheinigung mit.

Eine letzte Aktion gab es dann doch noch, bevor ich mich komplett von meiner Vergangenheit abwenden konnte – bevor ich mit allem abschließen konnte. Ein Brief im gelben Umschlag trudelte bei mir ein. Ich wusste, das konnte nichts Gutes heißen. Ich öffnete den Brief und sah eine Einladung vom Amtsgericht. Zum Glück nur als Zeuge. Mir war allerdings nicht ganz klar, um was für ein Gerichtsverfahren es sich hierbei handelte. Mir fiel es schwer, an diesem Abend einzuschlafen, und ich zählte die Tage bis zum Verhandlungstermin. Meine Familie war angespannt, keiner wusste, was da nun auf uns zukam. Mein Vater fuhr mich am Verhandlungstag zum Amtsgericht. Wir meldeten uns bei der Information und warteten vor dem Gerichtssaal. „Ich schau mal kurz rein“, meinte mein Vater und begab sich in den Saal. Mir als Zeuge wurde es verboten, ebenfalls den Saal zu betreten. Ich musste warten, bis ich aufgerufen wurde. Ich wartete ganz nervös an einem Stehtisch, als plötzlich zwei Männer das Amtsgericht betraten und mich ansahen, als hätten sie einen Geist gesehen. „Ach du meine Güte, Herr Bauer und Herr Götner!“ Ich begrüßte die beiden. Es handelte sich um die BKA-Beamten aus München, die mich verhaftet und mein Geständnis aufgenommen hatten. Beide kamen langsam auf mich zu und versuchten, ihre Verwirrung aus ihren Gesichtern zu bekommen: „Ach, Sie sind schon draußen?“ Ich reichte beiden die Hand, sie erwiderten meinen Handschlag. „Ja, genau. Ich studiere mittlerweile im dritten Semester. Hab auch alles bestanden bis jetzt.“ Sie schienen erstaunt zu sein: „Interessant. Hört sich ja gut an. Und was machen Sie hier?“ Ich zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung. Vielleicht können Sie mir das sagen? Um welche Verhandlung geht es hier?“ Sie schwiegen natürlich wie ein Grab. „Wie auch immer. Ich wollte mich bei ihnen bedanken. Danke, dass sie mich frühzeitig verhaftet haben. Die Verhaftung war echt nötig, damit ich mein Leben wieder auf die Reihe bekomme. Und erzählen Sie bitte niemandem, dass ich beim Geständnis geweint habe“, lachte ich. Sie konnten mit meinem fröhlichen Umgangston nicht umgehen und antworteten in gewohnter Strenge: „Halten Sie die Ohren steif, Herr Ates! Und viel Erfolg weiterhin.“ Herr Götner meinte mit Blick auf Herrn Bauer: „Lass uns rein gehen.“ Sie verabschiedeten sich und verschwanden im Saal. Mein Vater kam nach einigen weiteren Minuten raus: „Efendi, hadi los, wir gehen.“ Ich schaute ihn fragend an: „Muss ich nicht rein?“ Er verneinte: „Du wirst nicht mehr gebraucht. Er hat auch alles gestanden.“ Doch ich war zu neugierig: „Ja, aber wer ist das denn?“ Er versuchte den Namen des jungen Mannes, um den es während der Verhandlung ging, wiederzugeben: „‘Dirtyboy‘ heißt der auf jeden Fall in euren Seiten da.“ Jetzt machte alles einen Sinn. Damals in Stammheim hatten mich zwei LKA-Beamte aus Hamburg interviewt und wollten von mir die Identität von „Dirtyboy“ wissen. Ich konnte ihnen damals die Identität nicht verraten, da mir diese selbst nicht bekannt gewesen war. Ich wusste nur, dass dieser „Dirtyboy“ mich damals um einige tausend Euro betrogen hatte. Karma würde ich das zwar nicht nennen. Aber ja, wir haben beide das bekommen, was wir verdient hatten. „Dirtyboy“ kam immerhin mit einer Bewährungsstrafe davon. 

Nun war es endlich vorbei. Die Haft hatte sich angefühlt wie ein Tempel. Viele Fragen waren mir während der Haft in den Sinn gekommen und schwirrten in meinem Kopf herum. Ich hatte jedoch kaum Antworten auf diese Fragen gefunden. Die Haft war vorbei, ja. Meine Selbstfindung allerdings nicht. Zweifel plagten mich, Angst umgab mich jede Nacht, Unsicherheiten begleiteten mich durch den Alltag. Die Haft war vorbei, ja. Doch ich war noch nicht frei. Ich wollte keine Zweifel über mein Ich haben, keine Angst mehr vor meinem neuen Ich haben, keine Unsicherheiten mehr über meine Persönlichkeit. Ich wusste nicht, wie ich das erreichen konnte. Wusste nicht, wo ich nach Antworten suchen konnte – wo ich sie finden konnte. Und ich behielt diese Gedanken für mich, behütete sie als mein Geheimnis, hielt sie gefangen in meinem Kopf – ich war Wärter und Gefangener zu gleich. Aber vor allem war ich eines: Alleine.

Bis zu jenem Tag, an dem ich ihn wieder traf. Er hatte sich verändert und er hatte etwas zu erzählen. Und er erzählte mir etwas von wahrer Freiheit.

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