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#67 – Der Zuhälter

„Holzhacken“ verstand ich seit jeher als den Inbegriff von reiner Männlichkeit: Eine schweißtreibende Arbeit, bei der Mann viel Muskelkraft bedarf, und Schweißtropfen, die von der Stirn abwärts ihren Weg durch den Männerbart suchen, um schließlich zischend auf dem verarbeiteten Gut zu landen.

Wahrscheinlich wurde diese Vorstellung von der Erscheinung Luigis noch weiter beeinflusst. Er hatte ein rotes, kariertes Hemd an, und sein Gesicht wurde von einem typisch orientalisch-langen Bart geziert. Meine Erwartungen wurden zu meinem persönlichen Glück nicht getroffen. Ganz im Gegenteil: wir waren vier Männer, und die Arbeit bestand darin, dass abwechselnd zwei von uns kleine Holzstämme auf einen Hubwagen legten, der dritte im Bunde den Wagen zu einer großen Holzhackmaschine fuhr und der letzte musste das Holz nur noch auf die Maschine stellen, um diese dann zu bedienen. Obwohl ich anfangs noch froh um die (im Vergleich zu meiner romantisierten Vorstellung) leichte Tätigkeit war, merkte ich doch so manches Mal, dass die Kälte mir zu schaffen machte, und auch das regelmäßige Anheben von Holzstämmen mit der Zeit doch einem Kraftakt glich.

Dies war wohl auch der Grund dafür, weshalb wir alle 30 Minuten eine lange Pause einlegten. Im Grunde genommen bestand unser Ziel darin, so viel Holz zu hacken, dass es nach einer großen Menge aussah, ohne uns dabei allzu sehr anzustrengen. Immer, wenn wir im Betonhaus saßen, lauschten die drei anderen auf Traktor-Geräusche. Diese deuteten darauf hin, dass der Beamte kam, um die Lage bei uns abzuchecken. Wir rannten dann immer schnell hinaus, begaben uns in Arbeitsstellung und schmissen die Maschine an. Meist dauerte der Besuch keine fünf Minuten.

Der Tag zog sich sehr in die Länge, das Holz hacken und die Gespräche über Geld, Drogen, Straftaten und irgendwelche „Was-wäre-wenn“-Träume waren keine sonderlich abendfüllenden Zeittotschläger. Wir saßen alle am Tisch, Luigi hatte heißes Wasser aufgesetzt und Tarik verteilte bereits die Pokerkarten. Ich hatte es mir selbst in der langweiligen Haftzeit einfach nicht zur Gewohnheit machen können, Kartenspiele als Beschäftigung anzusehen. Für mich war das eher eine Qual, und meist machte ich nur mit, damit ich nicht als Außenseiter dastand. Doch kaum hatte ich meine Karten in die Hand genommen, spürte ich plötzlich etwas Warmes und Hartes. Es umschlängelte förmlich mein unteres Bein und ich schreckte – wohl sehr laut – auf. Die anderen drei lachten mich aus, während ich fast die Bank, auf der Tarik und ich saßen, umgekippt hätte. „Was ist mit dir los, Junge?!“, rief Luigi, der, einerseits belustigt, andererseits wohl sehr erstaunt über mein schreckhaftes Verhalten, mich ziemlich perplex anschaute. Als ich auf den Boden blickte, sah ich einen schwarzen Kater, der seinerseits ziemlich süß zurückblickte und zu schnurren begann. „Alter, das ist ja eine Katze!“, rief ich, um meine schreckhafte Reaktion zu rechtfertigen. Zugegebenermaßen war ich nie jemand gewesen, der jemals Haustiere besitzen wollte. Schon von klein auf wurde mir in der Moschee beigebracht, dass Tiere nun mal Tiere sind und wir Menschen uns von diesen triebgesteuerten Wesen unterscheiden (sprich: fernhalten) müssen. Es wurde dabei nicht zwischen Zucht – und Haustieren unterschieden, wobei das Schwein natürlich eine ganz besondere Stellung innehatte. Unser Moscheelehrer bzw. Hoca erklärte uns oft genug, dass in einer Wohnung, in der Haustiere lebten, nicht gebetet werden könne. Die Erklärung lag darin, dass Tiere schmutzig seien, dass überall ihre Haare rumliegen würden und natürlich, dass sie ihr Geschäft überall in der Wohnung verrichteten. Für mich klang das damals logisch, immerhin mussten wir unsere Körper gründlich waschen, bevor wir beten durften – da durfte es nicht an irgendwelchen Katzenhaaren scheitern, dass Gott das Gebet nicht erhören würde. Außerdem hatte ich nicht selten in der Türkei streunende Hunde und Katzen gesehen, denen Ohre, Schwänze und Beine fehlten. Dies beeinflusste mein negatives Bild über diese Tiere natürlich noch weiter. Dabei verkannte ich völlig die Tatsache, dass die wahren „wilden“ Tiere eigentlich wir Menschen waren. Ich fragte einst meinen Cousin in der Türkei: „Hey, wieso haben die meisten Katzen hier nur ein Auge?“ Er war wohl verwundert, dass ich die Antwort nicht kannte: „Die ganzen kleinen Kinder hier haben nichts zu tun und ihnen ist langweilig. Die schnappen sich dann diese Tiere und verunstalten sie. Oft bewerfen sie sie auch einfach mit Steinen.“ Ich war damals durchaus baff, doch wurde mir das so locker rübergebracht, dass ich es nach einer gewissen Zeit als normal ansah.

Und nun, einige Jahre später, stand diese Katze vor mir und miaute so niedlich, dass mir bewusstwurde, dass meine bisherige Blindheit nicht nur mein Leben umfasste, nein, ich hatte auch die Lebewesen dieser Welt bisher nicht wahrgenommen. Ich war so fixiert darauf gewesen, dass der Mensch das höchste, wertvollste Lebewesen auf der Welt ist und Gott sich nur um uns schert, dass ich die Vielfalt um mich herum nie wahrgenommen hatte. Ich bückte mich zum Kater und streichelte ihn zögerlich, weil es sich zunächst seltsam anfühlte. Dieses sanfte Fell, die weichen Knochen und das Knurren – es fühlte sich wie eine phänomenale, neue Erfahrung an. Ich hatte zwar bisher Katzen gestreichelt, doch nie hatte ich sie dabei als wertvolles Lebewesen angesehen. Seltsam, wie sich so ein Gefühl durch eine Erfahrung schlagartig ändern konnte. Die anderen bekamen von meinen Gedanken nichts mit, und so führten wir unser Kartenspiel fort und begannen mit den Spekulationen über das heutige Mittagessen: „Ey, wenn es wieder nur Grießbrei zum Mittagessen gibt, dreh ich durch“, beschwerte sich Hassan. Er erzählte davon, wie er sich einen saftigen Burger bei seinem letzten Ausgang gegönnt hatte. Ich war so neidisch darauf, dass er schon seinen Ausgang hatte – der Burger war mir egal – ich wollte einfach nur im Freien spazieren dürfen, wohin und wann ich will. Doch musste ich mich wohl noch einige Zeit gedulden. Aus dem Raum nebenan kam erneut ein Miauen und die Jungs standen alle auf. Ich folgte ihnen nach draußen und sah, wie die Katze eine Maus gefangen hatte: „Alter krass, die hat ja `ne Maus gefangen und der die Kehle durchgebrochen.“ Den Jungs kam ich wohl total weltfremd vor, sie lachten erneut. „Digger, die Katze will auch zu Mittag essen, nur spielt sie erst damit. Die lässt es uns immer wissen, wenn sie einen Fang gemacht hat. Die will jetzt bestimmt, dass Du sie lobst und ihr dabei zuschaust, wie sie die Maus verschlingt.“ Ich merkte, dass die Jungs schon eine Weile hier waren, so hatten sie bereits das Verhalten der Katze studiert. Und tatsächlich, die Katze knabberte erst ein wenig am Schädel der Maus herum, und schluckte dann plötzlich den ganzen Körper auf einmal hinunter. Das sah zwar ziemlich unappetitlich aus, doch verdarb es meinen Appetit auf das Mittagessen nicht – dafür hatte ich mich heute – seit sehr langer Zeit – zu sehr körperlich verausgabt.

Gemütlich schlenderten wir den Hügel hinunter, an der Weide und den Kühen vorbei zum Bauernhof, und wurden mit dem hier üblichen Mistgestank begrüßt. Einer klopfte an die Tür und Herr Kuhn öffnete. Er zeigte mit dem Finger auf mich: „Kommen Sie mit.“ Ich folgte ihm ins Büro, welches direkt am Eingang war, und er drückte mir einen Brief in die Hand. Der Absender war die Hochschule Ravensburg. Ich hatte mich während meiner Zeit in der JVA Stammheim für einen Studienplatz beworben und eine Zusage bekommen. Anders als erwartet, war ich jedoch nicht in das Freigängerheim in Ravensburg verlegt worden, sondern nach Schwäbisch Hall, wo ich erfahren hatte, dass ich erst im Februar/März in den richtigen Freigang könne. Dies hatte mich dazu veranlasst, der Hochschule Ravensburg meine Umstände mitzuteilen wobei ich darum bat, mir gleich zu Beginn ein Urlaubssemester zu genehmigen. Auch hatte ich zugegeben, dass ich in meiner Bewerbung nicht gekennzeichnet hatte, dass ich vorbestraft war. Dementsprechend hoch war meine Aufregung nun, denn die Antwort auf all dies stand in dem Brief, den ich nun in Händen hielt. Trotzdem legte ich den Brief erst einmal ungeöffnet in mein Zimmer, denn so kurz vor dem Mittagessen wollte ich keine schlechten Nachrichten erhalten. Danach schlenderte ich zum Mittagessen – es gab glücklicherweise keinen Grießbrei, doch das hatte ich bereits vermutet. Denn das Essen wiederholte sich immer in einem gewissen Rhythmus, so gab es Grießbrei nur samstags und nur alle zwei Wochen als vollwertiges Mittagessen. Zum Glück war ich bereits mit meiner Mahlzeit fertig, als die ersten „Stall-Häftlinge“ aus ihrem Schönheitsschlaf aufgewacht waren und sich langsam aber sicher zum Esstisch begaben. Sie rochen stark nach Mist, der Gestank war kaum zu ertragen. Morgens von 06:00 Uhr bis 08:00 Uhr waren sie im Stall tätig und zogen es danach keineswegs in Betracht, duschen zu gehen. In gewisser Weise verständlich, denn um 16:00 Uhr mussten sie erneut ausrücken und bis 18:00 Uhr im Stall arbeiten.

Tarik rief mich mit in seine Zelle bzw. in sein Zimmer, wo ich auch Luigi und Hassan antraf. Sie hatten heißes Wasser gekocht und setzen sich Kaffee auf. Der Zahl der Tassen nach zu urteilen gab es auch eine Tasse für mich. Ich setzte mich dazu und ohne weiteres Zögern sprach Tarik mich an: „Du Emre, willst du heute in meine Zelle einziehen? Bald sollen wohl neue Häftlinge kommen und ich habe echt keine Lust, dass jemand bei mir einzieht, den ich nicht kenne. Du scheinst ganz cool zu sein.“ Genauso schnell, wie er mich mit dieser Frage konfrontiert hatte, bekam er auch eine Antwort von mir: „Ja klar, gerne.“ Ich hatte mir das bereits einige Male durch den Kopf gehen lassen. Tarik war sehr lustig und sympathisch, außerdem war er die Hygiene betreffend meinem aktuellen Zellengenossen ziemlich überlegen. Seine Zelle roch frisch, es war sauber und auch war alles schön ordentlich sortiert. Wir begaben uns gleich zu Herrn Kuhn und verkündeten ihm unseren Wunsch. Nach Feierabend könne ich meinen Umzug vollziehen, antwortete er.

Der restliche Arbeitstag verlief lustig, ich fühlte mich akzeptiert und wahrgenommen. Meine Geschichte lieferte viel Gesprächsstoff und auch sonst teilten die Jungs mehr intime bzw. private Themen mit mir. Luigi beispielsweise versuchte sich im Rap-Business durchzukämpfen und wollte mir die Tage ein paar seiner Songs zeigen – er hatte eine Xbox-Spielekonsole in seiner Zelle. Ich war rundum zufrieden mit meiner aktuellen Situation, war aber gespannt, was mich noch in Zukunft hier erwartete. So konnte ich keine Minute verbringen, ohne einen Gedanken an den Brief von der Hochschule Ravensburg zu verschwenden. Als dann der Feierabend endlich da war, packte ich meine Sachen und richtete mich bei Tarik ein. Den restlichen Abend sprang ich von Zelle zu Zelle und plauderte ein wenig mit den anderen Häftlingen. Zu guter Letzt begab ich mich wieder in meine Zelle und stand vor einer geschlossenen Tür. Sie war von innen verriegelt worden. Ich war etwas verwundert, als dann plötzlich Tariks Stimme hinter der Tür ertönte: „Wer ist da?“ Ich nannte meinen Namen und die Tür öffnete sich. Ich begab mich mit fragenden Blicken rein und Tarik schloss die Tür hinter mir wieder zu. Er legte sich wieder auf sein Bett und packte ein Handy aus seiner Hosentasche raus und begann, hinein zu sprechen. Ich war baff, dass er ein Handy besaß – denn das war im halb-offenen Vollzug immer noch nicht erlaubt. Zwar war es sehr einfach, etwas einzuschmuggeln, doch basierte hier vieles auf gegenseitigem Vertrauen, und so konnte man sehr schnell wieder zurück in die geschlossene Anstalt verlegt werden. Das würde auch Tarik blühen, sollte das Handy jemals vor die Augen des Beamten kommen. Ich bereute es bereits jetzt, dass ich hier eingezogen war, denn Stress wollte ich hier auf keinen Fall riskieren. Dennoch hörte sich das Gespräch interessant an. Tarik schien mit einer Frau zu sprechen, womöglich seine Freundin. Doch mir fiel auf, dass er ihr gegenüber einen sehr respektlosen Umgangston pflegte. So verlangte er Geld von ihr – sehr hohe Summen. Ich könnte schwören, dass ich einen Betrag von 10.000 Euro gehört hatte. Außerdem sprach er von irgendwelchen Tattoos, die diese Dame auf ihrem Körper zu haben schien, aber auch von irgendwelchen Männern, die sich gefälligst verziehen sollten.

Während Tarik telefonierte, lag ich auf meinem Bett und hatte den Brief der Hochschule Ravensburg in den Händen. Ich wünschte mir nichts so sehr, wie ein Studium zu beginnen, endlich wieder was Neues und Interessantes zu lernen – ich hatte so große Sehnsucht nach einem Studentenleben wie nie zuvor. Seit meiner Haft hatte ich viele Hürden, viele Konflikte und Probleme durchgemacht, aber stets hatte ich dagegengehalten. Vor meiner Haftzeit hatte ich gänzlich andere Hürden, Konflikte und Probleme zu meistern gehabt, war aber stets zu schwach gewesen und war den einfacheren Weg gegangen. Ich wollte mich in Zukunft ändern, die Haft als große Entwicklungsphase sehen und das Beste daraus ziehen. Doch alle meine Zukunftspläne, alle meine Visionen und Träume bauten auf diesem Studium auf – und in dem Brief, welchen ich in den Händen hielt, stand die Antwort auf die Frage, ob ich diesem Ziel schon ein großes Stück näher war, oder ob ich weiterkämpfen musste. Denn eines hatte ich hier sicherlich gelernt: „Es gibt nichts geschenkt im Leben“ war eines jener Sprichwörter gewesen, die sich bisweilen in ganz besonderem Maße durch mein Leben gezogen hatten.

Tarik hatte mittlerweile das Telefonat zu Ende geführt und ich blickte ihn fragend an: „Was ist los?“ Er grinste: „Ach nichts, die dumme Kuh hat einfach das ganze Geld ausgegeben.“ Ich blickte ihn wieder verdutzt an: „10.000 EUR?“ Er ging aus der Zelle und erwähnte ganz beiläufig, dass man im Bordell halt so viel verdient.

In dieser einen Nacht wollte ich noch etwas von dem Studentenleben träumen und legte den Brief aus Ravensburg beiseite. Stattdessen grübelte ich über das eben geführte Telefonat von Tarik.

War er etwa ein Zuhälter?

#66 – Aus der Asche des Phoenix

Leider hatte ich in dieser Nacht nicht gut geschlafen. Zum einen befand ich mich in einer völlig neuen Umgebung und hatte mich noch nicht an das Zimmer gewöhnt, andererseits hatte Bernd die ganze Nacht hindurch geschnarcht und musste bereits um halb sechs aufstehen, da er im Stall arbeitete und früh auf der Matte stehen musste. Zudem hatte ich ständig die aufregenden Gedanken, was mich heute erwarten würde. Wenigstens konnte ich durch die Abwesenheit von Bernd in Ruhe mein Morgenritual vollziehen – auch, wenn die Tür die ganze Zeit offen war und sich von innen nicht abschließen ließ. Die Toilette war wieder in einer kleinen Kabine, die allerdings mit einer hauchdünnen Trennwand getrennt war, so dass sämtliche Gerüche und Geräusche locker in das Zimmer gelangen konnten. Etwas unangenehm war es schon, abermals die Arbeiterklamotten für Häftlinge zu tragen. Da durfte ich endlich mal wieder mehr Privatklamotten besitzen, und war doch gezwungen, den Tag in der Häftlingsgarderobe zu verbringen. Dies lag wohl daran, dass im Falle einer Flucht die Identifizierung des Flüchtigen in einer einheitlichen Tracht schneller vonstatten geht.

Im Flur kam mir dann der angenehme Geruch von frischem, warmem Kaffee entgegen und erweckte in mir eine starke Lust darauf. Leider hatte ich weder einen Wasserkocher, noch löslichen Kaffee bei mir. Beides hatte ich meinen Häftlingskollegen in der geschlossenen Anstalt hinterlassen. Das Trio – bestehend aus Tarik, Luigi und Hassan – hatte sich wohl in einem der vielzähligen Zimmer des Bauernhauses, aus dem der wohlige Geruch zu mir zog, zum Kaffee versammelt. Zumindest konnte ich drei Stimmen aus dem Zimmer von Tarik ausmachen. Gerade, als ich mich zum Aufenthaltsraum in das untere Stockwerk begeben wollte, kam Tarik aus seinem Zimmer geschossen. Die Müdigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben, jedoch wusste er diese mit gestylter Haarpracht, einem in Form geschnittenen Bart und einer Wolke aus frischem Creme-Geruch gekonnt zu kompensieren: „Ah Emre, ich wollte gerade zu Dir. Hab‘ Wasser gekocht, hol deine Tasse und komm dann zu uns.“ Ich war extrem überrascht ob dieser Willkommensgeste. Gerade Tarik hätte ich das in der Form nicht zugetraut. Voller Vorfreude auf den Kaffee sprang ich in mein Zimmer, griff nach der roten Kaffeetasse, welche mir Kartal geschenkt hatte, und begab mich zu den Jungs. Für einen kurzen Moment schweiften meine Gedanken zu Kartal. Als ich ihn kennengelernt hatte, stand er unter „Besonderen Sicherheitsmaßnahmen“, weswegen ich lange Zeit sein einziger sozialer Kontakt war. Dementsprechend waren wir einander auch enger verbunden gewesen. Es war ein Paradoxon, dass er, so wie viele andere Häftlinge, so nett und freundlich war und man sie alle im Alltag wohl als sympathische Persönlichkeiten eingeschätzt hätte – doch im Endeffekt waren wir alle einmal kriminell gewesen bzw. viele sind es sicherlich noch immer. Mir gefiel der Gedanke, dass die „kriminelle Energie“ nur einen Teil des Menschen ausmachte, quasi eine Macke darstellte und keineswegs den Menschen insgesamt ausmachte. Zumindest erleichterte mich dieser Gedanke in der Hoffnung, dass mich die Gesellschaft künftig trotz meiner „Macke“ akzeptieren würde. Mir wurde bewusst, dass ich gar nicht mehr auf dem letzten Stand war, was die Verurteilung und Revision von Kartal betrafen. Es stimmte wohl wirklich: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Die Tasse erinnerte mich zwar kurz an Kartal, doch das war es dann auch wieder.

Ich genoss den Kaffee mit den Jungs. Bis auf Luigi war der Rest am frühen Morgen noch nicht sehr redselig. Um acht Uhr würde uns Herr Kuhn zur Arbeit abholen. Luigi redete von deutschen Rappern, von „Haftbefehl“, aber auch von einem „Xatar“, der wohl wegen eines Goldraubs aktuell ebenfalls in Haft saß. Aber er war auch fasziniert von einem „Shindy“, der wohl die Szene, so sein O-Ton, „rasierte“. Von all diesen Künstlern hatte ich zuvor nichts gehört, denn bisher war für mich Deutsch-Rap eher etwas, worin Mütter, Schwestern, einfach Frauen im Allgemeinen beleidigt wurden. Damit konnte ich nichts anfangen. Luigi redete derart viel von der Rap-Szene, dass ich zu dem Schluss kam, dass er selber als Rapper groß rauskommen wollte. Das Image eines Rappers verkörperte er in meinen Augen durchaus, ich war gespannt, wie es wohl um sein künstlerisches Talent stand. Mir gefiel sein Schwärmen, denn auch ich war stets ein Träumer gewesen und verfolgte gerne große und unerreichbar scheinende Ziele. Ich war stets der Meinung, dass man seine Träume verfolgen sollte, bis einen die Realität einholt und wieder zurück auf den Teppich bringt. Von Tarik und Hassan hatte ich noch keine weiteren Informationen, doch würde uns noch genug Zeit bleiben, um einander besser kennenzulernen.

Meinen Kaffee hatte ich genüsslich hinunter geschlürft und freute mich bei jedem Schluck auf den ersten richtig guten Kaffee, den ich mir in Freiheit gönnen würde. Wenn mir dieser lösliche Kaffee schon schmeckte, wie würde dann ein frisch gemahlener Kaffee mit feiner Crema schmecken? Es waren eben die kleinen Dinge, die einen glücklich machten. Das war ein positiver Nebeneffekt der Inhaftierung. Man – zumindest ging es mir so – begann, die kleinen Dinge im Leben wert zu schätzen. Herr Kuhn riss die Zimmertür auf und grüßte mit einem so lauten „Guten Morgen“, dass sogar der Schläfrigste unter uns davon hellwach wurde. Wir folgten Herrn Kuhn nach unten vor die Eingangstür, gingen schnell in die Umkleidekabine nebenan, um unsere Arbeitsschuhe anzuziehen, als mir wieder dieser widerliche Geruch in die Nase stieg: „Was ist das für ein scheiß Geruch?“, fragte ich in die Runde und verzog dabei angeekelt mein Gesicht. Hassan lachte: „Haha, was glaubst Du denn? Das ist von den Stallarbeitern. Deren Klamotten riechen so krank nach Scheiße. Du kannst echt von Glück reden, dass Du nicht im Stall arbeiten muss. Niemals würde ich dort arbeiten wollen.“ Die anderen beiden bestätigten dies nickend. Ich hätte niemals gedacht, dass Klamotten so extrem stinken können, auch wenn man im Stall arbeitete. Wie musste es dann erst im Stall stinken? Zu allem Überfluss teilte mir Luigi noch mit, dass die Arbeiter selbst ebenfalls total streng rochen und sich einige zwar dann zwei Mal am Tag nach jeder Schicht (morgens und abends je zwei Stunden) duschten, jedoch längst nicht alle sich die Mühe machten, dabei hygienische Sorgfalt walten zu lassen und er das ganz schön zum Kotzen finde. Ich wusste zwar noch nicht, welche Arbeit mich erwartete, aber es schien allemal besser zu sein, als die Arbeit im Stall.

Herr Kuhn öffnete uns die Tür und ein Mann in „Arbeiterklamotten“ stand vor uns. Er war wohl auch Beamter, jedoch hauptsächlich auf dem Bauernhof tätig und ging keiner typischen Vollzugsbeamten-Tätigkeit nach. Ich war positiv überrascht, als er mich persönlich mit einem Handschlag begrüßte, sich als „Herr Steinhauer“ vorstellte und mich willkommen hieß. Mir gefiel es jetzt schon so gut, ich dachte, es könnte nicht besser werden. Doch dann teilte uns Herr Steinhauer mit, dass er mit dem Traktor aufs Land müsse und wir doch bitte „hoch“ zum Holzhacken sollen. Ich war verwirrt, während die Jungs sich schon schnurstracks, ganz alleine, ohne Aufsicht, ohne Beamten auf den Weg machten. Ich folgte ihnen mit zögernden Schritten, blieb jedoch ab und an stehen und fragte mich, ob das ein Trick ist. „Jungs, wartet mal, wartet mal.“ Die drei waren in ein Gespräch verwickelt und standen kurz vor einem Hügel und wollten diesen gerade hochlaufen, als ich total nervös stehen blieb und sie mich erwartungsvoll anblickten: „Äh, ähm, also, wir gehen jetzt einfach hoch, so ganz alleine?“ Die drei lachten und Luigi antwortete sofort: „Was denkst Du, wo Du hier bist, man? Wir gehen nur hoch zum Holz hacken. Komm mal runter.“ Auf dieses Wortspiel folgten noch etliche Witze über mich, wobei sie sich köstlich zu amüsieren schienen. Mich überwältigte die Situation jedoch sehr, mein Herz hatte schon lange nicht so wild gepocht, das Ganze kam völlig unerwartet, ich war total überfordert. Weiterhin langsamen Schrittes folgte ich den Jungs, als ein frischer Wind wehte, und sich rechts und links von uns Kühe befanden, die friedlich ihr Gras von den Feldern rupften. Der Sonne Strahlen begannen mein Gesicht zu erwärmen, während ich den weichen, moosigen Boden unter mir spürte. Dieses Gefühl war so unbeschreiblich, dass mich eine Gänsehaut überkam. Die Wärme der Sonne glitt von meiner Haut direkt in mein Herz, in meinem Magen kribbelte es und ich war kurz davor, eine Freudenträne zu verlieren. War dies das Gefühl von Freiheit? Hatte man mir wirklich die Ketten abgenommen und erlaubt, hier eigenständig hochzugehen, da…draußen? In der einen Minute war mein Kopf voller Fragen, voller Sorgen, ein reines Chaos, als würde er gleich explodieren. In der nächsten fühlte es sich so an, als wären all meine Gedanken implodiert und mein Kopf war plötzlich leer. Ich spürte nur noch die Freiheit und genoss den wohl wunderschönsten Augenblick meines Lebens, die wundervolle Aussicht. Ich fühlte mich wie neugeboren – wie ein Phoenix, welcher aus seiner Asche neu auferstanden war.

Während ich all das durchmachte, liefen die drei Jungs unbeeindruckt weiter den Hügel hoch, sie hatten sich wohl schon an die Lage gewöhnt, oder sie nie als so intensiv empfunden. Ich rief den dreien zu: „Jungs, wartet auf mich!“ Ich grinste, während ich ihnen hinterherrannte. Es fühlte sich an, als würde ich in die Arme meiner Mutter laufen. Ja, irgendwie fühlte sich die Freiheit wie eine Mutter an, die ihren Sohn voller Liebe in ihre Arme schloss.

Doch wie jede Mutter musste die Freiheit mich noch erziehen und mir zeigen, dass ich eben nicht all das machen kann, was ich möchte. Dass das Leben einem Grenzen setzt, Grenzen, die man nicht überschreiten sollte oder nicht überschreiten kann.

#65 – Der „halb-offene“ Vollzug

Das Innere des Gebäudes sah überhaupt nicht nach Haftanstalt aus. Die Außentür hatte nicht einmal eine zusätzliche Sicherung. Als ich im Flur stand, sah ich schon ein paar Leute hin und her laufen, womöglich Häftlinge – man sah es ihnen jedenfalls nicht an. Zu meiner Linken befand sich ein Büro, in welches ich hineingeführt wurde. Die zwei Beamten, die mich hergefahren hatten, machten sich nach der Dokumentenübergabe unverzüglich aus dem Staub.

„Ates?“, fragte einer der zwei Beamten, die auf ihren Bürostühlen saßen und mich begutachteten. Als wollten sie sicher gehen, dass es sich bei mir tatsächlich um die Ware handelte, die sie „bestellt“ hatten – waren sie vielleicht enttäuscht? Ich bejahte. Die zwei Beamten machten einen skurrilen Eindruck. Während der eine so schien, als würde er die Welt um sich gar nicht wahrnehmen und als wäre er irgendwie beschwipst, war sein Kollege total fixiert auf mich. Er schaute mich an, als würde er nur darauf warten, dass ich etwas Falsches sagte, um sich dann auf mich zu stürzen – Es sah auch so aus, als wäre er auf Drogen. Stark leistungssteigernden Drogen. Mit was für Spaßvögeln hatte ich es denn hier zu tun? „Mein Name ist Kuhn und das ist Herr Bertel, wir haben hier das Sagen. Nimm diese Hausordnung und lies sie dir durch. Natürlich hast du dich auch daran zu halten“, ließ der leicht betrunken wirkende Beamte verlauten und bewies mir damit, dass er mich doch wahrgenommen hatte. „Reiniger!“, schrie Herr Bertel und ruckzuck kam ein junger Mann um die Ecke: „Ah, ein Neuankömmling“, meinte er und drückte meine Hand. Ich hingegen war enttäuscht, dass der Reiniger-Job bereits vergeben war. „Wie viele Leute haben wir im Stall?“, fragte Herr Bertel den Reiniger. „Mehr als genug“, war die knappe Antwort. Herr Bertel überlegte ein wenig und fällte eine mich erleichternde Entscheidung: „Bringen Sie Herrn Ates zu der Tarik-Truppe, er soll mit ihnen morgen hoch. Und er soll vorerst mal beim Bernd bleiben.“ Der Reiniger half mir, meine Sachen zu packen und begab sich mit mir in das obere Stockwerk. Der Holzboden knirschte bei jedem Schritt, den ich ging. Ich versuchte, nicht mein Gleichgewicht zu verlieren, da ich auf keinen Fall die dreckigen Wände berühren wollte. „Bernd, das ist dein neuer Mitbewohner“, rief der Reiniger und deutete auf mich. Ich war verwundert, dass er „Mitbewohner“ anstelle von „Zellenkollege“ gesagt hatte. Das Zimmer hatte zu meiner großen Überraschung tatsächlich kein bisschen Zellenflair. Die Fenster waren ohne Gitter, die Tür war weit geöffnet und der eben angesprochene Bernd saß auf seinem Stuhl und spielte an einer Spielekonsole. Ich ging auf ihn zu. „Mein Name ist Emre.“ Bernd gab mir allerdings nur einen kurzen Handschlag und teilte mir seinen – mir bereits bekannten – Namen mit. Der Reiniger hingegen war interessierter, er fragte als erstes, weswegen ich saß. Beim Erzählen wurde auch Bernd hellhörig. Nachdem ich mit dem Erzählen fertig war, war ich mit meinen Fragen dran und wollte natürlich erst einmal wissen, wie die hiesigen Abläufe aussahen und was ich beachten müsste, vor allem aber wollte ich wissen, wann und wie ich das erste Mal raus dürfte. Der Reiniger erzählte mir, dass es zwei Arbeitergruppen gab. Die einen arbeiteten im Stall, die anderen machten andere anfallende Tätigkeiten. Welche, würde ich wohl noch am eigenen Leibe erfahren –  ich wurde nämlich dem letzteren zugeteilt. Während die Stallarbeiter morgens und abends jeweils 2 Stunden arbeiteten, mussten die anderen ihrer Beschäftigung von 08:00 Uhr bis 18:00 Uhr nachgehen. Die Türen wurden abends um 22:00 Uhr abgeschlossen und morgens um 06:00 Uhr wieder geöffnet. Man durfte wohl einiges mehr besitzen, als in der geschlossenen Anstalt, jedoch würde auch hier striktes Handy-Verbot herrschen. Die ersten 4 Wochen würde ich nicht in den Ausgang dürfen, in dieser Zeit war es allerdings erlaubt, im 2-Wochen-Rhythmus Besuch empfangen. Auf keinen Fall – so waren sich beide einig – sollte ich vergessen, einen Antrag auf meinen ersten Ausgang zu stellen, denn nur dann würde dieser bewilligt werden können. Und ohne Antrag gab es auch keinen Ausgang. Meine ersten zwei Ausgänge würden nur 5 Stunden gehen und ich dürfte diese nur mit meiner Bezugsperson führen – optimal wäre es, wenn der Ausgang in Schwäbisch Hall stattfände. Beim dritten Ausgang dürfte ich für 12 Stunden raus und gegebenenfalls sogar nach Hause. Beim vierten Ausgang wäre es dann erstmals möglich, dass ich eine Nacht daheim verbringe und anschließend wäre mein letzter und fünfter Ausgang eine 2-Tages-Übernachtung bei meiner Bezugsperson. Wenn alles glattging, dürfte ich danach in das Freigänger-heim. Was Lebensmittel anging, durfte ich von meinen Ausgängen nichts mitbringen, alles müsste wie gewohnt über den Einkaufszettel stattfinden und auch zu den entsprechenden Preisen und der entsprechenden Auswahl an Lebensmitteln.

Ich machte mich im Zimmer breit und legte mich erst einmal zur Entspannung hin, während ich Bernd beim Spielen zusah. Ich fühlte mich schon ein großes Stück freier. Hier schien alles viel lockerer zu laufen, woran ich mich sicherlich schnell gewöhnen würde. Ich spürte ein wohles Gefühl im Magen, als hätte ich soeben Adrenalin ausgeschüttet und würde mich anschließend wieder beruhigen. Ich nahm den Geräuschpegel aus dem Fernseher immer weniger wahr und spürte den langsamen Rhythmus meines Herzschlags. Ich musst leicht grinsen, als ich realisierte, wie weich die Matratze war, auf der ich mich breit gemacht hatte – ganz anders, als jene in der geschlossenen Anstalt. Ich begann irgendwie zu schnurren, ich gab ein Geräusch von mir, das sich langsam aber sicher zu einem ausgewachsenen Schnarchen entwickelte. Mein Körper war im absoluten Ruhemodus angekommen und ehe ich mich versah, tauchte ich in die Traumwelt ab.

„Digger Emre, wieso bist Du wieder zurück?“, fragte mich Savas. Mir ging es sehr schlecht und Savas war am Grinsen, er sah aus, als würde er gleich in ein schadenfrohes Lachen ausbrechen. „Ich habe doch damals auf Wunsch des Albaners dem einen Typen etwas Kleines mitgegeben…Das waren wohl Drogen, und er wurde erwischt und hat mich verpfiffen. Ich musste dann wieder zurück in den geschlossenen Vollzug.“ Savas begann tatsächlich zu lachen und beschimpfte mich als einen Idioten. Ich stand vor meiner Zelle und richtete meinen Blick auf die massive Tür. Meine Angst davor, dass diese sich gleich vor meinen Augen schließen würde, lähmte mich.

Ich schreckte auf, mein Herz raste. Es war niemand im Zimmer. Einige Zeit verging, bis ich realisierte, dass ich geträumt hatte und mich in Comburg befand. Der kurze Moment, in dem ich mir nicht bewusst war, was Realität und was Traum war, hatte einen leichten Schwindel in meinem Kopf hervorgerufen. „Mittagessen!“, eine Stimme vom unteren Stockwerk ertönte – es klang wie jene von Herrn Kuhn. Ich ging kurz zum Waschbecken, machte mich frisch und wollte gerade hinuntergehen, da stand Herr Kuhn vor meiner Zimmertür: „Herr Ates, kommen Sie nach dem Mittagessen in mein Büro.“ Ich nahm dies zur Kenntnis und machte mich auf den Weg in den Aufenthaltsraum, der sich im unteren Stockwerk befand. Herr Kuhn schien die anderen Häftlinge aufzuwecken – dies betraf wohl vor allem die Stallarbeiter, die heute morgen draußen gewesen waren und sich nun hingelegt hatten. Etwas enttäuscht war ich schon, als mich auch hier nur die übliche Häftlings-Mahlzeit erwartete. Ich setzte mich an einen großen und nahezu leeren Tisch, es war bisher nur der Reiniger da. Nach und nach kam der Rest, einige von Ihnen hatte ich schon einmal gesehen, sei es in der U-Haft oder in der Strafhaft. Wir gingen die übliche Begrüßungsprozedur durch, während wir aßen und an einem Röhrenfernseher Musik auf VIVA lief. Als ich gerade fertig mit dem Essen war, betrat ein Trio in Arbeitsklamotten den Aufenthaltsraum. Zwei von ihnen kannte ich, den Türken Tarik und den Italiener Luigi. Tarik war groß gebaut und braun gebrannt. Luigi war, typisch italienisch, etwas kleiner, dennoch recht gut gebaut. Beide sahen nach typischen „Gangster-Kanaken“ aus. An meinem ersten Tag in der Strafhaft sollte ich damals zu einem Araber in die Zelle kommen und meine Schuhe ausziehen. Sie hatten mich nach meiner Tat gelöchert und genau zwei von Ihnen waren Tarik und Luigi gewesen. Den dritten in ihrem Bunde kannte ich nicht, doch er passte in das Gesamtbild gut hinein. Er stellte sich als Hassan vor, er war wohl ein Libanese. Ich kam mit den Dreien ins Gespräch, sie hatten bereits mitbekommen, dass mit mir nun aus dem Trio ein Quartett werden würde. Sie schienen weder erfreut noch verärgert ob dieser Tatsache zu sein. „Bist Du sauber?“, fragte mich Tarik. „Sauber? Also in Sachen Hygiene? Ich denk schon.“ Gegelte Haare hatte ich nicht, auch keinen perfekt rasierten Bart – mal abgesehen davon, dass ich ohnehin wenig Bartwuchs hatte – doch er fragte ja auch nicht, ob ich stylisch war, sondern hygienisch. Dennoch war allen klar, dass ich rein äußerlich das coole Image vom Trio zerstörte. Luigi und Tarik führten ein äußerst spannendes Gespräch, in dem ich wohl eine große Rolle spielte – ich versuchte, dennoch nicht zu lauschen und auch nicht darauf einzugehen. Luigi wandte sich mir zu: „Bist du gerade bei Bernd im Zimmer? Willst du wechseln?“ Luigi sah so aus, als würde er mich gleich abstechen. Ich bejahte die erste Frage und hatte zu der zweiten eine Gegenfrage in petto: „Warum wechseln? Und wohin?“ Tarik griff ein: „Ich bin gerade alleine im Zimmer. Habe keine Lust, dass die irgendeinen Schmock bei mir reinstecken. Deswegen kannst du zu mir.“ Ich sollte mich wohl geehrt fühlen und wusste nicht genau, was ich antworten sollte: „Geht das denn so einfach?“ Tarik überlegte auch kurz: „Ja, ich kläre das. Aber lass uns erst mal so verbleiben. Vielleicht kommt in nächster Zeit keiner mehr. Bleib vorerst beim Bernd.“ Ich war erleichtert, Bernd schien mir ungefährlicher als Tarik. Es war mir sowieso ein Rätsel, wie jemand wie Bernd in die Haft kommen konnte.

Ich machte mich sofort auf den Weg ins Büro: „Herr Kuhn, Sie wollten, dass ich vorbeikomme?“ Er befahl mir, mich zu setzen und wies auf den ihm gegenüberliegenden Platz. „Ich habe mir Ihre Akte durchgelesen. Damit Sie Bescheid wissen: Sie können nicht in das Freigänger-heim, solange kein Beschluss vom Regierungspräsidium über ihre Abschiebung vorhanden ist. Kümmern Sie sich also darum. Ansonsten müssten wir noch Bezugspersonen festlegen. Haben Sie eine Freundin?“ Ich verneinte und machte mir zugleich Sorgen wegen des Beschlusses, den ich total verdrängt hatte. „Wie ich sehe, haben Ihre Eltern Sie regelmäßig besucht. Sollen wir die beiden als Bezugspersonen nehmen?“ Ich bejahte und fragte zugleich, was dies denn für mich hieße. „Die Bezugsperson muss Sie stets abholen, wenn Sie in den Ausgang gehen. Während es Ausgangs haben Sie stets bei der Bezugsperson zu sein. Wir rufen Ihre Bezugsperson auch an und fragen nach Ihnen“, erklärte mir Herr Kuhn. „Das ist kein Problem“, erwiderte ich glücklich. Der Gedanke an die Ausgänge erfreute mich, und es war selbstverständlich für mich, dass ich diese Zeit mit meinen Eltern bzw. meiner Familie verbringen würde. Ich durfte noch mit dem Festnetztelefon im Büro meine Mutter anrufen und ihr mitteilen, dass ich in Comburg war. Wir machten auch sofort einen Besuchstermin aus. Obwohl ich in den ersten vier Wochen nicht in den Ausgang durfte, war es mir dennoch erlaubt, alle zwei Wochen Besuch zu empfangen. Ich bedankte mich bei Herrn Kuhn. „Der Reiniger bringt Ihnen noch Arbeiterklamotten. Dann gehen Sie morgen arbeiten“, informierte er mich noch, bevor ich das Büro verlassen konnte.

Tarik und seine Truppe hatte sich wieder an die Arbeit gemacht und befand sich außerhalb des Hauses – so, wie es den Anschein machte, sogar ohne Aufsicht. Ich gesellte mich zu den übrig gebliebenen Häftlingen in dem Aufenthaltsraum. Es gab, wie üblich, übertriebene Geschichten, gelogene Geschichten, langweilige Geschichten – aber vor allem überdurchschnittlich viele Flüche. Doch alles in allem schienen die Häftlinge hier viel besser drauf zu sein, es herrschte zu keinem Zeitpunkt eine übermäßig deprimierte Stimmung, keiner hatte mit nur einem Wort seinen Anwalt erwähnt. Es herrschte Harmonie in diesem Haus. Nach einigen Stunden musste auch der letzte Häftling das Haus verlassen und im Stall arbeiten gehen. Zwei Stunden lang würde ich meine Ruhe haben, außer mir war nur der Reiniger da. Ich nutzte die Gelegenheit, um unter die Dusche zu springen. Mit meinem Handtuch und Shampoo in den Händen ging ich in Richtung Dusche, wobei ich dabei einen Umkleideraum durchqueren musste. Als ich mich im Umkleideraum befand, wurde mir plötzlich übel. Es war ein sehr intensiver Gestank von Fäkalien in der Luft. Wie konnte es in einer Umkleide nur so bestialisch stinken? Was war bloß in den Spinden drin? Schnell huschte ich in den Duschraum und zögerte keine Sekunde damit, das duftende Shampoo auf meinen Haaren zu verbreiten. Ich überlegte kurz, ob ich meine Unterhose ausziehen sollte, immerhin war niemand da. Während meiner ganzen Haftzeit hatte ich stets mit der Unterhose geduscht, doch so ganz traute ich mich dann doch nicht, mich komplett zu entblößen.

Der Abend verging ruhig und mit dem Einschluss um 22:00 Uhr schlief ich auch sofort ein. Mit Bernd hatte ich keine großen Gemeinsamkeiten gefunden, weshalb sich unsere weiteren Gespräche in Grenzen hielten. Morgen würde mein erster Arbeitstag mit den Jungs anstehen, und ich war aufgeregt, was die nächsten Monate mit sich bringen würden.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass meine Pläne, die ich in dieser Nacht schmiedete, sich sehr bald als für die Katz herausstellen würden.

#64 – Die etwas anderen Gefangenen

„Ich bin der Ansicht, dass Sie die Verlegung in den offenen Vollzug verdient haben. Daher habe ich die Freigabe erteilt. In zwei Wochen werden Sie also verlegt.“ Die erlösenden Worte des Anstaltsleiters bejubelte ich im Inneren, äußerlich sah er nur mein sehr breites Grinsen: „Vielen Dank!“ Er reichte mir als nette Geste seine Hand und wünschte mir viel Erfolg im Leben. Schließlich gab er mir noch mit, dass ich nicht wieder auf die schiefe Bahn rutschen solle und dass er hoffe, dass es mit dem Studium klappen würde. Ich bedankte mich nochmals überschwänglich.

Schnell ging ich in meine Zelle, zückte Stift und Papier und begann einen Brief an die Hochschule Ravensburg zu schreiben. Darin schilderte ich meine Situation, dass ich in Haft sei, jedoch zum Februar 2014 und somit rechtzeitig zum Sommersemester im Freigang sein würde. Ich bat die Hochschule darum, meine Immatrikulation einzufrieren bzw. mir ein Urlaubssemester zu gewähren. Ich wollte nicht noch ein Semester dadurch verlieren, dass ich an einem Bauernhof gefangen war. Viele Bedenken machten sich in mir breit, denn damals hatte ich bei der Immatrikulation nicht angekreuzt, dass ich vorbestraft war.

Danach rannte ich in das Büro des Beamten und fragte ganz höflich, ob ich kurz meine Familie anrufen dürfe: „Ich möchte ihnen gerne die gute Nachricht übermitteln, dass ich in zwei Wochen in den offenen Vollzug verlegt werde.“ Dass mir das erlaubt wurde, überraschte mich inzwischen nicht mehr. Die Beamten der JVA Schwäbisch Hall waren einfach sehr entgegenkommend, zeigten Verständnis und hatten meiner Erfahrung nach bei den Häftlingen einen besseren Ruf als die Beamten der JVA Stammheim. Meine Mutter ging ran und freute sich sehr über die frohe Botschaft. Doch viel mehr schien sie sich über den Anruf des Hocas gefreut zu haben. Die nächsten 10 Minuten verbrachen wir mit Lobpreisungen darüber, wie toll es denn vom Hoca gewesen sei, dass er bei mir zuhause angerufen habe. Auch sprachen wir darüber, wie wichtig die Religion sei, und wie wir zusammenhalten müssen. Ob sie mit „wir“ die Moslems oder wir als Familie meinte, konnte ich nicht mit Gewissheit sagen. Auch bei den Häftlingen machte die Nachricht die Runde, dass ich bald weg sein würde. Als ich eines Tages abends im Bett in meiner Zelle lag und wegen des warmen Wetters das Fenster komplett offen hatte, hörte ich türkische Mithäftlinge vom oberen Stockwerk reden. Meine Aufmerksamkeit hatten sie, als ich meinen Namen zu hören bekam. Sie sprachen darüber, wie ungerecht es sei, dass ich bereits in den offenen Vollzug verlegt werde, obwohl ich erst kürzlich eingetroffen war. Auch sonst versuchten sie, meine Persönlichkeit anzugreifen. Ich schwieg einfach und hörte zu. Traurig war es schon, zumal ich mich mit den beiden diskutierenden Häftlingen gut verstand. Doch das war mir egal, bald war ich endlich weg, ein ganz großes Stück näher an der Freiheit.

Mit einigen Häftlingen tauschte ich noch Festnetznummern aus – nun ja, sie dachten zumindest, es handle sich um eine echte Festnetznummer. Ich hatte zwar nicht viel Hab und Gut, doch alles Übrige, was mir nicht lieb und teuer war, übergab ich meinen Reiniger-kollegen. Vom löslichen Kaffee, über bereits geöffnete Cornflakes-Packungen bis hin zu überzähligen Kleidungsstücken. In der Haft war eigentlich kein Handel erlaubt, wobei auch Schenkungen eine heikle Sache waren: Wie wollte man beweisen, dass man dafür keine Gegenleistung erhalten hatte? Bei Kleidungsstücken achteten die Beamten weniger drauf – gab es mal eine größere Zellenkontrolle, so konnten die Vollzugsbeamten anhand der Anzahl der Kleider im Kleiderschrank bereits feststellen, ob jemand zu viele Klamotten hatte und nahmen den „Überfluss“ entsprechend weg. Da ich aber diesmal derjenige war, der seine Klamotten hergab, musste ich diese als „verloren“ oder „zerrissen und weggeschmissen“ melden. Die Kammerbeamte konnten sicherlich ahnen, dass es kein Zufall war, dass gerade am Tag der „Entlassung“ die eigenen Kleidungsstücke als verloren gemeldet wurden – doch wie bereits erwähnt, hier drückte man ein Auge zu. Anders war es bei hochwertigeren Sachen wie einer Radio-Anlage, eine Spielekonsole oder sogar einem Ventilator. Alle Geräte waren mit Nummern versehen, sodass sie dem Besitzer zugeordnet werden konnten. Mein albanischer Reiniger-kollege wollte unbedingt mein Radio haben, welches meine Mutter mir damals in der U-Haft gekauft hatte – bisher hatte ich damit jedoch nur depressive türkische Musik gehört (meine Pulsadern hatte ich mir zum Glück deswegen noch nicht aufgeschnitten). Doch uns fehlten die nötigen Connections zu den „richtigen“ Beamten. Denn tatsächlich gab es den ein oder anderen Beamten, der inoffiziell Geräte von einem Häftling auf den anderen Häftling überschrieb. Mir war das Recht, das Radio hatte mich eine lange Zeit begleitet, und auch wenn ich es in Stammheim nicht hatte verwenden dürfen, so verband ich viele Erinnerungen an die U-Haft damit, die ich nicht verlieren wollte – außerdem war es ein Geschenk meiner Mutter gewesen. Nachdem ich so gut wie blank war und mich von allen Häftlingen verabschiedet hatte, kam endlich der Tag, auf den ich so lange gewartet hatte. Eine leichte Aufregung war in meinem Körper präsent, in etwa so, wie als würde ich gleich ein Mädchen auf ein Date ausführen. Meine Zelle hatte ich noch blitzeblank geputzt und desinfiziert, weshalb ich bei Kreshnik in der Zelle zu einem Kaffee saß. Der Kaffee roch nach frischem Wind und schmeckte nach Freiheit – es war der beste Kaffee, den ich bisher getrunken hatte (man bedenke an dieser Stelle: Ich habe erst in der Haft angefangen, Kaffee zu trinken, und dann auch noch löslichen Kaffee). Ich hörte, wie das Rascheln der Schlüssel des Vollzugsbeamten immer lauter wurde und immer näherkam, sie schrien förmlich nach mir – als würden die Schlüssel es vermissen, mich einzuschließen und so als ob sie mir nochmals „Tschüss!“ sagen wollten, à la: „Deine Zellentür war stets eine gute Tür, die ließ sich immer sehr leicht schließen.“ Ich umarmte meine Reiniger-kollegen, Kreshniks letzte Worte waren: „Ich weiß, aus dem Auge, aus dem Sinn – ich hoffe dennoch, dass du uns schreibst. Erzähl uns von der Freiheit! Ich wünsche dir alles Gute mein Bruder, du bist wahrhaftig ein guter Junge. Du gehörst nicht an solch einen Ort. Studiere und mach was aus Dir!“ Ich bedankte mich bei ihm, das war der Moment, in dem ein neues Kapitel in meinem Leben anfing, was ich auch den anderen mitteilte: „Ab heute geht es hoffentlich nur noch bergauf bei mir. Doch ich werde niemals diejenigen vergessen, die mir stets zur Seite standen, als ich am tiefsten Punkt meines Lebens angekommen war. Du bist einer derjenigen, die mir immer im Sinn bleiben werden, ganz egal, ob ich dich wiedersehe oder nicht. Also vergiss nicht, auch wenn ich nicht schreibe, ich werde sicherlich noch oft an unsere gemeinsame Zeit denken. Und: auch, wenn wir beide kriminell waren, heißt das noch lange nicht, dass wir keine guten Menschen sind oder werden können. Wir sind eben gute Menschen mit Macken.“ Er umarmte mich nochmals: „Bruder, ich habe sehr große Macken!“, wir lachten. Der Beamte hatte einen Schubwagen dabei, meine Kisten hatte der andere Reiniger-kollege bereits beladen – auch von ihm verabschiedete ich mich mit einer Umarmung. „Wohin geht es jetzt?“, fragte ich den Beamten: „Erst einmal zur Kammer, danach musst du noch zum Arzt.“ Wir liefen über den Innenhof in das gegenüberliegende Gebäude. Der frische Wind fühlte sich heute ganz besonders gut an, der Duft des Teichs roch wie an meinem ersten Tag, als ich von Stammheim nach Schwäbisch Hall verlegt worden war, und der Teich im Innenhof mir eine innere Ruhe verliehen hatte. „Irgendwie werde ich das alles schon vermissen – klingt paradox, aber ich fühle mich wie Zuhause hier.“ Der Beamte erschrak: „Tu‘ mir bitte einen Gefallen und mach was aus deinem Leben – ich will dich hier nicht wiedersehen.“  Es war schwer, die in mir tobenden Gefühle zu erklären, doch ich fühlte mich nach so langer Zeit wieder lebendig. In der Kammer angekommen, wurden mir einige Klamotten ausgegeben, die ich zuvor nicht haben durfte, weil man z.B. keine Kapuzenpullis haben durfte: „Wie jetzt, darf ich diesen schwarzen Pulli haben, obwohl der eine Kapuze hat?“ Der Beamte schaute mich gelangweilt an: „In Comburg darfst Du alles an Kleidung haben, jetzt beruhige dich mal – Du hast hier echt viele Klamotten, die ewig rumlagen, wir hätten die zurückschicken oder deinem Besuch mitgeben sollen.“ Er war wohl verärgert, dass er dadurch einen längeren Bestandsaufnahmeprozess hatte. Ich hingegen freute mich wie ein kleines Kind über meinen Pulli, das war nämlich mein Lieblingspullover gewesen. Ich sollte noch schnell zum Arzt hüpfen, der glücklicherweise kein Blut abnahm, das ging bei mir nie gut aus. Der Arzt fragte nur nach meinem Wohlbefinden und gewogen wurde ich auch noch: „Ach herrje, Ihnen schien es bei uns ja gut gegangen zu sein.“ Ich wurde leicht rot, als er die hohe Zahl auf der Waage betrachtete: „Sie haben beachtliche 8 Kilo zugenommen.“ Das lag wohl daran, dass ich jeden Abend mindestens eine Tafel Schokolade gefuttert hatte. Sonntags hatte es zudem weißes Brot gegeben, was eigentlich nicht so schlimm ist. Doch ich hatte stets eine ganze Tafel Schokolade zwischen zwei Weißbrotscheiben genommen und diese Kalorienbombe genüsslich verschlungen.

Diesmal gab es keinen großen Transportbus, der Häftlinge hin und her kutschierte. Nein, diesmal hatte ich meinen ganz persönlichen Transporter, mit zwei Vollzugsbeamten als meine Chauffeure – mit diesem Bild im Kopf blieb ich vor dem Transporter stehen und streckte meine beiden Arme aus. „Was machen Sie da?“, fragte mich der mir nächste Beamte. „Ähm, Handschellen?“, fragte ich etwas verwirrt. „Das gibt es nicht mehr, Sie kommen in den offenen Vollzug.“ Ein breites Grinsen machte sich wieder auf meinem Gesicht breit. Von nun an würde ich dafür sorgen, dass nie wieder kaltes Eisen meine zwei Handgelenke umschließt. Ich warf noch einen letzten Blick auf das Innere der JVA Schwäbisch Hall, bevor ich mich außerhalb der Mauern befand. „Wenn ich je wieder den Innenhof hier sehe, dann ist es höchstens auf Google Maps“, die Beamten schienen meinen Spruch überhört zu haben, denn sie antworteten nichts. Die Strecke nach Comburg war wunderschön, lauter grüne Bäume zierten die Landstraße und ich konnte eine atemberaubende Stadt am Horizont erkennen: „Ist das Schwäbisch Hall?“, fragte ich. „Ja, aber wir fahren nach Comburg, das ist etwas außerhalb.“ Die Beamten hatten es sich mit ihren Sonnenbrillen und  bei offenem Fenster auch gemütlich gemacht.

Nun waren wir endlich da. Ich stieg aus, das erste Mal seit 1 ½ Jahren befand ich mich auf freiem Fuß ohne Handschellen – theoretisch hätte ich jetzt einfach wegrennen können, doch wieso sollte ich? Ich wollte endlich das machen, was ich in den Filmen immer sah, wenn jemand aus dem Gefängnis entlassen wurde: Die Arme ganz weit ausstrecken und tief frische Luft einatmen. Doch irgendwas stimmte nicht. „Boah, was ist das für ein Gestank?“ Mir wurde übel. Die Beamten lachten: „Das ist ein Bauernhof, was haben Sie gedacht, wie es hier riecht?“ Da hatten sie recht, doch mit solch einem intensiven Gestank hatte ich eben nicht gerechnet. Als ich gerade meine Sachen aus dem Transporter nehmen wollte, hörte ich ein lautes Geräusch: „Muuuuuuuuuh!“ Ich musste lachen, sowas hatte ich schon lange nicht mehr gehört: „Habt ihr auch Kühe als Gefangene hier?“, scherzte ich. Ich stand vor der Tür des Heims, in das ich untergerbacht würde, und einer der Beamten klingelte an der Tür: „Du wirst noch viel zu tun haben mit den Kühen. Und glaub mir eines, das macht keinen Spaß.“ Ich war verwirrt, was meinte er damit?

#63 – „Ich, der Diamant“

Der Anstaltsleiter wollte es wohl ganz spannend machen. Die Gefühlsachterbahn hätte er mir ruhig ersparen können. Erst machte er mir Hoffnung, bald in den offenen Vollzug zu können, nur, um mir diese dann wieder wegzunehmen. Und doch fügte er noch an: „Aber Herr Ates, auch wenn das Regierungspräsidium uns dringend empfiehlt, Sie nicht in den offenen Vollzug zu verlegen, so liegt es doch ganz und gar in unserer Entscheidungsmacht, ob wir Ihrem Wunsch entsprechen oder nicht.“ An dieser Stelle horchte ich auf. Jetzt verlief das Gespräch wieder ganz nach meinem Geschmack. Mein Mund fühlte sich staubtrocken an – noch hatte er nichts gesagt, was mich zum Sabbern bringen konnte. „Wir könnten Sie theoretisch in den offenen Vollzug verlegen, allerdings würde es in diesem Falle vollkommen in unserer Verantwortung geschehen. Falls Sie also die Flucht ergreifen, haben wir als JVA Schwäbisch Hall ein sehr großes Problem. Sie verstehen deshalb sicherlich, weshalb es uns schwerfällt, eine solche Entscheidung zu treffen. Aber ich bin zuversichtlich, was Sie angeht und denke nicht, dass Sie unter Ihren Umständen eine Fluchtmöglichkeit wahrnähmen. Dennoch, Herr Ates, werde ich mir das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen lassen und mich dann bei Ihnen melden.“ Mit diesen Worten gab er mir meine Hoffnung wieder – noch durfte ich sie behalten. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich begab mich aus dem Büro, woraufhin ich wieder Geschichtenerzähler spielte. Nach solch wichtigen Terminen versammelten sich die Mithäftlinge meist um einen wie Kinder, die sich um einen Märchenerzähler sammelten und gespannt die Ohren spitzten.

„Bruder, das klappt schon!“ Meine Reiniger-kollegen hatten stets eine motivierende Wirkung auf mich. „Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt!“, versprach ich Kreshnik. Obwohl sich dies jeder erhoffte, wussten wir beide, dass im Gefängnis und vor allem auch danach,

die Devise „Aus den Augen, aus dem Sinn“ galt. Ich hatte schon viele Häftlinge während meiner Haftzeit kennengelernt und mit einigen hatte ich mich auch gut verstanden. Und obwohl wir uns gegenseitig stets versprachen, in Kontakt zu bleiben, blieb es meist doch beim Abschied. Am längsten hatte ich den Kontakt bisher zu Behlül gehalten. Nachdem ich von Stammheim nach Schwäbisch Hall verlegt worden war, hatte es bis dato drei Mal Schriftverkehr gegeben. Ihm schien es wieder ganz gut zu gehen. Jetzt, da er sein Urteil kannte, wuchsen ihm auch wieder Haare auf der Kopflücke – das hatte wohl tatsächlich etwas mit dem Stress zu tun gehabt. Irgendwie hatte ich Mitleid mit ihm. Obwohl er jemanden niedergestochen hatte, hatte ich das Gefühl, dass er eigentlich ein guter Mensch war. Dieses Gefühl war wohl hauptsächlich darin begründet, dass er vor kurzem seine Mutter verloren hatte und ich auf keinen Fall selbiges Schicksal mit ihm teilen wollte. Oft genug schlief ich mit dem mulmigen Gefühl der Ohnmacht ein: „Was, wenn meiner Familie etwas zustößt?“ Seltsam war jedoch, dass ich in Freiheit nie solche pessimistischen Gedanken gehabt hatte. Die Haft hatte mich auch irgendwie zu einem nachdenklichen Menschen gemacht. Der Gedanke an den Tod brachte mich auch der Religionsfrage näher. Was wäre, wenn meiner Familie etwas zustoßen würde … und es weder den Himmel, noch die Hölle gäbe? Was, wenn sie einfach „Nichts“ werden? Dieser Gedanke war sehr unangenehm. Es konnten sich doch nicht 1,3 Milliarden Menschen (die Anzahl der Moslems weltweit) irren? Die ganzen Überlieferungen über die Zeiten des Propheten Muhammed … die konnte man doch nicht einfach so erfinden? Oder doch? Ich hatte so viele Fragen im Kopf, so viele Zweifel, mehr als je zuvor. War die Religion nur etwas, damit man im Hier und Jetzt angenehmer existieren konnte, nicht ständig in der Angst vor der Zeit nach dem Tod lebend? In dem „Wissen“, dass Gott im zweiten Leben für Gerechtigkeit sorgen, die „Bösen“ bestrafen, und die „Guten“ belohnen wird? Doch meines Wissens nach kategorisierte Gott nicht wirklich in Gut und Böse, sondern in Moslem, Christ, Jude, Atheist usw. Und die Moslems waren der unerschütterlichen Überzeugung, dass nur sie in den Himmel kämen. Aber, so die Meinung der Christen, Jesus war doch nur für deren Sünden gestorben, oder? Und an was glaubten eigentlich die Juden? Atheisten, da waren sich wohl alle Religionen einig, würden in der Hölle schmoren. Es war einfach seltsam, diese Einteilung der Menschen nach ihrem Glauben. So saß ich nun, nur mit mir, und hatte all diese Fragen bezüglich der Religion und keiner konnte mir darauf eine Antwort geben. Damals, noch vor der Haft, wäre ich wohl – so wie meine Eltern und viele andere auch – zum Hoca in die Moschee gegangen und hätte einfach nachgefragt. Alles, was er sagte, hatte ich bis dato stets als „Fakt“ aufgenommen. Es war enorm, was für einen Einfluss ein Geistlicher auf die Glaubensgemeinschaft nahm – auch da waren die Religionen sich einig. Nie zweifelte ich daran, geschweige denn hinterfragte ich seine Antwort – wie könnte ich denn? Das Schlimmste, was man als Moslem (und wohl auch in anderen Religionen) tun könnte, war, Gott und seine Regeln zu hinterfragen. Dabei war es schon sündhaft, den Hoca zu hinterfragen. Denn der Hoca vermittelte ja nur Gottes Worte, Verse aus dem Koran und den ganzen Hadith vom Propheten. Mein Kopf tat weh – und doch musste ich eins feststellen: der Gedanke an den Tod, den Tod meiner Familie allen voran, brachte mich dem Glauben wieder näher.

Da kam es mir gerade recht, dass der „Türkische Integrationskurs“ endlich anfing. Er fand mitten in der Freizeit statt; Freizeit war täglich von 18:30 Uhr bis 21:30 Uhr. Der Kurs fand von 18:30 Uhr bis 20:30 Uhr statt. Wie bekommt man also die (türkischen) Häftlinge dazu, den Kurs ihrer Freizeit vorzuziehen? Mir war klar, ich wollte Antworten, Antworten auf die ganzen Fragen. Bei den anderen? Das war auch jedem klar, spätestens dann, als er Beamte uns in den Freizeitraum in das Erdgeschoss führte und wir das ganze Essen vorfanden. Der Kurs führende Hoca hatte Börek, Sonnenblumenkerne und türkische Süßigkeiten mitgebracht! Ein Stück „Familiengefühl“, das durch den Magen ging. Wir waren 8 Häftlinge, was recht beachtlich war. Es waren nämlich nur maximal 8 zugelassen, und ich hätte nicht erwartet, dass diese Grenze erreicht werden würde. Es waren auch Häftlinge aus der U-Haft dabei, die ich nicht kannte. Der Hoca war ein kleiner, zierlicher Mann, der in seinen Mittvierzigern war. Er entsprach genau dem Typ eines „typischen“ Hocas. Er hatte eine leicht gebückte Haltung, wahrscheinlich vom täglichen Beten herrührend. Er trug eine Stoffhose und ein kariertes Hemd, an seinen Füßen trug er schicke Lackschuhe. Hinzu kam ein leerer Blick (zumindest kam es mir so vor), und ein Gesicht, das sich hin und wieder zu einem leichten Lächeln rang. Ein lautes Lachen hatte ich ohnehin selten von einem Hoca gehört. Oft schon war mir eingebläut worden: „Wer im Leben viel lacht, der wird im Jenseits viel leiden.“ Diese Aussage kann man auf verschiedenste Weise interpretieren. Meine Familie jedenfalls glaubte fest daran. Deshalb ist mein Vater wohl so verbittert. Deshalb „erwarten“ meine Mutter und meine Zwillingsschwester wohl nichts vom Leben. „Emre, dieses Leben ist vergänglich. Dieses Leben ist eine Lüge. Nur das Jenseits zählt“, waren einst die für einen Nicht-moslem seltsam klingenden Worte meiner Zwillingsschwester. Sie hatte damit eigentlich nur das wiederholt, was die Hocas ständig auf alle einredeten. Das war eine Kunst für sich, etwas Reales (das Leben) als Lüge zu bezeichnen und etwas Nicht-reales, nicht Fassbares (das Jenseits) als Wahrheit zu sehen und das auch noch seinen Mitmenschen zu vermitteln. Doch ich war (oder sogar, bin?) nicht anders. Stets hatte ich mit dem Gedanken daran, dass das Jenseits auf mich mit etwas Besserem aufwartete, gelebt. Tat ich etwas Gutes, so erhoffte ich mir eine höhere Chance auf den Himmel. Tat ich etwas Böses, so hatte ich größere Angst vor der Hölle und hoffte auf die Vergebung Gottes. Aktuell jedoch wusste ich nicht wirklich, was Gut und Böse war, wusste nicht, welche Regeln nun real waren. Ohne die Moschee und die familiären und gesellschaftlichen Konstrukte verlor ich meinen religiösen Halt und meinen Alltag, der vom Glauben geprägt gewesen war… und doch wurde mir etwas klar: vor meiner Haft war es doch genauso gewesen, trotz jener „Konstrukte“. Ich hatte Böses getan und schlicht nicht daran gedacht, dass es schlecht gewesen sein könnte. Hatte Gesetze und Regeln geleugnet, dachte nicht, dass man mich richten würde. Ich hatte an allem gezweifelt, auch an mir, und nun war ich im Gefängnis gelandet. Was würde passieren, wenn sich das wiederholte? Wenn ich aber nicht im Gefängnis, sondern in der Hölle landete? Der Hoca sollte es mir endlich sagen.

Wir setzten uns hin und er stellte sich erst einmal vor. Er war erst kürzlich aus der Türkei nach Deutschland gekommen, konnte daher so gut wie kein Wort Deutsch. Er gehörte der Ditib an, also der offiziellen Religionsgemeinschaft der türkischen Regierung. Von seinem Vorgänger hatte er von seinen Einsätzen hier in der JVA gehört. Gerne, so seine Worte, würde er das von nun an übernehmen. Er hoffte auf eine rege Teilnahme und war sichtlich erfreut, so viele von uns zu sehen. Die ersten hatten schon angefangen, Sonnenblumenkerne zu knabbern. Nach und nach sollten wir uns vorstellen. Auch wollte der Hoca natürlich erfahren, welche religiösen Kenntnisse man den hatte. Er wollte wissen, ob man den Koran lesen konnte oder gar einige Verse auswendig konnte. Etwas enttäuscht schien er schon, als nach und nach jeder gestand, nur ein,          maximal zwei kurze Verse zu kennen. Keiner konnte den Koran lesen. Auch sonst konnten sie nichts vorweisen. Dementsprechend machte sich ein überlegenes Gefühl in mir breit. Mit solchen Kenntnissen würde ich neben den anderen glänzen. Endlich fiel der Blick des Hocas auf mich, der mir das Wort gab, und ich zeigte ihm sogleich, dass ich ein Diamant unter den ganzen Steinen war: „Ich habe vom 4. bis zum 16. Lebensjahr sehr häufig die Moschee besucht. Danach nur noch „häufig“. Dabei war ich jedes Wochenende in der Moschee, habe dort übernachtet. Ich kann den Koran lesen, sehr flüssig sogar. Ich glaube, eine Seite schaffe ich aktuell in ca. 2 Minuten. Ich kenne sehr viele Suren auswendig, auch die längeren – z.B. alle 6 Seiten von Yasin“, was eine wichtige Sure im Koran darstellte, „Auch nahm ich oft die Rolle des Imams ein, habe also vorgebetet – auch hielt ich die wöchentlichen Freitagsgebete und Predigten. Ich habe auch in meinem ganzen Leben keinen einzigen Tropfen Alkohol angerührt.“ Die anderen Häftlinge lachten nach meiner Vorstellung, einer konnte es sich nicht verkneifen und sagte: „Amına koyim, du bist ein Engel, du kommst safe in den Himmel.“ Der Hoca schien überrascht zu sein. Als er seine Stimme erhob, erwartete ich eigentlich ein Lob. Doch stattdessen kam er mit der einen Frage, die ich mir auch seit Anbeginn meiner Haftzeit gestellt hatte: „Wie konnte es nur passieren, dass du in die Haft gekommen bist?“ Ich erzählte ihm von meiner Straftat und, dass es erst dann passiert war, als ich die Moschee „verlassen“ hatte. „Ich bin irgendwann immer seltener zur Moschee gegangen. Bin dann auch ausgezogen und schließlich ist das passiert.“ Damit hatte ich dem Hoca genau die Antwort gegeben, an die er wunderbar mit der Religion anknüpfen konnte: „Das war sicherlich eine Prüfung Allahs. Er will dich wieder auf den rechten Pfad holen, deswegen musst du das hier durchmachen.“ Das hatte ich schon oft gehört, die „Prüfung“ Allahs – die „Ausrede“, wenn einem etwas schlimmes wiederfuhr. Es war doch so: Wenn etwas Gutes passierte, war es Allahs „Geschenk“. Passierte etwas Schlimmes, nannte man es stets eine Prüfung Allahs.

Die restlichen Häftlinge stellten sich noch vor und schließlich sagte der Hoca ein, zwei Suren auf. Danach predigte er kurz, es ging um Abraham, der seinen Sohn Isaak für Gott opfern sollte: Das Opferfest stand vor der Tür. Die restliche Zeit widmete sich der Hoca mir, während der Rest miteinander redete. Der Hoca erzählte mir, weshalb er glaubte, dass mir das Ganze passiert sei, dass ich doch im Grunde ein guter Junge sei. Die nächsten Aussagen von ihm sollten mich wohl dazu bringen, wieder den rechten und geraden Pfad zu finden. Ich weiß nicht, wer auf die Bezeichnung kam, doch mit einem „Türkischen Integrationskurs“ hatte das Ganze hier nicht viel zu tun. Dennoch fanden seine Worte absoluten Anklang bei mir. Das war doch das Beste, was ich konnte. Ich konnte ein richtig guter Moslem sein. Ich wurde in der islamischen Gemeinde stets sehr geschätzt, man betrachtete mich wirklich irgendwie als Diamanten unter den ganzen Ungläubigen. Ich hatte das so sehr vermisst – etwas Aufmerksamkeit, ein Mensch (in diesem Fall der Hoca), der mir Aufmerksamkeit schenkte und mir das Gefühl gab, etwas Besonderes zu sein.

Ich spürte, dass er es schaffte, dass ich langsam wieder eine Verbindung zum Glauben herstellte. Seine Aussagen waren so vertraut, lösten ein sehr angenehmes und familiäres Gefühl in mir aus … die Angst vor dem Tod, sie verschwand allmählich. Ich bat den Hoca darum, meine Eltern anzurufen und ihnen zu erzählen, dass es mir hier gut gehe. „Es würde ihnen gut tun zu wissen, dass ein Hoca bei ihrem Sohn ist.“ Ich schrieb ihm die Festnetz-Nummer meiner Eltern auf einen kleinen Zettel und übergab ihn ihm. Ob das erlaubt war, wusste ich nicht, doch er steckte den Zettel sofort in die Tasche, so dass es keiner sah. Wir verabschiedeten uns, jedoch war der Abschied nur vorläufig. In zwei Wochen würden wir uns wiedersehen.

Es war so, als wäre ich gerade von einer kathartischen Meditation gekommen, ich fühlte mich sehr gut. Die nächsten Tage waren auch angenehm, ich hatte viel seltener negative Gedanken und machte mir weniger Sorgen. Allah würde es schon richten. Meine Zweifel über den Glauben waren zwar noch nicht weg, doch ich begann mir einzureden, dass das alles eine Prüfung Gottes sei. Ich war gerade dabei, die Flure zu wischen, da sah ich, wie der Anstaltsleiter auf mich zukam. Mein Herz pochte, als er mich ansprach.

„Herr Ates, ich habe mir nun Gedanken gemacht. Bezüglich Ihrer Verlegung in den offenen Vollzug…“

#62 – Der Anstaltsleiter

„Glaub mir, Bruder. Das wird klappen!“, versuchte mein albanischer Kollege, mich zu motivieren. Ich hörte die Uhr förmlich ticken. Kaum konnte und kann ich mich daran erinnern, etwas so sehnsüchtig erwartet zu haben, wie das Gespräch mit dem Anstaltsleiter. Meine Freiheit stand immerhin auf dem Spiel, und diese – das war eines der Dinge, die ich während der Haftzeit feststellte – war sehr viel wert. Die kriminellen Pläne, die ich vor kurzem noch mit dem Albaner geschmiedet hatte, waren längst Schnee von gestern. Der Traum von der Freiheit ließ mich alles in der Richtung vergessen: Ich widmete mich wieder dem rechten Pfad. Ich würde studieren und einer anständigen Arbeit nachgehen. Genauso werde ich es auch dem Anstaltsleiter sagen – so dachte ich.

Während der Haftzeit fielen mir zwei Dinge an mir auf. Das erste war, dass ich mich nie wirklich auf Gespräche vorbereitete. Ich plapperte immer drauflos, ohne wirklich über die Konsequenzen nachzudenken: sei es mit meinem Anwalt, im Rahmen meiner Gehaltsverhandlungen, während der Gespräche mit den Sozialarbeitern etc. Zwar hatte ich stets ein paar Schlüsselbegriffe in meinem Kopf, doch niemals einen einstudierten Text oder sonstige Vorlagen. So kam es, dass ich auch dem Anstaltsleiter meine ungeordneten Gedanken präsentierte. Ich war der Meinung, dass ich dadurch authentischer wirkte und weniger Spielraum für Lügen zuließ. Andererseits konnte ich durch meine leichtfertigen Aussagen auch leicht in die Bredouille geraten, wenn sie gegen mich verwendet würden…

Die zweite Eigenschaft war mein ständiger Meinungswechsel, oder wie mein Vater so zu sagen pflegte: Ich hatte einen ausgeprägten Affengeschmack. Ich ließ mich schnell von der Meinung anderer beeinflussen. An einem Tag schmiedete ich kriminelle Pläne mit Häftlingen für die Zeit nach der Haft und am nächsten Tag träumte ich von dem Besuch meiner Familie und einem ehrwürdigen Leben. Vielleicht lag das daran, dass ich mir schon mein ganzes Leben lang von anderen Leuten vorschreiben ließ, was ich zu tun oder zu denken habe. Ich hatte stets das Gefühl, dass ich nicht in der Lage war, selber (richtige) Entscheidungen zu treffen. Ich sah alle anderen immer als die Klügeren und mit Weisheit Gesegneten an. Hauptsächlich sah ich die Ursache für diese (ziemlich schwache) Charaktereigenschaft in meiner religiösen Erziehung. Gerade in Bezug auf diese hatte ich, ohne Wenn und Aber, die Wahrheiten anderer als die meinige annehmen müssen. Ein Hinterfragen gab und gibt es nicht.

Als ob es nicht schon gereicht hätte, die komplette Woche auf den langersehnten Tag hinfiebern zu müssen, musste ich den gesamten Vormittag unruhig wartend zubringen, bevor ich endlich gerufen wurde. Das Mittagessen hatten wir bereits an die Arbeiter verteilt, welche auch bereits abgerückt waren, weshalb wir Reiniger uns bei einem Tässchen Kaffee dem Musiksender VIVA widmeten. Etwas peinlich war es dann jedoch schon, als die Sozialarbeiterin an der Zellentür stand und uns Reiniger dabei erwischte, wie sich unsere Köpfe synchron zum Wackeln des Popo von Nicki Minaj in dem Musikvideo „Anaconda“ bewegten. Ich kam mir vor wie diese Wackelkopfhunde, die man auf das Cockpit des Autos anbringt. „Herr Ates, kommen Sie?“, forderte mich die Sozialarbeiterin auf, sie zu begleiten. Ich sprang nochmals kurz in den WC-Bereich und begutachtete mich im Spiegel, um nach wenigen Sekunden festzustellen, dass ich „ganz nett“ aussah. Ich begab mich in das Büro der Sozialarbeiterin, die sich an ihren Platz setzte. Die Psychologin war ebenfalls da und saß rechts gegenüber der Sozialarbeiterin in Richtung Wand. Ein Stuhl stand auch schon für mich bereit, links gegenüber der Sozialarbeiterin in Richtung Tür. Zur Rechten der Sozialarbeiterin befand sich ebenfalls ein unbesetzter Stuhl. Keiner sprach. Die Psychologin schien sich bereits Notizen zu machen und die Sozialarbeiterin tippte ebenfalls noch an ihrem Rechner. Es verging keine Minute, als es an der Tür klopfte und ein großer, sehr schlanker Mann den Raum betrat. Er hatte etwas längere, blonde Haare, die nach hinten gegelt und gekämmt worden waren. Er hatte ein markantes Kinn und trug eine Brille. Unter seinem roten Pullover trug er ein weißes Hemd, das sehr dezent hervorlugte. Auch die blaue Hose sowie die Business-Schuhe sahen sehr hochwertig aus. Er entsprach genau dem Typ von reichem und irgendwie gebildet aussehendem Manager, wie es in den Hollywood-Filmen immerzu dargestellt wird. Mir war sofort klar, dass er der Anstaltsleiter war. Ich stand reflexartig auf, wonach er mich per Handschlag begrüßte und sich höflich vorstellte. Nachdem er sich hingesetzt hatte, forderte er mich ebenfalls dazu auf, mich zu setzen.

„Herr Ates, wir haben uns hier versammelt, um ihren Antrag auf die Verlegung in den offenen Vollzug zu prüfen. Ich weiß nicht, inwieweit Sie informiert sind, doch bevor Sie ins Freigängerheim verlegt werden können, müssen Sie erst in den – sagen wir mal, halb-offenen – Vollzug. Das ist bei uns Comburg. Haben Sie schon davon gehört?“ Ich bejahte diese Frage, Comburg war mir tatsächlich ein Begriff. „Gespräche mit den beiden Damen hier hatten Sie ebenfalls, nehme ich an?“, fuhr er fort, woraufhin beide angesprochenen Damen mir zuvorkamen und ebenfalls bejahten. „Nun, Herr Ates, ich würde vorschlagen, Sie erzählen mir jetzt einfach Mal, was Ihre Pläne sind, wenn Sie entlassen werden“, meinte er und zückte seinen Stift, um sich bereits etwas zu notieren. Ich erzählte schon zum gefühlt 100. Mal von meinem Plan, ein Studium aufzunehmen: „… an der Hochschule Ravensburg habe ich bereits meinen Studienplatz für das kommende Wintersemester bekommen. Ich würde der Hochschule schreiben und ein Urlaubssemester nehmen, damit ich zum Sommersemester starten kann. Ich möchte auf jeden Fall Wirtschaftsinformatik studieren“, schloss ich meine Worte zu meinen Plänen. Er kam mit den gleichen Fragen an, die ich zuvor bereits von anderen gehört hatte: „Wie gedenken Sie, Ihr Studium zu finanzieren?“ Ich machte ihm klar, dass ich finanzielle Unterstützung von meinem Vater zugesichert bekommen hatte und er bereits meine laufenden Anwalts- und Gerichtskosten trug. Außerdem würde ich einem Nebenjob nachgehen, zusätzlich zum Bafög. Überrascht war ich auf die Reaktion des Anstaltsleiters. Anders als die Sozialarbeiterin, kam er mir entgegen: „Das klingt doch schon mal gut. Ich kann ihren Willen zu studieren wirklich heraushören, und bin da auch recht zuversichtlich, dass Sie Ihr Studium erfolgreich absolvieren werden. Bei Ihnen wäre es dann jedoch frühestens Mitte Oktober möglich, nach Comburg verlegt zu werden.“ Ein breites Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit und meine Augen glänzten wahrscheinlich heller als jeder Stern an jenem Tag. Das sollte ein Glückstag werden! Dementsprechend säuerlich reagierte ich, als die Psychologin in das Wort des Anstaltsleiters fiel: „Herr Ates sollte auch noch seine Spielsucht therapieren. Das ist nicht zu unterschätzen…“ Der Anstaltsleiter war wohl genauso genervt wie ich, dass sie ihm ins Wort fiel: „Das mit der Spielsucht ist jetzt ein anderes Thema. Aber ja, Herr Ates. Wir werden entsprechende Vorschläge an das Gericht machen, welche sich auf ihre Bewährungsauflagen auswirken werden. Auch bezüglich der Spielsucht.“ In Gedanken lachte ich die Psychologin aus, in Wirklichkeit aber blickte ich die Sozialarbeiterin mit siegessicherem Grinsen an. Sie war die ganze Zeit still gewesen und beobachtete uns nur. Noch vor einigen Wochen wollte sie mir klar machen, dass das Studium nicht das Richtige für mich wäre und eine Verlegung in den Freigang nicht so einfach zu bewerkstelligen sei. Nun wurde sie endlich eines Besseren belehrt – dachte ich zumindest. Jedoch musste ja noch das berühmt-berüchtigte „aber“ folgen, sonst wäre das Ganze ja viel zu glatt über die Bühne gegangen: „Wenn es nach uns geht, können Sie wohl in den offenen Vollzug, Herr Ates. Jedoch läuft bei Ihnen noch das Abschiebeverfahren, welches ein Ausschlusskriterium für den offenen Vollzug darstellt und uns leider in der Hinsicht die Hände bindet – solange, bis das Regierungspräsidium eine Entscheidung gefällt hat.“

Ich war am Boden zerstört. Wozu das ganze Gespräch über den offenen Vollzug und Studium, wenn es dann am Ende doch an so etwas scheitern würde?

#61 – Meine Spielsucht

Ich folgte der Psychologin in das Büro des Stockwerksbeamten, welches unbesetzt war. Man hatte es wohl nicht für nötig gehalten, mich über ein bevorstehendes Gespräch mit irgendeinem Psychologen zu informieren. Vielleicht war es auch der Sinn der Sache, dem Häftling keine Vorbereitungszeit zu geben. Einerseits befürchtete ich, dass die Psychologin mich wie ein offenes Buch würde lesen können oder gar Dinge herausfinden, von denen ich selber keine Ahnung hatte. Andererseits hatte sie mir im Vorhinein bereits mitgeteilt, dass es um meine Spielsucht ginge. Im Vergleich zu den anderen Häftlingen konnte man bei mir doch nicht ansatzweise von einer Sucht reden – oder vielleicht doch? Wie auch immer, ich wusste nicht, in welchem Zusammenhang das Resultat dieser Frage mit meiner Verlegung in den offenen Vollzug stehen sollte.

„Setzen Sie sich bitte hin“, wies mich die Psychologin auf meinen Platz ihr gegenüber hin. Ich betrachtete sie etwas genauer. Irgendwie hatte sie ja etwas von diesen Magie-Lehrern aus Hogwarts. Auch war der Raum leicht abgedunkelt, es hätte mich nicht sehr gewundert, wenn sie plötzlich einen Zauberspruch  aus Harry Potter von sich gegeben hätte. Diese Szene spielte sich zwar noch in meinem Kopf ab, doch trotzdem bekam ich ein mulmiges Gefühl: waren gerade Psychologen nicht diejenigen, die in die Gedankenwelt eindrangen? Was das vor mir sitzende Psychologen-exemplar wohl so drauf hatte? Konnte es mich in Hypnose versetzen? Mich sagen lassen, was sie wollte? Doch im Endeffekt waren Psychologen wohl auch nur Menschen, das stellte ich in den nächsten Minuten fest: „Herr Ates, richtig?“ Ich bejahte. Sie fasste nochmals den Grund zusammen, wegen dem ich hier war: „Also, Herr Ates, bei Ihnen wird momentan geprüft, ob Sie in den offenen Vollzug können. Sie haben letztes Jahr bei Beratungsgesprächen aufgrund Ihrer Spielsucht teilgenommen. Ich möchte mehr darüber erfahren. Wollen Sie mir einfach mal was dazu erzählen?“ Das war wohl die beste Methode, um eine Basis für ein Interview zu schaffen: sich erstmal Informationen vom Gegenüber verschaffen. Ich legte los: „Um es gleich zu Beginn zu sagen, ich bin damals in der U-Haft nur zur Spielsuchttherapie, weil ich eine mildere Strafe wollte. Ich habe da auch etwas übertrieben. Das Ganze fand aber während meines Gerichtsprozesses leider gar keine Erwähnung. Meine Anwältin und ich waren uns einig, dass ich nicht wirklich spielsüchtig bin und das Gericht hat dies auch so akzeptiert.“

Mit ihrem Zeigefinger schob sie ihre Brille, die ihr einen leicht katzenartigen Look verlieh, auf ihrer Nase hoch. Offensichtlich war sie mit dieser Antwort nicht sehr zufrieden. Ihr Blick wurde sehr ernst: „In den Protokollen steht etwas ganz anderes. Außerdem hat Ihnen das Amtsgericht bereits damals eine Suchtberatung verhängt, welche sie nicht regelmäßig besucht hatten. Eine Spielsucht ist eine potentielle Gefahr, dass Sie wieder straffällig werden – durch Schulden, oder eben, weil Sie Geld zum Spielen brauchen. Daher ist es etwas Grundlegendes bei der Entscheidungsfindung zu ihrer Entlassung. Eine Spielsucht muss auf alle Fälle therapiert werden! Herr Ates, wenn wir hier weiterkommen sollen, dann müssen Sie mit mir kooperieren. Sagen Sie mir, wie viel Geld haben Sie für das Spielen schon ungefähr ausgegeben?“ Etwas rot wurde ich schon, als sie im Folgenden meine Vorstrafe erwähnte – die Frau war wohl gut informiert: „Also, bis jetzt, insgesamt? Und nur, was mein Geld war oder auch Schulden etc.?“ Sie bejahte beide Fragen. „Nun, hmm, ich weiß nicht. Vielleicht so 35.000 EUR … also so in den letzten sieben Jahren.“ So ganz konnte ich die Summe dann wirklich nicht abschätzen, doch sie reagierte relativ gelassen auf diese Zahl: „Und wie haben Sie ihre Spielsucht finanziert?“ Da brauchte ich nicht lange zu überlegen: „Ich habe immer nebenher gearbeitet. Habe mit Zeitung austragen angefangen, aber zu der Zeit habe ich noch nicht gezockt. Mit meinem ersten 400-EUR-Nebenjob in einem Supermarkt hat auch die Spielsucht angefangen. Danach habe ich noch in einem Bauhaus gearbeitet, in einer Tankstelle, in einem Kino und Pizza-Fahrer war ich auch eine Zeit lang.“

Diese vagen Aussagen schienen sie nicht zufrieden zu stimmen, weswegen sie nachhakte: „Und damit haben Sie insgesamt 35.000 EUR verdient und alles in Ihre Spielsucht reingesteckt?“ Auch wenn es jetzt etwas peinlich wurde, erzählte ich ihr die ganze Wahrheit: „Alles, was ich verdient hatte, habe ich sofort verzockt. Aber mein Vater hat auch viele Schulden bezahlt, die ich wegen meiner Spielsucht aufgenommen hatte. Einmal haben mir z.B. ca. 20 Leute insgesamt 6.000 EUR überwiesen. Ich hatte da so eine doofe Idee mit Affiliate-Marketing im Sportwettenbereich. Stattdessen verzockte ich jedoch das mir gegebene Geld.“ Über meine „Geschäftsidee“ wollte sie nichts weiter wissen. „Was haben Sie denn gespielt? Nur am Automaten?“, fragte sie, während sie sich eifrig Notizen machte. „Ach nein, ich habe nur Sportwetten gespielt, sonst nichts.“ Sie überlegte kurz: „Kennen Sie sich mit Sport aus? Also haben Sie willkürlich getippt oder weil Sie ein Kenner sind?“ Ich fuhr mit meiner Ehrlichkeitsschiene fort: „Ich habe wirklich keinerlei Ahnung von Fußball. Ich habe willkürlich getippt. Habe auch oft Kombi-Wetten gemacht. Also bei einem Schein auf mehrere Fußball-Ereignisse getippt. Damit ist die Verlustwahrscheinlichkeit höher, doch der mögliche Gewinn erhöht sich aufs Exorbitante.“ Sie versuchte der Sache weiter auf den Grund zu gehen: „Haben Sie schon von Anfang an diese Kombi-Wetten gemacht, oder hat sich das irgendwann gesteigert? Auf wie viele Ereignisse tippten Sie denn in etwa pro Schein?“ Ich kramte in meinem Hirn, und Bilder aus meinen spätpubertären Zeiten kamen wieder hoch: „Ich kann mich noch ganz genau an meinen ersten Tippschein erinnern, das Spiel war VfB Stuttgart gegen Hertha BSC. Ich war auf einem Portal angemeldet, auf dem man Angebote wahrnehmen konnte und Punkte bekam, welche man wiederum gegen eine Prämie einlösen konnte. Ich wollte zum damaligen Zeitpunkt unbedingt eine Xbox haben. Das Prinzip war einfach: Der Anbieter bekam eine Provision, wenn ich mich über seinen Link bei einem Sportwettenanbieter anmeldete und 10 EUR einzahlte, um damit zu spielen. Mit dieser Provision finanzierte der Anbieter dann einen Teil der Xbox. Und es war so, dass ich schon extrem viele solcher Angebote wahrgenommen hatte. So ein Angebot war beispielsweise der Abschluss von Zeitschriften-Abos. Ich brauchte nur noch ganz wenig Punkte, um meine Xbox zu bekommen. Es gab aber zu dem Zeitpunkt längere Zeit keine Angebote mehr, die gepasst hätten, bis eben auf diesen Sportwettenanbieter. Eigentlich wollte ich das überhaupt nicht in Anspruch neben, denn Glücksspiel jeglicher Art war haram, also eine Sünde im Islam, und als gläubiger Moslem konnte ich das zunächst nicht mit mir vereinbaren. Doch der Wunsch nach dieser Spielekonsole war so hoch und ich dachte, ich müsse ja nur 10 EUR einsetzen und sonst nichts mehr – es wäre ja nicht wirklich zocken in dem Sinne gewesen. Mein Ziel waren ja nur diese Punkte, um sie endlich gegen die Xbox einlösen zu können. Also zahlte ich 10 EUR ein, klickte dann wirklich völlig zufällig auf irgendwas bei dem Spiel VfB Stuttgart gegen Hertha BSC und bekam meine langersehnte Konsole. Als ich dann nach einer Weile  mal wieder spontan den Sportwettenanbieter besuchte, um mal nachzusehen, wie meine Wette ausgegangen war, erblickte ich einen völlig überraschenden Kontostand von etwa 70 Euro. Dies erschien mir als extrem leicht verdientes Geld, was mich einerseits entsetzte, mir aber gleichzeitig ein positives Gefühl gab. Damit fing das Spielen an. Und ja, ich habe anfangs immer nur auf ein Spiel getippt, später dann tippte ich sogar auf zwischen drei bis zehn Spiele pro Tippschein.“

Das war wohl genug Input zu der Spielsucht, sie begann, andere potenzielle Süchte auszuloten: „Rauchen Sie?“, fragte sie plötzlich. Ich verneinte entschieden. „Wie oft trinken Sie Alkohol?“, ging es weiter. Abermals verneinte ich. „Ich habe noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken.“ Auf ihrem Gesicht machte sich Verwunderung breit, so wie bei vielen anderen Menschen, denen ich das erzählte. „Sie haben Computerbetrug begangen. Wie ist denn ihre Beziehung zu Spielen im allgemeinen? Sie erzählten von der Xbox. Spielen Sie z.B. World of Warcraft?“ Ich musste kurz schmunzeln: „Nein, nein. Ich mag Videospiele nicht so. Habe damals Mario gespielt, aber eigentlich zocke ich heutzutage nur FIFA.“ Das notierte sie ebenfalls, vermutlich, weil sie das Videospiel FIFA mit meiner Sportwetten-Sucht in Verbindung brachte. „Also, Herr Ates. Vielen Dank für Ihre ehrliche und ausführliche Erklärung. Ich würde sagen, das ist auf alle Fälle etwas, was sie behandeln lassen müssen. Wie jetzt mit der Spielsucht umgegangen wird, müssen wir noch mit Herrn Kreuz abstimmen. Doch dazu mehr in Ihrem Gespräch nächste Woche.“ Abermals war ich überrascht, von einem Gespräch zu hören: „Herr Kreuz? Wer ist das? Und was für ein Gespräch nächste Woche?“

Während sie das Blatt zusammenfaltete, auf dem sie ihre Notizen gemacht hatte und aufstand, teilte sie mir den nächsten Knüller mit: „Herr Kreuz ist der Anstaltsleiter. Sie wissen also noch nicht, dass Sie nächste Woche mit ihm, einer Sozialarbeiterin und meiner Wenigkeit ein Gespräch zur Verlegung in den offenen Vollzug haben werden?“

#60 – Meine Gang: Meine Geschwister

Da lag doch definitiv ein Fehler vor! Das konnte nicht wahr sein. Ich las einmal, zweimal, dreimal: es stand schwarz auf weiß dort, auf diesem Stück Papier. Ich würde erst in 15 Jahren wieder die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen dürfen – also erst, wenn meine Strafe aus dem Bundeszentralregister entfernt worden war. Ich hatte das Thema Staatsangehörigkeit  auf die zu leichte Schulter genommen. Ich hatte so sehr gehofft, dass ich meinen deutschen Ausweis zurückbekommen durfte. Ich hatte nie den türkischen Ausweis genutzt, um mich auszuweisen. Abermals kam mir mein ehemaliger Ethik-Lehrer aus Schulzeiten in den Sinn: „Emre, fühlst Du dich Deutsch oder doch eher Türkisch?“, wollte er damals wissen und löste in mir zahlreiche Gedanken aus – als was hatte ich mich denn gefühlt? Als was fühlte ich mich genau in diesem Moment? Ich kam zu folgendem Ergebnis: Ich bin Türke, ich habe nun einen türkischen Pass und kann halt eben auch Deutsch sprechen. So wie Deutsche, die einen deutschen Pass besitzen und Englisch sprechen können – die werden ja auch nicht zu Briten, nur weil sie zufällig auch auf der britischen Insel leben. Meine Anwältin verstärkte mit der folgenden Aussage unbewusst meine Abwehrhaltung, die ich der deutschen Bundesrepublik gegenüber empfand: „Herr Ates, Sie müssen begreifen, dass die Abschiebung seitens des Regierungspräsidiums eine reale Gefahr darstellt. Hätten Sie Anrecht auf einen deutschen Pass gehabt, dann hätten wir den Weg mit dem Regierungspräsidium nicht gehen müssen. Ich frage mich ernsthaft, warum sich ihr vorheriger Anwalt nicht darum gekümmert hat.“ Wie sehr ich meine Anwältin auch leiden konnte, und wie sehr ich auch selbst daran Schuld war, konnte ich dennoch das Gefühl des in mir aufkeimenden Hasses ihr gegenüber nicht unterdrücken: Im Brief vom Landratsamt stand, dass mit der Rechtskraft meines Urteils mein Anrecht auf die deutsche Staatsangehörigkeit verfallen sei. Um einen deutschen Ausweis zu bekommen, muss man nämlich gewisse Kriterien erfüllen: unter anderem sollte man der deutschen Sprache mächtig sein, mindestens 8 Jahre in Deutschland leben etc. Alle Kriterien erfüllte ich natürlich, bis eben auf die Voraussetzung, straffrei zu sein. Was das Schlimmste an der Sache war, dass meine kleineren Vorstrafenhierbei nicht zählten. Das bedeutete für mich: Hätte ich meine Revision nicht zurückgezogen, hätte ich es noch etwas länger in Stammheim ausgehalten, hätte ich mich in der Zeit um die Staatsbürgerschaft kümmern können und diese höchstwahrscheinlich auch bekommen…heißt im Klartext: dann wäre ich jetzt deutscher Staatsbürger! Diese Erkenntnis traf mich mit voller Wucht… hätte die nun vor mir sitzende Anwältin nicht auch daran denken müssen? Ich dementierte nicht meine Schuld an der Sache, doch wurde ich nun richtig sauer und wollte Mitleid, zumindest hatte ich welches mit mir selbst. Und damit ich es auch wirklich verstand, teilte mir meine Anwältin noch ergänzend mit, dass ich sofort eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen müsse, sollte das Regierungspräsidium von der Abschiebung absehen. „Was, Wie bitte? Wissen Sie was, die können mich alle mal. Ich gehe zurück in die Türkei, da gehöre ich ja jetzt offiziell hin. Ich habe überhaupt keine Lust auf diesen „Abschiebungs-diskurs“, die Beantragung der Aufenthaltsgenehmigung etc. Gut, wenn die mich nicht haben wollen, dann gehe ich halt.“ Dass das eine Schnapsidee war, war meiner Anwältin natürlich bewusst, nur mir in diesem Moment nicht so wirklich. Sie beruhigte mich kurz, bevor ich mich wieder in mein Stockwerk begeben musste.

Zurück an die Arbeit, ich fegte und wischte, was das Zeug hielt, Essensausgabe, Kleiderausgabe und all dies Tag für Tag. Und in ebenso regelmäßigem Rhythmus, wie ich diesen Tagesablauf befolgte, beschwerte ich mich bei meinen Reinigerkollegen. Man könnte es auch als „Ausheulen“ bezeichnen, denn ich pflegte mein Selbstmitleid mit sehr viel Hingabe. Aus meinem Hass entstand langsam ein Gefühl der Rache, und so begannen wir, Pläne zu schmieden: Ich würde es Deutschland heimzahlen. „Bruder, sag mir nur, ob das mit der Deutschen Bahn noch klappt. Dann machen wir das im großen Stil“, redete mein Reinigerkollege auf mich ein. „Ich bin mir sicher, dass das noch funktioniert. Die Deutsche Bahn will es doch ihren Kunden so einfach wie möglich machen, Bahntickets zu kaufen“, gab ich als Antwort zurück. Tatsächlich machte ich mir Gedanken darüber, wie ich am besten nochmals straffällig werden könnte.

Soweit ich mich erinnern konnte, diente die Haft vielen Häftlingen auch dazu, ihre Erfahrungen auszutauschen und neue Pläne zu schmieden: „Das nächste Mal mach ich es besser. Das nächste Mal gibt es keine Fehler.“ Ich hatte so gut wie niemanden erlebt, der nicht mal mit dem Gedanken gespielt hatte, nochmals kriminell zu werden. Soviel zur Reue, welche man beim Gericht so sehr beteuerte, weil es anders halt nicht ging, es wurde erwartet. Es war wie ein Teufelskreis: Man passte sich irgendwie der Umgebung an. Ich hatte – logischerweise – noch nie so viele Kriminelle in meinem Umfeld gehabt wie jetzt. Demzufolge hatte ich noch nie so viel kriminelle Energie auf einmal erlebt. Irgendwie war doch was an dem Spruch „Einmal kriminell, immer kriminell“ dran. Abends im Bett verwarf ich diese Gedanken jedoch wieder: „Emre, du spinnst doch!“, teilte mir mein Gehirn wie von selbst mit, als ich ganz allein über den Gedanken brütete, bevor es mich in die Traumwelt überführte. Doch meine Traumwelt bestand aus Gittern und Mauern, ich war nicht mehr in der Lage, von der Freiheit, von draußen, von meiner Familie zu träumen.

Zum Glück stand diese völlig hinter mir, sie gab mir die nötige Kraft, um stark zu bleiben. Der Anblick meiner Geschwister war immer wieder aufs Neue überwältigend, wenn ich zum wöchentlichen Besuch meiner Familie in den Besuchsraum geführt wurde. Meine Zwillingsschwester saß diesmal in der Mitte und lächelte mich herzlich an, sie hatte eine wundervolle Ausstrahlung. Für mich war sie schon immer eher wie eine große Schwester gewesen. Viele Dinge, an denen ich gescheitert war, hatte sie zu bewältigen gewusst. Es herrschte zwischen uns auch eher der Dialog, der üblicherweise zwischen einem älteren Geschwisterteil und einem jüngeren stattfindet. Sie gab immer vor, mehr Erfahrung in allem zu haben, beriet mich folglich stets bei Problemen jeglicher Art und schien sonst auch charakterlich stärker als ich zu sein. So konnte sie sich locker gegen meinen Vater durchsetzen, wohingegen ich stets still in der Ecke gesessen hatte, wenn mein Vater sich – mal wieder – über seine Kinder aufregte. Ich konnte mich in dem Kontext sehr gut an eine Situation in meiner Jugend erinnern: wir saßen gemeinsam mit der Familie im gleichen Raum, während mein Vater meine Schwester anschrie – den Grund kenne ich nicht mehr. Während ich erwartete, dass sie gleich losheulen würde, stand sie völlig überraschend auf, schrie meinen Vater an, ging zur Haustür und knallte ebendiese hinter sich zu. Mein Vater entbrannte vor Wut, sämtliche Gesichtszüge entglitten ihm, und er war längst noch nicht alles losgeworden, was er zu sagen gehabt hatte. Er blickte durch den Raum, denn ein neues Opfer musste her, welches sich von ihm beschreien lassen sollte: Sein Blick war damals auf den ruhigen Jungen in der Ecke gefallen, der sich das Spektakel angesehen hatte und regungslos dasaß, der nie antwortete, der alles wie ein riesiges Fass einfach aufnahm. Und so begann er völlig zusammenhanglos, mich anzubrüllen. Wann wohl der letzte Tropfen kam, der das Fass zum Überlaufen bringen würde? Bis heute ist der letzte Tropfen noch nicht gefallen.

Meine Zwillingsschwester hatte zudem auch bildungstechnisch die Nase vorn. Ihren Bachelor of Arts hatte sie bereits erlangt, was eines der letzten schönen Dinge gewesen war, die ich vor meiner Haft erleben durfte. Als ob das nicht schon genügte, befand sie sich im Moment auf dem besten Wege, ihr Master-Studium erfolgreich abzuschließen. Dabei hatte sie mir schon einige Male verklickert, dass es für sie sehr stressig sei und sie kurz davor war, das Handtuch zu werfen. Einerseits waren da die anspruchsvollen Veranstaltungen, welche jedoch das allgemeine Leiden der Studierendenschaft darstellte. Doch des Weiteren, und das wiederum empfand sie als große Ungerechtigkeit, musste sie noch den privaten Stress ertragen: Mein Vater ließ wohl all seine Wut bei meiner Mutter und ihr aus. „Vater, als ob es für uns nicht schon schwer genug ist zu ertragen, dass Emre und Cem in Haft sind, müssen wir jetzt noch dich ertragen? Ich mache meinen Master, ich kann mit diesem Stress nicht umgehen“, hatte sie, so erzählte sie, meinem Vater kürzlich klar gemacht – zu Recht, wie ich finde. Das war wohl auch das ausschlaggebende Argument dafür gewesen, dass sie in eine Frauen-WG nach Stuttgart gezogen war. Ich vermute aber, dass sie keine Gleichgesinnten in der WG finden konnte und ihre Mitbewohnerinnen Dinge taten, die meine Schwester mit ihrer Religion nicht vereinbaren konnte – anders konnte ich mir nicht erklären, weshalb sie nach einem Semester wieder zurück ins Elternhaus kam.

Cem für seinen Teil war wohl auf Shopping-Tour gewesen, denn in letzter Zeit kam er oft mit schicken und neuen Klamotten zum Besuch. An ihn dachte ich gar nicht mehr so oft wie früher, er war nun in der Obhut meiner Eltern. Eigentlich erwartete ich von ihm ein paar Frauen-Stories, ein gut aussehender Ex-Häftling sollte wohl die eine oder andere Frau auf einer Party klarmachen können. Er erzählte jedoch relativ oft von einer bestimmten Frau, nämlich seiner sehr scharfen und spanischstämmigen Bewährungshelferin!  Sogar meine Eltern hatten wohl Gefallen an der hübschen Dame gefunden. Allerdings war sie etwas zu alt für ihn, sie war wohl schon Mitte 30. Abgesehen davon, hatte mein Bruder nun wieder mit der Schule angefangen, und wie es aussah, würde er die mittlere Reife endlich nachholen. Während ihm dies am meisten Sorgen bereitete, schien er sich weniger für das anstehende Gerichtsverfahren zu interessieren. Nach unserem damaligen Streit war er in die Türkei geflogen und hatte mit zwei anderen Typen aus dem Darknet die exakt gleiche Masche mit der Deutschen Bahn abgezogen, und dies im wirklich großen Stil: Während ich einen Gesamtschaden von etwa 130.000 EUR verursacht hatte, hatten Cem und diese beiden Jungs mehr als das 3-fache in einer viel kürzeren Zeit verursacht. Abgesehen davon lief ja auch noch die Revision meines Bruders, der diese noch nicht zurückgezogen hatte.

Meine herzzerreißend süße und kleine Schwester war noch im Kindergarten und erzählte im kindlichen Stil über ihre Freunde und Erzieher. Ich traute mich gar nicht zu fragen, ob sie wusste, wo wir uns gerade befanden und warum ich so lange fort war. Auch konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie überhaupt mit fünf Jahren in der Lage war, das Ganze zu verstehen. So sprachen wir stattdessen lieber über ihren anstehenden Geburtstag: „Was möchtest Du denn zum Geburtstag?“, fragte ich sie. „Ein Schmetterlings-Fänger“, strahlte sie, nachdem sie einige Sekunden überlegt hatte. „Was für ein Ding?“, fragte ich zurück und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen…„So ein Fang-Ding, ich will Schmetterlinge fangen.“ Sie wedelte mit den Händen und machte verschiedene Gestiken, die wohl das Fangen von Schmetterlingen nachahmen sollten. Immer wieder küsste ich sie auf ihre rosigen Wangen, während ich mich mit meiner Zwillingsschwester und Cem unterhielt. Meine kleine Schwester hatte sich ausgeklinkt und zeichnete mit einem bunten Stift Schmetterlinge auf ein weißes Papier. „Das macht sie immer, Emre. Sie tut so, als beschäftige sie sich anderweitig, doch horcht sie immer zu, sie bekommt alles mit“, teilte mir unsere größere Schwester mit, die daraufhin sofort Paroli von der Kleinen geboten bekam: „Das stimmt doch gar nicht! Ich male hier.“ Wir mussten lachen. Doch ich konnte mir vorstellen, wie schwierig es meine kleine Schwester hatte. Ich war ja bereits der Meinung, dass in meiner Kindheit und Jugend so einiges schiefgelaufen war und mein Vater wichtigere Prioritäten als seine Familie hatte, doch bei dem letzten Kind war es definitiv nochmal anders. Für mich war mein Vater immer jemand gewesen, vor dem ich Angst  haben musste, ihn deshalb „respektierte“ und entweder tat, was er wollte, oder zum Lügner wurde, da mir andernfalls Konsequenzen drohten. Doch soweit ich mitbekam und es schon vor der Haft gesehen hatte, behandelte mein Vater meine kleine Schwester wie eine Prinzessin, kaufte ihr alles und tauschte mit ihr sogar Zärtlichkeiten aus. Eine Umarmung mit meinem Vater konnte ich mir beim besten Willen in 100 Jahren nicht vorstellen, meiner Zwillingsschwester und Cem ging es sicherlich genauso. Meiner kleinen Schwester fiel es deshalb bestimmt schwer, die Probleme daheim zu begreifen: Warum beschimpfte der Vater die Söhne? Warum waren ihre Brüder böse? Warum beschwerte sich der Rest der Familie über den Vater? Er hatte doch nichts Falsches getan? Es war auf alle Fälle keine gesunde familiäre Umgebung, in der sie aufwuchs – das tat mir furchtbar leid.

Ich verabschiedete mich bei meinen Geschwistern und ging mit einem sehr angenehmen und warmen Gefühl zurück in meine Zelle. Am liebsten hätte ich ja ein Foto von diesem Moment geschossen und es den ganzen Gangstern in meinem Stockwerk gezeigt: „Schaut, das ist meine Gang! Das sind wahre Brüder, wahre Schwestern! Das ist die einzige Gang, die ich kenne und die einzige, zu der ich gehöre! Jetzt geht weg mit euren Möchtegern Brüdern und eurem Chapter!“

Ich war vor gut einem Jahr zur Suchtberatung gegangen, eine Aktion meinerseits in der Hoffnung, daraufhin eine mildere Strafe im Gericht erwarten zu können. Doch dies war vor Gericht unerwähnt geblieben, wir hatten verzichtet, darauf einzugehen. Die gewünschte Reaktion war demnach ausgeblieben. Dass das Gesetz „Aus Actio folgt Reactio“ jedoch trotz Allem existierte, bestätigte mir die Dame, die gerade an meiner Zellentür geklopft hatte. Sie sah aus, als wäre sie einer Bibliothek entflohen, irgendwie strahlte sie eine Art biblische Strenge aus: „Herr Ates?“ Ich nickte, sie fuhr fort: „Ich bin die Psychologin und möchte gerne mit Ihnen aufgrund ihres Antrags für die Verlegung in den offenen Vollzug sprechen. Es geht um Ihre Spielsucht.“

#59 – Hassliebe

Der Flur sah ganz normal aus, und die Zellen waren identisch zu unseren – mit einer Ausnahme: Es gab nur Vier-Mann-Zellen in der Schutzhaft. Mir wurde es untersagt, auf die Namensschilder zu schauen. Ich sollte die Kisten mit den Einkäufen schnell in die Zellen legen und dann wieder herauskommen. Auch, wenn es nur gut zwei Dutzend Zellen waren (verteilt auf zwei Stockwerke) und ich von Zelle zu Zelle sprang, kam mir die Ausgabe der Einkäufe wie eine halbe Ewigkeit vor. Und auch, wenn der Beamte mich dabei ertappte und ermahnte, wenn ich doch einen Blick auf die Namensschilder wagte, hörte ich damit nicht auf – zumal ich mir nicht sicher war, ob er mich überhaupt hierher mitnehmen durfte. Ich wusste zwar nicht, ob sich die JVA die Mühe gemacht hatte, die Namen die Schutzhäftlinge zu anonymisieren und erdachte Namensschilder an die Zellen anzubringen, doch eins war klar: Der Großteil der Namen klang ausländisch. Dabei waren überraschend wenig russische Namen dabei – überraschend vor allem deswegen, weil in der JVA Schwäbisch Hall vermehrt Russen inhaftiert waren. Ich erkannte vornehmlich osteuropäische Namen, aber auch einige türkische und arabische. Deutsche Namen waren kaum vertreten, was wiederum den prozentualen Anteil in der restlichen JVA widerspiegelte: Auch in der Strafhaft waren deutsche Häftlinge in der Minderheit. In der U-Haft hatte ich noch gedacht, der geringe Anteil an deutschen Mithäftlingen würde daran liegen, dass die „Fluchtgefahr“ bei diesen nicht so ausgeprägt sei. Doch allmählich dämmerte mir, dass Ausländer eine höhere kriminelle Energie aufwiesen – so die Ergebnisse meiner Beobachtungen.

Ich hatte eine eigene Statistik dazu elaboriert: als Grundmenge dienten die Häftlinge, die ich in der JVA Schwäbisch Hall und JVA Stammheim gesehen hatte. Man sagt ja, „Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Da ich mir in diesem Falle die Statistik selbst zurechtgedacht hatte, war ich mir ihrer also ziemlich sicher. Viele wunderten sich, weshalb ich kriminell geworden war – ich würde dem Stereotypen eines Kriminellen gar nicht entsprechen. Derart waren auch meine Gedanken: Man betrachtet sein Gegenüber und denkt sich – wobei das Urteil rein auf den äußerlichen Attributionen basiert – : „Was für ein lieber Junge, der kann doch keinem was zu Leide tun“, oder eben das Gegenteil: „Der hat doch bestimmt Dreck am Stecken“. Wir Menschen denken einfach noch viel zu sehr in Kategorien, viel zu sehr in schwarz-weiß. Dies war eine der wichtigsten Erkenntnisse während der Haft, die ich auch im Nachhinein noch oft feststelle. Auch ich denke in diesen Kategorien. Ein dichter und schwarzer Bart, nach hinten gegelte Haare, eine große und nicht zu übersehende Muskelkraft, gepaart mit einem legeren Jogginghosen-Look, lassen bei mir automatisch sämtliche Alarmglocken läuten. Theoretisch könnte man eine Software entwickeln, in die man das Foto einer Person einspeisen und nur damit herausbekommen kann, wie wahrscheinlich es ist, dass der Mensch auf dem Bild kriminell ist. Dies würde dank der vorherrschenden Stereotypen mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit sogar funktionieren. Ich denke, ich lehne mich zudem nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass die Polizei doch auch ein gewisses Beuteschema hat. So ertappte ich mich einmal während meiner Arbeit als Reiniger in dem Schutzhaft-trakt dabei, wie ich einen mir gegenüberstehenden Häftling besonders musterte. Er sah ganz nett aus, wirkte echt sympathisch auf mich und machte keinen gefährlichen Eindruck. Er grüßte mich sogar mit einer gewissen Herzlichkeit. In meinem Gehirn fing es aber plötzlich an zu rattern: Was ist, wenn dieser Mensch jemanden vergewaltigt hat? Was ist, wenn dieser Jemand ein Kind war? Mir war es, im Gegensatz zu meinen Häftlingskollegen, ziemlich egal, ob er ein Verräter, also ein 31er war. Es interessierte mich ebenso wenig, ob er einfach nur irgendeinen Blödsinn in der normalen Strafanstalt gemacht hatte und zu seinem eigenen Schutz in die Schutzhaft verlegt worden war. Sogar, ob er gemordet hatte, interessierte mich irgendwie auch nicht, denn die Mörder waren nicht pauschal in der Schutzhaft: Allein bei mir auf dem Stockwerk gab es zwei Mörder. Mit einem hatte ich sogar gesprochen. Er hatte bereits 7 Jahre seiner Gesamtstrafe abgesessen. Mit 19 Jahren hatte er einen Mord begangen und sich erhofft, vorzeitig zur zwei-Drittel-Strafe entlassen zu werden. Dies war abgelehnt worden, er muss also noch weitere fünf Jahre sitzen, bis er die zwölf Jahre voll hat. Nein, die einzige mich schockierende Straftat wäre das Vergehen an einem Kind. Stets musste ich dabei an meine kleine Schwester denken. Natürlich erfuhr ich nicht, was er getan hatte.

Die Zeit verging, der Sommer kam und die Tage wurden immer heißer. Uns Reinigern ging es blendend. Ich hatte es geschafft, dass die zwei Albaner meine Reiniger-Kollegen wurden, als die anderen beiden entlassen wurden. Es arbeitete sich einfach viel angenehmer, wenn man Kollegen hatte, mit denen man sich gut verstand. Es fragte mich sogar mal einer, ob ich aus dem Kosovo käme oder gar aus Albanien. Er war überrascht, als ich ihm mitteilte, dass ich aus der Türkei stamme. Auch hier zeigte sich mir sehr deutlich das stereotypisierte Urteil aufgrund des Äußeren. Mit der Sozialarbeiterin stand ich noch in Kontakt. Es war wohl etwas bezüglich meines offenen Vollzugs in Gange, doch es stand immer noch die Frage nach der Abschiebung im Raum. Laut meiner Anwältin würde der Prozess meiner Abschiebung vom Regierungspräsidium überprüft werden – sie kämpfe jedoch hart dafür, dass ich bleiben dürfe. Für mich war es ein absoluter Witz, dass diese Abschiebung nun wirklich real werden könnte. Um die Zeit zu vertreiben, hielt ich Ausschau nach Freizeitbeschäftigungen – zum Sport ging ich ohnehin bereits, so oft es ging. Ein „Türkischer Integrationskurs“ sollte Mitte September starten und im wöchentlichen Rhythmus laufen. Solch ein Kurs wurde damals schon während der U-Haft angeboten, allerdings war der „Hoca“ nach einiger Zeit gegangen – aus welchen Gründen auch immer. „Hoca“ ist das türkische Wort für Lehrer, meist wird es jedoch mit einem Imam assoziiert bzw. mit einem Lehrbeauftragen einer Moschee. Die moderne Bezeichnung für „Lehrer“ auf türkisch lautet eher „Öğretmen“. Genau aus diesem Grunde bezeichneten meine Kollegen und ich den kommenden Lehrer/Veranstalter als „Hoca“, denn wir gingen von ein, vielleicht zwei religiösen Predigten pro „Kurs“ aus. Und um ehrlich zu sein, hatte ich nach langer Abstinenz wieder Lust auf den religiösen Diskurs bekommen. Irgendwie hatten die Verse aus dem Koran eine beruhigende Wirkung auf mich. Entweder, so überlegte ich, hatten sie wirklich etwas „Göttliches“ an sich, oder es lag einfach daran, dass sie mich an meine Zeit in der Moschee und somit an meine „unschuldigen Jugend“ erinnerten, als alles noch augenscheinlich besser gewesen war. Überraschenderweise war die Anzahl der Anmeldungen gar nicht so hoch, was wohl auch an der ebenfalls überraschend geringen Anzahl an türkischen Häftlingen in der Strafhaft lag.

Es war auch schon eine Weile her, dass ich Gewalt in der Haft begegnet war und diese schöne Zeit des Friedens musste gerade von einem, im heutigen Jargon gern als „Lauch“ bezeichneten, drahtigen und recht schwächlich wirkenden Hänfling gebrochen werden. Als ich gerade während des Hofgangs mit den Albanern Tischtennis spielte und mich nicht mal schlecht dabei anstellte, hörte ich ein lautes Kreischen. Ein dünner, kleiner und junger Mann fuchtelte mit dem Zeigefinger herum und zeigte auf einen ebenfalls kleinen, aber gut gebauten, bärtigen Kurden. Dieser, ich nenne ihn jetzt mal weiterhin einen Lauch, war wohl lebensmüde oder wusste nicht, mit wem er sich da anlegte. Der Kurde war zwar nett und freundlich.  So wurde er auch nicht müde, immer wieder seine Unschuld zu betonen, hatte er doch knapp sechs Jahre wegen versuchten Totschlags bekommen. Doch dann traute ich meinen Augen kaum: Obwohl der Kurde ganz cool und gelassen auf die Provokationen des Jungen reagierte, und nur beiläufig irgendwelche herablassenden Aussagen von sich gab, rannte der Lauch auf ihn zu. Ich meine, mitangesehen zu haben, dass der vor Wut rasende schmächtige Junge dem Kurden erfolgreich einen Schlag auf das Gesicht verpasste, bevor dieser sich daran machte, aus einem Lauch Hackfleisch zuzubereiten. Es ging alles so schnell, ich begriff gar nicht, wann und wie der Alarm losgegangen war, wie schnell und woher die dutzend Vollzugsbeamten kamen und wann sie die beiden kleinen Streithähne auseinander rissen. Schmunzeln musste ich, als der Lauch-Junge weiterhin große Töne spuckte und wild herumfuchtelte. Eins ist gewiss: Der hatte Eier.

Etwas hinterhältiger war ein Häftling, mit dem wohl auch nicht zu scherzen war. Sein Opfer war ein Türke, jener, den ich bereits aus Stammheim kannte. Doch dieser Türke war verrückt, nicht bei Sinnen meines Erachtens nach, und es war nur eine Frage der Zeit, bis ihm jemand eine Lehre erteilen würde – da war ich mir sicher. Doch hätte ich niemals erwartet, dass es so schmerzhaft sein würde. Eines Tages legte er sich mit dem Falschen an. So kam es, dass einmal kurz vor dem Hofgang alle Zellentüren geöffnet waren. Die Häftlinge verließen dann nämlich ihre Zellen, begaben sich in den Flur und warteten, bis die einzige Tür zum Hofgang aufging, um dann als gesammelte Mannschaft in den Hof zu marschieren. Einige Häftlinge jedoch bevorzugten es, in ihren Zellen zu warten, vom Fenster aus in den Hof zu schauen und irgendwelchen Tagträumen nachzuhängen, bis das „Go“ zum Hofgang kam. So war es wohl auch an diesem Tage, als der Türke verträumt aus dem Fenster schaute und plötzlich mehrere Stiche an seinem Rücken spürte – mit einem selbstgebauten Messer aus Zahnbürste und Rasierklinge (Häftlinge werden mitunter sehr kreativ, was solche Konstruktionen angeht). Der Alarm ging los, die Beamten steckten uns alle in unsere Zellen und der Sanitäter war auch im Nu da. Augenscheinlich wusste niemand, wer der Täter gewesen war – nun ja, zumindest keiner der Vollzugsbeamten. Auch nach Befragungen der Häftlinge kamen sie nicht zu einem Verdächtigen, man wollte ja schließlich weder irgendwelche „Gerüchte“ streuen und sich (den nach so einer Aktion todsicheren) Ärger einfangen, noch wollte man ein Verräter (31er) sein und sich in die Schutzhaft verlegen lassen. Den nieder gestochenen Türken sah ich danach nicht mehr. Er wurde wohl nicht in die Schutzhaft, sondern in eine völlig andere JVA verlegt, vielleicht auch in ein Krankenhaus.

Ein Russe jedoch wurde in die Schutzhaft verlegt. Mit ihm hatte ich  zuvor eine kurze Unterhaltung unter der Dusche gehabt, bei der es hauptsächlich um mein Bäuchlein und sein dazu kontrastierendes Sixpack ging: „Du musst einfach jeden Tag mehrmals deinen Bauch anspannen, dann kommt das Sixpack von selbst. Das ist gutes Training“, meinte er. Jedoch hatte ihm das Sixpack wohl nicht viel gebracht, als er eines nachts von seinem, wohlgemerkt ebenfalls russischen, Zellenkollegen aus dem Schlaf gerissen worden war. Sein Zellenkollege hatte das Fernseh-Stromkabel genommen (an dieser Stelle sei nochmals die Kreativität der Häftlinge in solchen Belangen besonders betont) und es ihm um den Hals gebunden, wohl um ihn zu erwürgen oder um ihm – zumindest für einige Sekunden – die Luft zu rauben. Der Täter bekam besondere Sicherheitsmaßnahmen, also kein Fernseher, Einzelhofgang sowie keine Freizeit, schien jedoch damit kein Problem zu haben. Mir gefror das Blut in den Adern, als ich das Tatmotiv erfuhr: Der russische Häftling mit dem Sixpack hat wohl zu oft und zu laut geschnarcht.

Es war wohl wieder an der Zeit, dass jeder mindestens einmal austicken musste und so hoffte ich jedes Mal einfach nur, dass sich die Aggressionen nicht gegen mich richteten. Ich brauchte dringend etwas, was mich motivierte und mich aus dieser schlechten Stimmungslage rausholte. Denn die letzten Wochen hatte ich nur damit verbracht, mich über alles und jeden zu beschweren und zu lästern. Ich entwickelte einen Hass gegenüber dem viel gepriesenen Vaterstaat, gegenüber der Justiz und gegenüber der JVA im Besonderen. Und doch liebte ich Deutschland, ich wollte unbedingt hierbleiben. Die Justiz war im Grunde ja auch in Ordnung, alles war geregelt und ging fast immer seinen geordneten Gang. Und die JVA selbst? Man, ich mochte die meisten Beamten total, sie gingen auch nur ihrem Job nach. In mir gedieh eine Hassliebe vom Feinsten.

Als ich dann endlich den lang ersehnten Brief vom Landratsamt in den Händen hielt, hoffte ich so sehr auf einen Wendepunkt. Der Brief enthielt die Antwort auf meine Frage, ob ich die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen dürfte – wozu ich hinzufügen muss, dass mir die deutsche allein völlig ausgereicht hätte. Mit dieser wäre die Abschiebung kein Thema mehr, und ich könnte in den lange von mir herbeigesehnten offenen Vollzug. Meine Hände zitterten, als ich den Brief öffnete.

Ich begann zu lesen.

#58 – Die schlimmen Nachbarn

Enttäuscht vom Gespräch mit der Sozialarbeiterin widmete ich mich wieder meinem Job als Reiniger. In den kommenden Tagen fiel meine Stimmung in den Keller. In meiner deprimierenden Situation hatte ich einfach keine Kraft mehr zu kämpfen. Seit dem Beginn meiner Haftzeit begegnete ich einer Hürde nach der anderen. Entweder war ich in Freiheit zu verwöhnt gewesen, und es war einfach der Häftling-Status, dass nichts mehr so wirklich funktionieren wollte. Oder ich hatte einfach eine große Pechsträhne, die nicht mehr enden wollte. Dass es Hierarchien bei Häftlingen gab, war mir schon anfangs klar geworden. Doch gab es da noch die Beamten und die Stockwerksleiter, die mit den drei silbernen Sternen, die Sozialarbeiter, die Psychologen und der Anstaltsleiter, den ich nie zu Gesicht bekam. Ja, auch unter den Beamten gab es durchaus Hierarchien. Wir Häftlinge waren dabei ganz unten in der Nahrungskette – und das Schlimmste daran war, dass sich das draußen nicht ändern würde. Mir schwirrten unangenehme Gedanken durch den Kopf: Welchen Status würde ich nach meiner Entlassung innehaben? Wäre ich der Ex-Häftling, der Betrüger, der schlechte Sohn, der Abschaum der Gesellschaft – würde mich jemals jemand akzeptieren, abgesehen von meiner Familie? Was wäre mit denjenigen, die mich seit meiner Kindheit kennen – von meinen „Freunden“ hatte ich bis dato noch immer nichts gehört. Ein paar Tage später kam meine Mutter wieder zu Besuch und bestärkte mich in meinen Sorgen. Sie begann zu erzählen:

„Cem hat nach der Haft eine Weile gebraucht, um sich wieder einzuleben. Deine Zwillingsschwester hat viel Zeit mit ihm verbracht, ist mit ihm shoppen gegangen, auf Events und dergleichen. Cem hat sich dann mit einem türkischen Jungen angefreundet, ein ganz netter Junge – seine Familie war auch sehr nett. Letztes Wochenende waren wir zu einer türkischen Hochzeit eingeladen. Bei dem ganzen Getümmel haben deine Zwillingsschwester und ich den Freund von Cem gesehen, welcher in Gesellschaft seiner Eltern war. Auf Aufforderung der Mutter haben wir Platz am Tisch genommen. Wir haben uns sehr nett mit der Mutter unterhalten und über unsere Söhne geredet. Wir beide fanden es gut, dass unsere Söhne sich gut verstanden. Deine Zwillingsschwester und ich waren dann kurz auf der Toilette. Als wir zurückkamen, begegneten wir abweisend dreinblickenden Gesichtern. Da meinte die Mutter des Freundes von Cem doch tatsächlich: „Bitte setzt euch wo anders hin. Und sage deinem Sohn, er soll sich fern von meinem Sohn halten.“ Dieser unerklärliche Wandel ließ uns schlecht fühlen, doch wir taten wie gebeten. Später erfuhren wir dann etwas, was uns entsetzte. Unsere türkische Nachbarin, die wir stets besuchten, zu der wir einen guten Kontakt pflegten, die euch seit eurem fünften Lebensjahr kennt und liebt … sie hatte die Mutter vor Cem gewarnt.“ Ich war geschockt und konnte es kaum glauben. Die Nachbarin, von der meiner Mutter sprach, war immer sehr nett, zuvorkommend und hilfsbereit uns gegenüber gewesen. Wir besuchten sie öfter – auch als Kinder waren wir oft zu religiösen Festen bei ihr und ihrer Familie. Nein, wir waren nicht nur Nachbarn, sondern befreundete Familien. Sie wussten so gut wie alles über uns: „Ich verstehe das nicht. Das kann doch nicht sein. Wieso hat sie so etwas getan? Und wie genau? Das habe ich jetzt nicht verstanden, Mama.“ Ihrem Gesicht konnte ich die Trauer entnehmen, sie war erneut enttäuscht worden von einem Menschen – diesmal nicht von ihren Söhnen – aber von ihrer guten Freundin, Nachbarin, die sie seit gut zwei Jahrzehnten kannte. Menschen waren und sind eben doch unberechenbar: „Sie hat uns auf der Hochzeit mit der Mutter des Freundes von Cem sitzen sehen. Während unserer Abwesenheit, also als wir auf Toilette waren, ist sie wohl sofort zur Mutter und hätte gemeint, dass Cem ein sehr schlechter Junge sei, dass er erst kürzlich aus der Haft rausgekommen sei und er sicherlich einen schlechten Einfluss auf ihren Sohn hätte.“ Ich spürte weder blanken Hass noch aufschäumende Wut. Lediglich eine große Enttäuschung machte sich in mir breit. Ich hatte immer sehr viel von unserer Nachbarin gehalten, sie war für mich stets der Engel in Person gewesen, nie hätte ich von ihr so etwas erwartet. Ich war nicht nur enttäuscht von ihr, irgendwie war ich enttäuscht von der Menschheit, enttäuscht von mir. Muss ein Mensch erst selbst zum Häftling werden, um Häftlinge zu tolerieren, solange sie denn versuchten, sich zu resozialisieren? Muss ein Mensch erst selbst homosexuell werden, um Homosexuelle zu akzeptieren? Muss ein Mensch erst Abstand zu seiner Religion bekommen, ehe er andere Ansichten akzeptierte? War ich denn nicht auch so gewesen? Für mich waren Häftlinge doch auch Abschaum der Gesellschaft gewesen, Homosexuelle irgendwie seltsam und nicht normal. Atheisten, Christen, Juden und alle Andersgläubigen hatte ich bereits in der Hölle schmoren gesehen. Doch war ich nun anders? Ja, zum Teil – würde ich sagen. Wer weiß denn schon, was ich noch bewusst oder unbewusst nicht tolerierte, nicht akzeptierte, nicht verstand, von dem ich nichts wissen wollte – ich nahm mir vor, in Zukunft vermehrt darauf zu achten.

Meiner Mutter erzählte ich noch von Comburg. Mittlerweile hatte ich mich da etwas schlau gemacht: „Bevor ich in den Freigang darf, muss ich erst nach Comburg. Das ist ein Bauernhof, wo ich dann wohl vier bis fünf Monate verbringen muss. Ab dem Zeitpunkt steigert sich mein Freigang progressiv: so, wie ich das verstanden habe, darf ich dann quasi tagsüber raus und an der frischen Luft arbeiten. Nach sechs Wochen kann ich für fünf Stunden in die Stadt, das wäre der erste Ausgang. Der zweite Ausgang findet zwei Wochen später statt, wobei ich erneut 5 Stunden in die Stadt raus dürfte. In der zehnten Woche darf ich dann zwölf Stunden raus und sogar nach Hause. In der zwölften Woche wieder zwölf Stunden nach Hause. In der 14. Woche dann sogar eine Übernachtung daheim, d.h. für ca. 40 Stunden raus. Und dann, erst drei Wochen später, also in der 17. Woche, darf ich zwei Übernachtungen daheim verbringen. Und dann ist es soweit und ich bin Freigänger. Wenn, darf ich wohl erst im Oktober in den halb-offenen Vollzug und wäre quasi so im Januar, Februar fertig. Ich könnte dann zum Sommersemester im März mit dem Studium beginnen. Aber es ist nicht sicher, ob ich in den halb-offenen Vollzug darf, weil ja noch das Abschiebungsverfahren gegen mich läuft. Bevor da keine Entscheidung gefallen ist, würden die mich wohl nirgends hinschicken. Aber mal schauen, was das Ausländeramt antwortet – ich hatte da bezüglich der Doppelstaatsbürgerschaft angefragt.“ Ich verabschiedete mich von meiner Mutter, nahm die zwei Milka-Schokoladen mit, die sie mir stets zu jedem Besuch am Snackautomaten rauslassen durfte und vernaschte diese sofort in meiner Zelle. Langsam aber sicher hatte ich eine Schokoladen-Sucht entwickelt. Jedes Mal, wenn ich gestresst war oder mich besser fühlen wollte, griff ich zu etwas Süßem – und dies war zurzeit so gut wie jeden Tag der Fall.

Die heißen Tage waren kaum auszuhalten, die Sonne prallte mit ihrer vollen Wucht direkt in die Zellen. Gesegnet waren jene, die sich einen Ventilator leisten konnten – oder eben wir Reiniger. Bei uns Reinigern war die Tür stets offen, somit hatten wir immer einen Durchzug im Zimmer oder wir flüchteten uns in den schattigen Flur. Nur wenige gaben Geld für einen Ventilator aus. Ca. 30 EUR kostete der Spaß, für das Geld konnte man sich locker eine Dose und zwei Beutel Tabak kaufen. Ohnehin hatte man in der Regel nur ca. 110 EUR monatlich zur Verfügung. In der Strafhaft durfte man auch kein Geld mehr von außerhalb bekommen. Dies war in der U-Haft anders, da durfte man zum „Lohn“ noch monatlich bis zu 180 EUR von der Familie überwiesen bekommen. Hinzu kam noch, dass die Preise beim Einkauf völlig überteuert waren. Die Supermarktkette Edeka war wohl der Lieferant, zumindest war die günstige Variante eines Produkts stets von der hauseigenen Marke. Da kam es mir gerade Recht, als mir ein Job beim „Einkauf“ angeboten wurde. Gashi, der Reiniger, wurde entlassen – ich hatte mittlerweile seinen Posten übernommen und endlich wieder eine Einzelzelle. „Herr Gashi hat im Einkauf gearbeitet, möchten Sie seinen Posten übernehmen?“, fragte mich ein Mann in „Zivil“, den ich zuvor nicht gesehen hatte. Ich bejahte. Die Aufgabe schien einfach: Ein LKW kommt mit mehreren Kästen voller Einkäufe, jeder Kasten hat eine Nummer. Nachdem der LKW von uns entladen wurde, müssen wir uns in einem sogenannten „Ausgabebereich“ einfinden. Nach und nach kommen die Häftlinge mit ihren Einkaufszetteln, auf denen eben die Nummern vermerkt sind, die sich auch auf den Kästen befinden. Wir geben den Kasten mit dem jeweiligen Einkauf aus, der Häftling kontrolliert anhand seines Einkaufszettels, ob alles geliefert wurde und geht. In einigen Fällen fehlte sogar etwas oder es wurde ein falscher Artikel geliefert, doch eine Einigung gab es immer: Entweder in Form einer Gutschrift oder eines Ersatzartikels, der in der Regel einen höheren Wert als den des bestellten Artikels besaß. Neben der üblichen Bezahlung gab es sogar noch einen Beutel Kaffee von dem Lieferanten geschenkt. Das sparte mir einiges an Geld, für Kaffee gab ich immer um die 7 EUR aus – der Einkauf fand alle zwei Wochen statt, somit bekam ich monatlich Kaffee im Wert von 14 EUR. Bei einem Lohn von 110 EUR machte das erheblich was aus, somit konnte ich mir mehr Schokolade kaufen, welche ich ohnehin gerne zum Kaffee vernaschte.

Über die unangenehme Seite des Jobs hatte mich allerdings noch keiner aufgeklärt. Ein junger Beamte kam beim ersten Mal auf mich zu: „Herr Ates, Sie kommen mit mir mit.“ Mit einem beladenen Hubwagen, auf den dutzende Kästen gestapelt waren, folgte ich ihm gehorsam. Während wir durch die verschiedenen Stockwerke gingen, setzte ich stets einen Kasten in der zugehörigen Zelle ab. Wenn ein Häftling beim Arzt, einer Verhandlung, arbeiten oder sonst irgendwie verhindert war, musste ich den Einkauf in die Zelle bringen. Anfangs nervte es mich noch, doch schnell fand ich Gefallen daran – nämlich dann, als wir uns im Stockwerk befanden, in dem ich meine U-Haft verbracht hatte: „Ach, wie die Zeit verfliegt“, dachte ich mir und wurde von Herrn Nils überrascht: „Herr Ates, Sie sind noch da?“ Er wusste wohl nicht, ob er froh oder traurig darüber sein sollte, mich zu sehen. Ich klärte ihn über meine aktuelle Situation auf und dann kam er doch tatsächlich wieder mit dem Spruch, den er zur Anfangszeit meiner U-Haft gemacht hatte: „Haha, diese Weihnachten bist Du also auch noch da.“ Ich musste schmunzeln: „Nein, nein. Ich hoffe, da bin ich auf Comburg.“ Er wünschte mir viel Glück und rief sogar die anderen Reiniger, damit sie mir beim Abladen der Einkäufe in die Zellen halfen. Als dann nur noch ein Hubwagen voller Einkäufe übrig war und wir vor einem Bereich standen, der mir bisher unbekannt geblieben war, blickte mich der Beamte ernst an. Ich ahnte schon, was kommen würde: „Herr Ates, ist es in Ordnung für Sie, wenn sie mitkommen? Das geht ganz schnell, es sind nicht so viele Zellen dort.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, doch wollte ich sicher gehen: „Das ist die Schutzhaft, oder?“ Er nickte und holte den Aufzug.

Ich bekam ein mulmiges Gefühl. Das erste Mal würde ich die Nachbarn kennen lernen.