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#72 – Meine Mutter

Die Kühe feierten kein Neujahr, für uns gab es also keinen Urlaub. Das neue Jahr ging unspektakulär los, wir arbeiteten und ich befand mich erneut in einer Bewerbungsorgie. Die Hochschule Ravensburg konnte ich abschreiben, da wurde ich bereits exmatrikuliert, aufgrund einer Falschangabe zu meiner Vorstrafe. Ich fragte mich, ob sie mich angenommen hätten, wenn ich mitgeteilt hätte, dass ich vorbestraft war. Vor diesem Problem würde ich erneut stehen, wenn mich einer der anderen Hochschulen annehmen würden. Hinzu kam noch, dass das Regierungspräsidium immer noch keine Entscheidung bezüglich meines Abschiebeverfahrens gefällt hatte. Die Ungewissheit, ob ich in Deutschland bleiben dürfte, machte mich ziemlich unsicher – ich war zuvor der festen Überzeugung gewesen, dass eine Abschiebung in meinem Falle gar nicht in Betracht käme. Bevor jedoch kein Beschluss da war, durfte ich auch nicht in das Freigängerheim und würde damit womöglich den korrekten Semesterstart im März verpassen. Als würde das alles nicht reichen, erschwerte ich mir das Ganze, in dem ich Herr Kuhn mitteilte, dass ich nicht in der Kanalisation arbeiten würde. Er war überrascht und wollte mich erst davon überzeugen, dass ich das tun müsse, doch mein Widerstand war groß. Mit dem Spruch „Vom Bordstein zur Skyline“ assoziierte ich mittlerweile den Rapper Bushido. Umso verlockender war der Gedanke, dass man später den Spruch „Von der Kanalisation zur Karriere“ mit mir in Verbindung bringen könnte, doch ich entschied mich dann dafür, dass ich auch mit dem Spruch „Vom Knast in die Karriere“ zufrieden war. „Das wird in ihrer Akte vermerkt Herr Ates. Sind Sie sich das im Klaren?“, Herr Kuhn sah mich fragend an. Ich nickte und machte sofort die Fliege, bevor er mich doch noch dazu überreden konnte.

Jeder Ausgang war eine Steigerung meiner Freiheit, ich gewöhnte mich jedes Mal mehr um den Umstand. Auch diesmal sollte es eine neue Belohnung geben, als hätte ich quasi ein Level abgeschlossen und ein „Item“ freigeschaltet. Ich durfte nach so langer Zeit endlich wieder zuhause, in meinem eigenen Bett schlafen. Also war ich einerseits sehr erfreut, meine Mutter zu sehen, als sie mich zum Ausgang abholte, andererseits aber etwas verwirrt, als ich in das traurige Gesicht meiner Mutter sah. „Was ist denn los Mama?“, fragend saß ich auf der Beifahrerseite, während sie plötzlich nach rechts einbog und wir uns auf dem Parkplatz der Moschee von Schwäbisch Hall wiederfanden: „Wollen wir kurz beten? Das Morgengebet fängt gleich an.“ Es war nur eine Frage der Zeit bis ich wieder mit dem Religionsthema konfrontiert werden würde. Es war in letzter Zeit abgeflacht, aber durch die Freiheit, die ich nun immer weiter bekam, kamen die religiösen Pflichten. Ich wusste noch nicht, wie ich zum Thema Glauben, Religion und dem Islam stand. Wie ein verwirrter, pubertierender Junge, der nicht wusste, wer er war, was er mochte, was seine Ziele waren, seine Wünsche … ich kannte weder mich noch was anderes, außer das einzig wichtige Ziel aus der Haft rauszukommen und ein Studium zu absolvieren, um mich finanziell abzusichern. Ich wusste, dass der Emre, der vor ca. zwei Jahren in die Haft reinkam, nicht der Emre war, der rauskommen würde. Und der Emre, der aus der Haft rauskommen würde, wäre auch nicht ansatzweise wie der Emre, der sich fünf Jahre in der Zukunft befand. In der Haft hatte nicht die Transformation begonnen, sondern die Zerstörung meines bisher existierenden Ichs. Die wahrliche Transformation würde erst nach der Entlassung kommen. Doch heute, genau in diesem Moment, in dem frühen Morgen, auf dem Parkplatz der Moschee entschied ich mich, das bisherige Ich noch einmal leben zu lassen. Noch einmal den frischen Duft der Morgenluft einzuatmen, das Gesicht, die Arme und Füße zu waschen – sich rein zu waschen, um sich vor dem einzig wahren Gott zu ergeben. Heute durfte das bisherige Ich nochmal leben, um zu hören wie sein Jenseits klang: die melancholischen Gebetsrufe durften ertönen in den Ohren, die in letzter Zeit nur Sünde gehört hatten. Wie lange war das schon her? Wie lange schon hatte mein bisheriges Ich das „Allah ist der Größte“ nicht hören dürfen? Ich spürte wie es lebte, mein bisheriges Ich. Spürte die Herzschläge, die sich zum Rhythmus des Gebets bewegte. Ich spürte wie das Herz schlug: „Allah“, „Allah“, „Allah“ – ich spürte, wie sich das Herz opfern wollte, Opfern für Allah, für das Jenseits, für eine perfekte Welt – für den Himmel. Solange war das bisherige Ich eingesperrt gewesen. Böse Gedanken schlugen auf das bisherige Ich ein, warfen es in einen Kerker und ließen es verrotten. Hin und wieder kam aber ein Gedanke und gab dem bisherigen Ich etwas zu essen, es wollte nicht, dass es stirbt – nicht jetzt, nicht wenn das neue Ich noch instabil ist. Und heute, da stand meine Mutter vor dem Kerker und fragte, ob das bisherige Ich raus durfte. „Nur einmal noch“, sagte ich es dem bisherigen Ich, nur um zu sehen, wie er sich völlig dem Gott ergab. All die bösen Gedanken, sie waren fort, all die Zweifel, sie waren fort, all die Ängste, sie waren fort, all die Lebenslust … sie war fort. Sicherheit war da, Hoffnung war da, Freude auf den Tod … war da. Das Morgengebet war kurz, kurz im Vergleich zu den restlichen vier Tagesgebeten. Und so süß war er, süßer als die restlichen vier. Das Gebet war zu Ende, fünf Leute waren sie gewesen. Drei ältere Opas, der Imam und mein bisheriges Ich, das so stark vor Glück strahlte, so dass die restlichen vier ihn mit Bewunderung beschenkten. Bewunderung, das Gefühl hatte ich nie kosten dürfen, nie hatte mich jemand bewundert, an mich geglaubt, nur an ihn, diesem bisherigen Ich – und warum? Weil er schwach war, weil er ein Sklave war, weil er gut gehorchen konnte, weil er das war, was andere wollten, dass er ist. Er war ein Lügner, er hatte mich all die Jahre angelogen, hatte mich eingesperrt – dieser Verbrecher! Aber das war jetzt vorbei, nun war meine Zeit da und er musste weg, ein für alle Mal verschwinden. Doch erstmal durfte er weiter in seinem Kerker verweilen und ich durfte nach Hause, endlich nach Hause, zu meiner Familie und endlich durften sie mich kennenlernen. Und auch Ich war gespannt, die wichtigste Person in meinem Leben kennenzulernen, mich selbst.

Nach dem Morgengebet machten wir noch einen Halt an der Tankstelle, um zu tanken und Kaffee zu trinken. Meine Mutter hatte mir immer noch nicht gesagt, was los war, weshalb ich sie erneut fragte, ob denn bei ihr alles in Ordnung wäre. So entschieden wir uns an der Tankstelle einen Kaffee zu trinken, nachdem wir den Auto-Tank aufgefüllt hatten. Sie erzählte mir, dass es sehr schwierig mit meinem Vater sei und er mit seiner Art, mit seinem Verhalten und wie er meine Mutter behandle, kaum zu ertragen wäre. Ins Detail ging sie nicht, denn ich wusste genau was Sache war. Meine Mutter hatte in den letzten Jahren schon einige Scheidungsversuche unternommen – doch nie kam es dazu. „Schon seltsam diese Welt, Mama. Papa und Du, ihr liebt euch nicht, ich glaube ihr habt euch nie geliebt. Liebe war gar kein Thema in eurer Ehe. Warum seid ihr überhaupt zusammengekommen?“ Das war eine rhetorische Frage, ich erwartete keine Antwort. Einst erzählte mir meine Mutter ihre Geschichte, und wie immer weinte sie dabei. Ich konnte ihren Schmerz fühlen, aber auch ihre Liebe zu dem Wichtigsten in ihrem Leben, ihren Kindern: 

„Ich war 15 Jahre alt als ich in der Türkei, in unserer Heimat, zur Schule ging. Meine Noten in der Schule waren sehr gut, ich war glücklich und voller Lebensenergie. Meine Schwestern hatten alle schon geheiratet. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis ich drankam. Dass es bereits mit 15 der Fall sein würde, hätte ich mir niemals vorstellen können. Fröhlich in meinen bescheidenen Schulklamotten lief ich die steinigen und sandigen Wege entlang nach Hause und sprang die Stufen runter ins kühle Treppenhaus. Ich konnte es kaum erwarten mit meinem kleinen Bruder raus zu gehen, weshalb ich zwei Stufen auf einmal nahm, um zügig in das 5. Stockwerk zu kommen. Gerade, da hatte ich den letzten Sprung über die zwei Stufen vollendet, da wurde ich überrascht. Mehrere dutzend Schuhe standen vor der Tür. Es war alles dabei, Männerschuhe, Frauenschuhe, Kinderschuhe – Schuhe von älteren Herrschaften. Wir hatten wohl Gäste da. Über den Anlass machte ich mir keine Gedanken. Es war üblich, dass wir ständig Gäste zu Besuch hatten, die dann ihre ganze Verwandtschaft mitbrachten. Ich klingelte an der Tür und ein Vogelgezwitscher ertönte. Dieses Geräusch vermisse ich immer noch, ich mochte es, wenn es bei uns klingelte. Meine Mutter öffnete mir die Tür und wollte, dass ich mich sofort umzog. Ab da an ging alles sehr schnell, ich begriff nicht, was passierte. Ehe ich mich versah, befand ich mich in unserem großen Gästezimmer. Saß neben meinem Vater, neben meiner Mutter und sah vor mir die gegenübersitzende Familie an – die Familie Ates. Da war der kleine Mann, zumindest der kleinste in diesem Raum, er schien das Oberhaupt der Familie zu sein. Seine Frau, sie war dicker, aber viel größer als er, sah mich ständig an. Zu ihrer linken schienen zwei ihrer Söhne zu sitzen – der Altersunterschied dürfte nicht allzu groß sein. Eine weitere, junge Frau, befand sich im Raum – wie ich hörte, die Ehefrau einer der beiden Söhne. Meine Eltern meinten es gut, sie wollten das Beste für mich. Ich bin mir da sicher. Sie konnten es aber nicht ahnen, sie konnten nicht wissen, dass es eine schlechte Entscheidung für ihre Tochter war. An diesem Tag hatten sie allerdings die Entscheidung gefällt, sie übergaben ihre Tochter in die Hände der Familie Ates – weit weg von der Heimat, über die Grenzen hinweg, weg von Familie, weg von Freunden, weg von der Schule … nach Deutschland. Für einen Moment wussten sie nicht mal, welches der beiden Söhne der Single war und um meine Hand anhielt. Dies schien allerdings irrelevant zu sein. Es war womöglich die finanzielle Sicherheit, die sie sich für ihre Tochter erhofften. Mein Leben vollzog sich einer dramatischen Änderung zu. Wie gesagt, es ging alles sehr schnell, viel zu schnell. In Deutschland, da ging es mir nicht gut, ich kannte das Land nicht, kannte die Menschen nicht, kannte die Sprache, die Kultur nicht. Aber ich wollte das Beste daraus machen, ich wollte die Sprache lernen, wollte die Menschen kennenlernen. Euer Vater aber war dagegen mich in eine Sprachschule zu schicken, er erschwerte es mir in Deutschland anzukommen. Eine Ausbildung wurde mir verwehrt, sie hatten sich mit mir eine Hausfrau geholt. Alleine, ohne Freunde, ohne Familie – ich war gezwungen der Familie Ates zu gehorchen. Ich war jung und schwach, ich blieb daheim, wenn es mir so befohlen wurde. Den ganzen Tag verbrachte ich in der kleinen Dachgeschosswohnung mit meinen Schwiegereltern. Es gab zwei Zimmer, eine sehr kleine Küche und ein kleines Bad. Ich verbrachte Tage, Wochen, Monate und Jahre damit zu weinen – weinen vor Angst, weinen vor Heimweh, weinen vor Trauer. Meine Familie konnte ich nicht so einfach anrufen. Das Telefonieren in die Türkei war zu teuer. Euer Vater war die ganze Zeit arbeiten und kümmerte sich nicht um mich. Ich war alleine, alleine bis zu dem Tag als ihr beiden kamt – meine kleinen süßen Zwillinge, mein Herz, meine Seele, meine Lieblinge, meine Lichtblicke, ihr seid das wichtigste in meinem Leben – meine Tochter, mein Sohn. Mit euch wuchs ich auf, mit euch wurde ich stärker, für euch wurde ich stärker. Alles was ich tat, tat ich für euch.“ 

Meine Mutter erzählte die Geschichte nicht oft, zweimal hatte ich sie gehört, zweimal hatte ich geweint, zweimal hatten wir geweint. Meine Mutter bedeutete mir alles. Die Abneigung, die ich gegenüber meinem Vater verspürte, kam hauptsächlich davon, wie er meine Mutter behandelte und behandelt hatte. Nun stand ich hier in der Tankstelle mit meiner traurigen Mutter und war so sauer auf mich: „Mama, weißt Du was ich am meisten bereue? Ich habe dich enttäuscht. Du warst all die Jahre für mich da, für deine Kinder. Und was habe ich gemacht? Du brauchst mich jetzt, du hast mich schon viel früher gebraucht – aber ich war nicht da. Ich konnte bisher noch nie in meinem Leben für dich da sein. Mama, ich will endlich für dich da sein. Ich gebe mein bestes. Ich werde studieren, ich wird es in der Regelstudienzeit schaffen, ich werde einen guten Job finden und dann helfe ich Dir Mama. Gib mir bitte noch etwas Zeit.“ Sie umarmte mich: „Ach mein Sohn. Egal was Du gemacht hast. Ich weiß, dass du der liebste und wundervollste Sohn auf der Welt bist. Du bist mein Sohn. Dein Bruder, deine Schwestern und Du – ihr seid meine Familie. Wir schaffen das.“ Wir Kinder standen vollkommen hinter unsere Mutter, ohne zu zögern folgten wir ihr. Wie ein Prophet einem Engel gehorch, so gehorchten wir unserer Mutter. Genau wie an jenem Tag. 

Meine Zwillingsschwester und ich waren in der 7. Klasse auf der Realschule. Meine Noten waren schlecht, meine emotionale Gefühlslage sehr chaotisch. Neben der Pubertät hatte ich noch mit der negativen Stimmung zwischen meinen Eltern zu kämpfen. Die Wochenenden und Ferien verbrachte ich in der Moschee, gefangen – ohne die Möglichkeit wieder zurück nach Hause zu gehen. Freitags nach Schulschluss musste ich schnell nach Hause rennen, mich waschen und mit meinem Vater zum Freitagsgebet. Nach dem Freitagsgebet durfte ich für einigen Stunden wieder nach Hause, um dann abends wieder in der Moschee abgeliefert zu werden. Mit meinem Schlafsack unter einem Arm und dem Koran unter dem anderen Arm schlenderte ich den Eingang der Moschee entlang. Stets blickte ich in die Augen meiner Mutter, meines Vaters, als sie mich dort „absetzten“. Sie sahen die Trauer in meinen Augen nicht. Was ich jedoch in ihren Augen sah war Freude. Sie waren glücklich, dass ihr Sohn religiös erzogen wurde. Ich war mir sicher, sie wollten das Beste für mich. Was an diesen Wochenenden und Ferien passierte, das war eine andere Geschichte – wahrscheinlich wussten meine Eltern nicht einmal, was wir genau taten. Sonntag nachmittags ging es zurück nach Hause und es gab Pizza oder Döner als Belohnung. Ansonsten hatte ich mit meinem jüngeren, schwierigen Bruder zu kämpfen. Ständig ging er mit dem Buttermesser auf uns los, verschwand abends und ich musste ihn aufspüren, zurück nach Hause bringen. „Du musst ein gutes Vorbild für ihn sein!“ befahl mir mein Vater. Ich war ein verzweifelter Junge. Doch dann kam die Rettung in Form meiner Mutter. Ich saß vor unserem ALDI-Computer, als meine Mutter um meine Aufmerksamkeit bat. Sie erklärte mir, dass es zwischen meinem Vater und ihr nicht mehr lief und sie zurück zu ihren Eltern in die Türkei auswandern wolle. Sie fragte mich tatsächlich ob ich kommen würde: „Du würdest deine Freunde, deine Schule und Deutschland aufgeben.“ Ich zögerte nicht, keine Sekunde: „Mama, ich komm mit Dir!“ Meine Schwester und mein Bruder kamen ebenfalls mit. Meine Mutter sprach mit unseren Lehrern, sprach mit dem Schuldirektor. Sie alle hatten Verständnis. Meine Mitschüler bastelten mir Abschiedskarten, sie umarmten mich, einige weinten – noch nie hatte ich soviel Aufmerksamkeit bekommen, nie hätte ich gedacht, dass man mich hier vermissen würde. Es tat weh zu gehen, aber es tat gut anzukommen. Wir waren in der Türkei angekommen und alles was mein Vater daheim auffand, war ein Abschiedsbrief meiner Mutter. 

Wir waren schwach. Wir Kinder, meine Mutter, ihre Familie in der Türkei. Zwei Wochen später war mein Vater da, redete mit meiner Mutter und ihrer Familie. Keinen Tag später nahm er uns alle mit und wir waren zurück in Deutschland. Es hatte sich nichts geändert. Meine Großeltern hatten schon einmal den Fehler gemacht und ihre Tochter nach Deutschland geschickt. Und nun, fast zwei Jahrzehnte später, da hatten sie die Chance alles wieder gut zu machen. Sie hatten die Chance auf ihre Tochter aufzupassen, für ihr Glück zu Sorgen, für die Enkelkinder da zu sein. Aber sie hatten erneut den Fehler begangen, erneut ihre Tochter fortgeschickt. Dachten sie tatsächlich immer noch, dass es das Beste für ihr Kind war? Waren sie wirklich so naiv? 

Nun war ich dran. Ich würde für meine Mutter da sein. Ich umarmte sie. Wir nahmen unsere Kaffeebecher mit, stiegen ins Auto und fuhren schweigend nach Hause, wo meine Geschwister auf mich warteten, wo mein Vater auf mich wartete. Was war es bloß, dass meinen Vater zu dem machte was er war? Er hatte seiner Frau nie Zuneigung zeigen können, nie Liebe seinen Kindern geben können. Er hatte meine Mutter nicht verdient. Er hatte uns Kinder nicht verdient. Er hatte uns einfach nicht verdient … oder? 

#71 – Der Vorzeigehäftling


Der Dezember war einer der schönsten Monate, den ich seit langem erlebt hatte. Die Drillinge waren wohlauf und munter. Jeden Tag freute ich mich wie ein kleines Kind darauf, morgens aufzustehen und sie zu füttern. Sie wurden nach den Neffen von Donald Duck benannt: Tick, Trick und Track. Damit verband ich automatisch kindliche Gefühle mit diesen drei süßen Kälbern. Mir fiel die Arbeit nicht mehr schwer aber vielmehr fingen die Kühe an, mir Leid zu tun und immer, wenn ein neuer Häftling kam, der auch im Stall arbeiten musste, bat ich ihn darum, behutsam mit diesen Lebewesen umzugehen. 

Auch wenn die Drillinge das Wundervollste in diesem Monat waren, so gab es noch das ein oder andere Highlight. So hatten mich die Jungs nicht vergessen und tatsächlich in die Liste zum Schwimmen angemeldet. Ein dünner Pfarrer hatte uns abgeholt und in ein großes Wellenbad gebracht. Von Rutschen bis hin zu Whirlpools war alles dabei – vor allem die hübschen Damen fielen uns auf. Die Vorfreude auf die Freiheit stieg ins Unermessliche an. Die Vorstellung, dass ich später mal eine Freundin haben könnte und mit ihr zusammen in ein Wellnessbad gehen zu können, war wunderschön. Sagenhafte drei Stunden durften wir verbringen, als der Pfarrer uns wieder zusammentrieb und zurück ins Freigängerheim brachte. Überraschenderweise hielt mich Herr Kuhn an der Tür auf und forderte mich noch zum Bleiben auf, während sich die anderen drei Jungs in ihre Zimmer begaben. Eine weitere Person, die sich im Büro von Herrn Kuhn aufhielt, stellte sich mir als Leiter des Freigängerheims in Schwäbisch Hall vor. Er wollte wissen, wie ich auf die Idee käme, studieren zu wollen und wieso ich es nicht mit dem Arbeiten versuchen wollte. Doch ich konnte ihn schnell von meiner Motivation überzeugen, sodass er mir am Ende gestand, dass er das als etwas Gutes ansähe, doch die Problematik im Finanziellen sehe: „Wie möchten Sie denn das Studium finanzieren?“ Ich sicherte ihm zu, dass mein Vater mich finanziell unterstützen würde: „‘Wenn ihr studiert, bekommt ihr vollste Unterstützung von mir‘, hat mir mein Vater stets gesagt.“ Wir einigten uns darauf, dass mein Vater mindestens 600 Euro im Monat bereitstellen müsste und ich das mit meinem Vater bei meinem nächsten Ausgang klären solle. Voller Freude bedankte ich mich für das Verständnis und die Unterstützung, die er mir gab. Bevor ich das Büro verließ, wies er mich noch auf eine wichtige Sache hin: „Sie müssen sich aber selbst darum kümmern, einen Studienplatz zu bekommen.“ Ich war mittlerweile so euphorisch, dass ich das Risiko einer Absage von Hochschulen 

als nicht realistisch ansah. Die Euphorie brachte mich jedoch dazu, einen Fehler zu begehen: Ich erzählte es Tarik. Er hatte Gefallen an der Idee gefunden, auch studieren zu können – überraschenderweise hatte er die hierfür nötige Fachhochschulreife. Es war mir jedoch klar, dass er das Studium nur beginnen, aber nicht abschließen wollte denn es ist sicherlich angenehmer, in einem Vorlesungssaal zu sitzen, anstatt einer harten Arbeit nachzugehen. Unglücklicherweise rannte er sofort nach unten ins Büro und teilte dem Leiter des Freigängerheims seinen Wunsch mit, Selbiges wie ich vorzuhaben. Später erfuhr ich, dass der Leiter des Freigängerheims überhaupt nicht erfreut darüber war und kurz davor stand, uns beiden das Studieren zu verwehren. 

Noch vor Silvester und Weihnachten durfte ich einen längeren Aufenthalt in meiner Heimatstadt verbringen, sagenhafte zwölf Stunden. Am selben Tag hatte Tarik ebenfalls seinen Ausgang. Während ich morgens erneut von meiner Familie mit unserem alten Mercedes-Kombi vom Bauernhof abgeholt wurde, sahen die „Bezugspersonen“ von Tarik nicht nach Familie, sondern vielmehr nach einer Gang aus. Ich sah, wie Tarik in einen protzigen AMG-Mercedes einstieg und von zwei Stereo-Gangster-Kanaken kutschiert wurde. Meinem Vater gefiel der Anblick überhaupt nicht, weswegen er mir empfahl, mich von ihm fern zu halten. Ich bestätigte seine Aussage, indem ich ihm erklärte, dass Tarik wegen einer Schreckschusswaffe einsaß, zuvor Bewährung wegen Körperverletzung bekommen hatte und allen Anschein nach ein Zuhälter war. Dennoch fand ich Tarik paradoxerweise sehr sympathisch und lustig, wir teilten uns den gleichen Humor.

Meine Mutter kam auf die Idee, dass es doch super wäre, wenn wir auf dem Heimweg einen Zwischenstopp im Milaneo in Stuttgart machen würden. „Milaneo? Was ist das?“, fragte ich sie. Die Antwort auf meine Frage war vorherzusehen: „Es ist ein riesengroßes neues Einkaufszentrum in Stuttgart.“ Die Augen meiner kleinen Schwester leuchteten wie Perlen, als sie davon erzählte. Auch wenn ich es nicht gut fand, dass sie in dem Alter schon von Einkaufszentren schwärmte (und somit bereits im jungen Alter Opfer der Konsumgesellschaft war), so hatte ich nichts dagegen, wenn alle Lust darauf hatten. Angekommen in Stuttgart sah ich dieses riesige Einkaufszentrum hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof und versuchte mich zu erinnern, was damals statt dem Milaneo hier gewesen war – doch meine Erinnerungen beschränkten sich hauptsächlich auf die Haftzeit. 

Es war ein Samstag und somit einer der Tage, an denen generell viel los war – doch noch nie zuvor hatte ich so viele Menschen auf einem Haufen einkaufen gesehen. Es war sehr laut und ich hörte sehr viele Stimmen, die sich mit irgendeiner Hintergrundmusik vermischten. Ein Dutzend verschiedener Gerüche „vergewaltigten“ meine Nase und mein Kopf war kurz vor dem Platzen. Ich wollte unbedingt raus hier, raus in die Freiheit und an die frische Luft: „Mama, können wir bitte raus? Bitte, mir ist so schlecht.“ Meine Mutter ging meinem Wunsch sofort nach und wir begaben uns nach draußen. „Was ist denn los?“, fragte mein Vater völlig verwirrt. „Ich weiß nicht, da drin ist so viel los und es sind so viele Menschen. Ich weiß, das klingt jetzt total seltsam, als würde ich hier irgendwelche Filme schieben. Aber können wir nicht einfach draußen spazieren? Von mir aus in der Königsstraße, dann kann die Kleine auch shoppen und dort in die Läden rein?“ Auch, wenn ich in verständnisvolle Gesichter blickte, so wusste ich, dass sie besorgt waren – vielleicht dachten sie, dass ich einen Haftschaden bekommen hatte. 

Als wir in der Königsstraße waren, war zwar auch einiges los, aber ich konnte wenigstens die „frische“ Luft genießen. Typischerweise taten wir es den meisten Türken gleich und beendeten unseren Spaziergang damit, dass wir uns in ein türkisches Restaurant am Ende der Königsstraße setzten und etwas aßen. Es war unüblich, dass mein Vater auswärts aß und Geld ausgab denn er war Befürworter von heimischem Essen, wozu hatte er sonst eine Hausfrau – auch diese Denkweise war typisch türkisch. Nachmittags kamen wir dann endlich in meiner Heimatstadt an und ein unwohles Gefühl beschlich mich. So, als wäre ich unerwünscht hier und müsste mich erst noch einmal integrieren. Doch die restlichen Stunden vergingen unspektakulär: Einmal rief Herr Kuhn zur Kontrolle an und sonst saßen wir in einer familiären Umgebung vor dem Fernseher und unterhielten uns, während im Hintergrund eine türkische Serie lief – es war auch typisch türkisch, dass der Fernseher im Hintergrund läuft, während alle sich unterhalten. Meinem Vater erzählte ich davon, dass er mich monatlich mit 600 EUR unterstützen müsste, damit ich studieren durfte. Die Art und Weise wie er antwortete, war immer dieselbe. Zuerst erklärte er, wie wenig Geld er doch habe und dass ich ihn schon sehr viel gekostet hätte. Dann zählte er alles auf, was er schon für mich ausgegeben hatte. Manchmal zeigte er mir noch Rechnungen die noch zu bezahlen waren und erklärte mir, dass er für mich Geld von Freunden und Bekannten leihen musste. Mir hingegen gingen immer die gleichen Gedanken durch den Kopf: Wie hatte er sich dann die sieben Eigentumswohnungen leisten können? Wieso besaß er so viele Aktien? Verlagerte er sein Geld einfach und investierte in seine Zukunft und Rente, statt für die Kinder zu sorgen? Waren wir wirklich so arm, dass wir (damals) drei Geschwister jahrelang ein 10m² Zimmer teilen mussten? Oder übertrieb er maßlos? Im Endeffekt willigte er aber ein und sicherte mir die finanzielle Unterstützung zu. „Sobald ich aus dem Freigängerheim entlassen werde, suche ich sofort eine Werkstudententätigkeit und finanziere so meinen Lebensunterhalt“, versprach ich ihm, wohlwissend, dass er mir nicht glaubte und an meinem Vorhaben zweifelte.  

Einer der Mithäftlinge und ich hatten ein besonderes, exklusives Event im Dezember. Es schien so, als wären wir unter den ganzen Häftlingen wohl die Musterbeispiele bzw. vorzeigefähig. Ein etwas dickerer Pfarrer kam auf uns zu und fragte, ob wir denn Lust hätten, mit ihm eine Gruppe Jugendlicher zu besuchen, welche aktuell ein freies soziales Jahr absolvierten. Er hätte gar nicht erwähnen brauchen, dass sich das positiv auf unsere Haft auswirkte denn wir wären bereits nur der Abwechslung wegen mitgegangen. Natürlich bejahten wir entsprechend und warteten gespannt auf den Tag, indem wir uns verschiedenste Szenarien ausmalten. Kurz bevor das Event anstand, wurde uns etwas mulmig dabei: Was würden sie von uns halten? Würden sie uns gleich verurteilen? Es war das erste Mal für mich, dass ich offen gegenüber fremden Personen über meine Tat erzählen musste. Der Pfarrer fuhr uns in seinem privaten Auto eine Stunde weit weg an einen Ort, der abgelegen von alldem war, was auf Leben hindeutete. Wie seine zwei Bodyguards liefen wir an seiner Seite in das Haus und wurden sofort von zwei älteren Damen begrüßt, die das Ganze hier zu leiten schienen. Als wir den großen Aufenthaltsbereich betraten, konnten wir uns vor den Blicken gar nicht retten, mir wurde unwohl und ich lief auch rot an – dies lag viel weniger daran, dass mir mein Status als Häftling nicht gefiel, sondern viel mehr dass ich generell (trotz meiner extrovertierten Art) ein süchterner Typ war, wenn es um hübsche Frauen ging. Wir wurden in einen Raum geführt, in dem sich ein Stuhlkreis befand und wurden auf unsere Plätze verwiesen. Die recht jungen FSJ-ler betraten teils mit Gelächter, teils flüsternd den Raum. Andere wiederum schienen gelangweilt, während wieder andere ihre Blicke nicht von uns lassen konnten. Als alle ihren Platz einnahmen, erzählte die Leiterin des Hauses, woher wir kamen und dass wir uns für alle möglichen Fragen zur Verfügung gestellt hatten. Sie bedankte sich bei Artjom und mir und wies glücklicherweise darauf hin, dass wir unangenehme Fragen nicht beantworten müssten und dass das kein Verhör sein wird. Da die JVA wohl vom Pfarrer repräsentiert wurde, gab er eine kurze Erklärung, wie es in der JVA Schwäbisch Hall ablief und was seine Rolle dabei war: „… Außerdem habe ich die Pflicht zu schweigen, wenn sich ein Häftling mir anvertraut…“ Dies löste natürlich gleich die ersten Diskussionen aus und alle wollten wissen, ob es denn nicht doch die ein oder andere Ausnahme gab – die schien es wohl nicht zu geben. Interessant war, dass ich auch erst jetzt davon erfuhr. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich der Pfarrer die Zeit nahm, um die Seelsorge für Häftlinge zu spielen. Auch hatte ich noch nie von einem Mithäftling gehört, der diese Dienste des Pfarrers in Anspruch genommen hatte – vielleicht lag das an mangelndem Vertrauen in den Pfarrer. Welchen Dienst jedoch so gut wie jeder Neuankömmling in Anspruch nahm, berichtete der Pfarrer voller Stolz: „Ihr müsst wissen, die ersten Tage sind für die Inhaftierten die schwersten und sie sind mit den Nerven am Ende. Sie besitzen kein Geld, keine privaten Klamotten und auch sonst kein Hab & Gut. So gut wie alle sind Raucher und der Entzug von Nikotin erschwert ihnen ihre Situation noch mehr. Daher können die Neuankömmlinge einen Antrag auf ein Päckchen Tabak stellen, welches ich ihnen dann bringe. Allerdings müssen sie das zum späteren Zeitpunkt zurückzahlen bzw. beim nächst möglichem Einkauf ein Päckchen Tabak kaufen und mir zurückgeben. Dieses Prinzip funktioniert in der Regel sehr gut.“ Während er fortfuhr und seine Gutmütigkeit bis ins letzte Detail ausführte, kam es mir wie ein Geistesblitz: An meinem ersten Tag in der JVA Schwäbisch Hall war ich auch mit den Nerven am Ende, doch unglücklicherweise war ich kein Raucher, brauchte aber Schokolade als Nervennahrung. Während der Pfarrer meinem Zellenkollegen ein Päckchen Tabak brachte, ging ich leer aus und bekam nicht einmal eine Tafel Schokolade. Bei dem Pfarrer, den ich um eine Tafel Schokolade gebeten hatte, handelte es sich genau um jenen, der nun zu meiner Linken saß und davon erzählte, wie er die Anfangszeit der Neuankömmlinge etwas erleichtern würde. Am liebsten hätte ich ihm just in diesem Moment das Ganze unter die Nase gerieben, aber dies wäre höchst unangebracht gewesen. 

Dass ich eine extrovertierte Person war, wurde allen spätestens dann klar, als der Pfarrer mir das Wort übergab und ich sofort loslegte von meiner Tat, meiner Verhaftung, den ersten Wochen und die darauffolgenden Monate zu erzählen. Mal gab es staunende Blicke, mal Gelächter und natürlich auch gelangweilte Gesichter waren zu erkennen. Der Pfarrer musste mich ab einem bestimmten Punkt unterbrechen, da ich sonst wohl noch den ganzen Tag geredet hätte. Die FSJ-ler waren dran, mir Fragen zu stellen. Positiverweise wurde mir oft am Anfang der Fragen mitgeteilt, dass sie meine Tat nicht „sooooo schlimm“ finden würden und sie das Urteil heftig fanden. Auch wenn ich meine Tat nicht klein reden wollte, so erfreute es mich, dass ich hier nicht ins Kritikfeuer geraten war und nicht hart verurteilt wurde – das war meine größte Angst gewesen. Die ersteren Fragen waren absehbar gewesen: „Wird man im Gefängnis eigentlich schwul? Immerhin sieht man nur Männer.“ Das löste Gelächter aus und auch ich musste grinsen: „Also um erstmal klarzustellen, ich bin nicht homosexuell. Und nein, man wird nicht schwul. Ich weiß nicht, wodurch man schwul wird oder ob das in den Genen liegt. Aber ganz ehrlich, ein paar Jahre ohne Frauen wird man es wohl aushalten können. Außerdem gibt es ja noch die Selbstbefriedigung. Der Knast ist kein Ort, in dem Männer zu Homosexuellen transformiert werden.“ Der junge Mann, der mir die Frage gestellt hatte, wollte es genauer wissen und amüsierte sich wohl dabei, den Rest der Truppe zum Lachen zu bringen: „Aber irgendwann gehen einem doch die Fantasien aus? Man weiß doch dann nicht mehr, wie ein Frauenkörper aussieht.“ Ich sah den Pfarrer an und musste bei dem Gedanken, dass die Frage ihm wohl unangenehmer war als mir, schmunzeln: „Ich sag nur Samstagabend um 23:00 Uhr Sport1 – da sind alle Häftlinge still in ihren Zellen und ‚beschäftigt‘.“ Das Gelächter hörte gar nicht mehr auf und da kam schon der nächste junge Mann und knüpfte an die Frage an: „Ist das nicht unangenehm, wenn man die Zellenkollegen dabei sieht?“ Alle hörten aufmerksam zu, die Antwort schien die meisten zu interessieren: „Natürlich ist es das, aber das macht keiner. Das ist auch der Hauptgrund, wieso Einzelzellen bevorzugt werden – damit man eben seine Ruhe hat, wenn man sich selbst befriedigt. Diejenigen, die in Zwei- oder Viermannzellen sind, müssen einen Kompromiss eingehen. Das heißt, dass hin und wieder einer der Zellenkollegen nicht zum Hofgang geht und dafür alleine in der Zelle seine Ruhe hat. Wir wussten immer, dass sich derjenige gerade selbst befriedigt, wenn er auf den Hofgang verzichtete – zumindest in den meisten Fällen traf dies zu.“ Den Gesichtern war zu erkennen, dass die Antwort zwar sinnvoll erschien, doch etwas enttäuschend war. Die Jugendlichen schienen sehr fixiert auf die sexuellen Themen zu sein und es war nur eine Frage der Zeit, bis die ultimative Frage kam: „Wie ist das mit der Seife unter der Dusche?“ Mittlerweile fand ich die Frage bzw. das Klischee so schwachsinnig, dass ich sie am liebsten nicht beantwortet hätte, aber ich wusste noch ganz genau, dass mein erstes Mal unter der Dusche auch von dieser Angst geprägt war: „Also erstens, es gibt eigentliche keine Duschseife, die man fallen lassen kann. Jeder hat ein Shampoo oder eben Flüssigseife. Aber das ist eine berechtigte Frage, ich hatte am Anfang auch große Angst, unter der Dusche vergewaltigt zu werden. Aber die Angst ist total unbegründet. Zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand einen hoch bekommt, wenn er nicht homosexuell ist. Und diejenigen, die homosexuell sind, werden von den anderen Häftlingen ausgestoßen. Es geht sogar so weit, dass fast alle mit Unterhosen duschen. In Schwäbisch Hall unterteilen sich die Duschen in die der Türken und die der Russen. Während die Russen und Deutschen eher nackt duschen, sind Türken, sowie Kurden und Albaner stets mit Unterhose anzutreffen. Ich muss zugeben, dass ich nun seit gut zwei Jahren nur mit Unterhose geduscht habe und es sich mittlerweile nicht mehr seltsam anfühlt.“ Eine kurze Stille kehrte ein und wurde durch die nächste Frage, diesmal von einem Mädchen, unterbrochen: „Sorry, wenn ich das so sage. Aber du siehst gar nicht aus wie ein Häftling. Ganz im Gegenteil. Ich dachte immer, im Knast sind so Muskelpakete, die tätowiert sind und voll respektlos reden.“ In der Tat entsprachen weder Artjom, noch ich diesem Klischee. „Also ich bin mal ganz ehrlich, das Klischee stimmt und das Bild, dass du von einem Häftling hast, passt auch in den meisten Fällen. Ich bin mal so frech und behaupte einfach, dass der Herr Pfarrer hier uns ausgewählt hat, da wir quasi Vorzeigehäftlinge sind. Ihr habt mit uns die Normalsten aus der Haft bekommen. Ich meine, schaut euch den hier an, der sieht 1000 mal mehr nach einem Häftling aus als ich“ – ich deutete auf einen jungen Mann im Publikum, der von der Optik her in das Klischee passte und alle fielen in ein Gelächter. Die letzten Fragen befassten sich dann mit den weiteren Konsequenzen meiner Tat: „Musst Du das ganze Geld eigentlich zurückzahlen? Das wäre ja total scheiße.“ Ich überlegte kurz und merkte, dass ich mir dazu noch gar nicht viele Gedanken gemacht hatte: „Hmm, das ist eine gute Frage. Die Deutsche Bahn hat nach Rechtskraft meines Urteils drei Jahre Zeit, Zivilklage einzureichen und das Geld von mir zu fordern. Bisher haben sie das nicht getan. Ich hoffe, dass sie es auch in Zukunft nicht tun werden. Aber aktuell habe ich ganz andere Probleme und habe mich noch nicht wirklich damit beschäftigt. Was ich Schlaumeier aber getan habe, ist der Deutschen Bahn einen Entschuldigungsbrief zu schreiben. Aber um ehrlich zu sein hoffte ich einfach, dass ich damit Sympathie-Punkte beim Gericht bekomme – die haben mich aber sicherlich durchschaut.“ Etwas errötete ich schon, als ich realisiert hatte, was ich da von mir Preis gab. „Und darfst Du noch Bahn fahren?“, wollte sie noch zum Abschluss wissen: „Auch gute Frage. Weiß ich nicht. Wäre aber wirklich blöd, wenn ich die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr nutzen dürfte.“ Gerade als ich dachte, mein Auftritt sei vorbei und der Pfarrer das Wort an Artjom übergeben wollte, fiel ihm eine ins Wort: „Dürfen wir noch wissen, welche Strafe du bekommen hast?“ Ohne weit auszuholen und den Grund der Höhe des Strafmaßes zu erklären, indem ich z.B. nichts von meinen kleinen Vorstrafen erzählte, nannte ich die Zahl: „3 Jahre 9 Monate beträgt meine komplette Strafe. Ich muss jedoch nur 2 Jahre 6 Monate absitzen, da ich als Ersttäter in der Haft bei 2/3 der Strafe entlassen werden darf und der Rest zur Bewährung ausgesetzt wird.“ Wieder fing das Geflüster an, einigen schoss es wie eine Bombe aus dem Mund: „Ohaaaaa, das ist ja mal viel!“ Um ihnen nun kein falsches Rechtsempfinden zu geben, erläuterte ich doch noch, dass die Strafe zurecht war, dass da mehrere Faktoren eine Rolle spielen und sich alles im Rahmen des Strafgesetzbuches bewegt hat. Das war nun ein guter Übergang für den Auftritt von Artjom, dies sah auch der Pfarrer ein und blickte ihn an: „The stage is yours“. Interessant fand ich, dass ich Artjoms Story selber noch nicht gehört hatte.

Er war genauso alt wie ich und ein Russe, der aber von seiner Ausdrucksweise, Artikulation und auch Auftreten her eher einem Deutschen glich – dennoch hörte man heraus, dass er kein gebürtiger Deutscher war, was man auch unschwer am Namen erkennen konnte. Er saß wegen mehrfachen Einbruchs und erklärte, wie er sich in die Wohnungen und Häuser fremder Menschen begab, in dem er die Fenster aufbrach – was nach seiner Erklärung ein Kinderspiel sei, vor allem wenn die Fenster nur gekippt seien. Es gab nicht viel zu erzählen und sonst referierte er auf meine Aussagen, wenn es um die Haftbedingungen ging. Die FSJ-ler schienen auch nicht weiter zuhören zu wollen und wurden unruhig, eine streckte ihre Hand hoch und wollte wohl eine Zwischenfrage stellen: „Ich finde das total asozial, was Du gemacht hast. Einfach in fremde Häuser einbrechen. Das von deinem Kollegen finde ich auf irgendeine Weise noch ok verglichen mit deiner Tat. Wie kann man nur so drauf sein wie Du?!“ Genau vor so einem Vorwurf hatte ich Angst gehabt und nun musste es Artjom am eigenen Leib spüren – er tat mir etwas leid, aber wir waren eben Kriminelle. Man darf natürlich nicht alle über einen Kamm scheren, aber im Endeffekt war meine Tat weder schlechter, noch besser. Ich wollte mich nicht einmischen, wurde dennoch leicht rot, da die Kritik unangenehm war. Ich musste aufpassen, dass ich später in meiner Freiheit niemandem davon erzählte. Wenn sich alle gegen mich wenden und mich verstoßen würden, wäre das alles andere als gut, zumal ich sicher war, dass ich mich bessern würde bzw. wenn nicht sogar schon gebessert hatte. Noch unangenehmer wurde es, als auch nach seinem Strafmaß gefragt wurde und seine Antwort, die eigentlich nur ein verlegener Seufzer auf die vorherige Frage war. Er nannte ein Strafmaß von zwei Jahren und drei Monaten, und das als Wiederholungstäter. Letztendlich musste er wohl nur 9 Monate absitzen und hatte den Rest auf Bewährung bekommen. 

Der Pfarrer beendete das Gespräch und hielt eine Abschlussrede. Die Verantwortlichen der FSJ-ler bedankten sich bei uns und wir verabschiedeten uns. Auf der Rückfahrt fühlte ich mich erschöpft. Es war nicht einfach, offen mit seinen Fehlern umzugehen – auch wenn ich im Vergleich zu Artjom nicht so viel, oder fast gar nichts einstecken musste. Glücklicherweise lud der Pfarrer uns noch auf ein Essen im griechischen Restaurant ein. Wir freuten uns riesig auf die leckeren und duftenden Speisen: „Wenn die Leute nur wüssten, was für einen Luxus sie mit dem ganzen Essen haben.“ Erwähnte Artjom noch während er ungeduldig seinen Teller aufaß. 

Zurück im Bauernhof angekommen, begegnete mir der nächste Konflikt. Herr Kuhn bat mich schon wieder in sein Büro und erklärte mir, dass ich in der Kanalisation arbeiten müsse. Ich war schockiert. Ich kannte diese Arbeit. Zwei unserer Häftlinge wurden morgens von einem stinkenden Typen abgeholt, der Kanalreiniger war. Den ganzen Tag hatten sie nichts anderes zu tun, als in die Kanalisation zu steigen und irgendwelche Scheiße sauber zu machen – das war bei Weitem schrecklicher als die Tätigkeit auf dem Bauernhof, zumal ich langsam Gefallen daran empfand, im Stall zu arbeiten. Ich wusste ganz genau, wieso Herr Kuhn mich ausgewählt hatte: Ich konnte einfach nie Nein sagen und ich wollte unbedingt studieren. Ein „Nein“ hätte entsprechende negative Folgen nach sich ziehen können. Wollte ich das Risiko tatsächlich eingehen? Ohne etwas zu sagen, ging ich hoch und Herr Kuhn spürte bereits, dass ich wohl etwas Bedenkzeit brauchte. Als ich mich meinem Zimmer näherte, hörte ich bereits das Gelächter der drei Jungs und wurde etwas wütend, dass sie mit allem durchkamen. Als ich das Zimmer betrat kam Luigi auf mich zu, warf seinen Arm um meine Schulter und sagte: „Mein Freund, du wirst an Silvester mit uns Vodka trinken!“ Ich verneinte und war zudem sauer, dass die wohl Alkohol reingeschmuggelt hatten. Ich musste noch etwas stark bleiben, das waren die letzten Meter. Das Freigängerheim wartete auf mich. Das war das was mich ausmachte, der Wille, um meine Zukunft zu kämpfen. Die Jungs sollten mich bloß aus Allem raushalten. Als der letzte Tag des Jahres nun anstand und wir einige Stunden mit offenen Türen verbringen konnten, bevor wir abends eingeschlossen werden würden, packten die Jungs ihren Alkohol aus und betranken sich. Mir war Silvester nie wichtig gewesen, ich hatte es auch nie gefeiert und sah keinen Grund darin gerade heute das Neujahr zu feiern. Anders erging es den Mithäftlingen eine Zelle weiter, sie hatten es vermasselt: Es war noch nicht sehr viel Zeit verstrichen, seit unsere Türen offen waren, da kam ein ganz lauter Schrei aus ihrer Zelle: „Hilfe! Hilfe! Ich sterbe! Hilfe!“ Ich hatte noch nie einen Mann so laut schreien hören. Er schreite weiter „Mein Arm fällt ab, ich verliere meinen Arm! Hilfe!“ Sein Zellenkollege schien vor Panik auch zu schreien. Schnell standen wir alle auf und rannten in die Zelle. Beide lagen auf dem Boden aber es war kein Blut oder dergleichen zu sehen. Tarik lachte: „Die Idioten haben Spice genommen.“ Keine Sekunde später kam Herr Kuhn und ein weiterer Beamte, sie schlossen uns sofort in unsere Zellen ein.

Im Laufe der Nacht hörte ich die Schreie immer noch, bis irgendwann mehrere Fußstapfen zu hören waren, Stimmen der Beamten und schließlich, es war noch nicht Neujahr, da waren die Schreie der beiden Mithäftlinge plötzlich weg. 

„Frohes Neues, Bro“, Tarik drehte sich um und schlief wie ein großer Bär ein.

„Frohes Neues…“

#70 – Die etwas anderen Gefangenen

Die Natur, die Erde und das Universum haben gewisse Regeln. Es schien, als wäre ein komplexes System hinter allem – oder eben eine höhere Macht, ein höheres Wesen, ein Gott. So fragte ich mich, ob so ein komplexes System nur dann laufen konnte, wenn stets ein Gleichgewicht herrschte. Vielleicht gab es Naturkatastrophen und dergleichen nur, um eine Art Defragmentierung des Systems vorzunehmen, um es mit den Worten eines Informatikers zu sagen. Anders konnte ich es mir nicht erklären, dass direkt nach einem der besten Tage meines Lebens die wortwörtlich beschissenste Zeit ebendieses anstand.

Gerade als unser Quartett zur Arbeit abrücken wollte, kam Herr Kuhn auf uns zu: „Einer von euch muss im Stall arbeiten.“ Tarik fühlte sich sofort angesprochen: „Wieso? Gibt es denn nicht genug Leute? Und wer von uns soll da arbeiten?“ Der Beamte öffnete uns die Tür und machte ein husch-husch-Zeichen, als der kalte Wind mit voller Wucht hineinblies: „Die sind unterbesetzt. Macht das unter euch aus, ich brauche heute zum Mittagessen einen Namen.“ Wir begaben uns fluchend und genervt in unseren Arbeitsraum. Es herrschte Chaos im Paradies: Wer musste gehen? Wir diskutierten, beschwerten uns und lachten über die Scheißarbeit. Am Ende verging mir aber das Lachen. Es hatte mich erwischt: „Emre, Du bist der Neueste. Wäre es ok, wenn Du gehst?“ Die Drei hatten sich geeinigt und es war vielmehr eine Aufforderung als eine Frage. „Ja, was soll’s“, das waren auch die Worte, die ich Herr Kuhn sagte, als er in der Mittagspause fragte, ob ich im Stall arbeiten möchte. 

Bereits am Abend musste ich mit den restlichen Stallarbeitern abrücken. Mein Lichtblick für die nächsten zwei Wochen war mein zweiter Ausgang, der ebenfalls fünf Stunden betrug. Und ehe ich mich versah, waren diese zwei Wochen auch schon um: „Mensch, wie die Zeit vergeht.“ Tarik und ich waren im Zimmer, er telefonierte und ich spielte derweil „Assassin’s Creed: Black Flag“ auf der Xbox-Konsole, die Tarik gehörte – das war der größte Vorteil bei der Arbeit im Stall. Ich musste nur morgens und abends je zwei Stunden raus und konnte den restlichen Tag an der Konsole spielen, oder mit den anderen Stallarbeitern Kaffee trinken. „Bruda, Du wirst auch nicht jünger, was“, Tarik hatte mir wohl zugehört – seiner Freundin erzählte er am Telefon, dass heute mein Geburtstag war und ich heute Ausgang hatte. Kurz bevor meine Eltern ankamen, machte ich mich frisch und stand gespannt vor dem Fenster im Aufenthaltsbereich. Von hier aus konnte man die ankommenden Autos beobachten, jeden Moment müsste ich unser Auto sehen. Damals bekam ich ein leichtes Kribbeln, wenn ich den DHL-Wagen um die Ecke fahren sah, diesmal war es unser alter Kombi-Mercedes.

Es kam mir vor wie ein Déjà-vu, als wir wieder gemeinsam im Auto saßen und uns in die Stadt begaben. Von mir aus wäre ich gerne in einer Dauerschleife von Ausgängen fest stecken geblieben, doch war eine komplette Freiheit natürlich erstrebenswerter. Als Kind träumte ich immer davon, meinen Kindergeburtstag im McDonald’s zu feiern und in der magischen Welt, in der ich lebte, gab es die eine Zauberfee, die mir dies stets ermöglichte – meine Mutter. Und nun war mein 24. Geburtstag und erneut befand ich mich im McDonald’s. Ich fühlte mich unwohl, als Kind war McDonald’s zwar ein magischer Ort, doch schnell wurde mir klar gemacht, dass es ein teuflischer, sündhafter Ort war. Als pubertierender junger Mann war ich mit unserer gleichaltrigen Nachbarin und meiner Zwillingsschwester im Kino gewesen. Nach dem Film begaben wir uns in den McDonalds, um den einzigen „Burger“ zu essen, der uns nicht verboten wurde – den Filet-O-Fish. Unsere Nachbarin allerdings war nicht (streng) gläubig und nahm das locker mit dem Rindfleisch, bestellte entsprechende Burger und bot mir einen an. Ich lehnte zuerst ab und machte sie darauf aufmerksam, dass dies „Haram“ sei und sie das eigentlich auch nicht essen solle. Sie erklärte mir, dass es sich hierbei nicht um Schweine-, sondern Rindfleisch handeln würde: „Das darfst Du essen, das ist helal.“ Ehrlich gesagt hatte ich auch Lust darauf, und zuvor war mir nicht bewusst gewesen, dass es sich hierbei um Rindfleisch handelte. Also nahm ich ihr Angebot an und aß einen dieser Burger. Meine Schwester versuchte mich noch davon abzuhalten, doch war sie sich wohl auch nicht so ganz sicher, ob der Burger nun helal oder haram war – entsprechend blieb sie auch gewissermaßen zurückhaltend. Als wir daheim angekommen waren, rannte sie sofort zu unseren Eltern und „petzte“ mich. Dass ich etwas Falsches getan hatte, wurde mir erst bewusst, als meine Mutter mich mit ihren traurigen und enttäuschten Augen ansah und mein Vater wütend auf mich zukam, um mich anzuschreien und zu erniedrigen. Ich fühlte mich tatsächlich wie am Tag des Jüngsten Gerichts und hatte wie immer Angst, irgendetwas zu sagen. Immer wieder sagten meine Eltern: „Wie willst Du das vor Allah rechtfertigen?“ Ich dachte mir bloß: wenn die Abrechnung am Tag des Jüngsten Gerichts nur im Ansatz so schlimm war, wie mein Vater, dann würde ich wohl freiwillig in das Höllenfeuer springen. Als sich mein Vater abreagiert hatte, erklärte mir meine Mutter, dass Rindfleisch sehr wohl haram sein kann und es in den meisten Fällen auch ist. Denn nur Tiere, die auf eine bestimmte Art und Weise geschlachtet worden sind, seien helal. So eine religiöse Schlachtung wurde beispielsweise damit beginnen, dass Allahs und der Name seines Propheten aufgesagt werden – man schlachtete quasi im Namen, bzw. mit der Erlaubnis Allahs. 

Nun befand ich mich also im McDonald’s und dachte daran, wie wohl die Burger schmecken würden – dass ich gerne alle mal probieren würde. Doch heute war es noch nicht soweit. Heute gab es Kaffee und Kuchen, für die hungrigen noch Pommes-Frites und selbstverständlich Filet-o-Fish. Ich war sehr positiv überrascht, als plötzlich meine Cousins, mein Onkel und meine Tante, aber auch meine Oma das „Restaurant“ betraten. Meine Oma hatte ich bisher einmal während meiner Gerichtsverhandlungen gesehen, ansonsten seit meiner Verhaftung nicht mehr. Etwas enttäuscht war ich darüber, dass mein Opa nicht gekommen war. Er wolle mich nicht in solch einer Situation sehen, teilten sie mir mit. Dabei fand ich meine „Situation“ gar nicht mehr so schlimm, ich war ich doch gerade dabei aufzublühen. Alle gratulierten meiner Zwillingsschwester und mir zum Geburtstag, wir schossen unzählige Fotos und unterhielten uns über die schönen Zeiten, aber auch meine Ziele, die ich nach meiner Haft verfolgen würde. Doch das Schönste an diesem Tag waren die Geschichten, die ich über meine neuen Mithäftlinge erzählen konnte – die Kühe.

„Ja, ich bin leider im Stall gelandet. Das ist echt eine scheiß Arbeit“, erzählte ich, während meine Cousins und Geschwister die Ohren spitzten. Die anderen „Erwachsenen“ unterhielten sich miteinander und ließen uns sprechen: „Die Arbeit fängt nämlich mit Scheiße-schaufeln an. Ich stehe um 5:30 Uhr morgens auf und ziehe meine von Scheiße befleckten Arbeiterklamotten in der Umkleidekabine an. Da stinkt es schon total eklig, aber das ist nichts im Vergleich zum Stall – wo ich dann um 6:00 Uhr morgens an der Matte stehe, oder besser gesagt auf der Scheiße stehe. In einem Bereich des Stalls befinden sich ca. eine dutzend Kühe verteilt auf zwei Seiten. Sie sind am Hals angekettet und mit den Schädeln auf die Futterstelle gerichtet. Diese Futterstelle trennt die Kühe in zwei Seiten auf und ist befahrbar. Einer von uns Stallarbeitern bringt das Futter in Schubkarren und verteilt es auf dieser Futterstelle gleichmäßig, so dass alle Kühe was davon haben. Aber hey, diese Kühe sind so verdammt gierig, die haben es total auf das Futter des Nachbarn abgesehen. Anstatt das zu essen, was vor ihnen liegt, essen ein Paar von ihnen erstmal beim Nachbarn mit oder schieben einen Teil des Futters vom Nachbarn vor ihre Schnauze, so dass der Nachbar nicht mehr rankommt. Als ich das gesehen habe, fand ich das schon total krass – aber das schlimmste ist die Gier nach Kraftfutter. Das ist schon regelrecht eine Sucht bei den Kühen. Die riechen das von weiter Entfernung und schreien ‚Möööööööh‘, wie so richtige Junkies, wenn man sich mit dem Kraftfutter nähert. Die Kühe, die sich weiter hinten befinden, rasten dann total aus, wenn die ersten schon ihr Kraftfutter bekommen und sie zunächst leer ausgehen. Einmal habe ich gesehen, wie einer meiner Stallarbeiterkollegen eine ganze Schubkarre voller Kraftfutter ausversehen umgekippt hat – mitten auf der Futterstelle. Ich schwöre euch, es ist so schwer, das in Worte zu fassen. Aber ich sag‘s mal so: Wären die Kühe nicht angekettet gewesen, die hätten meinen Kollegen vergewaltigt und eine richtige Drogenorgie gefeiert.“ Meine Cousins mussten lachen, einer von ihnen grinste: „Haha, Emre Abi, das hört sich total lustig an.“ Ich schmunzelte, es war in der Tat lustig, aber irgendwie auch nicht: „Naja, das Futter muss ja irgendwo wieder raus. Und da komme leider ich ins Spiel. Die Neuen, also unter Anderem ich, dürfen sich erstmal eine leere Schubkarre und eine Schaufel zur Hand nehmen. Jeweils einer von uns kümmert sich um ein halbes Dutzend Kühe, besser gesagt um deren Ausscheidungen. Es gibt eine Art Abfluss hinter den Kühen, wenn wir Glück haben, treffen sie direkt da rein, meistens liegt die Scheiße allerdings irgendwo dort, wo sie sich auch hinlegen. Also versuche ich erstmal, den ganzen Mist in diesen Abfluss reinzuschieben. Meistens ist die Scheiße total flüssig, entweder weil die Kuh Durchfall hat oder eben, weil die Scheiße mit Urin gemixt wurde. Danach schaufele ich die Scheiße in die Schubkarre und transportiere sie raus, auf einen riesigen Scheißhaufen. Dort versuche ich dann, die matschige Scheiße zu entladen und muss jedes Mal damit kämpfen, nicht auszurutschen und auf dem Scheißhaufen zu landen. Einmal ist mir der Schubkarren aus der Hand entglitten und mitten auf den Haufen gelandet. Es war echt eine eklige Angelegenheit, die Schubkarre da wieder rauszuziehen. Wenn die Scheiße dann komplett weggeschaufelt ist, müssen wir Stroh unter die Kühe streuen, so dass sie es noch schön gemütlich haben – aber vor Allem, um nicht auf ihrer flüssigen Scheiße ausrutschen. Zum Glück müssen wir denen nicht auch noch den Arsch abwischen. Ich frage mich auch stets, ob meine Arbeit besser ist als die der Melker. Diese Kollegen dürfen mit einem Gerät die Kuh melken, besser gesagt, die Milch absaugen. Diese gelangt direkt in ein Rohr, welches zu einem großen Kanister führt. Es gibt tatsächlich Anwohner, die genau diese frische Milch kaufen – direkt von uns Häftlingen. Habe schon ein, zwei Mal erlebt, dass ein Melker ausversehen auf die Scheiße getreten ist oder sogar fast von einer Kuh erdrückt worden wäre.“ Die Spannung meiner Cousins hielt immer noch an, sie konnten kaum glauben, dass ich so eine Tätigkeit ausübte: „Du erzählst das so locker flockig, als wäre es total normal, was Du da tust“, meinte meine Cousine anerkennend. „Naja, erstens bin ich Gefangener, zweitens ist mir das viel lieber als in einer Zelle zu schmoren – die Erfahrung ist es auch wert. Das Ganze motiviert mich, meine Ziele zu erreichen, und ich schätze die kleinen Dinge mehr. Aber die Geschichten sind noch nicht zu Ende. Ich habe mal was richtig Krasses gesehen. Eines Tages war ich wieder Scheiße schaufeln, da kam plötzlich ein Bauer aka Vollzugsbeamter und bat mich um Hilfe. Ich sollte einer Kuh, der Olga, den Schwanz halten. Ohne Widerrede packte ich den Schwanz, formte ihn schneckenhausförmig und machte den Arsch der Olga frei. Just in diesem Moment realisiere ich, dass der Beamte einen Handschuh aus Folie hat, welcher bis zu seiner Schulter reicht. Irgendein Plastikrohr führte von seiner Schulter in seine Handfläche und mündete bei einer Spritze. Ich habe nicht mal Zeit zu fragen, was das alles darstellen soll, da steckt er seinen Arm direkt in das vor ihm stehende Loch so tief, dass sein kompletter rechter Arm im inneren der Kuh verschwindet. Die Olga macht keinerlei Anstalten – ist wohl Größeres gewohnt. Ich bin total schockiert und muss mich bei dem Anblick fast übergeben, doch neugierig bin ich trotzdem: ‚Ist die Olga krank?‘ Der Beamte verneinte dies ganz gelassen. Meine Neugier stieg: ‚Ähm, wenn das keine Medizin ist, was spritzen Sie ihr da gerade rein?!‘ Er schaute mich an, grinste ganz frech: ‚Ich befruchte die Olga gerade.‘“ Die Reaktionen meiner Cousins und meiner Geschwister sind unterschiedlich, während die Frauen sich eher ekeln, finden die Männer es abartig lustig. „Wartet, wartet – ein, zwei Geschichten habe ich noch auf Lager. Ihr werdet es nicht glauben, aber ein Ochse, Bulle oder Kuh oder whatever – ich kann die nicht unterscheiden – wollte mich killen!“ Sie hörten gespannt zu. „Die jungen Bullen, wahrscheinlich irgendwie pubertierende, befinden sich in einem separaten Stall. Das ist total eklig bei denen. Über dem Stall gibt es das Dachgeschoss und eine Luke. Ich muss stets hoch aufs Dachgeschoss und eine große Menge an Stroh runterwerfen. Danach muss ich runter in den Stall und das Stroh auf der ganzen Fläche verteilen. Das bedeutet, dass die Bullen dort scheißen, ich Stroh darauf streue, die wieder scheißen und ich wieder Stroh darauf streue. Das bedeutet, dass am Ende des Monats mehrere Schichten Scheiße und Stroh übereinander befinden und das Ganze dann mit einem Traktor gesäubert wird. Eines Tages, da habe ich von oben wieder eine große Menge Stroh runtergeschaufelt und es befand sich dann ein großer Stroh-Hügel im Stall. Als ich gerade von der Luke hinunterblickte, habe ich einen Bullen gesehen, der sich in dem Strohhaufen rumgewälzt hat, worauf ich ihn anschrie. Ohne Witz jetzt, der hat hochgeschaut! Ich dachte, der guckt mich richtig an – so tief in die Augen! Jedenfalls bin ich runter und habe erstmal überall Heu und Kraftfutter verteilt, damit die Bullen mit dem Fressen beschäftigt sind und mich beim Verteilen des Strohs nicht belästigen. Es war mittlerweile Routine geworden, alle Bullen waren gerade am Essen, da hab ich mich in den Stall begeben und war schön am Streuen des Strohs, da kam einer von denen – ich meine es war der selbe wie vorhin – und wollte sich wieder im Stroh rumwälzen. Ich habe ihn daraufhin weggescheucht und laut angebrüllt: ‚Verpiss dich, Alter!‘ Er ist daraufhin ein paar Meter weiter weggegangen und hat mich wieder tiefsinnig angeschaut. Das Blut in meinen Adern gefror, als ich den Blick erwiderte. Irgendwas hatte der Arsch vor. Und tatsächlich, plötzlich geht er in eine Art Angriffsstellung, kratzt mit seinem rechten Huf auf dem Boden und macht den Anschein, als würde er mich gleich attackieren wollen. Er rannte so schnell los, dass ich nur noch ‚HILFEEEE‘ schreien konnte, die Mistgabel hoch hob und meine Augen schloss. Er bremste kurz vor der Mistgabel ab, machte wieder ein paar Schritte zurück und ich merkte schon, wie er sich auf den zweiten Angriff vorbereitete. Währenddessen kamen die anderen Häftlinge, womöglich wegen meines Hilfeschreis, und versuchten die Situation zu begreifen. Ich hingegen hatte die Mistgabel bereits auf den Boden geschmissen und versuchte mich über die Stallabsperrung zu werfen – nie kamen mir die Gummistiefel so schwer vor, wie in diesem Moment. Doch ich hatte es geschafft und fühlte mich, als wäre ich dem Tod haarscharf entkommen. Als ich völlig außer Puste erzählte, was passiert war, bekam ich nur lauter Gelächter zu hören.“ Meine Geschwister und Cousins schienen noch nicht genug von meinen Kuh-Geschichten zu haben, so erzählte ich ihnen noch das eine letzte Ereignis: „Ich war gerade dabei, mit einer Mistgabel den Scheißhaufen einer Kuh in die Schubkarre zu beladen. Die Kuh störte mich etwas mit ihrem Schwanz, da sie damit hin und her wedelte und ich Angst hatte, sie würde mich damit treffen. Also versuchte ich, den Schwanz zu packen und in eine Art Ruhezustand zu bringen. Doch plötzlich holte die Kuh mit ihrem Schwanz sehr weit aus und haute damit direkt in mein Gesicht. Der Schwanz traf mich wie eine Peitsche ins Gesicht, doch das war noch nicht genug – an ihm waren lauter kleiner Scheißstücke hängen geblieben, die beim Schlag ins Gesicht auch meine Zunge berührten, da mein Mund währenddessen offen war. Noch nie in meinem Leben war ich so aggressiv wie in diesem Moment – zumal ich ja auch sonst keine aggressive Person bin – aber sowas hatte ich noch nie erlebt, also brüllte ich los und stach mit der Mistgabel auf ihren Hintern: ‚Muuuuuuuuh‘ schrie die Kuh und just in diesem Moment bereute ich, was ich getan hatte. Plötzlich hörte ich die Stimme des Beamten: ‚Ates, was machen Sie da?‘, Ich wusste nicht, wie lange der Beamte schon dastand, doch erklärte ich ihm, was passiert war. Er musste schmunzeln und ermahnte mich, den Kühen nicht wieder weh zu tun.“

Ich konnte allen am Tisch ein amüsiertes Strahlen ins Gesicht zaubern, einige hatten sogar Lachkrämpfe. Das bedeutete mir sehr viel, diese positive Energie, weg von all dem gewohnten Mitleidsgetue. 

Es ist eine Kunst, das Leben aus einer magischen Perspektive zu betrachten. „Der Emre war schon immer mein kleiner süßer Träumer“, erwähnte meine Mutter stets, wenn ich simpelste Dinge in solch einer Begeisterung erzählte, als wären sie nicht von dieser Welt – ein Wunder, eine Magie, so bewundernswert wie das Universum. Es waren mittlerweile einige Wochen vergangen, seit ich meiner Familie die „Kuhgeschichten“ an meinem Geburtstag erzählt hatte. An diesem Tag wusste ich noch nicht, dass die wunderschönste Geschichte noch bevorstand. Es war ein kalter, windiger morgen – Weihnachten stand vor der Tür. Zum ersten Mal fieberte ich mit, zum ersten Mal spürte ich die positive Ausstrahlung meiner Mitgenossen. Warm in meine Arbeitsklamotten eingepackt rückte ich am frühen Morgen zur Arbeit ab. Ich war der erste, der im warmen Stall ankam. Gerade hatte ich meine Handschuhe angezogen und wollte nach dem Schubkarren greifen, da sah ich ein paar Gestalten. Ehe ich erkannte, um was es sich handelte, schrie einer der Häftlinge auf: „Oh shit, die hat Babys bekommen!“ Kälber lagen auf dem kalten, harten Boden und gaben klägliche Laute von sich. Es fühlte sich so an, als würden sie um ihr Leben ringen. Schnell tat ich es meinen Mithäftlingen gleich und packte eines der Kälber und umarmte es fest. Es zappelte und war sehr schwer. Ich war in solch einer Panik, dass dem Kalb etwas geschehen könnte, und folgte meinem Mithäftling in einen kleinen Stallbereich. Ein anderer der Mithäftlinge kam bereits mit einer Menge Stroh angerannt und wir versuchten, die Kälbchen damit zu bedecken, damit sie nicht erfroren. Ich fühlte mich überfordert. Ein Beamter wurde informiert und eilte mit Decken herbei, um mit diesen die Kälber zuzudecken. Ein anderer Beamter kam mit Milcheimern um die Ecke und spritzte den Kälbern förmlich die Milch in den Mund. Es glich alles einem Notfalleinsatz und ich stand nur da, mein Herz pochte und ich wünschte nichts mehr, als dass diese Kälber überlebten. Ich glaubte für einen Moment stärker denn je und betete zu Gott. „Werden sie es schaffen?“, fragte einer der jüngeren Häftlinge. „Ich weiß es nicht. Sie sind sehr dünn. Drei auf einmal ist nicht ohne“, antwortete der Beamte, während er die Kälber versorgte. Es war kalt, alle Häftlinge standen da und hatten ihre Arbeit eingestellt, alle versuchten zu helfen, alle versuchten irgendwie zu beten – „Das sind Drillinge?“, fragte ich überrascht.

Es war soviel schief gelaufen in letzter Zeit, aber wenn diese Drillinge nicht überleben würden, wäre es einfach nicht fair. Ich wollte wieder an Wunder glauben.

#69 – 300 Minuten Freiheit

Wir waren gerade beim Mittagessen, da bemerkte Tarik, wie der Beamte einen Zettel an die Wand pinnte. Rasch legte er sein Besteck zur Seite, sprang auf und eilte zur Pinnwand. Voller Interesse beobachtete ich ihn dabei, wie er etwas auf den Zettel schrieb. Er riss den Zettel von der Wand ab und verschwand aus meinem Sichtfeld, indem er sich in Richtung Beamten-Büro begab. Luigi und Hassan schienen von der Szene unberührt, beide schlürften an ihrer Suppe und sahen sich ein Musikvideo vom Rapper „Haftbefehl“ an – „Lasst die Affen aus dem Zoo“, plärrte es aus dem Fernseher. Tarik kam zurück, sein Blick stur auf mich geheftet, und er begann zu reden, wobei ich zunächst nichts verstand: „Sorry Emre, konnte dich nicht für das Schwimmen eintragen. Du musst erst deinen ersten Ausgang absolviert haben, bevor Du mitdarfst.“  Die anderen beiden bedankten sich bei Tarik – offensichtlich dafür, dass er sie in die Teilnehmerliste eingetragen hatte. „Wie jetzt? Darf man hier zum Schwimmen gehen, oder worum handelt es sich jetzt genau?“ Tarik merkte wohl erst jetzt, dass ich zuvor noch nichts davon gehört hatte: „Ja, der Pfarrer nimmt alle zwei bis drei Wochen vier Häftlinge mit zum Schwimmen. In das Hallenbad hier in Schwäbisch Hall.“ Ich war überrascht und fand es spontan extrem sympathisch vom Pfarrer, dass er uns solch eine Möglichkeit bot. Wie ich später erfuhr, übernahm der Pfarrer wohl auch die Kosten für das Hallenbad – so hieß es zumindest unter den Häftlingen. Leider war ich diesmal nicht dabei. So hoffte ich, dass ich beim nächsten Mal mitdürfte. Die Teilnehmerliste war beschränkt, doch mit den drei Jungs hatte ich gute Karten, dass wir vier das nächste Mal in der Teilnehmerliste stehen würden. Ich hatte nämlich das Gefühl, dass sie irgendwie das Sagen hier hatten und die anderen Mithäftlinge davon „überzeugen“ konnten, sich nicht für das Schwimmen einzutragen. Was auch immer das bedeutete. Immerhin hatten sie auch die einfachsten Jobs inne (mich inklusive) und keiner musste im dreckigen Stall arbeiten. Nichtsdestotrotz blieben wir nur Häftlinge, und auch wenn es eine Art Hierarchie unter uns Häftlingen gab – so waren die Beamten ganz oben in der Nahrungskette. Daher überraschte es mich nicht, als wir eines Tages eine vergleichsweise unangenehme Aufgabe bekamen. 

Unser Quartett musste in den Stall, genauer in das Dachgeschoss, und das ganze gelagerte Heu runter schippen. Ausgestattet mit einem Mundschutz und einem Satz Heugabeln standen wir vor einem riesen Berg an Heu, welches sich über zahlreiche Balken erstreckte und teilweise sogar dafür sorgte, dass wir darauf ausrutschten. So wie ich das verstanden hatte, gab es stets einen Stallarbeiter, der sich auf das Dachgeschoss begab, Heu über eine Luke nach unten beförderte, wonach die restlichen Stall-Arbeiter im Erdgeschoss das Heu entsprechend verteilen mussten. Unsere Aufgabe war es nun, das ganze Heu leichter zugänglich an den Stall-Arbeiter zu machen, der auf dem Dachgeschoss nicht mehr so leicht an das frische Heu rankam. Hierfür mussten wir aus einem riesen Heu-Haufen kleinere Portionen abschippen und zu ihm werfen. Plötzlich kam mir der Gedanke, was für Ungeziefer sich hier im Stall wohl herumtrieb. Ich hatte große Angst vor Spinnen, so hoffte ich, dass sich nicht aus heiterem Himmel eine große Spinne auf meinen Kopf abseilte. Auch wusste ich nicht, was sich sonst so unter dem Heu versteckte – Schlangen, Ratten? Das einzige, was ich jedoch bei etwas Umherwühlen fand, war eine Flasche Vodka. „Boah Jungs, schaut mal, was ich gefunden habe!“ Ehe ich mich’s versah, stand Luigi mit trockener Miene vor mir und nahm mir die Flasche weg: „Ich verstecke das wieder, das gehört uns.“ Und schon widmeten wir uns wieder dem Heu-Aufgabeln.

Es war ein kleiner Kraftakt, etwas Heu mit der Heugabel aus dem großen Heuberg zu entfernen. Doch das Schlimmste daran war der dabei entstehende Heustaub in der Luft. Obschon unser Mund grob geschützt war, so traf es doch unsere Augen und erzeugte Rötungen im Auge. Auch war es sehr unangenehm, ständig durch die Mundmaske zu atmen, da der Speichel beim Ausatmen darin langsam aber stetig kondensierte. Entsprechend legten wir viele kleinere Pausen ein. In einer dieser Pausen stattete ich unseren Mithäftlingen einen Besuch ab, da sie gerade Schicht hatten. Obwohl ich die Arbeit oben im Dachgeschoss gar nicht leiden konnte, so war es doch um Längen besser als das, was ich hier unten sah. Da wurde die Scheiße von Kühen geschaufelt und in Schubkarren gepackt, mit seltsamen Geräten Milch aus den Kühen gemolken, während die Kühe sich damit abwechselten, ihren Urin umher zu spritzen. Überall lag Mist, und so war es nicht unwahrscheinlich, dass hier ab und zu wohl ein Stallarbeiter über der Scheiße abrutschte und in hohem Bogen darin landete. In den kommenden Tagen durften wir wieder an unsere „angenehme“ Arbeit, in unserem warmen Kämmerchen, begleitet von Rap-Musik und sich wiederholenden Unterhaltungen. Die Jungs hatten zwischenzeitlich ihre ersten Ausgänge, Luigi und Hassan sogar ihren zweiten. 

„Emre, ich habe Dir Haarwax mitgebracht“, überraschte mich Luigi eines Tages nach der Rückkehr von einem solchen Ausgang. „Wie jetzt? Haarwax wofür?“, fragte ich verdutzt. Luigi setzte einen entsetzten Blick auf: „Junge man, mach mal was aus Dir. Du siehst aus wie ein Bauer! Du hast doch voll die Haarpracht, mit Haarwax kannst Du das richtig gut stylen.“

„Ja man“, stimmten Tarik und Hassan mit ein. Im Strafvollzug hatten bereits andere Häftlinge versucht, meinen Style zu ändern, und zugegebenermaßen war ich zuvor relativ resistent dagegen gewesen. Zwar hatte ich mir Haarwax in der Vollzugsanstalt gekauft, und trug es in sehr sparsamen Mengen auch auf – jedoch ausschließlich vor einem Besuch, und niemals im Alltag. Ich bedanke mich bei Luigi, dass er überhaupt an mich gedacht hatte, und so ließ ich es zu, dass Tarik meine Haare an den Seiten abrasierte und Luigi mir zeigte, wie ich mein neues Stylingprodukt zukünftig verwenden sollte. Am Ende sah ich aus wie ein richtiger Kanake, einen Undercut-Schnitt tragend und oberhalb meines Haarschopfes längere und extrem „geleckt“ aussehende Haare, die einmal von vorn nach hinten gelegt worden waren. Es war etwas ungewohnt, ich sah wirklich anders aus – ob besser oder nicht, sei mal dahingestellt. Doch irgendwie war mir das egal, denn es hatte einen Grund, weshalb ich den Versuch gewagt hatte, mich umstylen zu lassen. Es war Samstag, wahrscheinlich einer der wichtigsten Samstage in meinem Leben. 

Meine Familie würde jeden Moment da sein. Die Nacht zuvor konnte ich kein Auge zudrücken, dennoch fühlte ich mich hellwach. Und da ertönte bereits mein Nachname: „Ateeees! Runterkommen!“ Ich wurde ganz hibbelig: „Oh shit, sie sind da. Oh shit, passt alles?“ Ich sah nochmals in den Spiegel und versuchte, meine Frisur zu stabilisieren. Tarik und Luigi lachten: „Mach Dir keine Sorgen Emre, du siehst gut aus. Jetzt hadi los, deine fünf Stunden haben bestimmt schon angefangen.“ Ein Schauern überkam mich, ich konnte es nicht fassen, dass ich bis hierher gekommen war … endlich, meine erstes Mal erneut in Freiheit, satte 300 Minuten. Ich sprang förmlich die Treppen runter und trabte zum Beamten, unterschrieb noch einen Wisch, nahm einen Zettel mit, in dem stand, dass ich im Ausgang war und wer kontaktiert werden sollte, falls irgendetwas passierte. Herr Kuhn, der Beamte, öffnete die Haustür und ein heftiger Windstoß blies mir entgegen. Vor mir stand sie, meine Familie. Alle hatten ein breites Grinsen auf dem Gesicht, der Anblick war wunderschön – nie hatte ich alle auf einmal so glücklich gesehen, das Bild hätte ich gerne fotografiert und eingerahmt. So stand sie also da, die Freiheit, in Begleitung meiner Familie. Zuerst umarmte mich meine kleine Schwester fest an der Hüfte, schnell zog ich sie in meine Arme und umschloss sie in einer herzlichen Umarmung. Ich küsste sie überall und genoss die Zuneigung, die sie mir ganz in kindlicher Manier ungeniert zeigte. Als nächstes umarmte ich meine Mutter, die ihre Freudentränen kaum zurückhalten konnte und mich fest umarmte, dabei dennoch versuchte, mich nicht zu erdrücken. Die Umarmung war eine Mischung aus zärtlich und stark, ich empfand sie als extrem haltgebend. Sie küsste mich auf die Wangen und flüsterte immer wieder: „Oğlum benim…(Mein Sohn)“. Meine Zwillingsschwester gab sich wie die jüngere Version meiner Mutter, auch sie konnte ihre Freudentränen nicht unterdrücken und umarmte mich fest – sie allerdings erdrückte mich förmlich. Mein Vater stand etwas weiter hinten und wartete, bis ich die anderen begrüßt hatte. Ich ging auf ihn zu, „Selamün Aleyküm Baba“, nahm seine Hand, küsste sie und hielt sie kurz an meine Stirn. „Aleyküm Selam“, antwortete er knapp. Dann wanderte mein Blick zu meinem Bruder Cem. Eins hatten und haben wir bis heute gemeinsam: Unseren Humor. Er konnte mich stets zum Lachen bringen und wir verstanden uns in der Regel gut. So musste ich unweigerlich lachen, als ich ihn sah, und steckte ihn an: „Was geht Bro?“, fragte er lachend, wir klatschten die Hände und umarmten uns kurz. Die Umarmung durfte nicht zu lang sein, aber auch nicht zu kurz. Schnell riss er einen Witz, an den ich mich leider nicht mehr erinnern konnte. Doch gelacht hatte ich tatsächlich, entweder wirklich, weil es witzig war, oder weil ich einfach nur froh war, die Freiheit kosten zu dürfen. Wir liefen zum Auto und unterhielten uns während der Fahrt ein wenig. Schnell bemerkte ich, dass es eine wahre Herausforderung darstellte, allen die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Lange Erzählungen sowie kurze Mitteilungen prasselten von allen Seiten auf mich ein. So hakte ich kurz ein, denn auch ich hatte etwas mitzuteilen: „Ich darf nicht außerhalb von Schwäbisch Hall sein, also wir müssen in der Stadt bleiben“, teilte ich meinem Vater noch mit, als er wissen wollte, wo wir denn hinmöchten. So begaben wir uns in die Stadt und parkten in der Nähe des Zentrums. 

Ich atmete pure Emotionen aus, als ich zur Autotür griff und sie langsam öffnete, um erneut den Moment zu genießen, der mir die größte Freude bereitete: Der frische kalte Wind, der mir das Gefühl gab, lebendig zu sein und die Freiheit mit jedem Atemzug förmlich in mich einzusaugen. Obwohl es nur etwas ganz Simples war, so fand ich das Gefühl überragend, als ich mit meinen Schuhen auf den Boden stapfte und die Aussicht auf Schwäbisch Hall genoss. Es fühlte sich nach meiner privaten Mondlandung an, am liebsten hätte ich meine Flagge gehisst. Meine kleine Schwester nahm meine Hand und gemeinsam mit meiner Familie schlenderte ich den Hügel runter – es muss ein schöner Anblick gewesen, wie wir alle strahlend gen Stadt liefen. „Oh wow!“, entfuhr es mir, als mein Blick auf das Schaufenster einer Konfiserie fiel. Meine Mutter war die erste, die meine Begeisterung erkannte: „Oğlum, möchtest Du etwas Süßes aus der Konditorei haben?“ Mein Gesicht errötete. So alt ich inzwischen auch war, es konnte nichts auf dieser Welt etwas an meiner Leidenschaft für Schokolade ändern. „Ach nein Anne, das passt schon.“ Sie wusste, dass ich aus Höflichkeit ablehnte und hatte bereits ihren Geldbeutel in die Hand genommen. Ehe ich bis drei zählen konnte, stand ich mit meiner Mutter in einem Paradies aus Schokoladen. Bunte, karamellisierte, zarte, bittere und weiße Schokolade, alles war dabei. „Anne, bekomme ich das hier?“ Was für eine Frage, hätte sie das Geld, hätte sie mir in diesem Moment wohl den ganzen Laden gekauft. „Selbstverständlich, mein Schatz. Aber nimm doch auch hiervon noch was mit.“ Ach, diese Unterhaltungen mit meiner Mutter hatte ich auch sehr vermisst. Sie liefen immer nach dem gleichen Schema ab: sie bot an, ich lehnte ab, dann nahm ich doch an, jedoch nur das „Kleinste“ wohlgemerkt, woraufhin meine Mutter, immer das Beste und so viel wie möglich davon für ihren Sohn wollend, mir die ganzen Taschen vollstopfte. Ich griff noch nach der ein und anderen Schokolade, um sie mit meinen Geschwistern zu teilen. Überrascht war ich, als mein Vater keine Einwände hatte, dass wir mit vielen Tüten Schokolade aus der Konfiserie rauskamen. Es schien grundsätzlich so, als wäre dies mein Tag, alles drehte sich um mich – doch in Wirklichkeit drehte sich nur mein Kopf. Es war ein seltsames Gefühl mit meiner Familie die Straßen entlang zu schlendern, alles fühlte sich so High-Definition an, mein Gehirn konnte all diese Bilder nicht schnell genug verarbeiten. Als wir über eine Brücke schlenderten, sah ich auf den Fluss herab und das einzige, woran ich dachte, war das Videospiel Grand Theft Auto. Ich konnte mich noch daran erinnern, dass die „Vice City“-Version des GTA Videospiels mein erstes Videospiel für den Rechner gewesen war. Das Spiel war etwas beschränkt, so konnte man nicht schwimmen und starb sofort, wenn man sich in das Wasser begab. Als dann einige Zeit später eine neue Version, nämlich „San Andreas“ erschien, war ich baff, was man alles machen konnte – da war das Schwimmen eines der uninteressanten Features. Und nun fühlte ich mich wie im Spiel GTA San Andreas, ich konnte so vieles machen. Wenn ich wollte, hätte ich einfach in den Fluss springen können. Der halb-offene Vollzug fühle sich wie GTA Vice City an, es war zwar auch schon prima, aber eben beschränkt. Nach einem angenehmen Spaziergang und der häufigen Konfrontation mit der Frage: „Und Emre, wie fühlt sich das an? So ganz frei?“, setzten wir uns in ein Café. Ich wiederholte mich inzwischen: „Naja, ich hatte meinen ersten großen Moment bereits im halb-offenen Vollzug. Das jetzt finde ich auch total heftig. Aber es ist nicht so, wie wenn man mich direkt vom Strafvollzug aus entlassen hätte.“ Das Beispiel mit GTA wollte ich nicht bringen, das hätten sie wohl nicht verstanden, und außerdem war ich mir nicht sicher, was mein Vater davon halten würde, wenn ich meine aktuelle Situation mit einem Videospiel verglich. Obwohl das Wetter eher frisch war, bestellten wir Eis und dazu heiße Getränke. „Für mich einen Kaffee, bitte“, schoss es aus mir heraus. Meine Mutter blickte nach der Aussage verwirrt drein: „Seit wann trinkst Du Kaffee?“ Ich lachte: „Oh je, wie die Zeit vergeht. Vor der Haft habe ich keinen Kaffee getrunken, oder? Ich bin in der Haft auf den Genuss von Kaffee gekommen, habe mich am Anfang zwar etwas dazu gezwungen – doch jetzt kann ich nicht mehr ohne.“ Alle hatten etwas zu erzählen, von der kleinen, bis hin zu den Großen, Cem, meiner Zwillingsschwester und meinen Eltern – ich ließ sie reden, genoss den Klang ihrer Stimmen. Schön eingewickelt in eine der bereitliegenden Decken des Cafés, schlürfte ich von dem cremigen Kaffee und spürte den Geschmack des warmen Gebräus auf meiner Zunge. Das war der beste Kaffee, den ich bisher getrunken hatte. Womöglich lag es daran, dass ich bisher nur löslichen Kaffee gekostet hatte. So schnell die Kaffeetasse leergetrunken war, so jäh war auch mein Ausgang zu Ende. Ich hatte so viele positiven Eindrücke mitgenommen, so viele gemischte, darunter jedoch mehrheitlich angenehme Gefühle gefühlt – und war nun traurig, wieder zurück zu müssen.

Zurück im Bauernhof angekommen, ging ich noch mit meiner Familie in den Innenhof und zeigte, wo ich arbeitete. Meine Zwillingsschwester zückte ihr Smartphone und verewigte das wundervolle, glückliche und zufriedene Familienbild in einem Video. Nach der Verabschiedung und dem formellen Papierkram mit dem Beamten, huschte ich in mein Zimmer und versuchte, den Tag zu verarbeiten. In dieser Nacht passierte etwas, was schon seit Ewigkeiten nicht mehr der Fall gewesen war.

Ich träumte von der Freiheit.

#68 – Die Narben eines Mörders

In letzter Zeit hatte ich viele Niederlagen erlebt. Das machte mir jedoch nichts aus, ich hatte mich irgendwie bereits daran gewöhnt. „Was einen nicht umbringt, macht einen stärker“ – das Sprichwort gefiel mir und mit dieser Einstellung öffnete ich tapfer den Brief und las die Zeilen mit relativer Gelassenheit.

Ich wurde zwangsexmatrikuliert, da ich bei meiner Bewerbung eine falsche Angabe bezüglich meiner Vorstrafe getätigt hatte. Den Brief legte ich ohne Weiteres zu meinen Unterlagen und widmete mich wieder meiner Arbeit. Ich sah es positiv: Es machte mir Spaß, mit den drei Jungs Zeit zu verbringen, ihre Geschichten zu hören und auch Gehör zu finden, wenn ich mich (zugegebenermaßen unbegründet) über die Hochschule Ravensburg beschwerte. Außerdem gab es noch genügend Zeit, einen neuen Plan zu schmieden. So würde ich nun versuchen, in das Freigängerheim in Schwäbisch Hall zu kommen – was einfacher war als mein vorheriges Vorhaben, mich in das Freigängerheim in Ravensburg verlegen zu lassen. Meine Schwester würde dann ausfindig machen, welche Hochschulen in der Nähe lagen, damit ich mich rechtzeitig bewerben konnte. Ein positiver Aspekt der Exmatrikulation von der Hochschule Ravensburg bestand unter anderem auch darin, dass ich nun noch ein weiteres Wartesemester hatte, womit ich einen gewissen Vorteil bei meiner Bewerbung an den Hochschulen gegenüber anderen Mitbewerbern haben würde.

Die Tage vergingen. Aus Tagen wurden Wochen und mittlerweile kamen immer neue Häftlinge in den halb-offenen Vollzug. Doch unser Quartett blieb beständig, wir arbeiteten stets zusammen. Die Neuen mussten im Stall arbeiten. Das Holzhacken zählte inzwischen nicht mehr zu unseren täglichen Aufgaben, da es langsam zu kalt hierfür wurde und die Arbeit unter diesen Umständen unzumutbar für uns Häftlinge war. Obwohl ich die Zeit „oben“ genossen hatte und es immerzu ein schöner Rückzugsort für uns Jungs gewesen war, erleichterte es mich, dass wir nun eine neue Aufgabe in einem geschlossenen und warmen Raum hatten. Wir bekamen Kisten mit Steckern, die wir zusammenstecken mussten. Eine total blöde Arbeit. Aber es ging sowieso eigentlich nur darum, die Zeit totzuschlagen, und die Atmosphäre hierfür herrschte allemal. Unsere Arbeit hätten wir locker in einer Stunde erledigen können. Doch sowohl die uns betreuenden Beamten, als auch wir selber wussten, dass wir alles tranquillo angehen sollten. Andernfalls müssten die Beamten sich neue Aufgaben ausdenken – und manchmal konnten sie dabei unangenehm kreativ sein. Also bestand unsere Hauptaktivität darin, uns lebhaft zu unterhalten. Dies geschah einerseits dadurch, dass wir einander immer wieder dieselben Geschichten erzählten. Interessanterweise waren unsere Geschichten dabei jedes Mal etwas anders – entweder, wir hatten tatsächlich langsam das Vergangene vergessen und unsere Erinnerungen wurden von der Haftzeit überschattet, oder (was viel wahrscheinlicher war) die Geschichte hatten wir zuvor ausgeschmückt und wussten im Nachhinein nicht mehr, welche Version wir erzählt hatten.

Andererseits bestand die Hauptunterhaltung darin, dass wir Deutsch-Rap hörten. Die Jungs hatten einige Musik-CDs dabei. Ich konnte mit Rap nichts anfangen, für mich waren das nur Beleidigungen und in fast jedem Song von denen hatten die Probleme mit irgendwelchen Müttern. Cem hingegen hörte gerne Rap. Er zeigte mir einmal den Rap-Song vom Rapper Bushido, der ungefähr so ging: „Die Kasse macht ching ching, die Kette bling bling“. Ich hatte Cem wegen seines Musikgeschmacks damals ausgelacht – wohlwissend, dass ich selbst einen eher unüblichen Musikgeschmack hatte.

Mein Hoca in der Koranschule hatte damals ausdrücklich gesagt, dass Musik ein Werk des Teufels sei. Doch ein Träumer, wie ich es war, brauchte den Rhythmus und den Klang, um in die spirituelle Welt einzutauchen. Also fand ich einen Kompromiss: Ich hörte religiöse Musik, deren Beat zugegebenermaßen manchmal echt abging. Als ich dann eines Wochenendes wieder zur Moschee lief, den Koran eng an der Brust, jedoch stets über dem Bauchnabel tragend (aus Respekt), probierte ich mein nagelneues iPhone aus. Durch meinen Nebenjob im Supermarkt hatte ich mir als Technikbegeisterter das für damalige Verhältnisse neuartige und innovative Smartphone gekauft. Mit voller Lautstärke tönte die Musik von meinen Kopfhörern direkt in meine Ohren. Mich vollkommen den religiösen Klängen hingebend, lief ich gut gelaunt zur Moschee und begegnete prompt meinen Hoca vor dem Eingang der Koranschule. Sein Blick fiel direkt auf meine Kopfhörer. Ohne zu zögern kam er mir strammen Schrittes entgegen, riss unwirsch einen Kopfhörer aus meinem Ohr und lauschte der schmetternden Stimme Ilahis: „Was ist das? Was hörst Du da?“ Ich war guter Dinge und antwortete ohne den Anflug eines schlechten Gewissens: „Hocam, das ist Ilahi, religiöse Musik!“ Er lauschte nach dieser Bemerkung noch gefühlt weitere zwei Sekunden und schmiss mir dann in einer abfälligen Bewegung den Kopfhörer zu. „Das ist kein Ilahi! Das ist eine Beleidigung!“ Er lief wütend davon, jedoch nicht, ohne mir zuvor das Hören derartiger Musik zu verbieten. Ich blieb perplex zurück. Hatte nicht er uns Koranschülern am Vortag noch erlaubt, Ilahi zu hören? Was war denn nun so falsch daran? Die Antwort darauf bekamen wir nach dem Mittagsgebet, als alle beisammen saßen. Unser Hoca nutzte diesen Moment stets, um uns noch die ein oder andere Mitteilung auf unserem Weg mitzugeben. So meinte er, dass die modernen Ilahi-Songs nicht gut für uns seien, wir zwar Ilahi hören können, doch ohne irgendein neumodisches Gedudel im Hintergrund. Vor allen Koranschülern überreichte er mir eine Kassette voller Songs von Ilahi. Nach dem Wochenende in der Koranschule hörte ich mir daheim die Kassette an und war ziemlich enttäuscht. Ein alt wirkender Mann sang zwar die mir bekannten Zeilen, doch wurde seine Stimme mit keinerlei Instrumenten musikalisch begleitet. Dies müsste ungefähr der Zeitpunkt gewesen sein, als ich begann, mich schlecht zu fühlen, wenn ich Glück und Lust bei vergleichsweise „normaler“ Musik empfand.

Doch Rap war nochmals eine andere Liga, das hörte ich mir grundsätzlich nicht an – ich konnte mich damit nicht identifizieren. Ganz anders waren meine Empfindungen hinsichtlich religiöser Musik. Jedenfalls jene, die irgendeine Form von rhythmischer Begleitung besaß. Nun saß ich hier mit den Jungs und musste mir Rap-Songs anhören, Tag für Tag. Da geschah es, dass ich langsam, aber sicher Gefallen an Rap fand. Ich fand die Songs von KCRebell irgendwie interessant, doch wirklich überzeugt von seinem Talent hatte mich nur der Rapper Shindy. Seine Art zu rappen, die Beats und die von ihm genutzten Metaphern fand ich irgendwie mitreißend. So erinnere ich mich noch genau an die Zeilen eines bestimmten Songs: „Alles was ich mach, mach ich Slow-Mo-tion“ – dies passte auf eine skurrile Art und Weise perfekt zu unserer Lage. Außerdem zeigte mir Luigi noch seine Songs, die er mal locker gerappt hatte – und somit tauchte ich immer weiter in die Rap-Szene ein, bekam die Namen von vielen Rappern mit. Bis auf Bushido war mir nämlich zuvor kein anderer Rapper bekannt gewesen. Der Name Xatar fiel im Laufe meiner Haftzeit sehr oft, da dieser Rapper wohl tatsächlich einen Geldtransporter überfallen hatte und dafür nun einsaß (und nicht nur lapidar mit irgendwelchen Hafterfahrungen prahlte, die wohl nie die 3-Tages-Grenze in der U-Haft überschritten hatten) – das Gold oder Geld von ihm hatte man wohl nie gefunden. Ein neuer Häftling, der aus Furtwangen hierher verlegt wurde, betonte öfter nicht ohne Stolz, dass er Bekanntschaft mit Xatar gemacht hatte.

Der interessanteste Tag auf der „Arbeit“ war, als Sergej uns einen Besuch abstattete. Ich wusste, dass er wegen Mordes im Gefängnis saß – oder vielleicht war es auch Totschlag, über den genauen Tatbestand wusste ich nicht Bescheid. Er saß wohl seit mehr als sieben Jahren in der JVA Schwäbisch Hall ein und war ungefähr zeitgleich mit mir in den halb-offenen Vollzug verlegt worden. Er fiel auf, da er stets allein arbeitete. Da er handwerklich begabt war, teilte man ihm entsprechende Aufgaben zu. Auf mich machte er zwar einen netten Eindruck, dennoch behielt ich immer im Hinterkopf, dass er einen Menschen auf dem Gewissen hatte. In der Haft lernte ich, dass der erste Eindruck nicht zählte. Ich realisierte ganz im Gegenteil, dass der erste Eindruck einen häufig täuschte. Sergej hatte bereits begonnen, den anderen seine Geschichte zu erzählen, ohne, dass ich es mitbekommen hatte. Ich war zu sehr in die Raptexte von Shindy und KCRebell vertieft. Meine Aufmerksamkeit hatte Sergej jedoch schlagartig, als ich von Luigi so etwas hörte wie: „Sie hat es auch nicht anders verdient.“ Ich fragte nach. „Wer hat was verdient?“ Sergej scheute sich nicht davor, seine Geschichte im Schnelldurchlauf nochmals zu erläutern, damit ich mir auch ein Bild machen konnte. Je weiter seine Schilderungen dabei fortschritten, desto ungläubiger wurde ich. Sergej war wohl eines Tages ziemlich aufgewühlt nach Hause gekommen, da er von Dritten gehört hatte, dass seine Frau fremdgegangen war. Daheim angekommen, stellte er diese sofort zur Rede, was in einen heftigen Streit ausartete. Plötzlich habe seine Frau behauptet, dass ihr gemeinsames 8-jähriges Kind nicht von ihm sei – er war also, laut ihrer Aussage, nicht der leibliche Vater. Daraufhin sah Sergej nur noch Rot und griff nach dem Messer. Er stach auf sie ein, bis sie leblos zusammensank. „Und was ist dann passiert?“, wollte ich wissen. „Ich war total aufgebracht, Nachbarn hatten die Schreie gehört und die Polizei alarmiert. Ich habe mich ins Auto gesetzt und mehrmals auf mich selbst eingestochen – ich wollte sterben.“ Das konnte ich ihm nicht so ganz glauben: „Aber…du lebst. Und deine Frau nicht mehr.“ Er erwiderte meinen kritischen Blick und verteidigte sich: „Ja, das ist nicht so einfach, wie du denkst. Man kann sich nicht einfach so selbst mit dem Messer töten.“ Mal abgesehen davon, dass ich ihm das nicht abkaufte, fand ich es absurd, dass es ihm aber leicht gefallen war, seine Frau zu töten. „Und wie viele Jahre hast du bekommen?“, wollte Tarik wissen. 12 Jahre, erfuhren wir. Das bedeutete, dass er wahrscheinlich nur 2/3 der Strafe absitzen musste. Deswegen war er wohl auch nach 7 Jahren Strafanstalt nun im Freigang, da er in einem Jahr wieder in Freiheit durfte. „Ich verstehe nicht, wieso du so eine geringe Strafe bekommen hast. Ich dachte immer, dass man lebenslänglich bekommt, wenn man jemanden tötet?“ Mir leuchtete seine Geschichte noch immer nicht ganz ein. Er erklärte, dass man seinen Fall nicht so einfach pauschalisieren könne. Stets hatte es Druck und daraus resultierend eine Menge an Stress seitens seiner Frau und seinen Schwiegereltern, die ihn nie ganz akzeptiert hatten, gegeben. Sie hätten ihn allesamt fertiggemacht, erniedrigt und auch sonst sein Leben erschwert. Er könne stundenlang darüber reden. Zudem habe er einen extremen Aussetzer gehabt, als er hörte, dass er nicht der leibliche Vater seiner Tochter war. All diese Faktoren hätten beim Gericht mit hineingespielt, als das Strafmaß verhandelt wurde. „Als ich dann erfuhr, dass sie in Wirklichkeit doch meine Tochter war, hatte ich sehr gemischte Gefühle“, meinte er plötzlich. Sergej hatte während der Erzählung eine sehr monotone Stimmlage gehabt, doch bei diesem Satz knallte er uns diese doch sehr überraschende Wendung direkt vor den Latz. „Wie jetzt? Das Kind war dann doch deines, oder wie?“ Er nickte: „Ja, meine Frau hatte mich wohl belogen, um mir eins auszwischen und mich zu provozieren.“ „Sag ich doch, die hat es nicht anders verdient. Die hat dich angelogen“, bekräftigte Luigi nochmals seine Meinung. Auch, wenn ich die Beweggründe der Frau nicht nachvollziehen konnte, so war das keine Entschuldigung dafür, dass Sergej ihr Leben genommen hatte. Ich hätte vor meiner Haftzeit Leute wie Sergej sofort für solch eine Tat verurteilt. Damals hätte ich ihn wohl gerne lebenslang hinter Gittern gesehen. Es ist so einfach, über jemanden zu urteilen und ihn in letzter Instanz schließlich zu verurteilen. Aus diesem Grunde gibt es unser Justizsystem, die Richter und Anwälte. Ich hatte mich schon immer gefragt, weshalb ein Strafmaß so flexibel verteilt werden konnte. So kann es beispielsweise von sechs Monaten bis zu fünf Jahren für ein und denselben Tatbestand variieren. Das liegt einfach daran, dass nicht nur der Tatbestand relevant ist, sondern auch die Umstände der Tat, was ja auch bei meiner eigenen Verurteilung bereits eine Rolle gespielt hatte. Richter haben wirklich einen sehr schweren Job – die da wäre, Gerechtigkeit auszuüben. Klingt einfach, ist es aber nicht. Was ist eine gerechte Strafe, und was nicht? Sie halten sich zwar an das Gesetz, haben innerhalb dieses aber einen großen Spielraum. Und die Allgemeinheit hat da meist ein anderes Rechtsempfinden. Ist das vielleicht einer der Beweggründe, an Religion und Gott im Allgemeinen zu glauben – die Hoffnung auf Gerechtigkeit? Gott wird schon wissen, was die gerechte Strafe ist. Spielen also unsere Richter Gott? „Sergej, ich finde es zwar total scheiße und unverzeihlich, was du getan hast. Aber ich bin weder Kläger, noch Richter – wenn, dann ebenfalls Verurteilter. Doch die, die mir am meisten leidtut, ist deine Tochter. Ihre Mutter wurde von ihrem Vater getötet und sie wächst nun ohne Eltern auf. Ich glaube, da steht dir noch eine sehr beschissene Zeit bevor – und du hast nicht mal das Recht, dich wegen irgendetwas zu beklagen. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken.“ Wir diskutierten im Nachhinein noch ein wenig über den Fall.

Die Tage vergingen, und ich bekam Besuch von meiner Mutter, meiner Schwester und Cem. Sie erzählten mir, dass Cem noch ein weiteres Gerichtsverfahren bei derselben Kammer und denselben Richtern laufen hatte. Cem hatte damals die gleiche Masche mit zwei anderen Jungs abgezogen, als wir verstritten waren und er in die Türkei geflogen war. Mit diesen zwei Jungs war er wohl ein zweites Mal angeklagt worden. Cem war wegen unseres Urteils in Revision gegangen und diese war wohl tatsächlich durchgegangen – ich war überrascht. „Aber mein Anwalt hat einen Deal mit denen gemacht. Ich ziehe die Revision zurück und sie lassen dafür die neue Klage fallen“, grinste mich Cem an. Dabei musste ich an meine eigene Revision denken und fragte mich, ob diese wohl auch durchgegangen wäre – ich hatte sie ja damals zurückgezogen, weil ich es in Stammheim nicht mehr ausgehalten hatte und die Hoffnung nicht aufgab, doch noch zu einem Studium zugelassen zu werden. „Welche Strafen haben die beiden denn bekommen?“, fragte ich neugierig. Ich wollte unbedingt einen Vergleichswert haben, immerhin hatten die zwei Jungs das Gleiche getan wie wir. „Der Haupttäter hat vier Jahre bekommen, er hat aber nicht ausgepackt und auch nicht sein TrueCrypt Passwort gegeben. Aber der zweite hat ihn verpfiffen und alles ausgepackt, weshalb er dann auf Bewährung raus ist. Und weißt du, was krass ist? Der Haupttäter hat wohl 50.000 Euro an Bitcoins auf dem konfiszierten Rechner und das Gericht will den Rechner zerstören.“ Die Jungs hatten es im größeren Stil als wir gemacht, immerhin hatten sie fast 400.000 EUR Schaden in nur wenigen Monaten verursacht. Unser Schaden hatte sich damals auf ca. 130.000 EUR belaufen, angehäuft innerhalb eines Jahres. Ich erzählte meiner Familie von meiner Tätigkeit und meinem ersten Tag hier auf dem Bauernhof, und wie krass ich den ersten Tag fand, als ich einfach so draußen herumlaufen durfte. Wir verabschiedeten uns und ich konnte es kaum erwarten, dass ich bald satte fünf Stunden mit meiner Familie in der Stadt verbringen dürfte.

Normalerweise duschte ich abends vor dem Schlafen gehen. Aus irgendeinem Grund entschied ich mich an jenem Abend, erst am nächsten Tag morgens in die Dusche zu springen, bevor ich zur Arbeit ausrücken musste. Ich kämpfte mich an dem Morgen wieder durch den Gestank in der Umkleidekabine in Richtung Dusche und war überrascht, dass jemand ebenfalls bereits am Duschen war. Als ich die Tür öffnete, sah ich Sergej.

Seinen Oberkörper zierten ein halbes Dutzend Narben.

#67 – Der Zuhälter

„Holzhacken“ verstand ich seit jeher als den Inbegriff von reiner Männlichkeit: Eine schweißtreibende Arbeit, bei der Mann viel Muskelkraft bedarf, und Schweißtropfen, die von der Stirn abwärts ihren Weg durch den Männerbart suchen, um schließlich zischend auf dem verarbeiteten Gut zu landen.

Wahrscheinlich wurde diese Vorstellung von der Erscheinung Luigis noch weiter beeinflusst. Er hatte ein rotes, kariertes Hemd an, und sein Gesicht wurde von einem typisch orientalisch-langen Bart geziert. Meine Erwartungen wurden zu meinem persönlichen Glück nicht getroffen. Ganz im Gegenteil: wir waren vier Männer, und die Arbeit bestand darin, dass abwechselnd zwei von uns kleine Holzstämme auf einen Hubwagen legten, der dritte im Bunde den Wagen zu einer großen Holzhackmaschine fuhr und der letzte musste das Holz nur noch auf die Maschine stellen, um diese dann zu bedienen. Obwohl ich anfangs noch froh um die (im Vergleich zu meiner romantisierten Vorstellung) leichte Tätigkeit war, merkte ich doch so manches Mal, dass die Kälte mir zu schaffen machte, und auch das regelmäßige Anheben von Holzstämmen mit der Zeit doch einem Kraftakt glich.

Dies war wohl auch der Grund dafür, weshalb wir alle 30 Minuten eine lange Pause einlegten. Im Grunde genommen bestand unser Ziel darin, so viel Holz zu hacken, dass es nach einer großen Menge aussah, ohne uns dabei allzu sehr anzustrengen. Immer, wenn wir im Betonhaus saßen, lauschten die drei anderen auf Traktor-Geräusche. Diese deuteten darauf hin, dass der Beamte kam, um die Lage bei uns abzuchecken. Wir rannten dann immer schnell hinaus, begaben uns in Arbeitsstellung und schmissen die Maschine an. Meist dauerte der Besuch keine fünf Minuten.

Der Tag zog sich sehr in die Länge, das Holz hacken und die Gespräche über Geld, Drogen, Straftaten und irgendwelche „Was-wäre-wenn“-Träume waren keine sonderlich abendfüllenden Zeittotschläger. Wir saßen alle am Tisch, Luigi hatte heißes Wasser aufgesetzt und Tarik verteilte bereits die Pokerkarten. Ich hatte es mir selbst in der langweiligen Haftzeit einfach nicht zur Gewohnheit machen können, Kartenspiele als Beschäftigung anzusehen. Für mich war das eher eine Qual, und meist machte ich nur mit, damit ich nicht als Außenseiter dastand. Doch kaum hatte ich meine Karten in die Hand genommen, spürte ich plötzlich etwas Warmes und Hartes. Es umschlängelte förmlich mein unteres Bein und ich schreckte – wohl sehr laut – auf. Die anderen drei lachten mich aus, während ich fast die Bank, auf der Tarik und ich saßen, umgekippt hätte. „Was ist mit dir los, Junge?!“, rief Luigi, der, einerseits belustigt, andererseits wohl sehr erstaunt über mein schreckhaftes Verhalten, mich ziemlich perplex anschaute. Als ich auf den Boden blickte, sah ich einen schwarzen Kater, der seinerseits ziemlich süß zurückblickte und zu schnurren begann. „Alter, das ist ja eine Katze!“, rief ich, um meine schreckhafte Reaktion zu rechtfertigen. Zugegebenermaßen war ich nie jemand gewesen, der jemals Haustiere besitzen wollte. Schon von klein auf wurde mir in der Moschee beigebracht, dass Tiere nun mal Tiere sind und wir Menschen uns von diesen triebgesteuerten Wesen unterscheiden (sprich: fernhalten) müssen. Es wurde dabei nicht zwischen Zucht – und Haustieren unterschieden, wobei das Schwein natürlich eine ganz besondere Stellung innehatte. Unser Moscheelehrer bzw. Hoca erklärte uns oft genug, dass in einer Wohnung, in der Haustiere lebten, nicht gebetet werden könne. Die Erklärung lag darin, dass Tiere schmutzig seien, dass überall ihre Haare rumliegen würden und natürlich, dass sie ihr Geschäft überall in der Wohnung verrichteten. Für mich klang das damals logisch, immerhin mussten wir unsere Körper gründlich waschen, bevor wir beten durften – da durfte es nicht an irgendwelchen Katzenhaaren scheitern, dass Gott das Gebet nicht erhören würde. Außerdem hatte ich nicht selten in der Türkei streunende Hunde und Katzen gesehen, denen Ohre, Schwänze und Beine fehlten. Dies beeinflusste mein negatives Bild über diese Tiere natürlich noch weiter. Dabei verkannte ich völlig die Tatsache, dass die wahren „wilden“ Tiere eigentlich wir Menschen waren. Ich fragte einst meinen Cousin in der Türkei: „Hey, wieso haben die meisten Katzen hier nur ein Auge?“ Er war wohl verwundert, dass ich die Antwort nicht kannte: „Die ganzen kleinen Kinder hier haben nichts zu tun und ihnen ist langweilig. Die schnappen sich dann diese Tiere und verunstalten sie. Oft bewerfen sie sie auch einfach mit Steinen.“ Ich war damals durchaus baff, doch wurde mir das so locker rübergebracht, dass ich es nach einer gewissen Zeit als normal ansah.

Und nun, einige Jahre später, stand diese Katze vor mir und miaute so niedlich, dass mir bewusstwurde, dass meine bisherige Blindheit nicht nur mein Leben umfasste, nein, ich hatte auch die Lebewesen dieser Welt bisher nicht wahrgenommen. Ich war so fixiert darauf gewesen, dass der Mensch das höchste, wertvollste Lebewesen auf der Welt ist und Gott sich nur um uns schert, dass ich die Vielfalt um mich herum nie wahrgenommen hatte. Ich bückte mich zum Kater und streichelte ihn zögerlich, weil es sich zunächst seltsam anfühlte. Dieses sanfte Fell, die weichen Knochen und das Knurren – es fühlte sich wie eine phänomenale, neue Erfahrung an. Ich hatte zwar bisher Katzen gestreichelt, doch nie hatte ich sie dabei als wertvolles Lebewesen angesehen. Seltsam, wie sich so ein Gefühl durch eine Erfahrung schlagartig ändern konnte. Die anderen bekamen von meinen Gedanken nichts mit, und so führten wir unser Kartenspiel fort und begannen mit den Spekulationen über das heutige Mittagessen: „Ey, wenn es wieder nur Grießbrei zum Mittagessen gibt, dreh ich durch“, beschwerte sich Hassan. Er erzählte davon, wie er sich einen saftigen Burger bei seinem letzten Ausgang gegönnt hatte. Ich war so neidisch darauf, dass er schon seinen Ausgang hatte – der Burger war mir egal – ich wollte einfach nur im Freien spazieren dürfen, wohin und wann ich will. Doch musste ich mich wohl noch einige Zeit gedulden. Aus dem Raum nebenan kam erneut ein Miauen und die Jungs standen alle auf. Ich folgte ihnen nach draußen und sah, wie die Katze eine Maus gefangen hatte: „Alter krass, die hat ja `ne Maus gefangen und der die Kehle durchgebrochen.“ Den Jungs kam ich wohl total weltfremd vor, sie lachten erneut. „Digger, die Katze will auch zu Mittag essen, nur spielt sie erst damit. Die lässt es uns immer wissen, wenn sie einen Fang gemacht hat. Die will jetzt bestimmt, dass Du sie lobst und ihr dabei zuschaust, wie sie die Maus verschlingt.“ Ich merkte, dass die Jungs schon eine Weile hier waren, so hatten sie bereits das Verhalten der Katze studiert. Und tatsächlich, die Katze knabberte erst ein wenig am Schädel der Maus herum, und schluckte dann plötzlich den ganzen Körper auf einmal hinunter. Das sah zwar ziemlich unappetitlich aus, doch verdarb es meinen Appetit auf das Mittagessen nicht – dafür hatte ich mich heute – seit sehr langer Zeit – zu sehr körperlich verausgabt.

Gemütlich schlenderten wir den Hügel hinunter, an der Weide und den Kühen vorbei zum Bauernhof, und wurden mit dem hier üblichen Mistgestank begrüßt. Einer klopfte an die Tür und Herr Kuhn öffnete. Er zeigte mit dem Finger auf mich: „Kommen Sie mit.“ Ich folgte ihm ins Büro, welches direkt am Eingang war, und er drückte mir einen Brief in die Hand. Der Absender war die Hochschule Ravensburg. Ich hatte mich während meiner Zeit in der JVA Stammheim für einen Studienplatz beworben und eine Zusage bekommen. Anders als erwartet, war ich jedoch nicht in das Freigängerheim in Ravensburg verlegt worden, sondern nach Schwäbisch Hall, wo ich erfahren hatte, dass ich erst im Februar/März in den richtigen Freigang könne. Dies hatte mich dazu veranlasst, der Hochschule Ravensburg meine Umstände mitzuteilen wobei ich darum bat, mir gleich zu Beginn ein Urlaubssemester zu genehmigen. Auch hatte ich zugegeben, dass ich in meiner Bewerbung nicht gekennzeichnet hatte, dass ich vorbestraft war. Dementsprechend hoch war meine Aufregung nun, denn die Antwort auf all dies stand in dem Brief, den ich nun in Händen hielt. Trotzdem legte ich den Brief erst einmal ungeöffnet in mein Zimmer, denn so kurz vor dem Mittagessen wollte ich keine schlechten Nachrichten erhalten. Danach schlenderte ich zum Mittagessen – es gab glücklicherweise keinen Grießbrei, doch das hatte ich bereits vermutet. Denn das Essen wiederholte sich immer in einem gewissen Rhythmus, so gab es Grießbrei nur samstags und nur alle zwei Wochen als vollwertiges Mittagessen. Zum Glück war ich bereits mit meiner Mahlzeit fertig, als die ersten „Stall-Häftlinge“ aus ihrem Schönheitsschlaf aufgewacht waren und sich langsam aber sicher zum Esstisch begaben. Sie rochen stark nach Mist, der Gestank war kaum zu ertragen. Morgens von 06:00 Uhr bis 08:00 Uhr waren sie im Stall tätig und zogen es danach keineswegs in Betracht, duschen zu gehen. In gewisser Weise verständlich, denn um 16:00 Uhr mussten sie erneut ausrücken und bis 18:00 Uhr im Stall arbeiten.

Tarik rief mich mit in seine Zelle bzw. in sein Zimmer, wo ich auch Luigi und Hassan antraf. Sie hatten heißes Wasser gekocht und setzen sich Kaffee auf. Der Zahl der Tassen nach zu urteilen gab es auch eine Tasse für mich. Ich setzte mich dazu und ohne weiteres Zögern sprach Tarik mich an: „Du Emre, willst du heute in meine Zelle einziehen? Bald sollen wohl neue Häftlinge kommen und ich habe echt keine Lust, dass jemand bei mir einzieht, den ich nicht kenne. Du scheinst ganz cool zu sein.“ Genauso schnell, wie er mich mit dieser Frage konfrontiert hatte, bekam er auch eine Antwort von mir: „Ja klar, gerne.“ Ich hatte mir das bereits einige Male durch den Kopf gehen lassen. Tarik war sehr lustig und sympathisch, außerdem war er die Hygiene betreffend meinem aktuellen Zellengenossen ziemlich überlegen. Seine Zelle roch frisch, es war sauber und auch war alles schön ordentlich sortiert. Wir begaben uns gleich zu Herrn Kuhn und verkündeten ihm unseren Wunsch. Nach Feierabend könne ich meinen Umzug vollziehen, antwortete er.

Der restliche Arbeitstag verlief lustig, ich fühlte mich akzeptiert und wahrgenommen. Meine Geschichte lieferte viel Gesprächsstoff und auch sonst teilten die Jungs mehr intime bzw. private Themen mit mir. Luigi beispielsweise versuchte sich im Rap-Business durchzukämpfen und wollte mir die Tage ein paar seiner Songs zeigen – er hatte eine Xbox-Spielekonsole in seiner Zelle. Ich war rundum zufrieden mit meiner aktuellen Situation, war aber gespannt, was mich noch in Zukunft hier erwartete. So konnte ich keine Minute verbringen, ohne einen Gedanken an den Brief von der Hochschule Ravensburg zu verschwenden. Als dann der Feierabend endlich da war, packte ich meine Sachen und richtete mich bei Tarik ein. Den restlichen Abend sprang ich von Zelle zu Zelle und plauderte ein wenig mit den anderen Häftlingen. Zu guter Letzt begab ich mich wieder in meine Zelle und stand vor einer geschlossenen Tür. Sie war von innen verriegelt worden. Ich war etwas verwundert, als dann plötzlich Tariks Stimme hinter der Tür ertönte: „Wer ist da?“ Ich nannte meinen Namen und die Tür öffnete sich. Ich begab mich mit fragenden Blicken rein und Tarik schloss die Tür hinter mir wieder zu. Er legte sich wieder auf sein Bett und packte ein Handy aus seiner Hosentasche raus und begann, hinein zu sprechen. Ich war baff, dass er ein Handy besaß – denn das war im halb-offenen Vollzug immer noch nicht erlaubt. Zwar war es sehr einfach, etwas einzuschmuggeln, doch basierte hier vieles auf gegenseitigem Vertrauen, und so konnte man sehr schnell wieder zurück in die geschlossene Anstalt verlegt werden. Das würde auch Tarik blühen, sollte das Handy jemals vor die Augen des Beamten kommen. Ich bereute es bereits jetzt, dass ich hier eingezogen war, denn Stress wollte ich hier auf keinen Fall riskieren. Dennoch hörte sich das Gespräch interessant an. Tarik schien mit einer Frau zu sprechen, womöglich seine Freundin. Doch mir fiel auf, dass er ihr gegenüber einen sehr respektlosen Umgangston pflegte. So verlangte er Geld von ihr – sehr hohe Summen. Ich könnte schwören, dass ich einen Betrag von 10.000 Euro gehört hatte. Außerdem sprach er von irgendwelchen Tattoos, die diese Dame auf ihrem Körper zu haben schien, aber auch von irgendwelchen Männern, die sich gefälligst verziehen sollten.

Während Tarik telefonierte, lag ich auf meinem Bett und hatte den Brief der Hochschule Ravensburg in den Händen. Ich wünschte mir nichts so sehr, wie ein Studium zu beginnen, endlich wieder was Neues und Interessantes zu lernen – ich hatte so große Sehnsucht nach einem Studentenleben wie nie zuvor. Seit meiner Haft hatte ich viele Hürden, viele Konflikte und Probleme durchgemacht, aber stets hatte ich dagegengehalten. Vor meiner Haftzeit hatte ich gänzlich andere Hürden, Konflikte und Probleme zu meistern gehabt, war aber stets zu schwach gewesen und war den einfacheren Weg gegangen. Ich wollte mich in Zukunft ändern, die Haft als große Entwicklungsphase sehen und das Beste daraus ziehen. Doch alle meine Zukunftspläne, alle meine Visionen und Träume bauten auf diesem Studium auf – und in dem Brief, welchen ich in den Händen hielt, stand die Antwort auf die Frage, ob ich diesem Ziel schon ein großes Stück näher war, oder ob ich weiterkämpfen musste. Denn eines hatte ich hier sicherlich gelernt: „Es gibt nichts geschenkt im Leben“ war eines jener Sprichwörter gewesen, die sich bisweilen in ganz besonderem Maße durch mein Leben gezogen hatten.

Tarik hatte mittlerweile das Telefonat zu Ende geführt und ich blickte ihn fragend an: „Was ist los?“ Er grinste: „Ach nichts, die dumme Kuh hat einfach das ganze Geld ausgegeben.“ Ich blickte ihn wieder verdutzt an: „10.000 EUR?“ Er ging aus der Zelle und erwähnte ganz beiläufig, dass man im Bordell halt so viel verdient.

In dieser einen Nacht wollte ich noch etwas von dem Studentenleben träumen und legte den Brief aus Ravensburg beiseite. Stattdessen grübelte ich über das eben geführte Telefonat von Tarik.

War er etwa ein Zuhälter?

#66 – Aus der Asche des Phoenix

Leider hatte ich in dieser Nacht nicht gut geschlafen. Zum einen befand ich mich in einer völlig neuen Umgebung und hatte mich noch nicht an das Zimmer gewöhnt, andererseits hatte Bernd die ganze Nacht hindurch geschnarcht und musste bereits um halb sechs aufstehen, da er im Stall arbeitete und früh auf der Matte stehen musste. Zudem hatte ich ständig die aufregenden Gedanken, was mich heute erwarten würde. Wenigstens konnte ich durch die Abwesenheit von Bernd in Ruhe mein Morgenritual vollziehen – auch, wenn die Tür die ganze Zeit offen war und sich von innen nicht abschließen ließ. Die Toilette war wieder in einer kleinen Kabine, die allerdings mit einer hauchdünnen Trennwand getrennt war, so dass sämtliche Gerüche und Geräusche locker in das Zimmer gelangen konnten. Etwas unangenehm war es schon, abermals die Arbeiterklamotten für Häftlinge zu tragen. Da durfte ich endlich mal wieder mehr Privatklamotten besitzen, und war doch gezwungen, den Tag in der Häftlingsgarderobe zu verbringen. Dies lag wohl daran, dass im Falle einer Flucht die Identifizierung des Flüchtigen in einer einheitlichen Tracht schneller vonstatten geht.

Im Flur kam mir dann der angenehme Geruch von frischem, warmem Kaffee entgegen und erweckte in mir eine starke Lust darauf. Leider hatte ich weder einen Wasserkocher, noch löslichen Kaffee bei mir. Beides hatte ich meinen Häftlingskollegen in der geschlossenen Anstalt hinterlassen. Das Trio – bestehend aus Tarik, Luigi und Hassan – hatte sich wohl in einem der vielzähligen Zimmer des Bauernhauses, aus dem der wohlige Geruch zu mir zog, zum Kaffee versammelt. Zumindest konnte ich drei Stimmen aus dem Zimmer von Tarik ausmachen. Gerade, als ich mich zum Aufenthaltsraum in das untere Stockwerk begeben wollte, kam Tarik aus seinem Zimmer geschossen. Die Müdigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben, jedoch wusste er diese mit gestylter Haarpracht, einem in Form geschnittenen Bart und einer Wolke aus frischem Creme-Geruch gekonnt zu kompensieren: „Ah Emre, ich wollte gerade zu Dir. Hab‘ Wasser gekocht, hol deine Tasse und komm dann zu uns.“ Ich war extrem überrascht ob dieser Willkommensgeste. Gerade Tarik hätte ich das in der Form nicht zugetraut. Voller Vorfreude auf den Kaffee sprang ich in mein Zimmer, griff nach der roten Kaffeetasse, welche mir Kartal geschenkt hatte, und begab mich zu den Jungs. Für einen kurzen Moment schweiften meine Gedanken zu Kartal. Als ich ihn kennengelernt hatte, stand er unter „Besonderen Sicherheitsmaßnahmen“, weswegen ich lange Zeit sein einziger sozialer Kontakt war. Dementsprechend waren wir einander auch enger verbunden gewesen. Es war ein Paradoxon, dass er, so wie viele andere Häftlinge, so nett und freundlich war und man sie alle im Alltag wohl als sympathische Persönlichkeiten eingeschätzt hätte – doch im Endeffekt waren wir alle einmal kriminell gewesen bzw. viele sind es sicherlich noch immer. Mir gefiel der Gedanke, dass die „kriminelle Energie“ nur einen Teil des Menschen ausmachte, quasi eine Macke darstellte und keineswegs den Menschen insgesamt ausmachte. Zumindest erleichterte mich dieser Gedanke in der Hoffnung, dass mich die Gesellschaft künftig trotz meiner „Macke“ akzeptieren würde. Mir wurde bewusst, dass ich gar nicht mehr auf dem letzten Stand war, was die Verurteilung und Revision von Kartal betrafen. Es stimmte wohl wirklich: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Die Tasse erinnerte mich zwar kurz an Kartal, doch das war es dann auch wieder.

Ich genoss den Kaffee mit den Jungs. Bis auf Luigi war der Rest am frühen Morgen noch nicht sehr redselig. Um acht Uhr würde uns Herr Kuhn zur Arbeit abholen. Luigi redete von deutschen Rappern, von „Haftbefehl“, aber auch von einem „Xatar“, der wohl wegen eines Goldraubs aktuell ebenfalls in Haft saß. Aber er war auch fasziniert von einem „Shindy“, der wohl die Szene, so sein O-Ton, „rasierte“. Von all diesen Künstlern hatte ich zuvor nichts gehört, denn bisher war für mich Deutsch-Rap eher etwas, worin Mütter, Schwestern, einfach Frauen im Allgemeinen beleidigt wurden. Damit konnte ich nichts anfangen. Luigi redete derart viel von der Rap-Szene, dass ich zu dem Schluss kam, dass er selber als Rapper groß rauskommen wollte. Das Image eines Rappers verkörperte er in meinen Augen durchaus, ich war gespannt, wie es wohl um sein künstlerisches Talent stand. Mir gefiel sein Schwärmen, denn auch ich war stets ein Träumer gewesen und verfolgte gerne große und unerreichbar scheinende Ziele. Ich war stets der Meinung, dass man seine Träume verfolgen sollte, bis einen die Realität einholt und wieder zurück auf den Teppich bringt. Von Tarik und Hassan hatte ich noch keine weiteren Informationen, doch würde uns noch genug Zeit bleiben, um einander besser kennenzulernen.

Meinen Kaffee hatte ich genüsslich hinunter geschlürft und freute mich bei jedem Schluck auf den ersten richtig guten Kaffee, den ich mir in Freiheit gönnen würde. Wenn mir dieser lösliche Kaffee schon schmeckte, wie würde dann ein frisch gemahlener Kaffee mit feiner Crema schmecken? Es waren eben die kleinen Dinge, die einen glücklich machten. Das war ein positiver Nebeneffekt der Inhaftierung. Man – zumindest ging es mir so – begann, die kleinen Dinge im Leben wert zu schätzen. Herr Kuhn riss die Zimmertür auf und grüßte mit einem so lauten „Guten Morgen“, dass sogar der Schläfrigste unter uns davon hellwach wurde. Wir folgten Herrn Kuhn nach unten vor die Eingangstür, gingen schnell in die Umkleidekabine nebenan, um unsere Arbeitsschuhe anzuziehen, als mir wieder dieser widerliche Geruch in die Nase stieg: „Was ist das für ein scheiß Geruch?“, fragte ich in die Runde und verzog dabei angeekelt mein Gesicht. Hassan lachte: „Haha, was glaubst Du denn? Das ist von den Stallarbeitern. Deren Klamotten riechen so krank nach Scheiße. Du kannst echt von Glück reden, dass Du nicht im Stall arbeiten muss. Niemals würde ich dort arbeiten wollen.“ Die anderen beiden bestätigten dies nickend. Ich hätte niemals gedacht, dass Klamotten so extrem stinken können, auch wenn man im Stall arbeitete. Wie musste es dann erst im Stall stinken? Zu allem Überfluss teilte mir Luigi noch mit, dass die Arbeiter selbst ebenfalls total streng rochen und sich einige zwar dann zwei Mal am Tag nach jeder Schicht (morgens und abends je zwei Stunden) duschten, jedoch längst nicht alle sich die Mühe machten, dabei hygienische Sorgfalt walten zu lassen und er das ganz schön zum Kotzen finde. Ich wusste zwar noch nicht, welche Arbeit mich erwartete, aber es schien allemal besser zu sein, als die Arbeit im Stall.

Herr Kuhn öffnete uns die Tür und ein Mann in „Arbeiterklamotten“ stand vor uns. Er war wohl auch Beamter, jedoch hauptsächlich auf dem Bauernhof tätig und ging keiner typischen Vollzugsbeamten-Tätigkeit nach. Ich war positiv überrascht, als er mich persönlich mit einem Handschlag begrüßte, sich als „Herr Steinhauer“ vorstellte und mich willkommen hieß. Mir gefiel es jetzt schon so gut, ich dachte, es könnte nicht besser werden. Doch dann teilte uns Herr Steinhauer mit, dass er mit dem Traktor aufs Land müsse und wir doch bitte „hoch“ zum Holzhacken sollen. Ich war verwirrt, während die Jungs sich schon schnurstracks, ganz alleine, ohne Aufsicht, ohne Beamten auf den Weg machten. Ich folgte ihnen mit zögernden Schritten, blieb jedoch ab und an stehen und fragte mich, ob das ein Trick ist. „Jungs, wartet mal, wartet mal.“ Die drei waren in ein Gespräch verwickelt und standen kurz vor einem Hügel und wollten diesen gerade hochlaufen, als ich total nervös stehen blieb und sie mich erwartungsvoll anblickten: „Äh, ähm, also, wir gehen jetzt einfach hoch, so ganz alleine?“ Die drei lachten und Luigi antwortete sofort: „Was denkst Du, wo Du hier bist, man? Wir gehen nur hoch zum Holz hacken. Komm mal runter.“ Auf dieses Wortspiel folgten noch etliche Witze über mich, wobei sie sich köstlich zu amüsieren schienen. Mich überwältigte die Situation jedoch sehr, mein Herz hatte schon lange nicht so wild gepocht, das Ganze kam völlig unerwartet, ich war total überfordert. Weiterhin langsamen Schrittes folgte ich den Jungs, als ein frischer Wind wehte, und sich rechts und links von uns Kühe befanden, die friedlich ihr Gras von den Feldern rupften. Der Sonne Strahlen begannen mein Gesicht zu erwärmen, während ich den weichen, moosigen Boden unter mir spürte. Dieses Gefühl war so unbeschreiblich, dass mich eine Gänsehaut überkam. Die Wärme der Sonne glitt von meiner Haut direkt in mein Herz, in meinem Magen kribbelte es und ich war kurz davor, eine Freudenträne zu verlieren. War dies das Gefühl von Freiheit? Hatte man mir wirklich die Ketten abgenommen und erlaubt, hier eigenständig hochzugehen, da…draußen? In der einen Minute war mein Kopf voller Fragen, voller Sorgen, ein reines Chaos, als würde er gleich explodieren. In der nächsten fühlte es sich so an, als wären all meine Gedanken implodiert und mein Kopf war plötzlich leer. Ich spürte nur noch die Freiheit und genoss den wohl wunderschönsten Augenblick meines Lebens, die wundervolle Aussicht. Ich fühlte mich wie neugeboren – wie ein Phoenix, welcher aus seiner Asche neu auferstanden war.

Während ich all das durchmachte, liefen die drei Jungs unbeeindruckt weiter den Hügel hoch, sie hatten sich wohl schon an die Lage gewöhnt, oder sie nie als so intensiv empfunden. Ich rief den dreien zu: „Jungs, wartet auf mich!“ Ich grinste, während ich ihnen hinterherrannte. Es fühlte sich an, als würde ich in die Arme meiner Mutter laufen. Ja, irgendwie fühlte sich die Freiheit wie eine Mutter an, die ihren Sohn voller Liebe in ihre Arme schloss.

Doch wie jede Mutter musste die Freiheit mich noch erziehen und mir zeigen, dass ich eben nicht all das machen kann, was ich möchte. Dass das Leben einem Grenzen setzt, Grenzen, die man nicht überschreiten sollte oder nicht überschreiten kann.

#65 – Der „halb-offene“ Vollzug

Das Innere des Gebäudes sah überhaupt nicht nach Haftanstalt aus. Die Außentür hatte nicht einmal eine zusätzliche Sicherung. Als ich im Flur stand, sah ich schon ein paar Leute hin und her laufen, womöglich Häftlinge – man sah es ihnen jedenfalls nicht an. Zu meiner Linken befand sich ein Büro, in welches ich hineingeführt wurde. Die zwei Beamten, die mich hergefahren hatten, machten sich nach der Dokumentenübergabe unverzüglich aus dem Staub.

„Ates?“, fragte einer der zwei Beamten, die auf ihren Bürostühlen saßen und mich begutachteten. Als wollten sie sicher gehen, dass es sich bei mir tatsächlich um die Ware handelte, die sie „bestellt“ hatten – waren sie vielleicht enttäuscht? Ich bejahte. Die zwei Beamten machten einen skurrilen Eindruck. Während der eine so schien, als würde er die Welt um sich gar nicht wahrnehmen und als wäre er irgendwie beschwipst, war sein Kollege total fixiert auf mich. Er schaute mich an, als würde er nur darauf warten, dass ich etwas Falsches sagte, um sich dann auf mich zu stürzen – Es sah auch so aus, als wäre er auf Drogen. Stark leistungssteigernden Drogen. Mit was für Spaßvögeln hatte ich es denn hier zu tun? „Mein Name ist Kuhn und das ist Herr Bertel, wir haben hier das Sagen. Nimm diese Hausordnung und lies sie dir durch. Natürlich hast du dich auch daran zu halten“, ließ der leicht betrunken wirkende Beamte verlauten und bewies mir damit, dass er mich doch wahrgenommen hatte. „Reiniger!“, schrie Herr Bertel und ruckzuck kam ein junger Mann um die Ecke: „Ah, ein Neuankömmling“, meinte er und drückte meine Hand. Ich hingegen war enttäuscht, dass der Reiniger-Job bereits vergeben war. „Wie viele Leute haben wir im Stall?“, fragte Herr Bertel den Reiniger. „Mehr als genug“, war die knappe Antwort. Herr Bertel überlegte ein wenig und fällte eine mich erleichternde Entscheidung: „Bringen Sie Herrn Ates zu der Tarik-Truppe, er soll mit ihnen morgen hoch. Und er soll vorerst mal beim Bernd bleiben.“ Der Reiniger half mir, meine Sachen zu packen und begab sich mit mir in das obere Stockwerk. Der Holzboden knirschte bei jedem Schritt, den ich ging. Ich versuchte, nicht mein Gleichgewicht zu verlieren, da ich auf keinen Fall die dreckigen Wände berühren wollte. „Bernd, das ist dein neuer Mitbewohner“, rief der Reiniger und deutete auf mich. Ich war verwundert, dass er „Mitbewohner“ anstelle von „Zellenkollege“ gesagt hatte. Das Zimmer hatte zu meiner großen Überraschung tatsächlich kein bisschen Zellenflair. Die Fenster waren ohne Gitter, die Tür war weit geöffnet und der eben angesprochene Bernd saß auf seinem Stuhl und spielte an einer Spielekonsole. Ich ging auf ihn zu. „Mein Name ist Emre.“ Bernd gab mir allerdings nur einen kurzen Handschlag und teilte mir seinen – mir bereits bekannten – Namen mit. Der Reiniger hingegen war interessierter, er fragte als erstes, weswegen ich saß. Beim Erzählen wurde auch Bernd hellhörig. Nachdem ich mit dem Erzählen fertig war, war ich mit meinen Fragen dran und wollte natürlich erst einmal wissen, wie die hiesigen Abläufe aussahen und was ich beachten müsste, vor allem aber wollte ich wissen, wann und wie ich das erste Mal raus dürfte. Der Reiniger erzählte mir, dass es zwei Arbeitergruppen gab. Die einen arbeiteten im Stall, die anderen machten andere anfallende Tätigkeiten. Welche, würde ich wohl noch am eigenen Leibe erfahren –  ich wurde nämlich dem letzteren zugeteilt. Während die Stallarbeiter morgens und abends jeweils 2 Stunden arbeiteten, mussten die anderen ihrer Beschäftigung von 08:00 Uhr bis 18:00 Uhr nachgehen. Die Türen wurden abends um 22:00 Uhr abgeschlossen und morgens um 06:00 Uhr wieder geöffnet. Man durfte wohl einiges mehr besitzen, als in der geschlossenen Anstalt, jedoch würde auch hier striktes Handy-Verbot herrschen. Die ersten 4 Wochen würde ich nicht in den Ausgang dürfen, in dieser Zeit war es allerdings erlaubt, im 2-Wochen-Rhythmus Besuch empfangen. Auf keinen Fall – so waren sich beide einig – sollte ich vergessen, einen Antrag auf meinen ersten Ausgang zu stellen, denn nur dann würde dieser bewilligt werden können. Und ohne Antrag gab es auch keinen Ausgang. Meine ersten zwei Ausgänge würden nur 5 Stunden gehen und ich dürfte diese nur mit meiner Bezugsperson führen – optimal wäre es, wenn der Ausgang in Schwäbisch Hall stattfände. Beim dritten Ausgang dürfte ich für 12 Stunden raus und gegebenenfalls sogar nach Hause. Beim vierten Ausgang wäre es dann erstmals möglich, dass ich eine Nacht daheim verbringe und anschließend wäre mein letzter und fünfter Ausgang eine 2-Tages-Übernachtung bei meiner Bezugsperson. Wenn alles glattging, dürfte ich danach in das Freigänger-heim. Was Lebensmittel anging, durfte ich von meinen Ausgängen nichts mitbringen, alles müsste wie gewohnt über den Einkaufszettel stattfinden und auch zu den entsprechenden Preisen und der entsprechenden Auswahl an Lebensmitteln.

Ich machte mich im Zimmer breit und legte mich erst einmal zur Entspannung hin, während ich Bernd beim Spielen zusah. Ich fühlte mich schon ein großes Stück freier. Hier schien alles viel lockerer zu laufen, woran ich mich sicherlich schnell gewöhnen würde. Ich spürte ein wohles Gefühl im Magen, als hätte ich soeben Adrenalin ausgeschüttet und würde mich anschließend wieder beruhigen. Ich nahm den Geräuschpegel aus dem Fernseher immer weniger wahr und spürte den langsamen Rhythmus meines Herzschlags. Ich musst leicht grinsen, als ich realisierte, wie weich die Matratze war, auf der ich mich breit gemacht hatte – ganz anders, als jene in der geschlossenen Anstalt. Ich begann irgendwie zu schnurren, ich gab ein Geräusch von mir, das sich langsam aber sicher zu einem ausgewachsenen Schnarchen entwickelte. Mein Körper war im absoluten Ruhemodus angekommen und ehe ich mich versah, tauchte ich in die Traumwelt ab.

„Digger Emre, wieso bist Du wieder zurück?“, fragte mich Savas. Mir ging es sehr schlecht und Savas war am Grinsen, er sah aus, als würde er gleich in ein schadenfrohes Lachen ausbrechen. „Ich habe doch damals auf Wunsch des Albaners dem einen Typen etwas Kleines mitgegeben…Das waren wohl Drogen, und er wurde erwischt und hat mich verpfiffen. Ich musste dann wieder zurück in den geschlossenen Vollzug.“ Savas begann tatsächlich zu lachen und beschimpfte mich als einen Idioten. Ich stand vor meiner Zelle und richtete meinen Blick auf die massive Tür. Meine Angst davor, dass diese sich gleich vor meinen Augen schließen würde, lähmte mich.

Ich schreckte auf, mein Herz raste. Es war niemand im Zimmer. Einige Zeit verging, bis ich realisierte, dass ich geträumt hatte und mich in Comburg befand. Der kurze Moment, in dem ich mir nicht bewusst war, was Realität und was Traum war, hatte einen leichten Schwindel in meinem Kopf hervorgerufen. „Mittagessen!“, eine Stimme vom unteren Stockwerk ertönte – es klang wie jene von Herrn Kuhn. Ich ging kurz zum Waschbecken, machte mich frisch und wollte gerade hinuntergehen, da stand Herr Kuhn vor meiner Zimmertür: „Herr Ates, kommen Sie nach dem Mittagessen in mein Büro.“ Ich nahm dies zur Kenntnis und machte mich auf den Weg in den Aufenthaltsraum, der sich im unteren Stockwerk befand. Herr Kuhn schien die anderen Häftlinge aufzuwecken – dies betraf wohl vor allem die Stallarbeiter, die heute morgen draußen gewesen waren und sich nun hingelegt hatten. Etwas enttäuscht war ich schon, als mich auch hier nur die übliche Häftlings-Mahlzeit erwartete. Ich setzte mich an einen großen und nahezu leeren Tisch, es war bisher nur der Reiniger da. Nach und nach kam der Rest, einige von Ihnen hatte ich schon einmal gesehen, sei es in der U-Haft oder in der Strafhaft. Wir gingen die übliche Begrüßungsprozedur durch, während wir aßen und an einem Röhrenfernseher Musik auf VIVA lief. Als ich gerade fertig mit dem Essen war, betrat ein Trio in Arbeitsklamotten den Aufenthaltsraum. Zwei von ihnen kannte ich, den Türken Tarik und den Italiener Luigi. Tarik war groß gebaut und braun gebrannt. Luigi war, typisch italienisch, etwas kleiner, dennoch recht gut gebaut. Beide sahen nach typischen „Gangster-Kanaken“ aus. An meinem ersten Tag in der Strafhaft sollte ich damals zu einem Araber in die Zelle kommen und meine Schuhe ausziehen. Sie hatten mich nach meiner Tat gelöchert und genau zwei von Ihnen waren Tarik und Luigi gewesen. Den dritten in ihrem Bunde kannte ich nicht, doch er passte in das Gesamtbild gut hinein. Er stellte sich als Hassan vor, er war wohl ein Libanese. Ich kam mit den Dreien ins Gespräch, sie hatten bereits mitbekommen, dass mit mir nun aus dem Trio ein Quartett werden würde. Sie schienen weder erfreut noch verärgert ob dieser Tatsache zu sein. „Bist Du sauber?“, fragte mich Tarik. „Sauber? Also in Sachen Hygiene? Ich denk schon.“ Gegelte Haare hatte ich nicht, auch keinen perfekt rasierten Bart – mal abgesehen davon, dass ich ohnehin wenig Bartwuchs hatte – doch er fragte ja auch nicht, ob ich stylisch war, sondern hygienisch. Dennoch war allen klar, dass ich rein äußerlich das coole Image vom Trio zerstörte. Luigi und Tarik führten ein äußerst spannendes Gespräch, in dem ich wohl eine große Rolle spielte – ich versuchte, dennoch nicht zu lauschen und auch nicht darauf einzugehen. Luigi wandte sich mir zu: „Bist du gerade bei Bernd im Zimmer? Willst du wechseln?“ Luigi sah so aus, als würde er mich gleich abstechen. Ich bejahte die erste Frage und hatte zu der zweiten eine Gegenfrage in petto: „Warum wechseln? Und wohin?“ Tarik griff ein: „Ich bin gerade alleine im Zimmer. Habe keine Lust, dass die irgendeinen Schmock bei mir reinstecken. Deswegen kannst du zu mir.“ Ich sollte mich wohl geehrt fühlen und wusste nicht genau, was ich antworten sollte: „Geht das denn so einfach?“ Tarik überlegte auch kurz: „Ja, ich kläre das. Aber lass uns erst mal so verbleiben. Vielleicht kommt in nächster Zeit keiner mehr. Bleib vorerst beim Bernd.“ Ich war erleichtert, Bernd schien mir ungefährlicher als Tarik. Es war mir sowieso ein Rätsel, wie jemand wie Bernd in die Haft kommen konnte.

Ich machte mich sofort auf den Weg ins Büro: „Herr Kuhn, Sie wollten, dass ich vorbeikomme?“ Er befahl mir, mich zu setzen und wies auf den ihm gegenüberliegenden Platz. „Ich habe mir Ihre Akte durchgelesen. Damit Sie Bescheid wissen: Sie können nicht in das Freigänger-heim, solange kein Beschluss vom Regierungspräsidium über ihre Abschiebung vorhanden ist. Kümmern Sie sich also darum. Ansonsten müssten wir noch Bezugspersonen festlegen. Haben Sie eine Freundin?“ Ich verneinte und machte mir zugleich Sorgen wegen des Beschlusses, den ich total verdrängt hatte. „Wie ich sehe, haben Ihre Eltern Sie regelmäßig besucht. Sollen wir die beiden als Bezugspersonen nehmen?“ Ich bejahte und fragte zugleich, was dies denn für mich hieße. „Die Bezugsperson muss Sie stets abholen, wenn Sie in den Ausgang gehen. Während es Ausgangs haben Sie stets bei der Bezugsperson zu sein. Wir rufen Ihre Bezugsperson auch an und fragen nach Ihnen“, erklärte mir Herr Kuhn. „Das ist kein Problem“, erwiderte ich glücklich. Der Gedanke an die Ausgänge erfreute mich, und es war selbstverständlich für mich, dass ich diese Zeit mit meinen Eltern bzw. meiner Familie verbringen würde. Ich durfte noch mit dem Festnetztelefon im Büro meine Mutter anrufen und ihr mitteilen, dass ich in Comburg war. Wir machten auch sofort einen Besuchstermin aus. Obwohl ich in den ersten vier Wochen nicht in den Ausgang durfte, war es mir dennoch erlaubt, alle zwei Wochen Besuch zu empfangen. Ich bedankte mich bei Herrn Kuhn. „Der Reiniger bringt Ihnen noch Arbeiterklamotten. Dann gehen Sie morgen arbeiten“, informierte er mich noch, bevor ich das Büro verlassen konnte.

Tarik und seine Truppe hatte sich wieder an die Arbeit gemacht und befand sich außerhalb des Hauses – so, wie es den Anschein machte, sogar ohne Aufsicht. Ich gesellte mich zu den übrig gebliebenen Häftlingen in dem Aufenthaltsraum. Es gab, wie üblich, übertriebene Geschichten, gelogene Geschichten, langweilige Geschichten – aber vor allem überdurchschnittlich viele Flüche. Doch alles in allem schienen die Häftlinge hier viel besser drauf zu sein, es herrschte zu keinem Zeitpunkt eine übermäßig deprimierte Stimmung, keiner hatte mit nur einem Wort seinen Anwalt erwähnt. Es herrschte Harmonie in diesem Haus. Nach einigen Stunden musste auch der letzte Häftling das Haus verlassen und im Stall arbeiten gehen. Zwei Stunden lang würde ich meine Ruhe haben, außer mir war nur der Reiniger da. Ich nutzte die Gelegenheit, um unter die Dusche zu springen. Mit meinem Handtuch und Shampoo in den Händen ging ich in Richtung Dusche, wobei ich dabei einen Umkleideraum durchqueren musste. Als ich mich im Umkleideraum befand, wurde mir plötzlich übel. Es war ein sehr intensiver Gestank von Fäkalien in der Luft. Wie konnte es in einer Umkleide nur so bestialisch stinken? Was war bloß in den Spinden drin? Schnell huschte ich in den Duschraum und zögerte keine Sekunde damit, das duftende Shampoo auf meinen Haaren zu verbreiten. Ich überlegte kurz, ob ich meine Unterhose ausziehen sollte, immerhin war niemand da. Während meiner ganzen Haftzeit hatte ich stets mit der Unterhose geduscht, doch so ganz traute ich mich dann doch nicht, mich komplett zu entblößen.

Der Abend verging ruhig und mit dem Einschluss um 22:00 Uhr schlief ich auch sofort ein. Mit Bernd hatte ich keine großen Gemeinsamkeiten gefunden, weshalb sich unsere weiteren Gespräche in Grenzen hielten. Morgen würde mein erster Arbeitstag mit den Jungs anstehen, und ich war aufgeregt, was die nächsten Monate mit sich bringen würden.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass meine Pläne, die ich in dieser Nacht schmiedete, sich sehr bald als für die Katz herausstellen würden.

#64 – Die etwas anderen Gefangenen

„Ich bin der Ansicht, dass Sie die Verlegung in den offenen Vollzug verdient haben. Daher habe ich die Freigabe erteilt. In zwei Wochen werden Sie also verlegt.“ Die erlösenden Worte des Anstaltsleiters bejubelte ich im Inneren, äußerlich sah er nur mein sehr breites Grinsen: „Vielen Dank!“ Er reichte mir als nette Geste seine Hand und wünschte mir viel Erfolg im Leben. Schließlich gab er mir noch mit, dass ich nicht wieder auf die schiefe Bahn rutschen solle und dass er hoffe, dass es mit dem Studium klappen würde. Ich bedankte mich nochmals überschwänglich.

Schnell ging ich in meine Zelle, zückte Stift und Papier und begann einen Brief an die Hochschule Ravensburg zu schreiben. Darin schilderte ich meine Situation, dass ich in Haft sei, jedoch zum Februar 2014 und somit rechtzeitig zum Sommersemester im Freigang sein würde. Ich bat die Hochschule darum, meine Immatrikulation einzufrieren bzw. mir ein Urlaubssemester zu gewähren. Ich wollte nicht noch ein Semester dadurch verlieren, dass ich an einem Bauernhof gefangen war. Viele Bedenken machten sich in mir breit, denn damals hatte ich bei der Immatrikulation nicht angekreuzt, dass ich vorbestraft war.

Danach rannte ich in das Büro des Beamten und fragte ganz höflich, ob ich kurz meine Familie anrufen dürfe: „Ich möchte ihnen gerne die gute Nachricht übermitteln, dass ich in zwei Wochen in den offenen Vollzug verlegt werde.“ Dass mir das erlaubt wurde, überraschte mich inzwischen nicht mehr. Die Beamten der JVA Schwäbisch Hall waren einfach sehr entgegenkommend, zeigten Verständnis und hatten meiner Erfahrung nach bei den Häftlingen einen besseren Ruf als die Beamten der JVA Stammheim. Meine Mutter ging ran und freute sich sehr über die frohe Botschaft. Doch viel mehr schien sie sich über den Anruf des Hocas gefreut zu haben. Die nächsten 10 Minuten verbrachen wir mit Lobpreisungen darüber, wie toll es denn vom Hoca gewesen sei, dass er bei mir zuhause angerufen habe. Auch sprachen wir darüber, wie wichtig die Religion sei, und wie wir zusammenhalten müssen. Ob sie mit „wir“ die Moslems oder wir als Familie meinte, konnte ich nicht mit Gewissheit sagen. Auch bei den Häftlingen machte die Nachricht die Runde, dass ich bald weg sein würde. Als ich eines Tages abends im Bett in meiner Zelle lag und wegen des warmen Wetters das Fenster komplett offen hatte, hörte ich türkische Mithäftlinge vom oberen Stockwerk reden. Meine Aufmerksamkeit hatten sie, als ich meinen Namen zu hören bekam. Sie sprachen darüber, wie ungerecht es sei, dass ich bereits in den offenen Vollzug verlegt werde, obwohl ich erst kürzlich eingetroffen war. Auch sonst versuchten sie, meine Persönlichkeit anzugreifen. Ich schwieg einfach und hörte zu. Traurig war es schon, zumal ich mich mit den beiden diskutierenden Häftlingen gut verstand. Doch das war mir egal, bald war ich endlich weg, ein ganz großes Stück näher an der Freiheit.

Mit einigen Häftlingen tauschte ich noch Festnetznummern aus – nun ja, sie dachten zumindest, es handle sich um eine echte Festnetznummer. Ich hatte zwar nicht viel Hab und Gut, doch alles Übrige, was mir nicht lieb und teuer war, übergab ich meinen Reiniger-kollegen. Vom löslichen Kaffee, über bereits geöffnete Cornflakes-Packungen bis hin zu überzähligen Kleidungsstücken. In der Haft war eigentlich kein Handel erlaubt, wobei auch Schenkungen eine heikle Sache waren: Wie wollte man beweisen, dass man dafür keine Gegenleistung erhalten hatte? Bei Kleidungsstücken achteten die Beamten weniger drauf – gab es mal eine größere Zellenkontrolle, so konnten die Vollzugsbeamten anhand der Anzahl der Kleider im Kleiderschrank bereits feststellen, ob jemand zu viele Klamotten hatte und nahmen den „Überfluss“ entsprechend weg. Da ich aber diesmal derjenige war, der seine Klamotten hergab, musste ich diese als „verloren“ oder „zerrissen und weggeschmissen“ melden. Die Kammerbeamte konnten sicherlich ahnen, dass es kein Zufall war, dass gerade am Tag der „Entlassung“ die eigenen Kleidungsstücke als verloren gemeldet wurden – doch wie bereits erwähnt, hier drückte man ein Auge zu. Anders war es bei hochwertigeren Sachen wie einer Radio-Anlage, eine Spielekonsole oder sogar einem Ventilator. Alle Geräte waren mit Nummern versehen, sodass sie dem Besitzer zugeordnet werden konnten. Mein albanischer Reiniger-kollege wollte unbedingt mein Radio haben, welches meine Mutter mir damals in der U-Haft gekauft hatte – bisher hatte ich damit jedoch nur depressive türkische Musik gehört (meine Pulsadern hatte ich mir zum Glück deswegen noch nicht aufgeschnitten). Doch uns fehlten die nötigen Connections zu den „richtigen“ Beamten. Denn tatsächlich gab es den ein oder anderen Beamten, der inoffiziell Geräte von einem Häftling auf den anderen Häftling überschrieb. Mir war das Recht, das Radio hatte mich eine lange Zeit begleitet, und auch wenn ich es in Stammheim nicht hatte verwenden dürfen, so verband ich viele Erinnerungen an die U-Haft damit, die ich nicht verlieren wollte – außerdem war es ein Geschenk meiner Mutter gewesen. Nachdem ich so gut wie blank war und mich von allen Häftlingen verabschiedet hatte, kam endlich der Tag, auf den ich so lange gewartet hatte. Eine leichte Aufregung war in meinem Körper präsent, in etwa so, wie als würde ich gleich ein Mädchen auf ein Date ausführen. Meine Zelle hatte ich noch blitzeblank geputzt und desinfiziert, weshalb ich bei Kreshnik in der Zelle zu einem Kaffee saß. Der Kaffee roch nach frischem Wind und schmeckte nach Freiheit – es war der beste Kaffee, den ich bisher getrunken hatte (man bedenke an dieser Stelle: Ich habe erst in der Haft angefangen, Kaffee zu trinken, und dann auch noch löslichen Kaffee). Ich hörte, wie das Rascheln der Schlüssel des Vollzugsbeamten immer lauter wurde und immer näherkam, sie schrien förmlich nach mir – als würden die Schlüssel es vermissen, mich einzuschließen und so als ob sie mir nochmals „Tschüss!“ sagen wollten, à la: „Deine Zellentür war stets eine gute Tür, die ließ sich immer sehr leicht schließen.“ Ich umarmte meine Reiniger-kollegen, Kreshniks letzte Worte waren: „Ich weiß, aus dem Auge, aus dem Sinn – ich hoffe dennoch, dass du uns schreibst. Erzähl uns von der Freiheit! Ich wünsche dir alles Gute mein Bruder, du bist wahrhaftig ein guter Junge. Du gehörst nicht an solch einen Ort. Studiere und mach was aus Dir!“ Ich bedankte mich bei ihm, das war der Moment, in dem ein neues Kapitel in meinem Leben anfing, was ich auch den anderen mitteilte: „Ab heute geht es hoffentlich nur noch bergauf bei mir. Doch ich werde niemals diejenigen vergessen, die mir stets zur Seite standen, als ich am tiefsten Punkt meines Lebens angekommen war. Du bist einer derjenigen, die mir immer im Sinn bleiben werden, ganz egal, ob ich dich wiedersehe oder nicht. Also vergiss nicht, auch wenn ich nicht schreibe, ich werde sicherlich noch oft an unsere gemeinsame Zeit denken. Und: auch, wenn wir beide kriminell waren, heißt das noch lange nicht, dass wir keine guten Menschen sind oder werden können. Wir sind eben gute Menschen mit Macken.“ Er umarmte mich nochmals: „Bruder, ich habe sehr große Macken!“, wir lachten. Der Beamte hatte einen Schubwagen dabei, meine Kisten hatte der andere Reiniger-kollege bereits beladen – auch von ihm verabschiedete ich mich mit einer Umarmung. „Wohin geht es jetzt?“, fragte ich den Beamten: „Erst einmal zur Kammer, danach musst du noch zum Arzt.“ Wir liefen über den Innenhof in das gegenüberliegende Gebäude. Der frische Wind fühlte sich heute ganz besonders gut an, der Duft des Teichs roch wie an meinem ersten Tag, als ich von Stammheim nach Schwäbisch Hall verlegt worden war, und der Teich im Innenhof mir eine innere Ruhe verliehen hatte. „Irgendwie werde ich das alles schon vermissen – klingt paradox, aber ich fühle mich wie Zuhause hier.“ Der Beamte erschrak: „Tu‘ mir bitte einen Gefallen und mach was aus deinem Leben – ich will dich hier nicht wiedersehen.“  Es war schwer, die in mir tobenden Gefühle zu erklären, doch ich fühlte mich nach so langer Zeit wieder lebendig. In der Kammer angekommen, wurden mir einige Klamotten ausgegeben, die ich zuvor nicht haben durfte, weil man z.B. keine Kapuzenpullis haben durfte: „Wie jetzt, darf ich diesen schwarzen Pulli haben, obwohl der eine Kapuze hat?“ Der Beamte schaute mich gelangweilt an: „In Comburg darfst Du alles an Kleidung haben, jetzt beruhige dich mal – Du hast hier echt viele Klamotten, die ewig rumlagen, wir hätten die zurückschicken oder deinem Besuch mitgeben sollen.“ Er war wohl verärgert, dass er dadurch einen längeren Bestandsaufnahmeprozess hatte. Ich hingegen freute mich wie ein kleines Kind über meinen Pulli, das war nämlich mein Lieblingspullover gewesen. Ich sollte noch schnell zum Arzt hüpfen, der glücklicherweise kein Blut abnahm, das ging bei mir nie gut aus. Der Arzt fragte nur nach meinem Wohlbefinden und gewogen wurde ich auch noch: „Ach herrje, Ihnen schien es bei uns ja gut gegangen zu sein.“ Ich wurde leicht rot, als er die hohe Zahl auf der Waage betrachtete: „Sie haben beachtliche 8 Kilo zugenommen.“ Das lag wohl daran, dass ich jeden Abend mindestens eine Tafel Schokolade gefuttert hatte. Sonntags hatte es zudem weißes Brot gegeben, was eigentlich nicht so schlimm ist. Doch ich hatte stets eine ganze Tafel Schokolade zwischen zwei Weißbrotscheiben genommen und diese Kalorienbombe genüsslich verschlungen.

Diesmal gab es keinen großen Transportbus, der Häftlinge hin und her kutschierte. Nein, diesmal hatte ich meinen ganz persönlichen Transporter, mit zwei Vollzugsbeamten als meine Chauffeure – mit diesem Bild im Kopf blieb ich vor dem Transporter stehen und streckte meine beiden Arme aus. „Was machen Sie da?“, fragte mich der mir nächste Beamte. „Ähm, Handschellen?“, fragte ich etwas verwirrt. „Das gibt es nicht mehr, Sie kommen in den offenen Vollzug.“ Ein breites Grinsen machte sich wieder auf meinem Gesicht breit. Von nun an würde ich dafür sorgen, dass nie wieder kaltes Eisen meine zwei Handgelenke umschließt. Ich warf noch einen letzten Blick auf das Innere der JVA Schwäbisch Hall, bevor ich mich außerhalb der Mauern befand. „Wenn ich je wieder den Innenhof hier sehe, dann ist es höchstens auf Google Maps“, die Beamten schienen meinen Spruch überhört zu haben, denn sie antworteten nichts. Die Strecke nach Comburg war wunderschön, lauter grüne Bäume zierten die Landstraße und ich konnte eine atemberaubende Stadt am Horizont erkennen: „Ist das Schwäbisch Hall?“, fragte ich. „Ja, aber wir fahren nach Comburg, das ist etwas außerhalb.“ Die Beamten hatten es sich mit ihren Sonnenbrillen und  bei offenem Fenster auch gemütlich gemacht.

Nun waren wir endlich da. Ich stieg aus, das erste Mal seit 1 ½ Jahren befand ich mich auf freiem Fuß ohne Handschellen – theoretisch hätte ich jetzt einfach wegrennen können, doch wieso sollte ich? Ich wollte endlich das machen, was ich in den Filmen immer sah, wenn jemand aus dem Gefängnis entlassen wurde: Die Arme ganz weit ausstrecken und tief frische Luft einatmen. Doch irgendwas stimmte nicht. „Boah, was ist das für ein Gestank?“ Mir wurde übel. Die Beamten lachten: „Das ist ein Bauernhof, was haben Sie gedacht, wie es hier riecht?“ Da hatten sie recht, doch mit solch einem intensiven Gestank hatte ich eben nicht gerechnet. Als ich gerade meine Sachen aus dem Transporter nehmen wollte, hörte ich ein lautes Geräusch: „Muuuuuuuuuh!“ Ich musste lachen, sowas hatte ich schon lange nicht mehr gehört: „Habt ihr auch Kühe als Gefangene hier?“, scherzte ich. Ich stand vor der Tür des Heims, in das ich untergerbacht würde, und einer der Beamten klingelte an der Tür: „Du wirst noch viel zu tun haben mit den Kühen. Und glaub mir eines, das macht keinen Spaß.“ Ich war verwirrt, was meinte er damit?

#63 – „Ich, der Diamant“

Der Anstaltsleiter wollte es wohl ganz spannend machen. Die Gefühlsachterbahn hätte er mir ruhig ersparen können. Erst machte er mir Hoffnung, bald in den offenen Vollzug zu können, nur, um mir diese dann wieder wegzunehmen. Und doch fügte er noch an: „Aber Herr Ates, auch wenn das Regierungspräsidium uns dringend empfiehlt, Sie nicht in den offenen Vollzug zu verlegen, so liegt es doch ganz und gar in unserer Entscheidungsmacht, ob wir Ihrem Wunsch entsprechen oder nicht.“ An dieser Stelle horchte ich auf. Jetzt verlief das Gespräch wieder ganz nach meinem Geschmack. Mein Mund fühlte sich staubtrocken an – noch hatte er nichts gesagt, was mich zum Sabbern bringen konnte. „Wir könnten Sie theoretisch in den offenen Vollzug verlegen, allerdings würde es in diesem Falle vollkommen in unserer Verantwortung geschehen. Falls Sie also die Flucht ergreifen, haben wir als JVA Schwäbisch Hall ein sehr großes Problem. Sie verstehen deshalb sicherlich, weshalb es uns schwerfällt, eine solche Entscheidung zu treffen. Aber ich bin zuversichtlich, was Sie angeht und denke nicht, dass Sie unter Ihren Umständen eine Fluchtmöglichkeit wahrnähmen. Dennoch, Herr Ates, werde ich mir das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen lassen und mich dann bei Ihnen melden.“ Mit diesen Worten gab er mir meine Hoffnung wieder – noch durfte ich sie behalten. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich begab mich aus dem Büro, woraufhin ich wieder Geschichtenerzähler spielte. Nach solch wichtigen Terminen versammelten sich die Mithäftlinge meist um einen wie Kinder, die sich um einen Märchenerzähler sammelten und gespannt die Ohren spitzten.

„Bruder, das klappt schon!“ Meine Reiniger-kollegen hatten stets eine motivierende Wirkung auf mich. „Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt!“, versprach ich Kreshnik. Obwohl sich dies jeder erhoffte, wussten wir beide, dass im Gefängnis und vor allem auch danach,

die Devise „Aus den Augen, aus dem Sinn“ galt. Ich hatte schon viele Häftlinge während meiner Haftzeit kennengelernt und mit einigen hatte ich mich auch gut verstanden. Und obwohl wir uns gegenseitig stets versprachen, in Kontakt zu bleiben, blieb es meist doch beim Abschied. Am längsten hatte ich den Kontakt bisher zu Behlül gehalten. Nachdem ich von Stammheim nach Schwäbisch Hall verlegt worden war, hatte es bis dato drei Mal Schriftverkehr gegeben. Ihm schien es wieder ganz gut zu gehen. Jetzt, da er sein Urteil kannte, wuchsen ihm auch wieder Haare auf der Kopflücke – das hatte wohl tatsächlich etwas mit dem Stress zu tun gehabt. Irgendwie hatte ich Mitleid mit ihm. Obwohl er jemanden niedergestochen hatte, hatte ich das Gefühl, dass er eigentlich ein guter Mensch war. Dieses Gefühl war wohl hauptsächlich darin begründet, dass er vor kurzem seine Mutter verloren hatte und ich auf keinen Fall selbiges Schicksal mit ihm teilen wollte. Oft genug schlief ich mit dem mulmigen Gefühl der Ohnmacht ein: „Was, wenn meiner Familie etwas zustößt?“ Seltsam war jedoch, dass ich in Freiheit nie solche pessimistischen Gedanken gehabt hatte. Die Haft hatte mich auch irgendwie zu einem nachdenklichen Menschen gemacht. Der Gedanke an den Tod brachte mich auch der Religionsfrage näher. Was wäre, wenn meiner Familie etwas zustoßen würde … und es weder den Himmel, noch die Hölle gäbe? Was, wenn sie einfach „Nichts“ werden? Dieser Gedanke war sehr unangenehm. Es konnten sich doch nicht 1,3 Milliarden Menschen (die Anzahl der Moslems weltweit) irren? Die ganzen Überlieferungen über die Zeiten des Propheten Muhammed … die konnte man doch nicht einfach so erfinden? Oder doch? Ich hatte so viele Fragen im Kopf, so viele Zweifel, mehr als je zuvor. War die Religion nur etwas, damit man im Hier und Jetzt angenehmer existieren konnte, nicht ständig in der Angst vor der Zeit nach dem Tod lebend? In dem „Wissen“, dass Gott im zweiten Leben für Gerechtigkeit sorgen, die „Bösen“ bestrafen, und die „Guten“ belohnen wird? Doch meines Wissens nach kategorisierte Gott nicht wirklich in Gut und Böse, sondern in Moslem, Christ, Jude, Atheist usw. Und die Moslems waren der unerschütterlichen Überzeugung, dass nur sie in den Himmel kämen. Aber, so die Meinung der Christen, Jesus war doch nur für deren Sünden gestorben, oder? Und an was glaubten eigentlich die Juden? Atheisten, da waren sich wohl alle Religionen einig, würden in der Hölle schmoren. Es war einfach seltsam, diese Einteilung der Menschen nach ihrem Glauben. So saß ich nun, nur mit mir, und hatte all diese Fragen bezüglich der Religion und keiner konnte mir darauf eine Antwort geben. Damals, noch vor der Haft, wäre ich wohl – so wie meine Eltern und viele andere auch – zum Hoca in die Moschee gegangen und hätte einfach nachgefragt. Alles, was er sagte, hatte ich bis dato stets als „Fakt“ aufgenommen. Es war enorm, was für einen Einfluss ein Geistlicher auf die Glaubensgemeinschaft nahm – auch da waren die Religionen sich einig. Nie zweifelte ich daran, geschweige denn hinterfragte ich seine Antwort – wie könnte ich denn? Das Schlimmste, was man als Moslem (und wohl auch in anderen Religionen) tun könnte, war, Gott und seine Regeln zu hinterfragen. Dabei war es schon sündhaft, den Hoca zu hinterfragen. Denn der Hoca vermittelte ja nur Gottes Worte, Verse aus dem Koran und den ganzen Hadith vom Propheten. Mein Kopf tat weh – und doch musste ich eins feststellen: der Gedanke an den Tod, den Tod meiner Familie allen voran, brachte mich dem Glauben wieder näher.

Da kam es mir gerade recht, dass der „Türkische Integrationskurs“ endlich anfing. Er fand mitten in der Freizeit statt; Freizeit war täglich von 18:30 Uhr bis 21:30 Uhr. Der Kurs fand von 18:30 Uhr bis 20:30 Uhr statt. Wie bekommt man also die (türkischen) Häftlinge dazu, den Kurs ihrer Freizeit vorzuziehen? Mir war klar, ich wollte Antworten, Antworten auf die ganzen Fragen. Bei den anderen? Das war auch jedem klar, spätestens dann, als er Beamte uns in den Freizeitraum in das Erdgeschoss führte und wir das ganze Essen vorfanden. Der Kurs führende Hoca hatte Börek, Sonnenblumenkerne und türkische Süßigkeiten mitgebracht! Ein Stück „Familiengefühl“, das durch den Magen ging. Wir waren 8 Häftlinge, was recht beachtlich war. Es waren nämlich nur maximal 8 zugelassen, und ich hätte nicht erwartet, dass diese Grenze erreicht werden würde. Es waren auch Häftlinge aus der U-Haft dabei, die ich nicht kannte. Der Hoca war ein kleiner, zierlicher Mann, der in seinen Mittvierzigern war. Er entsprach genau dem Typ eines „typischen“ Hocas. Er hatte eine leicht gebückte Haltung, wahrscheinlich vom täglichen Beten herrührend. Er trug eine Stoffhose und ein kariertes Hemd, an seinen Füßen trug er schicke Lackschuhe. Hinzu kam ein leerer Blick (zumindest kam es mir so vor), und ein Gesicht, das sich hin und wieder zu einem leichten Lächeln rang. Ein lautes Lachen hatte ich ohnehin selten von einem Hoca gehört. Oft schon war mir eingebläut worden: „Wer im Leben viel lacht, der wird im Jenseits viel leiden.“ Diese Aussage kann man auf verschiedenste Weise interpretieren. Meine Familie jedenfalls glaubte fest daran. Deshalb ist mein Vater wohl so verbittert. Deshalb „erwarten“ meine Mutter und meine Zwillingsschwester wohl nichts vom Leben. „Emre, dieses Leben ist vergänglich. Dieses Leben ist eine Lüge. Nur das Jenseits zählt“, waren einst die für einen Nicht-moslem seltsam klingenden Worte meiner Zwillingsschwester. Sie hatte damit eigentlich nur das wiederholt, was die Hocas ständig auf alle einredeten. Das war eine Kunst für sich, etwas Reales (das Leben) als Lüge zu bezeichnen und etwas Nicht-reales, nicht Fassbares (das Jenseits) als Wahrheit zu sehen und das auch noch seinen Mitmenschen zu vermitteln. Doch ich war (oder sogar, bin?) nicht anders. Stets hatte ich mit dem Gedanken daran, dass das Jenseits auf mich mit etwas Besserem aufwartete, gelebt. Tat ich etwas Gutes, so erhoffte ich mir eine höhere Chance auf den Himmel. Tat ich etwas Böses, so hatte ich größere Angst vor der Hölle und hoffte auf die Vergebung Gottes. Aktuell jedoch wusste ich nicht wirklich, was Gut und Böse war, wusste nicht, welche Regeln nun real waren. Ohne die Moschee und die familiären und gesellschaftlichen Konstrukte verlor ich meinen religiösen Halt und meinen Alltag, der vom Glauben geprägt gewesen war… und doch wurde mir etwas klar: vor meiner Haft war es doch genauso gewesen, trotz jener „Konstrukte“. Ich hatte Böses getan und schlicht nicht daran gedacht, dass es schlecht gewesen sein könnte. Hatte Gesetze und Regeln geleugnet, dachte nicht, dass man mich richten würde. Ich hatte an allem gezweifelt, auch an mir, und nun war ich im Gefängnis gelandet. Was würde passieren, wenn sich das wiederholte? Wenn ich aber nicht im Gefängnis, sondern in der Hölle landete? Der Hoca sollte es mir endlich sagen.

Wir setzten uns hin und er stellte sich erst einmal vor. Er war erst kürzlich aus der Türkei nach Deutschland gekommen, konnte daher so gut wie kein Wort Deutsch. Er gehörte der Ditib an, also der offiziellen Religionsgemeinschaft der türkischen Regierung. Von seinem Vorgänger hatte er von seinen Einsätzen hier in der JVA gehört. Gerne, so seine Worte, würde er das von nun an übernehmen. Er hoffte auf eine rege Teilnahme und war sichtlich erfreut, so viele von uns zu sehen. Die ersten hatten schon angefangen, Sonnenblumenkerne zu knabbern. Nach und nach sollten wir uns vorstellen. Auch wollte der Hoca natürlich erfahren, welche religiösen Kenntnisse man den hatte. Er wollte wissen, ob man den Koran lesen konnte oder gar einige Verse auswendig konnte. Etwas enttäuscht schien er schon, als nach und nach jeder gestand, nur ein,          maximal zwei kurze Verse zu kennen. Keiner konnte den Koran lesen. Auch sonst konnten sie nichts vorweisen. Dementsprechend machte sich ein überlegenes Gefühl in mir breit. Mit solchen Kenntnissen würde ich neben den anderen glänzen. Endlich fiel der Blick des Hocas auf mich, der mir das Wort gab, und ich zeigte ihm sogleich, dass ich ein Diamant unter den ganzen Steinen war: „Ich habe vom 4. bis zum 16. Lebensjahr sehr häufig die Moschee besucht. Danach nur noch „häufig“. Dabei war ich jedes Wochenende in der Moschee, habe dort übernachtet. Ich kann den Koran lesen, sehr flüssig sogar. Ich glaube, eine Seite schaffe ich aktuell in ca. 2 Minuten. Ich kenne sehr viele Suren auswendig, auch die längeren – z.B. alle 6 Seiten von Yasin“, was eine wichtige Sure im Koran darstellte, „Auch nahm ich oft die Rolle des Imams ein, habe also vorgebetet – auch hielt ich die wöchentlichen Freitagsgebete und Predigten. Ich habe auch in meinem ganzen Leben keinen einzigen Tropfen Alkohol angerührt.“ Die anderen Häftlinge lachten nach meiner Vorstellung, einer konnte es sich nicht verkneifen und sagte: „Amına koyim, du bist ein Engel, du kommst safe in den Himmel.“ Der Hoca schien überrascht zu sein. Als er seine Stimme erhob, erwartete ich eigentlich ein Lob. Doch stattdessen kam er mit der einen Frage, die ich mir auch seit Anbeginn meiner Haftzeit gestellt hatte: „Wie konnte es nur passieren, dass du in die Haft gekommen bist?“ Ich erzählte ihm von meiner Straftat und, dass es erst dann passiert war, als ich die Moschee „verlassen“ hatte. „Ich bin irgendwann immer seltener zur Moschee gegangen. Bin dann auch ausgezogen und schließlich ist das passiert.“ Damit hatte ich dem Hoca genau die Antwort gegeben, an die er wunderbar mit der Religion anknüpfen konnte: „Das war sicherlich eine Prüfung Allahs. Er will dich wieder auf den rechten Pfad holen, deswegen musst du das hier durchmachen.“ Das hatte ich schon oft gehört, die „Prüfung“ Allahs – die „Ausrede“, wenn einem etwas schlimmes wiederfuhr. Es war doch so: Wenn etwas Gutes passierte, war es Allahs „Geschenk“. Passierte etwas Schlimmes, nannte man es stets eine Prüfung Allahs.

Die restlichen Häftlinge stellten sich noch vor und schließlich sagte der Hoca ein, zwei Suren auf. Danach predigte er kurz, es ging um Abraham, der seinen Sohn Isaak für Gott opfern sollte: Das Opferfest stand vor der Tür. Die restliche Zeit widmete sich der Hoca mir, während der Rest miteinander redete. Der Hoca erzählte mir, weshalb er glaubte, dass mir das Ganze passiert sei, dass ich doch im Grunde ein guter Junge sei. Die nächsten Aussagen von ihm sollten mich wohl dazu bringen, wieder den rechten und geraden Pfad zu finden. Ich weiß nicht, wer auf die Bezeichnung kam, doch mit einem „Türkischen Integrationskurs“ hatte das Ganze hier nicht viel zu tun. Dennoch fanden seine Worte absoluten Anklang bei mir. Das war doch das Beste, was ich konnte. Ich konnte ein richtig guter Moslem sein. Ich wurde in der islamischen Gemeinde stets sehr geschätzt, man betrachtete mich wirklich irgendwie als Diamanten unter den ganzen Ungläubigen. Ich hatte das so sehr vermisst – etwas Aufmerksamkeit, ein Mensch (in diesem Fall der Hoca), der mir Aufmerksamkeit schenkte und mir das Gefühl gab, etwas Besonderes zu sein.

Ich spürte, dass er es schaffte, dass ich langsam wieder eine Verbindung zum Glauben herstellte. Seine Aussagen waren so vertraut, lösten ein sehr angenehmes und familiäres Gefühl in mir aus … die Angst vor dem Tod, sie verschwand allmählich. Ich bat den Hoca darum, meine Eltern anzurufen und ihnen zu erzählen, dass es mir hier gut gehe. „Es würde ihnen gut tun zu wissen, dass ein Hoca bei ihrem Sohn ist.“ Ich schrieb ihm die Festnetz-Nummer meiner Eltern auf einen kleinen Zettel und übergab ihn ihm. Ob das erlaubt war, wusste ich nicht, doch er steckte den Zettel sofort in die Tasche, so dass es keiner sah. Wir verabschiedeten uns, jedoch war der Abschied nur vorläufig. In zwei Wochen würden wir uns wiedersehen.

Es war so, als wäre ich gerade von einer kathartischen Meditation gekommen, ich fühlte mich sehr gut. Die nächsten Tage waren auch angenehm, ich hatte viel seltener negative Gedanken und machte mir weniger Sorgen. Allah würde es schon richten. Meine Zweifel über den Glauben waren zwar noch nicht weg, doch ich begann mir einzureden, dass das alles eine Prüfung Gottes sei. Ich war gerade dabei, die Flure zu wischen, da sah ich, wie der Anstaltsleiter auf mich zukam. Mein Herz pochte, als er mich ansprach.

„Herr Ates, ich habe mir nun Gedanken gemacht. Bezüglich Ihrer Verlegung in den offenen Vollzug…“