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#62 – Der Anstaltsleiter

„Glaub mir, Bruder. Das wird klappen!“, versuchte mein albanischer Kollege, mich zu motivieren. Ich hörte die Uhr förmlich ticken. Kaum konnte und kann ich mich daran erinnern, etwas so sehnsüchtig erwartet zu haben, wie das Gespräch mit dem Anstaltsleiter. Meine Freiheit stand immerhin auf dem Spiel, und diese – das war eines der Dinge, die ich während der Haftzeit feststellte – war sehr viel wert. Die kriminellen Pläne, die ich vor kurzem noch mit dem Albaner geschmiedet hatte, waren längst Schnee von gestern. Der Traum von der Freiheit ließ mich alles in der Richtung vergessen: Ich widmete mich wieder dem rechten Pfad. Ich würde studieren und einer anständigen Arbeit nachgehen. Genauso werde ich es auch dem Anstaltsleiter sagen – so dachte ich.

Während der Haftzeit fielen mir zwei Dinge an mir auf. Das erste war, dass ich mich nie wirklich auf Gespräche vorbereitete. Ich plapperte immer drauflos, ohne wirklich über die Konsequenzen nachzudenken: sei es mit meinem Anwalt, im Rahmen meiner Gehaltsverhandlungen, während der Gespräche mit den Sozialarbeitern etc. Zwar hatte ich stets ein paar Schlüsselbegriffe in meinem Kopf, doch niemals einen einstudierten Text oder sonstige Vorlagen. So kam es, dass ich auch dem Anstaltsleiter meine ungeordneten Gedanken präsentierte. Ich war der Meinung, dass ich dadurch authentischer wirkte und weniger Spielraum für Lügen zuließ. Andererseits konnte ich durch meine leichtfertigen Aussagen auch leicht in die Bredouille geraten, wenn sie gegen mich verwendet würden…

Die zweite Eigenschaft war mein ständiger Meinungswechsel, oder wie mein Vater so zu sagen pflegte: Ich hatte einen ausgeprägten Affengeschmack. Ich ließ mich schnell von der Meinung anderer beeinflussen. An einem Tag schmiedete ich kriminelle Pläne mit Häftlingen für die Zeit nach der Haft und am nächsten Tag träumte ich von dem Besuch meiner Familie und einem ehrwürdigen Leben. Vielleicht lag das daran, dass ich mir schon mein ganzes Leben lang von anderen Leuten vorschreiben ließ, was ich zu tun oder zu denken habe. Ich hatte stets das Gefühl, dass ich nicht in der Lage war, selber (richtige) Entscheidungen zu treffen. Ich sah alle anderen immer als die Klügeren und mit Weisheit Gesegneten an. Hauptsächlich sah ich die Ursache für diese (ziemlich schwache) Charaktereigenschaft in meiner religiösen Erziehung. Gerade in Bezug auf diese hatte ich, ohne Wenn und Aber, die Wahrheiten anderer als die meinige annehmen müssen. Ein Hinterfragen gab und gibt es nicht.

Als ob es nicht schon gereicht hätte, die komplette Woche auf den langersehnten Tag hinfiebern zu müssen, musste ich den gesamten Vormittag unruhig wartend zubringen, bevor ich endlich gerufen wurde. Das Mittagessen hatten wir bereits an die Arbeiter verteilt, welche auch bereits abgerückt waren, weshalb wir Reiniger uns bei einem Tässchen Kaffee dem Musiksender VIVA widmeten. Etwas peinlich war es dann jedoch schon, als die Sozialarbeiterin an der Zellentür stand und uns Reiniger dabei erwischte, wie sich unsere Köpfe synchron zum Wackeln des Popo von Nicki Minaj in dem Musikvideo „Anaconda“ bewegten. Ich kam mir vor wie diese Wackelkopfhunde, die man auf das Cockpit des Autos anbringt. „Herr Ates, kommen Sie?“, forderte mich die Sozialarbeiterin auf, sie zu begleiten. Ich sprang nochmals kurz in den WC-Bereich und begutachtete mich im Spiegel, um nach wenigen Sekunden festzustellen, dass ich „ganz nett“ aussah. Ich begab mich in das Büro der Sozialarbeiterin, die sich an ihren Platz setzte. Die Psychologin war ebenfalls da und saß rechts gegenüber der Sozialarbeiterin in Richtung Wand. Ein Stuhl stand auch schon für mich bereit, links gegenüber der Sozialarbeiterin in Richtung Tür. Zur Rechten der Sozialarbeiterin befand sich ebenfalls ein unbesetzter Stuhl. Keiner sprach. Die Psychologin schien sich bereits Notizen zu machen und die Sozialarbeiterin tippte ebenfalls noch an ihrem Rechner. Es verging keine Minute, als es an der Tür klopfte und ein großer, sehr schlanker Mann den Raum betrat. Er hatte etwas längere, blonde Haare, die nach hinten gegelt und gekämmt worden waren. Er hatte ein markantes Kinn und trug eine Brille. Unter seinem roten Pullover trug er ein weißes Hemd, das sehr dezent hervorlugte. Auch die blaue Hose sowie die Business-Schuhe sahen sehr hochwertig aus. Er entsprach genau dem Typ von reichem und irgendwie gebildet aussehendem Manager, wie es in den Hollywood-Filmen immerzu dargestellt wird. Mir war sofort klar, dass er der Anstaltsleiter war. Ich stand reflexartig auf, wonach er mich per Handschlag begrüßte und sich höflich vorstellte. Nachdem er sich hingesetzt hatte, forderte er mich ebenfalls dazu auf, mich zu setzen.

„Herr Ates, wir haben uns hier versammelt, um ihren Antrag auf die Verlegung in den offenen Vollzug zu prüfen. Ich weiß nicht, inwieweit Sie informiert sind, doch bevor Sie ins Freigängerheim verlegt werden können, müssen Sie erst in den – sagen wir mal, halb-offenen – Vollzug. Das ist bei uns Comburg. Haben Sie schon davon gehört?“ Ich bejahte diese Frage, Comburg war mir tatsächlich ein Begriff. „Gespräche mit den beiden Damen hier hatten Sie ebenfalls, nehme ich an?“, fuhr er fort, woraufhin beide angesprochenen Damen mir zuvorkamen und ebenfalls bejahten. „Nun, Herr Ates, ich würde vorschlagen, Sie erzählen mir jetzt einfach Mal, was Ihre Pläne sind, wenn Sie entlassen werden“, meinte er und zückte seinen Stift, um sich bereits etwas zu notieren. Ich erzählte schon zum gefühlt 100. Mal von meinem Plan, ein Studium aufzunehmen: „… an der Hochschule Ravensburg habe ich bereits meinen Studienplatz für das kommende Wintersemester bekommen. Ich würde der Hochschule schreiben und ein Urlaubssemester nehmen, damit ich zum Sommersemester starten kann. Ich möchte auf jeden Fall Wirtschaftsinformatik studieren“, schloss ich meine Worte zu meinen Plänen. Er kam mit den gleichen Fragen an, die ich zuvor bereits von anderen gehört hatte: „Wie gedenken Sie, Ihr Studium zu finanzieren?“ Ich machte ihm klar, dass ich finanzielle Unterstützung von meinem Vater zugesichert bekommen hatte und er bereits meine laufenden Anwalts- und Gerichtskosten trug. Außerdem würde ich einem Nebenjob nachgehen, zusätzlich zum Bafög. Überrascht war ich auf die Reaktion des Anstaltsleiters. Anders als die Sozialarbeiterin, kam er mir entgegen: „Das klingt doch schon mal gut. Ich kann ihren Willen zu studieren wirklich heraushören, und bin da auch recht zuversichtlich, dass Sie Ihr Studium erfolgreich absolvieren werden. Bei Ihnen wäre es dann jedoch frühestens Mitte Oktober möglich, nach Comburg verlegt zu werden.“ Ein breites Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit und meine Augen glänzten wahrscheinlich heller als jeder Stern an jenem Tag. Das sollte ein Glückstag werden! Dementsprechend säuerlich reagierte ich, als die Psychologin in das Wort des Anstaltsleiters fiel: „Herr Ates sollte auch noch seine Spielsucht therapieren. Das ist nicht zu unterschätzen…“ Der Anstaltsleiter war wohl genauso genervt wie ich, dass sie ihm ins Wort fiel: „Das mit der Spielsucht ist jetzt ein anderes Thema. Aber ja, Herr Ates. Wir werden entsprechende Vorschläge an das Gericht machen, welche sich auf ihre Bewährungsauflagen auswirken werden. Auch bezüglich der Spielsucht.“ In Gedanken lachte ich die Psychologin aus, in Wirklichkeit aber blickte ich die Sozialarbeiterin mit siegessicherem Grinsen an. Sie war die ganze Zeit still gewesen und beobachtete uns nur. Noch vor einigen Wochen wollte sie mir klar machen, dass das Studium nicht das Richtige für mich wäre und eine Verlegung in den Freigang nicht so einfach zu bewerkstelligen sei. Nun wurde sie endlich eines Besseren belehrt – dachte ich zumindest. Jedoch musste ja noch das berühmt-berüchtigte „aber“ folgen, sonst wäre das Ganze ja viel zu glatt über die Bühne gegangen: „Wenn es nach uns geht, können Sie wohl in den offenen Vollzug, Herr Ates. Jedoch läuft bei Ihnen noch das Abschiebeverfahren, welches ein Ausschlusskriterium für den offenen Vollzug darstellt und uns leider in der Hinsicht die Hände bindet – solange, bis das Regierungspräsidium eine Entscheidung gefällt hat.“

Ich war am Boden zerstört. Wozu das ganze Gespräch über den offenen Vollzug und Studium, wenn es dann am Ende doch an so etwas scheitern würde?

#61 – Meine Spielsucht

Ich folgte der Psychologin in das Büro des Stockwerksbeamten, welches unbesetzt war. Man hatte es wohl nicht für nötig gehalten, mich über ein bevorstehendes Gespräch mit irgendeinem Psychologen zu informieren. Vielleicht war es auch der Sinn der Sache, dem Häftling keine Vorbereitungszeit zu geben. Einerseits befürchtete ich, dass die Psychologin mich wie ein offenes Buch würde lesen können oder gar Dinge herausfinden, von denen ich selber keine Ahnung hatte. Andererseits hatte sie mir im Vorhinein bereits mitgeteilt, dass es um meine Spielsucht ginge. Im Vergleich zu den anderen Häftlingen konnte man bei mir doch nicht ansatzweise von einer Sucht reden – oder vielleicht doch? Wie auch immer, ich wusste nicht, in welchem Zusammenhang das Resultat dieser Frage mit meiner Verlegung in den offenen Vollzug stehen sollte.

„Setzen Sie sich bitte hin“, wies mich die Psychologin auf meinen Platz ihr gegenüber hin. Ich betrachtete sie etwas genauer. Irgendwie hatte sie ja etwas von diesen Magie-Lehrern aus Hogwarts. Auch war der Raum leicht abgedunkelt, es hätte mich nicht sehr gewundert, wenn sie plötzlich einen Zauberspruch  aus Harry Potter von sich gegeben hätte. Diese Szene spielte sich zwar noch in meinem Kopf ab, doch trotzdem bekam ich ein mulmiges Gefühl: waren gerade Psychologen nicht diejenigen, die in die Gedankenwelt eindrangen? Was das vor mir sitzende Psychologen-exemplar wohl so drauf hatte? Konnte es mich in Hypnose versetzen? Mich sagen lassen, was sie wollte? Doch im Endeffekt waren Psychologen wohl auch nur Menschen, das stellte ich in den nächsten Minuten fest: „Herr Ates, richtig?“ Ich bejahte. Sie fasste nochmals den Grund zusammen, wegen dem ich hier war: „Also, Herr Ates, bei Ihnen wird momentan geprüft, ob Sie in den offenen Vollzug können. Sie haben letztes Jahr bei Beratungsgesprächen aufgrund Ihrer Spielsucht teilgenommen. Ich möchte mehr darüber erfahren. Wollen Sie mir einfach mal was dazu erzählen?“ Das war wohl die beste Methode, um eine Basis für ein Interview zu schaffen: sich erstmal Informationen vom Gegenüber verschaffen. Ich legte los: „Um es gleich zu Beginn zu sagen, ich bin damals in der U-Haft nur zur Spielsuchttherapie, weil ich eine mildere Strafe wollte. Ich habe da auch etwas übertrieben. Das Ganze fand aber während meines Gerichtsprozesses leider gar keine Erwähnung. Meine Anwältin und ich waren uns einig, dass ich nicht wirklich spielsüchtig bin und das Gericht hat dies auch so akzeptiert.“

Mit ihrem Zeigefinger schob sie ihre Brille, die ihr einen leicht katzenartigen Look verlieh, auf ihrer Nase hoch. Offensichtlich war sie mit dieser Antwort nicht sehr zufrieden. Ihr Blick wurde sehr ernst: „In den Protokollen steht etwas ganz anderes. Außerdem hat Ihnen das Amtsgericht bereits damals eine Suchtberatung verhängt, welche sie nicht regelmäßig besucht hatten. Eine Spielsucht ist eine potentielle Gefahr, dass Sie wieder straffällig werden – durch Schulden, oder eben, weil Sie Geld zum Spielen brauchen. Daher ist es etwas Grundlegendes bei der Entscheidungsfindung zu ihrer Entlassung. Eine Spielsucht muss auf alle Fälle therapiert werden! Herr Ates, wenn wir hier weiterkommen sollen, dann müssen Sie mit mir kooperieren. Sagen Sie mir, wie viel Geld haben Sie für das Spielen schon ungefähr ausgegeben?“ Etwas rot wurde ich schon, als sie im Folgenden meine Vorstrafe erwähnte – die Frau war wohl gut informiert: „Also, bis jetzt, insgesamt? Und nur, was mein Geld war oder auch Schulden etc.?“ Sie bejahte beide Fragen. „Nun, hmm, ich weiß nicht. Vielleicht so 35.000 EUR … also so in den letzten sieben Jahren.“ So ganz konnte ich die Summe dann wirklich nicht abschätzen, doch sie reagierte relativ gelassen auf diese Zahl: „Und wie haben Sie ihre Spielsucht finanziert?“ Da brauchte ich nicht lange zu überlegen: „Ich habe immer nebenher gearbeitet. Habe mit Zeitung austragen angefangen, aber zu der Zeit habe ich noch nicht gezockt. Mit meinem ersten 400-EUR-Nebenjob in einem Supermarkt hat auch die Spielsucht angefangen. Danach habe ich noch in einem Bauhaus gearbeitet, in einer Tankstelle, in einem Kino und Pizza-Fahrer war ich auch eine Zeit lang.“

Diese vagen Aussagen schienen sie nicht zufrieden zu stimmen, weswegen sie nachhakte: „Und damit haben Sie insgesamt 35.000 EUR verdient und alles in Ihre Spielsucht reingesteckt?“ Auch wenn es jetzt etwas peinlich wurde, erzählte ich ihr die ganze Wahrheit: „Alles, was ich verdient hatte, habe ich sofort verzockt. Aber mein Vater hat auch viele Schulden bezahlt, die ich wegen meiner Spielsucht aufgenommen hatte. Einmal haben mir z.B. ca. 20 Leute insgesamt 6.000 EUR überwiesen. Ich hatte da so eine doofe Idee mit Affiliate-Marketing im Sportwettenbereich. Stattdessen verzockte ich jedoch das mir gegebene Geld.“ Über meine „Geschäftsidee“ wollte sie nichts weiter wissen. „Was haben Sie denn gespielt? Nur am Automaten?“, fragte sie, während sie sich eifrig Notizen machte. „Ach nein, ich habe nur Sportwetten gespielt, sonst nichts.“ Sie überlegte kurz: „Kennen Sie sich mit Sport aus? Also haben Sie willkürlich getippt oder weil Sie ein Kenner sind?“ Ich fuhr mit meiner Ehrlichkeitsschiene fort: „Ich habe wirklich keinerlei Ahnung von Fußball. Ich habe willkürlich getippt. Habe auch oft Kombi-Wetten gemacht. Also bei einem Schein auf mehrere Fußball-Ereignisse getippt. Damit ist die Verlustwahrscheinlichkeit höher, doch der mögliche Gewinn erhöht sich aufs Exorbitante.“ Sie versuchte der Sache weiter auf den Grund zu gehen: „Haben Sie schon von Anfang an diese Kombi-Wetten gemacht, oder hat sich das irgendwann gesteigert? Auf wie viele Ereignisse tippten Sie denn in etwa pro Schein?“ Ich kramte in meinem Hirn, und Bilder aus meinen spätpubertären Zeiten kamen wieder hoch: „Ich kann mich noch ganz genau an meinen ersten Tippschein erinnern, das Spiel war VfB Stuttgart gegen Hertha BSC. Ich war auf einem Portal angemeldet, auf dem man Angebote wahrnehmen konnte und Punkte bekam, welche man wiederum gegen eine Prämie einlösen konnte. Ich wollte zum damaligen Zeitpunkt unbedingt eine Xbox haben. Das Prinzip war einfach: Der Anbieter bekam eine Provision, wenn ich mich über seinen Link bei einem Sportwettenanbieter anmeldete und 10 EUR einzahlte, um damit zu spielen. Mit dieser Provision finanzierte der Anbieter dann einen Teil der Xbox. Und es war so, dass ich schon extrem viele solcher Angebote wahrgenommen hatte. So ein Angebot war beispielsweise der Abschluss von Zeitschriften-Abos. Ich brauchte nur noch ganz wenig Punkte, um meine Xbox zu bekommen. Es gab aber zu dem Zeitpunkt längere Zeit keine Angebote mehr, die gepasst hätten, bis eben auf diesen Sportwettenanbieter. Eigentlich wollte ich das überhaupt nicht in Anspruch neben, denn Glücksspiel jeglicher Art war haram, also eine Sünde im Islam, und als gläubiger Moslem konnte ich das zunächst nicht mit mir vereinbaren. Doch der Wunsch nach dieser Spielekonsole war so hoch und ich dachte, ich müsse ja nur 10 EUR einsetzen und sonst nichts mehr – es wäre ja nicht wirklich zocken in dem Sinne gewesen. Mein Ziel waren ja nur diese Punkte, um sie endlich gegen die Xbox einlösen zu können. Also zahlte ich 10 EUR ein, klickte dann wirklich völlig zufällig auf irgendwas bei dem Spiel VfB Stuttgart gegen Hertha BSC und bekam meine langersehnte Konsole. Als ich dann nach einer Weile  mal wieder spontan den Sportwettenanbieter besuchte, um mal nachzusehen, wie meine Wette ausgegangen war, erblickte ich einen völlig überraschenden Kontostand von etwa 70 Euro. Dies erschien mir als extrem leicht verdientes Geld, was mich einerseits entsetzte, mir aber gleichzeitig ein positives Gefühl gab. Damit fing das Spielen an. Und ja, ich habe anfangs immer nur auf ein Spiel getippt, später dann tippte ich sogar auf zwischen drei bis zehn Spiele pro Tippschein.“

Das war wohl genug Input zu der Spielsucht, sie begann, andere potenzielle Süchte auszuloten: „Rauchen Sie?“, fragte sie plötzlich. Ich verneinte entschieden. „Wie oft trinken Sie Alkohol?“, ging es weiter. Abermals verneinte ich. „Ich habe noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken.“ Auf ihrem Gesicht machte sich Verwunderung breit, so wie bei vielen anderen Menschen, denen ich das erzählte. „Sie haben Computerbetrug begangen. Wie ist denn ihre Beziehung zu Spielen im allgemeinen? Sie erzählten von der Xbox. Spielen Sie z.B. World of Warcraft?“ Ich musste kurz schmunzeln: „Nein, nein. Ich mag Videospiele nicht so. Habe damals Mario gespielt, aber eigentlich zocke ich heutzutage nur FIFA.“ Das notierte sie ebenfalls, vermutlich, weil sie das Videospiel FIFA mit meiner Sportwetten-Sucht in Verbindung brachte. „Also, Herr Ates. Vielen Dank für Ihre ehrliche und ausführliche Erklärung. Ich würde sagen, das ist auf alle Fälle etwas, was sie behandeln lassen müssen. Wie jetzt mit der Spielsucht umgegangen wird, müssen wir noch mit Herrn Kreuz abstimmen. Doch dazu mehr in Ihrem Gespräch nächste Woche.“ Abermals war ich überrascht, von einem Gespräch zu hören: „Herr Kreuz? Wer ist das? Und was für ein Gespräch nächste Woche?“

Während sie das Blatt zusammenfaltete, auf dem sie ihre Notizen gemacht hatte und aufstand, teilte sie mir den nächsten Knüller mit: „Herr Kreuz ist der Anstaltsleiter. Sie wissen also noch nicht, dass Sie nächste Woche mit ihm, einer Sozialarbeiterin und meiner Wenigkeit ein Gespräch zur Verlegung in den offenen Vollzug haben werden?“

#60 – Meine Gang: Meine Geschwister

Da lag doch definitiv ein Fehler vor! Das konnte nicht wahr sein. Ich las einmal, zweimal, dreimal: es stand schwarz auf weiß dort, auf diesem Stück Papier. Ich würde erst in 15 Jahren wieder die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen dürfen – also erst, wenn meine Strafe aus dem Bundeszentralregister entfernt worden war. Ich hatte das Thema Staatsangehörigkeit  auf die zu leichte Schulter genommen. Ich hatte so sehr gehofft, dass ich meinen deutschen Ausweis zurückbekommen durfte. Ich hatte nie den türkischen Ausweis genutzt, um mich auszuweisen. Abermals kam mir mein ehemaliger Ethik-Lehrer aus Schulzeiten in den Sinn: „Emre, fühlst Du dich Deutsch oder doch eher Türkisch?“, wollte er damals wissen und löste in mir zahlreiche Gedanken aus – als was hatte ich mich denn gefühlt? Als was fühlte ich mich genau in diesem Moment? Ich kam zu folgendem Ergebnis: Ich bin Türke, ich habe nun einen türkischen Pass und kann halt eben auch Deutsch sprechen. So wie Deutsche, die einen deutschen Pass besitzen und Englisch sprechen können – die werden ja auch nicht zu Briten, nur weil sie zufällig auch auf der britischen Insel leben. Meine Anwältin verstärkte mit der folgenden Aussage unbewusst meine Abwehrhaltung, die ich der deutschen Bundesrepublik gegenüber empfand: „Herr Ates, Sie müssen begreifen, dass die Abschiebung seitens des Regierungspräsidiums eine reale Gefahr darstellt. Hätten Sie Anrecht auf einen deutschen Pass gehabt, dann hätten wir den Weg mit dem Regierungspräsidium nicht gehen müssen. Ich frage mich ernsthaft, warum sich ihr vorheriger Anwalt nicht darum gekümmert hat.“ Wie sehr ich meine Anwältin auch leiden konnte, und wie sehr ich auch selbst daran Schuld war, konnte ich dennoch das Gefühl des in mir aufkeimenden Hasses ihr gegenüber nicht unterdrücken: Im Brief vom Landratsamt stand, dass mit der Rechtskraft meines Urteils mein Anrecht auf die deutsche Staatsangehörigkeit verfallen sei. Um einen deutschen Ausweis zu bekommen, muss man nämlich gewisse Kriterien erfüllen: unter anderem sollte man der deutschen Sprache mächtig sein, mindestens 8 Jahre in Deutschland leben etc. Alle Kriterien erfüllte ich natürlich, bis eben auf die Voraussetzung, straffrei zu sein. Was das Schlimmste an der Sache war, dass meine kleineren Vorstrafenhierbei nicht zählten. Das bedeutete für mich: Hätte ich meine Revision nicht zurückgezogen, hätte ich es noch etwas länger in Stammheim ausgehalten, hätte ich mich in der Zeit um die Staatsbürgerschaft kümmern können und diese höchstwahrscheinlich auch bekommen…heißt im Klartext: dann wäre ich jetzt deutscher Staatsbürger! Diese Erkenntnis traf mich mit voller Wucht… hätte die nun vor mir sitzende Anwältin nicht auch daran denken müssen? Ich dementierte nicht meine Schuld an der Sache, doch wurde ich nun richtig sauer und wollte Mitleid, zumindest hatte ich welches mit mir selbst. Und damit ich es auch wirklich verstand, teilte mir meine Anwältin noch ergänzend mit, dass ich sofort eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen müsse, sollte das Regierungspräsidium von der Abschiebung absehen. „Was, Wie bitte? Wissen Sie was, die können mich alle mal. Ich gehe zurück in die Türkei, da gehöre ich ja jetzt offiziell hin. Ich habe überhaupt keine Lust auf diesen „Abschiebungs-diskurs“, die Beantragung der Aufenthaltsgenehmigung etc. Gut, wenn die mich nicht haben wollen, dann gehe ich halt.“ Dass das eine Schnapsidee war, war meiner Anwältin natürlich bewusst, nur mir in diesem Moment nicht so wirklich. Sie beruhigte mich kurz, bevor ich mich wieder in mein Stockwerk begeben musste.

Zurück an die Arbeit, ich fegte und wischte, was das Zeug hielt, Essensausgabe, Kleiderausgabe und all dies Tag für Tag. Und in ebenso regelmäßigem Rhythmus, wie ich diesen Tagesablauf befolgte, beschwerte ich mich bei meinen Reinigerkollegen. Man könnte es auch als „Ausheulen“ bezeichnen, denn ich pflegte mein Selbstmitleid mit sehr viel Hingabe. Aus meinem Hass entstand langsam ein Gefühl der Rache, und so begannen wir, Pläne zu schmieden: Ich würde es Deutschland heimzahlen. „Bruder, sag mir nur, ob das mit der Deutschen Bahn noch klappt. Dann machen wir das im großen Stil“, redete mein Reinigerkollege auf mich ein. „Ich bin mir sicher, dass das noch funktioniert. Die Deutsche Bahn will es doch ihren Kunden so einfach wie möglich machen, Bahntickets zu kaufen“, gab ich als Antwort zurück. Tatsächlich machte ich mir Gedanken darüber, wie ich am besten nochmals straffällig werden könnte.

Soweit ich mich erinnern konnte, diente die Haft vielen Häftlingen auch dazu, ihre Erfahrungen auszutauschen und neue Pläne zu schmieden: „Das nächste Mal mach ich es besser. Das nächste Mal gibt es keine Fehler.“ Ich hatte so gut wie niemanden erlebt, der nicht mal mit dem Gedanken gespielt hatte, nochmals kriminell zu werden. Soviel zur Reue, welche man beim Gericht so sehr beteuerte, weil es anders halt nicht ging, es wurde erwartet. Es war wie ein Teufelskreis: Man passte sich irgendwie der Umgebung an. Ich hatte – logischerweise – noch nie so viele Kriminelle in meinem Umfeld gehabt wie jetzt. Demzufolge hatte ich noch nie so viel kriminelle Energie auf einmal erlebt. Irgendwie war doch was an dem Spruch „Einmal kriminell, immer kriminell“ dran. Abends im Bett verwarf ich diese Gedanken jedoch wieder: „Emre, du spinnst doch!“, teilte mir mein Gehirn wie von selbst mit, als ich ganz allein über den Gedanken brütete, bevor es mich in die Traumwelt überführte. Doch meine Traumwelt bestand aus Gittern und Mauern, ich war nicht mehr in der Lage, von der Freiheit, von draußen, von meiner Familie zu träumen.

Zum Glück stand diese völlig hinter mir, sie gab mir die nötige Kraft, um stark zu bleiben. Der Anblick meiner Geschwister war immer wieder aufs Neue überwältigend, wenn ich zum wöchentlichen Besuch meiner Familie in den Besuchsraum geführt wurde. Meine Zwillingsschwester saß diesmal in der Mitte und lächelte mich herzlich an, sie hatte eine wundervolle Ausstrahlung. Für mich war sie schon immer eher wie eine große Schwester gewesen. Viele Dinge, an denen ich gescheitert war, hatte sie zu bewältigen gewusst. Es herrschte zwischen uns auch eher der Dialog, der üblicherweise zwischen einem älteren Geschwisterteil und einem jüngeren stattfindet. Sie gab immer vor, mehr Erfahrung in allem zu haben, beriet mich folglich stets bei Problemen jeglicher Art und schien sonst auch charakterlich stärker als ich zu sein. So konnte sie sich locker gegen meinen Vater durchsetzen, wohingegen ich stets still in der Ecke gesessen hatte, wenn mein Vater sich – mal wieder – über seine Kinder aufregte. Ich konnte mich in dem Kontext sehr gut an eine Situation in meiner Jugend erinnern: wir saßen gemeinsam mit der Familie im gleichen Raum, während mein Vater meine Schwester anschrie – den Grund kenne ich nicht mehr. Während ich erwartete, dass sie gleich losheulen würde, stand sie völlig überraschend auf, schrie meinen Vater an, ging zur Haustür und knallte ebendiese hinter sich zu. Mein Vater entbrannte vor Wut, sämtliche Gesichtszüge entglitten ihm, und er war längst noch nicht alles losgeworden, was er zu sagen gehabt hatte. Er blickte durch den Raum, denn ein neues Opfer musste her, welches sich von ihm beschreien lassen sollte: Sein Blick war damals auf den ruhigen Jungen in der Ecke gefallen, der sich das Spektakel angesehen hatte und regungslos dasaß, der nie antwortete, der alles wie ein riesiges Fass einfach aufnahm. Und so begann er völlig zusammenhanglos, mich anzubrüllen. Wann wohl der letzte Tropfen kam, der das Fass zum Überlaufen bringen würde? Bis heute ist der letzte Tropfen noch nicht gefallen.

Meine Zwillingsschwester hatte zudem auch bildungstechnisch die Nase vorn. Ihren Bachelor of Arts hatte sie bereits erlangt, was eines der letzten schönen Dinge gewesen war, die ich vor meiner Haft erleben durfte. Als ob das nicht schon genügte, befand sie sich im Moment auf dem besten Wege, ihr Master-Studium erfolgreich abzuschließen. Dabei hatte sie mir schon einige Male verklickert, dass es für sie sehr stressig sei und sie kurz davor war, das Handtuch zu werfen. Einerseits waren da die anspruchsvollen Veranstaltungen, welche jedoch das allgemeine Leiden der Studierendenschaft darstellte. Doch des Weiteren, und das wiederum empfand sie als große Ungerechtigkeit, musste sie noch den privaten Stress ertragen: Mein Vater ließ wohl all seine Wut bei meiner Mutter und ihr aus. „Vater, als ob es für uns nicht schon schwer genug ist zu ertragen, dass Emre und Cem in Haft sind, müssen wir jetzt noch dich ertragen? Ich mache meinen Master, ich kann mit diesem Stress nicht umgehen“, hatte sie, so erzählte sie, meinem Vater kürzlich klar gemacht – zu Recht, wie ich finde. Das war wohl auch das ausschlaggebende Argument dafür gewesen, dass sie in eine Frauen-WG nach Stuttgart gezogen war. Ich vermute aber, dass sie keine Gleichgesinnten in der WG finden konnte und ihre Mitbewohnerinnen Dinge taten, die meine Schwester mit ihrer Religion nicht vereinbaren konnte – anders konnte ich mir nicht erklären, weshalb sie nach einem Semester wieder zurück ins Elternhaus kam.

Cem für seinen Teil war wohl auf Shopping-Tour gewesen, denn in letzter Zeit kam er oft mit schicken und neuen Klamotten zum Besuch. An ihn dachte ich gar nicht mehr so oft wie früher, er war nun in der Obhut meiner Eltern. Eigentlich erwartete ich von ihm ein paar Frauen-Stories, ein gut aussehender Ex-Häftling sollte wohl die eine oder andere Frau auf einer Party klarmachen können. Er erzählte jedoch relativ oft von einer bestimmten Frau, nämlich seiner sehr scharfen und spanischstämmigen Bewährungshelferin!  Sogar meine Eltern hatten wohl Gefallen an der hübschen Dame gefunden. Allerdings war sie etwas zu alt für ihn, sie war wohl schon Mitte 30. Abgesehen davon, hatte mein Bruder nun wieder mit der Schule angefangen, und wie es aussah, würde er die mittlere Reife endlich nachholen. Während ihm dies am meisten Sorgen bereitete, schien er sich weniger für das anstehende Gerichtsverfahren zu interessieren. Nach unserem damaligen Streit war er in die Türkei geflogen und hatte mit zwei anderen Typen aus dem Darknet die exakt gleiche Masche mit der Deutschen Bahn abgezogen, und dies im wirklich großen Stil: Während ich einen Gesamtschaden von etwa 130.000 EUR verursacht hatte, hatten Cem und diese beiden Jungs mehr als das 3-fache in einer viel kürzeren Zeit verursacht. Abgesehen davon lief ja auch noch die Revision meines Bruders, der diese noch nicht zurückgezogen hatte.

Meine herzzerreißend süße und kleine Schwester war noch im Kindergarten und erzählte im kindlichen Stil über ihre Freunde und Erzieher. Ich traute mich gar nicht zu fragen, ob sie wusste, wo wir uns gerade befanden und warum ich so lange fort war. Auch konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie überhaupt mit fünf Jahren in der Lage war, das Ganze zu verstehen. So sprachen wir stattdessen lieber über ihren anstehenden Geburtstag: „Was möchtest Du denn zum Geburtstag?“, fragte ich sie. „Ein Schmetterlings-Fänger“, strahlte sie, nachdem sie einige Sekunden überlegt hatte. „Was für ein Ding?“, fragte ich zurück und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen…„So ein Fang-Ding, ich will Schmetterlinge fangen.“ Sie wedelte mit den Händen und machte verschiedene Gestiken, die wohl das Fangen von Schmetterlingen nachahmen sollten. Immer wieder küsste ich sie auf ihre rosigen Wangen, während ich mich mit meiner Zwillingsschwester und Cem unterhielt. Meine kleine Schwester hatte sich ausgeklinkt und zeichnete mit einem bunten Stift Schmetterlinge auf ein weißes Papier. „Das macht sie immer, Emre. Sie tut so, als beschäftige sie sich anderweitig, doch horcht sie immer zu, sie bekommt alles mit“, teilte mir unsere größere Schwester mit, die daraufhin sofort Paroli von der Kleinen geboten bekam: „Das stimmt doch gar nicht! Ich male hier.“ Wir mussten lachen. Doch ich konnte mir vorstellen, wie schwierig es meine kleine Schwester hatte. Ich war ja bereits der Meinung, dass in meiner Kindheit und Jugend so einiges schiefgelaufen war und mein Vater wichtigere Prioritäten als seine Familie hatte, doch bei dem letzten Kind war es definitiv nochmal anders. Für mich war mein Vater immer jemand gewesen, vor dem ich Angst  haben musste, ihn deshalb „respektierte“ und entweder tat, was er wollte, oder zum Lügner wurde, da mir andernfalls Konsequenzen drohten. Doch soweit ich mitbekam und es schon vor der Haft gesehen hatte, behandelte mein Vater meine kleine Schwester wie eine Prinzessin, kaufte ihr alles und tauschte mit ihr sogar Zärtlichkeiten aus. Eine Umarmung mit meinem Vater konnte ich mir beim besten Willen in 100 Jahren nicht vorstellen, meiner Zwillingsschwester und Cem ging es sicherlich genauso. Meiner kleinen Schwester fiel es deshalb bestimmt schwer, die Probleme daheim zu begreifen: Warum beschimpfte der Vater die Söhne? Warum waren ihre Brüder böse? Warum beschwerte sich der Rest der Familie über den Vater? Er hatte doch nichts Falsches getan? Es war auf alle Fälle keine gesunde familiäre Umgebung, in der sie aufwuchs – das tat mir furchtbar leid.

Ich verabschiedete mich bei meinen Geschwistern und ging mit einem sehr angenehmen und warmen Gefühl zurück in meine Zelle. Am liebsten hätte ich ja ein Foto von diesem Moment geschossen und es den ganzen Gangstern in meinem Stockwerk gezeigt: „Schaut, das ist meine Gang! Das sind wahre Brüder, wahre Schwestern! Das ist die einzige Gang, die ich kenne und die einzige, zu der ich gehöre! Jetzt geht weg mit euren Möchtegern Brüdern und eurem Chapter!“

Ich war vor gut einem Jahr zur Suchtberatung gegangen, eine Aktion meinerseits in der Hoffnung, daraufhin eine mildere Strafe im Gericht erwarten zu können. Doch dies war vor Gericht unerwähnt geblieben, wir hatten verzichtet, darauf einzugehen. Die gewünschte Reaktion war demnach ausgeblieben. Dass das Gesetz „Aus Actio folgt Reactio“ jedoch trotz Allem existierte, bestätigte mir die Dame, die gerade an meiner Zellentür geklopft hatte. Sie sah aus, als wäre sie einer Bibliothek entflohen, irgendwie strahlte sie eine Art biblische Strenge aus: „Herr Ates?“ Ich nickte, sie fuhr fort: „Ich bin die Psychologin und möchte gerne mit Ihnen aufgrund ihres Antrags für die Verlegung in den offenen Vollzug sprechen. Es geht um Ihre Spielsucht.“

#59 – Hassliebe

Der Flur sah ganz normal aus, und die Zellen waren identisch zu unseren – mit einer Ausnahme: Es gab nur Vier-Mann-Zellen in der Schutzhaft. Mir wurde es untersagt, auf die Namensschilder zu schauen. Ich sollte die Kisten mit den Einkäufen schnell in die Zellen legen und dann wieder herauskommen. Auch, wenn es nur gut zwei Dutzend Zellen waren (verteilt auf zwei Stockwerke) und ich von Zelle zu Zelle sprang, kam mir die Ausgabe der Einkäufe wie eine halbe Ewigkeit vor. Und auch, wenn der Beamte mich dabei ertappte und ermahnte, wenn ich doch einen Blick auf die Namensschilder wagte, hörte ich damit nicht auf – zumal ich mir nicht sicher war, ob er mich überhaupt hierher mitnehmen durfte. Ich wusste zwar nicht, ob sich die JVA die Mühe gemacht hatte, die Namen die Schutzhäftlinge zu anonymisieren und erdachte Namensschilder an die Zellen anzubringen, doch eins war klar: Der Großteil der Namen klang ausländisch. Dabei waren überraschend wenig russische Namen dabei – überraschend vor allem deswegen, weil in der JVA Schwäbisch Hall vermehrt Russen inhaftiert waren. Ich erkannte vornehmlich osteuropäische Namen, aber auch einige türkische und arabische. Deutsche Namen waren kaum vertreten, was wiederum den prozentualen Anteil in der restlichen JVA widerspiegelte: Auch in der Strafhaft waren deutsche Häftlinge in der Minderheit. In der U-Haft hatte ich noch gedacht, der geringe Anteil an deutschen Mithäftlingen würde daran liegen, dass die „Fluchtgefahr“ bei diesen nicht so ausgeprägt sei. Doch allmählich dämmerte mir, dass Ausländer eine höhere kriminelle Energie aufwiesen – so die Ergebnisse meiner Beobachtungen.

Ich hatte eine eigene Statistik dazu elaboriert: als Grundmenge dienten die Häftlinge, die ich in der JVA Schwäbisch Hall und JVA Stammheim gesehen hatte. Man sagt ja, „Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Da ich mir in diesem Falle die Statistik selbst zurechtgedacht hatte, war ich mir ihrer also ziemlich sicher. Viele wunderten sich, weshalb ich kriminell geworden war – ich würde dem Stereotypen eines Kriminellen gar nicht entsprechen. Derart waren auch meine Gedanken: Man betrachtet sein Gegenüber und denkt sich – wobei das Urteil rein auf den äußerlichen Attributionen basiert – : „Was für ein lieber Junge, der kann doch keinem was zu Leide tun“, oder eben das Gegenteil: „Der hat doch bestimmt Dreck am Stecken“. Wir Menschen denken einfach noch viel zu sehr in Kategorien, viel zu sehr in schwarz-weiß. Dies war eine der wichtigsten Erkenntnisse während der Haft, die ich auch im Nachhinein noch oft feststelle. Auch ich denke in diesen Kategorien. Ein dichter und schwarzer Bart, nach hinten gegelte Haare, eine große und nicht zu übersehende Muskelkraft, gepaart mit einem legeren Jogginghosen-Look, lassen bei mir automatisch sämtliche Alarmglocken läuten. Theoretisch könnte man eine Software entwickeln, in die man das Foto einer Person einspeisen und nur damit herausbekommen kann, wie wahrscheinlich es ist, dass der Mensch auf dem Bild kriminell ist. Dies würde dank der vorherrschenden Stereotypen mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit sogar funktionieren. Ich denke, ich lehne mich zudem nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass die Polizei doch auch ein gewisses Beuteschema hat. So ertappte ich mich einmal während meiner Arbeit als Reiniger in dem Schutzhaft-trakt dabei, wie ich einen mir gegenüberstehenden Häftling besonders musterte. Er sah ganz nett aus, wirkte echt sympathisch auf mich und machte keinen gefährlichen Eindruck. Er grüßte mich sogar mit einer gewissen Herzlichkeit. In meinem Gehirn fing es aber plötzlich an zu rattern: Was ist, wenn dieser Mensch jemanden vergewaltigt hat? Was ist, wenn dieser Jemand ein Kind war? Mir war es, im Gegensatz zu meinen Häftlingskollegen, ziemlich egal, ob er ein Verräter, also ein 31er war. Es interessierte mich ebenso wenig, ob er einfach nur irgendeinen Blödsinn in der normalen Strafanstalt gemacht hatte und zu seinem eigenen Schutz in die Schutzhaft verlegt worden war. Sogar, ob er gemordet hatte, interessierte mich irgendwie auch nicht, denn die Mörder waren nicht pauschal in der Schutzhaft: Allein bei mir auf dem Stockwerk gab es zwei Mörder. Mit einem hatte ich sogar gesprochen. Er hatte bereits 7 Jahre seiner Gesamtstrafe abgesessen. Mit 19 Jahren hatte er einen Mord begangen und sich erhofft, vorzeitig zur zwei-Drittel-Strafe entlassen zu werden. Dies war abgelehnt worden, er muss also noch weitere fünf Jahre sitzen, bis er die zwölf Jahre voll hat. Nein, die einzige mich schockierende Straftat wäre das Vergehen an einem Kind. Stets musste ich dabei an meine kleine Schwester denken. Natürlich erfuhr ich nicht, was er getan hatte.

Die Zeit verging, der Sommer kam und die Tage wurden immer heißer. Uns Reinigern ging es blendend. Ich hatte es geschafft, dass die zwei Albaner meine Reiniger-Kollegen wurden, als die anderen beiden entlassen wurden. Es arbeitete sich einfach viel angenehmer, wenn man Kollegen hatte, mit denen man sich gut verstand. Es fragte mich sogar mal einer, ob ich aus dem Kosovo käme oder gar aus Albanien. Er war überrascht, als ich ihm mitteilte, dass ich aus der Türkei stamme. Auch hier zeigte sich mir sehr deutlich das stereotypisierte Urteil aufgrund des Äußeren. Mit der Sozialarbeiterin stand ich noch in Kontakt. Es war wohl etwas bezüglich meines offenen Vollzugs in Gange, doch es stand immer noch die Frage nach der Abschiebung im Raum. Laut meiner Anwältin würde der Prozess meiner Abschiebung vom Regierungspräsidium überprüft werden – sie kämpfe jedoch hart dafür, dass ich bleiben dürfe. Für mich war es ein absoluter Witz, dass diese Abschiebung nun wirklich real werden könnte. Um die Zeit zu vertreiben, hielt ich Ausschau nach Freizeitbeschäftigungen – zum Sport ging ich ohnehin bereits, so oft es ging. Ein „Türkischer Integrationskurs“ sollte Mitte September starten und im wöchentlichen Rhythmus laufen. Solch ein Kurs wurde damals schon während der U-Haft angeboten, allerdings war der „Hoca“ nach einiger Zeit gegangen – aus welchen Gründen auch immer. „Hoca“ ist das türkische Wort für Lehrer, meist wird es jedoch mit einem Imam assoziiert bzw. mit einem Lehrbeauftragen einer Moschee. Die moderne Bezeichnung für „Lehrer“ auf türkisch lautet eher „Öğretmen“. Genau aus diesem Grunde bezeichneten meine Kollegen und ich den kommenden Lehrer/Veranstalter als „Hoca“, denn wir gingen von ein, vielleicht zwei religiösen Predigten pro „Kurs“ aus. Und um ehrlich zu sein, hatte ich nach langer Abstinenz wieder Lust auf den religiösen Diskurs bekommen. Irgendwie hatten die Verse aus dem Koran eine beruhigende Wirkung auf mich. Entweder, so überlegte ich, hatten sie wirklich etwas „Göttliches“ an sich, oder es lag einfach daran, dass sie mich an meine Zeit in der Moschee und somit an meine „unschuldigen Jugend“ erinnerten, als alles noch augenscheinlich besser gewesen war. Überraschenderweise war die Anzahl der Anmeldungen gar nicht so hoch, was wohl auch an der ebenfalls überraschend geringen Anzahl an türkischen Häftlingen in der Strafhaft lag.

Es war auch schon eine Weile her, dass ich Gewalt in der Haft begegnet war und diese schöne Zeit des Friedens musste gerade von einem, im heutigen Jargon gern als „Lauch“ bezeichneten, drahtigen und recht schwächlich wirkenden Hänfling gebrochen werden. Als ich gerade während des Hofgangs mit den Albanern Tischtennis spielte und mich nicht mal schlecht dabei anstellte, hörte ich ein lautes Kreischen. Ein dünner, kleiner und junger Mann fuchtelte mit dem Zeigefinger herum und zeigte auf einen ebenfalls kleinen, aber gut gebauten, bärtigen Kurden. Dieser, ich nenne ihn jetzt mal weiterhin einen Lauch, war wohl lebensmüde oder wusste nicht, mit wem er sich da anlegte. Der Kurde war zwar nett und freundlich.  So wurde er auch nicht müde, immer wieder seine Unschuld zu betonen, hatte er doch knapp sechs Jahre wegen versuchten Totschlags bekommen. Doch dann traute ich meinen Augen kaum: Obwohl der Kurde ganz cool und gelassen auf die Provokationen des Jungen reagierte, und nur beiläufig irgendwelche herablassenden Aussagen von sich gab, rannte der Lauch auf ihn zu. Ich meine, mitangesehen zu haben, dass der vor Wut rasende schmächtige Junge dem Kurden erfolgreich einen Schlag auf das Gesicht verpasste, bevor dieser sich daran machte, aus einem Lauch Hackfleisch zuzubereiten. Es ging alles so schnell, ich begriff gar nicht, wann und wie der Alarm losgegangen war, wie schnell und woher die dutzend Vollzugsbeamten kamen und wann sie die beiden kleinen Streithähne auseinander rissen. Schmunzeln musste ich, als der Lauch-Junge weiterhin große Töne spuckte und wild herumfuchtelte. Eins ist gewiss: Der hatte Eier.

Etwas hinterhältiger war ein Häftling, mit dem wohl auch nicht zu scherzen war. Sein Opfer war ein Türke, jener, den ich bereits aus Stammheim kannte. Doch dieser Türke war verrückt, nicht bei Sinnen meines Erachtens nach, und es war nur eine Frage der Zeit, bis ihm jemand eine Lehre erteilen würde – da war ich mir sicher. Doch hätte ich niemals erwartet, dass es so schmerzhaft sein würde. Eines Tages legte er sich mit dem Falschen an. So kam es, dass einmal kurz vor dem Hofgang alle Zellentüren geöffnet waren. Die Häftlinge verließen dann nämlich ihre Zellen, begaben sich in den Flur und warteten, bis die einzige Tür zum Hofgang aufging, um dann als gesammelte Mannschaft in den Hof zu marschieren. Einige Häftlinge jedoch bevorzugten es, in ihren Zellen zu warten, vom Fenster aus in den Hof zu schauen und irgendwelchen Tagträumen nachzuhängen, bis das „Go“ zum Hofgang kam. So war es wohl auch an diesem Tage, als der Türke verträumt aus dem Fenster schaute und plötzlich mehrere Stiche an seinem Rücken spürte – mit einem selbstgebauten Messer aus Zahnbürste und Rasierklinge (Häftlinge werden mitunter sehr kreativ, was solche Konstruktionen angeht). Der Alarm ging los, die Beamten steckten uns alle in unsere Zellen und der Sanitäter war auch im Nu da. Augenscheinlich wusste niemand, wer der Täter gewesen war – nun ja, zumindest keiner der Vollzugsbeamten. Auch nach Befragungen der Häftlinge kamen sie nicht zu einem Verdächtigen, man wollte ja schließlich weder irgendwelche „Gerüchte“ streuen und sich (den nach so einer Aktion todsicheren) Ärger einfangen, noch wollte man ein Verräter (31er) sein und sich in die Schutzhaft verlegen lassen. Den nieder gestochenen Türken sah ich danach nicht mehr. Er wurde wohl nicht in die Schutzhaft, sondern in eine völlig andere JVA verlegt, vielleicht auch in ein Krankenhaus.

Ein Russe jedoch wurde in die Schutzhaft verlegt. Mit ihm hatte ich  zuvor eine kurze Unterhaltung unter der Dusche gehabt, bei der es hauptsächlich um mein Bäuchlein und sein dazu kontrastierendes Sixpack ging: „Du musst einfach jeden Tag mehrmals deinen Bauch anspannen, dann kommt das Sixpack von selbst. Das ist gutes Training“, meinte er. Jedoch hatte ihm das Sixpack wohl nicht viel gebracht, als er eines nachts von seinem, wohlgemerkt ebenfalls russischen, Zellenkollegen aus dem Schlaf gerissen worden war. Sein Zellenkollege hatte das Fernseh-Stromkabel genommen (an dieser Stelle sei nochmals die Kreativität der Häftlinge in solchen Belangen besonders betont) und es ihm um den Hals gebunden, wohl um ihn zu erwürgen oder um ihm – zumindest für einige Sekunden – die Luft zu rauben. Der Täter bekam besondere Sicherheitsmaßnahmen, also kein Fernseher, Einzelhofgang sowie keine Freizeit, schien jedoch damit kein Problem zu haben. Mir gefror das Blut in den Adern, als ich das Tatmotiv erfuhr: Der russische Häftling mit dem Sixpack hat wohl zu oft und zu laut geschnarcht.

Es war wohl wieder an der Zeit, dass jeder mindestens einmal austicken musste und so hoffte ich jedes Mal einfach nur, dass sich die Aggressionen nicht gegen mich richteten. Ich brauchte dringend etwas, was mich motivierte und mich aus dieser schlechten Stimmungslage rausholte. Denn die letzten Wochen hatte ich nur damit verbracht, mich über alles und jeden zu beschweren und zu lästern. Ich entwickelte einen Hass gegenüber dem viel gepriesenen Vaterstaat, gegenüber der Justiz und gegenüber der JVA im Besonderen. Und doch liebte ich Deutschland, ich wollte unbedingt hierbleiben. Die Justiz war im Grunde ja auch in Ordnung, alles war geregelt und ging fast immer seinen geordneten Gang. Und die JVA selbst? Man, ich mochte die meisten Beamten total, sie gingen auch nur ihrem Job nach. In mir gedieh eine Hassliebe vom Feinsten.

Als ich dann endlich den lang ersehnten Brief vom Landratsamt in den Händen hielt, hoffte ich so sehr auf einen Wendepunkt. Der Brief enthielt die Antwort auf meine Frage, ob ich die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen dürfte – wozu ich hinzufügen muss, dass mir die deutsche allein völlig ausgereicht hätte. Mit dieser wäre die Abschiebung kein Thema mehr, und ich könnte in den lange von mir herbeigesehnten offenen Vollzug. Meine Hände zitterten, als ich den Brief öffnete.

Ich begann zu lesen.

#58 – Die schlimmen Nachbarn

Enttäuscht vom Gespräch mit der Sozialarbeiterin widmete ich mich wieder meinem Job als Reiniger. In den kommenden Tagen fiel meine Stimmung in den Keller. In meiner deprimierenden Situation hatte ich einfach keine Kraft mehr zu kämpfen. Seit dem Beginn meiner Haftzeit begegnete ich einer Hürde nach der anderen. Entweder war ich in Freiheit zu verwöhnt gewesen, und es war einfach der Häftling-Status, dass nichts mehr so wirklich funktionieren wollte. Oder ich hatte einfach eine große Pechsträhne, die nicht mehr enden wollte. Dass es Hierarchien bei Häftlingen gab, war mir schon anfangs klar geworden. Doch gab es da noch die Beamten und die Stockwerksleiter, die mit den drei silbernen Sternen, die Sozialarbeiter, die Psychologen und der Anstaltsleiter, den ich nie zu Gesicht bekam. Ja, auch unter den Beamten gab es durchaus Hierarchien. Wir Häftlinge waren dabei ganz unten in der Nahrungskette – und das Schlimmste daran war, dass sich das draußen nicht ändern würde. Mir schwirrten unangenehme Gedanken durch den Kopf: Welchen Status würde ich nach meiner Entlassung innehaben? Wäre ich der Ex-Häftling, der Betrüger, der schlechte Sohn, der Abschaum der Gesellschaft – würde mich jemals jemand akzeptieren, abgesehen von meiner Familie? Was wäre mit denjenigen, die mich seit meiner Kindheit kennen – von meinen „Freunden“ hatte ich bis dato noch immer nichts gehört. Ein paar Tage später kam meine Mutter wieder zu Besuch und bestärkte mich in meinen Sorgen. Sie begann zu erzählen:

„Cem hat nach der Haft eine Weile gebraucht, um sich wieder einzuleben. Deine Zwillingsschwester hat viel Zeit mit ihm verbracht, ist mit ihm shoppen gegangen, auf Events und dergleichen. Cem hat sich dann mit einem türkischen Jungen angefreundet, ein ganz netter Junge – seine Familie war auch sehr nett. Letztes Wochenende waren wir zu einer türkischen Hochzeit eingeladen. Bei dem ganzen Getümmel haben deine Zwillingsschwester und ich den Freund von Cem gesehen, welcher in Gesellschaft seiner Eltern war. Auf Aufforderung der Mutter haben wir Platz am Tisch genommen. Wir haben uns sehr nett mit der Mutter unterhalten und über unsere Söhne geredet. Wir beide fanden es gut, dass unsere Söhne sich gut verstanden. Deine Zwillingsschwester und ich waren dann kurz auf der Toilette. Als wir zurückkamen, begegneten wir abweisend dreinblickenden Gesichtern. Da meinte die Mutter des Freundes von Cem doch tatsächlich: „Bitte setzt euch wo anders hin. Und sage deinem Sohn, er soll sich fern von meinem Sohn halten.“ Dieser unerklärliche Wandel ließ uns schlecht fühlen, doch wir taten wie gebeten. Später erfuhren wir dann etwas, was uns entsetzte. Unsere türkische Nachbarin, die wir stets besuchten, zu der wir einen guten Kontakt pflegten, die euch seit eurem fünften Lebensjahr kennt und liebt … sie hatte die Mutter vor Cem gewarnt.“ Ich war geschockt und konnte es kaum glauben. Die Nachbarin, von der meiner Mutter sprach, war immer sehr nett, zuvorkommend und hilfsbereit uns gegenüber gewesen. Wir besuchten sie öfter – auch als Kinder waren wir oft zu religiösen Festen bei ihr und ihrer Familie. Nein, wir waren nicht nur Nachbarn, sondern befreundete Familien. Sie wussten so gut wie alles über uns: „Ich verstehe das nicht. Das kann doch nicht sein. Wieso hat sie so etwas getan? Und wie genau? Das habe ich jetzt nicht verstanden, Mama.“ Ihrem Gesicht konnte ich die Trauer entnehmen, sie war erneut enttäuscht worden von einem Menschen – diesmal nicht von ihren Söhnen – aber von ihrer guten Freundin, Nachbarin, die sie seit gut zwei Jahrzehnten kannte. Menschen waren und sind eben doch unberechenbar: „Sie hat uns auf der Hochzeit mit der Mutter des Freundes von Cem sitzen sehen. Während unserer Abwesenheit, also als wir auf Toilette waren, ist sie wohl sofort zur Mutter und hätte gemeint, dass Cem ein sehr schlechter Junge sei, dass er erst kürzlich aus der Haft rausgekommen sei und er sicherlich einen schlechten Einfluss auf ihren Sohn hätte.“ Ich spürte weder blanken Hass noch aufschäumende Wut. Lediglich eine große Enttäuschung machte sich in mir breit. Ich hatte immer sehr viel von unserer Nachbarin gehalten, sie war für mich stets der Engel in Person gewesen, nie hätte ich von ihr so etwas erwartet. Ich war nicht nur enttäuscht von ihr, irgendwie war ich enttäuscht von der Menschheit, enttäuscht von mir. Muss ein Mensch erst selbst zum Häftling werden, um Häftlinge zu tolerieren, solange sie denn versuchten, sich zu resozialisieren? Muss ein Mensch erst selbst homosexuell werden, um Homosexuelle zu akzeptieren? Muss ein Mensch erst Abstand zu seiner Religion bekommen, ehe er andere Ansichten akzeptierte? War ich denn nicht auch so gewesen? Für mich waren Häftlinge doch auch Abschaum der Gesellschaft gewesen, Homosexuelle irgendwie seltsam und nicht normal. Atheisten, Christen, Juden und alle Andersgläubigen hatte ich bereits in der Hölle schmoren gesehen. Doch war ich nun anders? Ja, zum Teil – würde ich sagen. Wer weiß denn schon, was ich noch bewusst oder unbewusst nicht tolerierte, nicht akzeptierte, nicht verstand, von dem ich nichts wissen wollte – ich nahm mir vor, in Zukunft vermehrt darauf zu achten.

Meiner Mutter erzählte ich noch von Comburg. Mittlerweile hatte ich mich da etwas schlau gemacht: „Bevor ich in den Freigang darf, muss ich erst nach Comburg. Das ist ein Bauernhof, wo ich dann wohl vier bis fünf Monate verbringen muss. Ab dem Zeitpunkt steigert sich mein Freigang progressiv: so, wie ich das verstanden habe, darf ich dann quasi tagsüber raus und an der frischen Luft arbeiten. Nach sechs Wochen kann ich für fünf Stunden in die Stadt, das wäre der erste Ausgang. Der zweite Ausgang findet zwei Wochen später statt, wobei ich erneut 5 Stunden in die Stadt raus dürfte. In der zehnten Woche darf ich dann zwölf Stunden raus und sogar nach Hause. In der zwölften Woche wieder zwölf Stunden nach Hause. In der 14. Woche dann sogar eine Übernachtung daheim, d.h. für ca. 40 Stunden raus. Und dann, erst drei Wochen später, also in der 17. Woche, darf ich zwei Übernachtungen daheim verbringen. Und dann ist es soweit und ich bin Freigänger. Wenn, darf ich wohl erst im Oktober in den halb-offenen Vollzug und wäre quasi so im Januar, Februar fertig. Ich könnte dann zum Sommersemester im März mit dem Studium beginnen. Aber es ist nicht sicher, ob ich in den halb-offenen Vollzug darf, weil ja noch das Abschiebungsverfahren gegen mich läuft. Bevor da keine Entscheidung gefallen ist, würden die mich wohl nirgends hinschicken. Aber mal schauen, was das Ausländeramt antwortet – ich hatte da bezüglich der Doppelstaatsbürgerschaft angefragt.“ Ich verabschiedete mich von meiner Mutter, nahm die zwei Milka-Schokoladen mit, die sie mir stets zu jedem Besuch am Snackautomaten rauslassen durfte und vernaschte diese sofort in meiner Zelle. Langsam aber sicher hatte ich eine Schokoladen-Sucht entwickelt. Jedes Mal, wenn ich gestresst war oder mich besser fühlen wollte, griff ich zu etwas Süßem – und dies war zurzeit so gut wie jeden Tag der Fall.

Die heißen Tage waren kaum auszuhalten, die Sonne prallte mit ihrer vollen Wucht direkt in die Zellen. Gesegnet waren jene, die sich einen Ventilator leisten konnten – oder eben wir Reiniger. Bei uns Reinigern war die Tür stets offen, somit hatten wir immer einen Durchzug im Zimmer oder wir flüchteten uns in den schattigen Flur. Nur wenige gaben Geld für einen Ventilator aus. Ca. 30 EUR kostete der Spaß, für das Geld konnte man sich locker eine Dose und zwei Beutel Tabak kaufen. Ohnehin hatte man in der Regel nur ca. 110 EUR monatlich zur Verfügung. In der Strafhaft durfte man auch kein Geld mehr von außerhalb bekommen. Dies war in der U-Haft anders, da durfte man zum „Lohn“ noch monatlich bis zu 180 EUR von der Familie überwiesen bekommen. Hinzu kam noch, dass die Preise beim Einkauf völlig überteuert waren. Die Supermarktkette Edeka war wohl der Lieferant, zumindest war die günstige Variante eines Produkts stets von der hauseigenen Marke. Da kam es mir gerade Recht, als mir ein Job beim „Einkauf“ angeboten wurde. Gashi, der Reiniger, wurde entlassen – ich hatte mittlerweile seinen Posten übernommen und endlich wieder eine Einzelzelle. „Herr Gashi hat im Einkauf gearbeitet, möchten Sie seinen Posten übernehmen?“, fragte mich ein Mann in „Zivil“, den ich zuvor nicht gesehen hatte. Ich bejahte. Die Aufgabe schien einfach: Ein LKW kommt mit mehreren Kästen voller Einkäufe, jeder Kasten hat eine Nummer. Nachdem der LKW von uns entladen wurde, müssen wir uns in einem sogenannten „Ausgabebereich“ einfinden. Nach und nach kommen die Häftlinge mit ihren Einkaufszetteln, auf denen eben die Nummern vermerkt sind, die sich auch auf den Kästen befinden. Wir geben den Kasten mit dem jeweiligen Einkauf aus, der Häftling kontrolliert anhand seines Einkaufszettels, ob alles geliefert wurde und geht. In einigen Fällen fehlte sogar etwas oder es wurde ein falscher Artikel geliefert, doch eine Einigung gab es immer: Entweder in Form einer Gutschrift oder eines Ersatzartikels, der in der Regel einen höheren Wert als den des bestellten Artikels besaß. Neben der üblichen Bezahlung gab es sogar noch einen Beutel Kaffee von dem Lieferanten geschenkt. Das sparte mir einiges an Geld, für Kaffee gab ich immer um die 7 EUR aus – der Einkauf fand alle zwei Wochen statt, somit bekam ich monatlich Kaffee im Wert von 14 EUR. Bei einem Lohn von 110 EUR machte das erheblich was aus, somit konnte ich mir mehr Schokolade kaufen, welche ich ohnehin gerne zum Kaffee vernaschte.

Über die unangenehme Seite des Jobs hatte mich allerdings noch keiner aufgeklärt. Ein junger Beamte kam beim ersten Mal auf mich zu: „Herr Ates, Sie kommen mit mir mit.“ Mit einem beladenen Hubwagen, auf den dutzende Kästen gestapelt waren, folgte ich ihm gehorsam. Während wir durch die verschiedenen Stockwerke gingen, setzte ich stets einen Kasten in der zugehörigen Zelle ab. Wenn ein Häftling beim Arzt, einer Verhandlung, arbeiten oder sonst irgendwie verhindert war, musste ich den Einkauf in die Zelle bringen. Anfangs nervte es mich noch, doch schnell fand ich Gefallen daran – nämlich dann, als wir uns im Stockwerk befanden, in dem ich meine U-Haft verbracht hatte: „Ach, wie die Zeit verfliegt“, dachte ich mir und wurde von Herrn Nils überrascht: „Herr Ates, Sie sind noch da?“ Er wusste wohl nicht, ob er froh oder traurig darüber sein sollte, mich zu sehen. Ich klärte ihn über meine aktuelle Situation auf und dann kam er doch tatsächlich wieder mit dem Spruch, den er zur Anfangszeit meiner U-Haft gemacht hatte: „Haha, diese Weihnachten bist Du also auch noch da.“ Ich musste schmunzeln: „Nein, nein. Ich hoffe, da bin ich auf Comburg.“ Er wünschte mir viel Glück und rief sogar die anderen Reiniger, damit sie mir beim Abladen der Einkäufe in die Zellen halfen. Als dann nur noch ein Hubwagen voller Einkäufe übrig war und wir vor einem Bereich standen, der mir bisher unbekannt geblieben war, blickte mich der Beamte ernst an. Ich ahnte schon, was kommen würde: „Herr Ates, ist es in Ordnung für Sie, wenn sie mitkommen? Das geht ganz schnell, es sind nicht so viele Zellen dort.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, doch wollte ich sicher gehen: „Das ist die Schutzhaft, oder?“ Er nickte und holte den Aufzug.

Ich bekam ein mulmiges Gefühl. Das erste Mal würde ich die Nachbarn kennen lernen.

#57 – Cem ist halt Cem

In dem Brief, den ich in Händen hielt, steckte die Erfüllung meiner Gebete: Die anderen Ermittlungen gegen mich wurden fallen gelassen!

Meine Glückssträhne sollte noch weitergehen: Der Stockwerksbeamte hatte es für sinnvoll befunden, dass ich bereits vor dem Verlassen des albanischen Reinigers Gashi eingelernt wurde. Des Weiteren steckten sie noch einen Häftling in meine 4-Mann-Zelle, weshalb ich den Wunsch äußerte, beim Albaner Arian unterzukommen. Ich integrierte mich mehr und mehr bei den Albanern, vor allem verstand ich mich mit dem Albaner Kreshnik sehr gut. Er war etwas älter, womöglich um die 30 Jahre, doch irgendwie fanden wir einander sympathisch. Alle drei Albaner waren wegen Delikten, wie beispielsweise Drogenhandel, in der Haft. Für Arian war es ein willkommenes Geschenk, mich in seiner Zelle zu haben. Dies würde nämlich bedeuten, dass er wie ein Reiniger in den Genuss von offenen Türen kommen würde. Gashi lernte mich ein und merkte sofort, dass ich bereits Erfahrung hatte. Er empfahl mir, die leitende Rolle zu übernehmen: „Die anderen beiden Reiniger taugen gar nichts. Die sind sowieso auch bald weg, schau, dass Du Arian und Kreshnik als weitere Reiniger bekommst.“ Wenn ich etwas als Reiniger gelernt hatte, dann, dass man durchaus die Macht hatte, die Wahl des Beamten bezüglich der neuen Reiniger zu beeinflussen. Da ich mich mit den drei Albanern gut verstand, war es für mich selbstverständlich, dem Wunsch von Gashi nachzugehen. Ich fühlte mich sehr willkommen bei den Albanern. Ganz anders verhielt es sich mit den wenigen Türken, die sich im ersten Stockwerk befanden. Jene Türken, die das zweite Stockwerk bewohnten, hatten sowieso kaum Kontakt zu mir. Während des Hofgangs fühlte ich mich bei ihnen auch unerwünscht, und so kam es, dass ich mich mit den Albanern anfreundete. Später machten sie Witze, dass ich mehr Albaner als Türke sei. So lernte ich einige albanische Wörter, wovon ein Großteil die Schimpfwörter ausmachte, und fand es interessant, den Albanern in ihrer Muttersprache zuzuhören. Während des Hofgangs begegnete ich einem Araber, der mir bekannt vorkam und tatsächlich, ich hatte ihn bereits zuvor gesehen: Er war derjenige, der in Stammheim anscheinend eine Rasierklinge geschluckt hatte. Dies erzählte ich Kreshnik, der das „Gerücht“ dann sofort verbreitete. Der Hofgang war noch nicht mal vorbei, da kam der Araber schon auf mich zu – Deutsch konnte er nicht – und fragte mich auf Englisch, weshalb ich solche Lügen verbreiten würde. Ich teilte ihm mit, dass ich nur das erzählte, was ich gesehen und was mir der Beamte gesagt hatte. Er bestand darauf, dass der Beamte von Stammheim mich angelogen habe und ich entschuldigte mich daraufhin, wenn es denn wahr sein sollte, dass der Beamte gelogen hatte.

Meinen ersten Besuch hatte ich schon hinter mir, zu dem einzig und allein meine Mutter gekommen war: „Mama, wo ist Cem?“ Ihr war es wohl auch unangenehm: „Er konnte nicht aufstehen.“ Ich war enttäuscht, dabei hatte ich so gehofft, dass er mich direkt bei der ersten Möglichkeit besuchen würde – welcher andere Mensch hätte mich besser verstehen können? Beim zweiten Besuch stieg die Enttäuschung an, nur mein Vater war da – Cem? Er schlief und konnte nicht aufstehen. Als ich dann beim dritten Besuch eine erneute Enttäuschung hinnehmen musste, fragte ich meine Mutter, was mit dem Jungen los sei. Ihre Antwort, sehr allgemein: „Emre, der Cem ist halt Cem, er hat sich nicht geändert.“ Erst beim vierten Besuch war mein Bruder Cem dann mit meiner Mutter da, was ich sofort nutzte, um ihm gegenüber meine Enttäuschung auszudrücken: „Ich habe echt gedacht, dass Du mich früher besuchen würdest.“ Ihm war es wohl gar nicht unangenehm: „Ja, Bruder, beim ersten Mal habe ich verschlafen – aber Mama hat mich nicht stark genug geweckt. Und als Papa gekommen ist, hatte ich keine Lust mit dem stundenlang im Auto zu sitzen, ich kann mit dem nicht gut.“ Meine Mutter sah ihn mit einem vorwurfsvollen Blick an. Seine Entschuldigungen bestanden immer darin, anderen die Schuld für sein Fehlverhalten zu geben: „Und das letzte Mal? Da kam Mama auch alleine, sie meinte, du habest noch geschlafen?“ Auch hier war seine Antwort typisch Cem: „Ja, da habe ich es sogar geschafft aufzustehen, aber Mama ist einfach total schnell weggefahren, sie hat nicht gewartet.“ Meine Mutter versuchte kurz, sich zu verteidigen. Sie meinte, dass sie ihn sehr wohl öfter geweckt habe, aber selbst sonst zu spät losgefahren wäre und beim zweiten Mal sei es so gewesen, dass er stundenlang nicht aus der Toilette herausgekommen war. Dann wechselte sie das Thema und teilte mir mit, dass meine Zwillingsschwester die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen dürfe, das Gesetz der Doppelstaatsbürgerschaft sei seit einiger Zeit rechtskräftig. Schnell schrieb ich dem Ausländeramt: Ich wollte wissen, ob ich meine deutsche Staatsbürgerschaft wieder beantragen konnte. Kreshnik erzählte ich davon, wie enttäuscht ich von meinem Bruder war. Als er meinte, dass mein Bruder sowieso ein Verräter sei und ich niemandem von ihm erzählen solle, war ich zunächst baff. Seiner Ansicht nach ging dies deutlich aus meinem Urteil hervor: „Bring dein Urteil her, ich zeig es dir.“ Schnell brachte ich ihm die Unterlagen und er tippte sofort auf den Paragraphen Nummer 31: „Siehst Du, dein Bruder wurde nach Paragraph 31 verurteilt. Er ist ein 31er.“ Einige schlaflose Nächte später kam die Erkenntnis, man erinnere sich an die unterschiedlichen Gesetzesbücher, in denen jeweils ein Paragraph 31 existierte: Cem wurde nach dem Strafgesetzbuch und nicht nach dem Betäubungsmittelgesetz verurteilt. Mein Bruder war folglich kein 31er.

Mit dieser erleichternden Erkenntnis saß ich bei Arian in der Zelle – er war gerade arbeiten – und wir Reiniger, bzw. ich als noch einzulernender Reiniger, hatten soeben das Essen ausgegeben. Da vernahm ich plötzlich das laute Klack-geräusch, welches hohe Absätze beim Aufkommen auf harten Boden verursachten. Es näherte sich mir offensichtlich eine Frau. Erwartungsvoll blickte ich zur Tür, und siehe da, eine bildhübsche junge Dame stand keine zwei Sekunden später im Türrahmen. „Herr Ates?“, fragte sie und blickte mich geradewegs an. „Ja, das bin ich“, antwortete ich schüchtern. Ich war ziemlich überwältigt von ihrer Erscheinung. Sie war sehr gepflegt und sah aus, als würde sie noch studieren. „Ich bin Frau Holz, die Sozialarbeiterin. Wollen Sie kurz mit ins Büro kommen?“ Ihr Angebot nahm ich an, indem ich alles stehen und liegen ließ und ihr blind folgte. Mein Herz pochte etwas, mein Gesicht färbte sich rosarot und ich versuchte, mich irgendwie zu beruhigen: „Man, Emre. Reagier dich ab, du hast einfach schon lange keine normale und zudem noch attraktive Frau mehr gesehen.“ Ich fragte mich, wieso mir bisher kein anderer Häftling von ihr erzählt hatte. Normalerweise war jede erdenkliche Frau in der Haft – Beamtinnen, Arzthelferinnen, Psychologinnen und vor allem Sozialarbeiterinnen – ein großes Gesprächsthema bei den Häftlingen, wenn auch die Gespräche eher sexistisch ausfielen. In ihrem Büro angekommen, setzte ich mich vor ihren Schreibtisch und versuchte zunächst, mich zu beruhigen. Der Gedanke, dass sie mich mit einem roten Kopf sah, brachte mein Blut im Gesicht erst Recht in Wallung. Ich hatte ja schon immer ein Problem damit gehabt, mich mit Frauen zu unterhalten, wofür ich an dieser Stelle nochmals meinen Hocas danken muss, die mir mein unrealistisches Frauenbild eingepflanzt haben. Frau Holz gefiel mir optisch sehr gut, und ich hatte schon seit mehr als einem Jahr keine Frau mehr gesehen, die auch nur annähernd meinem Frauengeschmack nahegekommen wäre. Sie allerdings schaute recht streng drein und kam direkt zur Sache. „Nun, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Mit einer Klimaanlage direkt auf mein Gesicht, vielleicht?“, hätte ich gerne geantwortet – doch ich begann abermals, meine Studienpläne während der Haftzeit zu schildern: „Ich würde gerne im Oktober ein Studium an der Hochschule Ravensburg beginnen, da ich dort bereits eine Zusage erhalten habe. Und im Oktober sollte das wohl möglich sein, da ich ab diesem Zeitpunkt theoretisch in den Freigang werde gehen dürfen.“ Sie lächelte und wirkte zugleich sehr ernst: „Ach? So einfach stellen Sie sich das vor? Sie sind erst kürzlich hier angekommen, denken Sie, wir senden Sie so einfach in den Freigang? Wir müssen Sie erstmal beobachten.“ Schon wieder wurde ich rot, doch diesmal reagierte ich eher aufbrausend als schüchtern: „Ähm, ich war ein ganzes Jahr hier in der U-Haft, was müssen Sie da noch großartig beobachten?“ Ihren Blicken konnte ich entnehmen, dass sie davon nichts wusste, weswegen sie das Thema wechselte: „Ach ja, und wie gedenken Sie, ihr Studium zu finanzieren?“ Ich hasste solche Fragen, sie waren meiner Meinung nach unnötig, da die Antwort immer standardmäßig ausfiel. Dementsprechend antwortete ich ihr: „Ja, erstens Bafög und zweitens, mein Vater unterstützt mich da. Ich mein, wie finanzieren denn andere Studenten ihr Studium? Genauso mach ich das auch.“ Sie bestand jedoch weiterhin darauf, mir das Studium ausreden zu wollen: „Herr Ates, ich weiß nicht, ob das Studium etwas für Sie ist. Überlegen Sie lieber in Richtung einer Ausbildung oder einer Arbeit. Als Vorbestrafter werden Sie es immer schwer im Berufsleben haben.“ Diese Logik grenzte für mich an Schwachsinn. Niemals konnte diese Frau studiert haben! „Ähm, also vorbestraft werde ich so oder so sein. Eine Ausbildung löscht ja meine Vorstrafe nicht. Ein Studium ermöglicht mir aber bessere Berufschancen, die ohnehin durch die Vorstrafe nicht so rosig sind. Ich verstehe also den Sinn hinter Ihrem Vorschlag nicht.“ Sie ging nicht weiter darauf ein und nuschelte irgendetwas von, dass das Studium kein Zuckerschlecken sei: „Nun, Herr Ates, wir müssen sowieso erst einmal klären, wie es mit Ihrer Abschiebung aussieht. Bevor das Regierungspräsidium sich nicht entschieden hat, ob sie hierbleiben oder abgeschoben werden, bleiben Sie in der Strafhaft hier bei uns.“ Mein Hass gegenüber diesen pessimistischen Sozialarbeitern (das war wohl eine grundsätzliche Tendenz bei denen) stieg an: „Frau Holz, ich muss mich mit dieser blöden Abschiebung nur deshalb befassen, weil ihr Kollege drüben aus der U-Haft sich zu schade war, mir dabei zu helfen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu behalten. Als ob die mich abschieben, ich kann mir das nicht vorstellen. Meine Bitte ist ganz einfach, ich will doch nur ab Oktober studieren.“ Ich machte ihr Vorwürfe, gleichzeitig flehte ich sie irgendwie an. „Was mein Kollege da gemacht hat, weiß ich nicht. Aber, Herr Ates, auch wenn alles glatt laufen würde, Sie kommen erst in den offenen Vollzug nach Comburg.“ Ich sah sie verwirrt an: „Comburg? Was ist dort?“

Ihre Antwort löste meine sorgfältigen Planungen in Luft auf. „Das ist ein Bauernhof in Schwäbisch Hall. Sie müssen sich dort erst einmal ein paar Monate beweisen, bis Sie in das Freigängerheim, von mir aus auch das in Ravensburg, verlegt werden können.“

#56 – Der Wäscheschnüffler

Meine Anwältin reagierte unverzüglich auf meinen verzweifelten Brief und meldete Besuch an, während welchem wir besprachen, wie es nun weitergehen sollte. Sie verstand, dass mir die JVA Stammheim nicht guttat und ich mich nun seit vier zermürbenden Monaten hier befand. Auch hatte ich diesen U-Haft-Status gehörig über, ich wollte endlich in die Strafhaft. Meine Anwältin würde die Revision noch heute zurückziehen. Und tatsächlich, es vergingen keine drei Tage, als ich die Nachricht bekam, dass mein Urteil rechtskräftig sei.

Fast stündlich fragte ich den Vollzugsbeamten von nun an, ob im Computer bereits stand, in welche JVA ich zur Strafhaft kommen würde. Eine ganze Woche verging, als ich Herrn Gleich erneut fragte: „Komme ich jetzt nach Ravensburg oder nicht?“ Herr Gleich war ein sehr netter Beamter und zudem noch hilfsbereit, wir verstanden uns auch gut. Ihn konnte ich öfter mit meinen Problemen stören. Schließlich war es soweit, Herr Gleich rief mich in sein Büro: „Herr Ates, es ist nun im Computer vermerkt. Sie werden zur JVA Schwäbisch Hall verlegt.“ Ich war baff: „Wie jetzt? Wieder zurück dahin? Ich dachte, ich komme zur JVA Ravensburg?“ Ich überlegte, ob die JVA Ravensburg wohl besser gewesen wäre, als er weitersprach: „Ja, laut Vollzugsplan sollte es eigentlich JVA Ravensburg sein. Ich weiß es leider auch nicht. Der Transport sollte dann in drei Tagen soweit sein.“ Schnell gab ich Behlül und Hassan Bescheid, beide freuten sich für mich. „Es ist eigentlich ganz gut, dass ich zurück nach Hall gehe. Die kennen mich schon, die schicken mich sicherlich in den Freigang. Das Problem ist nur, ich habe mich gar nicht dort in der Gegend für die Unis beworben. Aber vielleicht schicken die mich ja nach Stuttgart ins Freigängerheim“, teilte ich meine Gedanken mit den Jungs. Ich war in solch einer Plauderlaune, dass ich sogar der Beamtin Frau Benz stolz davon berichtete, worauf diese wiederum antwortete, dass ihre Freundin in der JVA Schwäbisch Hall arbeiten würde. Natürlich wollte ich sofort wissen, wen sie meinte und war überrascht, als sie den Namen von Frau Habich nannte. „Das wusste ich gar nicht! Wissen Sie, dass Frau Habich mir total geholfen hat, bevor ich hierher verlegt wurde? Ich verstehe mich sehr gut mit ihr.“ Ich erzählte ihr von ein paar Gefälligkeiten, die Frau Habich für mich getan hatte und bat sogleich Frau Benz etwas frech um eine ebensolche Gefälligkeit: „Könnten Sie eigentlich Frau Habich Bescheid geben, dass ich zurückkomme, damit sie mir einen Job als Reiniger besorgt? Also, dass ich auf ein Stockwerk komme, wo die einen Reiniger brauchen?“ Sie bejahte und wünschte mir alles Glück.

Ich verabschiedete mich von allen. Belühl und ich entschieden uns dazu, in Kontakt zu bleiben, auch, wenn in der Haft oft die Devise „Aus den Augen, aus dem Sinn“ vorherrschend war. „Oha, die Lücke an deinem Hinterkopf wächst ja wieder zusammen“, meinte ich zu ihm, als er mir sagte, dass er froh sei, mich kennen gelernt zu haben: „Du hast mir die Haft echt erleichtert. Es ist schade, dass Du gehst. Wir bleiben in Kontakt, Bruder!“ In der nächsten Stunde befand ich mich schon wieder auf dem Transportweg in diesem riesen Bus, der kleinere Zellen beinhaltete. Es fühlte sich wirklich ein Stück weit so an, als würde ich zurück nach Hause fahren – ich freute mich doch tatsächlich ein klein wenig auf Schwäbisch Hall. Wir stoppten bei einigen JVAs, damit Häftlinge ein- und aussteigen konnten. In der JVA Heilbronn mussten wir allerdings in eine Wartezelle, wahrscheinlich hatten die Fahrer Mittagspause. Als wir in dem Trubel in eine kleine Zelle geführt wurden, sah ich plötzlich ein mir bekanntes Gesicht: Yilmaz. Er war wohl auch hier Reiniger geworden, zumindest packte er einige Kartons aus dem Transportbus und trug diese ins Gebäude. Ich bevorzugte, ihn zu ignorieren, zumal er mich in dem Gewirr nicht wiedererkannt hatte. Mir schauderte es, als ich dann den anderen Reiniger sah: Es war der Häftling, der damals gemeint hatte, er habe einen Opa unsanft gestoßen, woraufhin dieser auf eine Bordsteinkante gefallen sein solle. In Wirklichkeit hatte er sein eigenes Kind, einen Säugling, ins Koma geschlagen. Am liebsten wäre ich über ihn hergefallen, doch es blieb bei verurteilenden Blicken meinerseits. Wir bekamen auch Vesper, Brot mit Käse und Wasser. Nach einer Stunde ging es dann weiter nach Schwäbisch Hall – als wir ankamen, und ich den Teich im Innenhof sah, sprudelte nicht nur das Wasser zum Teich, sondern auch das Glück, geradewegs in meinen Körper.

Wir wurden in die Wartezellen gebracht und nacheinander aufgerufen. Wir mussten nämlich in die Kammer und unsere Sachen abholen. Als die Tür sich öffnete und der Erste aufgerufen wurde, erblickte ich eine Beamtin: Frau Habich! Ich strahlte sie an und rief ihren Namen: „Frau Habich!“ Sie erwiderte mein Lächeln und blickte zu mir. „Herr Ates! Schön, dass Sie wieder da sind!“ Sie ging mit dem Häftling in die Kammer. Als ich dann endlich dran war, stand Frau Habich mit einem weiteren Beamten da. Ich konnte erkennen, dass dieser Beamte eine höhere Position innehatte, er hatte nämlich einen silbernen Stern auf der Schulter: „Wer ist Herr Ates?“, fragte er. Bevor ich etwas sagen konnte, wies Frau Habich in meine Richtung: „Er war schon Reiniger bei uns auf dem Stockwerk. Du brauchst doch einen Reiniger?“, fragte sie den Beamten. „Wollen Sie Reiniger werden?“, fragte mich der Beamte daraufhin ohne Umschweife. Ich bejahte lächelnd und hätte vor Glück ein Salto machen können. „Gut, ein Reiniger verlässt mich die kommende Woche, Sie arbeiten dann in meinem Stockwerk.“ Ich bedankte mich, doch wurde ich noch nicht in die Kammer gerufen. Es ging hier wohl nur um den Job. Er ging fort, und ein paar Aufrufe später war ich endlich an der Reihe: „Frau Habich, vielen Dank! Hat sich Frau Benz bei Ihnen gemeldet?“ Sie nickte, doch sie bugsierte mich zunächst zur Kammer, in der ich ein weiteres bekanntes Gesicht erspähte, das Wohlgefühl in mir hielt an: Es war der Beamte, der damals meine Zelle kontrolliert und das Handy dabei nicht gefunden hatte. „Herr Ates, diesmal gibt es aber nur zwei Pullover!“, tadelte er milde lächelnd, als er meine Klamotten auf seinem Zettel erfasste: „Ja klaro! Der Sommer ist da, da brauch ich sowieso keine Pullover mehr.“ Als er mich in den nächsten Warteraum schicken wollte, kam ihm Frau Habich zuvor: „Ich bringe Herrn Ates direkt in seine Zelle, da muss ich sowieso hin.“ Der Kammerbeamte war einverstanden, und schon ging es über den wundervollen Innenhof mit Blick auf den Teich in Richtung meiner Zelle. „Perfekt, jetzt bin ich einfach genau gegenüber von dem Gebäude, in dem ich bereits war. Komm ich wieder in den zweiten Stock?“ Ich blickte hinter mich und sah diese Zellenfenster, und versuchte ein Flashback zu bekommen. „Nein, diesmal sind Sie im ersten Stockwerk. Wie war es in Stammheim?“, fragte Frau Habich. „Total scheiße. Ich habe Schwäbisch Hall voll vermisst. Vielen Dank, dass Sie mir den Reinigerjob klargemacht haben!“ – „Ja die Frau Benz hatte sich gemeldet, ich war überrascht. Das mach ich doch gerne. Sie sind ja auch ein guter Reiniger“, meinte sie sanft. Sie brachte mich in eine Vier-Mann-Zelle, in der ich jedoch alleine war. Einen Fernseher bekam ich auch sofort. In Stammheim hatte sich in jeder Zelle ein kleiner Röhrenfernseher befunden, in Schwäbisch Hall musste man dafür jedoch monatlich einen Betrag von ca. 13 EUR bezahlen. Aber mein Konto war gut gefüllt.

Schnell füllte ich alle nötigen Anträge aus. Das hieß: Anmeldung für die Gespräche mit dem Sozialarbeiter zwecks Studium und offenen Vollzugs, Sportaktivitäten und der Anmeldung zum Kurs für die türkische Integration. Ich war pünktlich zum Abendessen gekommen, als die Tür aufging und ich die verschiedensten Brotsorten sah. Mir lief der Speichel bei diesem Anblick im Mund zusammen. Dies hier war absoluter Luxus, so viele Brotsorten hatte ich nicht einmal bei einem Bäcker draußen gesehen. Die Reiniger fragten natürlich sofort, wann, wie und weshalb ich reingekommen war. Die Beamten tolerierten meist kurze Gespräche – in Kurzform berichtete ich davon und auch, dass ich ein Jahr als Reiniger in der U-Haft im gegenüberliegenden Gebäude gewesen war. Abends ertönte dann auch das Geräusch, das ich schon ewig vermisst hatte: Das automatische elektronische Aufschließen aller Zellentüren gleichzeitig – es klang wie ein Orchester der Freiheit in meinen Ohren. Ein paar Häftlinge kamen rein, übliches Theater, übliche Fragen – gleiche Rollen, andere Darsteller. Und dann gab es noch diejenigen, die einen auf hart machen wollten und mit ihrer Haltung ein „Leg dich nicht mit mir an“ zum Ausdruck brachten. Es kam aber eher einer Bitte, wenn überhaupt einer Forderung gleich, aber sicher keiner Drohung. Kontakte konnte ich am ersten Tag nicht knüpfen. Leider war auch kein einziger Häftling dabei, den ich kannte. In diesem Punkt hatte ich mir etwas anderes erhofft, sogar die Beamten des Gebäudes waren mir fremd.

So schnell wie möglich ging ich zum Büro und fragte nach, ob ich meine Eltern anrufen dürfe. In der Strafhaft war dies erlaubt. „Sie dürfen nur maximal 2 Mal in der Woche für je 10 Minuten telefonieren. Dafür müssen Sie einen Antrag jeden Freitag abgeben. Diese Woche ist schon alles ausgebucht“, wies mich der Beamte auf die Regeln hin. Ich bat jedoch darum, nur kurz telefonieren zu dürfen, um meinen Eltern Bescheid geben zu können, dass ich verlegt worden war. Der Beamte willigte überraschenderweise ein: „Ja gut, um 20:00 Uhr ist normalerweise Schluss mit den Telefonaten. Dann dürfen Sie ausnahmsweise um 20:00 Uhr telefonieren.“ Ich bedankte mich abermals. Diese Großzügigkeit der Beamten hatte ich in Stammheim sehr vermisst.

Ein groß gebauter Türke hatte mich Neuen entdeckt und wies mich an, meine Unterlagen zu nehmen und in seine Zelle zu kommen. Ich kam der Aufforderung nach und stand mit meinen Unterlagen vor seiner Zelle: „Schuhe ausziehen bitte“, sagte er. „Ihr seid ja echte Türken“, lächelte ich, doch mein Lächeln prallte an einer Wand aus grimmigen Gesichtern ab – und womöglich steckten dahinter noch dazu gefährliche Köpfe. Der groß gebaute Türke stand angelehnt an der Bettkante, neben ihm ein Italiener – der mir irgendwie wenig Beachtung schenkte – und einer, der mir wie der „Chef“ vorkam, ein arabisch-türkisch aussehender und ziemlich bärtiger Junge, der auf dem Bett „residierte“. Alle schienen ungefähr in meinem Alter zu sein. Ich sollte mich neben dem bärtigen jungen Mann hinsetzen und alles erzählen. Sie nahmen sich viel Zeit für mich, fast eine Stunde fragten sie mich aus. Am Ende hatte ich wohl den Test bestanden und durfte gehen – doch so wirklich wollten sie mich wohl nicht in ihren Kreis aufnehmen. Es fühlte sich so an, als wollten sie mir sagen: „Junge, du bist sauber, aber etwas zu sauber für uns.“

Als ich abends daheim anrief, ging meine Mutter ran und war erleichtert, dass ich mich endlich in Strafhaft befand und mich um den offenen Vollzug kümmern konnte. Während sie sich vor Allem darüber freute, dass ich in Schwäbisch Hall war, hatte sie eine viel erfreulichere Nachricht für mich: „Emre, Du hast eine Zusage von der Hochschule Ravensburg bekommen!“ In dem Moment kam mir meine Mutter vor wie der Paketzusteller, der mir ein Zalando-Paket in die Hand drückte – ich hätte schreien können vor Glück! „Super, Mama, ich muss schnell mit der Sozialarbeiterin reden, damit ich in den Freigang nach Ravensburg verlegt werde. Das Gute ist, die kennen mich hier, dann müssen die mich keine sechs Monate beobachten!“ Meine Mutter wünschte mir viel Glück bei meinem Vorhaben und versicherte mir, sofort einen Besuchstermin auszumachen. „Mama, bring den Cem mit! Der darf doch jetzt, oder?“, fragte ich. Sie bejahte.

Ich fühlte mich so gut, alles lief zu meiner Zufriedenheit und endlich hatte ich auch einen Ausgleich: Den Sport hatte ich sehr vermisst, vor Allem das Volleyballspiel bereitete mir große Freude. Ich hatte mich in dem einen Jahr in der U-Haft merklich verbessert und hatte von Mal zu Mal mehr Spaß beim Spielen. Als mich der Beamte dann bereits am nächsten Morgen zum Sport mitnahm, spürte ich, wie die Phase des Glücks ihren weiteren Lauf nahm. Als der Beamte mich dann vor der Sporthalle abließ und der Sportbeamte kam, erkannte er mich sofort wieder. Ich begrüßte ihn herzlich mit seinem Namen, während er mich etwas schief angrinste: „Ah, der Wäscheschnüffler ist zurück!“ Mir stieg die Schamesröte ins Gesicht. Bevor ich die JVA Schwäbisch Hall verlassen hatte, hatte mich – wohlgemerkt ein anderer Beamte! – erwischt, wie ich auf seinen Wunsch hin an der Wäsche von Tayfun gerochen hatte, um zu überprüfen, ob der Weichspüler die Wäsche frisch genug riechen ließ. Wie es aussah, hatte sich dies unter den Beamten rumgesprochen. Noch peinlicher war es, dass sich der Sportbeamte auch nach ca. 5 Monaten daran erinnern konnte. Doch andererseits wertete ich dies auch als positiv. Ich war mir sicher, dass ich diese sechs-monatige-Beobachtungsphase würde überspringen können. Die Tage vergingen, und ich freundete mich mit einem Albaner an, welcher mich wiederum einem weiteren Albaner vorstellte, welcher mich schließlich dem Reiniger-Albaner vorstellte, dessen Stelle ich übernehmen sollte. Sie waren alle sehr freundlich, und als ich von einigen Albanern aus Stammheim berichtete, erkannten sie so manch einen wieder. Zirka eine Woche nach meiner Ankunft ertönte auch schon das erste Mal mein Name in der Freizeit. Der Beamte rief mich, ein Brief war gekommen: Er war von der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

Ich riss den Brief sofort auf und traute zunächst meinen Augen kaum.

#55 – Der Mittäter von Abde

Beim nächsten Besuch erwartete mich mein Vater, was bedeutete, dass es mal wieder etwas ungemütlich werden würde. Ich hätte wohl dankbar sein sollen, dass er mich besuchte. Doch ich war es irgendwie nicht, stets hatte ich ein unwohles Gefühl, wenn ich mit ihm sprach. Dabei war es meist jedoch ein ganz normales Gespräch, das sogar manchmal lustig war. Etwas Unangenehmes wurde jedoch immer besprochen, so fragte er mich diesmal, ob ich fasten würde. Ich log ihn an, ich hatte erst eine Verurteilung hinter mir – die vom Gericht reichte mir. Es war durchaus ein seltsames Gefühl gewesen, nach so vielen Jahren des disziplinierten Fastens damit aufzuhören. Ich fühlte mich schuldig und schlecht. Auch das Belügen meines Vaters war mir unangenehm – doch die Wahrheit wäre sicherlich unangenehmer gewesen. Ich konnte mich noch daran erinnern, wie deutsche Freunde immerzu gemeint hatten: „Emre, Allah kann dich hier im Zimmer nicht sehen – wenn Du willst, schließen wir auch die Rollladen – jetzt iss doch die Haribos.“ Zuvor hatte ich ihnen mitgeteilt, wie gerne ich von diesen Gelatine-Gummis naschen würde und erzählte ihnen, wie es in meiner Kindheit noch toleriert wurde, bis unsere Moschee schließlich ein Verbot herausbrachte. Meine Lieblingssorte waren immer die gezuckerten Gummi-Erdbeeren gewesen. Es war mir sehr schwergefallen, mich davon zu trennen. Damals fand ich die Aussage meiner Freunde noch absurd und intolerant. Ich hatte mich immer gefragt, ob sie es nicht sein lassen konnten, schließlich hatte ich ihnen auch nie versucht, etwas ein – oder gar auszureden. Doch so langsam begann ich, ihnen recht zu geben. Wieso hatte ich in der JVA Stammheim aufgehört zu fasten? Dachte ich tatsächlich, dass Allah mich hier drin nicht sah? Die Antwort für mich war simpel: „Ja, er sieht mich nicht.“ Mein Hoca sagte immer, man dürfe Allah keinen Ort geben, er sei nicht im Himmel, nicht auf der Welt, nicht im Universum – er sei überall! Und auch meinem Hoca muss ich aus heutiger Perspektive teilweise recht geben. Da saß mein Vater vor mir und fragte mich, ob ich fasten würde, wie es ein „kul“ (zu Deutsch: Sklave) Allahs tun würde. Daheim hätte mich meine restliche Familie gefragt. Meine Großeltern, meine Verwandten, meine muslimischen Freunde, meine muslimischen Bekannten – alle hätten mich verurteilt, hätte ich nicht gefastet. Sie waren überall – Allah war überall. Und in der Haft? Hier fragte keiner, ob ich fasten würde. Keiner prahlte, dass er seinen muslimischen Pflichten nachging. Keiner wollte etwas vom Ramadan wissen. Auch die Moslems, oder jene, die sich als Moslems ausgaben, fasteten nicht. Niemand war hier, der mich verurteilte – Allah war nicht hier. Doch da stand nun mein Vater vor mir, und plötzlich spürte ich einen Hauch von Allahs Zorn. Nur die zwei Stunden Besuch musste ich aushalten, dann war ich „frei“ von seinem Zorn. Um von mir und meinen möglichen Sünden abzulenken, erzählte ich meinem Vater von Peter und Hakim, dass beide homosexuell waren und wie ich das rausbekommen hatte. Natürlich fand er dies abscheulich, fluchte über sie und warnte mich vor ihnen. Als ich ihn bei seinem minderen Wutausbruch beobachtete, merkte ich, wie abscheulich er dabei aussah – er wirkte auf mich extrem intolerant. Mir wurde schlecht, und der innere Konflikt in mir wurde stärker, ausgelöst durch die Hasstiraden meines Vaters. Ich realisierte, dass ich selbst auch ein Stück weit so gewesen war. Ich hatte Peter und Hakim für ihre sexuelle Orientierung verurteilt, und daraus die Konsequenz gezogen, dass ich mich zukünftig von ihnen fernhalten würde. Dabei hatte ich vergessen, dass Toleranz und Akzeptanz nicht dasselbe waren – zumindest nicht für mich. Es war mein gutes Recht, die Ansichten Peters und Hakims nicht für mich zu akzeptieren, wenn sie meinen Werten nicht entsprachen. Doch war es ein absolutes Unding, sie dafür zu verurteilen, ich musste das tolerieren. Sie waren doch im Grunde so wie ich, auf eine Art und Weise einfach anders als die anderen. Plötzlich spürte ich einen Anflug von Bewunderung: Peter hatte zugegeben, dass er homosexuell war. Ihm war es egal gewesen, was ich darüber denken würde, was ich tun würde. Er fühlte sich frei in seiner Meinungsäußerung. Und ich? Ich konnte nichts offen äußern, ich konnte meinem Vater nicht sagen, dass ich begonnen hatte, an der Religion zu zweifeln, dass ich nicht fasten würde. Ich konnte meine Meinung nicht frei äußern.

Ich wollte nicht intolerant sein, wollte anders als mein Vater sein. Nach dem Besuch dauerte es ein paar Tage, bis ich meine Gedanken sortiert hatte und Peter in seiner Zelle besuchte: „Hey Peter, tut mir leid, wie ich reagiert habe. Ich habe echt kein Problem damit, dass Du schwul bist. Das ist mir egal. Ich muss das noch lernen, tolerant zu sein. Du schadest niemandem damit. Echt Schade eigentlich, dass wir in diesem Jahrhundert noch über solche Dinge diskutieren müssen. Es fällt mir halt schwer zu akzeptieren, dass ein Mann mit einem anderen Mann körperlich zusammen ist.“ Er sah mich an und schien irgendwie erleichtert, als er mir antwortete: „Emre, ich brauche deine Akzeptanz nicht. Solange Du mich nicht abstempelst und aufgrund meiner Sexualität nichts mehr mit mir zu tun haben möchtest, ist es mir ehrlich gesagt egal, ob Du Homosexuelle allgemein akzeptierst“, er überlegte kurz, „eigentlich ist es mir sogar egal, wenn Du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben willst, das ist dann dein Problem.“ Peter war in meinen Augen sehr stark, er hatte recht: Wenn irgendjemand ein Problem damit hatte, wer er ist, dann war das nicht sein Problem – soll sich derjenige dann eben andere Freunde suchen. Wenn meine Eltern ein Problem damit hatten, wer ich wirklich bin, dann war das aber irgendwie doch mein Problem – ich konnte mir doch keine andere Familie suchen! Mein Konflikt stieß mich immer mehr in die innere Zerrissenheit. Doch in einem Punkt war ich mir sicher: Ich wollte mich ändern, mich zum Besseren wenden.

Wochen vergingen und ich hing weiterhin mit Peter ab. Ich hörte mir das Gejammer von Behlül und Hassan an. Beide waren in Revision gegangen. Währenddessen war die Bewerbungsphase für ein Studium mit Semesterbeginn im Oktober 2014 gestartet. Meine studierte Cousine erklärte sich dazu bereit, die Bewerbungsunterlagen für mich abzusenden. Ich wusste nicht, weshalb meine Zwillingsschwester dies nicht angeboten hatte, doch war ich froh, dass meine Cousine sich zur Verfügung stellte. Sie hatte an mich alle Bewerbungsunterlagen per Post versendet, da meine Unterschrift noch nötig war. Ganz oben auf meiner Präferenzliste stand die Hochschule Ravensburg, es war mir sehr wichtig, dort angenommen zu werden – immerhin sollte ich laut Vollzugsplan zur Strafhaft in die JVA Ravensburg verlegt werden. Mir wurde kurz heiß, als ich dann in den Bewerbungsunterlagen der Hochschule Ravensburg ein Kästchen sah, das ich ankreuzen sollte, falls ich nicht vorbestraft war. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht hatte – doch ich kreuzte es an und unterschrieb. Die fast ein Dutzend Bewerbungen schickte ich an meine Cousine, die es dann an die Hochschulen weiterleitete. Ich wollte definitiv Wirtschaftsinformatik studieren, und wo dies möglich war, kreuzte ich den Studiengang als erste Priorität an. Derweil wartete ich noch immer auf die Rückmeldung der Staatsanwältin bezüglich meiner laufenden Ermittlungen und war erfreut, als ich einen Besuchszettel bekam: Meine Anwältin würde mich bald besuchen.

Der Besuch meiner Anwältin war jedoch ernüchternd. Von der Staatsanwältin gab es noch keine positive Rückmeldung und das Regierungspräsidium meinte es wohl ernst mit der Abschiebungsgefahr: „Sie dürfen das nicht unterschätzen, Herr Ates. Ich habe mit dem Sachzuständigen geredet, wir müssen da echt aufpassen.“ Ich konnte es nicht wahrhaben, dass das Regierungspräsidium tatsächlich in Erwägung zog, mich abzuschieben, am liebsten hätte ich denen einen Brief geschrieben: „Ihr könnt mich nicht abschieben! Ich gehe selber!“, doch das wäre ziemlich dumm gewesen, ich wollte ja eigentlich in Deutschland bleiben. Im Grunde wollte ich doch einfach nur studieren. Ich erzählte meiner Anwältin, dass ich mich beworben hatte und sie doch bitte schauen sollte, dass ich baldmöglichst in die Strafhaft komme, damit es mit dem Studium zeitlich noch klappt. „Herr Ates, das LKA Hamburg hat sich bei mir gemeldet. Es würde Sie gerne über einen sogenannten „DirtyBoy“ befragen. Von ihm haben Sie das Bankkonto von der Volksbank Kiel gekauft. Eventuell könnten wir diese Gelegenheit dazu nutzen, um der Staatsanwältin zu zeigen, dass Sie weiterhin bereit zur Kooperation sind und indirekt darum bitten, dass sie Ihnen doch entgegenkommen möge.“ Das Angebot meiner Anwältin nahm ich an. Über „DirtyBoy“ konnte ich sowieso nicht viel sagen.

So waren die zwei Beamtinnen wohl auch enttäuscht, als sie mich gleich die Woche darauf an der JVA Stammheim antrafen, ihren Audio-Recorder anwarfen und mich befragten. Natürlich konnte ich den realen Namen von „DirtyBoy“ nicht nennen, so war es doch der Sinn hinter Pseudonymen, ebendiesen geheim zu halten. Ich erklärte nur, wie er mir ein Bankkonto der Volksbank Kiel verkauft hatte, welches ich nicht wirklich benutzen konnte, weil es plötzlich geschlossen wurde. Ich erfuhr erst im Gericht, dass das Bankkonto nicht auf einen Fake-Namen erstellt worden war, sondern einer existierenden Person gehört hatte. Ich teilte ihnen auch mit, dass es sein könne, dass es sein eigenes reales Konto gewesen sein könnte. Es war aber wohl das des Nachbarn gewesen, so teilten sie mir es mit. „Sie haben ‚DirtyBoy‘ also schon verhaftet?“ Auf diese Nachfrage antworteten sie mir mit einem eindeutigen „Ja.“ Sie wollten mit meiner Hilfe wohl nur die Beweislast stärken. Außerdem war der Rechner von „DirtyBoy“ ebenfalls verschlüsselt, weshalb sie sich sicher waren, dass derjenige, den sie verhaftet hatten, „DirtyBoy“ war. Langsam verstand ich, worauf das Ganze hinauslaufen sollte: sie nannten mir den türkischen Namen von „DirtyBoy“ und wollten eigentlich wissen, ob wir uns persönlich kannten – wohl, weil wir beide Türken waren. Eine große Hilfe war ich den Beamtinnen wohl nicht, doch immerhin hatte ich mich zur Verfügung gestellt. Ich hoffte, dass meine Anwältin nun etwas bei der Staatsanwältin bewirken konnte.

Es verging einige Zeit und die FIFA Weltmeisterschaft nahte sich dem Ende, Deutschland war im Finale und alle waren für Argentinien. Der Aufschrei war groß, als Mario Götze in der 113. Minute traf – das war für mich ein phänomenaler Moment. Die Beamten waren am nächsten Tag auch sehr gut drauf. Die meisten Häftlinge hingegen, bis auf Ausnahmen wie David, wohl nicht. Wir bekamen immer wieder neue Häftlinge auf dem Stockwerk, und so kam ein neuer, der gefährlich aussah. Er hatte einen Vollbart, braune Haut und beständig einen sehr wütenden Blick. Es stellte sich heraus, dass er der Mittäter von Abde war, welcher wiederum mit mir während des Gerichtsverfahrens in der Wartezelle gewesen war. Der Mittäter von Abde befand sich zu der Zeit gemeinsam mit Cem in einer Zelle. Diese „Gemeinsamkeit“ brachte ihn wohl dazu, sich öfter mit mir zu unterhalten. Ich hingegen präferierte es eigentlich eher, mich fernzuhalten. Diese Jungs hatten eine saftige Strafe bekommen, waren ebenfalls in Revision und hatten irgendwie nichts zu verlieren. Meine Angst war nicht unbegründet: Hakim hatte es sich aus einem mir unbekannten Grund mit Herrn Leder verscherzt. Er wurde als Reiniger abgelöst und musste in das zweite Stockwerk. Das besondere an den drei ersten Stockwerken war, dass man hoch und runter schauen konnte. So konnte man sich mit den Häftlingen aus dem zweiten und dritten Stock unterhalten. Außerdem führte eine Treppe zum oberen Stockwerk, doch eine verschlossene Tür versperrte den Zugang. Zudem waren Netze so angebracht worden, dass man nicht einfach so in das zweite Stockwerk raufklettern konnte. So fühlte sich Hakim wohl in Sicherheit, als er in der Freizeit vom zweiten Stockwerk aus nach unten zu einem Häftling sprach und ihn auf das Übelste beleidigte. Der Beleidigte war der Mittäter von Abde. Die Beamten befanden sich zu der Zeit in ihren Büros, als ich den Mittäter von Abde plötzlich mit akrobatischem Geschick zum zweiten Stockwerk klettern sah. Hakim rannte in seine Zelle, doch der Mittäter von Abde schaffte es, ihn einzuholen. Wir hörten laute Schreie und ein Geräusch von festem Einschlagen auf Knochen. Ein Alarm ging an, die Beamten schossen aus ihren Büroräumen und sperrten uns alle sofort in die Zellen ein. Die Türen blieben bis zum nächsten Tag geschlossen. Ich war verwundert, als ich den Mittäter von Abde bei der Frühstücksausgabe in seiner Zelle sah. Herr Gleich fragte uns Reiniger später, ob wir gesehen hätten, wer Hakim geschlagen hätte. Wir verneinten – wer weiß, was uns sonst passiert wäre. Wenn es nicht der Mittäter von Abde gewesen wäre, der uns dafür bestraft hätte, wäre uns gegenüber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stellvertretend ein anderer Häftling handgreiflich geworden. Solche Typen hatten ihre Connections in der Haft. Der in der Kammer arbeitende Grieche erzählte, wie er Hakim in der Kammer gesehen hatte: „Er wird verlegt zu einer anderen JVA. Sein Gesicht sah so brutal aus, voller blauer Beulen und er war überall im Gesicht genäht worden. Dem wurde mit einer Aluschüssel auf das Gesicht eingeschlagen.“ Das war wohl der Moment, in dem ich beschloss, dass ich es hier nicht mehr aushalten konnte und wollte. Mit so einem Typen wie dem Mittäter von Abde wollte ich nicht auf einem Stockwerk leben. David sollte gefährlich sein? Dieser Typ erschien mir um einiges gefährlicher, wenn auch ihm in den Sinn kommen sollte, dass er von meiner Reinigerposition profitieren könnte, wäre ich geliefert. Wegen meines Bruders hatte er auch schon eine „spezielle“ Bindung zu mir aufgebaut. Schnell schrieb ich meiner Anwältin einen Brief. Ich teilte ihr mit, dass sie sofort die Revision zurückziehen solle, egal, wie der Stand der Dinge nun war. Ich wollte nur noch weg aus Stammheim.

#54 – Toleranzstufe Homosexuell

Es konnte seitens der JVA nicht nachgewiesen werden, dass die Eier für David waren – wahrscheinlich haben die Beamten es nicht einmal versucht. Jedenfalls wurde jemand aus der Küche entlassen. Der Entlassene hatte wohl keine Namen genannt – wieso sonst sollte David noch im Arbeiterstockwerk sein? Er kam auch auf uns Reiniger direkt zu: „Was habt ihr mit den Eiern gemacht?“ Immerhin beschuldigte er uns nicht sofort: „Der Beamte hat herausgefunden, dass rohe Eier in der Brotbox im Kühlschrank waren – wir wussten nichts davon. Du hattest uns nichts gesagt.“ Diese Lüge hatten Hassen und ich auch Hakim aufgetischt. David schaute Hakim vorwurfsvoll an: „Ich habe dir doch gesagt, dass Eier kommen?“ Hakim ging in die Defensive und meinte, dass er nicht gewusst habe, dass es gestern soweit gewesen war. Dass wir beide, Hassan und ich, das Abendessen ausgegeben hatten und er sich in seiner Zelle befunden hatte. David war zwar sauer, aber wie es schien, hatte er auch Verständnis – zumindest gab es von seiner Seite aus keine weiteren Konsequenzen. Währenddessen waren Hassan und ich erstaunt, dass Hakim davon Bescheid gewusst und wohl extra gestern das Abendessen nicht ausgegeben hatte: „Der ist doch sicherlich nicht umsonst die ganze Zeit in der Zelle geblieben, er wusste, dass die Eier von David draußen warten“, waren meine Worte an Hassan.

Die Tage vergingen, und Hakim wurde mehr zum Außenseiter bei uns Reinigern. Hassan und ich arbeiteten immer mehr gemeinsam. Als wir einmal die Flure wischten, erzählte er mir seine komplette Geschichte: „Ich befand mich in einer Bar mit meiner Freundin. Da kam so ein betrunkener Mann in die Bar rein, schrie rum und plötzlich wandte er sich uns zu. Er hat meine Freundin angemacht, obwohl ich dabei war. Ich habe ihn darauf hingewiesen, sich zu verpissen. Dann hat er meine Freundin als Hure beschimpft. Da bin ich durchgedreht, aber die haben mich zurückgehalten. Dann haben die den Betrunkenen aus der Bar geschmissen. Aber ich war richtig sauer, bin dann hinterher, nach draußen. Und da stand er. Ich habe dann 10 Mal in seinen Rücken gestochen.“ Ich bekam daraufhin auch seine Akten. Was er erzählt hatte, schien zu stimmen. Außerdem hatten sie auch bei der Verhaftung Blutproben von ihm genommen und konnten sehen, dass sein Blutzuckerspiegel nicht normal war. Das Messer war auch sehr klein gewesen, das betrunkene Opfer schwebte zu keiner Zeit in Lebensgefahr – doch die Schmerzen müssen entsetzlich gewesen sein.

Bei Behlül hatte die ganze Sache anders ausgesehen: er hatte mit einem 30 cm langem scharfen Messer zugestochen. Das Opfer hat diesen Stich wohl zunächst nicht bemerkt. Erst, als das Opfer daheim angekommen war, spürte es die Verletzung. Es lag wohl daran, dass das Adrenalin nachließ und das Blut herausspritzte, er wäre verblutet, hätte er es nicht rechtzeitig zum Arzt geschafft. Mittlerweile hatte auch Behlül mir seine Akten gezeigt, da nun seine Anklageschrift eingetroffen war und mir wurde da klar, dass er sich mithilfe seiner Erzählungen in ein besseres Licht gerückt hatte. In Wahrheit trug sich seine Tat laut der Anklage wie folgt zu: Behlül befand sich mit Freunden in einer Bar und war betrunken, allerdings nicht zu stark. Als seine Freunde und er die Bar verließen, war da eine Gruppe Deutscher. Einer der Deutschen hatte wohl einen von Behlüls Freunden provoziert. Dieser habe sich angegriffen gefühlt und sei sofort handgreiflich geworden. Dabei seien auch Fäuste ausgetauscht worden. Während Behlüls Freunde sich schlägerten, sei er zum Auto gerannt, wohlwissend, dass sich ein Messer darin befand und ist damit zurückgekommen. Obwohl bei seiner Rückkehr die Schlägerei bereits vorbei gewesen war, habe Behlül mit dem Messer in seiner Hand einen der Deutschen bedroht: „Komm doch her, wenn Du Eier hast!“ Der Deutsche sei daraufhin wutentbrannt auf ihn zugerannt. Beide seien gefallen. Laut Behlül sei das Opfer auf das Messer gefallen, er habe dies aber zu dem Zeitpunkt nicht gewusst. Das Opfer habe zu dem Zeitpunkt auch nichts gespürt. Erst, als es heimgekehrt war, spürte es einen starken Schmerz und merkte, dass es verletzt worden war. Die Polizei sei am nächsten Tag zu Behlüls Wohnung und fand dort das blutige Messer. Behlül habe nicht gemerkt, dass das Messer voller Blut gewesen sei. Ein Arzt analyisierte jedoch, dass das Messer eindeutig reingerammt worden sei und dies nicht bei einem Fall zustande gekommen sein könne.

Beide fanden ihre Tat weniger schlimm als die des anderen. Behlül bestand darauf, dass sein Strafmaß unangemessen hoch ausgefallen war und Hassan auf alle Fälle eine höhere Strafe als er verdient hätte. Hassan jedoch berief sich auf seinen anormalen Blutzuckerspiegel und, dass er nicht ganz bei Sinnen gewesen war, sich aufgrund dessen nicht kontrollieren habe können. Es vergingen Wochen, und ich hörte mir ihr beständiges Gemecker an, welches verstärkt auftrat, als beide ihre Urteile erhielten. Behlül bekam, so wie ich, 3 Jahre 9 Monate auf Freiheisstrafe. Hassan kam überraschenderweise mit 3 Jahren davon. Ich ärgerte mich sehr über Belühls Gemecker. Er realisierte nicht, dass er beinahe einen Menschen getötet hätte.

Ich brauchte etwas Abwechslung und freundete mich mit Peter mehr an. Mit ihm unterhielt ich mich gut, was wohl nicht zuletzt auch daran lag, dass er Student war. Mit Peter besprach ich mein Vorhaben, im Oktober 2014 ein Studium aufzunehmen, wobei er mir Mut zusprach. Auch erzählte er davon, dass er schon ein paar Mal gehört hatte, dass man vom Freigang aus studieren könne. Mit dem Beamten Herr Gleich verstand sich Peter auch ziemlich gut, wodurch ich auch den guten Kontakt zu Herrn Gleich aufbauen und pflegen konnte. Herr Gleich übergab mir auf meinen Wunsch hin eine Liste von Hochschulen in Baden-Württemberg, an denen ich mich bewerben konnte. Die Bewerbungsphase stand noch aus, aber so konnte ich schon mal Überlegungen anstellen. Herr Gleich meinte zudem, dass laut Vollzugsplan eine Verlegung zur JVA Ravensburg für mich wahrscheinlich sei, sobald mein Urteil rechtskräftig werden würde. Von der JVA Ravensburg hatte ich nur Gutes gehört – sie sollte geradezu einem Hotel nahekommen. Bei einem der regelmäßigen Besuche meiner Anwältin, bestätigte mir diese auch, dass es wohl auf die JVA Ravensburg hinauslaufen würde. „Sie sehen sehr schlecht aus, die JVA Stammheim tut ihnen gar nicht gut“, meinte sie erneut. „Ich faste, Ramadan hat angefangen. Eventuell liegt es daran.“ Ich wusste nicht wirklich, warum ich das tat. Eventuell war es nur Gewohnheit, schließlich hatte ich die letzten 15 Jahre stets den Ramadan über komplett gefastet. Außerdem hatten die Freitagsgebete wieder alte Erinnerungen aus der Moschee-Zeit heraufbeschworen – und obwohl ich mich in einem inneren Konflikt bezüglich meines Glaubens befand, bevorzugte ich es erstmal, den muslimischen Pflichten nachzugehen. Nachdem ich gut 10 Tage gefastet hatte, hatte ich es aber dann auch satt. Einfach so, ohne wirklichen Auslöser, entschied ich mich dazu, nicht mehr zu fasten. Zuvor kam sonntags der Hoca, um uns eine Predigt zu halten und war fasziniert, dass ich der einzige war, der fastete. Er hielt tiefsinnige Gespräche mit mir und merkte sofort, dass ich eine islamische Erziehung und Bildung „genossen“ hatte. Umso peinlicher war es, als der Hoca einmal fragte, ob ich noch fasten würde. Ich erwiderte, ohne zu zögern, ein klares „Ja“ und lief rot an, als ich seinen enttäuschten Blick wahrnahm: in meinem Mund war noch ein Bonbon. Diese Situation wiederum enttäuschte mich selbst. Ich fragte mich, warum ich nicht ehrlich und offen zugeben konnte, dass ich nicht mehr fastete. Es fiel mir schwer, den Hoca zu enttäuschen, und genau da lag das Problem. Ich wollte nie mein Umfeld enttäuschen, mein Glauben basierte hauptsächlich darauf, mit ebendiesem zu „prahlen“ und somit in der muslimischen Gesellschaft akzeptiert zu werden. Ich glaube, dass ohne den gesellschaftlichen Druck, jeder seine Religion ganz anders ausleben oder es sogar ganz sein lassen würde.

Die Religion ist meiner Ansicht nach geprägt von Intoleranz. Allein der Glaube, dass alle andersgläubigen Menschen in die Hölle kommen, bringt diese Intoleranz schon zum Ausdruck. Fundamentalistische religiöse Ansichten waren in meinen Augen nicht mit Toleranz vereinbar. Vielleicht irrte ich mich – und doch wurde ich von Hakim vor Peter gewarnt: „Wieso hängst Du eigentlich mit dem ab? Der ist doch schwul? Bist Du auch schwul?“ Ich hatte nie ein besonderes Problem mit Homosexuellen gehabt. Dennoch verspürte ich eine Art unwohles Gefühl und dachte so etwas wie: „Solange sie sich von mir fernhalten, ist mir das egal.“ In der Haft würde es sicherlich nicht gut ankommen, wenn ich mit einem Homosexuellen abhing. Doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass Peter homosexuell war. Ich konnte mir zwar nicht einmal vorstellen, was einen Homosexuellen überhaupt ausmachte, doch war ich mir sicher, dass Peter einfach nur ein netter, gepflegter Junge war und deshalb als homosexuell abgestempelt wurde. Ich erwischte mich immer öfter bei diesen ganzen Gedanken und musst es einfach wissen.

Im Hofgang drehte ich wieder ein paar Runden mit Peter und fragte ihn direkt: „Sag mal Peter, bist Du schwul?“, woraufhin er mich sehr verwirrt ansah. So einen schnellen Themenwechsel hatte er wohl nicht erwartet: „Wie kommst Du darauf?“ – „Der Hakim hat mir das gesagt. Ich habe kein Problem damit. Nur würde ich das gerne wissen. Ja, oder nein?“ Ich verspürte beim Stellen dieser direkten Frage keine Scham und hoffte auf eine klare Antwort: „Dazu sag ich jetzt mal nichts“, meinte er nur. Ich hingegen war erleichtert: „Ah, das heißt für mich ‚nein’.“ Zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass er diese Frage nicht beantwortete, weil es ihm zu dumm war, auf eine Frage mit einer derart offensichtlichen Antwort zu antworten. Doch dann war ich überrascht, als er mich im Gegenzug selbiges fragte: „Bist Du denn schwul?“ Ich lief rot an: „Was? Nein alter, nein man. Ich bin nicht schwul.“ Die Frage löste in mir ein Gefühl der Wut aus. Wie konnte er sich erdreisten, mich so etwas zu fragen? Ich hatte ihn zwar auch gefragt, aber meine Frage war berechtigt, ich war schließlich darauf hingewiesen worden – solcherart waren meine Gedanken zu dem Zeitpunkt. „Ich meine ja nur, ich habe echt nichts gegen Schwule, aber wenn ich mit einem abhängen würde, dann wäre es schon scheiße, wenn die anderen Häftlinge das mitbekommen.“ Ich konnte meine eigenen Worte wohl nicht hören. Schon allein der Satz „Ich habe nichts dagegen, ABER“, war schon ein Zeichen von Intoleranz. Auch die Erleichterung, dass er nicht schwul ist, oder ich das zumindest glauben wollte, sagte genug über mich aus. Nach dem Hofgang ging ich sofort zu Hakim und stellte ihn zur Rede, weshalb er so ein Gerücht über Peter verbreiten wollte. Er gab sich überrascht und meinte, dass Peter wirklich homosexuell sei. „Was zur Hölle?“, mir wollte das Thema einfach keine Ruhe geben, „ich frag den heut Abend nochmal.“ So schloss ich das Gespräch mit Hakim, als er die ganze Zeit darauf bestand, nicht gelogen zu haben.

In der Freizeit begab ich mich wieder in die Zelle von Peter. Er war allein, der perfekte Zeitpunkt, um erneut zu fragen: „Man Peter, der Hakim behauptet schon wieder, dass Du schwul bist.“ Peter war natürlich genervt und rief den Hakim in seine Zelle: „Hakim, wieso sagst Du, dass ich schwul bin?“ Hakim, der wieder in die Defensive ging, sah mich an: „Aber ich habe das nur Emre gesagt, weil der mit Dir abhängt.“ Ich war sauer und fing wieder an, zu schimpfen: „Du kannst doch nicht einfach Lügen über Peter erzählen und sagen, dass er schwul ist!“ Plötzlich unterbrach Peter mein Streitgespräch mit Hakim, als dieser gerade antworten wollte: „Warte, warte. Ich habe nie gesagt, dass ich nicht schwul bin.“ Ich war baff und blickte zu Peter: „Äh, wie jetzt? Jetzt bist Du doch schwul?“ Hakim war erleichtert: „Guck, ich habe doch die ganze Zeit gesagt, dass Peter schwul ist.“ Peter wurde wohl sauer, dass Hakim sich so schadenfroh gab und erwiderte sehr aufgebracht: „OK, Hakim, Du wolltest es so! Und zwar, der Hakim ist auch schwul!“ Ein erneuter Schock für mich, mein schockierter Blick wechselte von Peter zu Hakim und wieder zurück. Mir fiel plötzlich ein, wie wir an Wochenenden immer Umschluss hatten. Ich ging mit Behlül und Hassan stets zusammen in eine Zelle. Hakim hingegen war immer bei Peter in der Zelle. Hakim schien zudem die Behauptung von Peter nicht zu dementieren.

„Alter, was macht ihr beim Umschluss?“

#53 – Davids Eier

Ich bekam eine Gänsehaut, als ich den Ruf zum Gebet ausstieß.  Mich überkam eine Flut an alten Erinnerungen, wobei ich nicht genau zuordnen konnte, ob diese positiver oder negativer Natur waren. Es war ein mulmiges Gefühl, das in mir eine Art emotionale Zeitreise hin zu meiner Jugend und Kindheit auslöste. In mir breitete sich ein Gefühl aus, welches seit langem nicht mehr so stark ausgeprägt war: das Heimweh. Ich hatte Sehnsucht nach meinem Zuhause, einer mir vertrauten Umgebung, meiner Familie, meinen Bekannten und Verwandten.

Die verschmutzten Duschen, die strengen Beamten und die angegrauten Wände der JVA Stammheim gingen mir gehörig an die Substanz. Es war zu düster hier, und so begann ich doch tatsächlich, die JVA Schwäbisch Hall zu vermissen. Ich wollte mich hier gar nicht einleben, doch allmählich hielt auch bei mir der Alltag Einzug. Morgens Tee, Brötchen und einen Aufstrich (Honig, Nutella oder Butter) verteilen und nach dem Abrücken der Arbeiter die Flure wischen. Der Putztag stand an – und wir mussten mal wieder die Zellen der Mithäftlinge sauber machen. Einer fegte voraus, ein anderer wischte mit dem Wischmopp hinterher. Noch immer hatte ich mich nicht daran gewöhnt, den anderen ihren Dreck hinterherzuwischen – womit einer weiterer Pluspunkt an die JVA in Schwäbisch Hall ging. Mittags gab es dann, wie üblich, die Essensausgabe: Die Arbeiter standen vor ihren bereits offenen Zellen, wir Reiniger gingen mit dem Beamten von Zelle zu Zelle und reichten das jeweilige Essen (Moslemkost, vegetarische Kost oder normale Kost). An dieser Stelle war viel Feinspitzengefühl gefragt. So gab es einen Albaner, die nicht wie erwartungsgemäß die Moslemkost wollte, sondern komplett auf Fleisch verzichtete. „Ich möchte die vegetarische Kost, mein Junge“, meinte der ältere Albaner, als ich ihm die Moslemkost in die Hand drückte. Es musste einfach schnell gehen, für Verzögerungen war keine Zeit. Ich spürte den Druck des Beamten, der am liebsten gleich alle Zellentüren so schnell wie möglich wieder zuschließen wollte. „Du bist doch Türke, du solltest es besser wissen! Das Fleisch, das die hier als Moslemkost ausgeben, ist sicher nicht helal!“, meinte der Albaner, bevor seine Zellentür zugeschlossen wurde. Der Beamte ermahnte mich, dass das Essen nicht für Späße da sei. Dennoch interessierte es ihn nicht, als wir bei David ankamen und dieser zwei Portionen verlangte. Seltsam, dass der Beamte gerade bei ihm wegsah, ein paar Zellen vorausging und so tat, als sei er grade schwer beschäftigt und nicht ansprechbar. Sowohl Hakim und Osman als auch ich gehorchten. Am Ende hofften wir einfach nur, dass irgendjemand kein Essen haben wollte. Meist ging die Rechnung auf – jemand verzichtete auf sein Essen – und im worst case verzichtete einer von uns Reinigern auf sein Essen. Problematisch war es dann nur, wenn David nicht unsere Moslemkost haben wollte, sondern auf die normale Kost bestand, denn wir drei Reiniger hatten alle nur Moslemkost. Beim Abendessen war es nicht anders, obwohl da sogar zwei Beamte dabei waren. Das Abendessen gab es nämlich nach dem Hofgang, wenn alle in ihren Zellen eingeschlossen waren. So ging ein Beamter stets vor und öffnete drei Zellen. Wir Reiniger kamen mit dem zweiten Beamten hinterher, welcher die Zellentür schloss, nachdem wir das Essen ausgehändigt hatten. Bei David war das natürlich wieder mal anders: Der voraus gehende Beamte ging meist fünf Zellen vor statt der üblichen drei, und der Beamte, der eigentlich neben uns bei der Essensausgabe stehen sollte, war seltsamerweise immer in Gespräche mit den Häftlingen der vorhergehenden Zellen verwickelt. So befanden sich die zwei Beamten stets in einem Sicherheitsabstand und konnten wegsehen. Mich als Reiniger beeindruckte dies natürlich, denn dieses Phänomen trat ausnahmslos bei allen Beamten auf – mit David war wohl nicht zu scherzen. Daher gab es für ihn dann auch beim Abendessen gerne mal doppelte Kost.

Neben der Essensausgabe gab es noch andere Aufgaben, wie das Abfüllen von Reinigungsmitteln, also Sanitärmittel und Seife, die dann zwei Mal die Woche, mitsamt der anderen Hygienemitteln, an die Häftlinge übergeben wurde. Wir hatten zudem dutzende Wischmopps, die wir dann in einem Wäschesack runter in die Wäscherei brachten, wo sie gewaschen wurden. Auch die Arbeitsklamotten sammelten wir ein und übergaben frische – hier gab es wenigstens selten Häftlinge, die normale Klamotten brauchten, vor allem keine Unterhosen – die meisten hatten private Klamotten. Es war in Schwäbisch Hall stets eine unangenehme Angelegenheit gewesen, die stinkenden Socken und die ekligen Unterhosen einzusammeln. Nach dem Abendessen durften alle erst einmal duschen und hatten quasi Freizeit. Ich musste stets hoffen, dass David nicht schon wieder etwas in der Küche lagern oder sich bekochen lassen wollte. Auch präventive Maßnahmen hatten nicht geholfen: Jedes Mal, wenn ich den Beamten bat, die Küche doch bei der Freizeit bitte zu schließen, ging er diesem Wunsch nach. Doch ebenso jedes Mal, wenn David in das Büro des Beamten ging, ging er wohl auch seinem Wunsch nach und öffnete die Küche wieder. Doch solange es dem Beamten egal war, dass ich für David in der Küche kochte, war es mir auch schnuppe. Es schien aber nicht allen egal zu sein – der Beamte Herr Groß hatte wohl ein Problem mit David.

Im Grunde genommen änderten sich die Beamten hier kaum. Es gab den Stockwerksbeamten Herrn Leder, der mich als Reiniger eingestellt hatte und der hier der Chef zu sein schien – er war wie Herr Winter aus Schwäbisch Hall für mich. Dann gab es den Herrn Groß, er kam mir vor, wie die rechte Hand von Herrn Leder. Beide waren öfter da und sehr streng. Einen Beamten wie Herrn Nils hatten wir auch in Stammheim: Herr Gleich, der irgendwie fehl am Platze war und die Rolle des gutmütigen Beamten übernahm. Eine hübsche, sportliche und junge Beamtin hatten wir auch des Öfteren – ihr Name war Frau Benz. Wenn sie arbeitete, herrschte eine viel fröhlichere Atmosphäre und sie begegnete jedem Häftling stets mit einem Lächeln, und so erinnerte sie mich stark an Frau Habich aus Schwäbisch Hall, nur mit deutlich weniger Parfüm. Es wunderte mich nicht, als Frau Benz mich einmal ansprach und vor David warnte: „Pass auf, der ist wirklich gefährlich.“

Noch immer wartete ich auf den Brief der Staatsanwältin mit den erlösenden Worten: „Die Ermittlungen gegen Sie wurden fallen gelassen.“ Doch seit Wochen kam nichts. Immerhin hatte sich endlich die Sozialarbeiterin gemeldet. Ich bekam einen Laufzettel und ging in ihr Büro, das sich einige Stockwerke weiter oben befand. Ich setzte mich hin und sie blickte mich in der Art an, wie sie es schon beim erstem Mal getan hatte: Als wäre ich ein minderwertiger Mensch. Auf ihre Frage, was sie denn für mich tun könne, antwortete ich mit Ausführungen meines langen Plans und erzählte, dass ich ab Oktober 2014 studieren wolle. Sie grinste nur überheblich und antwortete: „Herr Ates. So einfach, wie Sie sich das vorstellen, geht das nicht. Bevor Sie überhaupt für einen Freigang in Frage kommen, muss Sie die JVA, in die Sie zur Strafhaft verlegt werden, mindestens sechs Monate beobachten.“ Ich hatte es allmählich satt mit diesen Sozialarbeitern. Da fehlte definitiv ein großes „A“ vor deren Jobtiteln: „Ich war ein Jahr in der U-Haft in Schwäbisch Hall, die haben mich doch erlebt und sicherlich auch etwas notiert? Können die die Unterlagen nicht einfach an die JVA, in der ich zur Strafhaft verlegt werde, weiterleiten? Oder anrufen?“ Natürlich verneinte die Sozialarbeiterin alles und konnte mir keinen Grund nennen, weshalb es so nicht funktionieren sollte. Außerdem machte sie es mir zum Vorwurf, in Revision gegangen zu sein, da sich dies mit meinem Studiums-Vorhaben kreuzen würde. Meine Erläuterungen zu den weiteren Ermittlungen, die gegen mich liefen, zauberten ihr erneut ein auf mich extrem arrogant wirkendes Lächeln ins Gesicht: „Herr Ates, ich würde mal sagen, Sie warten jetzt ab, was passiert. Und wenn Sie in der Strafhaft sind, kontaktieren Sie den Sozialarbeiter dort. Ich kann Ihnen von hier aus nicht weiterhelfen.“ Ich bedankte mich dennoch höflich bei ihr, was mich jedoch nicht davon abhielt, mit einem inneren Tobsuchtsanfall mittlerer Stärke ihr Büro zu verlassen. Schnell verfasste ich einen Brief an meine Anwältin, mit der Bitte mir den Stand der Dinge mitzuteilen. Keine Woche später kam auch schon die ernüchternde Rückmeldung – die Staatsanwältin war noch nicht zu einer Entscheidung gekommen. Mit einer Revision, die durchgehen würde, könnten wir aber sicherlich mehr erreichen. So musste ich darauf hoffen, dass die Revision durchging oder die Staatsanwältin schon im Voraus die Ermittlungen einstellen würde.

Als ich mittags vor lauter Langeweile die Flure fegte, ertönte plötzlich ein lautes Alarmsignal aus einer Zelle, an der ich gerade vorbei fegen wollte. Manchmal befanden sich Häftlinge noch auf ihren Zellen und rückten nicht zur Arbeit an, z.B. wenn sie krank waren. Ich sah, wie der Beamte Herr Leder aus seinem Büro sprintete und die Tür aufschloss. Ich wurde Zeuge eines schockierenden Bildes: Ein Araber lag auf dem Boden und spuckte Blut – es hatte sich bereits eine Blutlache vor ihm gebildet. Sein Wimmern hörte sich an, als hätte er sich verschluckt und könne nicht atmen. „Sofort in die Zelle und abschließen!“, schrie Herr Leder mich an, als ich regungslos dastand. Ich schmiss den Besen auf den Boden, rannte zu den Zellen der beiden anderen Reiniger, stieß sie zu und knallte danach meine eigene Zellentür hinter mir zu – man musste sie nicht nochmals extra abschließen. Nach einer guten Stunde wurden wir wieder heraus gelassen: „Säubern Sie bitte die Zelle und räumen Sie sie aus“, befahl uns Herr Leder. Das Blut in der Zelle des Arabers war immer noch da – uns wollte man nicht erzählen, was passiert war. Am nächsten Tag fragte ich bei dem Beamten Herrn Gleich nach und war mir nicht sicher, ob seine Antwort der Wahrheit entsprach. So fragte ich zur Sicherheit ein weiteres Mal nach: „Er hat wirklich eine Rasierklinge geschluckt?“ Die Antwort von Herrn Gleich fiel kühl aus: „Ja, er wollte wahrscheinlich Aufmerksamkeit oder, dass man ihn nach Asperg verlegt.“ Da ich nicht wusste, was er mit Asperg meinte, erklärte er mir, dass dorthin Häftlinge verlegt wurden, die in einer normalen JVA nicht so einfach ärztlich betreut werden konnten – in Asperg hätte man ganz andere Mittel.

Die Tage vergingen, meine Eltern kamen und erzählten mir von Cem. Er genoss die Freiheit wohl sehr, war stets unterwegs mit unserer Schwester und auch die Bewährungshelferin sei zuversichtlich. Ich hing öfter mit Behlül ab, der häufig von seiner Schwester und seiner Freundin besucht wurde. Er zerbrach sich den Kopf über jede Kleinigkeit, was für mich der Grund für diese seltsame Lücke auf seinem Hinterkopf war: „Äh, Behlül, hast Du die Lücke auf deinem Hinterkopf bemerkt? Da fehlen ja einfach Haare?“, fragte ich und berührte die kahle Stelle. Er war überrascht und fasste sich dorthin: „Ach Du scheiße, wann ist das denn passiert?“ Ich musste lachen und wies meinerseits auf die Bartlücke, die ich schon immer mit mir herumtrug, hin: „Schau, ich habe auch eine Lücke am Bart, einfach so mittendrin.“ Er lachte nun auch: „Ja, das ist mir schon aufgefallen! Versuch mal, Knoblauch auf die Stelle zu reiben. Das soll anscheinend helfen.“ Das hatte ich auch schon mal gehört und probierte es natürlich sofort abends in meiner Zelle aus. Gleichzeitig stellte ich mir vor, wie Behlül nun seinerseits Knoblauch auf die kahle Stelle an seinem Kopf schmierte. Der Tipp schien nichts zu taugen, denn Wochen später wuchs an meiner Lücke noch immer kein Bart. Jedoch war mir das immer noch lieber als Behlüls Schicksal: Die kahle Stelle an seinem Hinterkopf wurde größer und größer. Langsam hatten wir Angst, dass er komplett kahl werden würde. Der Arzt meinte zu Behlül, dass es vom Stress käme. Ich versuchte, ihm zu helfen, indem ich ihm tagtäglich zuhörte und so dafür sorgte, dass er seine Ängste und Nöte mit jemandem teilen konnte. Seine Straftat kannte ich immer noch nicht ganz genau, er offenbarte jedoch von Zeit zu Zeit mehr Details: Das Messer, in welches das Opfer wohl „hineingelaufen“ sei, hatte Behlül nicht einfach so dabei gehabt – nein, im Gegenteil: Behlül war extra zum Auto gerannt, um das Messer zu holen. Ich verurteilte Behlül jedoch nicht dafür. Wir waren hier alle schuldig und hatten gegen das Gesetz gehandelt – es war selten der Fall, dass man jemanden für seine Taten verurteilen konnte, jeder musste sich erst an die eigene Nase fassen. Behlül war nicht der Einzige, der seine Straftat verschönerte, da gab es diesen Bill, der gerade einmal 19 Jahre alt war und auf einen älteren Mann fünf Mal geschossen hatte. Der Mann überlebte, wurde jedoch schwer verletzt. „Er hat meine Schwester vergewaltigt“, erzählte er jedem, wodurch natürlich viele ihm mit Verständnis entgegenkamen. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir vorstellte, dass ich selbiges tun würde. Selbstjustiz war keinesfalls eine Lösung und ich wusste, dass niemand das Recht hatte, jemanden zu töten. Jeder hat ein gerechtes Gerichtsverfahren verdient – gerade ich sollte das wissen.

Doch dann kam die Ernüchterung: Wir hatten im Flur einen Tisch, auf dem die Beamten immer die aktuellste Tageszeitung auslegten. Peter hatte die Information zuerst in der Zeitung gelesen und sie machte schnell die Runde: „Der Bill hat den Typen wegen 2,000 EUR erschossen … uns hat er erzählt, dass er es wegen der vergewaltigten Schwester getan hat.“ Wie schnell sich Empathie in Unverständnis wandeln konnte, erlebte ich nun bei mir selbst – wie konnte man jemandem das Leben nehmen wollen, für nur 2,000 EUR? Er bekam die Höchststrafe, die man als Jugendlicher bekommen konnte: 15 Jahre.

In Stammheim schienen so einige wegen schwerer Körperverletzung zu sitzen, so auch Hassan. Er war Türke und hatte jemanden abgestochen – angeblich wegen seiner Freundin. Seine Story kannte ich noch nicht wirklich, doch er wurde sofort Reiniger: Osman wurde entlassen, er hatte wegen Steuerbetruges gesessen und durfte nun auf Bewährung raus. Hassan war ein gut gebauter Junge, doch umso größer seine Muskeln waren, desto kleiner schien das wichtigste Organ bei ihm zu sein: Das Gehirn. Er litt an Diabetes und musste sich stets Insulin spritzen. „Wenn ich unterzuckert bin, dann dreh ich durch – das war auch so, als ich den Jungen abgestochen habe.“ Eine Entschuldigung für seine Taten hatte wohl jeder parat. Doch bei ihm vermutete ich, dass sein Diabetes sogar als strafmildernd eingestuft werden würde – dies würde sich noch zeigen. Mit Hakim verstand sich Hassan gar nicht gut, der eine war sehr ernst, der andere irgendwie verspielt. Ich hoffte, dass Hassan die Sache mit David übernehmen oder gar klären konnte, doch auch er war überrascht von der „Macht“, die David innehatte. Ein weiterer Punkt, der mich hierbei schockte, war Davids Sonnenbrille. Er war der einzige Häftling in der Anstalt, der eine besaß. Und das, obwohl der Besitz einer Sonnenbrille strengstens verboten war. Als ich eines Tages wieder für David kochte, kam Herr Groß zu mir und erwischte mich dabei, wie ich das gekochte Essen an David übergab. Er ermahnte mich. Dann ging er zum Kühlschrank und wollte wissen, wem der Inhalt gehöre. Ich erzählte ihm die Wahrheit. „Es gehört David.“ Alle Reiniger sollten in das Büro und wir wurden allesamt ausgeschimpft. Hassan konnte es natürlich nicht ausstehen, dass er ebenfalls ermahnt wurde: „Emre, Du kochst nicht mehr für den.“ Ich bejahte und teilte dies David so mit. Doch ihm schien meine Meinung herzlich egal zu sein, er ignorierte meine Aussage einfach und verlangte auch weiterhin, dass ich für ihn koche. Völlig verzweifelt besprach ich dies mit Hassan und Behlül, wir wurden langsam ein eingespieltes Trio und verbrachten unsere Freizeit miteinander. „Wir müssen mit einem Beamten sprechen. Am besten mit Herrn Groß, die anderen machen sicher nichts.“ Das war die beste Lösung. Also gingen wir zu Herrn Groß und erzählten, dass wir wegen David unter Druck waren und dass er uns zu den verbotenen Dingen zwang. Wir hofften, dass David aufgrund dessen verlegt werden würde. Herr Groß meinte jedoch, dass er sich das notiert und wir ihm Bescheid geben sollten, wenn das wieder passiert. Wir warteten nicht lange, als es wieder passierte: David kam in die Zelle von Behlül, als wir zu dritt gemeinsam Kekse aßen und wollte, dass ich für ihn koche. „Die Küche ist geschlossen“, erwiderte ich. „Nein, Herr Groß hat sie geöffnet. Und jetzt hopp hopp, ich verhungere.“ Ich lief rot an. Das war doch nicht sein Ernst? Hassan kam mit mir in die Küche und wir waren verunsichert, was Herrn Groß anging: „Wieso macht er die Küche auf, wenn David es verlangt?“ Wir konnten wohl niemandem vertrauen. Die Beamten, die etwas zu sagen hatten, standen unter dem Einfluss von David. Und der Rest sowieso.

Wir waren gerade dabei, das Abendessen auszugeben, als ich in die große Brotbox griff und plötzlich eine Packung Eier sah. Sie war versteckt auf dem Boden der Brotbox. Schnell klopfte ich auf die Schulter von Hassan und erzählte ihm davon, während ein Beamter, den ich zuvor nie gesehen hatte, vorausging und die Zellentüren aufschloss. Diesmal war er alleine: „Hassan, wir müssen das dem sagen. Ich wette, das ist von David. Wenn das rohe Eier sind, sind wir geliefert. Dann sind wir den Job als Reiniger los.“ Hassan zögerte keine Sekunde: „Ja, auf jeden Fall.“ Wir hatten das komplette Essen verteilt und waren gerade dabei, den Abendessenswagen aufzuräumen, als Hassan in das Büro des Beamten ging. Hakim war zum Glück in seiner Zelle. Wir verteilten immer nur zu zweit das Abendessen, heute waren Hassan und ich dran. Ich war mir sicher, dass Hakim uns sonst verpfeifen würde. Hassan kam mit dem Beamten und wir zeigten ihm die Eier. Er war erstaunt. Ich bat ihm, niemandem zu sagen, dass wir ihm das mitgeteilt haben. „Wir wussten auch nichts davon“, meinte Hassan. Der Beamte sah sich die große Packung an: „Das sind doch sicherlich Eier, die für die Essensausgabe gedacht sind. Wieso habt ihr die nicht ausgegeben?“ Wir blickten einander an: „Ähm, die waren da versteckt. Ich glaube, das sind rohe Eier“, teilte ich ihm mit. Er hob beide Augenbrauen: „Rohe Eier?“ Er nahm ein Ei und legte es vor sich auf den Tisch, woraufhin er es anstupste, sodass es sich drehte.

Es hörte nicht mehr auf.