bookmark_borderDanksagung

Alles Gute zum Geburtstag und vielen Dank!
Danke mein bester Kumpel – Danke Dir so sehr Enkidu!
Danke Dir, für das letzte Kapitel. Danke Dir, für den Anfang einer krassen Freundschaft. Danke Dir, für die Erfahrungen. Danke Dir, für die Warnungen. Danke Dir, für die Hoffnungen. Danke Dir, dass Du mich verstehst. Danke Dir, dass Du da bist. Danke Dir. 

Hallo süßer Stern! Auch Danke Dir! 
Danke Dir, für die brise Salz, die du meinem Hafttagebuch gegeben hast! Danke Dir, für die Liebe, die Du mir geschenkt hast! Danke Dir, für die Zeit – für deine Jahre – die Du mir geschenkt hast! Danke Dir, für die krasse (2a) Beziehung! Danke Dir, dass Du mich versucht hast zu verstehen! Danke Dir, dass Du da warst. Danke Dir. 

Und Hallo Du! Ja, Du – also ich! Gut gemacht Junge!
Ich bin stolz auf Dich! Du bist ein guter Freund! Ein guter Mensch! Du machst das schon! Alles locker man. Alles läuft. Du hast dein Studium super gemeistert! Du hast das mit deiner Familie geradegebogen! Du warst für sie da! Aber vor allem warst Du auch endlich für Dich da! Du hattest es nämlich verdient! Und du hast gemerkt, es tut gut, für andere da zu sein. Doch es tut noch besser, wenn man weiß, dass andere für einen da sind! Gut gemacht Junge, Du hast eine tolle Arbeit! Und hab keine Angst vor dem was noch kommt. Du hast das doch schon öfter erlebt. Diesen extremen Wandel. Der Anfang von neuen Phasen. Ja, Du spürst schon richtig – du bist dabei eine neue Phase in deinem Leben zu beginnen. Und das wird schon. Hab keine Angst, dass die neue Phase schlecht sein könnte. Denn Du hast es unter Kontrolle. Gute Dinge passieren. Gute Dinge passieren auch mal länger. Manchmal hört das gar nicht auf. Und ja, ich weiß – Du hast Angst, denn Du hast dich noch nie so lange so gut gefühlt. Es fühlt sich an wie der Himmel, aber Du hast Angst zu fallen. Angst etwas Falsches zu tun und alles zu verlieren. Hab keine Angst. Denn Du bist ein guter Mensch. Du hast es verdient. Du hast Dir etwas Gutes getan! Du hast deine Lebenserfahrung, deine persönlichen Gedanken, deine Ängste, deine Sorgen, dein Glück – ja alles hast Du niedergeschrieben – deine Geschichte, Du hast es fertig geschrieben! Du hast Dir selbst das bisher größte Geschenk gemacht, Du hast Dir das Hafttagebuch geschrieben. Danke Dir!

Und ihr? Meine Leser! Einige von euch sind schon seit Jahren dabei. Fiebern schon seit Jahren mit. Ihr habt mir die Kraft gegeben, die Motivation weiterzumachen. Eure Gesellschaft, eure Kommentare, eure Fragen und eure Glückwünsche – ich hab sie alle genossen! Jede Interaktion mit euch war mir sehr wichtig! Ich danke euch, dass ihr mich begleitet habt – begleitet auf der Reise meines Hafttagebuchs – begleitet in der schwierigsten Phase meines Lebens. Es ist Zeit die Reise zu beenden. Das Abenteuer ist zu Ende. Doch ihr habt immer einen besonderen Platz bei mir – Und wer weiss, vielleicht sieht man sich irgendwann im Laufe des Lebens. Bis dahin, genießt die Freiheit meine Freunde!

Euer
Ateş 🔥

bookmark_border#78 – Enkidu

Es war ein herkömmlicher Tag gewesen bis zu diesem schicksalsverändernden Moment. Ich war wieder müde von der schweren Maske, die ich aufhatte. Ich war wieder bei meiner Familie. Die Sonne war gerade untergegangen. Meine Eltern waren beschäftigt mit ihrem Alltag. Bei meinem Vater hieß das: Arbeiten außerhalb der Arbeitszeit. Meine Mutter hatte ihre Aufgaben als Hausfrau für den Tag erledigt und schaute sich türkische Serien an, in ihrer Hand Stricknadeln, in ihrem Schoß das Garn. Sie nähte eine Jacke für ihr erstes Enkelkind, welches auf dem Weg war. Meine kleine Schwester war versunken in ihrer eigenen Welt, welche aus Instagram und YouTube Videos bestand. Nicht, dass sie faul war, ganz im Gegenteil. Sie war zielstrebiger als ich. Ich lag nämlich lethargisch im Bett, mit halboffener Tür, welche zum Wohnzimmer zeigte, und ruhte mich aus vom kräftezehrenden Nichtstun. Wenn man konstantes, tiefes Denken Nichtstun nennen darf. Ich hatte es nicht im Griff. Ich hatte es nie im Griff. 

Ich wollte mich ablenken und dieser mir unerträglichen Stimmung zu Hause entkommen. Ich überlegte, was ich tun könnte. Alleine wollte ich nicht raus. Nicht heute. Ich rief also alte Freunde an. Da war einmal Adnan, welcher sich wie immer freundlich, aber gleichzeitig auch irgendwie verbraucht anhörte. „Hey, was geht ab? … Bock rauszugehen? … Wie immer, man …. Rumfahren, und einen Kaffee bei McDonalds …. Alles klar“. Auch der andere freute sich über meinem Anruf. Auch er wollte der schweren Luft zuhause entkommen. Also holte ich beide ab und wir fuhren zum McDonalds. An die Gespräche bis zu unserer Ankunft kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber es war sowieso immer das Gleiche: Wie geht’s? Gut! Wie läuft das Studium, wie läuft Arbeit? Geht so, stressig. Wie läuft‘s zuhause? Beschissen. 

Etwas war jedoch anders. Die Luft heute war leicht geladen. Ich hatte mit Gedanken gespielt, die Monaten davor. Mit gefährlichen Gedanken. Gedanken, welche ich sogar vor mir selbst verheimlichte. Gedanken, welche mein Fundament erschüttern sollten. Gedanken, die mir den Schlaf raubten und mich peinigten. Ich konnte sie nicht mehr abschütteln und sie waren mittlerweile omnipräsent. Ich war neben mir und geistig distanziert, während des gesamten Treffens. 

Doch dann stellte Adnan eine Frage. Für ihn eine harmlose Frage, mich aber holte sie sofort aus meinen Gedanken. „Wie sieht‘s aus, Jungs? Geht ihr eigentlich noch zur Moschee und so?“ Ich zog tief an meiner Zigarette in der rechten Hand. Sie zitterte. In der linken hielt ich eine Serviette, welche ich sorgfältig gefaltet hatte und nun zwischen meinen Fingern drehte. Sollte ich mein tiefstes Geheimnis preisgeben? Ich war misstrauisch. Ich war der Meinung: Wenn selbst ich mein Geheimnis nicht für mich behalten kann, wie sollten es andere geheim halten? Eine Last lag auf meinen Schultern, da hätte selbst Atlas mitleidig geschaut. Mein Geist jedoch gab keine Ruhe. Es stand zu viel auf dem Spiel. Sie würden mich mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgrenzen. Sie würden ihr Mundwerk nicht halten können. Es würde nach außen dringen. Ich könnte meinen kompletten sozialen Kreis verlieren, meinen Eltern, nach allem, was ich getan hatte, und es würde mir die letzte Lebensfreude nehmen. Mein Bekanntenkreis war voller Leute, die unberechenbar waren, was dieses Thema anging. Im schlimmsten Fall müsste ich mit meinem Leben bezahlen für diese Entscheidung. 

Doch mein Geist wollte die Last weiter anheben. Ich sank weiter in meinen Stuhl. Mein Körper gab nach. „Jungs … ganz ehrlich“, platzte es aus mir heraus. Es war so, als wäre es nicht ich, der sprach. Ich hörte meine eigene Stimme, meine Lippen bewegten sich. Aber was ich sagte, durfte ich nicht sagen. „Ich hab abgeschlossen … Ich glaub nicht mehr an das Ganze. Dieses ganze Zeug mit dem Glauben und der Religion … ich glaube nicht mehr daran.“ Für den durchschnittlichen Bürger in Deutschland mag das eine banale Aussage sein. Vor allem für Deutsche. Doch Adnan und der andere Freund blickten mich an, als hätten sie einen Geist gesehen. Noch nie hatten sie so etwas in ihrem eigenen Kreis gehört. Erst Recht nicht von jemanden, mit dem sie ihre komplette Jugend im muslimischen Internat verbracht hatten. Ungläubig blickten sie mich, den Ungläubigen, an. Vor allem Adnan. Er konnte es einfach nicht begreifen. Er suchte lange in meinen Augen. Er versuchte, ein Anzeichen für einen Spaß zu finden. Ein Lächeln, das ich mir nicht verkneifen konnte. Ein Zucken, irgendetwas. Doch auch er wusste eigentlich genau, dass man über das, was ich eben von mir gegeben hatte, nicht zu spaßen hatte. Ich blickte ihn mit gesenktem Kopf an und zog nervös an meiner Zigarette. Er sank ebenfalls zurück in seinen Stuhl und blickte leer auf den Tisch. Um uns herum aßen und sprachen die Menschen. Wir waren wie in einer Kapsel im Meer. Ich konnte die Jungs atmen hören. 

Ich zog erneut an meiner Zigarette. Diesmal blickte ich meinen anderen Freund an. Er hatte die ganze Zeit nicht die Augen von mir gelassen. Ich konnte förmlich hören, wie sein Gehirn ratterte, als er mich mit seinen Blicken fixierte. Auch er war sprachlos. So starrten wir uns sprachlos an. Er war der erste, welcher die Stille brach. Schließlich presste er seine Lippen aufeinander und verzog sie zu einem schiefen Lächeln: „Ja man…“ presste er heraus. Er wirkte verwirrt und zugleich erlöst. Sein Lächeln wurde breiter, bis man seine Zähne sah. „Du hast recht“, sagte er, doch diesmal war seine Stimme klar und deutlich. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte mir schon ausgemalt, wie mein bisheriges Leben zusammenbrach, weil ich meinen Mund nicht hatte halten können.

Doch es kam anders. Wie so oft in meinem Leben. Ein Geheimnis, von dem ich dachte, dass ich es in mein Grab nehmen müsste … ich teilte es mit der Überzeugung, schwere Konsequenzen davon tragen zu müssen. Ein Geheimnis, von dem ich überzeugt war, dass nur ich es besitze, und mich niemand in meinem Umfeld jemals verstehen würde. Die letzten Monate zuvor waren Monate völliger Einsamkeit gewesen. Doch plötzlich rutschte mir diese Wahrheit heraus. Meine ganz persönliche Wahrheit. Und statt meine Welt in Flammen zu setzen, zündete diese Wahrheit eine Kerze an. Der Name des anderen Freundes lautete: Emre Ates .

Ich heiße Enkidu

bookmark_border#77 – 29. September 2015

Die letzten zwei Jahre hatten mein Leben auf den Kopf gestellt. Ich hatte meine Werte, meine Persönlichkeit, meine Einstellung, meine Ziele und meine Träume hinterfragt. Hatte die Zeit genutzt, um mich selbst zu finden. Und alles, was übrig blieb, war ein Emre, der sich verbog. Ein Emre, der seine Familie nicht enttäuschen wollte. Ein Emre, der Angst hatte, das Gespött der Gesellschaft zu werden. Ein Emre, der Angst vor der Sünde, vor der Hölle und vor Gott hatte. Ein Emre, der Angst vor seinem wahren Ich hatte, wobei er nicht mal wusste, was sein wahres Ich war. Ein Emre, der seit Jahren nach Freiheit schrie, aber in vielerlei Hinsicht Gefangener war. Nun war die Zeit gekommen, sich zu befreien. Zu handeln, und Taten für sich sprechen zu lassen. 

Tarik hingegen ließ sein Geld für ihn sprechen. Im Mai wurde er entlassen. Ich hatte noch einige Monate vor mir. Einige Male holte er mich vom Busbahnhof in Heilbronn ab, damit ich nicht in den Bus einsteigen musste. Er kam einmal gar mit einem Bentley und spielte laut einen Song von Xatars neuem Album ab: „… Para, du undankbares Scharmuta …“ Das nächste Mal holte er mich mit einem Lamborghini ab. Ich war gerade am Bahnhof in Heilbronn angekommen, als mich ein lautes Motorgeräusch auf den grauen Lamborghini aufmerksam machte. Irgendwie schämte ich mich für das Gehabe. Trotzdem ging ich zum Auto und stieg ein: „Alter, mir ist es schon etwas peinlich, in so ein Auto einzusteigen. Das ist total protzig und du musst dann extra noch Gas geben, damit der Motor solche Geräusche macht.“ Er blickte mich verdutzt an: „Ich habe nur den Motor eingeschaltet.“ Ich fragte ihn, wie viel er denn für das Auto bezahlte. Satte 5.000 EUR bezahlte er monatlich dafür. Das war nicht meine Welt. Langsam aber sicher kapselte ich mich von Tarik ab. Passend dazu brach er sein Studium ab. So, wie es alle vorhergesagt hatten. Nun war auch Tarik Geschichte.

Ich konnte kaum meinen Augen glauben, als ich am Ende des ersten Semesters meinen Notenspiegel begutachtete. Jede der Prüfungen bestanden! Doch damit nicht genug: ich befand mich immer unter den Top 5 der am besten Benoteten. Die Aussage meines Informatik-Professors, ich hätte im Programmier-Teil am besten abgeschnitten, motivierte mich umso mehr, im nächsten Semester mit demselben Tempo weiterzumachen. Auch mein Vater schaute sich meinen Notenspiegel am Wochenende an. Ich war sehr stolz auf mich und konnte kaum seine Reaktion erwarten. Als sie kam, blickte ich ihn aufmerksam an: „Warum hast Du hier zwei dreien?“, fragte er mich. Das hatte ich nicht erwartet. Wieso machte ich mir überhaupt noch Hoffnungen, dass mein Vater mir einmal, nur ein einziges Mal, mitteilte, wie stolz er auf mich war? Wieso überhaupt hatte ich seine Anerkennung so nötig? Und wieso konnte er mir sie einfach nicht geben? Enttäuscht, aber mit fester Stimme antwortete ich: „Papa, ich habe ja sonst überall nur Einsen und Zweien. Die zwei Dreien waren halt in Fächern, welche mir etwas schwer fielen.“ Er wünschte mir für das nächste Semester größeren Erfolg und den Segen Allahs. Wenigstens etwas.

Mit dem Beginn der Semesterferien hatte ich keinen Grund mehr, das Freigängerheim zu verlassen. Das Warten auf die endgültige Entlassung begann. Doch bis dahin entschied das Freigängerheim, dass ich während der Ferien den Job als Reiniger übernehmen würde. Es fühlte sich fast so an, als hätten sie mich noch einmal verhaftet. Ich hatte mich an die Ausgänge und an die Freiheit auf der Hochschule gewöhnt. Doch alleine die Tatsache, dass es nicht mehr lange bis zu meiner Entlassung dauern würde, gab mir die nötige Kraft, die ich noch für den Endspurt benötigte. Dennoch suchte ich nach Lösungen, um nicht die kompletten restlichen zwei Monate eingeschlossen im Freigängerheim zu verbringen. Bei einem unserer Professoren fragte ich nach einer HiWi-Tätigkeit über die Semesterferien. Allerdings bekam ich keine Rückmeldung und beschloss, stattdessen einen Spanisch-Intensivkurs an unserer Hochschule zu besuchen, der in den letzten drei Wochen der Semesterferien stattfinden würde. 

Das Freigängerheim genehmigte mir den Intensivkurs, und so freute ich mich auf den ersten Kurstag, nachdem ich die letzten anderthalb Monate im Freigängerheim verbracht hatte. Meine erster Kurstag hatte auf mich beinahe den gleichen Effekt, wie damals der Mathe-Vorkurs. Diesmal waren wir gerade mal drei Männer und zwei Dutzend hübsche Studentinnen. Diesmal blieb ich ruhig und zurückgezogen – mit so vielen Frauen auf einmal konnte ich nicht umgehen. Doch eine Dame sprach mich an. Wir begannen, die üblichen Eckdaten auszutauschen, als sie mich plötzlich fragte: „Hey, kennst Du die Jenny?“ Ich überlegte kurz: „Ah ja, haben eine Jenny in der Stufe.“ Sie runzelte die Stirn: „Ich habe von ihr gehört, ihr hättet einen Häftling in der Klasse.“ Ich musste kurz schlucken und lachte verlegen: „Achja? Und wie heisst dieser Häftling?“ Sie dachte nach: „Hmm, ich glaube irgendetwas mit Ehm.. Em … Emre, glaub ich.“ Ich sah sie kurz an und wusste nicht, ob sie nur eine gute Schauspielerin war, oder das Ganze hier gerade wirklich zufällig passierte: „Ja. Und wie heiße ich?“, erwiderte ich. Mit großen Augen starrte sie mich an: „Ach krass, Du bist der Emre!“ Die nächsten Minuten durchlöcherte sie mich mit Fragen. Den Intensivkurs über saßen wir zusammen und ich erlaubte mir, öfter bei ihr zu spicken. 

Meine Entlassung. Ich hatte sie mir ganz anders vorgestellt. Eigentlich genauso, wie es bei Cem abgelaufen war – total überraschend, aus dem Nichts und mit voller Wucht. Irgendwie lief es bei mir anders ab. Schritt für Schritt waren mir mehr Freiheiten gegeben worden. Und heute war er gekommen – der letzte Tag, den ich in Gefangenschaft verbringen würde! Und mein erster Schritt in Freiheit würde nicht in Richtung meiner Familie sein. „Das nenne ich mal vorbildlich! Wirklich vorbildlich, Herr Ates. Sie werden in einer Stunde entlassen und statt die letzte Stunde hier zu warten, möchten Sie tatsächlich zur Hochschule?“ Ich sah ihn an, den Freigängerheimsleiter, ich sah ihn an, als hätte er mich beleidigt. Als hätte er mich zuvor nicht ernst genommen: „Ich habe von Anfang an gesagt, dass das Studium für mich sehr wichtig ist. Ist doch alles halb so wild. Ich fahr jetzt zum Spanisch – Kurs, bin dann abends um 18 Uhr wieder da. Packe meine Sachen zusammen und gehe 10 Stunden verspätet in meine wohlverdiente Freiheit!“ Er war verblüfft. So ging ich ein letztes Mal den Weg über den Park, nahm zum letzten Mal die Bahn von Schwäbisch Hall nach Heilbronn. Und als ich in Heilbronn aus dem Zug stieg, stieg ich als freier Mann aus. 

Ich war nun offiziell entlassen. Auf dem Weg zur Hochschule, auf dem Weg zum Spanisch Kurs. Es war ein wichtiger Tag für mich. Ich saß im Klassenzimmer und spürte Zufriedenheit. Spürte, wie meine Reise zu Ende war. Und niemand bekam Wind davon. Niemandem erzählte ich, was für ein Tag heute war. Letztendlich war es einfach nur der 29. September 2015. Es lag an mir, diesem Tag Bedeutung zu schenken oder eben nicht. Denn die nächste Reise hatte bereits begonnen. Eine Reise, die viel wichtiger war, als meine Pilgerfahrt durch die Haft. So traf ich alle nötigen Vorkehrungen für die neue Reise. Abends holte mich Cem mit dem Auto ab. Die Fahrt nach Hause fühlte sich sehr gut an. Ich betrat unser Zuhause als freier Mensch, als freier Bruder, als freier Sohn. Nach so langer Zeit. Meine Mutter weinte vor Glück, und mein Vater… er reichte mir seine Hand, die ich küsste – als Zeichen des Respekts. Auch er hatte irgendwo tief in sich drin einen weichen Kern. Egal, wie hart er sich gab. Wie streng er auf mich wirkte. Seine Tränen konnte er sich nicht verkneifen. Tränen der Freude, der Erleichterung und des Glücks. Meine Schwestern waren da, mein Bruder war da, meine Eltern waren da – ich war da. Wir waren wieder alle zusammen als Familie. Doch es war Zeit, erwachsen zu werden. Es war Zeit, die Familie los zu lassen. Zeit, zu gehen – obwohl ich gerade erst wieder gekommen war. Ich genoss die letzten Tage gemeinsam mit meiner Familie daheim, bis ich meine Eltern aufsuchte, um ihnen etwas Besonderes mitzuteilen: „Mama, Papa. Ich weiß, es fällt euch sicherlich schwer. Aber ich kann nicht daheim bleiben. Ich kann nicht mehr hier wohnen. Mein Studium ist mir sehr wichtig. Ich kann nicht täglich drei Stunden pendeln. Bitte erlaubt mir, zu gehen.“ Zum ersten Mal in meinem Leben stieß ich auf Verständnis. Mein Vater zögerte zwar etwas. Er wusste, wenn ich mich mit meinen Sachen aus dieser Haustür begeben würde, gäbe es kein Zurück mehr. Dennoch musste er mir endlich erlauben, ein Mann zu werden. „Wie möchtest du denn die Miete bezahlen?“, fragte er mich. Es kostete mich viel Kraft, danach zu fragen, aber ich hatte mich damals schon nicht getraut, ihn darum zu bitten, und alles war schiefgelaufen. Wirklich alles. Also sprang ich über meinen Schatten und fragte ihn: „Papa, ich würde mich sehr freuen, wenn du das ganze Studium über meine Miete übernehmen würdest. Ich werde während meines ganzen Studiums arbeiten, werde mein Taschengeld, meine Lebenserhaltungskosten selbst verdienen. Ich hatte die Hochschule in den Semesterferien angeschrieben und nach einem Job gefragt. Vor einigen Tagen kam eine Rückmeldung, ich war beim Vorstellungsgespräch und habe den Job bekommen.“ Ich küsste erneut seine Hand, als er sein Einverständnis gab: „Oĝlum, du musst es diesmal wirklich schaffen. Wir glauben an dich.“ Ich hatte keine Zweifel daran, dass ich mein Studium erfolgreich abschließen würde. Doch wie immer, es war nicht das Ziel, auf das ich mich so sehr freute. Es war der Weg dahin. Das Abenteuer, die Entwicklung, die Herausforderungen und den ganzen Spaß, den man dabei haben konnte. 

Meine erste Herausforderung war die Suche nach einer Wohngemeinschaft. Ein Kommilitone, der Max, mit dem ich mich gut verstand, erzählte mir von einem freien Zimmer in seiner WG. Wir machten einen Besichtigungstermin aus und ich fand mich vor versammelter WG auf einer Couch wieder. Als ich fertig mit der Vorstellung war und bereits einige Fragen beantwortet hatte, fragte mich einer der WG-Mitbewohner, weshalb ich denn so spät mit dem Studium angefangen hatte, woraufhin er einen furchtbaren Scherz machte: „Warst du etwa im Knast?“ In diesem Moment hatte ich die Vermutung, dass Max der WG von meiner Vorgeschichte erzählt hatte. Sonst konnte ich mir diese Frage nicht erklären: „Ja, genau. Die letzten 2 ½ Jahre.“ Sie blickten mich alle verdutzt an. Max griff sich an die Stirn. Ich lief rot an: „Shit, hast du das denen nicht erzählt?“, fragte ich. Er lief auch rot an: „Nee man.“ Ich bekam eine Absage für die WG. Sie machten Witze darüber, dass ich ihren Router knacken und all ihre Daten ausspähen würde. Machten noch ein paar abfällige Bemerkungen, als ich an der Tür stand und nervös die WG verließ.

Doch davon ließ ich mich nicht unterkriegen. Wie weit war ich gekommen? Was hatte ich bereits für Herausforderungen gemeistert? Ich war gut darin, mich selbst zu motivieren. Gut darin, an meine Stärke zu glauben. So gab ich nicht auf. Ein türkischer Kommilitone, ein total lustiger Typ, war schließlich dazu bereit, mit mir in eine WG zu ziehen. Wir hatten so viel Glück, dass wir sogar eine Zusage für eine passende Wohnung erhielten. Die 2-Zimmer-Wohnung befand sich in optimaler Lage, war geräumig und günstig. Der Andrang war groß und ich musste Überzeugungsarbeit bei der Vermieterin leisten. Ich gab mein Bestes, ihr zu erklären, weshalb ich unbedingt diese Wohnung brauchte, weshalb mir das Studium so wichtig war und, dass sie sich auf mein Wort verlassen konnte. Sie gab die Zusage. „Weißt du, was voll komisch ist? Unsere WG ist einfach direkt neben dem Knast. Das ist sie doch dort, die JVA Heilbronn, oder?“, fragte ich meinen Mitbewohner in spe und musste bei dem Gedanken schmunzeln. 

Meine vorläufige Aufenthaltserlaubnis war kurz vor dem Ablaufen. So machte ich einen Termin beim Ausländeramt in Heilbronn aus. Als die Dame mir erneut eine befristete Aufenthaltserlaubnis in die Hand drückte, war ich etwas erstaunt: „Ähm, wie jetzt befristet? Wann kann ich denn meinen deutschen Pass wiederhaben?“ Die Beamtin im Büro sah mich an, als hätte ich einen schlechten Witz gemacht: „Ich glaube, Sie sind sich noch nicht richtig bewusst, in welcher Lage Sie sich befinden. Sie haben Ihre deutsche Staatsangehörigkeit verloren. Die können Sie erst 2029 wieder beantragen, wenn ihre Vorstrafe aus dem Bundeszentralregister entfernt wurde. Vorher geht da nichts.“ Etwas sauer war ich schon. So hart wollte ich dann doch nicht rangenommen werden: „Aber wieso bekomme ich keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung?“ Sie zog ihre Augenbrauen hoch: „Nun ja, Herr Ates, Sie sind gerade nicht anders dran, als die Flüchtlinge, die hier ankommen. Wenn Ihre Aufenthaltsfrist im Jahr 2021 abgelaufen ist, schauen wir, ob Sie eine Niederlassungserlaubnis bekommen oder nicht.“ Nun gut, dachte ich mir. Dann eben 2021. Ich würde bis dahin locker beweisen, dass ich es verdient hatte, in Deutschland zu bleiben und mich hier, in meiner Heimat, niederzulassen. 

Das zweite Semester verging wie im Flug. Wieder erfolgreich. Das dritte Semester brach an. Meine Bewährungshilfe hatte mich nach dem dritten Besuch bereits gehen lassen: „Herr Ates, bei Ihnen läuft alles so gut. Ich habe ganz andere Problemfälle. Ich komme da zeitlich nicht hinterher. Ich glaube, Sie schaffen es auch ohne Bewährungshilfe. Ich werde dem Gericht schreiben, dass Sie mich nicht mehr brauchen. Dann haben Sie und ich mehr Zeit, um uns jeweils auf wesentlichere Dinge zu konzentrieren.“ Ich bedankte mich bei ihr. Genauso verlief das folgende Gespräch bei meinem Spielsucht-Therapeuten: „Naja, Herr Ates, was wollen Sie denn jetzt genau von mir? Für mich hört sich das alles nicht so an, als hätten Sie es nicht unter Kontrolle. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob unsere Sitzungen etwas bringen.“ Also schlug ich ihm das vor, was mir die Bewährungshelferin bereits vorgeschlagen hatte: „Lassen Sie es uns doch hier beenden. Ich brauche das auch nicht. Lediglich das Gericht wollte, dass Sie mich therapieren. Können Sie mir einfach bescheinigen, dass alles so passt und Sie keinen Bedarf sehen, dass ich weiterhin zu ihren Sitzungen komme?“ Er bejahte und gab mir die formlose Bescheinigung mit.

Eine letzte Aktion gab es dann doch noch, bevor ich mich komplett von meiner Vergangenheit abwenden konnte – bevor ich mit allem abschließen konnte. Ein Brief im gelben Umschlag trudelte bei mir ein. Ich wusste, das konnte nichts Gutes heißen. Ich öffnete den Brief und sah eine Einladung vom Amtsgericht. Zum Glück nur als Zeuge. Mir war allerdings nicht ganz klar, um was für ein Gerichtsverfahren es sich hierbei handelte. Mir fiel es schwer, an diesem Abend einzuschlafen, und ich zählte die Tage bis zum Verhandlungstermin. Meine Familie war angespannt, keiner wusste, was da nun auf uns zukam. Mein Vater fuhr mich am Verhandlungstag zum Amtsgericht. Wir meldeten uns bei der Information und warteten vor dem Gerichtssaal. „Ich schau mal kurz rein“, meinte mein Vater und begab sich in den Saal. Mir als Zeuge wurde es verboten, ebenfalls den Saal zu betreten. Ich musste warten, bis ich aufgerufen wurde. Ich wartete ganz nervös an einem Stehtisch, als plötzlich zwei Männer das Amtsgericht betraten und mich ansahen, als hätten sie einen Geist gesehen. „Ach du meine Güte, Herr Bauer und Herr Götner!“ Ich begrüßte die beiden. Es handelte sich um die BKA-Beamten aus München, die mich verhaftet und mein Geständnis aufgenommen hatten. Beide kamen langsam auf mich zu und versuchten, ihre Verwirrung aus ihren Gesichtern zu bekommen: „Ach, Sie sind schon draußen?“ Ich reichte beiden die Hand, sie erwiderten meinen Handschlag. „Ja, genau. Ich studiere mittlerweile im dritten Semester. Hab auch alles bestanden bis jetzt.“ Sie schienen erstaunt zu sein: „Interessant. Hört sich ja gut an. Und was machen Sie hier?“ Ich zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung. Vielleicht können Sie mir das sagen? Um welche Verhandlung geht es hier?“ Sie schwiegen natürlich wie ein Grab. „Wie auch immer. Ich wollte mich bei ihnen bedanken. Danke, dass sie mich frühzeitig verhaftet haben. Die Verhaftung war echt nötig, damit ich mein Leben wieder auf die Reihe bekomme. Und erzählen Sie bitte niemandem, dass ich beim Geständnis geweint habe“, lachte ich. Sie konnten mit meinem fröhlichen Umgangston nicht umgehen und antworteten in gewohnter Strenge: „Halten Sie die Ohren steif, Herr Ates! Und viel Erfolg weiterhin.“ Herr Götner meinte mit Blick auf Herrn Bauer: „Lass uns rein gehen.“ Sie verabschiedeten sich und verschwanden im Saal. Mein Vater kam nach einigen weiteren Minuten raus: „Efendi, hadi los, wir gehen.“ Ich schaute ihn fragend an: „Muss ich nicht rein?“ Er verneinte: „Du wirst nicht mehr gebraucht. Er hat auch alles gestanden.“ Doch ich war zu neugierig: „Ja, aber wer ist das denn?“ Er versuchte den Namen des jungen Mannes, um den es während der Verhandlung ging, wiederzugeben: „‘Dirtyboy‘ heißt der auf jeden Fall in euren Seiten da.“ Jetzt machte alles einen Sinn. Damals in Stammheim hatten mich zwei LKA-Beamte aus Hamburg interviewt und wollten von mir die Identität von „Dirtyboy“ wissen. Ich konnte ihnen damals die Identität nicht verraten, da mir diese selbst nicht bekannt gewesen war. Ich wusste nur, dass dieser „Dirtyboy“ mich damals um einige tausend Euro betrogen hatte. Karma würde ich das zwar nicht nennen. Aber ja, wir haben beide das bekommen, was wir verdient hatten. „Dirtyboy“ kam immerhin mit einer Bewährungsstrafe davon. 

Nun war es endlich vorbei. Die Haft hatte sich angefühlt wie ein Tempel. Viele Fragen waren mir während der Haft in den Sinn gekommen und schwirrten in meinem Kopf herum. Ich hatte jedoch kaum Antworten auf diese Fragen gefunden. Die Haft war vorbei, ja. Meine Selbstfindung allerdings nicht. Zweifel plagten mich, Angst umgab mich jede Nacht, Unsicherheiten begleiteten mich durch den Alltag. Die Haft war vorbei, ja. Doch ich war noch nicht frei. Ich wollte keine Zweifel über mein Ich haben, keine Angst mehr vor meinem neuen Ich haben, keine Unsicherheiten mehr über meine Persönlichkeit. Ich wusste nicht, wie ich das erreichen konnte. Wusste nicht, wo ich nach Antworten suchen konnte – wo ich sie finden konnte. Und ich behielt diese Gedanken für mich, behütete sie als mein Geheimnis, hielt sie gefangen in meinem Kopf – ich war Wärter und Gefangener zu gleich. Aber vor allem war ich eines: Alleine.

Bis zu jenem Tag, an dem ich ihn wieder traf. Er hatte sich verändert und er hatte etwas zu erzählen. Und er erzählte mir etwas von wahrer Freiheit.

bookmark_border#76 – Mein erster Kuss

Frauen. Ein schwieriges Thema in meinem Leben. In meiner streng religiösen Erziehung wurde mir sogar der Augenkontakt mit Frauen untersagt. Ich hielt mich strikt daran. Ein Handschlag von einer Frau ließ mich zögern, normale Gespräche interpretierte ich stets als Flirtversuche. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht mal, wie flirten geht, wusste nicht, wie man einer Frau auf normale Art und Weise Interesse signalisierte und ihr Komplimente machte, ohne, dass es anzüglich wurde. Ich war der Meinung, dass Freundschaft zwischen Mann und Frau ein Ding der Unmöglichkeit war.

Diese Verklemmtheit brachte gewisse Nebenwirkungen mit sich. So war ich überzeugt davon, dass eine gute Frau ihre Ehre, ihre Jungfräulichkeit behalten müsse. Niemals wollte ich eine Frau heiraten, die diesem Weltbild nicht entsprach. Geschlechtsverkehr unter Ehelosen gehörte zu den größten Sünden überhaupt. Mir war die Intimität zu einer Frau nicht wirklich wichtig – zumindest dachte ich das – denn ich wollte sowieso nur ein einziges Mal heiraten und auch nur mit meiner ersten und einzigen Ehefrau meine Liebe teilen. Auch, wenn meine Vorstellung einem Disney-Film glich, so war ich doch überzeugt von meiner Welt. Nun war ich dabei, diese Welt zu verlassen. Es fühlte sich sündhaft an, dennoch war es der für mich richtige Schritt. Eines wusste ich aber ganz genau. Ich hatte schon immer Frauen respektiert, und das würde ich auch in der neuen Welt tun.

Tarik hingegen wuchs wohl in ganz anderen Verhältnissen auf – genauso wie die meisten Männer, die ich in der Haft kennengelernt hatte. Sie sprachen über Frauen auf eine Art und Weise, dass mir schlecht dabei wurde. Tarik allerdings spielte in Bezug darauf in einer komplett anderen Liga. Als ob es nicht reichen würde, dass seine „Freundin“ in einem Bordell arbeitete – angeblich, um den Wohlstand beider zu sichern – so nutzte er zudem jede Gelegenheit, um andere Frauen anzumachen. Er war zudem außerordentlich erfolgreich darin. Einer seiner Kanäle waren Dating-Apps. Er bekam ein Match nach dem anderen. Fing erfolgreich Flirtgespräche an, tauschte bereits nach sehr kurzer Zeit anzügliche Fotos aus und konnte so mindestens ein Treffen pro Wochenende arrangieren. Er war das andere Extrem zu mir. Ich wollte von ihm lernen, also installierte ich mir ebenfalls eine der Dating-Apps.

Tarik half mir, indem er ständig Fotos von mir schoss, damit ich diese in mein Profil hochladen konnte. Mit Freude übernahm er die Rolle meines Flirt-Mentors. Mithilfe seiner Tipps hatte ich mein Profil erfolgreich angelegt. Zuerst fühlte ich mich etwas unwohl dabei, Frauen aufgrund ihres Aussehens zu beurteilen. Doch das war wohl Gang und Gäbe. Ich machte mir nicht viele Gedanken darüber, denn mein Ziel war es, endlich Erfahrungen mit Frauen zu sammeln. Ich konnte es kaum glauben, als mir der erste Match angezeigt wurde. Und nach kurzer Zeit der zweite. Auf diesen folgte der dritte, und irgendwann der vierte. „Ach krass, ich habe ja viele Matches“, erzählte ich Tarik. „Aber die antworten gar nicht.“ Er sah sich meinen Chatverlauf an und fing an zu lachen: „Du kannst doch nicht alle anschreiben mit ‚Hey, wie geht’s?‘, so funktioniert das nicht!“. Er erklärte mir, dass es einer passenden Einleitung bedarf. Entweder ging er auf ein Foto von ihr ein, oder brachte einen seiner Standardsprüche zum Einsatz. Ich musste zugeben, dass Tarik auf mich sehr sympathisch und humorvoll wirkte. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass er genauso auf Frauen wirkte. Nach einigen Anläufen klappte es dann endlich. Ich traf mich in Laufe der Wochen mit Einigen zum Date. Dazu nutzte ich stets den einstündigen Stadtausgang, welchen mir das Freigängerheim gewährte. Mittlerweile hatte ich meine Masche gefunden, mit der ich die Frauen anlocken konnte. Nach einem kurzen Gespräch mit meinem jeweiligen Match machte ich oft Anspielungen auf meine besondere Situation. Was mich überraschte: diese Geschichte wirkte oft als Köder und nicht selten als Aufhänger für tiefergehende Gespräche. Und so bekam ich sie: die ersten Dates in meinem Leben überhaupt. 

Tarik hatte Talent, keine Frage. Doch, so sehr ich dies bewunderte, hatte ich oft ein seltsames Gefühl bei ihm. Wir saßen wie jeden Morgen in der Bahn nach Heilbronn, wobei ich diesmal leider im Gang saß. Mir gegenüber saß Tarik, neben ihm ein sehr hübsches Mädchen. Schwarz gefärbte und lange Haare, blaue Augen, die Haut gebräunt, die Fingernägel lang und gemacht. Sie entsprach exakt dem Beuteschema von Tarik. So poppte plötzlich eine WhatsApp-Nachricht auf meinem Handy-Display auf, die überraschenderweise von Tarik, der mir gegenüber saß, stammte: „Hey Bro, ich riech jetzt an ihren Haaren“, schrieb er. Ich musste mir ein Lachen verkneifen. „Ach was, laber nicht“, antwortete ich. Er las meine Antwort, machte ein Gesicht, als wolle er mir sagen „Schau zu und lerne, junger Padawan“, und drehte sein Gesicht in Richtung des Mädchens.  Er begann, an den Haaren des fremden Mädchens zu schnüffeln – einfach so! Auch, wenn er dies in aller Schnelle machte, kam mir diese Aktion vor, als wäre sie in Slow-Motion abgelaufen: „Was zur Hölle?!“, dachte ich mir. Doch es ging weiter. Erneut poppte eine Nachricht auf meinem Display auf: „Frag mal, was hier so gut riecht. Dann werde ich sagen: ‚Ihre Haare glaub ich‘“. Während ich versuchte, mir das Lachen erneut zu verkneifen, tippte ich die Antwort: „Nein, Alter!“ Er versuchte, mich zu überreden, doch ich blieb standhaft. Als er endlich nachgab, vertiefte ich mich wieder in meine Gedanken und vergaß den Vorfall. Dann geschah etwas Seltsames. Kurz, bevor wir in Heilbronn ankamen, duftete es wirklich gut. Ich weiß nicht, weshalb ich es tat, aber die Worte entwichen meinem Mund ebenso schnell, wie sie mein Gehirn erreicht hatten: „Was riecht hier so gut?“ Ich blickte das Mädchen direkt an und wartete darauf, dass Tarik sich zu Wort meldete. Gerade, als ich bemerkte, dass er nicht mehr am Platz saß, kam die Antwort von dem hübschen Mädchen: „Ich glaube, dein Kumpel riecht so gut.“ Sie zeigte auf ihn. Er stand am Gang und sprühte sich erneut mit seinem Joop Parfüm ein. Wir mussten alle lachen. 

Als ich dann abends bereits im Freigängerheim war, Tarik jedoch noch spät Vorlesungen hatte, bekam ich von ihm einen Anruf. „Hey Bro, ich bin gerade in Heilbronn am Bahnsteig und rate mal, wer hier ist.“ Ich fragte nach. Seine Stimme am Telefon wurde leiser, als würde er sich entfernen: „Hier ist die von heute morgen, mit den Haaren.“ Bevor ich antworten konnte, schien er gerade ein Gespräch mit dem Mädchen anzufangen: „Weißt du, wen ich am Apparat habe? Meinen Kumpel von heute morgen, der gesagt hat, dass du gut riechst…“ Und er legte auf. Was danach geschah, war mir unerklärlich. Tarik saß morgens plötzlich immerzu mit diesem Mädchen zusammen in der Bahn. Sie stellte sich mir als Lisa vor. Mir fiel auf, dass sie auch dann zurück von Heilbronn nach Schwäbisch Hall fuhr, wenn Tarik ebenfalls in der Bahn saß. „Sag mal, hast du ihre Nummer, oder wie?“, fragte ich ihn nach gut einer Woche. „Ja, klar“, antwortete er selbstverständlich. Ich war beeindruckt: „Läuft bei dir.“ Nach einer Weile fühlte ich mich wie das dritte Rad am Wagen. Die beiden begannen, während der Bahnfahrt Zärtlichkeiten auszutauschen. Woche für Woche wurde das Verhältnis der beiden intensiver. „Die hat einen Freund“, teilte mir Tarik beiläufig mit, als wir im einstündigen Stadtausgang waren. „Wie jetzt? Ich dachte, du datest die?“, fragte ich verblüfft. Er wusste genau, dass es falsch war, was er tat, aber genau das gefiel ihm daran. „Sie macht jetzt Schluss mit ihm.“ Nun war ich baff. „Alter, wie krass ist das denn. Die kennt dich doch noch nicht mal so lang? Außerdem – ich dachte, du willst nicht Festes mit ihr?“ Er meinte, dass es ihre Entscheidung sei und, dass die beiden noch viel Spaß haben würden. Es dauerte also nicht lange, bis sich die beiden öfter sahen und Tarik auch das Wochenende mit ihr verbrachte. Ich hätte ihm die Geschichte niemals abgekauft, wäre ich selbst nicht dabei gewesen. Gerade als ich dachte, es ginge nicht heftiger, wurde ich Zeuge eines mir total unerklärlichen Ereignisses. 

Nach meiner letzten Vorlesung wollte ich mich eines Nachmittags zurück zum Freigängerheim begeben. Ich rief Tarik an, um zu fragen, ob er ebenfalls aus hatte und mitfuhr. Er teilte mir mit, dass er gerade am Rathaus sei und ich dort aussteigen sollte. Da diese Station auf dem Weg zum Hauptbahnhof lag, befolgte ich die Anweisung. Er hatte mir zuvor mitgeteilt, dass er gerade mit Lisa unterwegs war. Als ich ihn am Rathaus allerdings antraf, war er allein: „Wo ist denn Lisa?“ Er grinste: „Die ist da hinten und weint. Hat wissen wollen, woher ich soviel Geld hab. Hab’s ihr gesagt. Und dann wagte sie es, mich zu verurteilen. Hab gesagt, die soll gehen, wenn die keinen Bock hat. Und dann ist sie weinend gegangen.“ Tarik überraschte mich immer wieder mit seiner direkten Art. Noch bevor ich überhaupt ein Kommentar zu der ganzen Sache abgeben konnte, sah ich, wie Lisa angetanzt kam. Sie näherte sich Tarik, wischte ihre Tränen weg und sagte ihm in einem unglaublich unpassenden Befehlston: „Na gut, ich bleibe! Mach, was du willst. Erzähl mir in Zukunft einfach nichts davon.“ In diesem Moment hatte ich großes Mitleid mit dieser Person. Ich wusste nicht, aus welchen Gründen sie bei Tarik bleiben wollte – doch war ich mir sicher, dass sie eine schwache Persönlichkeit hatte. 

Während Tarik mit Lisa beschäftigt war, traf ich mich immer öfter mit Beyza. Jedes Gespräch empfand ich als angenehm, und so entwickelte ich positive Gefühle zu ihr. Wir lachten miteinander und waren auf derselben Wellenlänge. Doch eines Tages erzählte sie mir, dass sie ihrer Mutter von mir erzählt hatte. Ich war etwas verwirrt, da ich den Sinn dahinter nicht verstand, ihrer Mutter etwas über mich zu erzählen, um das dann mir zu erzählen. Ich wollte auf jeden Fall nicht, dass sich daraus etwas in Richtung einer Beziehung entwickelte. Ich war noch nicht mal draußen – war ein Häftling. Außerdem wollte ich das Leben auskosten. Also beschloss ich, ihr von meiner Situation zu erzählen. Bisher hatte ich mich nicht getraut, in der Angst, es würde sie abschrecken. Sie reagierte unerwartet gelassen auf die Offenbarung. Sie meinte nur: „Ich hoffe, du hast daraus gelernt“. Dennoch war mir etwas unwohl bei dem Ganzen. Plötzlich ging alles ganz schnell. Die Gespräche entwickelten sich in eine falsche Richtung. Ich versuchte, ihr das indirekt mitzuteilen: „Hey Beyza. In der Haft, da habe ich etwas gelernt. Es gab Häftlinge, die haben sich in der Freizeit abends kennengelernt und sehr gut verstanden. Und du musst verstehen, es gibt sehr wenige Einmannzellen. Also müssen viele in Zweierzellen. Jeder will jemanden als Zellengenossen haben, mit dem er sich versteht. So hat man eben die Freizeit abends genutzt. Ich habe gesehen, wie ‚beste Freunde‘ zusammen in eine Zelle gezogen sind und danach die schlimmsten Feinde waren. Wenn Du mit jemandem in der Zelle bist, 23 Stunden pro Tag, ja, dann lernst Du diese Person sehr gut kennen. Egal, wie viele Monate du ihn schon zuvor in der Freizeit abends kennengelernt hast. Was ich sagen will, ist, dass ich mir für das Kennenlernen von Personen die Zeit nehmen will, die es dafür benötigt.“ Sie schien es nicht wirklich zu verstehen, auch wenn sie mir verbal das Gegenteil mitteilte. So waren ihre Handlungen auf einmal sehr seltsam. Sie begann, meiner Mutter und meiner Schwester auf Instagram zu folgen. Begann, mir Sachen zu schreiben, wie: „Hey Emre, weißt du, wo ich gerade bin? Auf einer Hochzeit! Und hier läuft ein Song, der geht so: ‚Wärst du ein Mann, würdest du um meine Hand anhalten‘“. 

Als ich an einem Wochenende wieder bei meinen Eltern war und wir auf die Kirmes unserer Moschee gingen, kam meine Mutter mit einer Halskette angetanzt. Ich konnte meinen Augen kaum Glauben schenken, als ich die Namensgravur „Beyza“ darauf las. Entsetzt schmetterte ich meiner Mutter entgegen: „Mama, übertreib halt richtig. Bitte gib das wieder zurück!“ Ich war sehr sauer auf meine Mutter. Ich hatte ihr nur ein, zwei Mal von Beyza erzählt und sie machte sich nun Hoffnungen, dass ich bald heiraten würde. Ich war mir mittlerweile nicht mal mehr sicher, ob die beiden nicht über Social Media in Kontakt waren. Dabei war ich auf einem ganz anderen Weg. Hatte ein ganz anderes Ziel. Das Ganze hier, das lenkte mich zu sehr vom Wesentlichen ab. Also war es Zeit, das zu beenden. „Emre, weißt Du wo ich gerade hinfahre? Nach Stuttgart, zu deinen Eltern. Ich werde bei deiner Mutter, um deine Hand anhalten“, war die letzte Nachricht von Beyza. Von da ab schrieb ich ihr nicht mehr.

Beyza war also Geschichte, und eine neue Frau tauchte auf. Ich hatte bereits seit einiger Zeit mit ihr geschrieben. Wieder über eine Dating-App. Sie war klein, süß und schien nett zu sein. Wir machten ein Treffen zum Wochenende aus. Ich war sehr aufgeregt. Zum Einen durfte ich kein Auto fahren, zum Anderen musste ich eigentlich die Zeit bei meinen Begleitpersonen – also meinen Eltern – verbringen. Doch mir war das Date am Wochenende sehr wichtig, da ich mir mehr als nur ein gemeinsam eingenommenes Abendessen erhoffte. Ich nahm zwei Stunden Bahnfahrt in Kauf, um sie zu treffen. „Hey Emre“, sie erkannte mich und kam lächelnd auf mich zu. Wir umarmten uns. „Hey, Ella.“ Ich führte sie auf ein italienisches Abendessen aus, sie führte mich in der Stadt herum und wir verbrachten mehrere Stunden in einem kleinen Café. Nachdem wir uns lange unterhalten hatten, sagte sie schon wieder etwas, was ich zuvor bereits von vielen anderen Frauen gehört hatte: „Emre, Du bist irgendwie anders als die anderen Männer. Einfach so anders.“ Ich verstand wieder nicht, was damit gemeint war. Doch in dem Moment, als ich ihr sagte, dass ich die letzte Bahn verpasst hatte und nach einer Bleibe suchen werde, wurde mir klar, was sie alle gemeint hatten. Was allen Frauen, mit denen ich bisher gesprochen hatte, gemein war. Und sie hatten allesamt unrecht. 

Ich wollte auch nur das Eine. Wollte gar nicht die Person dahinter kennenlernen. „Lass uns doch zu mir gehen“, meinte Ella, und weckte mich aus meinen Gedanken. Ich war positiv überrascht über diese Einladung: „Aber Du wohnst doch bei deinen Eltern?“ Sie war ganz gelassen: „Ach, ich habe ein eigenes Zimmer im Dachgeschoss. Die sagen schon nichts.“ Wir nahmen den Nachtbus zu ihr. Sie öffnete ganz leise die Haustür, bat mich, vorsichtig auf die Stufen zu treten und im Nu befanden wir uns in ihrem Zimmer. Ich war total überfordert mit dieser Situation. Ich rang mit mir. Ich wusste nicht, ob das hier alles richtig war. Andererseits fühlte sich das gerade sehr aufregend und spannend an. Sie setzte sich auf die Bettkannte und ich mich neben sie. Ich sah sie an und näherte mich ihren Lippen, bis ich ihre sanft auf meinen spürte. Auf einmal spürte jedoch etwas ganz anderes: eine Hand traf klatschend auf meine rechte Wange. „Aua, warum hast du das getan?“, fragte ich entrüstet. Sie zögerte kurz und presste wieder ihre Lippen auf meine: „Nur, dass du Bescheid weißt. Heute Abend läuft nichts.“ Am liebsten hätte ich ihr das Folgende geantwortet: „Nur, dass du Bescheid weißt. Das war mein erster Kuss.“ Doch ich sagte nichts. 

Ich stand morgens sehr früh auf. Hatte eigentlich kaum geschlafen. Es war eine schöne Nacht gewesen, doch erholt hatte ich mich kaum. Auf meinem Handy sah ich ein Dutzend verpasster Anrufe von meinem Vater und meiner Mutter. Ich wusste, dass sie sauer waren, weil ich einfach weggegangen war. Meinen Bruder Cem hatte ich gebeten, meinen Eltern im Nachhinein mitzuteilen, wo ich mich aufhielt. „Oĝlum, warum machst du so etwas?!“, rief meine Mutter entsetzt, als ich nach meiner Rückkehr am frühen Morgen die Küche betrat, wo sie das Essen in der Küche zubereitete. „Außerdem darfst du dich nicht von uns entfernen. Was wäre gewesen, wenn das Freigängerheim angerufen hätte?“ Ich versuchte zwar, mich zu verteidigen, wusste jedoch, dass ich im Unrecht war. Doch ich wusste auch, dass sie noch enttäuscht war, weil ich das mit Beyza beendet hatte. Ich war mir selbst unsicher, was ich wollte. Suchte ich nach einer Beziehung? Oder nach einem Abenteuer? Ich merkte, dass es noch zu früh für Beides war. Dass ich mich noch selbst finden musste, bevor ich jemanden an meiner Seite haben konnte. Ich beschloss, das Thema „Frauen“ vorerst nicht weiter zu forcieren, mich nicht darauf zu konzentrieren. Es kommt, wie es kommt – dachte ich mir. 

So lebte ich mein Leben weiter – unwissend darüber, dass schon bald ein wichtiger Mensch mein Leben komplett umkrempeln würde. Dass diese Person mich umarmen würde, und sich das so intensiv wie die Werbung „Cola küsst Orange“ anfühlen würde. Diese Umarmung, welche mehr Emotionen und Liebe in mir auslösen sollten, als ich je zuvor gespürt hatte. Die Umarmung, die mir wichtiger war als jeder Kuss – ihre Umarmung. 

bookmark_border#75 – Mein Studium

„Herzlich Willkommen an der Hochschule Heilbronn“, stand in großen Lettern auf einem Banner vor dem Haupteingang. Eine große Masse an Studenten schwirrte in der Aula herum, manche bereits in kleinen Gruppen – andere noch als Einzelgänger. Nach einer Weile bemerkte ich, dass uns viele mit ihren Blicken taxierten. „Hey Tarik, die gucken uns alle so an. Glaubst du, die wissen, dass wir von der Haft sind?“, fragte ich besorgt fühlte mich unwohl bei dem Gedanken. „Jetzt mach dich nicht so wichtig. Die wissen nichts. Du bist denen doch total egal. Und wenn die es wissen sollten, was soll’s“, erwiderte Tarik. Dass er eher stolz als beschämt über seine Situation war, war kein Geheimnis – das war nun mal seine Welt. Ganz im Gegensatz zu ihm wollte ich raus aus dieser Welt und hinein in jene, in die ich nun meine ersten zögerlichen Schritte wagte. Umso mehr ich die anderen Studenten ansah, desto mehr wurde mir bewusst, weshalb wir auffielen. Oder besser gesagt, weshalb Tarik auffiel. Er trug eine Jogginghose und ein Oberteil mit schwarzer „Security“ – Aufschrift, wobei er den Look mithilfe einer Eastpak-Bauchtasche und einer protzigen Goldkette komplettierte. Wenn die Leute an ihm vorbeiliefen, wurden sie von einer erdrückenden „Joop“ – Parfumwolke weggehauen. Es handelte sich bei Tarik um einen Prototypen der Sorte „Gangster-Kanake“. Doch es schien vor allem die Kombination aus ihm und mir zu sein, welche Aufsehen erregte. Ich hatte mich nämlich so unauffällig wie möglich gekleidet, war jedoch oft mit ihm unterwegs.

Als wir die Räume gefunden hatten, in denen jeweils unser Mathe-Vorkurs stattfinden würde, verabschiedete ich mich von Tarik. Nun war ich komplett auf mich allein gestellt. „Na dann: Action!“, dachte ich mir und begab mich voller Energie und wie immer mit einem breiten Grinsen im Gesicht in den Seminarraum. Ich war so nervös! Endlich würde ich mich unter Gleichgesinnte begeben. Als ich meinen Blick über die vielen Menschen gleiten ließ, wurde ich von Dutzenden hübscher Gesichter geblendet. Voller Euphorie stand ich vorne an der Tafel, war wie gelähmt, doch mein Mund musste unbedingt etwas loswerden – wollte endlich reden, etwas erzählen – und das Erste, was meinem Gehirn in den Sinn kam, war natürlich ein extrem schlechter Witz: „Hallo Leute, ich bin der Emre! Und auch, wenn es so aussieht, nein, ich bin nicht der Tutor.“ Viele beachteten mich gar nicht, keiner verzog die Miene – doch immerhin schienen sie nicht miteinander zu tuscheln, oder gar über mich zu lachen. Dass das gar nicht lustig war, wurde mir just in dem Moment bewusst, als der Witz gerade erst meine Lippen verlassen hatte. Aber meine Begrüßung hätten sie trotz allem irgendwie erwidern können, dachte ich mir etwas beleidigt. Auch, wenn ich mich grundsätzlich als extrovertiert beschreiben würde, so waren mir derlei Situationen schnell peinlich. Bevor also jemand mein rotes Tomatengesicht sehen konnte, setzte ich mich nach der missglückten Begrüßung in die erste äußere Reihe und versuchte, mich zu beruhigen. Als der Tutor, ein Student aus dem höheren Semester, den Raum betrat, schaute ich mich schnell nach einem Stift und Papier um. In meiner ersten Reihe befand sich außer mir niemand, also fragte ich in der zweiten Reihe – die recht gut gefüllt war – einfach in die Runde. Eine Studentin reichte mir Stift und Papier rüber, ich bedankte mich. Nach einer kurzen Einführung fing der Tutor an, uns den Stoff zu erklären. Ab da hing ich an seinen Lippen und beging meinen ersten, ganz persönlichen Rausch an diesem Tag.

Der Lernstoff fühlte sich tatsächlich wie eine Droge an. Mein Gehirn schreite förmlich danach, schöpfte alle Kapazitäten aus, die in den letzten Jahren ungenutzt waren – der Tank wurde gerade mit Lernstoff beladen, mein Fuß am Pedal, nun hieß es: „Gas geben!“

Ich konnte es kaum glauben, als bereits die erste Pause anstand. Es war schon lange her, dass sich Zeit so relativ angefühlt hatte – derart schnell war sie seit Jahren nicht vergangen. Ich nutzte erneut die Gelegenheit, um eine etwas lockere Atmosphäre zu schaffen. Ich konnte es einfach nicht ertragen, in einem Raum mit unzähligen Studenten zu sitzen, und keiner wechselte ein Wort mit dem anderen. Ich stand auf, setzte mich mit Schwung auf die erste Tischreihe und wandte mich an meine Mitstudierenden: „Hey Leute, lasst uns doch eine Vorstellungsrunde machen! Ich fange auch an: Ich bin Emre Ates, komme aus dem Raum Stuttgart und studiere Wirtschaftsinformatik im ersten Semester.“ Diesmal hatte ich die volle Aufmerksamkeit der anderen. Manche sahen mich verwirrt an, andere wiederum hatten sogar ein Lächeln im Gesicht – und tatsächlich, einer ganz vorne begann, sich vorzustellen. Die nächste, ein hübsches Mädchen, war zwar auch noch etwas zögerlich, stellte sich jedoch auch mit einem schüchternen Lächeln vor. Ab da lief die von mir initiierte Vorstellungsrunde wie geschmiert und ich war mächtig stolz auf mich, denn ich hatte trotz der anfänglich bescheidenen Situation all meinen Mut zusammen genommen. Der restliche Vormittag verging weniger spektakulär – zumindest für die anderen. Denn ich war noch in meinem extremen Rausch gefangen. 

In der Mittagspause fragte mich Nina, die ebenfalls Erstsemester in Wirtschaftsinformatik war und mir die Schreibutensilien ausgeliehen hatte, nach meiner Handynummer, um mich der Wirtschaftsinformatiker WhatsApp-Gruppe hinzuzufügen. Ich zögerte und lief wieder leicht rot an: „Ähm, ich habe mein Handy gerade nicht bei mir.“ Sie war schon dabei gewesen, den Kontakt auf ihrem Handy zu erstellen und wartete geduldig auf meine Nummer. „Wie, du hast dein Handy nicht bei Dir?“ Ich lächelte etwas verlegen: „Ja also, es ist gerade kaputt.“ Sie wollte nicht lockerlassen: „Aber ein Ersatzhandy hast du auch nicht?“ Langsam wurde mir das Ganze unangenehm: „Hmm, nee. Muss ich mir noch besorgen.“ Gerade, als ich dachte, ich hätte es geschafft, hakte sie noch einmal nach: „Aber deine Telefonnummer kannst du mir ja nennen, dann speichere ich die schon mal ein.“ Ich war mir sicher, dass sie dachte, dass ich ihr meine Nummer nicht mitteilen wollte – was jedoch meinem offenen und extrovertiertem Verhalten von heute Morgen widersprechen würde. Ich antwortete: „Ich kenne meine Nummer nicht auswendig. Hab‘ eine neue.“ Endlich gab sie auf. Trotzdem war ich unglücklich darüber, dass ich diese wertvolle Gelegenheit so verstreichen lassen musste. Ich würde mir heute auf jeden Fall ein kleines Ersatzhandy kaufen. 

Das nächste unangenehme Ereignis stand allerdings bereits bevor. Nach dem Kurs nahm ich meinen Stundenplan in die Hand und stapfte zum Tutor, nachdem alle den Raum verlassen hatten: „Hey Sebastian, könntest du eventuell hier unterschreiben? Du weißt Bescheid, oder?“ Er sah mich fragend an, als verstünde er nur Bahnhof. „Ne, was soll ich unterschreiben?“ Ich holte tief Luft. In der Zwischenzeit war Tarik in den Raum getreten und lachte sich schlapp. Ich stammelte: „Also: Ich, bzw. wir beide, sind aus der Haft. Also Freigänger. Dürfen studieren und müssen abends aber wieder zurück ins Freigängerheim. Ich brauche einen Nachweis dafür, dass ich heute da war, daher benötige ich deine Unterschrift.“ Sebastian wirkte auf mich so, als könne ihn so schnell nichts schocken, doch das hielt er offensichtlich für einen schlechten Scherz: „Ihr verarscht mich doch, oder?“ Tarik mischte sich ein: „Haha, glaubst du uns das nicht?“ Sebastian konnte es Tarik in seiner Tracht wohl eher abkaufen, aber mich blickte er noch immer an, als erzählte ich ihm einen schlechten Witz. „Ja ok, also ich kann das schon unterschreiben. Aber ich finde das gerade etwas krass. Wo ist denn das Freigängerheim?“ Während er unterschrieb, erklärte ich ihm kurz die Situation und verabschiedete mich schnell. Diese Story würde sicherlich bald die Runde machen. Ich bat ihn trotzdem, das für sich zu behalten, denn noch war es ein wohl gehütetes Geheimnis. 

Doch ich selbst hielt mich nicht an meine mir selbst auferlegte Schweigepflicht und gab mein Geheimnis bereits nach einigen Tagen preis. Tarik und ich saßen auf einem Viererplatz in der Bahn von Heilbronn zurück nach Schwäbisch Hall. In letzter Minute stieg eine Kommilitonin zu, die ich im Mathe-Vorkurs kennengelernt hatte. „Hey Sabrina!“, grüßte ich sie freudig. Sie lächelte: „Hey Emre.“ Ich zeigte auf den leeren Platz neben mir: „Setz dich doch zu uns. Das ist der Tarik.“ Sie begrüßte ihn und setzte sich. Der Zug fuhr ab und wir kamen langsam in ein sehr angenehmes Gespräch. Wahrscheinlich schien ich eine gewisse Sympathie und Vertrautheit auszustrahlen, denn sie gestand mir direkt ein Geheimnis. Jedenfalls schien es so, als erzählte sie dies nicht jedermann. Als sie mit ihren Erzählungen begann, rutschte mir das Herz in die Hose. Sie hatte das erlebt, wovor ich selbst große Angst gehabt hatte: Sie hatte kürzlich nicht nur ein, sondern zwei ihrer Familienmitglieder verloren – ihre Eltern. Irgendwie wollte ich ihr zeigen, dass ich sie verstand, obwohl ich mir natürlich bewusst war, dass niemand, der das nicht selbst erlebt hatte, würde nachempfinden können. Ich sagte also etwas, wovon ich dachte, dass es das Richtige in dieser Situation sein würde – ungeachtet dessen, wie es bei ankommen würde: „Hey Sabrina. Schau, ich kann mir ungefähr vorstellen, wie Du dich fühlst. Aber eigentlich kann ich das auch nicht…es ist echt schwer. Keiner wird dich wirklich verstehen können, niemals den Schmerz nachempfinden können, wenn er es nicht selbst erlebt hat. Was ich dir nur sagen kann, ist, dass ich auch eine harte Zeit hinter mir hatte. Ok, es ist nicht ansatzweise zu vergleichen mit dem, was du durchgemacht hast. Aber ich saß die letzten zwei Jahre im Gefängnis und das war eine sehr schwierige Zeit für mich. Keiner kann verstehen, was ich durchgemacht habe. Aber wie gesagt, das ist nicht mit deiner Situation zu vergleichen. Ich bin selbst schuld, dass ich ins Gefängnis gekommen bin. Und mein Gott, man kann das nicht vergleichen mit dem Verlust von Familie. Ich will nur damit sagen, dass es schwierig gerade bei Dir ist, aber dass ich es voll stark von dir finde, wie du weitermachst. Dass du trotzdem studierst, oder gerade deswegen studierst.“ Ich konnte mich in diesem Moment kaum ausdrücken und verfiel in Gestammel. Eigentlich wollte ich ihr nur zeigen, dass ich in ihren Augen irgendetwas Vertrautes sah, etwas Starkes, Zuversichtliches. Dass ich genau dieses Gefühl in meiner Situation gut nachvollziehen konnte – nicht mehr, und nicht weniger. 

Lediglich diese Gemeinsamkeit wollte ich aufzeigen. Ich war es falsch angegangen, hatte mich nicht genau ausgedrückt – wie konnte ich es nur wagen, meine Vergangenheit mit ihrer zu vergleichen? Ich schämte mich, als sie mich nach meinen „tröstenden“ Worten ansah, als hätte sie ein Monster gesehen. Das Gespräch brach abrupt ab, ein kühler Wind wehte durch die Sitzreihen und auch ihre Stimme wurde leise, als sie uns fragte: „Seid ihr beide aus dem Knast, oder wie?“ Wir bejahten. „Und was habt ihr gemacht?“ Wir begannen mit unseren Erzählungen. „Und was ist nun euer Plan?“ – „Wir führen unseren Plan gerade aus. Wir studieren.“ Die Fahrt zog sich ab da wie Kaugummi. Ich war erleichtert, als wir ausstiegen. Auch, wenn mich das Gespräch sehr beschäftigte, konnte Tarik mich mit seinen Witzen ablenken. Seinen Humor konnte ich zu 100% teilen und genoss, ungeachtet seiner etwas schwierigen Persönlichkeit, seine Gesellschaft. 

Plötzlich fragte ich mich, ob ich mich in der normalen Welt, abseits der Haft, überhaupt noch zurecht finden konnte. Ob ich mich damit abfinden musste, dass ich ein Vorbestrafter war, ein Häftling. Gehörte ich nun einer Minderheit an, die nirgends mehr willkommen war? Doch ich hatte nicht den ganzen weiten Weg aufgenommen, um jetzt zu versagen. Hatte nicht umsonst gekämpft, um jetzt aufzugeben. Hatte nicht meinen Eltern und mir eine gute Zukunft versprochen, um sie nun nicht zu haben. Hatte nicht das Feuer in mir entfacht, um es nun einfach zu löschen. Die Ampel war noch nicht rot, sie war gelb – bremsen war jetzt nicht, mit einem glorreichen Kickdown würde ich die Kreuzung überqueren! Angekommen im Freigängerheim, holte ich mir die Erlaubnis für einen kleinen Stadtausgang. Ich kaufte mir alles, was ich benötigte. Stifte, Block, Mappen, eine Umhängetasche – und auch eine Prepaidkarte. „Ich habe ein altes Smartphone für dich, Bro“, meinte Tarik, als er mir ein iPhone 5 in die Hand drückte. „Wow, das ist doch nicht alt – ich hatte zuvor nur ein iPhone 4“, erwiderte ich verblüfft und bedankte mich – jedoch nicht ohne ihm zu versichern, dass er es gegen Ende der Woche zurück erhalten würde. Am nächsten Tag tauschte ich endlich Nummern mit Nina aus. War nun endlich ein Teil der Wirtschaftsinformatik Erstsemester WhatsApp-Gruppe. Monika, Tran, Namita, Max, Peter und und und … ich lernte sie alle kennen. Stellte mich allen vor. Ich erzählte, ich hörte zu. Verschlang jedes der Worte aus Sebastians Mund, welche mir die mathematischen Grundlagen näher brachten. Ich spürte das Leben, die Herausforderung, meine ganz eigene Entwicklung – fühlte den Asphalt, auf dem ich die ersten Tage so fest wie nie zuvor auftrat, weil mich jeder Schritt in der Freiheit so unendlich glücklich machte. Manchmal schwebte ich jedoch auch. 

Denn dann sah ich sie. Wir hatten immer wieder in den Pausen Blicke ausgetauscht. Für sie schwebte ich besonders langsam durch die Flure der Hochschule Heilbronn. Nur um einen ihrer Blicke zu erwischen. Und ich ergriff meine Chance, als sie da war. Der Mathe Vorkurs war vorbei und das Semester würde endlich starten. Ich hatte bereits die letzten zwei Wochenenden bei meinen Eltern verbringen können, doch das gab mir nicht das gleiche extrem erfüllende Gefühl, welches ich in der Hochschule spürte. Voller Motivation im Herzen, lauter Musik in den Ohren und dem iPhone 4 in den Händen – welches das Bundeskriminalamt mir verwanzt zurück geschickt hatte, was mir herzlich egal war – stieg ich aus dem Bus und lief mit den Erstsemestern in Richtung Aula. Dort stand sie. Sie war alleine, das war meine Chance! „Hey, auch ganz alleine unterwegs?“ Sie lächelte mich an, so wie sie es schon einige Male zuvor getan hatte: „Ja, so wie fast jeder hier, oder?“ Ich lachte: „Dann lass uns doch zusammen in der Aula sitzen.“ Sie kam mit mir und wir setzten uns nach ganz oben. „Das ist sowas wie die Loge hier. Hab im Kino mal gearbeitet. Da versucht jeder diesen Platz zu bekommen.  Ich bin übrigens der Emre, und du?“, fragte ich sie fröhlich. Sie reichte mir die Hand: „Beyza.“ Wir redeten noch kurz, bevor die Einführungsveranstaltung anfing. Tauschten danach noch Nummern aus. Trafen uns zum Mittagessen und zum Kaffee – öfter, als normale Freunde.

Der klare Vorteil am Mathe-Vorkurs war, dass ich schon einige Kommilitonen kennengelernt hatte. So konnte ich mich direkt in den ersten Vorlesungstagen mit ihnen unterhalten, während die „Neuankömmlinge“ sich noch in der Findungsphase befanden. So extrovertiert wie ich war, wollte ich aber natürlich alle kennenlernen. Mit allen sprechen, mich mit allen austauschen. Ich hatte solch einen Hunger nach sozialen Kontakten! Es entwickelten sich Gruppen, doch ich gehörte keiner an. Wobei das nicht ganz stimmte. Ich verstand mich mit jedem, war irgendwie teil jeder Gruppe. Für mich überraschend, kam ich mit dem Stoff sehr gut mit. Die Professoren waren allesamt kompetent und mit der Zeit wussten sie Bescheid, wenn ich mit meinem Stundenplan angetanzt kam und nach der obligatorischen Unterschrift bat: „Und, alles gut soweit?“ fragten sie mich manchmal. Aber ich erzählte ihnen nicht viel: „Alles gut! Und vielen Dank, dass ich an Ihrer Vorlesung teilnehmen darf!“ Ich gab mir besonders viel Mühe, und jeder bzw. jede sah, wie sehr ich ihnen an den Lippen hing. Wenn sie Vorurteile hatten, dann würde ich dafür sorgen, dass diese erloschen! Ich würde es ihnen spätestens am Ende des Semesters zeigen – doch bis zur Prüfungsphase war es noch ein gutes Stück und ich wollte mehr „Stoff tanken“, mehr Lernstoff einsaugen! 

Und die Studenten, meine Kommilitonen, sie sahen mich auch. Doch alles, was sie sahen, war dieses Stück Papier, dass ich nach jeder Vorlesung beim Professor vorzeigte. Eines Tages sprachen sie mich darauf an: „Emre, was musst Du da unterschreiben lassen?“, Tran war der Neugierigste und nach mir der Extrovertierteste von allen. Ich stand mit einer Gruppe Kommilitonen, die ich nun besser kennengelernt hatte, vor der Tür. Sie hörten alle gespannt zu, als ich zu der Erklärung ansetzte: „Jungs, mein Vater, der ist politischer Flüchtling. Ich muss hier immer unterschreiben lassen, damit das Regierungspräsidium weiß, dass ich hier bin. Sonst muss ich nämlich zurück in die Türkei.“ So schnell, wie ich mir diese Erklärung aus dem Hut gezaubert hatte, so schnell kauften sie sie mir auch ab. Ich war gespannt, wie schnell sich das herumsprechen würde. 

Doch lange musste ich nicht warten. Am nächsten Tag kam Nina zu mir: „Emre! Hab gehört, du bist Flüchtling?“ Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. „Wer hat das denn erzählt?“, fragte ich zurück. Sie wurde etwas verlegen: „Naja, das sagen hier alle.“ Mein Grinsen wurde breiter. Ich muss gestehen, dass es Spaß machte, zu wissen, dass man über mich redete: „Das stimmt nicht. Ich bin ehrlich zu dir. Ich komme aus der Haft. Bin im Freigängerheim und muss deswegen unterschreiben lassen, weil ich nur zum Studieren aus der Haft raus darf.“ Sie kniff die Augen zusammen. Offensichtlich glaubte sie mir nicht: „Ach was, als ob.“ Ich lachte los: „Haha, natürlich stimmt das nicht. April, April!“, rief ich. Es war tatsächlich der erste April und der vermeintliche Witz kam an. Sie lachte. „Und ich dachte schon“, rief sie erleichtert. Trotz ihrer Erleichterung wollte ich das Ganze schnellstmöglich auflösen. „Ganz ehrlich – die Story mit der Haft stimmt. Nicht die mit dem Flüchtling. Oder ist mein Deutsch echt so schlecht?“ Nun hatte ich sie endgültig verwirrt. Irgendwie schien sie auch wütend. Sie drehte sich weg und rief: „Ach, ich frag dich einfach morgen nochmal.“ Ich nickte, und machte mich weiter auf den Weg. 

Langsam fühlte ich mich wie ein kleiner Star. Und so langsam fühlte ich mich auch so wohl mit meinen Kommilitonen, dass ich den Entschluss fasste, jedem Fragenden die Wahrheit zu erzählen. Max erzählte ich es, als er mein altes iPhone 4 sah und sich fragte, wieso ich noch das uralte iOS draufhatte. Meine Erklärung, „haben mir die Bullen so zurückgeschickt“, kaufte er mir nicht ab. Tran erzählte ich es, als ich schon zum dritten Mal seiner Einladung, bei ihm daheim zu chillen, nicht nachgekommen war. Meine Erklärung, „hey Tran, würde echt gern bei Dir chillen. Aber ich darf nicht weg vom Campus. Muss zurück in die Haft“, kaufte auch er mir nicht ab. Nina erklärte ich es nochmals – nach dem ersten April, wohlgemerkt – wonach sie es mir wirklich abkaufte. Mehmet, ein türkischer Student, mit dem ich öfter zu tun hatte, wollte einen Beweis sehen. Ich zückte meinen Freigängerheim-ausweis. Auch Mehmet glaubte mir nicht. „Das ist doch sowas von gefälscht.“ Ich sah den – zugegebenermaßen wirklich stümperhaft aussehenden Ausweis – an und erklärte ihm grinsend: „Stimmt. Aber das Ding ist einfach schief einlaminiert, aber ich habe das so von der JVA bekommen.“ Als wir eines Tages auf die Idee kamen, beim Döner um die Ecke zu essen, rief ich beim Freigängerheim an. Aber auch, als ich mir die Erlaubnis vor allen anderen telefonisch einholte, glaubte mir niemand.

Ich saß in dieser Vorlesung ausnahmsweise ganz hinten, denn der Dozent wirkte auf uns Studenten so, wie Pummeluff auf die anderen Pokémon – es war zum Einschlafen. Peter und Tran saßen zu meiner Rechten und flüsterten: „Emre, wir glauben immer noch nicht, dass du aus dem Knast kommst.“ So langsam hatte ich es dann doch satt, allen beweisen zu wollen oder zu müssen, dass ich nicht log. Einerseits bereute ich es, das überhaupt mitgeteilt zu haben, andererseits tat die Aufmerksamkeit, die ich nach langer Zeit nun dadurch bekam, sehr gut. Also zückte ich mein Handy: „Schau mal, Peter. Ich gebe jetzt ‚Cem Ates Computerbetrug‘ in Google ein, und da wird ein Artikel von der BILD Zeitung kommen. Mein Bruder hatte nämlich noch mit anderen Jungs Mist gebaut und das kam dann in die Zeitung. Da haben die ihn fotografiert, aber halt mit einem Balken über den Augen.“ Ich zeigte ihm das Foto meines Bruders auf meinem Handy und auch das Foto, welches leider bei dem Artikel der BILD zu sehen war. Er sah sich beide Fotos an und kam zum Entschluss: „Das ist der doch gar nicht.“ Ich schaute ihn an, als hätte er etwas sehr Dummes gesagt: „Willst du mich verarschen? Hätte nicht gedacht, dass so ein schwarzer Balken über den Augen einen so unkenntlich machen kann. Du erkennst da echt keine Gemeinsamkeiten? Komm schon, das ist der doch. Warte, ich schreib dem mal kurz.“ Ich sendete meinem Bruder eine Nachricht: „Hey Cem, wo bin ich gerade? Also, wo übernachte ich zur Zeit?“. Seine Antwort kam prompt: „Was meinst du? Dass du in Haft bist, oder was?“ Ich zeigte Peter den aktuellen Verlauf, zeigte ihm nochmals den Namen meines Bruders. Er begann, der Geschichte Glauben zu schenken. Erzählte sie sogleich Tran, der zu seiner Rechten saß. Von da ab entwickelte das Ganze seine eigene Dynamik. Es verbreitete sich wie Lauffeuer, sie kamen alle wieder. Nach und nach. Sie fragten nach dem Wahrheitsgehalt des Gerüchts, bekamen ihre Bestätigung und zeigten zu meinem Glück weder Abneigung, noch ließen sie andere negative Äußerungen verlauten. Ich bekam Beachtung und alle waren gut mit mir. 

Bis auf eine. Sabrina. 

Eventuell lag es daran, dass Sabrina schon viel reifer war als die restlichen 19/20-jährigen Studenten. Sie war ungefähr in meinem Alter, also etwa fünf Jahre älter als der Durchschnitt. Sie hatte ganz andere Hürden, Konflikte, Werte und Ziele als der Rest. So schien es mir zumindest.  Ich genoss die Bahnfahrten von Schwäbisch Hall nach Heilbronn und wieder zurück. Mal mit Tarik, mal alleine. Aber stets in meine Gedanken, Ziele und Träume vertieft. Die Landschaft raste an mir vorbei und ich konnte Menschen, den Horizont und noch vieles mehr sehen. So fühlte sich die Freiheit an! 

Doch dann kam diese eine Bahnfahrt, die mich aus meinen Tagesträumen zerrte. Mir war bereits aufgefallen, dass Sabrina am Bahnsteig einen großen Abstand zu mir hielt und es vermied, mit mir zu sprechen. Ich redete mir stets ein, dass sie mich sicherlich nicht gesehen hatte und deswegen nicht zu mir kam. Dennoch hielt mich irgendetwas davon ab, ihr in solchen Situationen ein gut gelauntes „Guten Morgen!“ entgegen zu trällern. Als ich dann eines Tages am Bahnsteig ankam und sie bereits am Gleis vorfand, fasste ich all meinen Mut zusammen und ging zu ihr hin: „Hi Sabrina!“ Sie erwiderte meine Begrüßung. Ich war fröhlich drauf, so, wie ich es immer war, wenn ich Kontakt zu anderen Menschen hatte – vor allem dann, wenn ich sie gut leiden konnte. Ich wollte einfach nicht glauben, dass Sabrina ein Problem mit meiner Vorgeschichte hatte. Ich redete und erzählte, versuchte, ihre Mimik zu deuten. Als die Bahn am Gleis einfuhr, stieg ich zügig ein, denn ich wollte meinen obligatorischen Fensterplatz. Fröhlich, einen ergattert zu haben, machte ich es mir gerade auf dem Sitz gemütlich, als Sabrina an mir vorbeilief. Ich dachte, dass sie mich nicht gesehen hatte. So blieb der Platz neben mir leer. Ich nahm meine Tasche, stand auf und sah, wie Sabrina in den mittleren Sitzreihen der Bahn Platz genommen hatte. Ich lief in ihre Richtung und rief ihr entgegen: „Huch, Sabrina, du hast mich glaub übersehen …“ Ihre Antwort ließ keinen Zweifel: „Nö, das passt schon.“ So stand ich direkt neben ihr und wartete darauf, dass sie ihre Tasche von dem Sitz neben ihr wegräumte. Doch sie blickte wieder aus dem Fenster und machte keinerlei Anstalten, mir den Platz neben ihr frei zu räumen. Plötzlich wurde mir schlecht und ich errötete. Beschämt ging ich zurück zu meinem Platz und spürte, wie mein Gedankenkarussell wieder anfing. Ich empfand ein Gefühl, welches in den letzten Wochen rar geworden war: ich war unendlich traurig. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Sabrina aufgrund meiner Vergangenheit zu mir Abstand hielt, und das fuchste mich. Ich war mir sicher, dass wir sonst auf einer Wellenlänge gewesen wären. Doch konnte ich ihr das wirklich übel nehmen? War meine Erwartungshaltung, alle sollten meine Vergangenheit einfach so akzeptieren, nicht absurd? Wie hätte ich denn als Unbedarfter auf einen Häftling reagiert? Hatte ich das ganze Thema mit der Haft nicht zu leichtsinnig genommen? Sabrina war an diesem Tag der Grund für eine sinnbildliche Vollbremsung. Ich wollte Gas geben. Ich wollte es allen beweisen, ja. Aber das konnte nicht alles so schnell passieren, wie ich es mir erhofft hatte. 

Dieser Weg, er war so unendlich lang. Wenn ich wirklich wollte, dass mich die Leute trotz meiner Vergangenheit akzeptierten, dann musste ich mich an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten – musste den Sicherheitsabstand waren. Nur so würde ich sicher am Ziel ankommen. Ich wurde vorsichtig.

bookmark_border#74 – Der Weg ist das Ziel

„Der Weg ist das Ziel“ – so sagt man stets. Und oft merkt man erst aus der Retrospektive, dass es so ist. Während meines mir unendlich lang vorkommenden Wegs war mir dies noch nicht bewusst gewesen. Vielmehr plagten mich Ungewissheit, Trauer und Angst. Angst davor, dass ich mir all das Gute verspielt hatte, was ich immer wollte. Trauer darüber, dass es so kommen könnte, wie ich es nie wollte. Oft spürte ich deshalb einfach nur eine mich durchströmende Kälte auf meinem Weg. Doch auch die Freude leistete mir glücklicherweise hin und wieder Gesellschaft, und oft überkam mich eine Wärme, die mir seltsam vertraut war. Ich sah endlich das Licht am Ende des Tunnels und hörte, wie die Freiheit nach mir rief.

Das Ende meines Wegs war nahe und das fühlte sich gut an. So war ich den ganzen Tag über in Aufbruchsstimmung gewesen und dementsprechend fühlte ich mich etwas seltsam – so als wolle mir jemand oder besser gesagt etwas sagen, dass heute ein guter Tag war. Dass ich belohnt würde für meinen Weg. Mein Vater fuhr mich nach dem Besuch zurück zum Bauernhof, sodass wir ganze zwei Stunden nur für Vater-Sohn-Gespräche hatten. Wir sprachen viel, es gab so viele Probleme zu lösen, um unser ungesundes Verhältnis doch noch eines Tages heilen zu können. Doch dies war ein anderer Weg, den wir noch gehen mussten, und so würde er, nachdem er mich abgesetzt hatte, alleine wieder nach Hause fahren. Und ich würde beginnen, mich wieder mit meinen Alltagssorgen im Freigang zu beschäftigen: mein Studium, meine Zukunft. 

Am Bauernhof angekommen, verabschiedete ich mich also von meinem Vater, dem es in der Tat schwer fiel, wieder zu gehen. Nachdem er sich losgelöst hatte, meldete ich mich sofort bei Herrn Kuhn und blickte ihm hoffnungsvoll in die Augen. Er drückte mir einen Brief in die Hand, welcher mich jedoch im ersten Moment ziemlich enttäuschte: Der Absender war nicht die Hochschule, wie ich es mir so sehr erhofft hatte, sondern das Regierungspräsidium. Ich begab mich in mein Zimmer und begrüßte Tarik. Knapp erzählte ich ihm von dem Wochenende, während ich es mir auf dem Bett gemütlich machte. Schließlich begann ich, den dicken Brief zu lesen. Ich konnte kaum fassen, wie knapp ich davon gekommen war. „Alter, Tarik, das ist so krass! Die haben echt mit dem Gedanken gespielt, mich abzuschieben. Die Entscheidung, dass ich bleiben darf, ist sehr knapp ausgefallen. Ich realisiere jedes Mal aufs Neue, was ich mit meiner Tat alles riskiert habe.“ Tarik schien das irgendwie egal zu sein, er hatte wohl gerade Probleme mit seiner Freundin.

Während ich versuchte einzuschlafen, machte sich abermals die Angst in mir breit. Gerade, als ich so sicher war, dass nun endlich das Studium anfangen würde, war mir nochmals vor Augen geführt worden, dass ich mir bei nichts sicher sein durfte. Meine Freude war so zerbrechlich. Beinahe hätte es mich auf einen komplett anderen Weg verschlagen – weg von Deutschland, in die Türkei. Auch mit der Hochschule Ravensburg hatte ich es mir vermasselt. Meine deutsche Staatsangehörigkeit hatte ich zudem verloren. Was wäre, wenn es nun mit dem Studieren im Freigängerheim nicht klappen würde? Ich hatte gar keinen Plan B, keinerlei Alternativen. Ich hatte ob meiner Hilflosigkeit plötzlich das starke Bedürfnis, nach Hilfe zu rufen. Doch wer könnte mir schon helfen? Ich war es stets gewohnt, Allah anzubeten. Ihn zu bitten, mir zu helfen. Doch wäre es nicht verlogen, einen Gott anzubeten, ohne an irgendeine Religion zu glauben? War es nicht verlogen, nur dann Gott anzubeten, wenn man etwas von ihm wollte? Oder war es am Ende sogar eine Art Geben und Nehmen? Ich gebe ihm Respekt, Furcht, Liebe, Angst … und im Gegenzug erhört er meine Gebete? Oder waren wir einfach nur stets in seiner Schuld, da er uns das Leben schenkte? War es denn überhaupt ein Geschenk? Für Geschenke erwartet man doch keine Gegenleistung, also warum sollte Gott eine solche erwarten? Meine Gedanken plagten mich mal wieder und auch, wenn die Antworten zu den Fragen unangenehm ausfielen, so wusste ich, dass es nur einen Weg gab, mich in gewohnter Weise sicher und geborgen zu fühlen: „Lieber Gott, Allah, oder welches Wesen du auch immer bist. Ich weiß nicht, ob es dich gibt. Auch nicht, ob Religion wirklich dein Ding ist. Aber bitte gib mir die nötige Kraft, die Geduld, die Ausdauer und die Stärke, um das Ganze durchzustehen – lass mich die letzten Meter auf diesem Weg nicht im Stich. Ich werde dich nicht enttäuschen!“ Als ich dieses Gebet leise vor mich hin flüsterte, wurde mir bewusst, dass Gott es womöglich gar nicht gehört hatte. Aber jemand anderes Wichtiges hatte es zur Kenntnis genommen. Dieser jemand war niemand anderes als ich selbst. Die letzten Jahre hatte ich nicht in einem Gefängnis verbracht, sondern in meinem ganz persönlichen Tempel, in meinem eigenen Kloster, in meiner Moschee, in meiner Kirche – in meinem Kopf. 

Der Februar kam und war im Begriff, wieder zu gehen. Nichts geschah, bis auf die Tatsache, dass die Anspannung in mir anstieg, und in diesem Moment gesellte sich noch ein nagendes Hungergefühl dazu. Tarik hingegen schien recht locker damit umzugehen, dass auch er noch keine Rückmeldung zu seiner Bewerbung bekommen hatte. Er hatte sich für Maschinenbau beworben, doch sicherlich nicht mit der Intention, diesen Studiengang auch abzuschließen. Es ging ihm wohl vielmehr um die Freiheit, die er als Student bekommen würde. Für mich war das ganz anders. Meine komplette Zukunftsplanung hing von dieser für mich lebensrettenden Zusage ab. So war es kein Wunder, dass ich regelrechte Freudensprünge machte, als Herr Kuhn mir einen großen DIN A4 Umschlag in die Hand drückte. Absender war die Hochschule Heilbronn! Mein Herz fing an, wie wild zu pochen, aus meinen Händen strömte der Schweiß, Schmetterlinge tobten in meinem Bauch – solche Gefühle hatte ich zuletzt in meiner Pubertät empfunden, als ich mich in ein Mädchen aus unserer Schule verguckt hatte. Ich rannte sofort in mein Zimmer, nahm zwei, drei Stufen auf einmal und vergaß dabei das Atmen. Als ich komplett aus der Puste in meinem Zimmer ankam, die Tür verschlossen und den Briefumschlag förmlich aufgerissen hatte, überflog ich die ersten Zeilen. Sie waren sehr vertraut – ich wusste sofort, worum es sich ging. 

Wenn ich in einem Bewerbungsgespräch mit der Frage konfrontiert werden würde, was denn meine Freunde als meine größte Stärke bezeichnen würden, dann würde ich antworten, dass das Beste an mir meine positive Ausstrahlung ist. Dass ich dazu imstande bin, sofortige Sympathie mit meinem charismatischen Lächeln zu erzeugen und damit ein angenehmes Gefühl beim Gegenüber auszulösen. Ich war ständig lächelnd unterwegs, doch selten breitete sich das Grinsen derart in meinem Gesicht aus, wie in diesem Moment: Ich hatte endlich meine lang herbei gesehnte Zusage bekommen! Es würde nun endlich beginnen – mein Leben. Die Eintrittskarte hielt ich bereits in der Hand, jetzt mussten mich nur noch die „Türsteher“ reinlassen. Mein Hungergefühl war weg, mein von Endorphinen überflutetes Gehirn fokussierte sich nur noch auf das Eine: Ich musste unbedingt die nächsten Schritte einleiten! Sofort suchte ich Herrn Kuhn auf und teilte ihm mit, dass es sich bei dem Brief von Heilbronn um eine Zusage handelte und fragte, welche weiteren Schritte nun vonnöten seien. Er nahm den Brief in die Hand und überflog das Anschreiben ebenfalls, woraufhin er sich an mich wandte. „Herzlichen Glückwunsch, Herr Ates. Weiß denn die Hochschule Heilbronn Bescheid, dass Sie vom Freigängerheim aus studieren werden?“ Auch, wenn ich die Antwort kannte, überlegte ich kurz, warum das relevant sein könnte, bevor ich ihm antwortete: „Ähm, nein. Also, ich habe der Hochschule nichts mitgeteilt. Hätte ich dies tun müssen?“ Herr Kuhn schien etwas entsetzt zu sein, dass ich diese Frage überhaupt stellte: „Natürlich muss die Hochschule das wissen. Sonst macht das Freigängerheim da auch nicht mit.“ Mir wurde schlecht. Dieses Auf und Ab meiner Gefühle war so anstrengend. Ich spürte, wie mich die ganze Energie wieder verließ und das Hungergefühl in Form eines flauen Gefühls in der Magengegend wieder hoch kam: „Soll ich da mal anrufen?“ Herr Kuhn zeigte auf das Telefon. „Wäre keine schlechte Idee.“ Ich wählte die Nummer der Hochschule Heilbronn, welche auf dem Anschreiben vermerkt war. Jedes Tonsignal, das während des Anrufs ertönte, fühlte sich wie eine Achterbahnfahrt an – wie jener Moment, wenn es schnell und steil nach unten geht und man in einem kurzen Momentum der Schwerelosigkeit ist. 

Zum Glück war die Achterbahnfahrt nur von kurzer Dauer, eine Dame ging zügig ran:
„Sekretariat der Hochschule Heilbronn, Frau Müller am Apparat, wie kann ich helfen?“ Ich musste kurz husten, da meine Kehle zwischenzeitlich sehr trocken geworden war: „Hallo, hier Ates. Ich hatte mich bei Ihnen für den Studiengang Wirtschaftsinformatik beworben und habe soeben meine Zusage erhalten, was mich sehr gefreut hat. Allerdings muss ich Ihnen etwas mitteilen, und es klingt etwas seltsam. Ich weiß nicht genau, wie ich anfangen soll. Aber Folgendes: Ich bin seit ca. zwei Jahren im Gefängnis in Schwäbisch Hall und stehe kurz vor meiner Entlassung. Die JVA Schwäbisch Hall hat mir die Möglichkeit gegeben, während der letzten Monate, welche ich im Freigängerheim verbringen werde, mein Studium zu beginnen. Nun wollte ich fragen, ob das in Ordnung ist, oder ob ich da noch was klären muss?“ Ihre Antwort kam schnell und fiel sehr kurz aus: „Ja, das ist kein Problem, solange die JVA zugestimmt hat.“ Ich war überrascht und perplex: „Echt jetzt? Vielen Dank!“ Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ebenfalls verstand ich auch nicht, wieso die Dame am Apparat nicht verwirrt war – als hätte sie bereits Bescheid gewusst. „Ja, das ist in Ordnung. Sie müssen wahrscheinlich noch ein Gespräch mit der Studiengangs-Assistentin führen. Aber in der Regel passt das.“ Ich hätte weinen können vor Glück: „Ah ja, stimmt. Das steht tatsächlich in meinem Anschreiben drin. Vielen Dank nochmal! Das bedeutet mir sehr viel!“ Ich spürte, wie die Dame am Apparat ebenfalls lächelte: „Dann wünsche ich Ihnen mal viel Erfolg und Willkommen an der Hochschule Heilbronn.“ Meine Motivation stieg wieder ins Unermessliche.

Ich legte auf und blickte Herrn Kuhn grinsend an, der mir allerdings keine weitere Beachtung schenkte und irgendwelche Unterlagen durchblätterte. „Darf ich noch kurz meine Familie anrufen und Ihnen die erfreuliche Nachricht mitteilen?“ Er machte eine eindeutige Handbewegung Richtung Telefon und erteilte mir somit die Erlaubnis. Ich zögerte keine Sekunde und griff erneut nach dem Telefon: Diesmal stieß mein Körper bei jedem Tonsignal jede Menge Endorphine aus – so viel Glück hatte ich seit langem nicht gespürt. Meine Mutter ging ran: „Anne! Ich bin’s, Emre.“ Ich konnte spüren, wie ihr himmlisches Lächeln ihr Gesicht zierte: „Oglum, wie schön, dass du anrufst. Wie geht es dir?“ Ich holte tief Luft: „Blendend Mama, blendend! Ich habe eine Zusage von der Hochschule Heilbronn erhalten! Wir müssen nur noch mit der Studiengangsassistentin reden.“ Meine Mutter reagierte wie erwartet mit Freude, setzte jedoch noch den religiösen Unterton in ihre Antwort: „… Insallah wird das mit Allahs Erlaubis passieren.“ Auch, wenn mich mittlerweile solche Aussagen störten, so konnte mich dies nicht daran hindern, dem in alter Gewohnheit ein „Amin“ hinzuzufügen. 

Mit Herrn Kuhn vereinbarte ich, dass ich am Freitag früher zum Ausgang durfte, damit ich zur Hochschule Heilbronn konnte. Dementsprechend musste ich am Sonntag auch früher zurückkommen. Meine Eltern holten mich am frühen Freitagmorgen ab, den Termin mit der Studiengangs-Assistentin hatten wir passend arrangiert. Auf der Hinfahrt bemerkte ich, dass die Aufregung, die ich verspürte, nicht bei meinen Eltern ankam. Sie standen dem Ganzen sogar eher skeptisch gegenüber. Konnten nicht glauben, dass ich mein Studium nun endlich beginnen würde. Einige Unsicherheiten schienen sie ständig zu beschäftigen. Meine Eltern und ich hatten in letzter Zeit einfach viel zu viel Schlechtes erlebt – bezüglich meiner Eltern leider ohne, dass sie eine Schuld traf. Nun war die Zeit gekommen, mich zu beweisen. Meine zweite, dritte, vierte … keine Ahnung, wie viele Chancen ich schon hatte. Aber diesmal war es definitiv die Letzte – noch einen Patzer wollte ich mir selbst nicht erlauben. Um es meinen Eltern, meiner Familie, meinen Freunden und Bekannten zu beweisen, musste ich es mir erst einmal selbst beweisen. Ich musste zufrieden mit mir sein. Mit meiner Leistung, meinen Zielen und Träumen. Meinen Weg würde von nun an ich selbst bestimmen. So unsicher wie meine Eltern über meine Zukunft waren, so sicher war ich mir, dass eine rosige Zukunft auf mich wartete. Ich hatte mich verändert, verbessert und würde um viele Erfahrungen reicher. Meine Eltern waren sich meiner Veränderung nicht bewusst. Doch ich wusste einfach, dass da draußen mich etliche Veränderungen erwarteten.

An der Hochschule Heilbronn angekommen, empfing mich die Studiengangsassistentin und wir begaben uns in einen der Arbeitsräume. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde ging sie zuerst auf das Inhaltliche des Studiengangs ein und befragte mich hiernach bezüglich meiner abgebrochenen Studiengänge. Erst zum Schluss ging sie auf meine aktuell prekäre Situation ein. Das war das erste Mal, dass ich jemandem außerhalb des JVA-Umfeldes mitteilte, was ich getan hatte. Dabei kam ich mir sehr unwohl und unsicher vor. Ich konnte nicht begründen, weshalb ich den Betrug begangen hatte, meine Entschuldigung fühlte sich unehrlich an. Mir wurde klar, dass ich langsam müde wurde, mich stets hinter Rechtfertigungen verstecken zu müssen (was ohnehin nicht ging und ich auch nicht wollte) – ich wollte nicht mehr durch Worte überzeugen, ich wollte endlich Taten sprechen lassen. Ich machte ihr klar, dass ich mit meiner Vergangenheit abschließen wollte, dass ich nur noch die Zukunft sähe, ich erklärte ihr meine Ziele, meine Werte, meinen Antrieb. Und desto mehr ich redete, umso mehr lächelte sie. Ich wusste, sie sah das Feuer in meinen Augen, und ich wusste, ich hatte mich gut verkauft. Ich spürte die Stärke in mir: So einfach würde mich niemand mehr unterkriegen, so einfach würde ich nicht mehr aufgeben – ich selbst war mein bester Freund, also tat ich auch alles in meiner Macht stehende, damit es meinem besten Freund gut ging. Es klang schon fast nach „Sie haben den Job!“ – als sie mir die Hand reichte und sich für die positiven Vibes bedankte. Sie empfahl mir noch den Mathe-Vorkurs, der zwei Wochen vor dem Studienbeginn startete. „Natürlich werde ich daran teilnehmen“, antwortete ich und verließ grinsend das Zimmer. Dort empfingen mich die fragenden Blicke meiner Eltern. „Der erste Schritt ist getan. Baba, Anne, ihr werdet sehen, ab jetzt geht es bergauf.“ Es gab keine Glückwünsche seitens meines Vaters, kein ‚Gut gemacht!‘, keine Freude, keine Wut, kein Hass – irgendwie nur für mich kaum greifbare Gefühle. Nur Unsicherheiten. „Allah utandirmasin“ – Wortwörtlich übersetzt: „Möge Allah dafür sorgen, dass wir uns nicht schämen müssen.“ Meine Eltern hatten ihr ganzes Leben, ihr Glück, ihre Freude, ihre Angst, ihren Hass, ihren Sinn für Gerechtigkeit und alles, was das Leben ausmachte, in die Hände von Allah gelegt. Ich hingegen wollte mich nicht mehr wie eine Marionette fühlen. Ich wollte Gutes tun, weil ich es wollte – nicht für den Himmel. Ich wollte mich für schlechte Taten schämen, sie bereuen – nicht aus Angst vor der Hölle. Ich wollte einfach menschlich sein, frei sein. 

Das Wochenende daheim verging wie im Flug – jedoch nicht wie ein Flug mit Ryanair, dieser Höhenflug war vielmehr à la First-Class Turkish Airlines. Meine kompletten Gedanken konzentrierten sich auf die Vorbereitung zum Mathe-Vorkus und der Klärung mit der JVA, um rechtzeitig in das Freigängerheim verlegt zu werden. Ich war bereits zurück im Bauernhof und sprach mit Tarik über seine Situation. Er hatte ebenfalls eine Zusage erhalten und wollte am Mathe-Vorkurs teilnehmen. Zu meinem Entsetzen ging mein Mathe-Vorkurs lediglich eine Woche, wohingegen seiner ganze zwei Wochen ging. Doch mein Kurs wurde zwei Mal angeboten. Also ergriff ich die Chance und meldete mich zwei Mal an – Hauptsache, ich durfte raus. Dass es sich zwei Mal um denselben Kurs handelte, der noch dazu nacheinander stattfand, verschwieg ich der JVA. 

Langsam fühlte ich mich gut, wenn ich die Kühe ansah. Ich hatte mich an sie gewöhnt. Dieser Ort als Zwischenstation war schön gewesen. Er glich zwar einem Warteraum, doch die Vorfreude, bald aufgerufen zu werden, fühlte sich atemberaubend an. Wie eine Wiedergeburt. So hatten es mir die Imame und Hocas in der Moschee erzählt: „Bevor ein Mensch auf die Welt kommt, wartet er im Jenseits – wartet, bis er drankommt, und sein Geist in die Gebärmutter seiner Mutter eingehaucht wird. Und alles, was man wusste, gerät in totale Vergessenheit – man kann sich an das Leben zuvor nicht erinnern.“ 

Doch das würde ich nicht zulassen. Alles, was ich hier erlebt hatte, alles, was mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin und in Zukunft sein werde, alles wollte ich niederschreiben. Denn ich wusste, man vergaß nur zu schnell, wie die Zeit hier war. Oft hatte ich es von meinen Mithäftlingen gehört, die schon mehrmals zurück ins Gefängnis gekommen waren, weil sie den Absprung nicht geschafft hatten. Ich konnte es damals nicht verstehen, doch jetzt verstand ich es: Einst hatte ich kurz vor dem Sport, als wir in der Umkleidekabine eingesperrt waren und auf den Wärter warteten, mit einem angeschlagen wirkenden Häftling geredet: „Wieso baust du denn immer noch Mist, wenn du weißt, du kommst sowieso wieder rein? Ich meine, das dritte Mal ist schon heftig. Du hast ja fast ein Jahrzehnt deines Lebens verloren.“ Er sah mich an, wie ein Lehrer einen Schüler ansah, als sei er ein Weiser: „Emre, so gut wie jeder, der einmal im Gefängnis war, kommt wieder rein. Wenn man entlassen wird, dann wird man überschüttet vom Leben, überschütten vor Freude und ist erstmal in einem Rausch. Doch irgendwann, und das passiert sehr schnell, da holen einen die Probleme ein. Die Altlasten, die Neulasten. Irgendwann hat man Sehnsucht nach dem exzessiven Leben, das man zuvor geführt hat. Irgendwann ist das normale Leben nicht mehr genug. Und mit dem Verlangen nach mehr, redet man sich den Knast als nicht so schlimm ein. Erinnert sich an die guten Zeiten in der Haft. Vergisst, wie langsam die Zeit hier vergeht – schaut zurück, schaut aber weg. Ich wünsche Dir, dass du nicht wieder reinkommst. Du siehst mir nach einem ordentlichen Jungen aus – aber die Statistik spricht leider für sich.“ 

Meine letzten Stunden hatten geschlagen. Mein letzter Dienst im Kuhstall, mein letzter Dienst als Gefangener – ich würde nun Freigänger werden. Ich hatte Vieles erlebt an diesem Ort, der meditativ und befreiend für mich gewesen war. Hier hatte ich den Windzug der Freiheit gespürt. Die Geburt der Drillinge war eines der besten Beispiele. Heute arbeitete ich besonders gut, wollte einen guten Eindruck hinterlassen und danach die Leute hier nie wiedersehen. Niemand verabschiedete sich hier mit einem „Auf Wiedersehen“. Als wir fertig mit der Stallarbeit waren, wurden wir vor der Tür vom Anstaltsleiter empfangen. Er wollte von Tarik und mir wissen, wie wir gewährleisten konnte, dass wir uns auch tatsächlich an der Hochschule und nicht irgendwo anders aufhielten. Die Lösung kam von mir wie aus der Pistole geschossen: „Wie wäre es, wenn wir nach jeder Vorlesung eine Unterschrift vom Professor einholen, die bestätigt, dass wir anwesend waren?“ So schnell, wie ich mit dem Vorschlag war, so schnell kam auch die Einwilligung: „Geht klar, der Vorschlag klingt gut.“ 

Tarik und ich packten unsere Sachen, verabschiedeten uns von den übrig Gebliebenen, stiegen in den Transporter und waren innerhalb weniger Minuten vor dem Freigängerheim. Hier begrüßten wir die alten bekannten Gesichter. Das Freigängerheim war ein gewöhnliches Gebäude, von außen schien alles normal zu wirken. Aber auch das Innenleben war völlig normal. Es glich einem Wohnheim. Keine Gitter, keine verschlossenen Türen. Tarik und ich wurden in ein Zimmer gesteckt, das gerade mal Platz für zwei Betten und zwei Schränke hatte. Dies war trotz allem ein Upgrade zu unser vorigen Wohnsituation. Alleine die Matratze glich, im Vergleich zu jenen der JVA, einer weichen, kuscheligen Wolke. Nachdem wir uns eingenistet hatten, klopfte der Freigängerheimsleiter an unserer Tür und bat uns runter in sein Büro. Er erklärte uns, dass wir täglich eine Stunde in die Stadt und drei Wochenenden im Monat daheim verbringen durften. Er erklärte, dass wir zum Wochenbeginn stets unser Geld abholen konnten. In meinem Fall bedeutete dies, dass ich montags 150 EUR abholen und meine wöchentlichen Besorgungen damit machen konnte. Dieser Betrag war sehr hoch für mich. Ich war es die letzten zwei Jahre gewohnt gewesen, mit 130 EUR im Monat auszukommen. Jedoch war im Freigängerheim keine Verpflegung inbegriffen. Außerdem erklärte er uns, dass wir jede Woche unseren Stundenplan ausdrucken und nach jeder Vorlesung die Unterschrift der Professoren bzw. Dozenten einholen müssten. Am Ende der Woche sollten wir dann den unterschriebenen Stundenplan im Freigängerheim abgeben. All dies erläuterte er uns mit großem Nachdruck, der fast schon negativ war. Für mich war all das jedoch sehr positiv und zauberte mir ein Grinsen ins Gesicht, bei dem ich Angst hatte, einen Muskelkrampf an den Backen zu bekommen. Ich konnte die Nacht im Freigängerheim kaum einschlafen. Die Aufregung ging einfach nicht mehr weg. Tarik war überraschenderweise sofort eingeschlafen. Dass allerdings auch er aufgeregt war, bemerkte ich daran, dass er sehr früh auf der Matte stand und sich hektisch zwischen Bad, Küche und unserem Zimmer Hin und Her bewegte. Nachdem wir uns beide frisch gemacht hatten, fiel uns auf, dass wir beide weder einen Block, noch einen Stift besaßen. „Lass uns einfach im Mathe-Vorkurs jemanden fragen“, schlug Tarik vor. „Haha, das ist ja mal ein toller Start. Werden gleich einen schlechten Eindruck hinterlassen. Lass uns dann heute beim Stadtausgang zum Müller oder so.“ Ich schmunzelte zwar, doch in Wirklichkeit war es mir wichtig, von Anfang an Gas zu geben. Wir meldeten uns an der Rezeption vom Freigängerheim ab, erhielten unser „Taschengeld“ und öffneten die Eingangstür. Dieser Moment war unvergesslich für mich. Ich ich hatte mich stets gefragt, wann mein neuer Weg anfangen würde, und wie dieser wohl aussehen würde. Als ich meinen ersten Schritt nach draußen machte, spürte ich genau das, was ich seit meinem ersten Tag im Bauernhof unbedingt wieder spüren wollte: Das Gefühl von Freiheit. Diesmal intensiver, stärker, heftiger. Als wäre ich in Trance, als würde ich aus der Matrix erwachen.

Es war noch dämmrig, als ich wie vom Wind getragen die Gassen Schwäbisch Halls entlang schwebte und die vom Morgentau feuchten Steintreppen hinunter schritt. Runter in ein Paradies aus Bäumen, grüner Wiese und dem Singen der Vögel. Meine Fußstapfen hinterließ ich voller Stolz im Matsch und trat kräftig auf die Kieselsteinen, die sich durch die Schuhsolen hindurch wie eine Massage an den Füßen anfühlten. Ich atmete schnell – das Adrenalin schoss durch meine Adern. Ich blieb stehen, mitten im Paradies, mitten in diesem wunderschönen Park. Ich atmete tief ein und aus. Ich beruhigte mich. Der Gesang der Vögel begleitete meine angenehmen Gedanken und meine warmen Gefühle. Es fühlte sich an, als würde mein Geist erwachen und sich vom Körper befreien, hoch hinaus in die weite Welt. Ich fing wieder an zu laufen, keinesfalls durfte ich die Bahn verpassen – ach, die gute alte Deutsche Bahn. Sogar beim Gedanken an sie musste ich lächeln! Die Morgendämmerung war wunderschön und die Sonne schien mit mir zu erwachen. Ich war am Bahnsteig angekommen und sah ein paar Leute in ihren Jacken eingekuschelt dort stehen. Sie alle warteten auf die Bahn. Ich konnte es kaum glauben, dass ich mich alleine unter einer Menschenmenge befand – so nah, und doch fühlte ich mich ihnen fern. Dass Tarik die ganze Zeit neben mir gelaufen war, hatte ich total ausgeblendet. Er schien weniger beeindruckt von dem Ganzen hier. Als die Bahn ankam, und das sogar pünktlich, versuchte ich, wie ein kleines Kind als einer der Ersten einzusteigen, um einen Fensterplatz zu ergattern. Ich genoss die Wärme, die den Waggon durchströmte. Ich erblickte Menschen, die ihre Zeitung lasen, hörte Jugendliche, deren Musik so laut lief, dass gleich die Kopfhörer zu platzen schienen, und roch den leckeren Duft von cremigem Kaffee, während ich mich auf den weichen Sitz der Regionalbahn hineinsinken ließ. Die Türen schlossen sich und ich malte mir ein „Tschuu Tschuu“, das normalerweise nur Eisenbahnen von sich gaben, gedanklich aus, als der Zug startete. Ich hatte meine Ausgänge gehabt – ich war schon ein, zwei, drei Mal draußen gewesen. Jedoch nie allein, nie wirklich frei. Meine Eltern mussten stets an meiner Seite sein, ich war quasi immerzu daheim gewesen. Damals jedoch wollte ich das so – ich wollte die Wärme meines Heimes spüren, wieder das Essen meine Mutter kosten, mit meinen Geschwistern streiten und meinen Vater meckern hören. Ich hatte meine Ausgänge daheim verbracht, weil ich noch nicht bereit gewesen war für die Freiheit. Zuerst musste ich die Beziehung zu meiner Familie pflegen, ihnen zeigen, dass sie sich keine Sorgen mehr um mich machen mussten. Ich musste ihnen klar machen, dass ich gewillt war zu studieren, motiviert war, mein Bestes zu geben. Daher war der Freigang heute der aufregendste Freigang, den ich je hatte. Denn dieser Freigang war das Ende eines Traumes. Ich hatte es geschafft, ich konnte endlich studieren – mein Traum wurde wahr. Und ich wusste, mein neues Leben fing genau jetzt an.

„Der Weg ist das Ziel“ – so sagt man stets. Und oft merkt man erst aus der Retrospektive, dass es so ist. Während meines mir unendlich lang vorkommenden Wegs war mir dies noch nicht bewusst gewesen. Vielmehr plagten mich Ungewissheit, Trauer und Angst. Angst davor, dass ich mir all das Gute verspielt hatte, was ich immer wollte. Trauer darüber, dass es so kommen könnte, wie ich es nie wollte. Oft spürte ich deshalb einfach nur eine mich durchströmende Kälte auf meinem Weg. Doch auch die Freude leistete mir glücklicherweise hin und wieder Gesellschaft, und oft überkam mich eine Wärme, die mir seltsam vertraut war. Ich sah endlich das Licht am Ende des Tunnels und hörte, wie die Freiheit nach mir rief.

bookmark_border#73 – Babam

Als meine Mutter und ich endlich daheim ankamen, sprang ich noch schnell unter die Dusche, bevor alle aufstanden. Ich stellte das Wasser auf eine angenehm warme Temperatur und wollte mich gerade in Gedanken verlieren, da fiel mir etwas auf. Ich musste fast laut lachen, als ich sah, dass ich alleine unter der Dusche mit Unterhose duschte. Es war wohl mittlerweile eine Gewohnheit geworden. Schnell zog ich sie aus und warf sie weg, um in meine Gedanken zu versinken. 

Es sind Bilder in meinem Kopf, die so präsent sind wie das Licht, welches meine Augen einsaugen. Bilder in meinem Kopf die sich zu Erinnerungen formen. Erinnerungen an meine Kindheit, die mich so fühlen lassen. Ein Sohn, voller Verzweiflung. Ein Sohn voller Angst. Ein Sohn voller Wut … voller Hass. Wieso fühlt ein Sohn solch negative Gefühle gegenüber seinem Vater, sein Fleisch und Blut? Meine Gedanken hatten sich stets auf mich konzentriert. Wie ich mich fühlte, wie ungerecht alles war und wie ich nach Mitleid schrie. Stets sah ich mich in der Opferrolle, der Schuldige war doch mein Vater. 

Das Gefühl daheim zu sein fühlte sich gut an. Weg vom Besuchsraum, weg von den kahlen Wänden, von den fremden Mithäftlingen. Endlich war ich daheim, in unseren eigenen vier Wänden, bei meiner Familie. Diese Wärme ist unbeschreiblich. Alle Menschen fühlten den Drang danach einer Gruppe zuzugehören, ein gemeinsames Ziel zu haben, eine gemeinsame Art des miteinander Lebens – ein Team. Mein Team, das war meine Familie. Gemeinsam lebten wir das Abenteuer Leben und versuchten alles Mögliche, dass es der Familie gut geht. Meine Mutter war stets für ihre Kinder da. Meine Zwillingsschwester war stets für mich da. Ich war für Cem da. Wir waren alle für die kleine da. Und unser Vater? War er wirklich für uns da? Und vor allem, wer war für ihn da?

Traurig, ich wusste kaum etwas über die Jugend meines Vaters. Ich hatte nie gefragt. Er hatte nie davon erzählt. Aber einiges wusste ich dennoch. In einem sehr kleinen Dorf in der Türkei, weit über die Grenzen Deutschlands weg, über die Balkanländer und weiter als Istanbul – im Herzen Anatoliens, genau dort wurde mein Vater geboren. Er hatte drei ältere Brüder und eine ältere Schwester – somit war er der Jüngste im Team, der Neue. Nun war er da, in einem Dorf, wo Männer das Sagen hatten und Frauen … nicht. In solch einem Fall scheint die Vaterfigur eine enorm wichtige Rolle zu spielen. Mein Vater wuchs ohne Vater auf. Nicht, weil sein Vater verstorben war, nicht, weil seine Eltern geschieden waren, und auch nicht, weil sein Vater im Gefängnis war. Mein Vater stellte sich sicherlich ab einem bestimmten Alter zum ersten Mal die Frage: „Wieso ist Papa nicht da?“ Für seine Mutter war die Frage womöglich einfach zu beantworten: „Naja, uns geht es hier nicht so gut. Dein Vater ist in Deutschland, damit er dort viel Geld verdient und es uns schickt, damit wir hier gut leben können.“ Ob diese Antwort verständlich für meinen Vater war? Und angenommen, er hätte es verstanden, dass sein Vater ihn alleine gelassen hatte, um Geld zu verdienen – würde er es auch nach 18 Jahren des Aufwachsens ohne Vater immer noch verstehen? Vielleicht war die größte Lehre, die er von seinem Vater bekommen hatte, die, dass finanzieller Wohlstand für die Familie wichtiger ist als die Familie selbst.

„Ein richtiger Bengel war dein Vater. Er ist nie still geblieben, stets hat er Mist gebaut und war noch stolz darauf. Dein Vater ist genauso wie Cem. Er war das schwarze Schaf unter den Geschwistern.“, erzählte mir meine Oma einst, als sie zu Besuch war. Sie liebte meinen Vater, egal wie frech er gewesen war. Ich weiß nicht viel darüber, was mein Vater in seiner Kindheit durchgemacht hat. Aber es schien, als hätte er eine schwierige Kindheit gehabt. Da waren Geschichten über Onkels, die ihn verprügelt hatten, politische Aktivitäten, die ihn für einige Tage in die Zelle brachten und er von Polizisten Prügel einstecken musste … Geschichten über die unfaire Behandlung der Kinder. Mein Vater blieb stets leer aus, seine Geschwister wurden bevorzugt. Irgendwann landete die ganze Familie in Deutschland, nur zwei meiner Onkel blieben – nämlich der, dem es gut ging, der das Studium finanziert bekommen hatte, einen Juwelier-Laden vom Vater bekommen hatte, der Verheiratete, dem Ältesten der Brüder. Und auch der mit sieben Jahren verstorbene Onkel blieb.

Die Schwester meines Vaters heiratete einen Imam aus Österreich und zog entsprechend dorthin. Der ältere Bruder heiratete aus der Umgebung, in der auch seine Eltern und mein Vater wohnten. Und so kam es, dass mein Vater eine junge Frau aus der Türkei heiratete und nach Deutschland, zu seinen Eltern holte. Meine Mutter war nun da für ihn, meine Oma war da für ihn – und mein Opa? Nun, er war da – aber nicht für irgendjemanden. Er war da, damit meine Oma für ihn da sein konnte. Er war da, damit mein Vater für ihn da sein konnte. Somit hatte mein Vater nie eine Vaterfigur gehabt. Und er war dabei eine Familie zu gründen, und somit eine Rolle einzunehmen, die er nicht kannte – die er womöglich mit negativen Gefühlen verband. 

Doch eines hatte er wohl gut gelernt. Geld verdienen, sparen und anlegen. Meine Mutter hatte uns Zwillinge frisch bekommen und trotz dessen oder wegendessen arbeitete mein Vater rund um die Uhr. Tagsüber war er am Band und baute Autos, nachts fuhr er Taxi und an Wochenenden ging er anderen Nebentätigkeiten nach – er war ein Arbeitstier. Er legte mehrere Sparkonten an, schloss Lebensversicherungen und Rentenversicherungen ab, kaufte Staatsanleihen, kaufte vorausschauend, in dem er Sonderangebote nutzte – ein richtiger Sparfuchs. Er kaufte Eigentumswohnungen, legte in Aktien an und investierte in Geschäftsideen – ein intelligenter Anleger. Da blieb ihm nicht viel Zeit für seine Familie übrig. Meine Mutter, meine Geschwister und ich kapselten uns immer mehr von meinem Vater ab. Wenn er arbeiten war, waren wir glücklich, locker drauf und konnten uns frei in der Wohnung begeben. War mein Vater zurück von der Arbeit, herrschte eine angespannte Stimmung – jedes Wort hätte gegen einen verwendet werden können. Mein Vater nutzte seine Freizeit, um seine Frau und seine Kinder zur Rede zu stellen. Stets erklärte er, wie gut er sei, was er alles für die Familie tue und wir alles ausnutzen würden, keinen Beitrag zur Familie leisten würden, wir ihn aussaugen würden. Er wollte es unbedingt. Er wollte die Anerkennung, die er endlich verdient hatte. Was war denn so schwer ihn als guten Vater wahrzunehmen, ihn zu respektieren und zu lieben? Warum taten seine Kinder dies nicht? Mein Vater tat nur das, was er von seinem Vater gelernt hatte: Finanzieller Wohlstand für die Familie ist wichtiger als die Familie selbst. Er hatte ein Vermögen aufgebaut und er war ziemlich gut darin. Diese Anerkennung hatte er verdient. Doch zu welchem Preis? War es die Familie wirklich wert? Zwischenmenschlich hatte er seine Kinder und seine Frau regelmäßig schlecht behandelt. Er schrie seine Kinder an, drohte seiner Familie, stand wegen schlechten Noten kurz davor handgreiflich zu werden, versprühte Hass und Wut gegenüber seiner Frau. 

Mein Vater konnte keine Liebe geben, nicht als Vater, doch als Sohn. Er tat alles für seine Eltern. Er war für seine Eltern da, als kein anderer da war. Keiner der Onkel, keiner der Tanten und vor allem keiner der Geschwister. Mein Vater nahm noch das bisschen Liebe und Anerkennung von seinen Eltern mit, was noch für ihn noch übriggeblieben war. Mein Vater war Opfer und Täter zugleich gewesen. Ich wollte nicht auch Opfer und Täter zugleich sein. Sollte ich etwa für meinen Vater da sein und ihm die Anerkennung schenken, die er sich so sehr von seinem Sohn wünschte? 

Dabei wollte ich es doch selber. Ich wollte die Anerkennung meines Vaters. Ich wollte ihn stolz machen. Ich war aber zu schwach dafür, genau wie er. Eines der größten Erfolge eines türkischen Kindes war zu meiner Zeit das Erlangen des Abiturs. Wenn Du nach der vierten Klasse für das Gymnasium empfohlen wurdest, dann warst Du jemand. Schnell sprach sich das unter den Türken rum: „Der Sohn von dem und dem geht auf das Gymnasium!“, „Ich wusste die sind sehr intelligent die Kinder“, „Masallah! Insallah werden unsere Kinder auch so.“ … Wie gerne wollte man dieses Kind sein. Wie gerne wollte man seine Mutter stolz machen, wenn ein Dutzend Frauen zu Besuch kamen und das Tratschen los ging und jeder ihren Sohn bewunderte. Wie gerne wollte man dafür sorgen, dass der eigene Vater erhobenen Hauptes durch die Straßen marschiert und alle türkischen Männer ihn bewundern. Damals war das ein Wettbewerb zwischen den Familien. Die ahnungslosen Kinder machten mit. Unter diesem Aspekt war ich stolz auf mich, dass ich trotz meiner schwierigen Kindheit und meinen Problemen irgendwie das Abitur bestanden hatte. Das war der größte Erfolg, den ich in meinem bisherigen Leben genoss. Die ganze Familie machte sich schick und wir fuhren zu meiner Abschlussfeier. Nach und nach wurden die Abiturienten aufgerufen, manche mit Belobigung, manche ohne … so wie ich. Aber dennoch, mein Name ertönte! Und ich nahm voller Freude meine Urkunde entgegen. Es war einer meiner schönsten Momente und ich war mir sicher, dass mein Vater stolzer nicht sein konnte. Nach der Feier saßen wir alle im Auto und überraschenderweise hatte mein Vater vorgeschlagen auswärts zu essen, in einem Restaurant. Mein Grinsen war breit auf meinem Gesicht zu sehen und so breit es war, so schnell konnte es auch ganz klein werden. Die Verkehrsampel schaltete auf grün und mein Vater fuhr gerade an, als er in den Rückspiegel blickte und mich ansah: „Das nächste Mal bringt mich zu so einer Veranstaltung nur dann, wenn ihr auch eine Belobigung bekommt.“ In diesem Moment zerbrach etwas, was ich so schnell nicht wieder zusammenflicken konnte.  

Diese Gedanken verfolgten mich das Wochenende über. Ich aß gemeinsam mit meiner Familie, wir konnten endlich über meine Haft lachen, konnten glücklich sein, konnten nach vorne blicken – es war Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Das Gefühl Familie konnte ich an diesem Wochenende intensiv spüren. Es war der Sonntagmorgen, ich hatte auf meinem weichen Bett geschlafen wie ein Stein und wachte im Morgengrauen ausgeschlafen auf. Wieder hüpfte ich unter die Dusche und genoss das komplett nackte duschen. Meine ganze Familie schlief noch wie kleine Schäflein, während ich es mir im Wohnzimmer gemütlich machte. Einige Minuten später tauchte plötzlich mein Vater auf. Ich war verwirrt. Es war noch viel zu früh, so wie ich meine Familie kannte, müssten sie noch mindestens drei Stunden schlafen. Ich hatte wohl meinen Vater geweckt oder er kam absichtlich, um ein privates Gespräch mit mir aufzusuchen. Er fing an zu reden. Es schien wohl ein wichtiger Moment für ihn zu sein, dass ich endlich ein Wochenende daheim verbringen konnte. Er brachte seine Freude zu Preis. Das war selten für mich und ich wusste nicht, was ich dabei fühlen sollte. Es fiel mir stets schwer positive Gefühle mit meinem Vater zu verbinden – sie waren mir so unbekannt, ich hatte Angst davor. Nun saß mein Vater vor mir und versuchte dieses unbekannte Gefühl in mir auszulösen. Doch er sorgte, dass es nicht dazu kam. Es war wie früher, nichts hatte sich geändert. Er erklärte, was er nun alles für seine Familie getan hatte, was er vor allem für mich getan hatte und nun … „und nun bin ich allein.“ Mein Vater zog bereits das Taschentuch. Ich war in einer Schockstarre: „Wie meinst Du das Papa? Du bist doch nicht allein?“ Meinen Vater hatte ich selten seine Gefühle ausdrücken sehen und nun beichtete er mir, dass er sich alleine fühlte. „Schau dich doch um? Wer ist für mich da? immer sagt ihr ich sei böse, ihr würdet Angst vor mir haben, ich würde schreien und sei geldgierig. Aber wer ist denn für mich da? Ich mach das alles für die Familie, nur damit es euch besser geht. Aber wer schaut, dass es mir gut geht?“ Ich vergaß stets, dass mein Vater tränen vergießen konnte. Es passierte so selten. Ich hatte ihn mit diesem Mal nun drei oder vier Mal weinen sehen.

Meine Grenzen konnte ich selten überschreiten. Ich war der Mensch, der sich gerne in der Komfortzone behielt. Doch das sollte sich ändern, das hatte ich mir in der Haft vorgenommen. Dass ich so früh bereits einer meiner größten Grenzen übersteigen würde, hätte ich nicht erwartet. Ich teilte ihm etwas mit, nicht weil er es verdient hatte zu hören, sondern, weil ich dadurch auf Besserung hoffte: „Ich bin für dich da Baba.“  

bookmark_border#72 – Meine Mutter

Die Kühe feierten kein Neujahr, für uns gab es also keinen Urlaub. Das neue Jahr ging unspektakulär los, wir arbeiteten und ich befand mich erneut in einer Bewerbungsorgie. Die Hochschule Ravensburg konnte ich abschreiben, da wurde ich bereits exmatrikuliert, aufgrund einer Falschangabe zu meiner Vorstrafe. Ich fragte mich, ob sie mich angenommen hätten, wenn ich mitgeteilt hätte, dass ich vorbestraft war. Vor diesem Problem würde ich erneut stehen, wenn mich einer der anderen Hochschulen annehmen würden. Hinzu kam noch, dass das Regierungspräsidium immer noch keine Entscheidung bezüglich meines Abschiebeverfahrens gefällt hatte. Die Ungewissheit, ob ich in Deutschland bleiben dürfte, machte mich ziemlich unsicher – ich war zuvor der festen Überzeugung gewesen, dass eine Abschiebung in meinem Falle gar nicht in Betracht käme. Bevor jedoch kein Beschluss da war, durfte ich auch nicht in das Freigängerheim und würde damit womöglich den korrekten Semesterstart im März verpassen. Als würde das alles nicht reichen, erschwerte ich mir das Ganze, in dem ich Herr Kuhn mitteilte, dass ich nicht in der Kanalisation arbeiten würde. Er war überrascht und wollte mich erst davon überzeugen, dass ich das tun müsse, doch mein Widerstand war groß. Mit dem Spruch „Vom Bordstein zur Skyline“ assoziierte ich mittlerweile den Rapper Bushido. Umso verlockender war der Gedanke, dass man später den Spruch „Von der Kanalisation zur Karriere“ mit mir in Verbindung bringen könnte, doch ich entschied mich dann dafür, dass ich auch mit dem Spruch „Vom Knast in die Karriere“ zufrieden war. „Das wird in ihrer Akte vermerkt Herr Ates. Sind Sie sich das im Klaren?“, Herr Kuhn sah mich fragend an. Ich nickte und machte sofort die Fliege, bevor er mich doch noch dazu überreden konnte.

Jeder Ausgang war eine Steigerung meiner Freiheit, ich gewöhnte mich jedes Mal mehr um den Umstand. Auch diesmal sollte es eine neue Belohnung geben, als hätte ich quasi ein Level abgeschlossen und ein „Item“ freigeschaltet. Ich durfte nach so langer Zeit endlich wieder zuhause, in meinem eigenen Bett schlafen. Also war ich einerseits sehr erfreut, meine Mutter zu sehen, als sie mich zum Ausgang abholte, andererseits aber etwas verwirrt, als ich in das traurige Gesicht meiner Mutter sah. „Was ist denn los Mama?“, fragend saß ich auf der Beifahrerseite, während sie plötzlich nach rechts einbog und wir uns auf dem Parkplatz der Moschee von Schwäbisch Hall wiederfanden: „Wollen wir kurz beten? Das Morgengebet fängt gleich an.“ Es war nur eine Frage der Zeit bis ich wieder mit dem Religionsthema konfrontiert werden würde. Es war in letzter Zeit abgeflacht, aber durch die Freiheit, die ich nun immer weiter bekam, kamen die religiösen Pflichten. Ich wusste noch nicht, wie ich zum Thema Glauben, Religion und dem Islam stand. Wie ein verwirrter, pubertierender Junge, der nicht wusste, wer er war, was er mochte, was seine Ziele waren, seine Wünsche … ich kannte weder mich noch was anderes, außer das einzig wichtige Ziel aus der Haft rauszukommen und ein Studium zu absolvieren, um mich finanziell abzusichern. Ich wusste, dass der Emre, der vor ca. zwei Jahren in die Haft reinkam, nicht der Emre war, der rauskommen würde. Und der Emre, der aus der Haft rauskommen würde, wäre auch nicht ansatzweise wie der Emre, der sich fünf Jahre in der Zukunft befand. In der Haft hatte nicht die Transformation begonnen, sondern die Zerstörung meines bisher existierenden Ichs. Die wahrliche Transformation würde erst nach der Entlassung kommen. Doch heute, genau in diesem Moment, in dem frühen Morgen, auf dem Parkplatz der Moschee entschied ich mich, das bisherige Ich noch einmal leben zu lassen. Noch einmal den frischen Duft der Morgenluft einzuatmen, das Gesicht, die Arme und Füße zu waschen – sich rein zu waschen, um sich vor dem einzig wahren Gott zu ergeben. Heute durfte das bisherige Ich nochmal leben, um zu hören wie sein Jenseits klang: die melancholischen Gebetsrufe durften ertönen in den Ohren, die in letzter Zeit nur Sünde gehört hatten. Wie lange war das schon her? Wie lange schon hatte mein bisheriges Ich das „Allah ist der Größte“ nicht hören dürfen? Ich spürte wie es lebte, mein bisheriges Ich. Spürte die Herzschläge, die sich zum Rhythmus des Gebets bewegte. Ich spürte wie das Herz schlug: „Allah“, „Allah“, „Allah“ – ich spürte, wie sich das Herz opfern wollte, Opfern für Allah, für das Jenseits, für eine perfekte Welt – für den Himmel. Solange war das bisherige Ich eingesperrt gewesen. Böse Gedanken schlugen auf das bisherige Ich ein, warfen es in einen Kerker und ließen es verrotten. Hin und wieder kam aber ein Gedanke und gab dem bisherigen Ich etwas zu essen, es wollte nicht, dass es stirbt – nicht jetzt, nicht wenn das neue Ich noch instabil ist. Und heute, da stand meine Mutter vor dem Kerker und fragte, ob das bisherige Ich raus durfte. „Nur einmal noch“, sagte ich es dem bisherigen Ich, nur um zu sehen, wie er sich völlig dem Gott ergab. All die bösen Gedanken, sie waren fort, all die Zweifel, sie waren fort, all die Ängste, sie waren fort, all die Lebenslust … sie war fort. Sicherheit war da, Hoffnung war da, Freude auf den Tod … war da. Das Morgengebet war kurz, kurz im Vergleich zu den restlichen vier Tagesgebeten. Und so süß war er, süßer als die restlichen vier. Das Gebet war zu Ende, fünf Leute waren sie gewesen. Drei ältere Opas, der Imam und mein bisheriges Ich, das so stark vor Glück strahlte, so dass die restlichen vier ihn mit Bewunderung beschenkten. Bewunderung, das Gefühl hatte ich nie kosten dürfen, nie hatte mich jemand bewundert, an mich geglaubt, nur an ihn, diesem bisherigen Ich – und warum? Weil er schwach war, weil er ein Sklave war, weil er gut gehorchen konnte, weil er das war, was andere wollten, dass er ist. Er war ein Lügner, er hatte mich all die Jahre angelogen, hatte mich eingesperrt – dieser Verbrecher! Aber das war jetzt vorbei, nun war meine Zeit da und er musste weg, ein für alle Mal verschwinden. Doch erstmal durfte er weiter in seinem Kerker verweilen und ich durfte nach Hause, endlich nach Hause, zu meiner Familie und endlich durften sie mich kennenlernen. Und auch Ich war gespannt, die wichtigste Person in meinem Leben kennenzulernen, mich selbst.

Nach dem Morgengebet machten wir noch einen Halt an der Tankstelle, um zu tanken und Kaffee zu trinken. Meine Mutter hatte mir immer noch nicht gesagt, was los war, weshalb ich sie erneut fragte, ob denn bei ihr alles in Ordnung wäre. So entschieden wir uns an der Tankstelle einen Kaffee zu trinken, nachdem wir den Auto-Tank aufgefüllt hatten. Sie erzählte mir, dass es sehr schwierig mit meinem Vater sei und er mit seiner Art, mit seinem Verhalten und wie er meine Mutter behandle, kaum zu ertragen wäre. Ins Detail ging sie nicht, denn ich wusste genau was Sache war. Meine Mutter hatte in den letzten Jahren schon einige Scheidungsversuche unternommen – doch nie kam es dazu. „Schon seltsam diese Welt, Mama. Papa und Du, ihr liebt euch nicht, ich glaube ihr habt euch nie geliebt. Liebe war gar kein Thema in eurer Ehe. Warum seid ihr überhaupt zusammengekommen?“ Das war eine rhetorische Frage, ich erwartete keine Antwort. Einst erzählte mir meine Mutter ihre Geschichte, und wie immer weinte sie dabei. Ich konnte ihren Schmerz fühlen, aber auch ihre Liebe zu dem Wichtigsten in ihrem Leben, ihren Kindern: 

„Ich war 15 Jahre alt als ich in der Türkei, in unserer Heimat, zur Schule ging. Meine Noten in der Schule waren sehr gut, ich war glücklich und voller Lebensenergie. Meine Schwestern hatten alle schon geheiratet. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis ich drankam. Dass es bereits mit 15 der Fall sein würde, hätte ich mir niemals vorstellen können. Fröhlich in meinen bescheidenen Schulklamotten lief ich die steinigen und sandigen Wege entlang nach Hause und sprang die Stufen runter ins kühle Treppenhaus. Ich konnte es kaum erwarten mit meinem kleinen Bruder raus zu gehen, weshalb ich zwei Stufen auf einmal nahm, um zügig in das 5. Stockwerk zu kommen. Gerade, da hatte ich den letzten Sprung über die zwei Stufen vollendet, da wurde ich überrascht. Mehrere dutzend Schuhe standen vor der Tür. Es war alles dabei, Männerschuhe, Frauenschuhe, Kinderschuhe – Schuhe von älteren Herrschaften. Wir hatten wohl Gäste da. Über den Anlass machte ich mir keine Gedanken. Es war üblich, dass wir ständig Gäste zu Besuch hatten, die dann ihre ganze Verwandtschaft mitbrachten. Ich klingelte an der Tür und ein Vogelgezwitscher ertönte. Dieses Geräusch vermisse ich immer noch, ich mochte es, wenn es bei uns klingelte. Meine Mutter öffnete mir die Tür und wollte, dass ich mich sofort umzog. Ab da an ging alles sehr schnell, ich begriff nicht, was passierte. Ehe ich mich versah, befand ich mich in unserem großen Gästezimmer. Saß neben meinem Vater, neben meiner Mutter und sah vor mir die gegenübersitzende Familie an – die Familie Ates. Da war der kleine Mann, zumindest der kleinste in diesem Raum, er schien das Oberhaupt der Familie zu sein. Seine Frau, sie war dicker, aber viel größer als er, sah mich ständig an. Zu ihrer linken schienen zwei ihrer Söhne zu sitzen – der Altersunterschied dürfte nicht allzu groß sein. Eine weitere, junge Frau, befand sich im Raum – wie ich hörte, die Ehefrau einer der beiden Söhne. Meine Eltern meinten es gut, sie wollten das Beste für mich. Ich bin mir da sicher. Sie konnten es aber nicht ahnen, sie konnten nicht wissen, dass es eine schlechte Entscheidung für ihre Tochter war. An diesem Tag hatten sie allerdings die Entscheidung gefällt, sie übergaben ihre Tochter in die Hände der Familie Ates – weit weg von der Heimat, über die Grenzen hinweg, weg von Familie, weg von Freunden, weg von der Schule … nach Deutschland. Für einen Moment wussten sie nicht mal, welches der beiden Söhne der Single war und um meine Hand anhielt. Dies schien allerdings irrelevant zu sein. Es war womöglich die finanzielle Sicherheit, die sie sich für ihre Tochter erhofften. Mein Leben vollzog sich einer dramatischen Änderung zu. Wie gesagt, es ging alles sehr schnell, viel zu schnell. In Deutschland, da ging es mir nicht gut, ich kannte das Land nicht, kannte die Menschen nicht, kannte die Sprache, die Kultur nicht. Aber ich wollte das Beste daraus machen, ich wollte die Sprache lernen, wollte die Menschen kennenlernen. Euer Vater aber war dagegen mich in eine Sprachschule zu schicken, er erschwerte es mir in Deutschland anzukommen. Eine Ausbildung wurde mir verwehrt, sie hatten sich mit mir eine Hausfrau geholt. Alleine, ohne Freunde, ohne Familie – ich war gezwungen der Familie Ates zu gehorchen. Ich war jung und schwach, ich blieb daheim, wenn es mir so befohlen wurde. Den ganzen Tag verbrachte ich in der kleinen Dachgeschosswohnung mit meinen Schwiegereltern. Es gab zwei Zimmer, eine sehr kleine Küche und ein kleines Bad. Ich verbrachte Tage, Wochen, Monate und Jahre damit zu weinen – weinen vor Angst, weinen vor Heimweh, weinen vor Trauer. Meine Familie konnte ich nicht so einfach anrufen. Das Telefonieren in die Türkei war zu teuer. Euer Vater war die ganze Zeit arbeiten und kümmerte sich nicht um mich. Ich war alleine, alleine bis zu dem Tag als ihr beiden kamt – meine kleinen süßen Zwillinge, mein Herz, meine Seele, meine Lieblinge, meine Lichtblicke, ihr seid das wichtigste in meinem Leben – meine Tochter, mein Sohn. Mit euch wuchs ich auf, mit euch wurde ich stärker, für euch wurde ich stärker. Alles was ich tat, tat ich für euch.“ 

Meine Mutter erzählte die Geschichte nicht oft, zweimal hatte ich sie gehört, zweimal hatte ich geweint, zweimal hatten wir geweint. Meine Mutter bedeutete mir alles. Die Abneigung, die ich gegenüber meinem Vater verspürte, kam hauptsächlich davon, wie er meine Mutter behandelte und behandelt hatte. Nun stand ich hier in der Tankstelle mit meiner traurigen Mutter und war so sauer auf mich: „Mama, weißt Du was ich am meisten bereue? Ich habe dich enttäuscht. Du warst all die Jahre für mich da, für deine Kinder. Und was habe ich gemacht? Du brauchst mich jetzt, du hast mich schon viel früher gebraucht – aber ich war nicht da. Ich konnte bisher noch nie in meinem Leben für dich da sein. Mama, ich will endlich für dich da sein. Ich gebe mein bestes. Ich werde studieren, ich wird es in der Regelstudienzeit schaffen, ich werde einen guten Job finden und dann helfe ich Dir Mama. Gib mir bitte noch etwas Zeit.“ Sie umarmte mich: „Ach mein Sohn. Egal was Du gemacht hast. Ich weiß, dass du der liebste und wundervollste Sohn auf der Welt bist. Du bist mein Sohn. Dein Bruder, deine Schwestern und Du – ihr seid meine Familie. Wir schaffen das.“ Wir Kinder standen vollkommen hinter unsere Mutter, ohne zu zögern folgten wir ihr. Wie ein Prophet einem Engel gehorch, so gehorchten wir unserer Mutter. Genau wie an jenem Tag. 

Meine Zwillingsschwester und ich waren in der 7. Klasse auf der Realschule. Meine Noten waren schlecht, meine emotionale Gefühlslage sehr chaotisch. Neben der Pubertät hatte ich noch mit der negativen Stimmung zwischen meinen Eltern zu kämpfen. Die Wochenenden und Ferien verbrachte ich in der Moschee, gefangen – ohne die Möglichkeit wieder zurück nach Hause zu gehen. Freitags nach Schulschluss musste ich schnell nach Hause rennen, mich waschen und mit meinem Vater zum Freitagsgebet. Nach dem Freitagsgebet durfte ich für einigen Stunden wieder nach Hause, um dann abends wieder in der Moschee abgeliefert zu werden. Mit meinem Schlafsack unter einem Arm und dem Koran unter dem anderen Arm schlenderte ich den Eingang der Moschee entlang. Stets blickte ich in die Augen meiner Mutter, meines Vaters, als sie mich dort „absetzten“. Sie sahen die Trauer in meinen Augen nicht. Was ich jedoch in ihren Augen sah war Freude. Sie waren glücklich, dass ihr Sohn religiös erzogen wurde. Ich war mir sicher, sie wollten das Beste für mich. Was an diesen Wochenenden und Ferien passierte, das war eine andere Geschichte – wahrscheinlich wussten meine Eltern nicht einmal, was wir genau taten. Sonntag nachmittags ging es zurück nach Hause und es gab Pizza oder Döner als Belohnung. Ansonsten hatte ich mit meinem jüngeren, schwierigen Bruder zu kämpfen. Ständig ging er mit dem Buttermesser auf uns los, verschwand abends und ich musste ihn aufspüren, zurück nach Hause bringen. „Du musst ein gutes Vorbild für ihn sein!“ befahl mir mein Vater. Ich war ein verzweifelter Junge. Doch dann kam die Rettung in Form meiner Mutter. Ich saß vor unserem ALDI-Computer, als meine Mutter um meine Aufmerksamkeit bat. Sie erklärte mir, dass es zwischen meinem Vater und ihr nicht mehr lief und sie zurück zu ihren Eltern in die Türkei auswandern wolle. Sie fragte mich tatsächlich ob ich kommen würde: „Du würdest deine Freunde, deine Schule und Deutschland aufgeben.“ Ich zögerte nicht, keine Sekunde: „Mama, ich komm mit Dir!“ Meine Schwester und mein Bruder kamen ebenfalls mit. Meine Mutter sprach mit unseren Lehrern, sprach mit dem Schuldirektor. Sie alle hatten Verständnis. Meine Mitschüler bastelten mir Abschiedskarten, sie umarmten mich, einige weinten – noch nie hatte ich soviel Aufmerksamkeit bekommen, nie hätte ich gedacht, dass man mich hier vermissen würde. Es tat weh zu gehen, aber es tat gut anzukommen. Wir waren in der Türkei angekommen und alles was mein Vater daheim auffand, war ein Abschiedsbrief meiner Mutter. 

Wir waren schwach. Wir Kinder, meine Mutter, ihre Familie in der Türkei. Zwei Wochen später war mein Vater da, redete mit meiner Mutter und ihrer Familie. Keinen Tag später nahm er uns alle mit und wir waren zurück in Deutschland. Es hatte sich nichts geändert. Meine Großeltern hatten schon einmal den Fehler gemacht und ihre Tochter nach Deutschland geschickt. Und nun, fast zwei Jahrzehnte später, da hatten sie die Chance alles wieder gut zu machen. Sie hatten die Chance auf ihre Tochter aufzupassen, für ihr Glück zu Sorgen, für die Enkelkinder da zu sein. Aber sie hatten erneut den Fehler begangen, erneut ihre Tochter fortgeschickt. Dachten sie tatsächlich immer noch, dass es das Beste für ihr Kind war? Waren sie wirklich so naiv? 

Nun war ich dran. Ich würde für meine Mutter da sein. Ich umarmte sie. Wir nahmen unsere Kaffeebecher mit, stiegen ins Auto und fuhren schweigend nach Hause, wo meine Geschwister auf mich warteten, wo mein Vater auf mich wartete. Was war es bloß, dass meinen Vater zu dem machte was er war? Er hatte seiner Frau nie Zuneigung zeigen können, nie Liebe seinen Kindern geben können. Er hatte meine Mutter nicht verdient. Er hatte uns Kinder nicht verdient. Er hatte uns einfach nicht verdient … oder? 

bookmark_border#71 – Der Vorzeigehäftling


Der Dezember war einer der schönsten Monate, den ich seit langem erlebt hatte. Die Drillinge waren wohlauf und munter. Jeden Tag freute ich mich wie ein kleines Kind darauf, morgens aufzustehen und sie zu füttern. Sie wurden nach den Neffen von Donald Duck benannt: Tick, Trick und Track. Damit verband ich automatisch kindliche Gefühle mit diesen drei süßen Kälbern. Mir fiel die Arbeit nicht mehr schwer aber vielmehr fingen die Kühe an, mir Leid zu tun und immer, wenn ein neuer Häftling kam, der auch im Stall arbeiten musste, bat ich ihn darum, behutsam mit diesen Lebewesen umzugehen. 

Auch wenn die Drillinge das Wundervollste in diesem Monat waren, so gab es noch das ein oder andere Highlight. So hatten mich die Jungs nicht vergessen und tatsächlich in die Liste zum Schwimmen angemeldet. Ein dünner Pfarrer hatte uns abgeholt und in ein großes Wellenbad gebracht. Von Rutschen bis hin zu Whirlpools war alles dabei – vor allem die hübschen Damen fielen uns auf. Die Vorfreude auf die Freiheit stieg ins Unermessliche an. Die Vorstellung, dass ich später mal eine Freundin haben könnte und mit ihr zusammen in ein Wellnessbad gehen zu können, war wunderschön. Sagenhafte drei Stunden durften wir verbringen, als der Pfarrer uns wieder zusammentrieb und zurück ins Freigängerheim brachte. Überraschenderweise hielt mich Herr Kuhn an der Tür auf und forderte mich noch zum Bleiben auf, während sich die anderen drei Jungs in ihre Zimmer begaben. Eine weitere Person, die sich im Büro von Herrn Kuhn aufhielt, stellte sich mir als Leiter des Freigängerheims in Schwäbisch Hall vor. Er wollte wissen, wie ich auf die Idee käme, studieren zu wollen und wieso ich es nicht mit dem Arbeiten versuchen wollte. Doch ich konnte ihn schnell von meiner Motivation überzeugen, sodass er mir am Ende gestand, dass er das als etwas Gutes ansähe, doch die Problematik im Finanziellen sehe: „Wie möchten Sie denn das Studium finanzieren?“ Ich sicherte ihm zu, dass mein Vater mich finanziell unterstützen würde: „‘Wenn ihr studiert, bekommt ihr vollste Unterstützung von mir‘, hat mir mein Vater stets gesagt.“ Wir einigten uns darauf, dass mein Vater mindestens 600 Euro im Monat bereitstellen müsste und ich das mit meinem Vater bei meinem nächsten Ausgang klären solle. Voller Freude bedankte ich mich für das Verständnis und die Unterstützung, die er mir gab. Bevor ich das Büro verließ, wies er mich noch auf eine wichtige Sache hin: „Sie müssen sich aber selbst darum kümmern, einen Studienplatz zu bekommen.“ Ich war mittlerweile so euphorisch, dass ich das Risiko einer Absage von Hochschulen 

als nicht realistisch ansah. Die Euphorie brachte mich jedoch dazu, einen Fehler zu begehen: Ich erzählte es Tarik. Er hatte Gefallen an der Idee gefunden, auch studieren zu können – überraschenderweise hatte er die hierfür nötige Fachhochschulreife. Es war mir jedoch klar, dass er das Studium nur beginnen, aber nicht abschließen wollte denn es ist sicherlich angenehmer, in einem Vorlesungssaal zu sitzen, anstatt einer harten Arbeit nachzugehen. Unglücklicherweise rannte er sofort nach unten ins Büro und teilte dem Leiter des Freigängerheims seinen Wunsch mit, Selbiges wie ich vorzuhaben. Später erfuhr ich, dass der Leiter des Freigängerheims überhaupt nicht erfreut darüber war und kurz davor stand, uns beiden das Studieren zu verwehren. 

Noch vor Silvester und Weihnachten durfte ich einen längeren Aufenthalt in meiner Heimatstadt verbringen, sagenhafte zwölf Stunden. Am selben Tag hatte Tarik ebenfalls seinen Ausgang. Während ich morgens erneut von meiner Familie mit unserem alten Mercedes-Kombi vom Bauernhof abgeholt wurde, sahen die „Bezugspersonen“ von Tarik nicht nach Familie, sondern vielmehr nach einer Gang aus. Ich sah, wie Tarik in einen protzigen AMG-Mercedes einstieg und von zwei Stereo-Gangster-Kanaken kutschiert wurde. Meinem Vater gefiel der Anblick überhaupt nicht, weswegen er mir empfahl, mich von ihm fern zu halten. Ich bestätigte seine Aussage, indem ich ihm erklärte, dass Tarik wegen einer Schreckschusswaffe einsaß, zuvor Bewährung wegen Körperverletzung bekommen hatte und allen Anschein nach ein Zuhälter war. Dennoch fand ich Tarik paradoxerweise sehr sympathisch und lustig, wir teilten uns den gleichen Humor.

Meine Mutter kam auf die Idee, dass es doch super wäre, wenn wir auf dem Heimweg einen Zwischenstopp im Milaneo in Stuttgart machen würden. „Milaneo? Was ist das?“, fragte ich sie. Die Antwort auf meine Frage war vorherzusehen: „Es ist ein riesengroßes neues Einkaufszentrum in Stuttgart.“ Die Augen meiner kleinen Schwester leuchteten wie Perlen, als sie davon erzählte. Auch wenn ich es nicht gut fand, dass sie in dem Alter schon von Einkaufszentren schwärmte (und somit bereits im jungen Alter Opfer der Konsumgesellschaft war), so hatte ich nichts dagegen, wenn alle Lust darauf hatten. Angekommen in Stuttgart sah ich dieses riesige Einkaufszentrum hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof und versuchte mich zu erinnern, was damals statt dem Milaneo hier gewesen war – doch meine Erinnerungen beschränkten sich hauptsächlich auf die Haftzeit. 

Es war ein Samstag und somit einer der Tage, an denen generell viel los war – doch noch nie zuvor hatte ich so viele Menschen auf einem Haufen einkaufen gesehen. Es war sehr laut und ich hörte sehr viele Stimmen, die sich mit irgendeiner Hintergrundmusik vermischten. Ein Dutzend verschiedener Gerüche „vergewaltigten“ meine Nase und mein Kopf war kurz vor dem Platzen. Ich wollte unbedingt raus hier, raus in die Freiheit und an die frische Luft: „Mama, können wir bitte raus? Bitte, mir ist so schlecht.“ Meine Mutter ging meinem Wunsch sofort nach und wir begaben uns nach draußen. „Was ist denn los?“, fragte mein Vater völlig verwirrt. „Ich weiß nicht, da drin ist so viel los und es sind so viele Menschen. Ich weiß, das klingt jetzt total seltsam, als würde ich hier irgendwelche Filme schieben. Aber können wir nicht einfach draußen spazieren? Von mir aus in der Königsstraße, dann kann die Kleine auch shoppen und dort in die Läden rein?“ Auch, wenn ich in verständnisvolle Gesichter blickte, so wusste ich, dass sie besorgt waren – vielleicht dachten sie, dass ich einen Haftschaden bekommen hatte. 

Als wir in der Königsstraße waren, war zwar auch einiges los, aber ich konnte wenigstens die „frische“ Luft genießen. Typischerweise taten wir es den meisten Türken gleich und beendeten unseren Spaziergang damit, dass wir uns in ein türkisches Restaurant am Ende der Königsstraße setzten und etwas aßen. Es war unüblich, dass mein Vater auswärts aß und Geld ausgab denn er war Befürworter von heimischem Essen, wozu hatte er sonst eine Hausfrau – auch diese Denkweise war typisch türkisch. Nachmittags kamen wir dann endlich in meiner Heimatstadt an und ein unwohles Gefühl beschlich mich. So, als wäre ich unerwünscht hier und müsste mich erst noch einmal integrieren. Doch die restlichen Stunden vergingen unspektakulär: Einmal rief Herr Kuhn zur Kontrolle an und sonst saßen wir in einer familiären Umgebung vor dem Fernseher und unterhielten uns, während im Hintergrund eine türkische Serie lief – es war auch typisch türkisch, dass der Fernseher im Hintergrund läuft, während alle sich unterhalten. Meinem Vater erzählte ich davon, dass er mich monatlich mit 600 EUR unterstützen müsste, damit ich studieren durfte. Die Art und Weise wie er antwortete, war immer dieselbe. Zuerst erklärte er, wie wenig Geld er doch habe und dass ich ihn schon sehr viel gekostet hätte. Dann zählte er alles auf, was er schon für mich ausgegeben hatte. Manchmal zeigte er mir noch Rechnungen die noch zu bezahlen waren und erklärte mir, dass er für mich Geld von Freunden und Bekannten leihen musste. Mir hingegen gingen immer die gleichen Gedanken durch den Kopf: Wie hatte er sich dann die sieben Eigentumswohnungen leisten können? Wieso besaß er so viele Aktien? Verlagerte er sein Geld einfach und investierte in seine Zukunft und Rente, statt für die Kinder zu sorgen? Waren wir wirklich so arm, dass wir (damals) drei Geschwister jahrelang ein 10m² Zimmer teilen mussten? Oder übertrieb er maßlos? Im Endeffekt willigte er aber ein und sicherte mir die finanzielle Unterstützung zu. „Sobald ich aus dem Freigängerheim entlassen werde, suche ich sofort eine Werkstudententätigkeit und finanziere so meinen Lebensunterhalt“, versprach ich ihm, wohlwissend, dass er mir nicht glaubte und an meinem Vorhaben zweifelte.  

Einer der Mithäftlinge und ich hatten ein besonderes, exklusives Event im Dezember. Es schien so, als wären wir unter den ganzen Häftlingen wohl die Musterbeispiele bzw. vorzeigefähig. Ein etwas dickerer Pfarrer kam auf uns zu und fragte, ob wir denn Lust hätten, mit ihm eine Gruppe Jugendlicher zu besuchen, welche aktuell ein freies soziales Jahr absolvierten. Er hätte gar nicht erwähnen brauchen, dass sich das positiv auf unsere Haft auswirkte denn wir wären bereits nur der Abwechslung wegen mitgegangen. Natürlich bejahten wir entsprechend und warteten gespannt auf den Tag, indem wir uns verschiedenste Szenarien ausmalten. Kurz bevor das Event anstand, wurde uns etwas mulmig dabei: Was würden sie von uns halten? Würden sie uns gleich verurteilen? Es war das erste Mal für mich, dass ich offen gegenüber fremden Personen über meine Tat erzählen musste. Der Pfarrer fuhr uns in seinem privaten Auto eine Stunde weit weg an einen Ort, der abgelegen von alldem war, was auf Leben hindeutete. Wie seine zwei Bodyguards liefen wir an seiner Seite in das Haus und wurden sofort von zwei älteren Damen begrüßt, die das Ganze hier zu leiten schienen. Als wir den großen Aufenthaltsbereich betraten, konnten wir uns vor den Blicken gar nicht retten, mir wurde unwohl und ich lief auch rot an – dies lag viel weniger daran, dass mir mein Status als Häftling nicht gefiel, sondern viel mehr dass ich generell (trotz meiner extrovertierten Art) ein süchterner Typ war, wenn es um hübsche Frauen ging. Wir wurden in einen Raum geführt, in dem sich ein Stuhlkreis befand und wurden auf unsere Plätze verwiesen. Die recht jungen FSJ-ler betraten teils mit Gelächter, teils flüsternd den Raum. Andere wiederum schienen gelangweilt, während wieder andere ihre Blicke nicht von uns lassen konnten. Als alle ihren Platz einnahmen, erzählte die Leiterin des Hauses, woher wir kamen und dass wir uns für alle möglichen Fragen zur Verfügung gestellt hatten. Sie bedankte sich bei Artjom und mir und wies glücklicherweise darauf hin, dass wir unangenehme Fragen nicht beantworten müssten und dass das kein Verhör sein wird. Da die JVA wohl vom Pfarrer repräsentiert wurde, gab er eine kurze Erklärung, wie es in der JVA Schwäbisch Hall ablief und was seine Rolle dabei war: „… Außerdem habe ich die Pflicht zu schweigen, wenn sich ein Häftling mir anvertraut…“ Dies löste natürlich gleich die ersten Diskussionen aus und alle wollten wissen, ob es denn nicht doch die ein oder andere Ausnahme gab – die schien es wohl nicht zu geben. Interessant war, dass ich auch erst jetzt davon erfuhr. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich der Pfarrer die Zeit nahm, um die Seelsorge für Häftlinge zu spielen. Auch hatte ich noch nie von einem Mithäftling gehört, der diese Dienste des Pfarrers in Anspruch genommen hatte – vielleicht lag das an mangelndem Vertrauen in den Pfarrer. Welchen Dienst jedoch so gut wie jeder Neuankömmling in Anspruch nahm, berichtete der Pfarrer voller Stolz: „Ihr müsst wissen, die ersten Tage sind für die Inhaftierten die schwersten und sie sind mit den Nerven am Ende. Sie besitzen kein Geld, keine privaten Klamotten und auch sonst kein Hab & Gut. So gut wie alle sind Raucher und der Entzug von Nikotin erschwert ihnen ihre Situation noch mehr. Daher können die Neuankömmlinge einen Antrag auf ein Päckchen Tabak stellen, welches ich ihnen dann bringe. Allerdings müssen sie das zum späteren Zeitpunkt zurückzahlen bzw. beim nächst möglichem Einkauf ein Päckchen Tabak kaufen und mir zurückgeben. Dieses Prinzip funktioniert in der Regel sehr gut.“ Während er fortfuhr und seine Gutmütigkeit bis ins letzte Detail ausführte, kam es mir wie ein Geistesblitz: An meinem ersten Tag in der JVA Schwäbisch Hall war ich auch mit den Nerven am Ende, doch unglücklicherweise war ich kein Raucher, brauchte aber Schokolade als Nervennahrung. Während der Pfarrer meinem Zellenkollegen ein Päckchen Tabak brachte, ging ich leer aus und bekam nicht einmal eine Tafel Schokolade. Bei dem Pfarrer, den ich um eine Tafel Schokolade gebeten hatte, handelte es sich genau um jenen, der nun zu meiner Linken saß und davon erzählte, wie er die Anfangszeit der Neuankömmlinge etwas erleichtern würde. Am liebsten hätte ich ihm just in diesem Moment das Ganze unter die Nase gerieben, aber dies wäre höchst unangebracht gewesen. 

Dass ich eine extrovertierte Person war, wurde allen spätestens dann klar, als der Pfarrer mir das Wort übergab und ich sofort loslegte von meiner Tat, meiner Verhaftung, den ersten Wochen und die darauffolgenden Monate zu erzählen. Mal gab es staunende Blicke, mal Gelächter und natürlich auch gelangweilte Gesichter waren zu erkennen. Der Pfarrer musste mich ab einem bestimmten Punkt unterbrechen, da ich sonst wohl noch den ganzen Tag geredet hätte. Die FSJ-ler waren dran, mir Fragen zu stellen. Positiverweise wurde mir oft am Anfang der Fragen mitgeteilt, dass sie meine Tat nicht „sooooo schlimm“ finden würden und sie das Urteil heftig fanden. Auch wenn ich meine Tat nicht klein reden wollte, so erfreute es mich, dass ich hier nicht ins Kritikfeuer geraten war und nicht hart verurteilt wurde – das war meine größte Angst gewesen. Die ersteren Fragen waren absehbar gewesen: „Wird man im Gefängnis eigentlich schwul? Immerhin sieht man nur Männer.“ Das löste Gelächter aus und auch ich musste grinsen: „Also um erstmal klarzustellen, ich bin nicht homosexuell. Und nein, man wird nicht schwul. Ich weiß nicht, wodurch man schwul wird oder ob das in den Genen liegt. Aber ganz ehrlich, ein paar Jahre ohne Frauen wird man es wohl aushalten können. Außerdem gibt es ja noch die Selbstbefriedigung. Der Knast ist kein Ort, in dem Männer zu Homosexuellen transformiert werden.“ Der junge Mann, der mir die Frage gestellt hatte, wollte es genauer wissen und amüsierte sich wohl dabei, den Rest der Truppe zum Lachen zu bringen: „Aber irgendwann gehen einem doch die Fantasien aus? Man weiß doch dann nicht mehr, wie ein Frauenkörper aussieht.“ Ich sah den Pfarrer an und musste bei dem Gedanken, dass die Frage ihm wohl unangenehmer war als mir, schmunzeln: „Ich sag nur Samstagabend um 23:00 Uhr Sport1 – da sind alle Häftlinge still in ihren Zellen und ‚beschäftigt‘.“ Das Gelächter hörte gar nicht mehr auf und da kam schon der nächste junge Mann und knüpfte an die Frage an: „Ist das nicht unangenehm, wenn man die Zellenkollegen dabei sieht?“ Alle hörten aufmerksam zu, die Antwort schien die meisten zu interessieren: „Natürlich ist es das, aber das macht keiner. Das ist auch der Hauptgrund, wieso Einzelzellen bevorzugt werden – damit man eben seine Ruhe hat, wenn man sich selbst befriedigt. Diejenigen, die in Zwei- oder Viermannzellen sind, müssen einen Kompromiss eingehen. Das heißt, dass hin und wieder einer der Zellenkollegen nicht zum Hofgang geht und dafür alleine in der Zelle seine Ruhe hat. Wir wussten immer, dass sich derjenige gerade selbst befriedigt, wenn er auf den Hofgang verzichtete – zumindest in den meisten Fällen traf dies zu.“ Den Gesichtern war zu erkennen, dass die Antwort zwar sinnvoll erschien, doch etwas enttäuschend war. Die Jugendlichen schienen sehr fixiert auf die sexuellen Themen zu sein und es war nur eine Frage der Zeit, bis die ultimative Frage kam: „Wie ist das mit der Seife unter der Dusche?“ Mittlerweile fand ich die Frage bzw. das Klischee so schwachsinnig, dass ich sie am liebsten nicht beantwortet hätte, aber ich wusste noch ganz genau, dass mein erstes Mal unter der Dusche auch von dieser Angst geprägt war: „Also erstens, es gibt eigentliche keine Duschseife, die man fallen lassen kann. Jeder hat ein Shampoo oder eben Flüssigseife. Aber das ist eine berechtigte Frage, ich hatte am Anfang auch große Angst, unter der Dusche vergewaltigt zu werden. Aber die Angst ist total unbegründet. Zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand einen hoch bekommt, wenn er nicht homosexuell ist. Und diejenigen, die homosexuell sind, werden von den anderen Häftlingen ausgestoßen. Es geht sogar so weit, dass fast alle mit Unterhosen duschen. In Schwäbisch Hall unterteilen sich die Duschen in die der Türken und die der Russen. Während die Russen und Deutschen eher nackt duschen, sind Türken, sowie Kurden und Albaner stets mit Unterhose anzutreffen. Ich muss zugeben, dass ich nun seit gut zwei Jahren nur mit Unterhose geduscht habe und es sich mittlerweile nicht mehr seltsam anfühlt.“ Eine kurze Stille kehrte ein und wurde durch die nächste Frage, diesmal von einem Mädchen, unterbrochen: „Sorry, wenn ich das so sage. Aber du siehst gar nicht aus wie ein Häftling. Ganz im Gegenteil. Ich dachte immer, im Knast sind so Muskelpakete, die tätowiert sind und voll respektlos reden.“ In der Tat entsprachen weder Artjom, noch ich diesem Klischee. „Also ich bin mal ganz ehrlich, das Klischee stimmt und das Bild, dass du von einem Häftling hast, passt auch in den meisten Fällen. Ich bin mal so frech und behaupte einfach, dass der Herr Pfarrer hier uns ausgewählt hat, da wir quasi Vorzeigehäftlinge sind. Ihr habt mit uns die Normalsten aus der Haft bekommen. Ich meine, schaut euch den hier an, der sieht 1000 mal mehr nach einem Häftling aus als ich“ – ich deutete auf einen jungen Mann im Publikum, der von der Optik her in das Klischee passte und alle fielen in ein Gelächter. Die letzten Fragen befassten sich dann mit den weiteren Konsequenzen meiner Tat: „Musst Du das ganze Geld eigentlich zurückzahlen? Das wäre ja total scheiße.“ Ich überlegte kurz und merkte, dass ich mir dazu noch gar nicht viele Gedanken gemacht hatte: „Hmm, das ist eine gute Frage. Die Deutsche Bahn hat nach Rechtskraft meines Urteils drei Jahre Zeit, Zivilklage einzureichen und das Geld von mir zu fordern. Bisher haben sie das nicht getan. Ich hoffe, dass sie es auch in Zukunft nicht tun werden. Aber aktuell habe ich ganz andere Probleme und habe mich noch nicht wirklich damit beschäftigt. Was ich Schlaumeier aber getan habe, ist der Deutschen Bahn einen Entschuldigungsbrief zu schreiben. Aber um ehrlich zu sein hoffte ich einfach, dass ich damit Sympathie-Punkte beim Gericht bekomme – die haben mich aber sicherlich durchschaut.“ Etwas errötete ich schon, als ich realisiert hatte, was ich da von mir Preis gab. „Und darfst Du noch Bahn fahren?“, wollte sie noch zum Abschluss wissen: „Auch gute Frage. Weiß ich nicht. Wäre aber wirklich blöd, wenn ich die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr nutzen dürfte.“ Gerade als ich dachte, mein Auftritt sei vorbei und der Pfarrer das Wort an Artjom übergeben wollte, fiel ihm eine ins Wort: „Dürfen wir noch wissen, welche Strafe du bekommen hast?“ Ohne weit auszuholen und den Grund der Höhe des Strafmaßes zu erklären, indem ich z.B. nichts von meinen kleinen Vorstrafen erzählte, nannte ich die Zahl: „3 Jahre 9 Monate beträgt meine komplette Strafe. Ich muss jedoch nur 2 Jahre 6 Monate absitzen, da ich als Ersttäter in der Haft bei 2/3 der Strafe entlassen werden darf und der Rest zur Bewährung ausgesetzt wird.“ Wieder fing das Geflüster an, einigen schoss es wie eine Bombe aus dem Mund: „Ohaaaaa, das ist ja mal viel!“ Um ihnen nun kein falsches Rechtsempfinden zu geben, erläuterte ich doch noch, dass die Strafe zurecht war, dass da mehrere Faktoren eine Rolle spielen und sich alles im Rahmen des Strafgesetzbuches bewegt hat. Das war nun ein guter Übergang für den Auftritt von Artjom, dies sah auch der Pfarrer ein und blickte ihn an: „The stage is yours“. Interessant fand ich, dass ich Artjoms Story selber noch nicht gehört hatte.

Er war genauso alt wie ich und ein Russe, der aber von seiner Ausdrucksweise, Artikulation und auch Auftreten her eher einem Deutschen glich – dennoch hörte man heraus, dass er kein gebürtiger Deutscher war, was man auch unschwer am Namen erkennen konnte. Er saß wegen mehrfachen Einbruchs und erklärte, wie er sich in die Wohnungen und Häuser fremder Menschen begab, in dem er die Fenster aufbrach – was nach seiner Erklärung ein Kinderspiel sei, vor allem wenn die Fenster nur gekippt seien. Es gab nicht viel zu erzählen und sonst referierte er auf meine Aussagen, wenn es um die Haftbedingungen ging. Die FSJ-ler schienen auch nicht weiter zuhören zu wollen und wurden unruhig, eine streckte ihre Hand hoch und wollte wohl eine Zwischenfrage stellen: „Ich finde das total asozial, was Du gemacht hast. Einfach in fremde Häuser einbrechen. Das von deinem Kollegen finde ich auf irgendeine Weise noch ok verglichen mit deiner Tat. Wie kann man nur so drauf sein wie Du?!“ Genau vor so einem Vorwurf hatte ich Angst gehabt und nun musste es Artjom am eigenen Leib spüren – er tat mir etwas leid, aber wir waren eben Kriminelle. Man darf natürlich nicht alle über einen Kamm scheren, aber im Endeffekt war meine Tat weder schlechter, noch besser. Ich wollte mich nicht einmischen, wurde dennoch leicht rot, da die Kritik unangenehm war. Ich musste aufpassen, dass ich später in meiner Freiheit niemandem davon erzählte. Wenn sich alle gegen mich wenden und mich verstoßen würden, wäre das alles andere als gut, zumal ich sicher war, dass ich mich bessern würde bzw. wenn nicht sogar schon gebessert hatte. Noch unangenehmer wurde es, als auch nach seinem Strafmaß gefragt wurde und seine Antwort, die eigentlich nur ein verlegener Seufzer auf die vorherige Frage war. Er nannte ein Strafmaß von zwei Jahren und drei Monaten, und das als Wiederholungstäter. Letztendlich musste er wohl nur 9 Monate absitzen und hatte den Rest auf Bewährung bekommen. 

Der Pfarrer beendete das Gespräch und hielt eine Abschlussrede. Die Verantwortlichen der FSJ-ler bedankten sich bei uns und wir verabschiedeten uns. Auf der Rückfahrt fühlte ich mich erschöpft. Es war nicht einfach, offen mit seinen Fehlern umzugehen – auch wenn ich im Vergleich zu Artjom nicht so viel, oder fast gar nichts einstecken musste. Glücklicherweise lud der Pfarrer uns noch auf ein Essen im griechischen Restaurant ein. Wir freuten uns riesig auf die leckeren und duftenden Speisen: „Wenn die Leute nur wüssten, was für einen Luxus sie mit dem ganzen Essen haben.“ Erwähnte Artjom noch während er ungeduldig seinen Teller aufaß. 

Zurück im Bauernhof angekommen, begegnete mir der nächste Konflikt. Herr Kuhn bat mich schon wieder in sein Büro und erklärte mir, dass ich in der Kanalisation arbeiten müsse. Ich war schockiert. Ich kannte diese Arbeit. Zwei unserer Häftlinge wurden morgens von einem stinkenden Typen abgeholt, der Kanalreiniger war. Den ganzen Tag hatten sie nichts anderes zu tun, als in die Kanalisation zu steigen und irgendwelche Scheiße sauber zu machen – das war bei Weitem schrecklicher als die Tätigkeit auf dem Bauernhof, zumal ich langsam Gefallen daran empfand, im Stall zu arbeiten. Ich wusste ganz genau, wieso Herr Kuhn mich ausgewählt hatte: Ich konnte einfach nie Nein sagen und ich wollte unbedingt studieren. Ein „Nein“ hätte entsprechende negative Folgen nach sich ziehen können. Wollte ich das Risiko tatsächlich eingehen? Ohne etwas zu sagen, ging ich hoch und Herr Kuhn spürte bereits, dass ich wohl etwas Bedenkzeit brauchte. Als ich mich meinem Zimmer näherte, hörte ich bereits das Gelächter der drei Jungs und wurde etwas wütend, dass sie mit allem durchkamen. Als ich das Zimmer betrat kam Luigi auf mich zu, warf seinen Arm um meine Schulter und sagte: „Mein Freund, du wirst an Silvester mit uns Vodka trinken!“ Ich verneinte und war zudem sauer, dass die wohl Alkohol reingeschmuggelt hatten. Ich musste noch etwas stark bleiben, das waren die letzten Meter. Das Freigängerheim wartete auf mich. Das war das was mich ausmachte, der Wille, um meine Zukunft zu kämpfen. Die Jungs sollten mich bloß aus Allem raushalten. Als der letzte Tag des Jahres nun anstand und wir einige Stunden mit offenen Türen verbringen konnten, bevor wir abends eingeschlossen werden würden, packten die Jungs ihren Alkohol aus und betranken sich. Mir war Silvester nie wichtig gewesen, ich hatte es auch nie gefeiert und sah keinen Grund darin gerade heute das Neujahr zu feiern. Anders erging es den Mithäftlingen eine Zelle weiter, sie hatten es vermasselt: Es war noch nicht sehr viel Zeit verstrichen, seit unsere Türen offen waren, da kam ein ganz lauter Schrei aus ihrer Zelle: „Hilfe! Hilfe! Ich sterbe! Hilfe!“ Ich hatte noch nie einen Mann so laut schreien hören. Er schreite weiter „Mein Arm fällt ab, ich verliere meinen Arm! Hilfe!“ Sein Zellenkollege schien vor Panik auch zu schreien. Schnell standen wir alle auf und rannten in die Zelle. Beide lagen auf dem Boden aber es war kein Blut oder dergleichen zu sehen. Tarik lachte: „Die Idioten haben Spice genommen.“ Keine Sekunde später kam Herr Kuhn und ein weiterer Beamte, sie schlossen uns sofort in unsere Zellen ein.

Im Laufe der Nacht hörte ich die Schreie immer noch, bis irgendwann mehrere Fußstapfen zu hören waren, Stimmen der Beamten und schließlich, es war noch nicht Neujahr, da waren die Schreie der beiden Mithäftlinge plötzlich weg. 

„Frohes Neues, Bro“, Tarik drehte sich um und schlief wie ein großer Bär ein.

„Frohes Neues…“

bookmark_border#70 – Die etwas anderen Gefangenen

Die Natur, die Erde und das Universum haben gewisse Regeln. Es schien, als wäre ein komplexes System hinter allem – oder eben eine höhere Macht, ein höheres Wesen, ein Gott. So fragte ich mich, ob so ein komplexes System nur dann laufen konnte, wenn stets ein Gleichgewicht herrschte. Vielleicht gab es Naturkatastrophen und dergleichen nur, um eine Art Defragmentierung des Systems vorzunehmen, um es mit den Worten eines Informatikers zu sagen. Anders konnte ich es mir nicht erklären, dass direkt nach einem der besten Tage meines Lebens die wortwörtlich beschissenste Zeit ebendieses anstand.

Gerade als unser Quartett zur Arbeit abrücken wollte, kam Herr Kuhn auf uns zu: „Einer von euch muss im Stall arbeiten.“ Tarik fühlte sich sofort angesprochen: „Wieso? Gibt es denn nicht genug Leute? Und wer von uns soll da arbeiten?“ Der Beamte öffnete uns die Tür und machte ein husch-husch-Zeichen, als der kalte Wind mit voller Wucht hineinblies: „Die sind unterbesetzt. Macht das unter euch aus, ich brauche heute zum Mittagessen einen Namen.“ Wir begaben uns fluchend und genervt in unseren Arbeitsraum. Es herrschte Chaos im Paradies: Wer musste gehen? Wir diskutierten, beschwerten uns und lachten über die Scheißarbeit. Am Ende verging mir aber das Lachen. Es hatte mich erwischt: „Emre, Du bist der Neueste. Wäre es ok, wenn Du gehst?“ Die Drei hatten sich geeinigt und es war vielmehr eine Aufforderung als eine Frage. „Ja, was soll’s“, das waren auch die Worte, die ich Herr Kuhn sagte, als er in der Mittagspause fragte, ob ich im Stall arbeiten möchte. 

Bereits am Abend musste ich mit den restlichen Stallarbeitern abrücken. Mein Lichtblick für die nächsten zwei Wochen war mein zweiter Ausgang, der ebenfalls fünf Stunden betrug. Und ehe ich mich versah, waren diese zwei Wochen auch schon um: „Mensch, wie die Zeit vergeht.“ Tarik und ich waren im Zimmer, er telefonierte und ich spielte derweil „Assassin’s Creed: Black Flag“ auf der Xbox-Konsole, die Tarik gehörte – das war der größte Vorteil bei der Arbeit im Stall. Ich musste nur morgens und abends je zwei Stunden raus und konnte den restlichen Tag an der Konsole spielen, oder mit den anderen Stallarbeitern Kaffee trinken. „Bruda, Du wirst auch nicht jünger, was“, Tarik hatte mir wohl zugehört – seiner Freundin erzählte er am Telefon, dass heute mein Geburtstag war und ich heute Ausgang hatte. Kurz bevor meine Eltern ankamen, machte ich mich frisch und stand gespannt vor dem Fenster im Aufenthaltsbereich. Von hier aus konnte man die ankommenden Autos beobachten, jeden Moment müsste ich unser Auto sehen. Damals bekam ich ein leichtes Kribbeln, wenn ich den DHL-Wagen um die Ecke fahren sah, diesmal war es unser alter Kombi-Mercedes.

Es kam mir vor wie ein Déjà-vu, als wir wieder gemeinsam im Auto saßen und uns in die Stadt begaben. Von mir aus wäre ich gerne in einer Dauerschleife von Ausgängen fest stecken geblieben, doch war eine komplette Freiheit natürlich erstrebenswerter. Als Kind träumte ich immer davon, meinen Kindergeburtstag im McDonald’s zu feiern und in der magischen Welt, in der ich lebte, gab es die eine Zauberfee, die mir dies stets ermöglichte – meine Mutter. Und nun war mein 24. Geburtstag und erneut befand ich mich im McDonald’s. Ich fühlte mich unwohl, als Kind war McDonald’s zwar ein magischer Ort, doch schnell wurde mir klar gemacht, dass es ein teuflischer, sündhafter Ort war. Als pubertierender junger Mann war ich mit unserer gleichaltrigen Nachbarin und meiner Zwillingsschwester im Kino gewesen. Nach dem Film begaben wir uns in den McDonalds, um den einzigen „Burger“ zu essen, der uns nicht verboten wurde – den Filet-O-Fish. Unsere Nachbarin allerdings war nicht (streng) gläubig und nahm das locker mit dem Rindfleisch, bestellte entsprechende Burger und bot mir einen an. Ich lehnte zuerst ab und machte sie darauf aufmerksam, dass dies „Haram“ sei und sie das eigentlich auch nicht essen solle. Sie erklärte mir, dass es sich hierbei nicht um Schweine-, sondern Rindfleisch handeln würde: „Das darfst Du essen, das ist helal.“ Ehrlich gesagt hatte ich auch Lust darauf, und zuvor war mir nicht bewusst gewesen, dass es sich hierbei um Rindfleisch handelte. Also nahm ich ihr Angebot an und aß einen dieser Burger. Meine Schwester versuchte mich noch davon abzuhalten, doch war sie sich wohl auch nicht so ganz sicher, ob der Burger nun helal oder haram war – entsprechend blieb sie auch gewissermaßen zurückhaltend. Als wir daheim angekommen waren, rannte sie sofort zu unseren Eltern und „petzte“ mich. Dass ich etwas Falsches getan hatte, wurde mir erst bewusst, als meine Mutter mich mit ihren traurigen und enttäuschten Augen ansah und mein Vater wütend auf mich zukam, um mich anzuschreien und zu erniedrigen. Ich fühlte mich tatsächlich wie am Tag des Jüngsten Gerichts und hatte wie immer Angst, irgendetwas zu sagen. Immer wieder sagten meine Eltern: „Wie willst Du das vor Allah rechtfertigen?“ Ich dachte mir bloß: wenn die Abrechnung am Tag des Jüngsten Gerichts nur im Ansatz so schlimm war, wie mein Vater, dann würde ich wohl freiwillig in das Höllenfeuer springen. Als sich mein Vater abreagiert hatte, erklärte mir meine Mutter, dass Rindfleisch sehr wohl haram sein kann und es in den meisten Fällen auch ist. Denn nur Tiere, die auf eine bestimmte Art und Weise geschlachtet worden sind, seien helal. So eine religiöse Schlachtung wurde beispielsweise damit beginnen, dass Allahs und der Name seines Propheten aufgesagt werden – man schlachtete quasi im Namen, bzw. mit der Erlaubnis Allahs. 

Nun befand ich mich also im McDonald’s und dachte daran, wie wohl die Burger schmecken würden – dass ich gerne alle mal probieren würde. Doch heute war es noch nicht soweit. Heute gab es Kaffee und Kuchen, für die hungrigen noch Pommes-Frites und selbstverständlich Filet-o-Fish. Ich war sehr positiv überrascht, als plötzlich meine Cousins, mein Onkel und meine Tante, aber auch meine Oma das „Restaurant“ betraten. Meine Oma hatte ich bisher einmal während meiner Gerichtsverhandlungen gesehen, ansonsten seit meiner Verhaftung nicht mehr. Etwas enttäuscht war ich darüber, dass mein Opa nicht gekommen war. Er wolle mich nicht in solch einer Situation sehen, teilten sie mir mit. Dabei fand ich meine „Situation“ gar nicht mehr so schlimm, ich war ich doch gerade dabei aufzublühen. Alle gratulierten meiner Zwillingsschwester und mir zum Geburtstag, wir schossen unzählige Fotos und unterhielten uns über die schönen Zeiten, aber auch meine Ziele, die ich nach meiner Haft verfolgen würde. Doch das Schönste an diesem Tag waren die Geschichten, die ich über meine neuen Mithäftlinge erzählen konnte – die Kühe.

„Ja, ich bin leider im Stall gelandet. Das ist echt eine scheiß Arbeit“, erzählte ich, während meine Cousins und Geschwister die Ohren spitzten. Die anderen „Erwachsenen“ unterhielten sich miteinander und ließen uns sprechen: „Die Arbeit fängt nämlich mit Scheiße-schaufeln an. Ich stehe um 5:30 Uhr morgens auf und ziehe meine von Scheiße befleckten Arbeiterklamotten in der Umkleidekabine an. Da stinkt es schon total eklig, aber das ist nichts im Vergleich zum Stall – wo ich dann um 6:00 Uhr morgens an der Matte stehe, oder besser gesagt auf der Scheiße stehe. In einem Bereich des Stalls befinden sich ca. eine dutzend Kühe verteilt auf zwei Seiten. Sie sind am Hals angekettet und mit den Schädeln auf die Futterstelle gerichtet. Diese Futterstelle trennt die Kühe in zwei Seiten auf und ist befahrbar. Einer von uns Stallarbeitern bringt das Futter in Schubkarren und verteilt es auf dieser Futterstelle gleichmäßig, so dass alle Kühe was davon haben. Aber hey, diese Kühe sind so verdammt gierig, die haben es total auf das Futter des Nachbarn abgesehen. Anstatt das zu essen, was vor ihnen liegt, essen ein Paar von ihnen erstmal beim Nachbarn mit oder schieben einen Teil des Futters vom Nachbarn vor ihre Schnauze, so dass der Nachbar nicht mehr rankommt. Als ich das gesehen habe, fand ich das schon total krass – aber das schlimmste ist die Gier nach Kraftfutter. Das ist schon regelrecht eine Sucht bei den Kühen. Die riechen das von weiter Entfernung und schreien ‚Möööööööh‘, wie so richtige Junkies, wenn man sich mit dem Kraftfutter nähert. Die Kühe, die sich weiter hinten befinden, rasten dann total aus, wenn die ersten schon ihr Kraftfutter bekommen und sie zunächst leer ausgehen. Einmal habe ich gesehen, wie einer meiner Stallarbeiterkollegen eine ganze Schubkarre voller Kraftfutter ausversehen umgekippt hat – mitten auf der Futterstelle. Ich schwöre euch, es ist so schwer, das in Worte zu fassen. Aber ich sag‘s mal so: Wären die Kühe nicht angekettet gewesen, die hätten meinen Kollegen vergewaltigt und eine richtige Drogenorgie gefeiert.“ Meine Cousins mussten lachen, einer von ihnen grinste: „Haha, Emre Abi, das hört sich total lustig an.“ Ich schmunzelte, es war in der Tat lustig, aber irgendwie auch nicht: „Naja, das Futter muss ja irgendwo wieder raus. Und da komme leider ich ins Spiel. Die Neuen, also unter Anderem ich, dürfen sich erstmal eine leere Schubkarre und eine Schaufel zur Hand nehmen. Jeweils einer von uns kümmert sich um ein halbes Dutzend Kühe, besser gesagt um deren Ausscheidungen. Es gibt eine Art Abfluss hinter den Kühen, wenn wir Glück haben, treffen sie direkt da rein, meistens liegt die Scheiße allerdings irgendwo dort, wo sie sich auch hinlegen. Also versuche ich erstmal, den ganzen Mist in diesen Abfluss reinzuschieben. Meistens ist die Scheiße total flüssig, entweder weil die Kuh Durchfall hat oder eben, weil die Scheiße mit Urin gemixt wurde. Danach schaufele ich die Scheiße in die Schubkarre und transportiere sie raus, auf einen riesigen Scheißhaufen. Dort versuche ich dann, die matschige Scheiße zu entladen und muss jedes Mal damit kämpfen, nicht auszurutschen und auf dem Scheißhaufen zu landen. Einmal ist mir der Schubkarren aus der Hand entglitten und mitten auf den Haufen gelandet. Es war echt eine eklige Angelegenheit, die Schubkarre da wieder rauszuziehen. Wenn die Scheiße dann komplett weggeschaufelt ist, müssen wir Stroh unter die Kühe streuen, so dass sie es noch schön gemütlich haben – aber vor Allem, um nicht auf ihrer flüssigen Scheiße ausrutschen. Zum Glück müssen wir denen nicht auch noch den Arsch abwischen. Ich frage mich auch stets, ob meine Arbeit besser ist als die der Melker. Diese Kollegen dürfen mit einem Gerät die Kuh melken, besser gesagt, die Milch absaugen. Diese gelangt direkt in ein Rohr, welches zu einem großen Kanister führt. Es gibt tatsächlich Anwohner, die genau diese frische Milch kaufen – direkt von uns Häftlingen. Habe schon ein, zwei Mal erlebt, dass ein Melker ausversehen auf die Scheiße getreten ist oder sogar fast von einer Kuh erdrückt worden wäre.“ Die Spannung meiner Cousins hielt immer noch an, sie konnten kaum glauben, dass ich so eine Tätigkeit ausübte: „Du erzählst das so locker flockig, als wäre es total normal, was Du da tust“, meinte meine Cousine anerkennend. „Naja, erstens bin ich Gefangener, zweitens ist mir das viel lieber als in einer Zelle zu schmoren – die Erfahrung ist es auch wert. Das Ganze motiviert mich, meine Ziele zu erreichen, und ich schätze die kleinen Dinge mehr. Aber die Geschichten sind noch nicht zu Ende. Ich habe mal was richtig Krasses gesehen. Eines Tages war ich wieder Scheiße schaufeln, da kam plötzlich ein Bauer aka Vollzugsbeamter und bat mich um Hilfe. Ich sollte einer Kuh, der Olga, den Schwanz halten. Ohne Widerrede packte ich den Schwanz, formte ihn schneckenhausförmig und machte den Arsch der Olga frei. Just in diesem Moment realisiere ich, dass der Beamte einen Handschuh aus Folie hat, welcher bis zu seiner Schulter reicht. Irgendein Plastikrohr führte von seiner Schulter in seine Handfläche und mündete bei einer Spritze. Ich habe nicht mal Zeit zu fragen, was das alles darstellen soll, da steckt er seinen Arm direkt in das vor ihm stehende Loch so tief, dass sein kompletter rechter Arm im inneren der Kuh verschwindet. Die Olga macht keinerlei Anstalten – ist wohl Größeres gewohnt. Ich bin total schockiert und muss mich bei dem Anblick fast übergeben, doch neugierig bin ich trotzdem: ‚Ist die Olga krank?‘ Der Beamte verneinte dies ganz gelassen. Meine Neugier stieg: ‚Ähm, wenn das keine Medizin ist, was spritzen Sie ihr da gerade rein?!‘ Er schaute mich an, grinste ganz frech: ‚Ich befruchte die Olga gerade.‘“ Die Reaktionen meiner Cousins und meiner Geschwister sind unterschiedlich, während die Frauen sich eher ekeln, finden die Männer es abartig lustig. „Wartet, wartet – ein, zwei Geschichten habe ich noch auf Lager. Ihr werdet es nicht glauben, aber ein Ochse, Bulle oder Kuh oder whatever – ich kann die nicht unterscheiden – wollte mich killen!“ Sie hörten gespannt zu. „Die jungen Bullen, wahrscheinlich irgendwie pubertierende, befinden sich in einem separaten Stall. Das ist total eklig bei denen. Über dem Stall gibt es das Dachgeschoss und eine Luke. Ich muss stets hoch aufs Dachgeschoss und eine große Menge an Stroh runterwerfen. Danach muss ich runter in den Stall und das Stroh auf der ganzen Fläche verteilen. Das bedeutet, dass die Bullen dort scheißen, ich Stroh darauf streue, die wieder scheißen und ich wieder Stroh darauf streue. Das bedeutet, dass am Ende des Monats mehrere Schichten Scheiße und Stroh übereinander befinden und das Ganze dann mit einem Traktor gesäubert wird. Eines Tages, da habe ich von oben wieder eine große Menge Stroh runtergeschaufelt und es befand sich dann ein großer Stroh-Hügel im Stall. Als ich gerade von der Luke hinunterblickte, habe ich einen Bullen gesehen, der sich in dem Strohhaufen rumgewälzt hat, worauf ich ihn anschrie. Ohne Witz jetzt, der hat hochgeschaut! Ich dachte, der guckt mich richtig an – so tief in die Augen! Jedenfalls bin ich runter und habe erstmal überall Heu und Kraftfutter verteilt, damit die Bullen mit dem Fressen beschäftigt sind und mich beim Verteilen des Strohs nicht belästigen. Es war mittlerweile Routine geworden, alle Bullen waren gerade am Essen, da hab ich mich in den Stall begeben und war schön am Streuen des Strohs, da kam einer von denen – ich meine es war der selbe wie vorhin – und wollte sich wieder im Stroh rumwälzen. Ich habe ihn daraufhin weggescheucht und laut angebrüllt: ‚Verpiss dich, Alter!‘ Er ist daraufhin ein paar Meter weiter weggegangen und hat mich wieder tiefsinnig angeschaut. Das Blut in meinen Adern gefror, als ich den Blick erwiderte. Irgendwas hatte der Arsch vor. Und tatsächlich, plötzlich geht er in eine Art Angriffsstellung, kratzt mit seinem rechten Huf auf dem Boden und macht den Anschein, als würde er mich gleich attackieren wollen. Er rannte so schnell los, dass ich nur noch ‚HILFEEEE‘ schreien konnte, die Mistgabel hoch hob und meine Augen schloss. Er bremste kurz vor der Mistgabel ab, machte wieder ein paar Schritte zurück und ich merkte schon, wie er sich auf den zweiten Angriff vorbereitete. Währenddessen kamen die anderen Häftlinge, womöglich wegen meines Hilfeschreis, und versuchten die Situation zu begreifen. Ich hingegen hatte die Mistgabel bereits auf den Boden geschmissen und versuchte mich über die Stallabsperrung zu werfen – nie kamen mir die Gummistiefel so schwer vor, wie in diesem Moment. Doch ich hatte es geschafft und fühlte mich, als wäre ich dem Tod haarscharf entkommen. Als ich völlig außer Puste erzählte, was passiert war, bekam ich nur lauter Gelächter zu hören.“ Meine Geschwister und Cousins schienen noch nicht genug von meinen Kuh-Geschichten zu haben, so erzählte ich ihnen noch das eine letzte Ereignis: „Ich war gerade dabei, mit einer Mistgabel den Scheißhaufen einer Kuh in die Schubkarre zu beladen. Die Kuh störte mich etwas mit ihrem Schwanz, da sie damit hin und her wedelte und ich Angst hatte, sie würde mich damit treffen. Also versuchte ich, den Schwanz zu packen und in eine Art Ruhezustand zu bringen. Doch plötzlich holte die Kuh mit ihrem Schwanz sehr weit aus und haute damit direkt in mein Gesicht. Der Schwanz traf mich wie eine Peitsche ins Gesicht, doch das war noch nicht genug – an ihm waren lauter kleiner Scheißstücke hängen geblieben, die beim Schlag ins Gesicht auch meine Zunge berührten, da mein Mund währenddessen offen war. Noch nie in meinem Leben war ich so aggressiv wie in diesem Moment – zumal ich ja auch sonst keine aggressive Person bin – aber sowas hatte ich noch nie erlebt, also brüllte ich los und stach mit der Mistgabel auf ihren Hintern: ‚Muuuuuuuuh‘ schrie die Kuh und just in diesem Moment bereute ich, was ich getan hatte. Plötzlich hörte ich die Stimme des Beamten: ‚Ates, was machen Sie da?‘, Ich wusste nicht, wie lange der Beamte schon dastand, doch erklärte ich ihm, was passiert war. Er musste schmunzeln und ermahnte mich, den Kühen nicht wieder weh zu tun.“

Ich konnte allen am Tisch ein amüsiertes Strahlen ins Gesicht zaubern, einige hatten sogar Lachkrämpfe. Das bedeutete mir sehr viel, diese positive Energie, weg von all dem gewohnten Mitleidsgetue. 

Es ist eine Kunst, das Leben aus einer magischen Perspektive zu betrachten. „Der Emre war schon immer mein kleiner süßer Träumer“, erwähnte meine Mutter stets, wenn ich simpelste Dinge in solch einer Begeisterung erzählte, als wären sie nicht von dieser Welt – ein Wunder, eine Magie, so bewundernswert wie das Universum. Es waren mittlerweile einige Wochen vergangen, seit ich meiner Familie die „Kuhgeschichten“ an meinem Geburtstag erzählt hatte. An diesem Tag wusste ich noch nicht, dass die wunderschönste Geschichte noch bevorstand. Es war ein kalter, windiger morgen – Weihnachten stand vor der Tür. Zum ersten Mal fieberte ich mit, zum ersten Mal spürte ich die positive Ausstrahlung meiner Mitgenossen. Warm in meine Arbeitsklamotten eingepackt rückte ich am frühen Morgen zur Arbeit ab. Ich war der erste, der im warmen Stall ankam. Gerade hatte ich meine Handschuhe angezogen und wollte nach dem Schubkarren greifen, da sah ich ein paar Gestalten. Ehe ich erkannte, um was es sich handelte, schrie einer der Häftlinge auf: „Oh shit, die hat Babys bekommen!“ Kälber lagen auf dem kalten, harten Boden und gaben klägliche Laute von sich. Es fühlte sich so an, als würden sie um ihr Leben ringen. Schnell tat ich es meinen Mithäftlingen gleich und packte eines der Kälber und umarmte es fest. Es zappelte und war sehr schwer. Ich war in solch einer Panik, dass dem Kalb etwas geschehen könnte, und folgte meinem Mithäftling in einen kleinen Stallbereich. Ein anderer der Mithäftlinge kam bereits mit einer Menge Stroh angerannt und wir versuchten, die Kälbchen damit zu bedecken, damit sie nicht erfroren. Ich fühlte mich überfordert. Ein Beamter wurde informiert und eilte mit Decken herbei, um mit diesen die Kälber zuzudecken. Ein anderer Beamter kam mit Milcheimern um die Ecke und spritzte den Kälbern förmlich die Milch in den Mund. Es glich alles einem Notfalleinsatz und ich stand nur da, mein Herz pochte und ich wünschte nichts mehr, als dass diese Kälber überlebten. Ich glaubte für einen Moment stärker denn je und betete zu Gott. „Werden sie es schaffen?“, fragte einer der jüngeren Häftlinge. „Ich weiß es nicht. Sie sind sehr dünn. Drei auf einmal ist nicht ohne“, antwortete der Beamte, während er die Kälber versorgte. Es war kalt, alle Häftlinge standen da und hatten ihre Arbeit eingestellt, alle versuchten zu helfen, alle versuchten irgendwie zu beten – „Das sind Drillinge?“, fragte ich überrascht.

Es war soviel schief gelaufen in letzter Zeit, aber wenn diese Drillinge nicht überleben würden, wäre es einfach nicht fair. Ich wollte wieder an Wunder glauben.