#36 – Deutscher mit Migrationshintergrund

„Man, Savas! Was soll das? Kartal ist während meiner Abwesenheit einfach in meine Zelle und hat die Tabakdose auf meinen Tisch gelegt!“

Ich war stinksauer. Savas sollte meines Erachtens nach mit ihm klären, dass so etwas nicht angeht. „Hast du es jetzt? Alter, geil Emre.“ Ich hatte Savas schon lange nicht mehr so glücklich gesehen, mit seiner Gebetskette in der rechten Hand und Tayfun an seinem linken Kleinfinger, fing er an, „Halay“ (ein traditioneller türkischer Festtanz) zu tanzen. „Ey man, Savas, jetzt hör mir mal zu! Was wäre passiert, wenn der Beamte gesehen hätte, dass der Kartal nach der Dusche noch in meine Zelle geht? Außerdem hat Herr Winter die Tabakdose auf meinem Tisch gesehen. Der weiß doch ganz genau, dass ich Nichtraucher bin.“ Ich war genervt von den Freudensprüngen der beiden, was sich noch weiter verschlimmerte, als ich merkte, dass ich auf taube Ohren stieß. „Jetzt chill mal, Emre. Der Winter denkt bestimmt, dass du die Tabakdose zum Tauschen gekauft hast, der weiß doch ganz genau, dass Tabak die Währung im Knast ist.“ Für mich milderte dies keineswegs die Umstände, denn die Tauschgeschäfte waren genauso verboten, wie jemandem Schulden zu geben…oder eben, ein Handy zu besitzen. Nur griffen die Beamten bei Letzterem konsequenter ein.

In der Nacht löste jede Stimme und jedes Schlüsselgeräusch ein starkes Herzklopfen in mir aus, denn die Tabakdose hatte ich sehr auffällig im Schrank verstaut. Ich setzte darauf, dass es gerade deswegen nicht auffallen würde. Der Schlaf kam erst, als ich einen genialen Einfall zu einem sicheren Versteck hatte:

Jeden Morgen sammelten wir den Müll der Zellen in blauen Säcken ein. Wir hatten zusätzlich größere Mülltonnen mit blauen Säcken, die wir für den aufkommenden Müll nutzten, der bei den Reinigungsarbeiten so anfiel. Ich würde die Tabakdose einfach zum restlichen Müll in einen der Mülltonnen werfen…und müsste nur jeden Morgen, bevor ich die blauen Säcke nach draußen bringe, darauf Acht geben, dass die Tabakdose dann im neuen, frischen, blauen Sack landete. Außerdem war ich für den Müll zuständig, der andere Reiniger würde sowieso nichts mitbekommen. Der Deutsche war entlassen, er hatte auch nur wegen Dealens mit Gras gesessen. Nebenbei fragte ich mich, wen sie wohl als neuen Reiniger nehmen würden?

Am nächsten Morgen gab ich meinen Antrag für den Sozialarbeiter direkt beim Beamten ab, als er die anderen Anträge der Häftlinge sortierte. Es war wieder mal Herr Nils da, und abermals erwies er sich als der beste Beamte, den ich je getroffen hatte. „Ah, was willst Du denn vom Sozialarbeiter?“, fragte mich Herr Nils, nachdem er meinen Antrag überflogen hatte. Ich erklärte ihm kurz mein Dilemma, woraufhin er seufzte: „Na, dann hoffen wir mal, dass der Sozialarbeiter dir helfen kann.“ Ich begriff zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass er damit die Möglichkeiten des Sozialarbeiters gemeint haben muss. Er zweifelte wohl daran, dass dieser mir würde helfen können. „Was hältst du eigentlich von eurem Türken da? Dem Yilmaz?“, fragte er beiläufig. Ich erwiderte seinen fragenden Ausdruck mit dem gleichen Fragezeichen im Gesicht: „Er hat sich nämlich für den nächsten Reinigerposten beworben“, fuhr er fort. Ich überlegte kurz, denn eigentlich hasste ich diesen Kerl. Außer zu Meckereien war er zu nichts wirklich fähig. Aber… vielleicht war es besser, einen weiteren Türken als Reiniger-Kollegen zu haben. Auch würde er sicherlich weniger rumheulen, wenn er etwas gelockerte Haftumstände durch den Reinigerposten hätte. Gerade in Bezug auf das Handy würden unsere Türken es wohl begrüßen, dass der andere Reiniger mich nicht verpfeifen würde, wenn er wegen des Handys Verdacht schöpfte. Durch Yilmaz würde die Gefahr schon einmal um die Hälfte sinken, da er zu unserer Truppe gehörte. „Ja, weiß nicht, eigentlich ist der ganz nett. Er ist auch total sauber, seine Zelle ist immer schön aufgeräumt. Sein Deutsch ist auch sehr gut, ich denke, zumindest an der Kommunikation würde es nicht scheitern.“ Er schien diese Information wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen.

Ich ging meinem Tagewerk als Reiniger nach und sah den Sozialarbeiter immer durch die Gänge schlendern, aber nie kam er zu mir. Als ich dann gegen mittags, kurz bevor die Mittagsessen-Ausgabe anstand, ungeduldig wurde, sprach ich ihn an. Gerade als er in sein Büro, welches neben dem Beamten-Büro war, hineinspazieren wollte, hielt ich ihn an: „Herr Adler, Sie haben meinen Antrag wohl noch nicht erhalten?“ Obwohl es eine rhetorische Frage war, antwortete er knapp darauf, dass er auf mich zukäme, sobald er etwas wisse. Das Wochenende brach an, und der Sozialarbeiter hatte mich immer noch nicht zu sich bestellt.  Das Handy in der Tabakdose versteckte ich über das Wochenende in der Mülltonne in der Besenkammer. Soweit mir bekannt war, wussten neben mir nur Kartal, Savas und Tayfun Bescheid. Auch teilte Kartal mir mit, dass sich momentan kein Guthaben darauf befände, doch dass Savas sich darum kümmern wolle. Am Wochenende gab es das übliche Programm, morgens Teeausgabe, mittags Essensausgabe, nachmittags dann zwei Stunden Umschluss (ich ging mit ein dutzend Leuten in den Freizeitraum und spielte Poker mit Schokolade als Einsatz), gefolgt vom Hofgang und danach gab es die Abendessensausgabe. Meist verfasste ich Samstag und Sonntag abends Briefe an meine Familie, je nach Gemütslage waren diese entweder voller Trauer (ich verlangte förmlich nach Mitleid) oder ich erzählte von lustigen Vorfällen. Yilmaz wurde in der Zwischenzeit zum Reiniger ernannt, weshalb ich ihn am Wochenende einlernte und dementsprechend bis zum Einschluss am Hals hatte.

Die Woche begann mit einem Besuch. „Ist mein Vater da, oder meine Mutter, oder beide?“, wollte ich vom Beamten wissen, der mich in den Besucherraum begleitete. „Weiß ich nicht, da ist ein Mann.“ Der Beamte konnte daraus wohl nicht schließen, dass der Mann nicht meine Mutter sein konnte. „Mist, ich habe 30 Minuten Besuch, stimmt’s? Können Sie mich nicht einfach nach 15 Minuten rausholen, mit irgendeinem Vorwand, dass ich zur Essensausgabe muss, oder so?“, mein deprimiertes Gesicht schien den Beamten nicht davon abzuhalten, meine Frage als Witz aufzufassen: „Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder?“ Ich nickte, er schüttelte nur den Kopf und schon befand ich mich bei meinem Vater. Nach der Begrüßung setzte ich mich hin und fing an, die Süßigkeiten zu naschen. Wenigstens das machte mein Vater, er kaufte mir einen Haufen Süßigkeiten, und Kaffee gab es auch dazu. Das war pure Nervennahrung und die brauchte ich dringend: nach Gesprächen mit meinem Vater fühlte ich mich schlechter als zuvor. Diesmal durfte ich zu hören bekommen, was für ein Idiot ich war, dass ich mich nicht um meine Staatsangehörigkeit gekümmert hatte, obwohl er es mir seit meinem 18. Lebensjahr immer wieder ans Herz gelegt hatte. Er hatte auch meist Recht mit dem was er sagte, nur die Art und Weise, wie er etwas sagte oder eben wie das bei mir ankam, machte mich sauer. Dass mir die Gespräche total auf den Zeiger gingen, konnte ich ihm auch nicht sagen. Ich schluckte alles und kotzte dann unglücklicherweise bei meiner Mutter über meinen Vater ab, sobald sie mich alleine besuchen kam. „Das türkische Konsulat meint, du müsstest persönlich erscheinen, um die Dokumente zu unterschreiben, die JVA würde Dich zum Konsulat transportieren müssen, solche Fälle hätten sie schon paar Mal gehabt.“ Diese Aussage meines Vaters nahm ich mit zum Gespräch mit dem Sozialarbeiter. Nach der Verabschiedung von meinem Vater begab ich mich direkt zur Essensausgabe, um danach sofort an der Tür des Sozialarbeiters zu klopfen. Ich wollte ihm die Dringlichkeit meines Anliegens nochmals ins Gedächtnis rufen. Die Tür ging tatsächlich auf und der Sozialarbeiter, Herr Adler, stand vor mir: „Ja, was gibt es?“

Nachdem ich ihn darauf hingewiesen hatte, dass ich nun knapp eine Woche auf ihn gewartet hatte und mir die Zeit wegen meines deutschen Passes davonlief, schaute er nur verdutzt, als hätte er es vergessen und als sei ihm gerade ein Licht angegangen. „Treten Sie ein.“ Er zeigte auf einen Sitzplatz und setzte sich vor seinen Computer. Sicherlich hatte er damit Zugriff auf das Internet. Wie gerne würde ich jetzt auf irgendwelchen Newsseiten rumstöbern, auf Facebook schauen, was die Leute so trieben, und natürlich auf die Seiten gehen, die mit „You“- begannen, jedoch nicht auf „Tube“ endeten.

Zurück von meinen Fantasien des Internets, erklärte ich Herrn Adler, dass ich meinen deutschen Pass verlieren würde, wenn ich nicht bald zum türkischen Konsulat transportiert würde. Er war mir keine große Hilfe, lediglich zwei Argumente weshalb ich nichts unternehmen bräuchte, warf er mir auf den Tisch: „Sie können nicht einfach so zum Konsulat transportiert werden. Diese Möglichkeit besteht nur für Strafhäftlinge, als U-Häftling ist sowas nicht möglich. Außerdem werden solche Angelegenheiten wie Bürgerschaftsprozesse während der Haft stillgelegt, Sie müssen nichts befürchten, kümmern Sie sich entweder in der Strafhaft oder nach ihrer Entlassung darum.“ Nun verstand ich, worauf Herr Nils hinaus wollte, als ich ihm gesagt hatte, dass ich die Hilfe vom Sozialarbeiter aufsuchen würde.

In Bezug auf meine Staatsbürgerschaft ergriff ich von nun an keine Eigeninitiative mehr und vertraute dem Sozialarbeiter. Savas hatte in der Zwischenzeit Guthaben für das Handy besorgt und begann, in der Freizeit zu telefonieren. Dieses Zeitintervall war jedes Mal mit Risiken für mich verbunden, denn damit Savas und Tayfun abends in der Freizeit ab 18:00 Uhr telefonieren konnten, musste ich das Handy vor 15:30 Uhr aus dem Mülleimer in der Besenkammer holen und in meine Zelle legen. Ab da wurden die Räume nämlich geschlossen, und der Hofgang begann. Täglich befand sich das Handy also für knapp 3 Stunden in meiner Zelle, weshalb ich auch während meiner Hofgänge gedanklich immer bei meiner Zelle war. Es war nicht unüblich, dass während des Hofgangs Zellen kontrolliert wurden. Das ganze Thema mit dem Handy hatte sich zudem sehr schnell rumgesprochen, ein Russe kam während der Freizeit zu mir: „Hey Emre, hast Du was von einem Handy gehört? Die im ersten Stockwerk haben gesagt, dass die Türken im zweiten Stockwerk ein Handy besitzen.“ Ich konnte meinen Ohren nicht trauen, die beiden Vollpfosten Savas und Tayfun wollten mich ins offene Messer laufen lassen. Wie konnten die nur das Geheimnis nicht für sich behalten? Ich suchte sofort das Gespräch mit den beiden auf, welches aus meiner Sicht jedoch in die völlig falsche Richtung lief: „Emre, keine Angst, wenn etwas passiert, dann nehmen wir das auf uns.“, meinte Tayfun, „Ja? Warum versteckt ihr das Handy dann nicht gleich in eurer Zelle?“ Die Antwort von Savas klang logisch: „Weil die Reiniger-Zellen und Besenkammern viel seltener kontrolliert werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die das Handy finden, ist so geringer.“ Wie ich erfuhr, machten sie Deals mit dem Handy. Ein Russe hatte den beiden tatsächlich eine Tabakdose im Wert von ca. 20.00 EUR (eine beachtliche Summe für Knastverhältnisse) gegeben, um eine halbe Stunde telefonieren zu dürfen. Ich fuhr also mit dem Verstecken des Handys fort, telefonierte jedoch kein einziges Mal damit. Meine Familie würde es nicht verstehen, wenn ich sie anrief. Auch, als der Tag des Opferfests anbrach, traute ich mich nicht, meine Eltern anzurufen, und ihnen zu unserem religiösen Fest zu gratulieren. Dennoch gab es Grund zur Freude: es sprach sich herum, dass das türkische Konsulat für jeden angemeldeten Teilnehmer des Opferfests Döner, Ayran und Baklava mitbringen würde. Herr Nils brachte uns Türken zum anderen Gebäude, in dem das Fest stattfinden würde: „Herr Ates, Sie gehen auch mit? Sind Sie denn überhaupt Moslem?“ Er grinste etwas, ich hatte in vorangegangen Gesprächen nämlich durchaus Skepsis bezüglich des Glaubens durchsickern lassen. „Herr Nils, für einen Döner bin ich der frommste Moslem, den Sie je gesehen haben. Außerdem muss ich mit dem Konsulat wegen meiner Staatsbürgerschaft reden. Ansonsten werde noch zum richtigen Türken, wenn die mir meinen deutschen Pass wegnehmen.“ Ich lief mit ihm voran, so dass die anderen Türken nicht wirklich was von unserer Unterhaltung mitbekamen. „Was? Du bist doch Türke, egal, ob mit deutschem Pass, oder nicht.“ Ich lächelte ihn an: „Herr Nils, ich bin Deutscher mit Migrationshintergrund.“

Ich traute meinen Augen nicht, als ich dann abends tatsächlich mit zwei Dutzend anderen Häftlingen vor diesen Speisen saß und während des Essens den Leuten vom türkischen Konsulat bei ihrer Rede zuhörte. Es war ein Fest für meinen Gaumen, als ich den leckeren, knusprig-saftigen Döner regelrecht verschlang, den salzig-frischen Ayran aus der Kühlbox in großen Schlucken austrank und mir das übersüße Baklava im Mund zergehen ließ. Jeder durfte sich kurz vorstellen, und als ich an der Reihe war, ergriff ich die Chance und erzählte von meinem Konflikt wegen meiner deutschen Staatsbürgerschaft. Einer der Herren des Konsulats diskutierte mit mir. Vor allem erzählte ich ihm von dem Problem, dass ich als U-Häftling wohl nicht zum Konsulat transportiert werden durfte. Der Herr schrieb sich meinen Namen auf und versprach mir, meinen Eltern das Dokument mitzugeben, damit ich es hier vor Ort signieren darf. Das wäre eine Ausnahme, da es unter diesen Umständen keine Alternative gäbe.

Ich war sehr glücklich, dass der Abend noch so ausging – bis der Herr vom Konsulat mich noch kurz vor dem Abschied fragte, wann denn eigentlich mein Geburtstag sei, an dem ich dann auch spätestens meinen türkischen Pass abgegeben haben müsse: „Am 01. Dezember, also in etwas mehr als einem Monat“, meinte ich zunächst gelassen. Seine Mimik sprach Bände: „Ach Du meine Güte. Das wird dann aber nichts! Es dauert mehrere Monate, bis der Vorgang abgeschlossen ist. Die Unterlagen müssen nämlich nach Ankara in die Türkei verschickt werden. Dort wartet man generell einige Zeit, bis sich mehrere Anträge gehäuft haben, und arbeitet dann alle ab. Probier es aber dennoch.“ Ich war entsetzt, die türkische Staatsbürgerschaft würde noch mehr Ärger bedeuten – vor allem vor dem Hintergrund meiner Haft. Diese blöden Prozesse in den Konsulaten hatten dringend eine Optimierung nötig. Mir kamen plötzlich Gedanken an meinen Ethiklehrer hoch: „Emre, erzähl Mal. Fühlst du dich eher türkisch oder deutsch?“ Ich war noch ein Teenager, mit solchen Fragen konnte ich nicht umgehen. Bisher hatte mir keiner diese Frage gestellt – und ich mir selbst auch nicht. „Ähm, ich weiß nicht. Ich bin doch irgendwie beides.“ Er schaute mich damals an, und stieß mit seiner nächsten Frage etwas bei mir an, was mich noch mehrere Jahre beschäftigen würde: „Du meinst also, dass du keine Identitätskrise hast? Du weißt ganz genau, wer du bist?“ Ich konnte mir diese Frage noch sehr lange nicht beantworten. Ich wechselte immer von „Ich bin Türke, ist doch klar“ zu „Ich fühle mich eher Deutsch“.

Würde diese Frage vielleicht bald vom Schicksal geklärt werden, wenn ich meine deutsche Staatsbürgerschaft verliere?

#35 – Affengeschmack

Der Ausflug zum Amtsgericht endete also weniger erfreulich als gedacht, die Verhandlung ließ noch auf sich warten. Mehr als fünf Monate hatte ich bereits hinter mir, doch noch immer hoffte ich, dass es sich nur noch um Wochen handeln würde.

Der Knastalltag hatte mich trotz allem wieder im Griff, ich war auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt. Morgens den Müll einsammeln und wegbringen, die Gänge und Räume fegen und wischen, Essensausgabe am Mittag und am Abend und bei Neuankömmlingen „Starter-Packs“ vorbereiten – das waren meine täglichen Aufgaben.

„Emre, ich muss zugeben, du bist ein stabiler Junge. Kein einziges Mal habe ich dich meckern hören, du hast dich besser integriert, als ich es erwartet hätte. Meinst du nicht auch, Savas?“ Tayfun sah meinem Gesicht wohl an, dass ich deprimiert war. Wir aßen gerade zu Abend, und hatten wieder mal Nudeln mit Thunfischsoße gekocht. Mit ein wenig Erschrecken stelle ich fest, dass sich bei mir ein kleines Bäuchlein bildete – die Kost in der Haft war nicht die gesündeste.. „Haha, der Junge ist schon stabil. Voll der Betrüger ey, ich habe seinen neuen Haftbefehl gelesen, du hast es der Deutschen Bahn voll gegeben“, schmatzte Savas. „Ich bin nicht stolz darauf, im Nachhinein hat es sich ja nun leider nicht bezahlt gemacht.“ Ich begriff erst allmählich, dass es kein Kinderspiel gewesen war, was ich da durchgezogen hatte. Der Ernst der Lage wurde mir bewusster…jeder Tag, den ich hier verschwendete, rief mir diesen Fakt ins Gedächtnis. Savas klopfte auf meine Schulter: „Hey Emre, ich würde mich auch schlecht fühlen, so als Betrüger. Aber auf Deutsch klingt das nicht mal so schlimm. Betrüger – Was ist das schon? Aber auf Türkisch, ja, da heißt es einfach „dolandırıcı“, haha, das ist ein ziemlich krasses Wort. Dein Vater denkt jetzt die ganze Zeit daran, dass sein Sohn ein „dolandırıcı“ ist.“ Offensichtlich wollte er mich damit provozieren. Doch diesmal musste ich kontern, auch wenn ich seine Reaktion nicht einschätzen konnte: „Also Savas, auf Deutsch hört sich Zuhälter auch nicht so schlimm an. Aber auf Türkisch? Da heißt es einfach „pezevenk“, was ja, wie du wahrscheinlich weißt, eines der übelsten Schimpfwörter im türkischen Sprachgebrauch darstellt.“ Alle lachten, auch Savas. Nachdem ich wieder mal den Abwasch gemacht hatte, kam Savas auf mich zu und machte eine „Komm-Mit“-Handbewegung. Ehe ich mich versah, befanden wir uns in meiner Zelle, wobei die Tür von Tayfun bewacht wurde. Bevor ich fragen konnte, was los war – ich stelle mich schon auf eine Entschuldigung wegen des Witzes vorhin ein –  fragte er: „Du warst in der Zelle bei Kartal. Herr Nils hat dich da einfach so reingelassen?“ Ich bejahte überflüssigerweise, schließlich hatte ich ihm ja bereits erzählt, dass ich ein Käffchen mit Kartal getrunken hatte.  „Ich habe mit ihm in der Freizeit durch den Türschlitz geredet, und der meinte, dass du es auch weißt.“ Savas sprach es bewusst nicht aus – ich hingegen nahm kein Blatt vor den Mund. „Meinst du die Tabakdose?“, wollte ich von ihm wissen. Er grinste erst und nickte dann. „Guck mal, Emre, du bist Reiniger. Die erwischen das Ding bei Kartal, so oft wie seine Zelle kontrolliert wird. Zu einem geeigneten Zeitpunkt übergibt er dir die Tabakdose, verstehst du? Versteck sie bei dir, Reiniger werden nie kontrolliert.“ Nun war ich in einem Dilemma: einerseits fiel es mir immer schwer, Nein zu sagen, die übliche Problematik eben – und andererseits hatte er mir gar keine Frage gestellt oder mich um etwas gebeten, er hatte es mir quasi befohlen, was mir sehr hart gegen den Strich ging. Meine Überlegungen unterbrach er mit einem Angebot: „Du kannst das Gerät auch benutzen, wir kümmern uns um das Guthaben.“ „Geht klar.“ Ich schlug ein, damit hatte ich mir soeben eine Vorrangstellung bei unseren Türken verschafft.

Die Tage vergingen, und ich besuchte jeden Morgen Kartal in seiner Zelle. Es war nicht nur Herr Nils, der mich in die Zelle von Kartal ließ. Offenbar hatten die meisten Beamten Mitleid mit ihm, weil er sonst keinerlei soziale Kontakte hatte und sich wenigstens mit mir verstand. „Trinkst Du Cappuccino? Ist mit Schokoladengeschmack.“ Das Angebot von Kartal nahm ich dankend an, ich liebte Schokolade und Kaffee pur war mir immer zu stark. Wir redeten über Gott und die Welt, über unsere Zukunftspläne, über unsere Vergangenheit und über unsere Familien. „Haha Mist, ich muss aufs Klo, tut mir echt Leid“, meinte er plötzlich mitten im Gespräch. Ich drückte auf den Notruf, da unsere Zellentür verschlossen war, und bat den Beamten, mich rauszulassen. „Ich muss zufällig auch“, ich grinste Kartal an, während ich an der Zellentür wartete, bis ebendiese aufging. „Bist Du auch laktoseintolerant, oder wie?“ Diese Frage konnte ich ihm zu dem Zeitpunkt noch nicht beantworten, weil ich das Wort nie zuvor gehört hatte. Der Beamte machte mir die Tür auf und drückte mir einen Besucherzettel in die Hand. „Mein Anwalt? In einer Stunde?“ Ich schaute ihn fragend an, er nickte. Schnell sprang ich unter die Dusche, immerhin hatte ich den ganzen Vormittag Kontakt mit irgendwelchen Chemikalien gehabt und musste dank meines Anwalts auch nicht zur Mittagsessensausgabe. Gerade als ich am Duschen war, kam Kartal rein: „Ich darf duschen, bis die anderen von der Arbeit kommen“. Er grinste und begab sich, wie üblich bei uns Türken nur mit Unterhose bekleidet, unter die Dusche. „Weißt Du, Emre, ich habe meinen Körper erst in der Haft richtig kennen gelernt. Davor habe ich nie drauf geachtet.“ Es war seltsam, dass er mir das sagte, während er seinen Körper rasierte. „Was ist denn diese Laktose?“, wollte ich von ihm wissen. Als er mich aufklärte, kamen plötzlich Erinnerungen an meine Kindheit hoch: „Ich glaub, ich habe das auch?! Ich kann mich noch erinnern, dass meine Mutter mir damals zu Grundschulzeiten immer heiße Milch gekocht hat, bevor ich zur Schule ging. Und jedes Mal musste ich zurück nach Hause laufen, weil ich dann dringend aufs Klo musste.“ Er lachte ein wenig: „Ja, siehst du! Ich würde an deiner Stelle mal rumexperimentieren, das findet man in der Regel schnell heraus. Und du gehst gleich zu deinem Anwalt? Wer ist es denn?“ Als ich ihm den Namen nannte, verzog er die Mimik: „Also, ganz ehrlich Emre, wer hat dir denn den alten Sack empfohlen? Der ist total schlecht, mein Mittäter hatte den.“ Das ganze Ich-habe-den-besten-Anwalt-Gerede ging wieder los, und er empfahl mir wärmstens einen sogenannten Herrn Steiner. Nach der Dusche zog ich mich an und schilderte ihm mein bisheriges Pech mit den Anwälten: „Und darum kann ich jetzt nicht nochmal meinen Anwalt wechseln. Mein Vater meint sonst wieder, ich hätte einen ‚Affengeschmack’, das tut er nämlich immer, wenn ich mich oft umentscheide. Ich glaube, der übersetzt das 1:1 aus dem Türkischen, und da bedeutet es einfach, dass man gierig wie ein Affe sei.“

Ein Beamter brachte mich hinunter in die Besucherräume, und diesmal durfte ich glücklicherweise direkt zu meinem Anwalt, ganz ohne Wartezeit. „Ich fühle mich wie ein VIP-Häftling, wieso darf ich gleich rein?“, wollte ich vom Beamten wissen, als ich in Richtung Besucherraum geführt wurde. „Na, Du musst noch Essen ausgeben, der andere Reiniger ist sonst alleine.“ Ich schaute ihn verdutzt an: „Wieso das? Wo ist der andere?“ Er öffnete die Tür: „Er hatte heute eine Gerichtsverhandlung und wird entlassen.“ Als ich davon hörte, keimte ein starker Neid in mir auf. Ich begab mich mit ziemlich mieser Laune zu meinem unfähigen Anwalt. Nach einer laschen Begrüßung und sinnlosem Smalltalk über das Wetter kam mein Anwalt endlich zu den Fakten: „Ich habe mit der Staatsanwältin geredet, die Ermittlungen dauern leider noch an. Der Fall ist sehr groß. Wir müssen leider mit der Gerichtsverhandlung warten, da die Anklageschrift noch verfasst werden muss, was wiederum erst geschieht, sobald die Ermittlungen beendet sind. Ihre U-Haft wurde bis zum 15.01.2014 verlängert, spätestens dann haben Sie ihre Gerichtsverhandlung.“  Das waren keine guten Nachrichten. Es war das erste Mal, dass ich nicht nach seiner Einschätzung bezüglich meiner endgültigen Haftstrafe fragte. „Da ist noch etwas wegen ihrer doppelten Staatsbürgerschaft. Ihre Eltern meinten, dass sich das Landratsamt gemeldet habe. Sie sollen Ihren türkischen Pass abgeben, ich habe das nicht ganz verstanden, ihre Mutter meinte, Sie würden wissen, um was es geht?“

Mir wurde plötzlich ganz heiß. Ich hatte das Thema „Staatsbürgerschaft“ total vergessen und, so muss ich gestehen, auch ziemlich vernachlässigt. „Ich habe die doppelte Staatsbürgerschaft, also sowohl die türkische, als auch die deutsche. Allerdings muss ich spätestens zu meinem 23. Lebensjahr eine von beiden Staatsangehörigkeiten abgeben. Kurz vor meiner Verhaftung bin ich zum türkischen Konsulat und habe mitgeteilt, dass ich meinen türkischen Pass abgeben möchte. Daraufhin meinten diese, ich müsse erst meinen Wehrdienst in der Türkei verlängern – das sei die übliche Prozedur. Nachdem ich meinen Wehrdienst verlängert habe, könne ich die weiteren Schritte zur Abgabe meines türkischen Passes einleiten. Also habe ich den Antrag auf Verlängerung meiner Wehrdienstpflicht gestellt. Kurz vor meiner Verhaftung kam dann auch die Bestätigung, dass meine Wehrdienstpflicht verlängert wurde. Doch bevor ich zum Konsulat gehen konnte, um meinen türkischen Pass abzugeben, wurde ich verhaftet. Das Landratsamt entzieht mir automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn ich bis zu meinem Geburtstag nicht nachweisen kann, dass ich die türkische Staatsbürgerschaft abgegeben habe.“ Der Anwalt schien bei der langen Erzählung fast eingeschlafen zu sein. „Ich werde mich nochmals mit ihrer Mutter in Verbindung setzen, um das zu klären“, sagte er vage zur Verabschiedung.

Nachdem ich mich in den Warteraum begeben hatte und vom Beamten direkt zur Essensausgabe hoch gebracht worden war, konnte ich mich nach knapp einer Stunde auf mein Bett legen und mich in meine Gedanken vergraben. Ich musste irgendetwas wegen meiner Staatsbürgerschaft tun. Am besten würde es sein, wenn ich den Sozialarbeiter in der Sache aufsuchte. Als meine Gedanken zu der verlängerten U-Haft schweiften, bekam ich einen Hass auf die Beamten, dass die Ermittlungen so schleppend voran gingen…Plötzlich unterbrach mich ein Klopfen an meine Zellentür.

„Herr Ates, möchten Sie auch zur Opferfest-Veranstaltung?“

Es war der Beamte Herr Winter. Mit einem Zettel und einem Stift in der Hand stand er neben meinem Bett. Ich stand auf und fragte nach, was genau das sei. „Zu eurem religiösen Fest kommt das türkische Konsulat. Sie haben angegeben, dass sie Moslem sind. Also dürfen Sie da auch hin.“ Ich war überrascht: „Das türkische Konsulat … von Stuttgart?“ Er bejahte meine Frage. Das war mehr als nur ein glücklicher Zufall! „Sie müssen nur hier unterschreiben.“ Er legte den Zettel auf den Tisch und übergab mir den Stift.

Als ich unterschrieb, wurde mir plötzlich schlecht, als ich zufällig neben das Blatt schaute.

Auf meinem Tisch lag eine Tabakdose. Und hinter mir stand noch immer Herr Winter.

#34 – Mein Haftbefehl, die zweite

Mein Anwalt zu meiner Linken hielt noch einen kleinen Smalltalk mit der Richterin, beide lachten. Dies und die Tatsache, dass es wohl möglich war, einfach so einen erneuten Haftbefehl auszusprechen, machte mich unglaublich wütend. Ich verfiel in eine Art Schockstarre und verstand gar nicht, was vor sich ging, bis die Richterin dann endlich anfing, den Haftbefehl vorzulesen. Es war still im Raum, mein Anwalt war schon fast am Einnicken – er hörte wohl der einschläfernden Stimme der Richterin zu, die so klang, als würde sie eine Gute-Nacht-Geschichte vortragen. Für mich war das allerdings vielmehr eine Geschichte des Albtraums. Ich hatte am ganzen Körper Gänsehaut, meine Ohren fühlten sich heiß an. Ich brauchte eine Weile, um wieder eine normale Körpertemperatur zu erreichen und versuchte, der Richterin konzentriert zu folgen.

„In dem Ermittlungsverfahren gegen den

am 01.12.1991 in Niedernhall geborenen,
bis zur Inhaftierung in 73728 Esslingen wohnhaften,
– In vorliegender Sache nach vorläufiger Festnahme am 05.04.2013 seit 05.04.2013 aufgrund des Haftbefehls des Amtsgerichts Esslingen vom 05.04.2013 in Untersuchungshaft, derzeit in der JVA Schwäbisch Hall

ledigen

Emre Ates
Staatsangehörigkeit: deutsch und türkisch

Verteidiger:    Rechtsanwalt Günther Mayer
Realschulstraße 22, 74072 Heilbronn

wegen gemeinschaftlichen, gewerbsmäßigen Computerbetrugs

wird weiter

die Untersuchungshaft

angeordnet.

Dem Beschuldigten liegt nunmehr – unter Bezugnahme auf den Haftbefehl vom 05.04.2013 – folgender Sachverhalt erweiterter Sachverhalt zur Last:

Dem Beschuldigten Emre Ates wird vorgeworfen, im Zeitraum vom 27.07.2013 bis zum 04.04.2013 nicht nur in 18, sondern in weiteren 802 Fällen, insgesamt also 820 Fällen, hiervon bis mindestens Ende Oktober 2012 in bewusstem und gewolltem Zusammenwirken mit Adnan Polat und seit mindestens Anfang Oktober 2012 bis zu seiner Festnahme am 04.04.2013 in bewusstem und gewolltem Zusammenwirken mit seinem Bruder Cem Ates nach folgendem modus operandi betrügerisch Bahnfahrkarten bei der Deutschen Bahn AG bestellt zu haben. Weiter war ein bislang unbekannter Mittäter beteiligt, soweit die Buchungen über die E-Mail-Adresse „@zehnminutenmail.de“ stattfanden:

Die Beschuldigten boten über das Internetforum www.mitfahrgelegenheit.de der „mitfahrgelegenheit.de carpooling.com GmbH“, Nymphenburger Str. 86, 80636 München Bahntickets der Deutschen Bahn AG zum Verkauf an. Die Angebote bezogen sich auf jeweils längere Fahrtstrecken. Die Online-Tickets wurden zum Preis von 40,- € pro Person und Strecke angeboten, während der tatsächliche Normalpreis für die Fahrkarten in der Regel bei deutlich über 100,- € lag. Für die Kontaktaufnahme mit dem Käufer gaben sie jeweils von ihnen zuvor bei Internetserviceprovidern angelegte E-Mail-Adressen, die erfundenen Namensbestandteile enthielten, wie etwa thomasschniek@yahoo.de, danielmaurer877@hotmail.de, haroldkäfer@gmail.com und viele mehr, an. Meldete sich ein Kaufinteressent, so wurde dieser gebeten, alle zur Online-Ticketbestellung notwendigen Daten – unter anderem die letzten 4 Ziffern der Personalausweisnummer – anzugeben.
Wenn die Daten vorlagen, bestellten die Beschuldigten über das Internetportal der Deutschen Bahn AG unter Verwendung derselben E-Mail-Adresse, die sie bei www.mitfahrgelegenheit.de angegeben hatten, das entsprechende Ticket bei der Deutschen Bahn AG. In die Buchungsmaske gaben sie dabei statt der Daten der Reisenden frei erfundene Adressen ein, um eine spätere Identifizierung zu erschweren. Sie verwendeten zur Bezahlung des Tickets widerrechtlich die Kreditkartendaten fremder Personen. Diese Kreditkartendaten hatten sie zuvor über sogenannte „schwarze“ Internetforen wie www.cardars.cc erlangt, über die in großer Zahl ausgespähte Datensätze gehandelt werden. Die Beschuldigten handelten in dem Wissen und Wollen, dass über die Webseite der Deutschen Bahn AG nach der Eingabe aller Daten automatisiert das Online-Ticket versendet würde und ab diesem Zeitpunkt auch einsatzbereit wäre, ohne dass die Deutsche Bahn AG hierfür die entsprechende Zahlung erhalten würde, da diese zurückgebucht wird oder nur deshalb eine Rückbuchung nicht erfolgt, weil der betroffene Inhaber des Kreditkartenkontos die unrechtmäßige Abbuchung nicht bemerkt. Ab Versendung der Bahnfahrkarten per E-Mail waren diese auch einsatzbereit.

Die Käufer der Tickets wurden angewiesen, den Kaufpreis auf verschiedene Girokonten, überwiegend die zwei Konten Kontonummer 1033951003, BLZ 51220700 bei der Ziraat Bank International AG, Am Hauptbahnhof 16, 60329 Frankfurt und auf das Konto mit Nummer 799489200, BLZ 20010020 bei der Postbank AG zu überweisen. Die beiden Konten wurden von Dritten, mutmaßlich den anderweitig verfolgten Beschuldigten Hasan Agac und Mahmud Mostafa unter Vorlage gefälschter Personaldokumente allein zum Zweck der Vereinnahmung widerrechtlicher Gewinne eröffnet. Teilweise wurden aber auch andere Girokonten und Zahlungswege benutzt.

Bis zum Auszug des Emre Ates aus der elterlichen Wohnung in Stuttgart ca. Ende September / Anfang Oktober 2012 handelten die Beschuldigten Brüder Ates und Polat überwiegend von den Wohnungen Ludwigstraße 42 Stuttgart und Taubenstraße 31 Stuttgart (elterliche Wohnung des Polat) aus. Nach dem Auszug des Emre Ates dürften die Taten überwiegend von dessen Wohnung in Esslingen stattgefunden haben.

Die drei bzw. später zwei Beschuldigten nahmen jeder in wechselnder Beteiligung sowohl die Einstellungen bei der Mitfahrzentrale, die Kommunikation mit den Reisenden, die Bestellungen der Fahrkarten und die Kommunikation mit den Personen aus den „Schwarzen Foren“ vor.

Der Beschuldigte Emre Ates handelte, um sich aus dem Ankauf der Bahntickets und den Einnahmen aus den Kaufpreiszahlungen der Reisenden eine fortlaufende Einnahmequelle von einigem Umfang und einiger Dauer zur Finanzierung seines Lebensunterhaltes zu verschaffen.

Es entstand ein Gesamtschaden zum Nachteil der Deutschen Bahn AG in Höhe von 128.823,20 €. Der vereinnahmte Gewinn liegt hinsichtlich des Kontos der Ziraat Bank bei 20.617,30 €, hinsichtlich der Postbank Hamburg bei 13.765,00 €. Der Gesamtgewinn dürfte höher liegen, da insbesondere Ende Juli / Anfang August 2012 und im Februar 2013 zahlreiche Buchungen von Bahntickets vorgenommen wurden, bei denen nicht geklärt ist, wie die Reisenden den „Kaufpreis“ bezahlten.

Die einzelnen Taten ergeben sich aus der Anlage 1 zum Haftbefehl, laufende Nummern 1 bis 820.
(Bei Zeilen ohne laufende Nummer handelt es sich um den Einsatz von Kreditartendaten, die nicht akzeptiert wurden, in der Regel wurde die Tat dann durch die Verwendung von anderen Kreditkartendaten beendet.)

Dies ist strafbar als gemeinschaftlich begangener gewerbsmäßiger Computerbetrug in 820 Fällen gem. §§ 263 a Abs 1, 2 i.V.m. § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 ., 53, 25 Abs. 2 StGB.

Der dringende Tatverdacht ergibt sich neben den im Haftbefehl vom 05.04.2013 aufgeführten Verweis auf die polizeilichen Ermittlungen, also insbesondere der Tatsache, dass die Beschuldigen Emre Ates und Cem Ates am 04.04.2013 von der Bundespolizei München dabei beobachtet wurden, wie sie von einem Geldausgabeautomaten der Baden-Württembergischen Bank der Filiale Küferstraße 35 in 73730 Esslingen a.N. gemeinsam Geld abhoben und zwar, wie festgestellt werden konnte, von dem oben genannten Postbank-Konto Kontonummer 799489200, BLZ 20010020, aus folgendem.
Aus einem Vergleich der in der Buchungsmaske angegebenen E-Mail-Adressen bzw. deren Hauptnamensbestandteilen ergibt sich, dass Varianten des Namens „Frank Meyer“ und „Felix Geissler“ sowohl für Ticketbuchungen, deren Gewinne auf die Postbank Hamburg gingen, verwendet wurden, als auch für solche, deren Gewinne auf das Konto der Ziraat Bank gingen. Für den Namen „Frank Meyer“ gilt das etwa in den Fällen 641 bis 644, 648 bis 656, 661 bis 669 für das Postbank-Konto und in den Fällen 354 bis 434 für das Ziraat Bank Konto. Für Felix Geissler gilt das etwa in den Fällen 548 bis 640 für das Postbank-Konto und in den Fällen 435 bis 469 für das Ziraat Bank Konto. Ein Abgleich, der bei den Ticketbuchungen bei der Deutschen Bahn AG mitgeloggten IP-Adressen ergibt außerdem, dass der Stamm der IP-Adresse „89.204.“ bei Buchungen bzgl. Beider Konten auftaucht, was auf die Nutzung eines Surf-Sticks zurückzuführen ist. Die weiteren Buchungen können über identische Elemente, wie IP-Adressen, verwendete E-Mail-Adresse und verwendete angebliche Anschriften in der Buchungsmaske zugeordnet werden, insbesondere durch die Kombination der Straße mit einer falschen oder nicht existenten Postleitzahl, etwa Baumweg 3, 34343 Berlin oder Kreuzgasse 8, 87347 München sowie die verwendeten Kreditkartennummern.

Am 03. Und 04.06.2013 machte der Beschuldigte Emre Ates umfassende geständige Angaben zu allen ihm hier vorgeworfenen Taten, die sich nach bisheriger Auswertung der Beweismittel und insbesondere der verwendeten PCs hinsichtlich seines eigenen Tatbeitrags bestätigt haben.
Weiter wird der Beschuldigte Emre Ates belastet durch die Angaben des gleichfalls Beschuldigten Adnan Polat, bei dem am 06.08.2013 durchsucht wurde. Dieser wurde anschließend vernommen. Nachdem kurz nach der Vernehmung seitens des Verteidigers der Polat die ordnungsgemäße Belehrung in Zweifel gezogen wurde, hat dieser mit Schriftsatz vom 29.08.13 die Angaben bestätigt.

Gegen den Beschuldigten Emre Ates besteht der Haftgrund der Fluchtgefahr gemäß § 112 Abs. 2 Nr. 2 StPO, da bei Würdigung die Gefahr besteht, dass der Beschuldigte sich dem Strafverfahren entziehen werde. Dem Beschuldigten Emre Ates liegen gewichtige Straftaten zur Last. Über einen Zeitraum von über acht Monaten hat er beinahe täglich Vergehen des gewerbsmäßigen Computerbetrugs begangen. Die Vorgehensweise war sehr gut organisiert und auf eine optimale Verschleierung aller Spuren und seiner Identität angelegt. Ihm ist bestens bekannt, wie man über sogenannte „Schwarze Foren“ im Internet ausgespähte Kreditkartendaten, Bankkonten und anderes, wie z.B. gefälschte Ausweise, erhält. Er dürfte nach vorläufiger Einschätzung eine deutliche Freiheitsstrafe zu erwarten haben. Der Beschuldigte hat zudem bei seiner Ergreifung Anstalten zur Flucht getroffen. Der Verbleib des Großteils des Gewinns ist ungeklärt. Aus einem auf dem PC Medion gesicherten ICQ-chatverlauf (Stehordner Chat-Verlauf PC Medion, BL. 23, ff)- der PC wurde sichergestellt durch die BPoli Kassel am 22.08.2012 -, ergibt sich, dass er von 18.000 € Gewinns aus einer früheren Tatphase nur 2.000 € verzockt hat und außerdem mit seinem Bruder geteilt habe. Der Verbleib dieser 9.000 € ist ungeklärt. Aus dem Zwischenbericht III der BPoli Köln (hiesiges Verfahren 171 Js 109044/12) geht jedoch hervor, dass über die E-Mail-Adresse harold.kaefer@yahoo.de , die auch regelmäßig für die Bahnticketbestellungen benutzt wurde, über 7.000 € über den eWährungstauscher Dagensia in Prag an ein Konto des inzwischen vom FBI im Mai 2013 abgeschalteten Internetbezahlsystems Liberty Reserve S.A. überwiesen wurde. Es ist davon auszugehen, dass die Überweisung von Geldern auf ein Liberty Reserve Konto nur eine Methode war, die Gewinne zu sichern und dass die Gewinne aus dem hiesigen Verfahren gleichfalls über anonyme Internetbezahlsysteme weitergeleitet wurden und mindestens teilweise noch verfügbar sind und so auch der Finanzierung einer Flucht dienen können. Es mag also sein, dass der Beschuldigte durchaus in einem gewissen Rahmen, wie er sagt, spielsüchtig ist, jedoch ist das Ausmaß der Spielsucht als eher gering einzuschätzen, zumal sich auf dem bei der Durchsuchung am 05.04.2013 sichergestellten PC bislang wohl keine Hinweise auf die Kontakte zu Online-Wettanbietern gefunden haben.

Weiter hat seine Familie verwandtschaftlich Beziehungen in der Türkei. Er selbst sowie sein Bruder und seine Mutter waren im Sommer 2012 in der Türkei.

Der Beschuldigte hat zwar einen Studienplatz in Esslingen und er hat dieses Studium bereits vor dem Wintersemester 2013/2014 begonnen –

Jedoch ist nach der Gesamtschau der Umstände zu erwarten, dass sich der Beschuldigte dem Verfahren entziehen wird, wenn er auf freien Fuß käme.

Bei dieser Sachlage kann das Verfahren nur durch den Vollzug der Untersuchungshaft ausreichend gesichert werden. Mildere Maßnahmen im Sinne des § 116 StPO reichen hierzu angesichts der Stärke des Fluchtanreizes nicht aus.

Henker
Richter/in am Amtsgericht“

Mein Hals war total trocken, obwohl ich kein Wort gesagt hatte, mir blieb die Spucke weg. Mit eiskalten Händen unterschrieb ich irgendeinen daher gelegten Zettel, wahrscheinlich eine Art Kenntnisnahme des Haftbefehls.
Herr Mayer schien langsam von seinem Winterschlaf aufzuwachen und schien mit dem Haftbefehl völlig einverstanden zu sein. Der spanische Vollzugsbeamte brachte die Handschellen erst wieder an, als die Richterin und ihre Gehilfin aus dem Raum gingen. Wie ein kastrierter Hunde ging ich gesenkten Hauptes, angekettet am Beamten, in das Foyer des Amtsgerichts.
Mein Vater wartete mit lächelndem Gesicht auf mich, wohlwissend, dass es nicht gut ausgegangen war. Ich war überrascht, als er mir mit tröstenden Worten kam: „Das wird schon mein Sohn, habe noch etwas Geduld, bald kommt ihr raus.“
Er fragte den Spanier, ob er ein Foto von mir in Handschellen schießen dürfe. Interessanterweise erlaubte er dies. Auch, wenn es mir total schlecht ging, fand ich es lustig, dass mein Vater solch ein Foto von mir haben wollte.

Nach der kurzen Verabschiedung von meinem Vater kam noch kurz mein Anwalt, der sich in irgendeiner Ecke versteckt haben muss: „Ich besuche Sie übermorgen, Herr Ates, dann können wir alles Weitere besprechen.“ Er verschwand, und ich saß im Transporter zurück in die JVA, blickte während der Fahrt auf die Straße und blies Trübsal.

Die Andeutung eines Grinsens machte sich in meinem Gesicht breit. Ich dachte daran, dass ich vorhin, als mein Vater ein Foto von mir schoss tatsächlich in die Kamera gelacht hatte. Doch das Grinsen hielt nur kurz, als mir klar wurde, dass ich aus dem neuen Haftbefehl keine neuen Informationen ziehen konnte. Es las sich vielmehr wie mein Geständnis, auf dessen Basis sie die Anordnung der weiteren Untersuchungshaft begründeten.
Die Suche nach der Antwort auf die Frage, wann ich endlich rauskäme, raubte mir – wie so oft – den Schlaf und nahm mir die Lust an jeder Tätigkeit.

„Er dürfte nach vorläufiger Einschätzung eine deutliche Freiheitsstrafe zu erwarten haben,“ hatte die Richterin gesagt. Dieser Satz würde mich noch eine Weile beschäftigen.

#33 – Der Traum von Freiheit

In meiner Zelle dachte ich über den Grund nach, weshalb Kartal mir heute Mittag die Tabakdose gezeigt hatte: „Das Handy befindet sich geschickt verpackt darin,“ meinte er bloß, als er die Dose wieder in seinen Schrank packte.

Irgendwie war mir bewusst, dass es etwas mit meiner Vertrauensposition als Reiniger zu tun haben musste, dass Kartal mir sein Geheimnis mitteilte. Vielleicht war er auch beeindruckt, dass mich der Justizbeamte bei ihm einschloss, obwohl er „Besondere Sicherheitsmaßnahmen“ hatte. Zudem saß Kartal bereits eine Weile in Haft, vielleicht hatte er eine gute Menschenkenntnis. Er dachte vielleicht gar nicht daran, dass er mir vertrauen, sondern viel mehr mich ausnutzen könnte. Dachte er, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ein Beamter auf den wahren Tabakdoseninhalt stößt und er einen Gehilfen brauchte, jemanden, der Zugang zu anderen Räumlichkeiten hatte? Der Gedanke, meine Eltern sofort telefonisch erreichen zu können, war aufregend und erleichternd zu gleich. Das Schlimmste an der Haft war, dass Informationen über soziale Kontakte sehr spät ankamen. Der grausame Gedanke, meiner Mutter würde es nicht gut gehen, ihr könnte etwas zugestoßen sein, machte mich stets psychisch fertig. Durch einen einzigen kurzen Anruf könnte ich sichergehen, dass mit meiner Familie alles in Ordnung ist. „Eine Hand wäscht die andere“ – ich brauchte mir nichts vorgaukeln, Kartal würde mich sicherlich bald fragen, ob ich das Handy für ihn verstecken könnte. Als Gegenleistung würde ich dann das Recht auf tägliche Telefonate mit meinen Eltern verlangen. Ich spielte mit diesen Gedanken und es kaum mir traumhaft vor, das konnte nicht der Realität entsprechen. Ein Angsthase war ich – niemals hätte ich mich getraut, das Handy zu benutzen, niemals hätte ich mich getraut, das Handy zu verstecken. Außerdem würde ich doch sowieso bald rauskommen.

Der Tag verging wie immer, abends kochten wir in der Freizeit unter den Türken und ich berichtete Savas & Co. von Kartal. Vom Handy erzählte ich nichts, das war mir viel zu heikel. Wenn man in der Haft Stress vermeiden wollte, dann musste man einfach lernen, so wenig wie möglich zu erzählen und vor allem nichts weiterzuerzählen. Durch Langeweile passierte es oft, dass eine im Vertrauen getätigte Aussage rasend ihre Runde bei den Häftlingen machte. Als ich gerade mein Geschirr spülte, hörte ich wieder den Ton, der jedes Mal durch die Flure erklang, bevor es eine Durchsage des Beamten gab. Ein paar Namen wurden aufgezählt – „… Ates, …“ – unter anderem auch meiner. Im Eiltempo begab ich mich zum Beamtenbüro mit der Hoffnung, einen Brief von meiner Familie bekommen zu haben: „Herr Ates, morgen früh haben Sie einen Termin beim Amtsgericht.“ Die gelassene Aussage des Beamten traf mich wie ein Schlag. „Wie jetzt, habe ich morgen einen Gerichtstermin? Mein Anwalt hatte mir da nichts gesagt?“ Eigentlich hatte ich mehr Fragen, die ich stellen wollte, doch ich war nicht in der Lage, irgendwelche Infos aufzunehmen. „Das weiß ich nicht, hier steht nur, dass wir Sie um 10 Uhr dorthin transportieren sollen. Sie werden um 8 Uhr abgeholt.“

Völlig verwirrt, was das für ein Termin morgen sein sollte, ging ich zu Tayfun und hoffte, dass er mir Klarheit verschaffen könnte. „Ich weiß nicht, was das ist, aber niemals ist es ein Gerichtstermin, du hast doch noch nicht mal deine Anklageschrift? Ich sag mal so, Bruder, entweder ist morgen dein Glückstag und Du kommst raus, oder viel wahrscheinlicher, die werden dich sowas von an den Eiern packen und nicht mehr loslassen.“ Tayfun war einer der Häftlinge, die am längsten in der U-Haft waren, deshalb hoffte ich immer auf qualitativ hochwertige Ratschläge mit Erfahrungswerten, aber selbstverständlich konnte er es mir auch nicht genau sagen. Den Abend verbrachte ich damit, die anderen Häftlinge zu fragen, doch als ich dann zu Bett ging, war ich genauso klug wie vorher. Also gar nicht.

Ich klammerte mich an dem Wunschdenken fest, morgen endlich entlassen zu werden, denn mit diesem Gedanken fiel es mir leichter einzuschlafen.  Wenn ich nachts am Nachdenken war, waren meine Träume auch dementsprechend intensiv. Ich träumte, wie ich morgens aufwachte, mich in der Zelle befand, meine Tür aufging und wie ich erstarrt vor der Zellentür stand. Ich konnte die Türschwelle nicht überschreiten, obwohl die Türe offen war, als wäre da noch eine unsichtbare Barriere. Mit Herzrasen wachte ich auf, beruhigte mich und fing wieder an verschiedenste Gehirngespinste und Szenarien durchzugehen, bis dann tatsächlich meine Zellentür aufging. Die anderen zwei Reiniger erledigten den heutigen Job alleine, ich durfte direkt unter die Dusche und mich danach gehbereit machen. Ich spürte, wie greifbar nahe die Freiheit war.

Ich war extrem nervös, als ich ungeduldig auf den Justizbeamten wartete, der mich zum Transporter bringen sollte. Dann stand er endlich vor meiner Tür, der junge spanische Vollzugsbeamte. Irgendwie brachte seine Gelassenheit eine gewisse Ruhe mit sich, außerdem war er stets gut drauf und humorvoll. Es war seltsamerweise ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass er mich dem Amtsgericht vorführen würde.

Bei allen Häftlingen genoss er ein gewisses Vertrauen und gewann viel Sympathie, daran änderte auch die folgende Geschichte nichts: Vor einigen Wochen am Wochenende begaben sich viele von uns in den Freizeitraum, als Umschluss-Zeit war. Einigen bevorzugten es, sich bei anderen Zellenkollegen einzuschließen und Zeit mit diesen zu verbringen, es waren sowieso nur 2 Stunden. Tayfuns kurdischer Zellenkollege kam nicht mit uns in den Freizeitraum um zu Pokern, stattdessen begab er sich zu einem Deutschen in die Zelle. „Er lässt sich tätowieren, der Deutsche hat so ein Tätowier-Gerät gebaut“, erklärte mir Savas, als ich wissen wollte, wie es sein kann, dass Tayfuns Zellenkollege sich bei einem Deutschen einschließen ließ. Der spanische Beamte hatte an diesem Tag Dienst und schloss die Zellentüren zu, nachdem sich alle in die jeweiligen Räumlichkeiten begeben hatten. Als der Umschluss dann vorüber war und ich wie üblich meine Schokoladen-Einsätze beim Pokern verloren hatte, war eine Unruhe im Flur zu hören. Ich sah und hörte, wie Tayfun mit seinem Zellenkollegen redete. „Der hat uns beim Tätowieren erwischt“, erzählte der Kurde, „ich habe dem Beamten gesagt, dass ich mich tätowieren lasse und er die Zellentür während der Umschluss-Zeit auch geschlossen halten soll. Er hat auch gemeint, dass das klargeht. Ich dachte, er wäre korrekt und würde das zulassen, aber dann ging einfach die Zellentür auf und er stand mit dem Bereichsdienstleiter da.“ Wir anderen Häftlinge lachten auch Tage danach noch über die Dummheit, die der Häftling an den Tag gelegt hatte und verstanden natürlich, dass der Beamte nur seinen Job gemacht hatte.

 

In der morgendlichen Frische begab ich mich an der Seite des spanischen Beamten im Innenhof Richtung Transporter. „Echt jetzt? Handschellen?“, ich war verwundert, dass der Beamte, nachdem er mich auf die Rückbank im Transport verwiesen hatte, seine Handschellen zückte und mir diese anlegte. „Tut mir leid, ist leider so vorgeschrieben. Kann ja sein, dass Du während der Fahr irgendwas versuchst, um aus dem Auto zu entkommen.“ Glücklicherweise legte er die Handschellen nicht so fest an, wie damals die BKA-Beamten. Es war seltsam, wieder dieses harte Eisen an den Handgelenken zu spüren. Die Fahrt dauerte gefühlt eine halbe Ewigkeit, denn obwohl es ein berauschendes Gefühl war, andere Autos, Bäume, Straßen, Gebäuden und Landschaften zu sehen, war der Input viel zu groß, mir wurde übel. Zudem schien die Strecke irgendeine seltsame Landstraße mit vielen Kurven zu sein, mein Kopf drehte sich, was wohl auch an der Aufregung und meinem Gedankenkarussell lag. Geschlafen hatte ich auch schlecht und wenig, weshalb ich bei der Ankunft aussah, als hätte ich gerade eine Achterbahnfahrt hinter mir. Die Transporter-Tür ging auf und während der Fahrer noch irgendwelche Unterlagen auf dem Fahrersitz ausfüllte, zückte der spanische Beamte eine Kette, kettete diese an meine Handschellen und dann an eine Handschelle an seinem Handgelenk. „Krass, das ist echt erniedrigend, wenn Du mich wie ein Hund an der Kette zum Gericht führst“, sagte ich, als ich aus dem Transporter stieg. „Lauf direkt neben mir, ich halt dich an den Armen fest, dann sieht die Kette auch keiner.“ Ich war erfreut, dass der Spanier mir so entgegenkam und verständnisvoll war. Bevor ich durch den Haupteingang ins Amtsgericht-Gebäude hineingeführt wurde, konnte ich noch einen Blick in die Stadt erhaschen und realisierte, dass ich nur einige Meter entfernt vom Amtsgericht verhaftet wurde, ich konnte die Gasse von hier aus sehen, in der wir mit meinem Bruder anfangs geflüchtet waren. Die ganzen Bilder von der Verhaftung schossen noch einmal hoch. Mein Herz pochte wie verrückt und mein Körper wartete bloß darauf, die Endorphine auszuschütten, es war endlich an der Zeit, entlassen zu werden. Meinen jüngeren Bruder Cem konnte ich nirgends sehen, stattdessen stand da ein alter Mann und ein noch älterer neben ihm.

Mein Vater und mein neuer Anwalt, Herr Mayer.

Vor einigen Tagen hatte ich einen Brief vom Amtsgericht bekommen, in dem mir der Pflichtverteidigerwechsel vom alten Anwalt Herrn Sponer auf den neuen Anwalt Herrn Mayer zugestimmt wurde. Ich wusste nicht, wie eine Gerichtsverhandlung aussah, und ich wusste nicht, was mich gleich erwartete. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, Herr Mayer hätte das Ganze initiiert. Es würde sich zeigen, ob der Wechsel irgendetwas bewirkt hatte, vielleicht hatte es Herr Mayer tatsächlich in den paar Tagen geschafft, mich aus dem Gefängnis rauszuholen. Doch bevor ich meinen Vater überhaupt begrüßen konnte, kam sofort mein Anwalt auf mich zu, um alle meine Hoffnungen zu zerschmettern und mich auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen.

„Herr Ates, heute kommen Sie nicht raus, damit Sie Bescheid wissen.“

Das kam sehr unerwartet, ich hatte nach meinen verzweifelten Träumen in der vorhergehenden Nacht nicht damit gerechnet. Plötzlich war ich wütend auf die Person, die mir diese Nachricht überbracht hatte. Dennoch begrüßte ich kurz meinen Vater, der mir mitteilte, dass mein Bruder Cem vorhin auch da war. Erst spät realisierte ich, dass Cem wohl nicht entlassen wurde, weshalb sonst stünde er nicht neben meinem Vater? Bevor ich überhaupt meinen Vater danach fragen konnte, wurde ich in einen Raum geführt, auch ohne mit Herrn Mayer genauer reden zu können, um was es sich hier handelte. Es ging alles so schnell, plötzlich saß da neben mir mein Anwalt, mir wurden die Handschellen abgenommen, rechts neben mir eine Frau, die irgendetwas tippte, und neben ihr die Richterin im Rollstuhl, welche meinen Bruder und mich damals in die U-Haft gesteckt hatte. Mein Kopf brummte, es ging alles so schnell, aber ein einziges Wort verlangsamte mein Gefühl für die Zeit.

„Herr Ates, wir haben uns heute hier versammelt, um Sie über den Beschluss bezüglich ihres neuen Haftbefehls zu belehren.“

Mir wurde plötzlich etwas klar: Ich hatte seit einigen Wochen nicht mehr von der Freiheit geträumt, ich träumte eigentlich nur noch vom Gefängnis.

#32 – Die Tabakdose für Nichtraucher

Der Warteraum für Besucher war überfüllt. Noch nie zuvor hatte ich 12 Männer auf solch engem Raum gesehen. Das Fenster war nur gekippt und es kam kaum Luft herein. Hinzu kam, dass einige sehr verschwitzt und noch in Arbeitsklamotten waren, andere wiederum hatten geschwollene Augen, sie waren wohl gerade erst aufgewacht.

Ich war einer von ihnen, zudem schon seit 5:30 Uhr wach, hatte den Gang in meinem Stockwerk gewischt, den Müll weggebracht, die Küchen gesäubert und eine Zelle desinfiziert.

Aus den Gesprächen der Häftlinge konnte ich heraushören, dass mehr als 2/3 zum Anwalt wollten. Verwunderlich war es, dass sie alle zum selben wollten, zu Herrn Mayer. „Wie ist denn der Herr Mayer so? Ich will ihn mir als Pflichtverteidiger holen“, wollte ich von einem Mithäftling wissen. „Der ist gut, zwar alt, aber er hat gute Connections zu den Staatsanwälten und Richtern, er soll früher mal selber Staatsanwalt gewesen sein“, meinte er und machte einen ungeduldigen Eindruck. Er wartete wohl auf eine wichtige Mitteilung von seinem Anwalt. Nach und nach wurden wir gerufen, doch der Warteraum blieb überfüllt, denn mit jedem, der zum Besucherraum ging, kam ein anderer und nahm seinen Platz im Warteraum ein.

Als ich endlich an der Reihe war, fing mein Herz an zu pochen. Ich spürte abermals Hoffnung und wollte in Herrn Mayer eine Art Retter sehen – jemand, der mir mitteilt, dass ich endlich bald rauskommen würde. Meinem aktuellen Anwalt hatte ich noch nicht mitgeteilt, dass ich das Mandat ententziehen und einen anderen Anwalt heranziehen wollte. Ich begab mich in einen der kleinen Besucherräume, in dem ich auch meine Eltern schon öfter angetroffen hatte. „Hallo, Herr Ates!“ Der erste Eindruck ist der Wichtigste, und mein erster Eindruck von Herr Mayer war nicht gerade berauschend. Er sah ziemlich alt aus, hatte viele Falten und weißes Haar, er hätte mein Opa sein können. Zudem machte er einen sehr ruhigen Eindruck, sah viel zu gelassen aus, so als schliefe er gleich ein. Seine Augenlider waren halb geschlossen und ich fragte mich, ob er mich überhaupt sehen konnte. Ich hatte auf einen Anwalt mit feurigem Charakter gehofft und saß nun einem fast Halbtoten gegenüber. Dennoch dachte ich mir, dass er gut sein musste, wenn er doch so viele Häftlinge vertrat. Wie jeder andere Anwalt konnte er mir nichts zu meinem Fall sagen, da er erst die Akten beantragen musste. Von meinen Erzählungen her konnte er mir jedoch etwas mitteilen, was jeder Anwalt sagen würde, um einen Mandanten für sich zu gewinnen: er gab mir Hoffnung – genau der Grund, aus dem ich mich überhaupt erst mit ihm verabredet hatte: „Herr Ates, wir bekommen das schon hin. Ihr Anwalt hat Unrecht mit den 4 Jahren, mehr als 3 Jahre werden Sie nicht bekommen. Ich denke, ich bekomme Sie hier auf Bewährung raus. Dennoch werde ich mal bei Ihrer Staatsanwältin anrufen und nachfragen, bei wie vielen Jahren sie ungefähr ansetzt.“ Ich war glücklich, als ich diese Versprechen von ihm zu hören bekam. Doch im Endeffekt gehen Anwälte auch nur ihrem Job nach und ihre Geldquelle waren ihre Mandanten, was also sollte dagegen sprechen, leere Versprechungen zu geben. Zumal diese nicht mal in ihrem Einflussbereich lagen.

Mit neuer Hoffnung auf baldige Freiheit und einem sehr guten Gefühl bei der Wahl meines Anwalts begab ich mich in Begleitung eines Justizbeamten wieder auf meine Zelle, zückte Stift und Papier und schrieb meinem alten Anwalt, dass ich das Mandat entziehen und Herrn Mayer als Pflichtverteidiger heranziehen werde.

„Essenswagen!“ rief der Beamte durch den Gang, als ich meinen Brief fertig frankiert und versandbereit auf den Tisch legte. Schnell zog ich meine weiße Schürze, die Mütze und Handschuhe an und ging etwas verträumt in Richtung Essenswagen. Die Arbeiter kamen aus der Werkstatt und begaben sich in ihre Zellen, während wir Reiniger das Essen auf Vollständigkeit überprüften. Savas kam noch schnell vorbei, bevor er in seine Zelle huschte: „Hey Emre, wer ist dieser „Kartal“ mit Besonderen Sicherheitsmaßnahmen?“ Er zeigte auf die Zelle mit der roten Beschriftung. „Ich habe keine Ahnung, habe ihn weder gesehen noch mit ihm gesprochen. Ich gebe dir nach der Essensausgabe Bescheid.“ Nachdem sich alle Häftlinge in ihren abgeschlossenen Zellen befanden, begann die Essensausgabe. Zum Glück war Herr Nil als Beamter da, er würde sicherlich nichts sagen, wenn ich kurz ein, zwei Fragen an den neuen Inhaftierten stellte.

Als seine Tür aufging, kam ein frischer Duft aus der Zelle. Ein etwas molliger und kleiner, junger Mann mit orientalischem Aussehen stand vor mir. Er sah sehr gepflegt aus und auch seine Zelle schien sehr sauber zu sein. Er begegnete mir mit einem strahlenden Lächeln und machte keinen gefährlichen Eindruck. Vielmehr sah er aus wie ein niedlicher, kleiner Teddybär. „Hi, ich bin der Emre. Du bist neu, was?“ Er nahm das Essenstablett in die Hand und stellte sich vor: „Bin der Kartal, und ja, bin gestern aus Stammheim gekommen.“ Herr Nil wollte schon die Zellentür schließen, als ich noch auf die Frage kam, ob er Türke sei und wie lange er schon sitze. „Komme aus dem Irak, bin schon knapp 3 Jahre in Haft.“ Die Zellentür schloss sich, während ich Herrn Nil verwundert ansah: „Herr Nil, wie kann das sein, dass er seit 3 Jahren in U-Haft ist?“ Während der weiteren Essensausgabe versuchte er, es mir zu erklären: „Er hat, denke ich, lange auf die Verhandlungstermine gewartet, und soweit ich weiß, war das ein großer Prozess mit mehreren Beteiligten. Das wiederum bedeutet, dass mehrere Verhandlungstage angesetzt werden – und sowas kann sich mal locker auf ein Jahr hinziehen. Er ist zudem in Revision gegangen, da dauert es in manchen Fällen bis zu einem weiteren Jahr, bis was kommt.“ Weswegen der Kartal saß und warum er Besondere Sicherheitsmaßnahmen hatte, durfte und wollte mir Herr Nil nicht sagen: „Du kannst ihn nach einem Monat fragen, wenn er wieder Freizeit hat. Davor darf er weder in die Freizeit, noch zum Sport und hat auch keinen Fernseher.“ Es interessierte mich brennend, was er wohl so Schlimmes angestellt haben könnte. Nachdem auch der letzte sein Essen bekommen hatte, wir das Geschirr wieder eingesammelt und die Arbeiter sich wieder in die Werkstatt zurückgezogen hatten, begab ich mich vor die Zellentür von Kartal. Der Luxus als Reiniger bestand darin, dass ich nun bis zur Abendessensausgabe nichts zu tun hatte, meine Zellentür aber dennoch offenblieb. Herr Nil war im Beamtenbüro vor dem Rechner, sah aber von den Bürofenstern aus, wie ich vor der Zellentür von Kartal stand, um mit ihm zu reden. Herr Nil schien das wenig zu bekümmern, es war Kartal ja schließlich nicht verboten mit anderen Häftlingen zu reden.

Ich klopfte also an die Tür und rief Kartal zum Türschlitz. Zuerst fragte ich ihn, was er denn angestellt hatte: „Ich war an einer Messerstecherei mit den Black Jackets beteiligt, ist eine lange Geschichte.“ Dann fragte ich, weshalb er „Besondere Sicherheitsmaßnahmen“ hatte und bekam daraufhin die Antwort, er habe sich in Stammheim im Hof geschlägert und sie hätten ihn daher nach Schwäbisch Hall verlegt. Als ich erfuhr, dass er kein Raucher war, bot ich ihm Kaffee an: „Soll ich mal den Beamten fragen, ob ich zu dir reindarf und dann trinken wir einen Kaffee?“ Seine Stimme erhellte sich: „Das wäre super! Ich sterbe hier vor Langeweile, habe keinen Fernseher und weiß nicht, was ich tun soll.“

Ich ging sofort zu Herrn Nil und fragte nach, ob er mich denn bei Kartal einschließen könne, damit ich mit ihm einen Kaffee trinken kann: „Der Arme hat sowieso keinen Fernseher und in die Freizeit darf er auch nicht. Kann er eigentlich mit uns zum Hofgang später?“ Herr Nil überlegte kurz: „Also, er darf nur alleine zum Hof. Nachher gibt es noch eine Routinezellenkontrolle bei ihm. Wenn die vorbei ist, kann ich dich zu ihm reinlassen, bis die Arbeiter kommen.“ Ich ging in meine Zelle, nahm meine Tasse und wartete darauf, dass Herr Nil mir die Erlaubnis gab, doch dann hörte ich Schlüsselgeräusche, eine Zellentür ging auf. Ich begab mich wieder in den Gang und sah, wie ein Beamter mit Gummihandschuhen und einem Koffer bewaffnet in Kartals Zelle ging. Herr Nil, der seltsamerweise auch Gummihandschuhe trug, nahm Kartal mit in die Dusche. Voller Neugier näherte ich mich Kartals Zelle…und hörte plötzlich einen kurzen Schrei aus der Dusche. Ich wusste leider sofort, was los war: Herr Nil kontrollierte wohl den kompletten Körper von Kartal. Durch die halboffene Zellentür konnte ich sehen, wie der zweite Beamte mit einem Detektor verschiedenste Objekte in der Zelle kontrollierte und mit einem kleinem Spiegelstab Ecken absuchte, die er aus der üblichen Perspektive nicht ohne weiteres hätte sehen können. Herr Nil kam aus der Dusche und grinste, als er mich sah: „Er duscht kurz, dann lass ich euch beide in die Zelle.“ Der andere Beamte war ebenfalls nicht fündig geworden und begab sich aus der Zelle. Kartal kam aus der Dusche und nachdem er sich in seiner Zelle angezogen hatte, gab er mir das OK, womit ich mich in seine Zelle begab und Herr Nil hinter uns abschloss.

Kartals Zelle war blitzeblank, mehrere Kosmetikprodukte zierten seinen Waschbeckenbereich, alle seine Klamotten lagen schön gefaltet in seinem Schrank, die Lebensmittelprodukte waren sortiert und symmetrisch aufgestellt. Er besaß sogar Schnellhefter, in denen er seine Akten sortiert hatte. Er bot mir Cappuccino an und setzte heißes Wasser auf. Wir redeten über allgemeine Dinge und verstanden uns auf Anhieb sehr gut. Auf seine Tat ging ich vorerst nicht näher ein, es war relativ offensichtlich, dass er in einer „Bandenschlägerei“ verwickelt gewesen war. Später erfuhr ich, dass auch ein Messer im Spiel gewesen war. Davor war er wohl ein einfacher Mitarbeiter in einem Supermarkt gewesen und schien recht zufrieden mit seinem Leben gewesen zu sein. Der Beitritt in die „Black Jackets“ hatte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung gezogen. Ich weiß nicht, was Kartal dazu brachte, mich gleich als vertrauenswürdig einzustufen, doch auf meine Frage, wieso er denn eine Schlägerei in Stammheim angezettelt hatte, bekam ich eine überraschend ehrliche Antwort von ihm.

„Ich habe einen etwas jüngeren Bruder. Ich wollte, dass er mir ein Handy besorgt und habe einen Plan geschmiedet, wie er mir das Handy geben könnte. In Stammheim gibt es eine hohe Mauer am Hof, welche direkt an freies Territorium grenzt. Also habe ich mir gedacht, dass mein Bruder während unseres Hofgangs das Handy über die Mauer schmeißen könnte. Doch wir hätten das Handy vom Hof nicht reinschmuggeln können, da wir dort immer durch Metalldetektoren mussten. Wir warteten also, bis es einen regnerischen Tag gab. Mein Bruder ist dann an die Mauer gekommen und hat das Handy rüber geworfen. Wir haben schnell in der Erde, die matschig war, das Handy vergraben. Die Beamten haben von alldem nichts mitbekommen. Die nächsten Tage haben wir das Handy im Hof ausgebuddelt und direkt eine Schlägerei untereinander angefangen, wodurch ein Alarm ausgelöst wurde. Die Beamten sind gekommen und haben uns sofort in den Bunker gesteckt – ohne uns durch die Metalldetektoren zu schicken. Ich hatte das Handy noch in meiner Jackentasche. Der Reiniger war über mein Vorhaben informiert gewesen, ich übergab ihm das versteckte Handy während der Geschirrrückgabe beim Essen. Er hatte es aus der Tupperdose genommen, als der Beamte nicht da war, und hat es in seiner Zelle verwahrt, bis ich wieder aus dem Bunker kam. Er hat mir das Handy dann übergeben und ich musste dann hierher verlegt werden, da ich eine Schlägerei angezettelt hatte.“

Ich war platt. Diese Erzählung klang wie aus einem Film. Ich hatte mir schon oft Gedanken darüber gemacht, dass ein Handy in der Haft einiges erleichtern würde, doch war mir die Vorstellung, ein Handy in die Haft zu schmuggeln, bisher immer absurd und nicht realistisch erschienen. „Und das Handy hast du jetzt in Stammheim gelassen?“ fragte ich ihn, noch überwältigt von seiner Geschichte. Er stand auf, ging an seinen Schrank, griff nach einer Tabakdose und übergab mir diese. Ich sah mir die Dose an, sie war noch original verpackt, mitsamt Kleber. „Was soll ich damit? Ich bin Nichtraucher“, meinte ich verwirrt.

Er blickte mich grinsend an: „Ich doch auch.“

#31 – Aquarium aus Gittern

Randall, „die Petze“, nannte man den unbeliebten Charakter in Walt Disneys‘ Zeichentrickserie „Die große Pause“. Wir in der Haft hatten eine andere Bezeichnung für Leute wie ihn: Wir nannten sie „31er“. Die meisten Häftlinge – mich eingeschlossen – wussten eigentlich nicht, weshalb wir Leute, die ihre Mittäter verpfiffen, um so gut wie straffrei rauszukommen, mit dieser Zahl bezeichneten. Es musste wohl ein Paragraph aus dem Gesetzbuch sein.

Ich war nicht sauer auf Adnan, obwohl er gegen meinen Bruder ausgesagt hatte. Es war sein gutes Recht, um seine Freiheit zu kämpfen, und das deutsche Recht war auf seiner Seite. Mein Bruder war nicht unschuldig, Adnan war nicht unschuldig, ich war es nicht – Aber, wenn man uns drei in Relation zueinander betrachtete, hatte es Adnan am wenigsten verdient, in den Knast zu wandern. Ich zerbrach mir nicht den Kopf darüber. Vielmehr tat es mir leid, weil er nun Probleme mit seiner Familie bekam. Mein Vater gab ihm nämlich die Schuld daran, dass mein Bruder Cem nicht entlassen wurde.

Nach einem Jahr Haft kam dann die vermeintliche Erkenntnis:  mein Bruder war auch ein 31er!

Ich befand mich bereits in der Strafhaft, als mich ein Albaner zu sich rief: „Bring mal dein Urteil mit!“ Die Prozedur war mir bereits bekannt, ich hatte kein Problem damit, mein Urteil offenzulegen. „Wer ist dieser Cem Ates?“, wollte der Albaner wissen, während sich ein Kreis von Interessierten um ihn bildete und das Urteil weitergereicht wurde. „Mein jüngerer Bruder“, antwortete ich gelassen. „Dein Bruder ist ein scheiß 31er!“, rief jemand aus der Runde, verzog die Miene und sah mich an, als würde er gleich auf mich spucken wollen. „Was redest du da für einen Unsinn?“, entgegnete ich und riss ihm das Urteil aus der Hand. Gänsehaut überkam mich, als ich hinter dem Namen meines Bruders eine Lister voller Paragraphen las, und tatsächlich der verfluchte §31 dabei war. „Was zur Hölle?!“ Die Albaner tuschelten miteinander, hauptsächlich fielen dabei jede Menge Schimpfwörter – etwas albanisch konnte auch ich nach einer gewissen Zeit in der Haft, und wenn ich albanisch sage, meine ich eine ganze Palette an Flüchen und harten Ausdrücken. Tagelang schwirrte dieser Paragraph durch meinen Kopf. Auch wenn ich deswegen letztlich keine Probleme hinsichtlich meiner Mithäftlinge bekam, beschäftigte mich dieser Paragraph so sehr, dass ich den Gang in die Haftbibliothek nicht scheute und mich mit mehreren Gesetzesbüchern eindeckte. Kaum eine halbe Stunde später machte sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breit. Ich hatte gefunden, was ich wollte. Was waren die anderen nur für dumme Fische.

Der §31 im StGB und der im BtMG waren zwei Paar Schuhe. Mein Bruder wurde (unter anderem) nach dem §31 im StGB (Strafgesetzbuch) verurteilt und nicht nach dem bei meinen Mithäftlingen so unbeliebten Paragraphen, dem §31 nach BtMG (Betäubungsmittelgesetz). Doch dies war mir zu der Zeit als Adnan ausgepackt hatte nicht bewusst, ich war genauso ein Fisch wie die Anderen.

Mit der Zeit begann ich bereits während der Untersuchungshaft, die anderen Häftlinge auf diese Weise zu kategorisieren, sobald ich sie kennenlernte: entweder als Fisch oder als Hai. Fische konnte man wiederum einteilen in jene, die viel dummes Zeug von sich gaben, ohne viel dahinter zu haben, und die, die einfach gar nichts sagten. Haie waren im Gegensatz dazu entweder in einer übergeordneten Machtstellung oder sehr gefährlich. Doch alle hatten sie was gemeinsam: bissen sie zu, verloren sie ihre Zähne, denn dann steckte man sie erstmal in den Bunker – und dort dauerte es eine ganze Weile, bis sie wieder wuchsen – die Zähne, und mit ihnen die Bissigkeit.

Cem und ich waren also noch in der Untersuchungshaft, die Haftbeschwerde war wirkungslos und knapp 4 ½ Monate waren nun seit unserer Verhaftung um. Die maximale Dauer für eine Untersuchungshaft betrug 6 Monate, dann musste es zu einem Gerichtstermin kommen – das war eine ebenso geläufige und dumm daher gesagte Annahme unter den Häftlingen wie die Bezeichnung für den „31er“. Ich hatte das gute Gefühl, dass mein Bruder zum Gerichtstermin entlassen werden würde. Zudem hatte er sich sicherlich ebenso wie ich an die Umstände gewöhnt. Ich blickte durch den Gang, als das erfreuliche Signal erklang und die Zellentüren sich zur Freizeit öffneten. Alle wuselten durch die Gänge – oder besser gesagt, sie schwammen ohne Sinn und Verstand in diesem Aquarium aus Gittern umher.

Jeder Fisch und jeder Hai gehörte meiner Meinung nach einer Gruppe an. Was interessant war: die Gruppendynamik entschied letztendlich, ob du Hai oder Fisch wurdest – denn es konnte immer nur einen Hai pro Gruppe geben. Schnell erkannte man, wer zu welcher Sorte gehörte, wer der Hai und der Fisch bei den Russen, den Rumänen, den Türken, den Albanern und den Deutschen war. Dies waren die fünf Hauptgruppen, die es gab, und die jeweils ihre eigenen Strukturen und Rollen innerhalb der Gruppe definierten.

Der Hai unter den Rumänen war auf jeden Fall Cristian. Er war der Einzige unter den Rumänen, der sehr gutes Deutsch sprach. Seine Fische wollten immer, dass er als Übersetzer für sie fungierte. Irgendwann kam es dazu, dass er zu uns Türken stieß und mit uns gemeinsam kochte. Seine rumänischen Mithäftlinge waren oft hungrig und baten um Essen. Es war für ihn kein Problem, seinen Landsleuten mal die ein oder andere Tafel Schokolade oder gar einen Tabakbeutel zu geben – doch bekam er nie etwas zurück. Das lag daran, dass die meisten Rumänen kein Geld von draußen bekamen und auch sonst kein Geld besaßen, um etwas einkaufen zu können. Cristian jedoch saß wegen etwas Größerem, er hatte anscheinend ein Bordell auf Flatrate-Basis eröffnet – „Ich habe die Steuern nicht richtig abgeführt“, teilte er mir mit, als ich fragte, weshalb die ihn in die U-Haft gesteckt hatten. Rumänische Frauen waren bekannt dafür, in deutschen Bordells einer Tätigkeit als Prostituierte nachzugehen, weshalb ich während meiner Haft einigen rumänischen Zuhältern begegnete.

„Weswegen sitzt Du eigentlich?“, wollte ich einmal von einem Rumänen wissen, als ich ihm bei der Essensausgabe etwas Brot und die widerliche Wurst in die Hand drückte. „Warum ich sitzen du fragen?“, fragte er in gebrochenem Deutsch, welches noch immer um etliches besser war als das vieler anderer Rumänen. „Ja genau.“ Der Justizbeamte lauschte unserem Smalltalk, während mein anderer Reiniger-Kollege die anderen Zelleninsassen bediente.

„Ich sitzen wegen Prostitution.“ Ich blickte ihn an und konnte mich nicht halten. Mein Speichel traf sein Gesicht, als ich anfing wie wild loszulachen, so lange, bis mir Tränen aus den Augen flossen. „Du sitzt wegen… du sitzt wegen Prostitution?!“ Das war, so glaube ich, einer der lustigsten Momente während meiner Haftzeit. Der Beamte, mein Reiniger-Kollege und die restlichen Zelleninsassen sahen mich verwirrt an, während ich mich fast auf den Boden schmiss. „Haha, bitte, Herr Winter! Sagen Sie mir, dass Sie es gecheckt haben?“ Er sah mich nur fragend an. „Er sitzt doch nicht wegen Prostitution, sondern wenn, dann wegen Zuhälterei!“ Ich schaute wieder zu dem Rumänen und fragte ganz blöd: „Oder bist Du echt eine Nutte?“ Und fing wieder an zu lachen. Auch, wenn ich wohl der Einzige war, der das ganz besonders lustig fand – so war ich ebenfalls derjenige, der verglichen mit ihnen recht wenig zu lachen hatte. Die Rumänen waren nämlich wie Eintagsfliegen, von einem Tag zum anderen waren sie plötzlich weg – in der Freiheit, abgeschoben nach Rumänien.

Es gab nur wenige deutsche Insassen, und entweder waren sie recht sympathisch oder praktisch unsichtbar. Haie konnte ich unter ihnen nicht ausfindig machen, sie gehörten stets zu den ruhigen Fischen. Die meisten von ihnen saßen wegen Drogendelikten, meistens handelte es sich um sehr starkes Zeug, was sie zu sich genommen hatten. Einer von ihnen war mir besonders im Gedächtnis geblieben. Er sah aus, als sondere sein Körper Gift, und keinen menschlichen Schweiß aus. Niemand wollte ihn berühren oder ihm gar zu nahekommen. Einen anderen sprach ich an und wollte wissen, wann er denn in unser Stockwerk verlegt wurde: „Ich? Ich bin schon fast 3 Monate hier“, meinte er. Das schockierte mich, hatte ich seine Anwesenheit in den ganzen Monaten doch kein einziges Mal registriert.

Keiner begegnete den Deutschen mit Misstrauen, andererseits wollte auch keiner etwas von ihnen. So geschah es, dass ein junger deutscher Vater sich mit allen gut verstand und einen sympathischen Eindruck erweckte, bis er dann seinen Gerichtstermin hatte und uns ein Beamter die Tageszeitung in die Hand drückte. Wir waren voller Wut, als wir die Schlagzeile der regionalen Tageszeitung lasen: der augenscheinlich nette Vater hatte sein Neugeborenes geschlagen, weil es nicht aufgehört hatte zu weinen. „Der Staatsanwalt hat 7 Jahre gefordert, der Richter gab ihm aber 8 Jahre“, meinte der Beamte. Wir wünschten uns, dass er wiederkam, sodass wir ihm eine Lektion erteilen konnten. „Er wird direkt in die Schutzhaft verlegt, Jungs“, meinte er erneut, als wir sauer aufeinander waren, dass keiner auf die Idee gekommen war, den Haftbefehl des jungen Vaters anzuschauen. Trotz dieser Tatsache blieben die Deutschen auch in Zukunft eher unsichtbar. Der Fall des jungen Vaters blieb auch in Zukunft die Ausnahme.

Bei den Russen hingegen war eher das Gegenteil der Fall. Es schien so, als wollten alle der Hai in der Gruppe sein, keiner machte den Eindruck, als sei er einer der Fische. Doch bei genauerer Betrachtung erkannte man, wer das Sagen hatte. In diesem Fall war es ein älterer Russe, der sicherlich schon länger auf der Welt war als mein Vater. Auch, wenn er eher ruhig war, umgaben ihn alle Russen und fragten ihn um Erlaubnis und Rat. Die Russen im Allgemeinen machten für mich bereits einen sehr gefährlichen Eindruck, nur ein falsches Wort und schon spürte man die Faust im Gesicht. Alleine ihre Art zu sprechen war schon angsteinflößend. Keiner, auch nicht unsere Türken, wollten sich mit den Russen anlegen. Wenn ein Russe mit Worten drohte, einen zu schlagen, beließ er es meist nicht dabei. Auch durch ihre große Anzahl hatten sie eine gewisse Machtposition in der Haft. Glücklicherweise gab es eine inoffizielle Abmachung zwischen Türken und Russen. Beispielsweise wurden die zwei Küchen und zwei Duschen im Stockwerk strikt nach Nationalitäten getrennt. Nur war es so, dass die Russen komplett eine Dusche und eine Küche für sich beanspruchten, und die anderen auf dem Stockwerk sich befindlichen Räumlichkeiten für den Rest blieb. Sie hatten quasi die Hälfte des Stockwerks für sich beansprucht. Einmal wollte mich ein Russe tatsächlich schlagen, weil ich unbedacht in der „Russen-Dusche“ geduscht hatte – glücklicherweise konnten das unsere Türken verhindern, indem sie mit Bedacht mit den Russen redeten. Und das war es auch tatsächlich, was unsere Türken gut konnten. Ich sah Savas als unseren Hai an, er war der älteste unter uns und er war auch schon länger in Haft. Zudem machte er einen selbstbewussten Eindruck, war aber dennoch sympathisch und gut darin, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Er war der Diplomat unter uns. Während ein Großteil der Russen auf einen physisch ausgetragenen Konflikt hinarbeitete, erinnere ich mich nicht daran, dass einer unserer Türken je in eine Schlägerei geriet. Unsere Machtstellung beruhte darauf, dass wir viele waren, auch wenn es mal Zeiten gab, in der es nur eine Handvoll Türken gab – es kamen immer wieder Neue rein.

Dann wurde Yilmaz, das meiner Meinung nach größte Arschloch, welches die JVA je erblickt hat, in unser Aquarium aus Gittern geworfen. „Ich habe nichts gemacht – meine Frau und ich haben uns im Hotel gestritten. Ich habe sie dann, weil ich alkoholisiert war, geschubst und sie ist auf eine Tischkante gefallen. Die anderen Hotelgäste haben die Polizei gerufen, und jetzt sitz ich hier.“ Seine Erzählungen ließen uns stark an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln, uns war nicht klar, weshalb die ihn wegen sowas in die U-Haft stecken sollten. Verwunderlich war es zudem, dass seine Frau ihn nach der Sache auch noch besuchte. Doch er war der älteste unter uns Türken – durch unseren kulturellen Hintergrund bedingt respektierten wir Yilmaz.

Ich hasste ihn so sehr, dass ich nie mehr in meinem Leben so glücklich über die Tatsache war, dass jemand hart bestraft wurde. „3 Jahre und 6 Monate?“, ich setzte eine traurige Miene auf, während sich in meinem Kopf Partystimmung breitmachte. Yilmaz war eine Heulsuse, überall nervte er mit seinem heuchlerischen Geflenne  – anders konnte man es nicht nennen. „Zeig uns mal dein verdammtes Urteil.“ Wir Türken hatten uns versammelt, Savas übernahm die Moderation für die Show: „Wir analysieren jetzt dein Urteil und suchen etwas, um Dir die restliche Zeit hier zur Hölle zu machen“.

Nachdem er sich des Urteils bemächtigt hatte, ging es auch schon los: „Du Arschloch, da steht, dass du deine Frau auf das Übelste verprügelt und einen Stuhl auf ihr Gesicht geworfen, eine Flasche auf ihrem Kopf zerschlagen und mit deinen Füßen auf ihr Gesicht eingetreten hast. Willst Du uns verarschen?“  Der Aufstand war riesig. Ich war total angeekelt, weil ich mit Yilmaz zwei Monate lang Reiniger gewesen war und gedacht hatte, dass er einem Missverständnis zum Opfer gefallen war. Die zwei Wochen bis er zur Strafhaft in eine andere JVA verlegt wurde waren für ihn definitiv die Hölle, alle hassten ihn und ließen ihn das auch spüren. Einer von unseren älteren Türken, der auch nur für eine kurze Zeit in der U-Haft war, rief Yilmaz einmal zu sich und sagte: „Hey Yilmaz, deine Frau ist doch die, die immer samstags in mein Casino kommt?“ Yilmaz nickte und während wir alle in der Zelle saßen, sich der türkische Casino-Besitzer sicher war, dass auch alle zuhörten, erzählte er: „Ich habe die mehrmals gefickt, hat sie Dir das nicht gesagt? Jeder weiß, dass sie mit anderen Männern rumvögelt.“ Und dann lachte er und wir alle waren geschockt, weil der Yilmaz keine Anstalten machte, diese Behauptung zu widerlegen, vielmehr bestätigte er sie: „Ja, sie ist eigentlich nicht meine Frau. Nur eine, die ich auch vögle.“ In diesem Moment degradierte sich Yilmaz definitiv zum minderwertigsten Menschen, der mir je untergekommen war. Nicht nur, dass er diese Frau auf schlimmste Art verprügelt hatte, nein – er verteidigte nicht einmal die Person, die er all die Monate „meine Liebe, meine Frau, mein Schatz, mein Herz, meine Seele“ genannt hatte, als sie als Nutte beschimpft wurde.

Neben Yilmaz gab es noch ein paar andere Türken, die nur am Rumheulen waren. So der Beray, der wegen Steuerhinterziehung saß: „Ich habe nur das Geld hin und her getragen, sonst nichts. Außerdem habe ich eine Freundin Emre, da ist es einfach schlimmer, in der Haft bleiben zu müssen.“ Erstaunlich viele waren der Ansicht, dass sie es wohl weniger verdient hätten, eine Haftstrafe zu bekommen, nur, weil sie eine Frau oder gar nur eine Freundin hatten. Beray war nur am Meckern und unglücklicherweise befand er sich genau in der Zelle neben meiner. Ständig klopfte er gegen meine Zellentür, so dass ich ans Fenster ging und er dann anfangen konnte von seiner misslichen Lage zu erzählen und seinen Frust abzulassen. Sein Haftbefehl sah überhaupt nicht gut aus, mehrere Millionenbeträge wurden darin erwähnt, er konnte ohne weiteres auf jeden Fall eine saftige Haftstrafe erwarten. Als er dann bereits nach 3 Monaten zu seinem Gerichtstermin ging, kam er nicht wieder – Gerüchten zufolge hatte er gegen alle seine Mittäter ausgesagt und wurde wegen Hilfe zur Tataufklärung freigelassen.

Vor allem nach dieser Story war ich mir sicher, dass jeder, der die Möglichkeit hatte seinen Arsch zu retten, wenn er andere verpfiff, diese auch nutzte. Keiner wollte wahrhaben, dass er es verdient hatte, in die Haft gesteckt zu werden. So auch meine kürzeste Bekanntschaft in der Haft: Ich lief gerade im Hofgang meine Runden, als ein etwas molligerer Türke im Nachhinein in den Hof gelassen wurde. Ich ging direkt zu ihm und fragte, ob er Türke sei. Als er es bejahte, nahm ich ihn mit und lief eine Runde mit ihm. Natürlich wollte ich direkt wissen, weshalb er saß: „Ich bin wirklich unschuldig. Ich muss hier raus, ich bin seit Montag drin, heute ist Mittwoch, ich hab eigentlich gerade Urlaub, aber Freitag muss ich wieder zur Arbeit.“ Immer wieder dieselbe Tour, ich fühlte mich langsam wie ein alter Hase und beließ es nur bei dem Gedanken: „Einen Scheiß‘ kommst du bis Freitag hier raus.“ Und gerade als ich wissen wollte, was er genau gemacht hatte und wir eine Runde gelaufen waren, rief ihn ein Beamter. Ich wartete auf ihn, während er mit dem Beamten sprach. Nach kurzer Zeit kam er auf mich zugerannt, schüttelte mir die Hand und sagte: „Hey, hat mich gefreut dich kennengelernt zu haben, ich werde entlassen!“ Und weg war er – ich kannte nicht einmal seinen Namen. Das war die kürzeste Haftdauer, die ich je mitbekommen hatte.

So langsam reichte es mir, auch ich wollte wissen, was Sache war. Spätestens in einem Monat musste doch auch mein Gerichtstermin stehen. Aber es war noch keine Anklageschrift da.

Mittlerweile hatte ich auch meine Therapie-Vorbereitungssitzungen hinter mir und befand mich gerade im Büro der Sozialarbeiterin: „Also Herr Ates, bevor wir überhaupt einen Antrag auf Therapie stellen können, müssen wir wissen, was für eine Strafe Sie ungefähr erwartet. Was sagt denn ihr Anwalt?“ Ich antwortete ihr mit einer für sie wohl sehr überraschenden Aussage: „Von meinem Anwalt habe ich seit meinem Geständnis eigentlich nichts mehr gehört, also vergingen schon knapp 3 Monate, seit ich mit ihm Kontakt hatte. Aber spätestens in einem Monat muss ja mein Gerichtstermin sein, dann weiß ich, was ich bekomme.“ Sie griff sofort zum Telefon und wollte die Nummer von meinem Anwalt wissen: „Herr Ates, Sie sollten sich echt überlegen, ob Sie einen guten Anwalt haben. Denn es ist nicht normal, dass Sie noch keine Anklageschrift haben und er ihnen auch nichts mitteilt.“ Im Endeffekt hörte ich heraus, dass mein Anwalt ein Fisch war – weder entgegenkommend, noch sonst in irgendeiner Richtung fähig. Sie telefonierte mit meinem Anwalt und erklärte ihm die Sachlage, ich durfte irgendwie nicht an den Hörer. Schließlich legte sie auf und meinte: „Herr Ates, ihr Anwalt geht davon aus, dass Sie um die 4 Jahre bekommen. Natürlich kann er das nicht genau sagen, aber Sie sollten nicht davon ausgehen, dass die Strafe gering ausfallen wird.“ Ich glühte vor Wut, wie konnte mein Anwalt nun so etwas behaupten, mir jedoch niemals in der Hinsicht etwas kommunizieren? Auf welchen Annahmen überhaupt basierte seine Behauptung?

Wir entschieden uns dazu, vorerst nichts in Richtung einer Therapie vorzunehmen, die Sitzung wurde lediglich in den Akten vermerkt und beiseitegelegt. Diese Akte wurde mir später leider zum Verhängnis.

Sofort suchte ich Rat bei meinen Türken und erzählte ihnen von den Aussagen meines Anwalts. Ich war so aufgewühlt, als wenn das Urteil schon gefallen wäre. „Du brauchst einen guten Anwalt! Hol dir den Herr Mayer!“, empfahl mir einer der Türken, dem ich eigentlich in dieser Hinsicht vertraute. Ich hoffte, dass Herr Mayer kein Fisch, sondern der Hai war, den ich brauchte. In diesem Moment war es mir egal, was mein Vater vom Anwaltswechsel halten würde, ich musste schnell schauen, dass ich einen Anwalt zu Rate zog, der nicht von Vorneherein davon ausging, dass es mich hart erwischen würde. Es war nur noch einen Monat hin zu der theoretischen Maximal-Grenze von 6 Monaten U-Haft, am nächsten Tag würde ich einen Termin mit dem Rechtsanwalt Herr Mayer haben und ich hoffte, dass er mich aus der Scheiße rausholen konnte. Ich malte mir eine Zukunft in Freiheit aus, zusammen mit meiner Familie.

Doch die Zukunft meinte es nicht gut mit mir, anstelle meiner Familie gab es erstmal diesen mysteriösen Typen mit der roten Beschriftung auf der Zelle, „Besondere Sicherheitsmaßnahmen“. Er wurde neulich erst verlegt, weil er viel Mist gebaut hatte, und er würde in der nächsten Zeit auch viel Mist bauen – nur diesmal mit mir.

#30 – Nicht aller guten Dinge sind Drei – Teil 4/4

Mein Vater war bereits wach, als ich mich auf die Socken machen wollte: „Ich geh kurz zum Supermarkt, Brötchen für die Arbeit holen.“ Mein Vater nickte und übergab mir seinen Autoschlüssel. Ich düste zum Supermarkt, holte die Brötchen, damit mein Vater keinen Verdacht schöpfen konnte, und traf mich danach mit Adnan am Bahnhof.

„Wir haben einen neuen Bankdrop!“, begrüßte ich ihn. „Wie jetzt?“, Adnan schaute mich fragend an, konnte sich meine Begeisterung nicht erklären. Ich ging zum Auto und nahm den Briefumschlag an mich, packte den bereits geöffneten Brief von der Bank aus und zeigte ihm die rote Bankkarte: „Adnan, wir können weitermachen, die Bullen haben mit dem Bankdrop nichts zu tun gehabt, die haben nicht mal gecheckt, dass da ein Bankdrop im Briefkasten meiner Oma liegt!“ Adnan war etwas skeptisch, doch auch froh darüber, dass wir endlich wieder einen Bankdrop hatten. Diesmal war mein Bruder Cem nicht dabei, Adnan würde viel Geld verdienen können. Nachdem ich ihn wieder überredet hatte das Ding durchzuziehen, kam nun der etwas schwierigere Part:

„Adnan, Du musst den Bankdrop fillen, ich habe da keine Zeit für, ich muss ja Vollzeit schaffen in den Ferien.“ Auch wenn ich in Sorge war, dass er einen Fehler begehen würde indem er beispielsweise vergaß, seine IP-Adresse zu verschleiern, vertraute ich dennoch darauf, dass er die simplen Schritte einhalten konnte. Adnan hatte bereits ein präpariertes Notebook. Alles, was er zum Verkauf der Bahntickets brauchte, war dort bereits vorhanden.

Die Tage vergingen, ich arbeitete als Ferienjobber und Adnan verkaufte währenddessen Bahntickets. Nach meinem Feierabend gingen wir beide das Geld abheben und teilten uns das Geld. Daheim gab es hin und wieder Auseinandersetzungen mit meinem Vater, doch alles schien rund zu laufen. Und dann kam der Unfall.

„Emre, ich will glaub aufhören.“ Adnan zog fest an seiner Shisha, während ich mich – mal wieder – darauf vorbereitete, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. „Was, wieso?“

„Ich hatte gestern einen Autounfall, weißt Du.“

„Wirklich? Dir geht es hoffentlich gut?“, fragte ich besorgt. Er nickte und schaute die ganze Zeit auf den Boden, so als überlegte er, was er als Nächstes sagen sollte, wobei er meinen durchdringenden Blick vermied. „Also weißt Du, ich habe mir eine Playstation gekauft mit dem Geld. Und als ich dann vom Media Markt zurück nach Hause fahren wollte habe ich einen Unfall gebaut, aber so einen richtig dummen. Das hätte nicht passieren müssen, hätte ich besser aufgepasst. Es ist keinem was zugestoßen, aber ich denke, der Unfall ist passiert, weil ich die Playstation mit dem illegalen Geld, dem Haram Geld, gekauft hab. Ich glaube, Allah hat mich deswegen bestraft.“ Jetzt kam Adnan wieder mit der religiösen Tour, wir beide hatten viel Zeit in der Moschee verbracht. Dort lernt man, dass wenn im Leben etwas Schlimmes passiert, es immer eine Strafe Allahs darstellt, und wenn etwas Gutes passiert, dann nur, weil man fleißig betete. Adnan war sich in seinem Fall sicher, dass Allah ihn bestraft hatte für sein Vergehen, dass er sich ohne Reue eine Playstation mit illegalem Geld gekauft hatte. „Und dein Auto bezahlst Du dann wie? Deine Schule hat begonnen, Du bekommst sehr wenig Schülerbafög. Unfälle passieren Adnan, zerbrich Dir nicht den Kopf deswegen.“ Diesmal schien es schwieriger,  ihn zum Weitermachen zu bewegen. Ich wollte nicht, dass er aufhörte, da ich dann alleine gewesen wäre – und das machte einfach weniger Spaß. Ich hatte das Bedürfnis, das Ganze mit jemand anderes abzuziehen. Wenn Adnan ausstieg, verlor ich mit ihm einen Eingeweihten und Gefährten.

Doch genau zu der Zeit kam mein Bruder wieder aus der Türkei zurück.

Cem und ich unterhielten uns eine ganze Weile. Er erzählte von der Türkei, ich von der Hausdurchsuchung, und wir verstanden uns gut. Die Auszeit hatte eine positive Wirkung auf unsere geschwisterliche Beziehung gehabt, im Nu waren wir wieder Freunde geworden, das Vergangene geriet in Vergessenheit. „Cem, ich muss Dir was beichten. Ich habe einen neuen Bankdrop und mach gerade mit Adnan den ganzen Ticketverkauf.“

Ich wartete nur darauf, dass mein Bruder versuchte, mir die Sache mit Adnan auszureden. „Alter, kick den doch endlich raus, ich bin dein Bruder! Mach das Ganze mit mir, was teilst Du mit dem das Geld. Scheiß auf den.“

Ich stand nun abermals vor der Entscheidung: Adnan oder mein Bruder? Alleine wollte ich es auf keinen Fall durchziehen. Und was war schon dicker als Blut? Nach den Geschehnissen mit Adnan fiel mir die Wahl diesmal relativ leicht. Ich hatte es satt, Adnan jedes Mal aufs Neue überreden zu müssen. Es kam, wie es kommen musste, die Geschichte wiederholte sich: Ich traf mich mit Adnan und teilte ihm mit, dass die Bankkarte eingezogen wurde und ich aufhören wollte. Als ich Adnan dies mitteilte, erkannte ich an seinem Blick, dass er ganz genau wusste, dass ich bei ihm exakt das Gleiche wie mit Cem damals abzog. „Gut, ich wollte ja sowieso nicht mehr.“ Das war das letzte Mal, dass ich Adnan sah, ich brach auch den freundschaftlichen Kontakt ab.

Die Ära Adnan war beendet, nun kam wieder die gute alte Zeit mit meinem Bruder. Ich hatte mich für ihn entschieden. Hätte ich das nicht getan, wäre er womöglich nie in der Haft gelandet.

Ich lag nun also in meinem Bett in der Zelle und machte mir die ganze Zeit Gedanken um die beiden. Das Grinsen meines Bruder, als ich ihm mitteilte, dass ich mich für ihn und gegen Adnan entschieden hatte, erschien mir vor meinem geistigen Auge. Nun stand ich also zum dritten Mal vor der Entscheidung. Sollte ich Adnan verpfeifen, damit mein Bruder rauskommt? Sollte ich die gleiche Wahl treffen, mich wieder für meinen Bruder entscheiden? Aber hatte er nicht auch eine gewisse Schuld, dass er nun in Haft war? Als der Morgen anbrach und ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte ich mich entschieden – diesmal für Adnan. Er hatte es nicht verdient, auch in den Knast zu wandern, seine Familie sollte nicht den gleichen Schmerz spüren wie meine Eltern. Ich hatte Adnan immer überredet mitzumachen, er hätte von sich aus nie solche Taten begangen. Ich war die Ursache für seine Taten gewesen…dann wollte ich wenigstens nicht die Ursache für seine Haft sein.

Als die Tage langsam verstrichen und ich auf eine Antwort wegen des Widerspruchs der Haftbeschwerde meines Bruders wartete, bekam ich Besuch. Diesmal war nur mein Vater da, und er war stinksauer, dass ich keinen Namen genannt hatte.

„Bravo, Du hast das toll gemacht, Emre. Der Widerspruch wurde abgelehnt.“

Mein Vater brachte mir das nicht im Mindesten schonend bei – das war sein erster Satz zur Begrüßung. Der Funke Hoffnung, den ich  zuvor noch gehabt hatte, löste sich in diesem Moment in Luft auf.  „Mit welcher Begründung?“, wollte ich wissen, während meine Ohren rot anliefen und mein Herz pochte. „Naja, laut deinem Anwalt haben die Ermittler sich gewundert, wie Du Bahntickets verkaufen konntest, während Du Vollzeit gearbeitet hast und waren sich dann sicher, dass es noch einen Dritten gegeben haben muss. Hast Du gedacht, Du bist schlauer als die Polizei? Dank Dir bleibt dein Bruder nun in der Haft.“ Ein Licht ging mir auf, daran hatte ich tatsächlich nicht gedacht, wie dumm konnte ich nur gewesen sein? „Deinen Freund, den Adnan, sie haben ihn verhaftet.“ Mein Vater wollte wohl, dass ich einen Herzinfarkt bekomme. Mir wurde sehr schlecht, nun waren wir alle drei dran. „Aber Papa, warum lassen die Cem nicht gehen? Er hat doch gar nichts gemacht.“ Der uns überwachende Justizbeamte hörte fleißig zu und schien zudem ein paar Notizen zu machen. „Cems Anwalt meinte, er hätte gute Chancen gehabt rauszukommen. Aber das ist nicht mehr möglich, weil nämlich Adnan entlassen wurde.“

Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Ich wollte meinen Vater nur noch anschreien, dass er mir das Ganze gefälligst gescheit erklären und mich nicht durch alle möglichen Gefühlslagen durchjagen sollte. „Wie, Adnan wurde entlassen?“, fragte ich stattdessen.

„Adnan wurde entlassen, er war nur zwei oder drei Tage in Haft. Er hat gegen deinen Bruder ausgepackt!“

#29 – Nicht aller guten Dinge sind Drei – Teil 3/4

Mein Herz raste wie verrückt, mein Gesicht lief rot an und ich spürte meine Beine nicht mehr. Ich wollte mich einfach auf den Boden werfen, weil ich mich so schwach fühlte. Mein Vater sah aus wie eine Leiche, er wusste nicht, was zur Hölle gerade los war und sah abwechselnd mich und den Polizisten, der wohl der Einsatzleiter war, an. Ein junger, muskulöser und blonder Polizist kam angelaufen und wollte, dass ich meine Hände auf den Rücken lege. Es machte „Klack“ und meine Hände spürten das erste Mal das kalte Eisen von Handschellen. Währenddessen kam eine andere Polizistin und übergab dem Einsatzleiter ein Dokument: „Herr Emre Ates, wir haben hier einen Durchsuchungsbefehl. Sie werden beschuldigt, durch illegal erworbene Kreditkarten Bahntickets gekauft…“ Ich konnte es nicht glauben, sie hatten mich tatsächlich bekommen, das war’s. Ich hatte mich immer so sicher hinter dem PC gefühlt, aber ich hatte mich geirrt. Oder vielleicht nicht?

„…und ein Kontaktformular erstellt zu haben, das die Kunden ausfüllen sollten, um die Bahntickets zu bekommen. Eines dieser Kontaktformulare wurde auf Ihre eMail-Adresse angelegt…“, fuhr der Einsatzleiter fort. Ich war vollkommen verwirrt. Was für ein Kontaktformular? Wie stellten sie meine private eMail-Adresse in Bezug mit den Bahntickets? Da stimmte irgendetwas nicht. Obwohl ich voller Aufregung war, konnte ich sehr klar denken und eins war mir bewusst: Die hatten keine handfesten Beweise, sondern nur eine doofe eMail-Adresse – aber wieso dann die Handschellen?

Ich war noch in meinem Schlafanzug, mein Gesicht ungewaschen und ich stand wie ein Verbrecher vor fast zwei Dutzend Polizeibeamten. Unsere Wohnungen waren klein, was wollten die mit so vielen Polizisten bloß durchsuchen? Als ich darüber nachdachte, ob ich irgendwelche Beweismittel daheim gelagert hatte, überkam mich schon mal eine gewisse Erleichterung, weil das nicht der Fall war. „Wir werden nun Ihr Zimmer und das Wohnzimmer durchsuchen. Wir haben hier jemanden von der Stadtverwaltung dabei, der uns bei der Durchsuchung zuschaut.“ Mein Vater sagte mir auf türkisch, dass ich Ruhe bewahren sollte. Ich war bereits extrem ruhig. „Hier wird deutsch geredet!“, brüllte der Einsatzleiter meinen Vater an. Die Beamten stürmten in die jeweiligen Zimmer, während ich im Treppenhaus stand und der junge blonde Polizist mich noch immer am Arm festhielt. Mein Vater ging mit dem Einsatzleiter in die einzelnen Zimmer, er sollte sagen, wem welcher PC und Notebook gehört, wessen Handy da auf dem Tisch und neben dem Bett lag. Während ich gut 20 Minuten im kalten Treppenhaus barfuß auf dem noch kälteren Marmor-Boden stand, dachte ich an ein Video, das ich vor geraumer Zeit gesehen hatte. Es ging darum, welche Rechte man bei einer Durchsuchung hatte, und es war mein gutes Recht zu schweigen. Also schwieg ich. „Kann ich mich wenigstens umziehen und mein Gesicht waschen?“, fragte ich den blonden Beamten. Er grinste nur: „Ach, Du kannst doch reden? Sag erstmal, was Du angestellt hast!“. Ich sah in seinen Augen Hass, ich glaube, wenn er gedurft hätte, hätte er es dort gewaltsam aus mir herausgeprügelt. Ich wurde mit Handschellen in das Wohnzimmer geführt und durfte mich endlich auf das Sofa setzen. Mein Vater saß mir gegenüber. Die Beamten waren wohl mit der Durchsuchung fertig, denn auf unserem großen Esstisch lagen eine Menge CDs, mein Handy, unser PC und sonstiger Papierkram von mir. Sogar ein elektronisches Spielzeug nahmen sie mit, weil ich ja irgendwas drauf installiert haben könnte. Die dachten wohl, ich wäre ein extremer Hacker. Während ein Mann alles protokollierte, schleppten andere die ganzen Sachen raus, womöglich ins Auto. In dem Moment war es mir nur peinlich, dass die eine Menge alter Rohlinge mit Pornofilmen mitnahmen. Die Handschellen an meinen Händen empfand ich noch immer nicht als besorgniserregend.

Andere Beamte beobachteten mich während ich dasaß, allen voran der blonde Beamte. Aber auch eine Frau, ein richtiges Mannsweib, machte mich dumm an. Ich schwieg weiterhin wie ein Grab, was den ganzen Einsatzkräften wohl ziemlich auf den Keks ging. Langsam fühlte ich mich in Gefahr, hatte wirklich Angst, dass einer von ihnen handgreiflich wird. Zumal die Frau von der Stadtverwaltung die ganze Zeit nur am Esstisch saß, sie hatte gar nicht gesehen, wie die Beamten mein Zimmer durchsuchten. Die hätten mir locker etwas unterjubeln können. Aber das würde die deutsche Polizei doch nicht tun? Sowas passiert nur in den Filmen, aber das, was ich gerade erlebte, kam mir wirklich vor wie ein schlechter Film. Meine Handgelenke taten weh und das führte dazu, dass ich sauer auf die Beamten wurde. Kein Wort würden die aus mir herausbekommen. Ein weiterer Beamte kam mit einem geschlossenen Brief von meiner Bank. „Öffne den Brief“, befahl er mir. Ich dachte erst an mein Briefgeheimnis, doch das war mir in dem Moment irgendwie doch schnuppe, mehr als rote Zahlen würde er ohnehin nicht lesen können. Sie nahmen mir die Handschellen ab und ich öffnete den Brief, ein Schaudern überkam mich in dem Moment – Der Brief vom Bankdrop-Verkäufer, er sollte doch heute ankommen? Ich schaute zur Uhr, und mein Herz fing erneut an zu rasen. Der Postbote kam immer um 9:30 Uhr bei uns an, es dauerte nur noch eine halbe Stunde, dann würde das belastende Beweismittel nebenan im Briefkasten meiner Oma landen. Jetzt bekam ich tatsächlich Angst. Mein Gehirn spielte verschiedenste Szenarien ab: was, wenn die Polizisten mir absichtlich das Bankkonto verkauft hatten? Was hatte ich falsch gemacht, wieso war da von einem Kontaktformular die Rede? „Hör zu, junger Mann. Am besten, du erzählst uns jetzt, was Du getan hast. Dann wirst Du es viel einfacher vor Gericht haben. Wir haben schon alles Nötige, um dich in den Knast zu stecken, wenn du kooperierst, ist das nur zu deinem Besten.“ Ich antwortete nicht. Er redete so lange auf mich ein, bis ich schließlich fragte: „Welche Beweismittel haben Sie denn gegen mich?“. Er war erstaunt, dass ich nach gut 10 Minuten endlich mal ein Wort von mir gab: „Habe ich Dir im Durchsuchungsbefehl vorgelesen, deine eMail-Adresse.“ Er und ich wussten ganz genau, dass das kein ausreichendes Beweismittel war, um jemanden zu verklagen, wohl aber um eine Hausdurchsuchung anzuordnen: „Jeder kann eine eMail-Adresse irgendwo angeben, wer sagt, dass ich das war? Vielleicht wurde ich mit einem Trojaner infiziert und meine eMail-Adresse wurde irgendwie abgegriffen.“ Der Einsatzleiter war sauer: „Vor wem hast Du mehr Angst? Vor uns oder deinem Vater?“. Ich sah meinen Vater an, so verzweifelt hatte ich ihn noch nie gesehen, was er wohl mit mir anstellen würde? Aber was war denn nun, würde ich in Haft kommen, oder lassen die mich hier? Immerhin hatten sie mir die Handschellen abgenommen und rein rational betrachtet hatten die ja nicht einmal einen Haftbefehl, sondern nur einen Durchsuchungsbefehl.

„Können wir uns kurz sprechen?“

Mein Vater wollte wohl Kompromissbereitschaft signalisieren. Er ging mit dem Einsatzleiter auf den Balkon, beide rauchten eine Zigarette und ich sah, wie mein Vater versuchte, etwas Väterliches zu tun und mich aus der Scheiße rauszuholen. Der blonde Polizist redete wieder auf mich ein: „Auch, wenn wir dich heute nicht mitnehmen, früher oder später landest Du sowieso im Knast.“ Der Gedanke erfreute ihn wohl. Mittlerweile war der Postbote schon da gewesen, denn ein Beamter kam mit ein paar neuen Briefen angetanzt. Diese waren allerdings alle an meinen Vater adressiert. Ich wartete aufgeregt, ob jetzt gleich ein: „Aha, was haben wir denn da im Briefkasten deiner Oma gefunden“ kommen würde. Es kam allerdings nichts … leider. Denn hätten die Beamten in dem Moment ihre Arbeit gut gemacht und diesen verdammten Brief mit der Bankkarte erwischt, dann wäre ich schon damals deswegen verurteilt worden und hätte wohl weniger Mist gebaut. Doch stattdessen kam der Einsatzleiter wieder mit meinem Vater in das Wohnzimmer hinein, wünschte mir viel Glück mit meinem Vater und dann war es plötzlich leise und leer in der Wohnung, sie alle waren einfach weg. Genauso wie meine ganzen Sachen.

Nun saß ich da mit meinem Vater. „Geh, wasch dein Gesicht, zieh dich um und mach dich für die Arbeit fertig.“ Er war immer noch in einem Schockzustand. Als ich mein Zimmer betrat, befand es sich in einem völlig verwüsteten Zustand: alles lag auf dem Boden, Tische und Stühle, sowie Schränke wurden komplett auf den Kopf gestellt. Nachdem ich mich frisch gemacht und umgezogen hatte, kam nun die wirkliche Angst zum Vorschein, die Angst vor meinem Vater. Das Gute war nur, dass ich in weniger als einer Stunde arbeiten gehen würde und mein Vater mich nicht ewig lang verhören konnte. Als ich wieder ins Wohnzimmer ging, sah ich meinen Vater am Telefon. Er sprach mit meiner Mutter, nein, er schrie sie an. Irgendwann fiel auch der Name meines Bruders: „Cem soll gefälligst eine Weile dort bleiben, die buchten den sonst auch noch ein.“ Das hatte mein Vater nicht so schlau angestellt, dieser Satz wurde später als Beweismittel bei der Verhandlung herangezogen, wir wurden zu diesem Zeitpunkt nämlich bereits abgehört. Ich ergriff die Chance und ging raus, ich musste mich mit Adnan treffen und ihn warnen.

Ich ging zu einer Telefonzelle, rief ihn an, und kurze Zeit später waren wir am Bahnhof. Als ich ihm erzählte, was passiert war, drehte er völlig durch, er bekam große Angst. „Adnan, schau mal, wo ich gerade stehe? Ich stehe vor dir und rede mit dir! Die haben einen Scheiß gegen mich, gegen uns, in der Hand! Siehst du das denn nicht? Das heißt für mich einfach, dass wir alles gut gemacht haben! Irgendwo habe ich wohl einen kleinen Fehler gemacht, ich habe keine Ahnung, was die mit diesem Kontaktformular wollten, aber wir finden das schon irgendwie raus.“ Adnan war diesmal nicht so leicht zu überreden und, um ehrlich zu sein, auch ich war etwas besorgt. Allein der Fakt, dass die Polizisten mich mitnehmen wollten, es aber am Ende nicht konnten, gab mir jedoch das Gefühl, dass ich gut war in dem, was ich tat. Wir beschlossen, für einige Zeit nichts zu machen, er hatte recht, es würde keinen Sinn machen, gleich wieder loszulegen. „Was ist mit dem Bankkonto?“ wollte Adnan noch wissen, bevor wir uns trennten. „Ich weiß es nicht, irgendwie glaube ich, dass das mit der Hausdurchsuchung zusammenhängt. Es kann kein Zufall sein, dass gerade, wenn das Bankkonto ankommen soll, die Polizisten eine Hausdurchsuchung machen.“

Ich stieg in das Auto und fuhr zur Arbeit, mein Vater hatte mich angerufen, doch ich hinterließ ihm nur eine SMS mit der Nachricht, dass ich zur Arbeit fuhr.

Als ich bei meinem Arbeitgeber ankam, wurde ich vom Werkschutz abgefangen, ich solle mitkommen. Und schon wieder war dieser blonde Beamte von heute morgen da. Jetzt ging es mir echt schlecht, die waren tatsächlich zu meinem Arbeitsplatz gekommen. Ich sollte zunächst meinen Spind zeigen. „Ich habe keinen Spind“, erwiderte ich, was sie mir einfach nicht glaubten. Doch viel weniger konnten die ganzen sich im Aufenthaltsraum befindlichen Türken nicht glauben, dass ich mit vier großen Männern, also dem Werkschutz und der Bundespolizei, vor den Spinden stand und sagte: „Das hier, das ist mein Spind.“ Ich nannte einfach irgendeinen Spind, die Wahrheit war ihnen wohl nicht gut genug. Sie brachen das Schloss auf und sahen nur eine Vesperbox und eine Kaffeetasse. „Wir können nicht alle Spinde aufknacken, das geht nicht“, meinte der eine Mann vom Werkschutz. Und sie verschwanden wieder. Der Arbeitstag verlief schrecklich, ich wurde von allen Kollegen darauf angesprochen und war den ganzen Tag vertieft in Gedanken, was mich nun erwarten würde. Doch viel mehr hatte ich damit zu kämpfen die Entscheidung zu fällen, ob ich weitermachen sollte oder nicht. Und wie immer fiel es mir unglaublich schwer, eine Wahl zu treffen.

Als ich dann abends zu hause ankam, wartete mein Vater bereits auf mich. Er packte mich sofort am Arm und meinte, dass wir jetzt rausgehen. Er hatte wohl die Befürchtung, dass die Polizei uns in der Wohnung abhören könnte. Es war seltsam, anstelle, dass mich mein Vater anschrie oder fertigmachte, redete er das erste Mal auf Augenhöhe mit mir. Wir beredeten meine Taten bis in die tiefe Nacht, mit Kaffee von der Tankstelle ausgerüstet, während mein Vater eine Kippe nach der anderen rauchte. Es war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, dass wir ein richtiges Gespräch von Mann zu Mann hatten, und er mich endlich auch als solchen wahrnahm, und nicht nur als den Sohn, der sowieso keine Ahnung hatte. „Papa, versprochen, ich mach das nie wieder.“ Ich hatte ein gutes Gefühl und mein Vater auch, denn er schien davon auszugehen, dass ich nicht log. Als ich ihm versprach aufzuhören und meine Lektion gelernt zu haben, war dies auch mein voller Ernst. Ich konnte Entscheidungen eben schwer fällen, diesmal hatte mein Vater mir dabei geholfen, die richtige Entscheidung zu treffen. Vorerst.

Wir kamen daheim an, ich war todmüde, mein Vater auch. Wir legten uns beide schlafen. Doch dann fiel mir etwas ein. Ich schlich leise zur Tür hinaus ins Freie und ging zum Haus nebenan. Der Briefkasten war riesig, ich hätte mit meiner Faust reingreifen können. Ich schaute hinein und da war er, ein großer brauner Briefumschlag… meine Oma hatte Post bekommen, die nicht für sie bestimmt war. Ich nahm den Umschlag heraus, schlich mich wieder heim in mein Bett, versteckte den Brief darunter, zückte mein „neues“ Smartphone und begann zu tippen:

„Wir müssen uns morgen treffen, hab gute Nachrichten“.

Diese WhatsApp-Nachricht ging an Adnan.

#28 – Nicht aller guten Dinge sind Drei – Teil 2/4

Diese Nacht zog sich ins Unendliche.

Es war jedes Mal so, wenn ich in Gedanken vertieft war und auf die Erlösung, den Schlaf, wartete. Die Laternen erhellten von draußen mein Zimmer, das Gitter warf seinen Schatten direkt auf den Boden, auf den ich vom Bett aus starrte. Mein Gedankenchaos wurde mit Hintergrundmusik, einem Rap-Song, von der benachbarten Zelle aus untermalt. Und ich wartete weiter, hoffte einfach nur, dass mich der Schlaf bald übermannen würde. Mein Fenster war gekippt. Ich brauchte die frische Luft, sonst fühlte ich mich, als würde ich in meiner Zelle ersticken. Im Gang hörte ich zwei Beamte reden, sie liefen wohl gerade an meiner Tür vorbei.

Ich hatte Angst. Nicht, weil ich mal wieder den Gedanken hatte, dass die Beamten nachts meine Zellentür öffnen und irgendetwas mit mir anstellen würden. Es war viel mehr die Angst wegen des dritten Mittäters, der zugleich auch mein Freund war: Adnan. Ich musste mich entscheiden, es war die Qual der Wahl … und ich war immer schon schlecht darin gewesen, Entscheidungen zu treffen, egal, ob sie sich nachher als falsch oder richtig herausstellten. Doch diesmal hatte ich Zeit, genau zu überlegen – die Beantwortung der Frage, weshalb ich mich für welche Seite entscheiden sollte. Ich dachte an damals, an die Zeit, als ich meinem Bruder erklärte, dass Adnan nun mit im Boot ist.

„Abi, bist Du behindert?“. Mein Bruder hatte keinen Respekt vor älteren Familienmitgliedern, so wie man es eigentlich von türkischen Familien kennt. „Er ist mein Kumpel, er braucht das Geld, mir ist es egal, was Du davon hältst. Er macht mit.“ Auch wenn es meistens den Anschein hatte, als träfe ich die Entscheidungen, ließ ich mich öfter von meinem Bruder überzeugen. Ich hatte nie gelernt, die eigene Meinung durchzusetzen. Doch diesmal war es mal wieder anders: „Und wir teilen dann durch drei, oder wie?“, fragte er etwas empört.  „Nein, natürlich nicht. Wir machen das wie bisher auch. Ich bekomme den Großteil, weil ich alles mache, du wieder dein Taschengeld, und Adnan gebe ich im Monat ca. 1.000 bis 2.000 EUR. Dann bist du immer noch viel besser dran als er. Ich gebe ihm quasi was von meinem Anteil ab.“ Das überzeugte meinen Bruder. Hauptsache, er würde die gleiche Menge an Geld bekommen wie bisher. „Geht klar. Ich hoffe, er verpetzt uns nicht.“ Leider sollte sich diese Befürchtung später noch als begründet herausstellen.

Noch wohnte ich bei meinen Eltern und Adnan hatte ebenfalls keine eigene Wohnung. Deshalb trafen wir uns in seinem Zimmer, während seine Eltern sich nebenan im Wohnzimmer befanden. Ich erklärte ihm erst einmal die Szene, was es für Foren gab, wie man sein Notebook verschlüsselte, welche anonymen Zahlungsmittel genutzt wurden und wie man anonym in das World Wide Web kam. Es war regelrecht ein Crashkurs in Sachen „Darknet“. Als er langsam begriff, wie alles funktionierte, erklärte ich ihm die Methode der Deutschen Bahn, wie einfach es war Online-Tickets zu bestellen und woher wir die ganzen Kunden bekamen. Ich zeigte ihm die Vorlagen bzw. Musterantworten, die ich den Kunden zusandte, und auch den Bankdrop bekam er an dem Tag zu Gesicht. Immer wieder wollte er sichergehen, dass das Ganze safe war, es sei extrem wichtig, dass seine Familie nichts mitbekomme. „Mein Vater stirbt an einem Herzinfarkt, wenn ich in den Knast wandere“, meinte Adnan, nachdem der Kurs vorbei war und er vor Aufregung gar nicht mehr stillsitzen konnte. Ihn zu beruhigen, fiel mir relativ leicht: „Adnan, du kommst nicht in den Knast. Wenn was passiert, was aber nicht der Fall sein wird, dann komm ich rein. Das lohnt sich ja nicht, wenn wir beide sitzen. Ich nehme dann schon alles auf mich. Aber glaub mir, es wird nichts passieren…nein, es kann nichts passieren.“

Wir gingen Schritt für Schritt an die Sache heran. Adnan erlebte das erste Mal, wie ich Tickets verkaufte, sah, wie viele Interessenten sich meldeten und war verblüfft, wie leicht sich die skeptischen Leute überreden ließen. „’Mein Schwager arbeitet bei der Deutschen Bahn, da gibt es ein Freikontingent, daher verkaufe ich die Tickets weiter.‘ – Das ist der magische Satz Adnan, das kauft mir jeder ab. Die Leute sind so gierig, die juckt das nicht, dass auf den Bahntickets „gebucht per Kreditkarte mit der Kreditkartennummer 404xxxx“ steht, die wollen einfach nur Geld sparen.“ Ich erzählte ihm, dass ich der Meinung war, dass die Interessenten eine gewisse Teilschuld an dem Ganzen hatten: „Schau mal, wenn der Interessent sein Hirn einschalten würde, könnten wir gar keine Tickets verkaufen, dann wäre die Methode für ‘n Arsch und die Deutsche Bahn würde keinen Schaden davontragen. Aber die Leute gieren förmlich nach günstigen Tickets.“ Adnan überlegte ein wenig: „Lan Emre, dann sind wir sowas wie Robin Hood, wir stehlen von den Reichen und geben an die Armen weiter. Und bisschen was zum Überleben bleibt dann für uns.“ Zu dem Zeitpunkt war ich derselben Meinung, auch wenn ich heute natürlich nicht mehr so denke. Damals entgegnete ich jedoch: „Ja genau, die Deutsche Bahn hat es nicht anders verdient. Da muss ja nur ein Zug ausfallen und die haben schon mehr Schaden als das, was wir in einem halben Jahr anrichten.“ Adnan war total überzeugt: „Das Coole ist ja, dass die Käufer dann mit den Tickets auch wirklich fahren können.“ Von da ab brauchte ich Adnan nicht mehr zu überreden, er hatte nämlich bereits begonnen, sich selbst alles schön zu reden.

Es dauerte nicht lange, da saßen mein Bruder, Adnan und ich im Auto. Ich war am Steuer und fuhr weg vom Heimatort, in ein weit entferntes Dorf. „Hebst Du wieder ab?“,  fragte ich meinen Bruder. Das wurde langsam seine Rolle, er war einfach nur für das Abheben zuständig. Adnan sollte heute nur zuschauen und Schmiere stehen. Das Adrenalin schoss mir durch die Adern, auch Adnan konnte man die Anspannung ansehen. Als wir miteinander sprachen, zitterten unsere Kiefer, und wir stotterten vor Aufregung. Mein Bruder machte kurzen Prozess. Er zog seinen Schal über das Gesicht, eine Sonnenbrille drüber und mit angezogenen Handschuhen steckte er die Karte in den Geldautomaten, hob das Geld ab, kam ganz gelassen zu uns zurück und übergab mir das Geld. Wir stiegen sofort in das weit weg geparkte Auto, und als wir ein paar Minuten gefahren waren, ging es los. Wir schrien und jubelten, drehten die Musik laut auf und waren mega glücklich: „Alteeer Emre, wie geil ist das denn, ey. Wir haben jetzt einfach so 1000 EUR?“. Adnan konnte es kaum glauben, als er das Geld sah. Mein Bruder hingegen fand es richtig cool, dass er derjenige war, der die Eier zum Abheben hatte und tat neben Adnan so, als wäre er schon „lange im Geschäft“, womit er sich im Rang über ihn stellte. Meinem Bruder ging es immer um das Ansehen, alles Geld, was er bekam, gab er mit  Freunden und für ebendiese aus. Er wollte, dass man weiß, dass er Geld hatte. Ich hingegen wollte irgendwie, dass man denkt, ich sei ein armer Schlucker. Was Adnan betraf –  ich weiß nicht, ob er wollte, dass man denkt, er sei reich oder arm. Er bekam nie wirklich Geld von uns… von mir.

Ich fuhr auf den Parkplatz eines McDonalds. „Also Adnan, wir teilen das wie folgt auf: 600 EUR gehören mir, weil ich auch die ganzen Kreditkarten und Bankkarten, Ano-Sticks und so weiter besorge. 300 EUR gehören Cem, weil ihr das nicht 50:50 machen könnt, er war halt abheben und du hast ja erstmal nur zugesehen, deshalb bekommst  du jetzt 100 EUR.“ Auch, wenn es ihm in dem Moment nichts ausgemacht hatte, merkte er schnell, dass er immer nur einen sehr kleinen Anteil erhielt. Auch wenn ich ihm mehr geben wollte, mein Bruder wollte immer wieder aufs Neue eine Erklärung von mir haben, warum zur Hölle wir mit ihm teilen sollten, weil er im Endeffekt nur Mitwisser war, aber nie selbst zur Tat schritt. Zugegeben, auch ich hatte meine Zweifel mit Adnan. Ich musste mir selbst eingestehen, dass ich ihm wohl nur von dem Ganzen erzählt hatte, weil ich den Drang gehabt hatte, jemandem beweisen und zeigen zu müssen, dass ich nicht so einer war, wie alle von mir dachten. Ich wollte wohl, dass Adnan denkt, ich sei ein „Bad Boy“, sei stark und würde mich nicht unterkriegen lassen, wäre ein Rebell des Systems … und ich wollte, dass jemand zu mir hinaufschaut. Adnan tat diesem Wunsch Genüge, in seinen Augen war ich der „King“ und jetzt brauchte ich ihn nicht mehr, ich hatte bekommen, was ich wollte. Aber wenn es etwas gab, was ich nicht konnte, dann war das schlechte Nachrichten zu überbringen, oder Konflikte auszutragen… ich war immer so unentschlossen. Die Zeit nahm mir dieses Mal jedoch die Entscheidung ab.

„Verpiss Dich halt in die Türkei, Du A********!“

Ich war stinksauer auf meinen Bruder. Die Art und Weise, wie er mit mir umging, wie er sich in der Gesellschaft benahm, und wie er von sich dachte, er „wär’s“, reichten mir. „Ich verpiss mich auch dahin, ich mach 3 Monate Urlaub“. Wir saßen in der Shisha-Bar, er drückte mal wieder 100 EUR in Bar der Kellnerin in die Hand und meinte großzügig, sie könne den Rest behalten. „Was? Oh nein, bitte, das ist doch zu viel. Die Rechnung ist nur 29,80 EUR hoch. Gib mir einfach 35 EUR“. Während die Kellnerin das sagte, steckte sie die 100 EUR in ihren Geldbeutel und machte keinerlei Anstalten, meinem Bruder das Rückgeld in Höhe von 65 EUR zu geben. „Ach was, nein, passt schon.“ Mein Bruder prahlte mit dem Geld, wo und wie er nur konnte. Die Kellnerin bedankte sich extrem theatralisch bei ihm, was in mir einen Funken Neid erweckte. Mein Bruder stand auf und ging auf die Toilette. Der Rest der Truppe nahm den letzten Schluck zu sich und zog die Jacken an. Mein Bruder hatte entschieden, dass wir gehen. „Sag mal Emre, woher hat dein Bruder eigentlich das ganze Geld?“, fragte mich ein Freund, mit dem ich eher selten etwas zu tun hatte. Adnan war auch dabei und lief schon rot an, er war schlecht im Lügen, ich aber war in diesem Moment seltsamerweise ein Meister darin. „Weißt Du, was Affiliate-Marketing ist? Wir machen einfach Werbung für gewisse Firmen und SEO. Bekommen da Provision für jeden Kunden. Musst Dir vorstellen wie bei Handyverträgen. Grad läuft es halt gut bei seiner Webseite.“ Glücklicherweise wollte unser Freund den Webseiten-Namen nicht erfahren. Er wusste aber nicht, dass ich der Kopf dieser Bande war, dass ich das Gehirn war und mein Bruder nur ein Läufer. Es entwickelte sich so langsam ein Hass in mir ihm gegenüber, es schien so, als würde er zum König aufsteigen und ich musste ihm von unten aus dabei zusehen.

Das wollte ich nicht.

Ich musste meinen Bruder irgendwie loswerden, er sollte sehen, wie es ist, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren, wie es ist, wenn ich nicht da bin, wenn er niemanden mehr hatte, der ihm Geld gab. Doch das konnte ich nicht so einfach tun, ich konnte nicht sagen: „Du bist ab sofort raus!“. Er würde sofort zu meinen Eltern rennen und alles petzen, dann wäre ich auch raus. Ich musste jemand anderes die Schuld in die Schuhe schieben, einen plausiblen Grund finden, weshalb mein Bruder nicht mehr dabei sein konnte. Also streute ich Konflikte zwischen Adnan und meinem Bruder. Ich erzählte Adnan, dass mein Bruder widerliche Charaktereigenschaften besaß und ihn nicht wollte, dass er ihn nur als Schnorrer sah, als einen dummen dicken Jungen. Meinem Bruder wiederum erzählte ich, dass Adnan ihn hasste und nicht verstünde, weshalb ich die ganze Arbeit machte und er, mein Bruder, nur für das simple Abheben so viel Geld bekam. Es dauerte keinen Monat, da hatte ich mein Ziel erreicht: Adnan und mein Bruder hassten sich.

„Die Bankkarte wurde gesperrt, es ist vorbei. Wir machen nicht mehr weiter.“

Das waren meine letzten Worte an meinen Bruder, bevor er seine Koffer packte und in die Türkei flog. Meine Eltern meinten, dass er gerade eine schwierige Phase durchmachte, er hatte schulisch dieses Jahr nichts erreicht und sollte erst einmal zu Verwandten in die Türkei, sich selbst finden in den nächsten drei Monaten.

Ich war glücklich, besser hätte es nicht laufen können. Mein Bruder dachte, dass ich keine Lust mehr hatte etwas zu reißen, weil ständig Konflikte zwischen Adnan und ihm auftauchten und ich mich nicht für einen von beiden entscheiden konnte. Zum anderen war die Bankkarte wirklich gesperrt worden und er hatte den Beweis dafür gesehen. Ich konnte wieder bei Null anfangen, ohne meinen Bruder, diesmal mit Adnan. „Das erste, was wir tun werden: uns eine neue Bankkarte besorgen!“

Adnan schien auch froh über die Umstände zu sein, bisher hatte er nicht viel Geld gesehen – Doch nun schien es so, als würde er bald darin baden können. „Wir machen 50:50“, teilte ich ihm mit. Es war August, fast ein halbes Jahr vor meiner Verhaftung, meine ganze Familie war im Urlaub in der Türkei, nur mein Vater und ich waren daheim. Ich ging einer Ferienbeschäftigung nach, irgendwie musste ich meinen Eltern ja erklären, wo der ganze Luxuskram herkam. Adnan hatte ganz normal Ferien und bewarb sich für einige Schulen. Nachdem ich ein paar tausend Euro in den Sand gesetzt hatte, weil Betrüger mich beim Kauf von Bankkonten betrogen hatten, hatte ich endlich einen zuverlässigen Verkäufer gefunden. „Adnan, es ist endlich soweit. Der Verkäufer hat das Bankkonto versendet, morgen sollte es ankommen.“ Wir waren glücklich, endlich konnte es losgehen: „Emre, was hast du als Empfängeradresse angegeben?“. Die Frage von Adnan war nicht dumm, meine Antwort allerdings schon: „Ich hab einfach den Briefkasten meiner nebenan wohnenden Oma angegeben, hab jetzt keine Zeit, mir noch irgendwo einen leeren Briefkasten auszusuchen. Keine Sorge, da passiert nichts.“ Wir aßen im McDonalds noch zu Ende und begaben uns nach Hause. Mein Vater hatte am nächsten Tag frei, ich musste zur Arbeit, doch zu meinem Glück hatte ich Spätschicht. Das würde bedeuten, dass ich sowohl den Brief morgens abfangen konnte, bevor mein Vater am Briefkasten meiner Oma war, als auch, dass ich ausschlafen konnte.

Als ich daheim ankam, war mein Vater noch wach. Wir unterhielten uns ein wenig und gingen dann schlafen. Die Nacht verging wie im Nu, es war so still und ruhig gewesen, ich hatte einen festen Schlaf hinter mir. Und dann gab es einen sehr lauten Knall. Ich schreckte auf. Mein Vater kam aus seinem Zimmer herbeigestürmt: „Emre, was war das?“ Mein Herz raste, „Ich weiß es nicht?“. Mein Vater öffnete die Haustür und schloss sie schnell wieder. „Oh Gott, Einbrecher!“, warnte mich mein Vater. Ich stand sofort auf, ging zu ihm und wir öffneten die Tür erneut. Ich sah, wie die Tür gegenüber aufgebrochen war, es war aber niemand zu sehen. Plötzlich hörten wir einen lauten Schrei von unserer Nachbarin im oberen Stockwerk. Wir blickten durch den Türspalt, mein Vater und ich waren kurz davor, die Tür wieder zuzumachen, als plötzlich ein offensichtlich bewaffneter Polizeibeamter vor uns stand. „Was ist denn da los?“, wollte mein Vater wissen, seine Stimme zitterte und mir kam das Schaudern, der Schweiß lief mir wortwörtlich den Rücken hinunter. „Das geht Sie nichts an! Gehen Sie wieder rein!“, keifte der Polizist.

„Aber das ist meine Wohnung“, entgegnete mein Vater, während ich völlig geschockt neben ihm stand.

„Sind Sie Herr Ates?“, wollte der Beamte auf einmal wissen, wartete die Antwort jedoch nicht ab und rief ein paar Namen, es waren wohl die seiner Kollegen. Mein Vater öffnete die Tür ganz und ließ den Polizisten hinein.

„Sie sind Emre Ates?“

Ich bejahte.

„Sie sind festgenommen!“

#27 – Nicht aller guten Dinge sind Drei – Teil 1/4

„Wie geht’s meinem Bruder?“

Obwohl wir nun schon eine Weile im Bau saßen, war ich immer noch besorgt um ihn. „Deinem Bruder geht es schlecht, Emre. Du kommst  frisch geduscht und mit einem Grinsen in den Besucherraum, dir scheint es hier ja gut zu gehen. Dein jüngerer Bruder stinkt nach Zigaretten, seine Haare sind jedes Mal völlig zerzaust, er tauscht fast kein Wort mit uns aus.“ Mein Vater redete mir ein schlechtes Gewissen ein. Mir ging es doch auch nicht wirklich gut, aber ich versuchte, vor meinen Eltern den starken Sohn zu spielen, zu zeigen, dass wir gemeinsam diese harte Zeit überstehen werden. Stammheim war ein ganzes Stück härter als die JVA in Schwäbisch Hall, das musste ich zugeben, aber er war doch im Jugendbau, da müsste es doch irgendwelche Vorteile geben? Meine Mutter sah meinen Vater böse an: „Emre, Du kennst deinen jüngeren Bruder, er wird das schon durchstehen, wir kümmern uns um ihn. So, wie wir uns um Dich kümmern und Sorgen machen. Ich hoffe, Dir geht es den Umständen entsprechend gut?“ Meine Mutter sorgte sich immer um ihre Kinder, sah nur das Gute in uns. „Mama, mir geht es gut, ganz ehrlich. Ich bin auch Reiniger geworden, das ist richtig cool. Meine Tür ist von 5:30 Uhr bis 21:30 Uhr offen, ich muss nur ein bisschen putzen und Essen verteilen.“ Meine Eltern sahen mich so an, als würde ich ein Lügenmärchen erzählen.

Sie waren es gewohnt, dass ich log. Ich log wegen Kleinigkeiten, wegen größerer Angelegenheiten, log, um Probleme zu vertuschen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen, um zu kriegen was ich wollte, ich log, um meine Lügen zu vertuschen. Es brauchte Zeit, bis meine Eltern mir wieder vertrauen konnten, bis ich meine Aussagen nicht mehr beweisen musste.

„Mama, Du denkst, dein Sohn hier ist ein guter Junge? Dann täuschst Du Dich, er hat zwei Gesichter. Er zeigt Dir immer nur sein Engelsgesicht, aber sein teuflisches Gesicht hast Du noch nicht gesehen.“ Mein Bruder versuchte, mich bei meiner Mutter immer schlecht darzustellen. Auch mein Vater bezeichnete mich als Teufel, der sich als Engel maskiert hatte. Irgendwann fragte ich mich, ob ich wirklich zwei Gesichter hatte, ob ich nur so tat, als wäre ich ein guter Sohn. Ich hinterfragte praktisch meine Identität. Mein Bruder kannte alle meine Geheimnisse, er kannte mich besser als jeder andere Mensch auf der Welt, hatte er also Recht mit den zwei Gesichtern? Konnte er das am besten beurteilen? Er teilte von Zeit zu Zeit meine Geheimnisse meinen Eltern mit, zeigte ihnen, dass ich kein offenes Buch, sondern ein guter Lügner war.

Wenn ich meinen Bruder heute so ansehe, dann sehe ich mein eigenes Spiegelbild von vor einigen Jahren. Ich hasse den Emre von vor einigen Jahren, ich hasse meinen Bruder. Doch damals in der Haft habe ich Ihn geliebt, er war die wichtigste Person in meinem Leben. Nicht nur, weil ich die Verantwortung als älterer Bruder spürte, sondern weil er mein bester Freund und mein bester Feind zugleich war und wir dasselbe Schicksal teilten. Doch das ist nun ganz anders.

„Die Haftbeschwerde deines Bruders wurde abgelehnt.“ Das waren die knallharten Worte meines Vaters, die das Adrenalin in mir fließen ließen. „Aber…warum?“ wollte ich wissen, während mir tausende Gedanken durch den Kopf schossen. Mein Vater sah den Beamten, der uns optisch und akustisch überwachte, an, so als ob er mir gleich ein Geheimnis verraten würde: „Die Bundespolizei ist auf neue Erkenntnisse gestoßen. Sie reden etwas von einem dritten Mittäter.“

Konnte das wirklich sein? Hatten sie ihn nun echt erwischt? „Was für ein dritter Mittäter?“ Ich hoffte, dass sie mir jetzt keinen Namen nennen konnten. „Sag Du es uns, Emre. Irgendeiner, den Du in Schutz nimmst, weswegen nun dein Bruder büßen muss?“ Ich konnte es ihnen einfach nicht sagen, ich konnte nicht sagen, dass tatsächlich ein Dritter im Bunde war. Offensichtlich hatte die Polizei noch keine Ahnung, wer der dritte Mittäter war, sonst hätten das meine Eltern längst mitbekommen. Die Eltern des dritten Mittäters hätten meine Eltern besucht und ihnen Vorwürfe gemacht: „Wegen eures Sohnes sitzt unserer nun auch hinter Gittern!“, hätten sie gesagt. Ich war kein 31er, ich war kein Verräter, ich war ein Freund, ein Freund des dritten Mittäters. Mein Bruder musste in Haft sitzen, damit der Dritte in Freiheit bleibt?

Dann sollte es so sein.

Ich stellte mir die Frage, wieso ich einen dritten Mittäter überhaupt gebraucht hatte, wieso hatte ich ihn mit ins Boot geholt? Es müsste circa 7-8 Monate vor meiner Verhaftung gewesen sein, ich war in einem Supermarkt und mein guter Freund Adnan war dabei. „Emre, endlich ist meine Ausbildung zu Ende, ich hoffe, die übernehmen mich.“ Adnan war froh, dass er nach seinem Hauptschulabschluss nun auch seine Ausbildung abgeschlossen hatte. Er hatte es verdient, er war ein sehr netter, sympathischer und intelligenter Junge. Doch seine Familie verlangte ihm viel ab. Er war das typische Beispiel eines türkischen Sohnes, der nur für seine Familie lebte und wohl nur in die Welt gesetzt wurde, damit er dem Familienoberhaupt und seinen Untergebenen dienen kann. „Hast Du schon mal darüber nachgedacht zu studieren, Adnan? Ich meine, Du bist jünger als ich, Du könntest vom Alter her früher mit dem Studium beginnen als ich?“

Er überlegte nicht lange: „Ich hab mir schon Gedanken darüber gemacht, ich müsste nur ein Jahr Berufskolleg machen, dann könnte ich an einer Hochschule studieren.“ Wir nahmen uns jeweils eine RedBull Dose aus dem Regal und gingen in Richtung Kasse. „Ja, ist doch toll ey, wusste ich gar nicht. Dann musst Du ja nur ein Jahr auf die Schule, das ist doch grandios. Was hält Dich davon ab?“. Ich war verblüfft, dass das deutsche Bildungssystem so etwas ermöglichte. An dem Tag wurde mir klar, dass jeder ähnliche Chancen auf Bildung hatte und quasi selbst schuld war, wenn er seine Schulbildung früher abbrach. „Weißt Du Emre, ich habe mich während der Ausbildung an das Geld gewöhnt, ich kann nicht studieren. Ich habe mir ein Auto gekauft und auch sonstige finanzielle Verpflichtungen.“ Das war für mich eine faule Ausrede, ich wollte es genauer wissen: „Ich mein, wie viel hast Du denn schon verdient in der Ausbildung? 700-800 EUR? Als Student hast Du doch das Anrecht auf Bafög, meine Güte. Und dann holst Du dir noch einen Nebenjob und bist gleich mal auf demselben finanziellen Niveau wie bei deiner Ausbildung!“. Auch wenn er den Anschein erweckte, wirklich studieren zu wollen, ließ er sich nicht so schnell von meiner Aussage beeinflussen. „Da ist doch noch das eine Jahr Berufskolleg, da bekommt man doch, wenn überhaupt, nur Schüler-Bafög. Das ist glaub recht wenig“, meinte er, als wir unsere Energy Drinks tranken und in der Stadt herumlungerten. Ich weiß nicht, was ich mir in diesem Moment gedacht hatte, warum zum Teufel ich dachte, dass ich ihm nun etwas Gutes tun würde. Aber wie üblich war mein Mundwerk schneller als mein Gehirn, ich redete oft unüberlegt: „Adnan, wenn Du jeden Monat 1.000 bis 2.000 EUR bekommen würdest, würdest Du dann studieren?“ Er sah mich an und war überrascht, als er merkte, dass dies eine ernst gemeinte Frage war. „Ja natürlich, damit könnte ich gut leben.“ Das hatte ich auch nicht anders erwartet und fing sogleich mit meiner überzeugenden Rede an: „Adnan, ich erzähl Dir jetzt etwas, aber nur, weil ich Dir vertraue und Dir helfen möchte.

Du kennst sicherlich die Deutsche Bahn?“

Adnan war ein guter Junge, und er ist es noch immer. Dennoch: Ihn zu dem Computerbetrug zu überreden war einfacher, als ihm das Studium schmackhaft zu machen. An dem Tag begriff ich, dass man einen Menschen nicht nach Gut und Böse kategorisieren kann. Menschen tun Böses, Menschen tun Gutes, das würde es eher treffen. Und Adnan war kurz davor, Böses zu tun. Warum? Es war nicht nur das Geld, es war nicht nur das Adrenalin… es gab einen viel wichtigeren Grund: Wir waren wohl einfach zu schwach für diese Welt.

„Ich habe keinen dritten Mittäter Papa, ich habe doch alles bei den Polizisten gestanden.“ Meine Mutter fing wieder an zu weinen: „Wenigstens einen meiner Söhne hätten sie mir zurück geben sollen.“ Eine halbe Stunde war manchmal wie eine Ewigkeit, manchmal war es aber einfach nur eine halbe Stunde. Die Besuchszeit war vorbei. Ich verabschiedete mich von meinen Eltern. „Das wird schon, mein Sohn. Hoffen wir auf das Beste, Gott wird uns helfen.“ Meine Mutter umarmte mich fest. Ich küsste die Hand meines Vaters, umarmte ihn nicht, ich hatte ihn nämlich noch nie umarmt.

„Emre, merk dir eins: Wir werden Widerspruch gegen die Haftbeschwerde einlegen. Und ich bin dein Vater. Ich merke, wenn Du lügst.“

Ich nahm meine zwei Tafeln Schokolade, die mir meine Eltern jedes Mal vor dem Besuch kauften, mit auf die Zelle und verputzte sie sofort, denn ich war gestresst und verzweifelt. Schokolade war meine Nervennahrung. Ich legte mich auf mein Bett und fing an nachzudenken. Sollte ich Adnan verpetzen? Wollte ich meinen Bruder retten, oder wollte ich meinen Freund aus der Scheiße raushalten?Meine Entscheidung war nicht leicht. In den drei Monaten, in denen Adnan mit im Boot gewesen war, hatte es sehr viel Stress gegeben. Schon damals musste ich mich für einen von beiden entscheiden. Nun stand ich wieder vor derselben Entscheidung.

Was ich allerdings völlig außer Acht gelassen hatte, war, dass nicht aller guten Dinge drei sind. Nein, ganz im Gegenteil, die Drei stand für „Bande“, und das wiederum stand für ein hohes Strafmaß. Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen.

In diesem Blog berichte ich über meine Haftzeit als verurteilter Cyberkrimineller..