#57 – Cem ist halt Cem

In dem Brief, den ich in Händen hielt, steckte die Erfüllung meiner Gebete: Die anderen Ermittlungen gegen mich wurden fallen gelassen!

Meine Glückssträhne sollte noch weitergehen: Der Stockwerksbeamte hatte es für sinnvoll befunden, dass ich bereits vor dem Verlassen des albanischen Reinigers Gashi eingelernt wurde. Des Weiteren steckten sie noch einen Häftling in meine 4-Mann-Zelle, weshalb ich den Wunsch äußerte, beim Albaner Arian unterzukommen. Ich integrierte mich mehr und mehr bei den Albanern, vor allem verstand ich mich mit dem Albaner Kreshnik sehr gut. Er war etwas älter, womöglich um die 30 Jahre, doch irgendwie fanden wir einander sympathisch. Alle drei Albaner waren wegen Delikten, wie beispielsweise Drogenhandel, in der Haft. Für Arian war es ein willkommenes Geschenk, mich in seiner Zelle zu haben. Dies würde nämlich bedeuten, dass er wie ein Reiniger in den Genuss von offenen Türen kommen würde. Gashi lernte mich ein und merkte sofort, dass ich bereits Erfahrung hatte. Er empfahl mir, die leitende Rolle zu übernehmen: „Die anderen beiden Reiniger taugen gar nichts. Die sind sowieso auch bald weg, schau, dass Du Arian und Kreshnik als weitere Reiniger bekommst.“ Wenn ich etwas als Reiniger gelernt hatte, dann, dass man durchaus die Macht hatte, die Wahl des Beamten bezüglich der neuen Reiniger zu beeinflussen. Da ich mich mit den drei Albanern gut verstand, war es für mich selbstverständlich, dem Wunsch von Gashi nachzugehen. Ich fühlte mich sehr willkommen bei den Albanern. Ganz anders verhielt es sich mit den wenigen Türken, die sich im ersten Stockwerk befanden. Jene Türken, die das zweite Stockwerk bewohnten, hatten sowieso kaum Kontakt zu mir. Während des Hofgangs fühlte ich mich bei ihnen auch unerwünscht, und so kam es, dass ich mich mit den Albanern anfreundete. Später machten sie Witze, dass ich mehr Albaner als Türke sei. So lernte ich einige albanische Wörter, wovon ein Großteil die Schimpfwörter ausmachte, und fand es interessant, den Albanern in ihrer Muttersprache zuzuhören. Während des Hofgangs begegnete ich einem Araber, der mir bekannt vorkam und tatsächlich, ich hatte ihn bereits zuvor gesehen: Er war derjenige, der in Stammheim anscheinend eine Rasierklinge geschluckt hatte. Dies erzählte ich Kreshnik, der das „Gerücht“ dann sofort verbreitete. Der Hofgang war noch nicht mal vorbei, da kam der Araber schon auf mich zu – Deutsch konnte er nicht – und fragte mich auf Englisch, weshalb ich solche Lügen verbreiten würde. Ich teilte ihm mit, dass ich nur das erzählte, was ich gesehen und was mir der Beamte gesagt hatte. Er bestand darauf, dass der Beamte von Stammheim mich angelogen habe und ich entschuldigte mich daraufhin, wenn es denn wahr sein sollte, dass der Beamte gelogen hatte.

Meinen ersten Besuch hatte ich schon hinter mir, zu dem einzig und allein meine Mutter gekommen war: „Mama, wo ist Cem?“ Ihr war es wohl auch unangenehm: „Er konnte nicht aufstehen.“ Ich war enttäuscht, dabei hatte ich so gehofft, dass er mich direkt bei der ersten Möglichkeit besuchen würde – welcher andere Mensch hätte mich besser verstehen können? Beim zweiten Besuch stieg die Enttäuschung an, nur mein Vater war da – Cem? Er schlief und konnte nicht aufstehen. Als ich dann beim dritten Besuch eine erneute Enttäuschung hinnehmen musste, fragte ich meine Mutter, was mit dem Jungen los sei. Ihre Antwort, sehr allgemein: „Emre, der Cem ist halt Cem, er hat sich nicht geändert.“ Erst beim vierten Besuch war mein Bruder Cem dann mit meiner Mutter da, was ich sofort nutzte, um ihm gegenüber meine Enttäuschung auszudrücken: „Ich habe echt gedacht, dass Du mich früher besuchen würdest.“ Ihm war es wohl gar nicht unangenehm: „Ja, Bruder, beim ersten Mal habe ich verschlafen – aber Mama hat mich nicht stark genug geweckt. Und als Papa gekommen ist, hatte ich keine Lust mit dem stundenlang im Auto zu sitzen, ich kann mit dem nicht gut.“ Meine Mutter sah ihn mit einem vorwurfsvollen Blick an. Seine Entschuldigungen bestanden immer darin, anderen die Schuld für sein Fehlverhalten zu geben: „Und das letzte Mal? Da kam Mama auch alleine, sie meinte, du habest noch geschlafen?“ Auch hier war seine Antwort typisch Cem: „Ja, da habe ich es sogar geschafft aufzustehen, aber Mama ist einfach total schnell weggefahren, sie hat nicht gewartet.“ Meine Mutter versuchte kurz, sich zu verteidigen. Sie meinte, dass sie ihn sehr wohl öfter geweckt habe, aber selbst sonst zu spät losgefahren wäre und beim zweiten Mal sei es so gewesen, dass er stundenlang nicht aus der Toilette herausgekommen war. Dann wechselte sie das Thema und teilte mir mit, dass meine Zwillingsschwester die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen dürfe, das Gesetz der Doppelstaatsbürgerschaft sei seit einiger Zeit rechtskräftig. Schnell schrieb ich dem Ausländeramt: Ich wollte wissen, ob ich meine deutsche Staatsbürgerschaft wieder beantragen konnte. Kreshnik erzählte ich davon, wie enttäuscht ich von meinem Bruder war. Als er meinte, dass mein Bruder sowieso ein Verräter sei und ich niemandem von ihm erzählen solle, war ich zunächst baff. Seiner Ansicht nach ging dies deutlich aus meinem Urteil hervor: „Bring dein Urteil her, ich zeig es dir.“ Schnell brachte ich ihm die Unterlagen und er tippte sofort auf den Paragraphen Nummer 31: „Siehst Du, dein Bruder wurde nach Paragraph 31 verurteilt. Er ist ein 31er.“ Einige schlaflose Nächte später kam die Erkenntnis, man erinnere sich an die unterschiedlichen Gesetzesbücher, in denen jeweils ein Paragraph 31 existierte: Cem wurde nach dem Strafgesetzbuch und nicht nach dem Betäubungsmittelgesetz verurteilt. Mein Bruder war folglich kein 31er.

Mit dieser erleichternden Erkenntnis saß ich bei Arian in der Zelle – er war gerade arbeiten – und wir Reiniger, bzw. ich als noch einzulernender Reiniger, hatten soeben das Essen ausgegeben. Da vernahm ich plötzlich das laute Klack-geräusch, welches hohe Absätze beim Aufkommen auf harten Boden verursachten. Es näherte sich mir offensichtlich eine Frau. Erwartungsvoll blickte ich zur Tür, und siehe da, eine bildhübsche junge Dame stand keine zwei Sekunden später im Türrahmen. „Herr Ates?“, fragte sie und blickte mich geradewegs an. „Ja, das bin ich“, antwortete ich schüchtern. Ich war ziemlich überwältigt von ihrer Erscheinung. Sie war sehr gepflegt und sah aus, als würde sie noch studieren. „Ich bin Frau Holz, die Sozialarbeiterin. Wollen Sie kurz mit ins Büro kommen?“ Ihr Angebot nahm ich an, indem ich alles stehen und liegen ließ und ihr blind folgte. Mein Herz pochte etwas, mein Gesicht färbte sich rosarot und ich versuchte, mich irgendwie zu beruhigen: „Man, Emre. Reagier dich ab, du hast einfach schon lange keine normale und zudem noch attraktive Frau mehr gesehen.“ Ich fragte mich, wieso mir bisher kein anderer Häftling von ihr erzählt hatte. Normalerweise war jede erdenkliche Frau in der Haft – Beamtinnen, Arzthelferinnen, Psychologinnen und vor allem Sozialarbeiterinnen – ein großes Gesprächsthema bei den Häftlingen, wenn auch die Gespräche eher sexistisch ausfielen. In ihrem Büro angekommen, setzte ich mich vor ihren Schreibtisch und versuchte zunächst, mich zu beruhigen. Der Gedanke, dass sie mich mit einem roten Kopf sah, brachte mein Blut im Gesicht erst Recht in Wallung. Ich hatte ja schon immer ein Problem damit gehabt, mich mit Frauen zu unterhalten, wofür ich an dieser Stelle nochmals meinen Hocas danken muss, die mir mein unrealistisches Frauenbild eingepflanzt haben. Frau Holz gefiel mir optisch sehr gut, und ich hatte schon seit mehr als einem Jahr keine Frau mehr gesehen, die auch nur annähernd meinem Frauengeschmack nahegekommen wäre. Sie allerdings schaute recht streng drein und kam direkt zur Sache. „Nun, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Mit einer Klimaanlage direkt auf mein Gesicht, vielleicht?“, hätte ich gerne geantwortet – doch ich begann abermals, meine Studienpläne während der Haftzeit zu schildern: „Ich würde gerne im Oktober ein Studium an der Hochschule Ravensburg beginnen, da ich dort bereits eine Zusage erhalten habe. Und im Oktober sollte das wohl möglich sein, da ich ab diesem Zeitpunkt theoretisch in den Freigang werde gehen dürfen.“ Sie lächelte und wirkte zugleich sehr ernst: „Ach? So einfach stellen Sie sich das vor? Sie sind erst kürzlich hier angekommen, denken Sie, wir senden Sie so einfach in den Freigang? Wir müssen Sie erstmal beobachten.“ Schon wieder wurde ich rot, doch diesmal reagierte ich eher aufbrausend als schüchtern: „Ähm, ich war ein ganzes Jahr hier in der U-Haft, was müssen Sie da noch großartig beobachten?“ Ihren Blicken konnte ich entnehmen, dass sie davon nichts wusste, weswegen sie das Thema wechselte: „Ach ja, und wie gedenken Sie, ihr Studium zu finanzieren?“ Ich hasste solche Fragen, sie waren meiner Meinung nach unnötig, da die Antwort immer standardmäßig ausfiel. Dementsprechend antwortete ich ihr: „Ja, erstens Bafög und zweitens, mein Vater unterstützt mich da. Ich mein, wie finanzieren denn andere Studenten ihr Studium? Genauso mach ich das auch.“ Sie bestand jedoch weiterhin darauf, mir das Studium ausreden zu wollen: „Herr Ates, ich weiß nicht, ob das Studium etwas für Sie ist. Überlegen Sie lieber in Richtung einer Ausbildung oder einer Arbeit. Als Vorbestrafter werden Sie es immer schwer im Berufsleben haben.“ Diese Logik grenzte für mich an Schwachsinn. Niemals konnte diese Frau studiert haben! „Ähm, also vorbestraft werde ich so oder so sein. Eine Ausbildung löscht ja meine Vorstrafe nicht. Ein Studium ermöglicht mir aber bessere Berufschancen, die ohnehin durch die Vorstrafe nicht so rosig sind. Ich verstehe also den Sinn hinter Ihrem Vorschlag nicht.“ Sie ging nicht weiter darauf ein und nuschelte irgendetwas von, dass das Studium kein Zuckerschlecken sei: „Nun, Herr Ates, wir müssen sowieso erst einmal klären, wie es mit Ihrer Abschiebung aussieht. Bevor das Regierungspräsidium sich nicht entschieden hat, ob sie hierbleiben oder abgeschoben werden, bleiben Sie in der Strafhaft hier bei uns.“ Mein Hass gegenüber diesen pessimistischen Sozialarbeitern (das war wohl eine grundsätzliche Tendenz bei denen) stieg an: „Frau Holz, ich muss mich mit dieser blöden Abschiebung nur deshalb befassen, weil ihr Kollege drüben aus der U-Haft sich zu schade war, mir dabei zu helfen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu behalten. Als ob die mich abschieben, ich kann mir das nicht vorstellen. Meine Bitte ist ganz einfach, ich will doch nur ab Oktober studieren.“ Ich machte ihr Vorwürfe, gleichzeitig flehte ich sie irgendwie an. „Was mein Kollege da gemacht hat, weiß ich nicht. Aber, Herr Ates, auch wenn alles glatt laufen würde, Sie kommen erst in den offenen Vollzug nach Comburg.“ Ich sah sie verwirrt an: „Comburg? Was ist dort?“

Ihre Antwort löste meine sorgfältigen Planungen in Luft auf. „Das ist ein Bauernhof in Schwäbisch Hall. Sie müssen sich dort erst einmal ein paar Monate beweisen, bis Sie in das Freigängerheim, von mir aus auch das in Ravensburg, verlegt werden können.“

#56 – Der Wäscheschnüffler

Meine Anwältin reagierte unverzüglich auf meinen verzweifelten Brief und meldete Besuch an, während welchem wir besprachen, wie es nun weitergehen sollte. Sie verstand, dass mir die JVA Stammheim nicht guttat und ich mich nun seit vier zermürbenden Monaten hier befand. Auch hatte ich diesen U-Haft-Status gehörig über, ich wollte endlich in die Strafhaft. Meine Anwältin würde die Revision noch heute zurückziehen. Und tatsächlich, es vergingen keine drei Tage, als ich die Nachricht bekam, dass mein Urteil rechtskräftig sei.

Fast stündlich fragte ich den Vollzugsbeamten von nun an, ob im Computer bereits stand, in welche JVA ich zur Strafhaft kommen würde. Eine ganze Woche verging, als ich Herrn Gleich erneut fragte: „Komme ich jetzt nach Ravensburg oder nicht?“ Herr Gleich war ein sehr netter Beamter und zudem noch hilfsbereit, wir verstanden uns auch gut. Ihn konnte ich öfter mit meinen Problemen stören. Schließlich war es soweit, Herr Gleich rief mich in sein Büro: „Herr Ates, es ist nun im Computer vermerkt. Sie werden zur JVA Schwäbisch Hall verlegt.“ Ich war baff: „Wie jetzt? Wieder zurück dahin? Ich dachte, ich komme zur JVA Ravensburg?“ Ich überlegte, ob die JVA Ravensburg wohl besser gewesen wäre, als er weitersprach: „Ja, laut Vollzugsplan sollte es eigentlich JVA Ravensburg sein. Ich weiß es leider auch nicht. Der Transport sollte dann in drei Tagen soweit sein.“ Schnell gab ich Behlül und Hassan Bescheid, beide freuten sich für mich. „Es ist eigentlich ganz gut, dass ich zurück nach Hall gehe. Die kennen mich schon, die schicken mich sicherlich in den Freigang. Das Problem ist nur, ich habe mich gar nicht dort in der Gegend für die Unis beworben. Aber vielleicht schicken die mich ja nach Stuttgart ins Freigängerheim“, teilte ich meine Gedanken mit den Jungs. Ich war in solch einer Plauderlaune, dass ich sogar der Beamtin Frau Benz stolz davon berichtete, worauf diese wiederum antwortete, dass ihre Freundin in der JVA Schwäbisch Hall arbeiten würde. Natürlich wollte ich sofort wissen, wen sie meinte und war überrascht, als sie den Namen von Frau Habich nannte. „Das wusste ich gar nicht! Wissen Sie, dass Frau Habich mir total geholfen hat, bevor ich hierher verlegt wurde? Ich verstehe mich sehr gut mit ihr.“ Ich erzählte ihr von ein paar Gefälligkeiten, die Frau Habich für mich getan hatte und bat sogleich Frau Benz etwas frech um eine ebensolche Gefälligkeit: „Könnten Sie eigentlich Frau Habich Bescheid geben, dass ich zurückkomme, damit sie mir einen Job als Reiniger besorgt? Also, dass ich auf ein Stockwerk komme, wo die einen Reiniger brauchen?“ Sie bejahte und wünschte mir alles Glück.

Ich verabschiedete mich von allen. Belühl und ich entschieden uns dazu, in Kontakt zu bleiben, auch, wenn in der Haft oft die Devise „Aus den Augen, aus dem Sinn“ vorherrschend war. „Oha, die Lücke an deinem Hinterkopf wächst ja wieder zusammen“, meinte ich zu ihm, als er mir sagte, dass er froh sei, mich kennen gelernt zu haben: „Du hast mir die Haft echt erleichtert. Es ist schade, dass Du gehst. Wir bleiben in Kontakt, Bruder!“ In der nächsten Stunde befand ich mich schon wieder auf dem Transportweg in diesem riesen Bus, der kleinere Zellen beinhaltete. Es fühlte sich wirklich ein Stück weit so an, als würde ich zurück nach Hause fahren – ich freute mich doch tatsächlich ein klein wenig auf Schwäbisch Hall. Wir stoppten bei einigen JVAs, damit Häftlinge ein- und aussteigen konnten. In der JVA Heilbronn mussten wir allerdings in eine Wartezelle, wahrscheinlich hatten die Fahrer Mittagspause. Als wir in dem Trubel in eine kleine Zelle geführt wurden, sah ich plötzlich ein mir bekanntes Gesicht: Yilmaz. Er war wohl auch hier Reiniger geworden, zumindest packte er einige Kartons aus dem Transportbus und trug diese ins Gebäude. Ich bevorzugte, ihn zu ignorieren, zumal er mich in dem Gewirr nicht wiedererkannt hatte. Mir schauderte es, als ich dann den anderen Reiniger sah: Es war der Häftling, der damals gemeint hatte, er habe einen Opa unsanft gestoßen, woraufhin dieser auf eine Bordsteinkante gefallen sein solle. In Wirklichkeit hatte er sein eigenes Kind, einen Säugling, ins Koma geschlagen. Am liebsten wäre ich über ihn hergefallen, doch es blieb bei verurteilenden Blicken meinerseits. Wir bekamen auch Vesper, Brot mit Käse und Wasser. Nach einer Stunde ging es dann weiter nach Schwäbisch Hall – als wir ankamen, und ich den Teich im Innenhof sah, sprudelte nicht nur das Wasser zum Teich, sondern auch das Glück, geradewegs in meinen Körper.

Wir wurden in die Wartezellen gebracht und nacheinander aufgerufen. Wir mussten nämlich in die Kammer und unsere Sachen abholen. Als die Tür sich öffnete und der Erste aufgerufen wurde, erblickte ich eine Beamtin: Frau Habich! Ich strahlte sie an und rief ihren Namen: „Frau Habich!“ Sie erwiderte mein Lächeln und blickte zu mir. „Herr Ates! Schön, dass Sie wieder da sind!“ Sie ging mit dem Häftling in die Kammer. Als ich dann endlich dran war, stand Frau Habich mit einem weiteren Beamten da. Ich konnte erkennen, dass dieser Beamte eine höhere Position innehatte, er hatte nämlich einen silbernen Stern auf der Schulter: „Wer ist Herr Ates?“, fragte er. Bevor ich etwas sagen konnte, wies Frau Habich in meine Richtung: „Er war schon Reiniger bei uns auf dem Stockwerk. Du brauchst doch einen Reiniger?“, fragte sie den Beamten. „Wollen Sie Reiniger werden?“, fragte mich der Beamte daraufhin ohne Umschweife. Ich bejahte lächelnd und hätte vor Glück ein Salto machen können. „Gut, ein Reiniger verlässt mich die kommende Woche, Sie arbeiten dann in meinem Stockwerk.“ Ich bedankte mich, doch wurde ich noch nicht in die Kammer gerufen. Es ging hier wohl nur um den Job. Er ging fort, und ein paar Aufrufe später war ich endlich an der Reihe: „Frau Habich, vielen Dank! Hat sich Frau Benz bei Ihnen gemeldet?“ Sie nickte, doch sie bugsierte mich zunächst zur Kammer, in der ich ein weiteres bekanntes Gesicht erspähte, das Wohlgefühl in mir hielt an: Es war der Beamte, der damals meine Zelle kontrolliert und das Handy dabei nicht gefunden hatte. „Herr Ates, diesmal gibt es aber nur zwei Pullover!“, tadelte er milde lächelnd, als er meine Klamotten auf seinem Zettel erfasste: „Ja klaro! Der Sommer ist da, da brauch ich sowieso keine Pullover mehr.“ Als er mich in den nächsten Warteraum schicken wollte, kam ihm Frau Habich zuvor: „Ich bringe Herrn Ates direkt in seine Zelle, da muss ich sowieso hin.“ Der Kammerbeamte war einverstanden, und schon ging es über den wundervollen Innenhof mit Blick auf den Teich in Richtung meiner Zelle. „Perfekt, jetzt bin ich einfach genau gegenüber von dem Gebäude, in dem ich bereits war. Komm ich wieder in den zweiten Stock?“ Ich blickte hinter mich und sah diese Zellenfenster, und versuchte ein Flashback zu bekommen. „Nein, diesmal sind Sie im ersten Stockwerk. Wie war es in Stammheim?“, fragte Frau Habich. „Total scheiße. Ich habe Schwäbisch Hall voll vermisst. Vielen Dank, dass Sie mir den Reinigerjob klargemacht haben!“ – „Ja die Frau Benz hatte sich gemeldet, ich war überrascht. Das mach ich doch gerne. Sie sind ja auch ein guter Reiniger“, meinte sie sanft. Sie brachte mich in eine Vier-Mann-Zelle, in der ich jedoch alleine war. Einen Fernseher bekam ich auch sofort. In Stammheim hatte sich in jeder Zelle ein kleiner Röhrenfernseher befunden, in Schwäbisch Hall musste man dafür jedoch monatlich einen Betrag von ca. 13 EUR bezahlen. Aber mein Konto war gut gefüllt.

Schnell füllte ich alle nötigen Anträge aus. Das hieß: Anmeldung für die Gespräche mit dem Sozialarbeiter zwecks Studium und offenen Vollzugs, Sportaktivitäten und der Anmeldung zum Kurs für die türkische Integration. Ich war pünktlich zum Abendessen gekommen, als die Tür aufging und ich die verschiedensten Brotsorten sah. Mir lief der Speichel bei diesem Anblick im Mund zusammen. Dies hier war absoluter Luxus, so viele Brotsorten hatte ich nicht einmal bei einem Bäcker draußen gesehen. Die Reiniger fragten natürlich sofort, wann, wie und weshalb ich reingekommen war. Die Beamten tolerierten meist kurze Gespräche – in Kurzform berichtete ich davon und auch, dass ich ein Jahr als Reiniger in der U-Haft im gegenüberliegenden Gebäude gewesen war. Abends ertönte dann auch das Geräusch, das ich schon ewig vermisst hatte: Das automatische elektronische Aufschließen aller Zellentüren gleichzeitig – es klang wie ein Orchester der Freiheit in meinen Ohren. Ein paar Häftlinge kamen rein, übliches Theater, übliche Fragen – gleiche Rollen, andere Darsteller. Und dann gab es noch diejenigen, die einen auf hart machen wollten und mit ihrer Haltung ein „Leg dich nicht mit mir an“ zum Ausdruck brachten. Es kam aber eher einer Bitte, wenn überhaupt einer Forderung gleich, aber sicher keiner Drohung. Kontakte konnte ich am ersten Tag nicht knüpfen. Leider war auch kein einziger Häftling dabei, den ich kannte. In diesem Punkt hatte ich mir etwas anderes erhofft, sogar die Beamten des Gebäudes waren mir fremd.

So schnell wie möglich ging ich zum Büro und fragte nach, ob ich meine Eltern anrufen dürfe. In der Strafhaft war dies erlaubt. „Sie dürfen nur maximal 2 Mal in der Woche für je 10 Minuten telefonieren. Dafür müssen Sie einen Antrag jeden Freitag abgeben. Diese Woche ist schon alles ausgebucht“, wies mich der Beamte auf die Regeln hin. Ich bat jedoch darum, nur kurz telefonieren zu dürfen, um meinen Eltern Bescheid geben zu können, dass ich verlegt worden war. Der Beamte willigte überraschenderweise ein: „Ja gut, um 20:00 Uhr ist normalerweise Schluss mit den Telefonaten. Dann dürfen Sie ausnahmsweise um 20:00 Uhr telefonieren.“ Ich bedankte mich abermals. Diese Großzügigkeit der Beamten hatte ich in Stammheim sehr vermisst.

Ein groß gebauter Türke hatte mich Neuen entdeckt und wies mich an, meine Unterlagen zu nehmen und in seine Zelle zu kommen. Ich kam der Aufforderung nach und stand mit meinen Unterlagen vor seiner Zelle: „Schuhe ausziehen bitte“, sagte er. „Ihr seid ja echte Türken“, lächelte ich, doch mein Lächeln prallte an einer Wand aus grimmigen Gesichtern ab – und womöglich steckten dahinter noch dazu gefährliche Köpfe. Der groß gebaute Türke stand angelehnt an der Bettkante, neben ihm ein Italiener – der mir irgendwie wenig Beachtung schenkte – und einer, der mir wie der „Chef“ vorkam, ein arabisch-türkisch aussehender und ziemlich bärtiger Junge, der auf dem Bett „residierte“. Alle schienen ungefähr in meinem Alter zu sein. Ich sollte mich neben dem bärtigen jungen Mann hinsetzen und alles erzählen. Sie nahmen sich viel Zeit für mich, fast eine Stunde fragten sie mich aus. Am Ende hatte ich wohl den Test bestanden und durfte gehen – doch so wirklich wollten sie mich wohl nicht in ihren Kreis aufnehmen. Es fühlte sich so an, als wollten sie mir sagen: „Junge, du bist sauber, aber etwas zu sauber für uns.“

Als ich abends daheim anrief, ging meine Mutter ran und war erleichtert, dass ich mich endlich in Strafhaft befand und mich um den offenen Vollzug kümmern konnte. Während sie sich vor Allem darüber freute, dass ich in Schwäbisch Hall war, hatte sie eine viel erfreulichere Nachricht für mich: „Emre, Du hast eine Zusage von der Hochschule Ravensburg bekommen!“ In dem Moment kam mir meine Mutter vor wie der Paketzusteller, der mir ein Zalando-Paket in die Hand drückte – ich hätte schreien können vor Glück! „Super, Mama, ich muss schnell mit der Sozialarbeiterin reden, damit ich in den Freigang nach Ravensburg verlegt werde. Das Gute ist, die kennen mich hier, dann müssen die mich keine sechs Monate beobachten!“ Meine Mutter wünschte mir viel Glück bei meinem Vorhaben und versicherte mir, sofort einen Besuchstermin auszumachen. „Mama, bring den Cem mit! Der darf doch jetzt, oder?“, fragte ich. Sie bejahte.

Ich fühlte mich so gut, alles lief zu meiner Zufriedenheit und endlich hatte ich auch einen Ausgleich: Den Sport hatte ich sehr vermisst, vor Allem das Volleyballspiel bereitete mir große Freude. Ich hatte mich in dem einen Jahr in der U-Haft merklich verbessert und hatte von Mal zu Mal mehr Spaß beim Spielen. Als mich der Beamte dann bereits am nächsten Morgen zum Sport mitnahm, spürte ich, wie die Phase des Glücks ihren weiteren Lauf nahm. Als der Beamte mich dann vor der Sporthalle abließ und der Sportbeamte kam, erkannte er mich sofort wieder. Ich begrüßte ihn herzlich mit seinem Namen, während er mich etwas schief angrinste: „Ah, der Wäscheschnüffler ist zurück!“ Mir stieg die Schamesröte ins Gesicht. Bevor ich die JVA Schwäbisch Hall verlassen hatte, hatte mich – wohlgemerkt ein anderer Beamte! – erwischt, wie ich auf seinen Wunsch hin an der Wäsche von Tayfun gerochen hatte, um zu überprüfen, ob der Weichspüler die Wäsche frisch genug riechen ließ. Wie es aussah, hatte sich dies unter den Beamten rumgesprochen. Noch peinlicher war es, dass sich der Sportbeamte auch nach ca. 5 Monaten daran erinnern konnte. Doch andererseits wertete ich dies auch als positiv. Ich war mir sicher, dass ich diese sechs-monatige-Beobachtungsphase würde überspringen können. Die Tage vergingen, und ich freundete mich mit einem Albaner an, welcher mich wiederum einem weiteren Albaner vorstellte, welcher mich schließlich dem Reiniger-Albaner vorstellte, dessen Stelle ich übernehmen sollte. Sie waren alle sehr freundlich, und als ich von einigen Albanern aus Stammheim berichtete, erkannten sie so manch einen wieder. Zirka eine Woche nach meiner Ankunft ertönte auch schon das erste Mal mein Name in der Freizeit. Der Beamte rief mich, ein Brief war gekommen: Er war von der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

Ich riss den Brief sofort auf und traute zunächst meinen Augen kaum.

#55 – Der Mittäter von Abde

Beim nächsten Besuch erwartete mich mein Vater, was bedeutete, dass es mal wieder etwas ungemütlich werden würde. Ich hätte wohl dankbar sein sollen, dass er mich besuchte. Doch ich war es irgendwie nicht, stets hatte ich ein unwohles Gefühl, wenn ich mit ihm sprach. Dabei war es meist jedoch ein ganz normales Gespräch, das sogar manchmal lustig war. Etwas Unangenehmes wurde jedoch immer besprochen, so fragte er mich diesmal, ob ich fasten würde. Ich log ihn an, ich hatte erst eine Verurteilung hinter mir – die vom Gericht reichte mir. Es war durchaus ein seltsames Gefühl gewesen, nach so vielen Jahren des disziplinierten Fastens damit aufzuhören. Ich fühlte mich schuldig und schlecht. Auch das Belügen meines Vaters war mir unangenehm – doch die Wahrheit wäre sicherlich unangenehmer gewesen. Ich konnte mich noch daran erinnern, wie deutsche Freunde immerzu gemeint hatten: „Emre, Allah kann dich hier im Zimmer nicht sehen – wenn Du willst, schließen wir auch die Rollladen – jetzt iss doch die Haribos.“ Zuvor hatte ich ihnen mitgeteilt, wie gerne ich von diesen Gelatine-Gummis naschen würde und erzählte ihnen, wie es in meiner Kindheit noch toleriert wurde, bis unsere Moschee schließlich ein Verbot herausbrachte. Meine Lieblingssorte waren immer die gezuckerten Gummi-Erdbeeren gewesen. Es war mir sehr schwergefallen, mich davon zu trennen. Damals fand ich die Aussage meiner Freunde noch absurd und intolerant. Ich hatte mich immer gefragt, ob sie es nicht sein lassen konnten, schließlich hatte ich ihnen auch nie versucht, etwas ein – oder gar auszureden. Doch so langsam begann ich, ihnen recht zu geben. Wieso hatte ich in der JVA Stammheim aufgehört zu fasten? Dachte ich tatsächlich, dass Allah mich hier drin nicht sah? Die Antwort für mich war simpel: „Ja, er sieht mich nicht.“ Mein Hoca sagte immer, man dürfe Allah keinen Ort geben, er sei nicht im Himmel, nicht auf der Welt, nicht im Universum – er sei überall! Und auch meinem Hoca muss ich aus heutiger Perspektive teilweise recht geben. Da saß mein Vater vor mir und fragte mich, ob ich fasten würde, wie es ein „kul“ (zu Deutsch: Sklave) Allahs tun würde. Daheim hätte mich meine restliche Familie gefragt. Meine Großeltern, meine Verwandten, meine muslimischen Freunde, meine muslimischen Bekannten – alle hätten mich verurteilt, hätte ich nicht gefastet. Sie waren überall – Allah war überall. Und in der Haft? Hier fragte keiner, ob ich fasten würde. Keiner prahlte, dass er seinen muslimischen Pflichten nachging. Keiner wollte etwas vom Ramadan wissen. Auch die Moslems, oder jene, die sich als Moslems ausgaben, fasteten nicht. Niemand war hier, der mich verurteilte – Allah war nicht hier. Doch da stand nun mein Vater vor mir, und plötzlich spürte ich einen Hauch von Allahs Zorn. Nur die zwei Stunden Besuch musste ich aushalten, dann war ich „frei“ von seinem Zorn. Um von mir und meinen möglichen Sünden abzulenken, erzählte ich meinem Vater von Peter und Hakim, dass beide homosexuell waren und wie ich das rausbekommen hatte. Natürlich fand er dies abscheulich, fluchte über sie und warnte mich vor ihnen. Als ich ihn bei seinem minderen Wutausbruch beobachtete, merkte ich, wie abscheulich er dabei aussah – er wirkte auf mich extrem intolerant. Mir wurde schlecht, und der innere Konflikt in mir wurde stärker, ausgelöst durch die Hasstiraden meines Vaters. Ich realisierte, dass ich selbst auch ein Stück weit so gewesen war. Ich hatte Peter und Hakim für ihre sexuelle Orientierung verurteilt, und daraus die Konsequenz gezogen, dass ich mich zukünftig von ihnen fernhalten würde. Dabei hatte ich vergessen, dass Toleranz und Akzeptanz nicht dasselbe waren – zumindest nicht für mich. Es war mein gutes Recht, die Ansichten Peters und Hakims nicht für mich zu akzeptieren, wenn sie meinen Werten nicht entsprachen. Doch war es ein absolutes Unding, sie dafür zu verurteilen, ich musste das tolerieren. Sie waren doch im Grunde so wie ich, auf eine Art und Weise einfach anders als die anderen. Plötzlich spürte ich einen Anflug von Bewunderung: Peter hatte zugegeben, dass er homosexuell war. Ihm war es egal gewesen, was ich darüber denken würde, was ich tun würde. Er fühlte sich frei in seiner Meinungsäußerung. Und ich? Ich konnte nichts offen äußern, ich konnte meinem Vater nicht sagen, dass ich begonnen hatte, an der Religion zu zweifeln, dass ich nicht fasten würde. Ich konnte meine Meinung nicht frei äußern.

Ich wollte nicht intolerant sein, wollte anders als mein Vater sein. Nach dem Besuch dauerte es ein paar Tage, bis ich meine Gedanken sortiert hatte und Peter in seiner Zelle besuchte: „Hey Peter, tut mir leid, wie ich reagiert habe. Ich habe echt kein Problem damit, dass Du schwul bist. Das ist mir egal. Ich muss das noch lernen, tolerant zu sein. Du schadest niemandem damit. Echt Schade eigentlich, dass wir in diesem Jahrhundert noch über solche Dinge diskutieren müssen. Es fällt mir halt schwer zu akzeptieren, dass ein Mann mit einem anderen Mann körperlich zusammen ist.“ Er sah mich an und schien irgendwie erleichtert, als er mir antwortete: „Emre, ich brauche deine Akzeptanz nicht. Solange Du mich nicht abstempelst und aufgrund meiner Sexualität nichts mehr mit mir zu tun haben möchtest, ist es mir ehrlich gesagt egal, ob Du Homosexuelle allgemein akzeptierst“, er überlegte kurz, „eigentlich ist es mir sogar egal, wenn Du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben willst, das ist dann dein Problem.“ Peter war in meinen Augen sehr stark, er hatte recht: Wenn irgendjemand ein Problem damit hatte, wer er ist, dann war das nicht sein Problem – soll sich derjenige dann eben andere Freunde suchen. Wenn meine Eltern ein Problem damit hatten, wer ich wirklich bin, dann war das aber irgendwie doch mein Problem – ich konnte mir doch keine andere Familie suchen! Mein Konflikt stieß mich immer mehr in die innere Zerrissenheit. Doch in einem Punkt war ich mir sicher: Ich wollte mich ändern, mich zum Besseren wenden.

Wochen vergingen und ich hing weiterhin mit Peter ab. Ich hörte mir das Gejammer von Behlül und Hassan an. Beide waren in Revision gegangen. Währenddessen war die Bewerbungsphase für ein Studium mit Semesterbeginn im Oktober 2014 gestartet. Meine studierte Cousine erklärte sich dazu bereit, die Bewerbungsunterlagen für mich abzusenden. Ich wusste nicht, weshalb meine Zwillingsschwester dies nicht angeboten hatte, doch war ich froh, dass meine Cousine sich zur Verfügung stellte. Sie hatte an mich alle Bewerbungsunterlagen per Post versendet, da meine Unterschrift noch nötig war. Ganz oben auf meiner Präferenzliste stand die Hochschule Ravensburg, es war mir sehr wichtig, dort angenommen zu werden – immerhin sollte ich laut Vollzugsplan zur Strafhaft in die JVA Ravensburg verlegt werden. Mir wurde kurz heiß, als ich dann in den Bewerbungsunterlagen der Hochschule Ravensburg ein Kästchen sah, das ich ankreuzen sollte, falls ich nicht vorbestraft war. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht hatte – doch ich kreuzte es an und unterschrieb. Die fast ein Dutzend Bewerbungen schickte ich an meine Cousine, die es dann an die Hochschulen weiterleitete. Ich wollte definitiv Wirtschaftsinformatik studieren, und wo dies möglich war, kreuzte ich den Studiengang als erste Priorität an. Derweil wartete ich noch immer auf die Rückmeldung der Staatsanwältin bezüglich meiner laufenden Ermittlungen und war erfreut, als ich einen Besuchszettel bekam: Meine Anwältin würde mich bald besuchen.

Der Besuch meiner Anwältin war jedoch ernüchternd. Von der Staatsanwältin gab es noch keine positive Rückmeldung und das Regierungspräsidium meinte es wohl ernst mit der Abschiebungsgefahr: „Sie dürfen das nicht unterschätzen, Herr Ates. Ich habe mit dem Sachzuständigen geredet, wir müssen da echt aufpassen.“ Ich konnte es nicht wahrhaben, dass das Regierungspräsidium tatsächlich in Erwägung zog, mich abzuschieben, am liebsten hätte ich denen einen Brief geschrieben: „Ihr könnt mich nicht abschieben! Ich gehe selber!“, doch das wäre ziemlich dumm gewesen, ich wollte ja eigentlich in Deutschland bleiben. Im Grunde wollte ich doch einfach nur studieren. Ich erzählte meiner Anwältin, dass ich mich beworben hatte und sie doch bitte schauen sollte, dass ich baldmöglichst in die Strafhaft komme, damit es mit dem Studium zeitlich noch klappt. „Herr Ates, das LKA Hamburg hat sich bei mir gemeldet. Es würde Sie gerne über einen sogenannten „DirtyBoy“ befragen. Von ihm haben Sie das Bankkonto von der Volksbank Kiel gekauft. Eventuell könnten wir diese Gelegenheit dazu nutzen, um der Staatsanwältin zu zeigen, dass Sie weiterhin bereit zur Kooperation sind und indirekt darum bitten, dass sie Ihnen doch entgegenkommen möge.“ Das Angebot meiner Anwältin nahm ich an. Über „DirtyBoy“ konnte ich sowieso nicht viel sagen.

So waren die zwei Beamtinnen wohl auch enttäuscht, als sie mich gleich die Woche darauf an der JVA Stammheim antrafen, ihren Audio-Recorder anwarfen und mich befragten. Natürlich konnte ich den realen Namen von „DirtyBoy“ nicht nennen, so war es doch der Sinn hinter Pseudonymen, ebendiesen geheim zu halten. Ich erklärte nur, wie er mir ein Bankkonto der Volksbank Kiel verkauft hatte, welches ich nicht wirklich benutzen konnte, weil es plötzlich geschlossen wurde. Ich erfuhr erst im Gericht, dass das Bankkonto nicht auf einen Fake-Namen erstellt worden war, sondern einer existierenden Person gehört hatte. Ich teilte ihnen auch mit, dass es sein könne, dass es sein eigenes reales Konto gewesen sein könnte. Es war aber wohl das des Nachbarn gewesen, so teilten sie mir es mit. „Sie haben ‚DirtyBoy‘ also schon verhaftet?“ Auf diese Nachfrage antworteten sie mir mit einem eindeutigen „Ja.“ Sie wollten mit meiner Hilfe wohl nur die Beweislast stärken. Außerdem war der Rechner von „DirtyBoy“ ebenfalls verschlüsselt, weshalb sie sich sicher waren, dass derjenige, den sie verhaftet hatten, „DirtyBoy“ war. Langsam verstand ich, worauf das Ganze hinauslaufen sollte: sie nannten mir den türkischen Namen von „DirtyBoy“ und wollten eigentlich wissen, ob wir uns persönlich kannten – wohl, weil wir beide Türken waren. Eine große Hilfe war ich den Beamtinnen wohl nicht, doch immerhin hatte ich mich zur Verfügung gestellt. Ich hoffte, dass meine Anwältin nun etwas bei der Staatsanwältin bewirken konnte.

Es verging einige Zeit und die FIFA Weltmeisterschaft nahte sich dem Ende, Deutschland war im Finale und alle waren für Argentinien. Der Aufschrei war groß, als Mario Götze in der 113. Minute traf – das war für mich ein phänomenaler Moment. Die Beamten waren am nächsten Tag auch sehr gut drauf. Die meisten Häftlinge hingegen, bis auf Ausnahmen wie David, wohl nicht. Wir bekamen immer wieder neue Häftlinge auf dem Stockwerk, und so kam ein neuer, der gefährlich aussah. Er hatte einen Vollbart, braune Haut und beständig einen sehr wütenden Blick. Es stellte sich heraus, dass er der Mittäter von Abde war, welcher wiederum mit mir während des Gerichtsverfahrens in der Wartezelle gewesen war. Der Mittäter von Abde befand sich zu der Zeit gemeinsam mit Cem in einer Zelle. Diese „Gemeinsamkeit“ brachte ihn wohl dazu, sich öfter mit mir zu unterhalten. Ich hingegen präferierte es eigentlich eher, mich fernzuhalten. Diese Jungs hatten eine saftige Strafe bekommen, waren ebenfalls in Revision und hatten irgendwie nichts zu verlieren. Meine Angst war nicht unbegründet: Hakim hatte es sich aus einem mir unbekannten Grund mit Herrn Leder verscherzt. Er wurde als Reiniger abgelöst und musste in das zweite Stockwerk. Das besondere an den drei ersten Stockwerken war, dass man hoch und runter schauen konnte. So konnte man sich mit den Häftlingen aus dem zweiten und dritten Stock unterhalten. Außerdem führte eine Treppe zum oberen Stockwerk, doch eine verschlossene Tür versperrte den Zugang. Zudem waren Netze so angebracht worden, dass man nicht einfach so in das zweite Stockwerk raufklettern konnte. So fühlte sich Hakim wohl in Sicherheit, als er in der Freizeit vom zweiten Stockwerk aus nach unten zu einem Häftling sprach und ihn auf das Übelste beleidigte. Der Beleidigte war der Mittäter von Abde. Die Beamten befanden sich zu der Zeit in ihren Büros, als ich den Mittäter von Abde plötzlich mit akrobatischem Geschick zum zweiten Stockwerk klettern sah. Hakim rannte in seine Zelle, doch der Mittäter von Abde schaffte es, ihn einzuholen. Wir hörten laute Schreie und ein Geräusch von festem Einschlagen auf Knochen. Ein Alarm ging an, die Beamten schossen aus ihren Büroräumen und sperrten uns alle sofort in die Zellen ein. Die Türen blieben bis zum nächsten Tag geschlossen. Ich war verwundert, als ich den Mittäter von Abde bei der Frühstücksausgabe in seiner Zelle sah. Herr Gleich fragte uns Reiniger später, ob wir gesehen hätten, wer Hakim geschlagen hätte. Wir verneinten – wer weiß, was uns sonst passiert wäre. Wenn es nicht der Mittäter von Abde gewesen wäre, der uns dafür bestraft hätte, wäre uns gegenüber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stellvertretend ein anderer Häftling handgreiflich geworden. Solche Typen hatten ihre Connections in der Haft. Der in der Kammer arbeitende Grieche erzählte, wie er Hakim in der Kammer gesehen hatte: „Er wird verlegt zu einer anderen JVA. Sein Gesicht sah so brutal aus, voller blauer Beulen und er war überall im Gesicht genäht worden. Dem wurde mit einer Aluschüssel auf das Gesicht eingeschlagen.“ Das war wohl der Moment, in dem ich beschloss, dass ich es hier nicht mehr aushalten konnte und wollte. Mit so einem Typen wie dem Mittäter von Abde wollte ich nicht auf einem Stockwerk leben. David sollte gefährlich sein? Dieser Typ erschien mir um einiges gefährlicher, wenn auch ihm in den Sinn kommen sollte, dass er von meiner Reinigerposition profitieren könnte, wäre ich geliefert. Wegen meines Bruders hatte er auch schon eine „spezielle“ Bindung zu mir aufgebaut. Schnell schrieb ich meiner Anwältin einen Brief. Ich teilte ihr mit, dass sie sofort die Revision zurückziehen solle, egal, wie der Stand der Dinge nun war. Ich wollte nur noch weg aus Stammheim.

#54 – Toleranzstufe Homosexuell

Es konnte seitens der JVA nicht nachgewiesen werden, dass die Eier für David waren – wahrscheinlich haben die Beamten es nicht einmal versucht. Jedenfalls wurde jemand aus der Küche entlassen. Der Entlassene hatte wohl keine Namen genannt – wieso sonst sollte David noch im Arbeiterstockwerk sein? Er kam auch auf uns Reiniger direkt zu: „Was habt ihr mit den Eiern gemacht?“ Immerhin beschuldigte er uns nicht sofort: „Der Beamte hat herausgefunden, dass rohe Eier in der Brotbox im Kühlschrank waren – wir wussten nichts davon. Du hattest uns nichts gesagt.“ Diese Lüge hatten Hassen und ich auch Hakim aufgetischt. David schaute Hakim vorwurfsvoll an: „Ich habe dir doch gesagt, dass Eier kommen?“ Hakim ging in die Defensive und meinte, dass er nicht gewusst habe, dass es gestern soweit gewesen war. Dass wir beide, Hassan und ich, das Abendessen ausgegeben hatten und er sich in seiner Zelle befunden hatte. David war zwar sauer, aber wie es schien, hatte er auch Verständnis – zumindest gab es von seiner Seite aus keine weiteren Konsequenzen. Währenddessen waren Hassan und ich erstaunt, dass Hakim davon Bescheid gewusst und wohl extra gestern das Abendessen nicht ausgegeben hatte: „Der ist doch sicherlich nicht umsonst die ganze Zeit in der Zelle geblieben, er wusste, dass die Eier von David draußen warten“, waren meine Worte an Hassan.

Die Tage vergingen, und Hakim wurde mehr zum Außenseiter bei uns Reinigern. Hassan und ich arbeiteten immer mehr gemeinsam. Als wir einmal die Flure wischten, erzählte er mir seine komplette Geschichte: „Ich befand mich in einer Bar mit meiner Freundin. Da kam so ein betrunkener Mann in die Bar rein, schrie rum und plötzlich wandte er sich uns zu. Er hat meine Freundin angemacht, obwohl ich dabei war. Ich habe ihn darauf hingewiesen, sich zu verpissen. Dann hat er meine Freundin als Hure beschimpft. Da bin ich durchgedreht, aber die haben mich zurückgehalten. Dann haben die den Betrunkenen aus der Bar geschmissen. Aber ich war richtig sauer, bin dann hinterher, nach draußen. Und da stand er. Ich habe dann 10 Mal in seinen Rücken gestochen.“ Ich bekam daraufhin auch seine Akten. Was er erzählt hatte, schien zu stimmen. Außerdem hatten sie auch bei der Verhaftung Blutproben von ihm genommen und konnten sehen, dass sein Blutzuckerspiegel nicht normal war. Das Messer war auch sehr klein gewesen, das betrunkene Opfer schwebte zu keiner Zeit in Lebensgefahr – doch die Schmerzen müssen entsetzlich gewesen sein.

Bei Behlül hatte die ganze Sache anders ausgesehen: er hatte mit einem 30 cm langem scharfen Messer zugestochen. Das Opfer hat diesen Stich wohl zunächst nicht bemerkt. Erst, als das Opfer daheim angekommen war, spürte es die Verletzung. Es lag wohl daran, dass das Adrenalin nachließ und das Blut herausspritzte, er wäre verblutet, hätte er es nicht rechtzeitig zum Arzt geschafft. Mittlerweile hatte auch Behlül mir seine Akten gezeigt, da nun seine Anklageschrift eingetroffen war und mir wurde da klar, dass er sich mithilfe seiner Erzählungen in ein besseres Licht gerückt hatte. In Wahrheit trug sich seine Tat laut der Anklage wie folgt zu: Behlül befand sich mit Freunden in einer Bar und war betrunken, allerdings nicht zu stark. Als seine Freunde und er die Bar verließen, war da eine Gruppe Deutscher. Einer der Deutschen hatte wohl einen von Behlüls Freunden provoziert. Dieser habe sich angegriffen gefühlt und sei sofort handgreiflich geworden. Dabei seien auch Fäuste ausgetauscht worden. Während Behlüls Freunde sich schlägerten, sei er zum Auto gerannt, wohlwissend, dass sich ein Messer darin befand und ist damit zurückgekommen. Obwohl bei seiner Rückkehr die Schlägerei bereits vorbei gewesen war, habe Behlül mit dem Messer in seiner Hand einen der Deutschen bedroht: „Komm doch her, wenn Du Eier hast!“ Der Deutsche sei daraufhin wutentbrannt auf ihn zugerannt. Beide seien gefallen. Laut Behlül sei das Opfer auf das Messer gefallen, er habe dies aber zu dem Zeitpunkt nicht gewusst. Das Opfer habe zu dem Zeitpunkt auch nichts gespürt. Erst, als es heimgekehrt war, spürte es einen starken Schmerz und merkte, dass es verletzt worden war. Die Polizei sei am nächsten Tag zu Behlüls Wohnung und fand dort das blutige Messer. Behlül habe nicht gemerkt, dass das Messer voller Blut gewesen sei. Ein Arzt analyisierte jedoch, dass das Messer eindeutig reingerammt worden sei und dies nicht bei einem Fall zustande gekommen sein könne.

Beide fanden ihre Tat weniger schlimm als die des anderen. Behlül bestand darauf, dass sein Strafmaß unangemessen hoch ausgefallen war und Hassan auf alle Fälle eine höhere Strafe als er verdient hätte. Hassan jedoch berief sich auf seinen anormalen Blutzuckerspiegel und, dass er nicht ganz bei Sinnen gewesen war, sich aufgrund dessen nicht kontrollieren habe können. Es vergingen Wochen, und ich hörte mir ihr beständiges Gemecker an, welches verstärkt auftrat, als beide ihre Urteile erhielten. Behlül bekam, so wie ich, 3 Jahre 9 Monate auf Freiheisstrafe. Hassan kam überraschenderweise mit 3 Jahren davon. Ich ärgerte mich sehr über Belühls Gemecker. Er realisierte nicht, dass er beinahe einen Menschen getötet hätte.

Ich brauchte etwas Abwechslung und freundete mich mit Peter mehr an. Mit ihm unterhielt ich mich gut, was wohl nicht zuletzt auch daran lag, dass er Student war. Mit Peter besprach ich mein Vorhaben, im Oktober 2014 ein Studium aufzunehmen, wobei er mir Mut zusprach. Auch erzählte er davon, dass er schon ein paar Mal gehört hatte, dass man vom Freigang aus studieren könne. Mit dem Beamten Herr Gleich verstand sich Peter auch ziemlich gut, wodurch ich auch den guten Kontakt zu Herrn Gleich aufbauen und pflegen konnte. Herr Gleich übergab mir auf meinen Wunsch hin eine Liste von Hochschulen in Baden-Württemberg, an denen ich mich bewerben konnte. Die Bewerbungsphase stand noch aus, aber so konnte ich schon mal Überlegungen anstellen. Herr Gleich meinte zudem, dass laut Vollzugsplan eine Verlegung zur JVA Ravensburg für mich wahrscheinlich sei, sobald mein Urteil rechtskräftig werden würde. Von der JVA Ravensburg hatte ich nur Gutes gehört – sie sollte geradezu einem Hotel nahekommen. Bei einem der regelmäßigen Besuche meiner Anwältin, bestätigte mir diese auch, dass es wohl auf die JVA Ravensburg hinauslaufen würde. „Sie sehen sehr schlecht aus, die JVA Stammheim tut ihnen gar nicht gut“, meinte sie erneut. „Ich faste, Ramadan hat angefangen. Eventuell liegt es daran.“ Ich wusste nicht wirklich, warum ich das tat. Eventuell war es nur Gewohnheit, schließlich hatte ich die letzten 15 Jahre stets den Ramadan über komplett gefastet. Außerdem hatten die Freitagsgebete wieder alte Erinnerungen aus der Moschee-Zeit heraufbeschworen – und obwohl ich mich in einem inneren Konflikt bezüglich meines Glaubens befand, bevorzugte ich es erstmal, den muslimischen Pflichten nachzugehen. Nachdem ich gut 10 Tage gefastet hatte, hatte ich es aber dann auch satt. Einfach so, ohne wirklichen Auslöser, entschied ich mich dazu, nicht mehr zu fasten. Zuvor kam sonntags der Hoca, um uns eine Predigt zu halten und war fasziniert, dass ich der einzige war, der fastete. Er hielt tiefsinnige Gespräche mit mir und merkte sofort, dass ich eine islamische Erziehung und Bildung „genossen“ hatte. Umso peinlicher war es, als der Hoca einmal fragte, ob ich noch fasten würde. Ich erwiderte, ohne zu zögern, ein klares „Ja“ und lief rot an, als ich seinen enttäuschten Blick wahrnahm: in meinem Mund war noch ein Bonbon. Diese Situation wiederum enttäuschte mich selbst. Ich fragte mich, warum ich nicht ehrlich und offen zugeben konnte, dass ich nicht mehr fastete. Es fiel mir schwer, den Hoca zu enttäuschen, und genau da lag das Problem. Ich wollte nie mein Umfeld enttäuschen, mein Glauben basierte hauptsächlich darauf, mit ebendiesem zu „prahlen“ und somit in der muslimischen Gesellschaft akzeptiert zu werden. Ich glaube, dass ohne den gesellschaftlichen Druck, jeder seine Religion ganz anders ausleben oder es sogar ganz sein lassen würde.

Die Religion ist meiner Ansicht nach geprägt von Intoleranz. Allein der Glaube, dass alle andersgläubigen Menschen in die Hölle kommen, bringt diese Intoleranz schon zum Ausdruck. Fundamentalistische religiöse Ansichten waren in meinen Augen nicht mit Toleranz vereinbar. Vielleicht irrte ich mich – und doch wurde ich von Hakim vor Peter gewarnt: „Wieso hängst Du eigentlich mit dem ab? Der ist doch schwul? Bist Du auch schwul?“ Ich hatte nie ein besonderes Problem mit Homosexuellen gehabt. Dennoch verspürte ich eine Art unwohles Gefühl und dachte so etwas wie: „Solange sie sich von mir fernhalten, ist mir das egal.“ In der Haft würde es sicherlich nicht gut ankommen, wenn ich mit einem Homosexuellen abhing. Doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass Peter homosexuell war. Ich konnte mir zwar nicht einmal vorstellen, was einen Homosexuellen überhaupt ausmachte, doch war ich mir sicher, dass Peter einfach nur ein netter, gepflegter Junge war und deshalb als homosexuell abgestempelt wurde. Ich erwischte mich immer öfter bei diesen ganzen Gedanken und musst es einfach wissen.

Im Hofgang drehte ich wieder ein paar Runden mit Peter und fragte ihn direkt: „Sag mal Peter, bist Du schwul?“, woraufhin er mich sehr verwirrt ansah. So einen schnellen Themenwechsel hatte er wohl nicht erwartet: „Wie kommst Du darauf?“ – „Der Hakim hat mir das gesagt. Ich habe kein Problem damit. Nur würde ich das gerne wissen. Ja, oder nein?“ Ich verspürte beim Stellen dieser direkten Frage keine Scham und hoffte auf eine klare Antwort: „Dazu sag ich jetzt mal nichts“, meinte er nur. Ich hingegen war erleichtert: „Ah, das heißt für mich ‚nein’.“ Zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass er diese Frage nicht beantwortete, weil es ihm zu dumm war, auf eine Frage mit einer derart offensichtlichen Antwort zu antworten. Doch dann war ich überrascht, als er mich im Gegenzug selbiges fragte: „Bist Du denn schwul?“ Ich lief rot an: „Was? Nein alter, nein man. Ich bin nicht schwul.“ Die Frage löste in mir ein Gefühl der Wut aus. Wie konnte er sich erdreisten, mich so etwas zu fragen? Ich hatte ihn zwar auch gefragt, aber meine Frage war berechtigt, ich war schließlich darauf hingewiesen worden – solcherart waren meine Gedanken zu dem Zeitpunkt. „Ich meine ja nur, ich habe echt nichts gegen Schwule, aber wenn ich mit einem abhängen würde, dann wäre es schon scheiße, wenn die anderen Häftlinge das mitbekommen.“ Ich konnte meine eigenen Worte wohl nicht hören. Schon allein der Satz „Ich habe nichts dagegen, ABER“, war schon ein Zeichen von Intoleranz. Auch die Erleichterung, dass er nicht schwul ist, oder ich das zumindest glauben wollte, sagte genug über mich aus. Nach dem Hofgang ging ich sofort zu Hakim und stellte ihn zur Rede, weshalb er so ein Gerücht über Peter verbreiten wollte. Er gab sich überrascht und meinte, dass Peter wirklich homosexuell sei. „Was zur Hölle?“, mir wollte das Thema einfach keine Ruhe geben, „ich frag den heut Abend nochmal.“ So schloss ich das Gespräch mit Hakim, als er die ganze Zeit darauf bestand, nicht gelogen zu haben.

In der Freizeit begab ich mich wieder in die Zelle von Peter. Er war allein, der perfekte Zeitpunkt, um erneut zu fragen: „Man Peter, der Hakim behauptet schon wieder, dass Du schwul bist.“ Peter war natürlich genervt und rief den Hakim in seine Zelle: „Hakim, wieso sagst Du, dass ich schwul bin?“ Hakim, der wieder in die Defensive ging, sah mich an: „Aber ich habe das nur Emre gesagt, weil der mit Dir abhängt.“ Ich war sauer und fing wieder an, zu schimpfen: „Du kannst doch nicht einfach Lügen über Peter erzählen und sagen, dass er schwul ist!“ Plötzlich unterbrach Peter mein Streitgespräch mit Hakim, als dieser gerade antworten wollte: „Warte, warte. Ich habe nie gesagt, dass ich nicht schwul bin.“ Ich war baff und blickte zu Peter: „Äh, wie jetzt? Jetzt bist Du doch schwul?“ Hakim war erleichtert: „Guck, ich habe doch die ganze Zeit gesagt, dass Peter schwul ist.“ Peter wurde wohl sauer, dass Hakim sich so schadenfroh gab und erwiderte sehr aufgebracht: „OK, Hakim, Du wolltest es so! Und zwar, der Hakim ist auch schwul!“ Ein erneuter Schock für mich, mein schockierter Blick wechselte von Peter zu Hakim und wieder zurück. Mir fiel plötzlich ein, wie wir an Wochenenden immer Umschluss hatten. Ich ging mit Behlül und Hassan stets zusammen in eine Zelle. Hakim hingegen war immer bei Peter in der Zelle. Hakim schien zudem die Behauptung von Peter nicht zu dementieren.

„Alter, was macht ihr beim Umschluss?“

#53 – Davids Eier

Ich bekam eine Gänsehaut, als ich den Ruf zum Gebet ausstieß.  Mich überkam eine Flut an alten Erinnerungen, wobei ich nicht genau zuordnen konnte, ob diese positiver oder negativer Natur waren. Es war ein mulmiges Gefühl, das in mir eine Art emotionale Zeitreise hin zu meiner Jugend und Kindheit auslöste. In mir breitete sich ein Gefühl aus, welches seit langem nicht mehr so stark ausgeprägt war: das Heimweh. Ich hatte Sehnsucht nach meinem Zuhause, einer mir vertrauten Umgebung, meiner Familie, meinen Bekannten und Verwandten.

Die verschmutzten Duschen, die strengen Beamten und die angegrauten Wände der JVA Stammheim gingen mir gehörig an die Substanz. Es war zu düster hier, und so begann ich doch tatsächlich, die JVA Schwäbisch Hall zu vermissen. Ich wollte mich hier gar nicht einleben, doch allmählich hielt auch bei mir der Alltag Einzug. Morgens Tee, Brötchen und einen Aufstrich (Honig, Nutella oder Butter) verteilen und nach dem Abrücken der Arbeiter die Flure wischen. Der Putztag stand an – und wir mussten mal wieder die Zellen der Mithäftlinge sauber machen. Einer fegte voraus, ein anderer wischte mit dem Wischmopp hinterher. Noch immer hatte ich mich nicht daran gewöhnt, den anderen ihren Dreck hinterherzuwischen – womit einer weiterer Pluspunkt an die JVA in Schwäbisch Hall ging. Mittags gab es dann, wie üblich, die Essensausgabe: Die Arbeiter standen vor ihren bereits offenen Zellen, wir Reiniger gingen mit dem Beamten von Zelle zu Zelle und reichten das jeweilige Essen (Moslemkost, vegetarische Kost oder normale Kost). An dieser Stelle war viel Feinspitzengefühl gefragt. So gab es einen Albaner, die nicht wie erwartungsgemäß die Moslemkost wollte, sondern komplett auf Fleisch verzichtete. „Ich möchte die vegetarische Kost, mein Junge“, meinte der ältere Albaner, als ich ihm die Moslemkost in die Hand drückte. Es musste einfach schnell gehen, für Verzögerungen war keine Zeit. Ich spürte den Druck des Beamten, der am liebsten gleich alle Zellentüren so schnell wie möglich wieder zuschließen wollte. „Du bist doch Türke, du solltest es besser wissen! Das Fleisch, das die hier als Moslemkost ausgeben, ist sicher nicht helal!“, meinte der Albaner, bevor seine Zellentür zugeschlossen wurde. Der Beamte ermahnte mich, dass das Essen nicht für Späße da sei. Dennoch interessierte es ihn nicht, als wir bei David ankamen und dieser zwei Portionen verlangte. Seltsam, dass der Beamte gerade bei ihm wegsah, ein paar Zellen vorausging und so tat, als sei er grade schwer beschäftigt und nicht ansprechbar. Sowohl Hakim und Osman als auch ich gehorchten. Am Ende hofften wir einfach nur, dass irgendjemand kein Essen haben wollte. Meist ging die Rechnung auf – jemand verzichtete auf sein Essen – und im worst case verzichtete einer von uns Reinigern auf sein Essen. Problematisch war es dann nur, wenn David nicht unsere Moslemkost haben wollte, sondern auf die normale Kost bestand, denn wir drei Reiniger hatten alle nur Moslemkost. Beim Abendessen war es nicht anders, obwohl da sogar zwei Beamte dabei waren. Das Abendessen gab es nämlich nach dem Hofgang, wenn alle in ihren Zellen eingeschlossen waren. So ging ein Beamter stets vor und öffnete drei Zellen. Wir Reiniger kamen mit dem zweiten Beamten hinterher, welcher die Zellentür schloss, nachdem wir das Essen ausgehändigt hatten. Bei David war das natürlich wieder mal anders: Der voraus gehende Beamte ging meist fünf Zellen vor statt der üblichen drei, und der Beamte, der eigentlich neben uns bei der Essensausgabe stehen sollte, war seltsamerweise immer in Gespräche mit den Häftlingen der vorhergehenden Zellen verwickelt. So befanden sich die zwei Beamten stets in einem Sicherheitsabstand und konnten wegsehen. Mich als Reiniger beeindruckte dies natürlich, denn dieses Phänomen trat ausnahmslos bei allen Beamten auf – mit David war wohl nicht zu scherzen. Daher gab es für ihn dann auch beim Abendessen gerne mal doppelte Kost.

Neben der Essensausgabe gab es noch andere Aufgaben, wie das Abfüllen von Reinigungsmitteln, also Sanitärmittel und Seife, die dann zwei Mal die Woche, mitsamt der anderen Hygienemitteln, an die Häftlinge übergeben wurde. Wir hatten zudem dutzende Wischmopps, die wir dann in einem Wäschesack runter in die Wäscherei brachten, wo sie gewaschen wurden. Auch die Arbeitsklamotten sammelten wir ein und übergaben frische – hier gab es wenigstens selten Häftlinge, die normale Klamotten brauchten, vor allem keine Unterhosen – die meisten hatten private Klamotten. Es war in Schwäbisch Hall stets eine unangenehme Angelegenheit gewesen, die stinkenden Socken und die ekligen Unterhosen einzusammeln. Nach dem Abendessen durften alle erst einmal duschen und hatten quasi Freizeit. Ich musste stets hoffen, dass David nicht schon wieder etwas in der Küche lagern oder sich bekochen lassen wollte. Auch präventive Maßnahmen hatten nicht geholfen: Jedes Mal, wenn ich den Beamten bat, die Küche doch bei der Freizeit bitte zu schließen, ging er diesem Wunsch nach. Doch ebenso jedes Mal, wenn David in das Büro des Beamten ging, ging er wohl auch seinem Wunsch nach und öffnete die Küche wieder. Doch solange es dem Beamten egal war, dass ich für David in der Küche kochte, war es mir auch schnuppe. Es schien aber nicht allen egal zu sein – der Beamte Herr Groß hatte wohl ein Problem mit David.

Im Grunde genommen änderten sich die Beamten hier kaum. Es gab den Stockwerksbeamten Herrn Leder, der mich als Reiniger eingestellt hatte und der hier der Chef zu sein schien – er war wie Herr Winter aus Schwäbisch Hall für mich. Dann gab es den Herrn Groß, er kam mir vor, wie die rechte Hand von Herrn Leder. Beide waren öfter da und sehr streng. Einen Beamten wie Herrn Nils hatten wir auch in Stammheim: Herr Gleich, der irgendwie fehl am Platze war und die Rolle des gutmütigen Beamten übernahm. Eine hübsche, sportliche und junge Beamtin hatten wir auch des Öfteren – ihr Name war Frau Benz. Wenn sie arbeitete, herrschte eine viel fröhlichere Atmosphäre und sie begegnete jedem Häftling stets mit einem Lächeln, und so erinnerte sie mich stark an Frau Habich aus Schwäbisch Hall, nur mit deutlich weniger Parfüm. Es wunderte mich nicht, als Frau Benz mich einmal ansprach und vor David warnte: „Pass auf, der ist wirklich gefährlich.“

Noch immer wartete ich auf den Brief der Staatsanwältin mit den erlösenden Worten: „Die Ermittlungen gegen Sie wurden fallen gelassen.“ Doch seit Wochen kam nichts. Immerhin hatte sich endlich die Sozialarbeiterin gemeldet. Ich bekam einen Laufzettel und ging in ihr Büro, das sich einige Stockwerke weiter oben befand. Ich setzte mich hin und sie blickte mich in der Art an, wie sie es schon beim erstem Mal getan hatte: Als wäre ich ein minderwertiger Mensch. Auf ihre Frage, was sie denn für mich tun könne, antwortete ich mit Ausführungen meines langen Plans und erzählte, dass ich ab Oktober 2014 studieren wolle. Sie grinste nur überheblich und antwortete: „Herr Ates. So einfach, wie Sie sich das vorstellen, geht das nicht. Bevor Sie überhaupt für einen Freigang in Frage kommen, muss Sie die JVA, in die Sie zur Strafhaft verlegt werden, mindestens sechs Monate beobachten.“ Ich hatte es allmählich satt mit diesen Sozialarbeitern. Da fehlte definitiv ein großes „A“ vor deren Jobtiteln: „Ich war ein Jahr in der U-Haft in Schwäbisch Hall, die haben mich doch erlebt und sicherlich auch etwas notiert? Können die die Unterlagen nicht einfach an die JVA, in der ich zur Strafhaft verlegt werde, weiterleiten? Oder anrufen?“ Natürlich verneinte die Sozialarbeiterin alles und konnte mir keinen Grund nennen, weshalb es so nicht funktionieren sollte. Außerdem machte sie es mir zum Vorwurf, in Revision gegangen zu sein, da sich dies mit meinem Studiums-Vorhaben kreuzen würde. Meine Erläuterungen zu den weiteren Ermittlungen, die gegen mich liefen, zauberten ihr erneut ein auf mich extrem arrogant wirkendes Lächeln ins Gesicht: „Herr Ates, ich würde mal sagen, Sie warten jetzt ab, was passiert. Und wenn Sie in der Strafhaft sind, kontaktieren Sie den Sozialarbeiter dort. Ich kann Ihnen von hier aus nicht weiterhelfen.“ Ich bedankte mich dennoch höflich bei ihr, was mich jedoch nicht davon abhielt, mit einem inneren Tobsuchtsanfall mittlerer Stärke ihr Büro zu verlassen. Schnell verfasste ich einen Brief an meine Anwältin, mit der Bitte mir den Stand der Dinge mitzuteilen. Keine Woche später kam auch schon die ernüchternde Rückmeldung – die Staatsanwältin war noch nicht zu einer Entscheidung gekommen. Mit einer Revision, die durchgehen würde, könnten wir aber sicherlich mehr erreichen. So musste ich darauf hoffen, dass die Revision durchging oder die Staatsanwältin schon im Voraus die Ermittlungen einstellen würde.

Als ich mittags vor lauter Langeweile die Flure fegte, ertönte plötzlich ein lautes Alarmsignal aus einer Zelle, an der ich gerade vorbei fegen wollte. Manchmal befanden sich Häftlinge noch auf ihren Zellen und rückten nicht zur Arbeit an, z.B. wenn sie krank waren. Ich sah, wie der Beamte Herr Leder aus seinem Büro sprintete und die Tür aufschloss. Ich wurde Zeuge eines schockierenden Bildes: Ein Araber lag auf dem Boden und spuckte Blut – es hatte sich bereits eine Blutlache vor ihm gebildet. Sein Wimmern hörte sich an, als hätte er sich verschluckt und könne nicht atmen. „Sofort in die Zelle und abschließen!“, schrie Herr Leder mich an, als ich regungslos dastand. Ich schmiss den Besen auf den Boden, rannte zu den Zellen der beiden anderen Reiniger, stieß sie zu und knallte danach meine eigene Zellentür hinter mir zu – man musste sie nicht nochmals extra abschließen. Nach einer guten Stunde wurden wir wieder heraus gelassen: „Säubern Sie bitte die Zelle und räumen Sie sie aus“, befahl uns Herr Leder. Das Blut in der Zelle des Arabers war immer noch da – uns wollte man nicht erzählen, was passiert war. Am nächsten Tag fragte ich bei dem Beamten Herrn Gleich nach und war mir nicht sicher, ob seine Antwort der Wahrheit entsprach. So fragte ich zur Sicherheit ein weiteres Mal nach: „Er hat wirklich eine Rasierklinge geschluckt?“ Die Antwort von Herrn Gleich fiel kühl aus: „Ja, er wollte wahrscheinlich Aufmerksamkeit oder, dass man ihn nach Asperg verlegt.“ Da ich nicht wusste, was er mit Asperg meinte, erklärte er mir, dass dorthin Häftlinge verlegt wurden, die in einer normalen JVA nicht so einfach ärztlich betreut werden konnten – in Asperg hätte man ganz andere Mittel.

Die Tage vergingen, meine Eltern kamen und erzählten mir von Cem. Er genoss die Freiheit wohl sehr, war stets unterwegs mit unserer Schwester und auch die Bewährungshelferin sei zuversichtlich. Ich hing öfter mit Behlül ab, der häufig von seiner Schwester und seiner Freundin besucht wurde. Er zerbrach sich den Kopf über jede Kleinigkeit, was für mich der Grund für diese seltsame Lücke auf seinem Hinterkopf war: „Äh, Behlül, hast Du die Lücke auf deinem Hinterkopf bemerkt? Da fehlen ja einfach Haare?“, fragte ich und berührte die kahle Stelle. Er war überrascht und fasste sich dorthin: „Ach Du scheiße, wann ist das denn passiert?“ Ich musste lachen und wies meinerseits auf die Bartlücke, die ich schon immer mit mir herumtrug, hin: „Schau, ich habe auch eine Lücke am Bart, einfach so mittendrin.“ Er lachte nun auch: „Ja, das ist mir schon aufgefallen! Versuch mal, Knoblauch auf die Stelle zu reiben. Das soll anscheinend helfen.“ Das hatte ich auch schon mal gehört und probierte es natürlich sofort abends in meiner Zelle aus. Gleichzeitig stellte ich mir vor, wie Behlül nun seinerseits Knoblauch auf die kahle Stelle an seinem Kopf schmierte. Der Tipp schien nichts zu taugen, denn Wochen später wuchs an meiner Lücke noch immer kein Bart. Jedoch war mir das immer noch lieber als Behlüls Schicksal: Die kahle Stelle an seinem Hinterkopf wurde größer und größer. Langsam hatten wir Angst, dass er komplett kahl werden würde. Der Arzt meinte zu Behlül, dass es vom Stress käme. Ich versuchte, ihm zu helfen, indem ich ihm tagtäglich zuhörte und so dafür sorgte, dass er seine Ängste und Nöte mit jemandem teilen konnte. Seine Straftat kannte ich immer noch nicht ganz genau, er offenbarte jedoch von Zeit zu Zeit mehr Details: Das Messer, in welches das Opfer wohl „hineingelaufen“ sei, hatte Behlül nicht einfach so dabei gehabt – nein, im Gegenteil: Behlül war extra zum Auto gerannt, um das Messer zu holen. Ich verurteilte Behlül jedoch nicht dafür. Wir waren hier alle schuldig und hatten gegen das Gesetz gehandelt – es war selten der Fall, dass man jemanden für seine Taten verurteilen konnte, jeder musste sich erst an die eigene Nase fassen. Behlül war nicht der Einzige, der seine Straftat verschönerte, da gab es diesen Bill, der gerade einmal 19 Jahre alt war und auf einen älteren Mann fünf Mal geschossen hatte. Der Mann überlebte, wurde jedoch schwer verletzt. „Er hat meine Schwester vergewaltigt“, erzählte er jedem, wodurch natürlich viele ihm mit Verständnis entgegenkamen. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir vorstellte, dass ich selbiges tun würde. Selbstjustiz war keinesfalls eine Lösung und ich wusste, dass niemand das Recht hatte, jemanden zu töten. Jeder hat ein gerechtes Gerichtsverfahren verdient – gerade ich sollte das wissen.

Doch dann kam die Ernüchterung: Wir hatten im Flur einen Tisch, auf dem die Beamten immer die aktuellste Tageszeitung auslegten. Peter hatte die Information zuerst in der Zeitung gelesen und sie machte schnell die Runde: „Der Bill hat den Typen wegen 2,000 EUR erschossen … uns hat er erzählt, dass er es wegen der vergewaltigten Schwester getan hat.“ Wie schnell sich Empathie in Unverständnis wandeln konnte, erlebte ich nun bei mir selbst – wie konnte man jemandem das Leben nehmen wollen, für nur 2,000 EUR? Er bekam die Höchststrafe, die man als Jugendlicher bekommen konnte: 15 Jahre.

In Stammheim schienen so einige wegen schwerer Körperverletzung zu sitzen, so auch Hassan. Er war Türke und hatte jemanden abgestochen – angeblich wegen seiner Freundin. Seine Story kannte ich noch nicht wirklich, doch er wurde sofort Reiniger: Osman wurde entlassen, er hatte wegen Steuerbetruges gesessen und durfte nun auf Bewährung raus. Hassan war ein gut gebauter Junge, doch umso größer seine Muskeln waren, desto kleiner schien das wichtigste Organ bei ihm zu sein: Das Gehirn. Er litt an Diabetes und musste sich stets Insulin spritzen. „Wenn ich unterzuckert bin, dann dreh ich durch – das war auch so, als ich den Jungen abgestochen habe.“ Eine Entschuldigung für seine Taten hatte wohl jeder parat. Doch bei ihm vermutete ich, dass sein Diabetes sogar als strafmildernd eingestuft werden würde – dies würde sich noch zeigen. Mit Hakim verstand sich Hassan gar nicht gut, der eine war sehr ernst, der andere irgendwie verspielt. Ich hoffte, dass Hassan die Sache mit David übernehmen oder gar klären konnte, doch auch er war überrascht von der „Macht“, die David innehatte. Ein weiterer Punkt, der mich hierbei schockte, war Davids Sonnenbrille. Er war der einzige Häftling in der Anstalt, der eine besaß. Und das, obwohl der Besitz einer Sonnenbrille strengstens verboten war. Als ich eines Tages wieder für David kochte, kam Herr Groß zu mir und erwischte mich dabei, wie ich das gekochte Essen an David übergab. Er ermahnte mich. Dann ging er zum Kühlschrank und wollte wissen, wem der Inhalt gehöre. Ich erzählte ihm die Wahrheit. „Es gehört David.“ Alle Reiniger sollten in das Büro und wir wurden allesamt ausgeschimpft. Hassan konnte es natürlich nicht ausstehen, dass er ebenfalls ermahnt wurde: „Emre, Du kochst nicht mehr für den.“ Ich bejahte und teilte dies David so mit. Doch ihm schien meine Meinung herzlich egal zu sein, er ignorierte meine Aussage einfach und verlangte auch weiterhin, dass ich für ihn koche. Völlig verzweifelt besprach ich dies mit Hassan und Behlül, wir wurden langsam ein eingespieltes Trio und verbrachten unsere Freizeit miteinander. „Wir müssen mit einem Beamten sprechen. Am besten mit Herrn Groß, die anderen machen sicher nichts.“ Das war die beste Lösung. Also gingen wir zu Herrn Groß und erzählten, dass wir wegen David unter Druck waren und dass er uns zu den verbotenen Dingen zwang. Wir hofften, dass David aufgrund dessen verlegt werden würde. Herr Groß meinte jedoch, dass er sich das notiert und wir ihm Bescheid geben sollten, wenn das wieder passiert. Wir warteten nicht lange, als es wieder passierte: David kam in die Zelle von Behlül, als wir zu dritt gemeinsam Kekse aßen und wollte, dass ich für ihn koche. „Die Küche ist geschlossen“, erwiderte ich. „Nein, Herr Groß hat sie geöffnet. Und jetzt hopp hopp, ich verhungere.“ Ich lief rot an. Das war doch nicht sein Ernst? Hassan kam mit mir in die Küche und wir waren verunsichert, was Herrn Groß anging: „Wieso macht er die Küche auf, wenn David es verlangt?“ Wir konnten wohl niemandem vertrauen. Die Beamten, die etwas zu sagen hatten, standen unter dem Einfluss von David. Und der Rest sowieso.

Wir waren gerade dabei, das Abendessen auszugeben, als ich in die große Brotbox griff und plötzlich eine Packung Eier sah. Sie war versteckt auf dem Boden der Brotbox. Schnell klopfte ich auf die Schulter von Hassan und erzählte ihm davon, während ein Beamter, den ich zuvor nie gesehen hatte, vorausging und die Zellentüren aufschloss. Diesmal war er alleine: „Hassan, wir müssen das dem sagen. Ich wette, das ist von David. Wenn das rohe Eier sind, sind wir geliefert. Dann sind wir den Job als Reiniger los.“ Hassan zögerte keine Sekunde: „Ja, auf jeden Fall.“ Wir hatten das komplette Essen verteilt und waren gerade dabei, den Abendessenswagen aufzuräumen, als Hassan in das Büro des Beamten ging. Hakim war zum Glück in seiner Zelle. Wir verteilten immer nur zu zweit das Abendessen, heute waren Hassan und ich dran. Ich war mir sicher, dass Hakim uns sonst verpfeifen würde. Hassan kam mit dem Beamten und wir zeigten ihm die Eier. Er war erstaunt. Ich bat ihm, niemandem zu sagen, dass wir ihm das mitgeteilt haben. „Wir wussten auch nichts davon“, meinte Hassan. Der Beamte sah sich die große Packung an: „Das sind doch sicherlich Eier, die für die Essensausgabe gedacht sind. Wieso habt ihr die nicht ausgegeben?“ Wir blickten einander an: „Ähm, die waren da versteckt. Ich glaube, das sind rohe Eier“, teilte ich ihm mit. Er hob beide Augenbrauen: „Rohe Eier?“ Er nahm ein Ei und legte es vor sich auf den Tisch, woraufhin er es anstupste, sodass es sich drehte.

Es hörte nicht mehr auf.

#52 – Allah ist der Größte

Der Besuch verging wie im Flug, nochmals die Hand von Oma küssen und dann ab mit dem Beutel voller Schokolade in die Zelle. Der Alltag war nicht viel spannender als in Schwäbisch Hall, morgens putzen, mittags Essensausgabe und nachmittags eine Stunde Freizeit, in der die Arbeiter duschen durften. Es war nicht viel Zeit, die Leute kennenzulernen. Ich als Alteingesessener wusste, dass es immer eine Weile brauchte, bis man von den anderen akzeptiert wurde. Einige wollten meine Unterlagen sehen, die ich schon auf meinem Tisch bereitgelegt hatte: „Geh in meine Zelle, sie liegen auf dem Tisch, kannst gerne durchlesen“, so winkte ich bei allen ab. Allein der Grieche kam mit meinen Unterlagen raus und machte einen extrem begeisterten Eindruck. Aufgeregt fuchtelte er mit meinen Gerichtsunterlagen vor mir herum: „Alter, bist Du der Mittäter von Flippi?“, „Äh, nein. Aber ich habe indirekt mit dem etwas zu tun gehabt. Wieso?“, fragte ich doch recht verwundert über seine Kenntnis dieses Pseudonyms. „Er war auch hier. Wurde vor kurzem entlassen, er hat auch die Deutsche Bahn betrogen.“ Das war ja mal interessant! Sowohl mein Bruder Cem, als auch Flippi, hatten sich zur selben Zeit hier in der JVA befunden. Ich überlegte laut: „Ja, also ich habe mit ihm nichts gemacht. Aber mein Bruder, der hat mit ihm wohl was gerissen, gemeinsammit einem gewissen ‚Dark‘. Mein Bruder wurde aber gestern entlassen, er war wegen des Verfahrens mit mir drin. Und ich glaube, der Flippi hat ausgepackt, deswegen wurde er wahrscheinlichentlassen. Ich habe das irgendwo in meinen Ermittlungsakten gelesen.“ Das Ganze schien ihn brennend zu interessieren, denn er wandte seinen Blick kein einziges Mal von mir ab. Ich erfuhr, dass sie Freunde geworden waren und er offenbar der Meinung war, dass Flippi ein korrekter Junge sei. Ich bewies ihm das Gegenteil, als wir die Unterlagen in meiner Zelle durchschauten und fündig wurden. Flippi war auch ein ziemliches Schlitzohr gewesen.
Ich vermutete, dass der Grieche wohl meine Eintrittskarte in die „Community“ sein würde. Er schien mir ganz intelligent zu sein: er stellte mich auch seinen Kollegen vor, die allesamt gute Jobs in der JVA innehatten, ganz anders als der Rest. Da war zum Beispiel Peter, der als einziger Häftling in der Bibliothek arbeitete, und zudem noch Student war – der erste, den ich bis dato gesehen hatte. Immobilienbetrug hatte er wohl begangen, d.h. Immobilien verkauft, die er nicht besessen hatte, womit er einen Millionenschaden verursacht hatte. Er hatte wohl im Duo agiert mit einem älterenrotschopfigenKollegen,welcher„nur“ wegen Steuerbetruges saß und mit dem Griechen die begehrten Stellen in der Kammer teilte. Ein weiterer Grieche, Andreas war sein Name, arbeitete in der Wäscherei. An sich erschienen mir diese Jungs als die sympathischsten und die mehr oder weniger Gebildeten des Stockwerks. Den Hofgang verbrachte ich mit Peter. Es war sehr angenehm, sich endlich mal mit einem auf der gleichen Wellenlänge zu unterhalten. Die Türkengruppe hatte ich auch bereits entdeckt, doch diese erschien mir seltsam – die Persönlichkeiten changierten zwischen total verrückt und, nett ausgedrückt, weniger intelligent. Ich begrüßte sie im Hofgang, als sie im Kreis auf der Wiese saßen und mich kurz willkommen hießen, indem sie die üblichen Fragen stellten. Einer aus der Gruppe der Türken erregte jedoch meine Aufmerksamkeit, da er im Vergleich zu den anderen ziemlich normal aussah und sprach. Er machte einen traurigen Eindruck auf mich und suchte gezielt das Gespräch mit mir. Er fragte mich sehr genau zu meinen begangenen Taten aus. Peter hatte sich derweil zu seinen Kollegen gesellt und ich drehte ein paar Runden mit einem Neuen, der ebenfalls Türke war und Belühl hieß. Als ich ihm abermals erklärte, wie ich meine Taten begangen hatte und er – wie andere auch – schockiert über mein Urteil war, musste ich ihn beruhigen: „Hey, keine Angst. Mach dich nicht verrückt, wegen eines Gerichtsverfahrens, dessen Termine noch nicht mal feststehen.“ Irgendwie erinnerte mich das Ganze an mich selbst, wie ich am Anfang dastand und wie viel Zeit seither vergangen war, sodass ich nun mein Urteil in Händen hielt. Behlül erklärte mir, dass er die Haft nicht aushalten würde (genau so war es mir auch gegangen), dass er Angst vor einer hohen Strafe hätte (auch hierbei fühlte ich mich stark an mich selbst erinnert) und endlich raus wolle – selbstverständlich. Seine Tat war jedoch unschön und seine Schilderungen nur unzureichend. Er drückte sie in einem ziemlich unglaubwürdig erscheinenden Satz aus: „Ich war betrunken mit Freunden in einer Bar, da muckt der eine Deutsche einfach so auf und ich hatte ein Messer dabei, hab ihm damit gedroht, er ist auf mich zu gerannt und in das Messer gelaufen.“ Ich war schon lange genug „dabei“, um zu wissen, dass jeder seine eigene Story verschönerte. Immerhin hatte ich damals auch kein Wort über meine Vorstrafen verloren. Doch Behlül beließ es nicht nur beim Verschönern, er ließ gleich viele entscheidende Details weg – und im Endeffekt warfen Details ein ganz anderes Licht auf die Taten. Ich ging jedoch gar nicht darauf ein, da es mir offen gestanden ziemlich egal war. Ich erzählte stattdessen von dem Besuch mit meiner Oma und, dass sie zuerst kein türkisch reden durfte. Behlül konnte dazu auch seine eigene Story erzählen: „Ich saß auch mit meiner Freundin im Besuchsraum und da war die türkische Beamtin, die uns überwacht hat. Ich habe dann gefragt, ob ich denn türkisch reden dürfe, da sie ja auch türkisch verstehe. Sie sagt dann einfach so: „Nein“, und ich so: „Wieso? Du bisch doch auch Türkin?“ und sie dann voll ernst so: „Nein, ich bin Deutschin.“ Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen in dem Moment und auch Behlül musste lachen: „Deutschin? Verstehst Du? Die sagt Deutschin? So dumm ey.“

Zurück vom Hofgang fragte mich Behlül, ob ich Lust auf einen Kaffee hätte. Wie man sich denken konnte, schlug ich das Angebot natürlich nicht aus. Die Voraussage meines alten Reinigerkollegen zu meiner Anfangszeit, dass ich in der Haft den Kaffee noch lieben lernen würde, hatte sich bewahrheitet. Ich war in der Haft mittlerweile koffeinsüchtig geworden. Wir sprachen über unsere Familien und über unsere Straftaten und so kam es, dass ich ihn immer wieder trösten musste. Er gehörte zu den weniger „stabilen“ Häftlingen. Er vertraute mir sehr viel Privates an, unter anderem auch, dass seine Mutter vor kurzem gestorben war. Das nahm mich sehr mit, denn es ließ mich an meine eigene Mutter denken. Eine meiner größten Ängste in der Haft war es, jemand Nahestehendes währenddessen zu verlieren und machtlos in der Haft festzusitzen. Irgendwie begann ich, Mitgefühl für ihn zu entwickeln und seine Niedergeschlagenheit übertrug sich auch auf mich.Mich überkam der Drang, ihn unterstützen und ihm helfen zu wollen, das Ganze durchzustehen. Mit meinen Erfahrungen, die ich nun über das Jahr gesammelt hatte, wollte ich ihn mit Schilderungen über Verhandlungen, die positiv ausgegangen waren, aufmuntern.

Die Türen waren geöffnet, und die Häftlinge durften alle duschen, weshalb sich Behlül nun auf den Weg zur Dusche machte – ich hatte dies schon vor meinem Besuch erledigt. Also begab ich mich in den Flur und schlenderte umher, als dann der Stockwerksbeamte auf mich zukam: „Sie dürfen sich nicht im Flur aufhalten.“ Ohne weitere Erklärung begab ich mich in meine Zelle, als ich von David aufgehalten wurde: „Hey Junge, mach das mal bitte in den Kühlschrank rein.“ Ich blickte ihn wohl etwas verdutzt an, denn er wiederholte seine Bitte, die eher einer Aufforderung gleichkam: „Jetzt schau nicht so blöd, in der Küche ist ’n Kühlschrank, da kommt es rein.“ Etwas Angst hatte ich schon vor ihm. Er kam selbstsicher und gefährlich rüber, und so nahm ich ohne weiteren Kommentar sein Essen an mich und legte es in den leeren Kühlschrank. Hakim befand sich in der Küche und war am Essen: „Was machst Du da?“, fragte er mich. „Ich tue das in den Kühlschrank für David“, entgegnete ich, als wäre das selbstverständlich. „Eigentlich darfst Du das nicht, da kommt nur das Abendessen rein, welches wir dann später ausgeben. Lass Dich vom Beamten nicht erwischen.“ Jetzt war ich verwirrt: „Ähm, dann gebe ich das dem David zurück?“, „Würde ich nicht machen, lass es drin.“ Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es Probleme geben sollte,weil wir den Kühlschrank verwendeten. Zudem hatte ich so gar keine Lust auf einen Konflikt mit David. Ich war zugegebenermaßen ziemlich davon beeindruckt, wie er mit den Beamten umging.

Die Nacht schlief ich das erste Mal wieder richtig gut. Trotz allem war ich sehr darüber erleichtert, endlich mein Urteil zu wissen. Am nächsten Tag stand bereits der nächste Besuch an: Meine Anwältin war da. Sie beschwerte sich über das Gericht, darüber, dass ich keine Strafmilderung bekam und, dass sie auf jeden Fall kämpfen will: „Herr Ates, wir sollten in Revision gehen! Sie haben eine Strafmilderung verdient! Die Vorsitzende hat den BKA Beamten der IT total ignoriert.“ Ich hingegen sah alles etwas gelassener und erzählte ihr von meinem optimistischen Kalkül: „… und dann studiere ich 2 Semester im offenen Vollzug.“Nach meinen Ausführungen überlegte sie kurz: „Herr Ates, ich kann es verstehen, dass es ihnen in der JVA Stammheim schlechter geht, als in Schwäbisch Hall. Das sehe ich ihnen auch an. Auch verstehe ich vollkommen, dass Sie endlich studieren möchten und, dass dies zu jeder Zeit Ihr Bestreben war. Doch Sie dürfen nicht außer Acht lassen, dass die Abschiebungsgefahr für Sie sehr real ist. Sie haben mehr als drei Jahre bekommen, die deutsche Staatsangehörigkeit verloren, dazu kommt, dass Sie keinen Aufenthaltstitel haben, Sie haben nur den türkischen Pass. Außerdem laufen noch zwei weitere Ermittlungsverfahren gegen Sie.“ Enttäuscht blickte ich sie an. Sie fuhr mit einem „Aber“ fort: „… wenn Sie möchten, werden wir folgendes tun: Ich lege Revision ein und rede mit der Staatsanwältin. Wir teilen ihr mit, dass Sie die Revision erst dann zurückziehen, wenn sie die Ermittlungsverfahren fallen lässt. Ich denke, das wird sie mitmachen, Sie haben ja bereits eine hohe Strafe erhalten. Was das Regierungspräsidium anbelangt, hoffen wir das Beste, ich kämpfe darum. Sie haben sonst alle nötigen Voraussetzungen, um in Deutschland bleiben zu dürfen.“ Das munterte mich zwar auf, doch bedeutete dies auch, dass ich noch für eine unbestimmte Zeit in Stammheim bleiben müsste. Und bei dem Gedanken daran bekam ich schlechte Laune. Die Tage vergingen undmit ihnen kam das große Warten: Der Brief von der Staatsanwältin bezüglich der Einstellung der Verfahren sollte wohl demnächst eintreffen. Derweil freundete ich mich mit Peter und Behlül besonders gut an. Hakim indessen legte ausgesprochen nervige Verhaltensweisen an den Tag: Er lästerte über jeden Häftling ab und lachte ihm dann geradewegs ins Gesicht. Osman, der dritte Reiniger, war vielmehr mit sich selbst beschäftigt. Er tat seine Arbeit, das war’s. David hingegen verlangte einige Male, dass ich für ihn kochte, während er duschen war. Auch das sei verboten worden sein, doch bisher beschwerte sich kein Beamter. Auch wenn ich mir blöd vorkam, für David zu kochen, war es mir das wert, der Konfrontation mit ihm auszuweichen. Als kochen würde ich das auch nicht bezeichnen, es war vielmehr das schnelle Anbraten von Dosenfleisch.

Es war ein Freitag, als der Stockwerksbeamter auf mich zukam: „Herr Ates, sie sind doch Moslem? Wollen Sie auch zum Freitagsgebet?“ Es war seltsam, mit welcher Inbrunst ich diese Fragen mit einem „Ja“ beantwortete – meinen inneren Konflikt zu der Zeit ignorierte ich vollkommen. Mir taten es viele türkische Mithäftlinge gleich, aber auch zahlreiche arabische Häftlinge waren vertreten, als wir gesammelt in den siebten Stock gebracht wurden. Da erblickte ich meine Zelle und tippte auf Behlüls Schulter: „Alter, schau. In der Zelle war ich anfangs. Die Beamtin hat gesagt, da war ein RAF Terrorist, der sich erhängt hat oder so. Und jetzt beten wir einfach mit 40-50 Leuten im Flur. Voll krass, gel?“ Ihn schien das wohl nicht sonderlich zu interessieren. Verwunderlich fand ich, dass es Unmengen an Gebetsteppichen gab, die ausgerollt wurden – die JVA Stammheim war ja sowas von tolerant, das hätte ich nie erwartet. Wir setzten uns auf die Teppiche, allerdings auf dem harten, kalten Boden. Beschweren konnte sich keiner, immerhin durften sie alle statt arbeiten zu gehen nun ihrem Glauben nachgehen. Ein Gefühl sagte mir aber, dass der Großteil von ihnen keinen blassen Schimmer vom Islam, der Religion, die sie ihr Eigen nannten, hatte. Dass ich das größte islamische Wissen besaß, machte mir der Imam in den nächsten Minuten mit einer Frage klar. Er war mittlerweile angekommen und fragte in die Menge, ob jemand denn Muezzin machen könnte. Dies ist der Aufruf zum Gebet. Jenes, das aus den Minaretten zu hören ist, und die Pflicht vor jedem Gebet darstellt. Keiner meldete sich, wohl aus dem Grund, weil es keiner konnte. Ich hingegen hatte das schon oft genug gemacht, und ich weiß nicht, welcher Teufel mich da geritten hat, doch ich streckte die Hand: „Ich kann das.“ Er nickte und gab mir den Befehl anzufangen. Es war ewig her, dass ich das getan hatte. Etwas aufgeregt war ich schon, doch ich wollte es wissen. Ich wollte wissen, was während des Aufrufs in mir vor sich geht.

„Allahu Ekber! Allahu Ekber!“

#51 – Nazar: Die Ausrede für alles

Die Beschäftigung als Reiniger war gut, um die eigenen Gedanken zu sortieren. Zwischenzeitlich hatte ich das Urteil von gestern verkraftet, nicht zuletzt dank der Ablenkung durch die Arbeit. Als ich die großen Flure gemeinsam mit meinem Reiniger – Kollegen wischte, ließ ich meine Gedanken schweifen und begann mit dem Schmieden von Zukunftsplänen für mich. Dies führte zu extrem unangenehmen Gefühlen des Drucks und Stress, da ich für weitergehende Planungen dringend den Input von meiner Anwältin und auch von der Sozialarbeiterin benötigte. Dies machte mich unruhig. Den Antrag für ein Gespräch mit der Sozialarbeiterin hatte ich bereits gestellt, und auch, wenn unser erstes Aufeinandertreffen holprig verlaufen war und wir uns mehr oder weniger gestritten hatten, hoffte ich auf ihre Unterstützung. Meine Anwältin ihrerseits hatte einen Besuchstermin für morgen ausgemacht. Doch heute stand zunächst der Besuch meiner Familie auf dem Plan. Sie hatten glücklicherweise schon einen Besuchstermin für den Tag nach dem Urteil ausgemacht, quasi als Präventivmaßnahme, falls ich am Urteilstag nicht entlassen worden wäre. Was ja nun erwartungsgemäß eingetreten war.

Auch in der JVA Stuttgart war es erlaubt, vor dem Besuch zu duschen. „Das machen wir aber nur mit, weil das ein Arbeiterstockwerk ist“, entgegnete mir der Beamte, als ich um Erlaubnis für eine Dusche bat. In den oberen Stockwerken herrschte weiterhin die Devise, dass man nur zwei Mal in der Woche für je 10 Minuten duschen durfte – ausnahmslos! Im Besuchsraum angekommen, erwarteten mich meine Mutter und sogar meine Großmutter, über deren Besuch ich positiv überrascht war. Als erstes widmete ich mich ihr und küsste ihre Hand – dies war der respektvolle Umgang, der in der türkischen Kultur erwartet wurde. Auch war es üblich, zuerst dem ältesten Familienmitglied die Aufmerksamkeit zu schenken, weshalb ich meine Mutter kurz außen vor ließ, als ich meine Oma auf türkisch fragte, wie es ihr denn ginge. Noch bevor sie antworten konnte, ertönte die mahnende Stimme der Beamtin, die sich wieder Erwarten noch im Besuchsraum befand: „Hier wird kein türkisch gesprochen, nur auf deutsch bitte.“ Ich blickte sie verwundert an: „Wie jetzt? Ich werde doch weder optisch, noch akustisch überwacht?“ Sie schüttelte den Kopf: „Ihre Besuche werden sehr wohl überwacht.“ Ich bat sie, dies nochmals zu prüfen und erst nach mehrmaligem Nachhaken, rief sie eine Kollegin, die mein Anliegen prüfen sollte. Derweil saß ich deprimiert da und konnte mit meiner Oma kein Wort sprechen, denn wir durften ihr nicht einmal mitteilen, dass türkisch nicht erlaubt war. Ich wandte mich also vorerst meiner Mutter zu und sie küsste mich am ganzen Gesicht, bevor sie mich wieder hinsetzen ließ. Mir fiel das erste Mal wirklich auf, dass meine Oma ohne sprachliche Hilfe total aufgeschmissen war. Sie befand sich nun seit fast 40 Jahren in Deutschland und konnte kein einziges Wort deutsch, selbiges galt für meinen Opa – der beherrschte die deutsche Sprache in etwa so, wie ein Grundschüler die englische beherrschte. Meine Oma war schon 80 Jahre alt, ich verstand es, dass sie nicht mehr in der Lage war, die Sprache nun zu lernen. Doch war es damals, vor 40 Jahren, auch schon zu spät gewesen? Mein Vater war nicht anders – seine Deutschkenntnisse entsprachen denen jener Väter, die man in klischeebehafteten deutsch- türkischen Filmen zu sehen bekam. Meine Mutter konnte sich gut mit mir auf deutsch unterhalten, was ich beachtlich fand vor dem Hintergrund, dass ihr jegliche (Weiter-)Bildungschancen verwehrt worden waren. Von diesem Gedanken getragen, begann ich das Gespräch mit ihr: „Mama, wie denkst du über die deutsche Sprache?“ Ich teilte ihr meine Gedankengänge bezüglich der Deutschkenntnisse meiner Großeltern und meinem Vater mit. Es war seltsam, wie uns meine Oma mit angestrengtem Blick beobachtete. Vergleichbar mit einem gerade erst das Schreiben lernenden Kind, das gerade versuchte, die Wörter des ersten Diktats in der Grundschule zu verstehen. Alsbald kam dann zum Glück die Erlösung, als es an der Tür klopfte: „Herr Ates, es tut uns leid, wir haben einen Fehler gemacht. Sie dürfen selbstverständlich ihren Besuch ohne optische-akustische Überwachung fortsetzen.“ Mit einem siegreichen Grinsen im Gesicht blickte ich die uns überwachende Beamtin an, während sie uns in einen anderen Besuchsraum begleitete. Ich fing von vorn an und begrüßte meine Oma nochmals. Ich fragte, wie es ihr denn so geht, und sie antwortete genau mit der Art, die ihr auch in meiner Erinnerung eigen war: „Ach, ich bin alt, frag mich doch nicht, wie es mir geht. Viel wichtiger ist: Wie geht es Dir? Was isst Du hier? Du verhungerst doch sicherlich. Du siehst so dürr aus.“ Ich erklärte ihr, dass uns zwar kein Fünf- Sterne-Menü vorgesetzt wurde, ich jedoch keineswegs verhungern würde: „Außerdem darf ich als Reiniger kochen, Oma. Das ist ein Privileg, welches nur die Reiniger besitzen.“ Das schien sie zu beruhigen – natürlich verschwieg ich, dass es beim vierzehn-tägigen Einkauf keinerlei Lebensmittel zu ordern gab, die sich zum Kochen eignen würden. In Schwäbisch Hall fand ich die Einkaufsliste vielfältiger, sie war auch so ausgelegt, dass man die Küche sinnvoll nutzen konnte. In Stammheim war das Kochen im individuellen Sinne keineswegs vorgesehen. Weshalb sie dennoch eine Küche eingebaut hatten, war mir unklar. Meine Oma machte ein trauriges und enttäuschtes Gesicht: „Ach mein Emre, die haben dich hier reingesteckt. Die haben alle Auge gemacht – es ist der Nazar der neidischen Leute.“ Das hatte ich jetzt schon öfter von meinen Großeltern gehört, wenn etwas Negatives in meinem Leben passiert worden war, sie aber nicht wahrhaben wollten, dass es nicht zu leugnen und ganz allein meine Schuld war. Es war mir bewusst, dass ich ihr Lieblingsenkel war – vermutlich, weil ich der erstgeborene männliche Enkel war, der einen hohen Stellenwert in der türkischen Kultur innehat. Mein Opa setzte mich auf ein derart hohes Podest, dass ich mich manchmal wirklich gegenüber meinen Geschwistern überlegen fühlte. Die Menge an Liebe und den Respekt, den sie mir entgegenbrachten, kam in gleicher Höhe als Gleichgültigkeit gegenüber meinen Geschwistern an. Dies war erziehungstechnisch selbstverständlich keinesfalls korrekt, weder für meine Geschwister, noch für mich. Meine Großeltern sahen einfach immer das Positive an mir, das Negative ignorierten sie oder noch besser, schoben die Schuld anderen in die Schuhe. Mein Vater hingegen kam für den Unsinn auf, den ich veranstaltete, also die Begleichung meiner Schulden. Meine Mutter sah in mir eine liebevolle, nette Person, die keiner Fliege was zur Leide tun konnte. Ich hatte aufgrund dieser Familienkonstellation einfach nie wirklich Konsequenzen aus meinen Fehlverhalten ziehen müssen. „Oma, das war ich allein. Da hat mich keiner schief und neidisch angesehen, das war kein Nazar. Ich habe das wegen des Geldes getan. Aber egal jetzt, sag mal, wo ist denn Opa? Im Gericht habe ich ihn auch nicht gesehen?“ Meine Mutter klinkte sich ein: „Dein Opa wollte Dich nicht in dieser Situation sehen, es würde seinem Herzen nicht guttun. Wir wollten auch, dass er zum Gericht mitkommt, er hat aber darauf bestanden, daheim zu bleiben. Ich glaube, er verkraftet die ganze Sache nicht.“ Diese Logik verstand ich bis heute nicht, sein Sohn, mein Vater, hatte den gleichen Gedanken bei meiner Zwillingsschwester gehabt: Sie sollte mich nicht in dieser Lage sehen, weswegen er ihr den Besuch vor dem Urteil gänzlich verboten hatte. Doch durch das Hinwegsehen konnte man den Fakt meiner Verhaftung auch nicht leugnen. „Und Papa? Cem?“, fragte ich etwas beleidigt. „Dein Vater arbeitet, er konnte sich nicht frei nehmen. Und Cem hat keine Besuchserlaubnis bekommen, weil er bereits in Stammheim gesessen hat. Er darf dich nur in einer Strafanstalt besuchen, in der er selber nicht in den letzten zwei Jahren gesessen hat“, erklärte mir meine Mutter geduldig. Das wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Die wollen wohl verhindern, dass hier jemand einen auf Prison Break macht. Ich erklärte meiner Mutter von meinem Plan, im September oder im Oktober ein Studium aufzunehmen: „Mama, wir haben jetzt April. Wenn mein Urteil rechtskräftig wird, komme ich in die Strafhaft. Ich weiß nur nicht, in welche Anstalt. Jedenfalls, ich darf theoretisch ab Oktober in den offenen Vollzug. Ich möchte mich im Juli für den Studiengang Wirtschaftsinformatik bewerben, je nachdem, wo ich zum offenen Vollzug darf. Dann würde ich zwei Semester vom offenen Vollzug aus studieren und würde dann die vorzeitige Entlassung auf 2/3 der Strafe beantragen. Klingt doch gut, oder?“, schloss ich den Sermon über meine Pläne. Ich war begeistert von meinem Vorhaben. Doch meine Mutter zeigte mir, dass sie weder ein Optimist, Pessimist noch ein Realist war, sie war schlicht und ergreifend eines: religiös. „Insallah mein Sohn, so Allah es will!“, lächelte sie. Ich schauderte. So Allah es will? Passiert es also nur, wenn er es will? Aber das würde doch bedeuten, dass ich in Haft war, nur, weil Allah es so wollte? Dann war er ja der Schuldige: „Frau Richterin, es tut mir so leid was ich getan habe, aber Allah wollte das unbedingt. Er hat die volle Kontrolle über mich.“ Obwohl ich den Drang verspürte, dem Ganzen mit Sarkasmus zu begegnen, wollte ich meine Mutter nicht verletzen: „Amin, Mama, Amin.“ Die Religion war eines der zentralen Themen, die mich während der Haftzeit beschäftigten. Ich wusste ohne mein gewohntes familiäres und gesellschaftliches Umfeld plötzlich nicht mehr, wer ich war. War ich überhaupt noch gläubig? War ich einfach nur ein zeitweise nicht- praktizierender Moslem? Oder hatte ich der Religion bereits dauerhaft den Rücken gekehrt? Jahrelang hatte sich mir diese Frage nicht gestellt. Ich war immer zur Moschee gegangen, Punkt. Da hatte es nie Platz für Fragen, nie einen Gedanken des Zweifels gegeben. Ich war gefangen gewesen in einer Blase, abgeschieden von jeglicher Realität. Die ganzen Geschichten der Mithäftlinge über ihr bisher gelebtes Leben verunsicherten mich jedoch. Ich hatte ein völlig anderes Menschenbild, ein anderes von Gott und der Welt gehabt. Waren die Mithäftlinge nur ein „Extrem“ in der Gesellschaft und ich war das entgegen gesetzte „Extrem“, oder entsprachen sie, mal abgesehen von ihren Straftaten, der Norm? Ich konnte bisher mit niemandem über meine Zweifel in der Religion sprechen, es blieb bei unausgesprochenen Worten. Manchmal leugnete ich, dass ich gerade dabei war, den Glauben zu verlieren: „Emre, das ist der Teufel, der zu Dir spricht – alles nur wegen dieser Storys über weibliche Errungenschaften.“
Dies war ein sehr privates und für mich auch unangenehmes Thema: Körperliche Intimität mit dem anderen Geschlecht. Mein Leben lang wurde ich dazu erzogen, dass es keinen Sex vor der Ehe gibt, nicht mal geben kann. Doch das war weniger ein Problem. „Ihr dürft keine Frau zwei Mal ansehen, und erst recht nicht mit einem Begehren! Nicht mal die Hand berühren, vermeidet einen Handschlag mit einer Frau, sofern möglich. Und Selbstbefriedigung ist der direkte Weg in die Hölle“, so ungefähr lauteten die Anweisungen unseres Moscheelehrers, und er wurde nicht müde, diese zu wiederholen. Ich war fünf, als ich es das erste Mal hörte, und hörte es 15 weitere Jahre lang. Bis ich schließlich 20 wurde. Diese Aussagen hatte mich sehr geprägt und ich schaffte es einfach nicht, normal mit Frauen zu reden, geschweige denn mit ihnen zu flirten. Mir wurde beigebracht, dass es keine Freundschaft zwischen Mann und Frau gibt, dass es nur eine Art von Beziehung zwischen den beiden Geschlechtern geben kann: Die Ehe. Sonst ist da nichts. Sobald eine Frau mit mir sprach, dachte ich daran, dass sie „etwas von mir will“. Ich durfte doch gar keine Nicht- Muslima heiraten, wieso sollte ich dann mit solchen überhaupt ein Gespräch führen? Ich hatte also ein ausgesprochenes Frauenproblem, wenn man das so sagen darf. Mein Frauenbild entsprach dem, was die Religion mir beibrachte.
Und dann kam die Haft. Und damit auch die verschiedensten Facetten von Männern und deren Charaktern. Eines jedoch hatten sie (fast) alle gemeinsam: Sie alle hatten bereits etwas mit einer Frau gehabt. Geschichten, die das Frauenbild, welches ich bis dato gehabt hatte, gehörig zerstörten. Die geschlechtliche Vereinigung war auf einmal kein Tabuthema mehr. Ich erfuhr, dass Frauen auch nur Menschen waren mit gewissen Bedürfnissen – und ich realisierte eines: Wieso auch nicht, ich habe doch auch Triebe? Nur waren diese immer wieder unterdrückt worden. Ich habe in meiner Jugend etwas sehr Essenzielles verpasst, etwas, das für den Großteil der Jugendlichen normal war. Doch bereute ich es nicht wirklich, ich war nicht sauer, dass die anderen mit ihren Frauengeschichten prahlen konnten und ich der einzige war, der nicht mitreden konnte. Ich war vielmehr gespannt darauf, was mich in Zukunft erwarten würde. Neue Vorsätze, neue Grundsätze. Ich hatte hier einen derart intimen Einblick von so vielen verschiedenen Menschen erhalten, das würde ich niemals mehr in Freiheit zu Ohren bekommen – so dachte ich. Zugegebenermaßen ist es nicht sonderlich ruhmvoll, dass gerade das Thema „Frauen“ meine religiösen Ansichten ins Wanken brachte, doch es war nur der Auslöser für tiefergehende Reflexion.

Ich tat in der Haft etwas, wovor ich bisher immer Angst gehabt hatte: Ich hinterfragte meinen Glauben.

#50 – Mein Urteil: Rechtliche Würdigung und Strafzumessung – Teil 3/3

Wahnsinn – ich habe 50 Kapitel erreicht!
Es ist nicht leicht diszipliniert zu bleiben und konstant weiterzuschreiben – Danke an alle meinen treuen Leser, die mich mit ihren Kommentaren immer wieder motiviert haben weiterzuschreiben!

Heute vor genau einem Jahr habe ich meine Freundin getroffen – seit jeher versüßt und versalzt sie Tag für Tag mein Leben! Sie ist das Beste was mir nach der Haft passiert ist.
Sie ist mein treuerster Fan und sorgt dafür, dass ihr mich wegen der Grammatik und Rechtschreibung nicht mehr kritisiert und lässt euch in dem Irrglauben, meine Schreibkünste hätten sich verbessert 😛
Ein großes Dankeschön an meine Freundin – meine Askitom! Ich liebe Dich mein Stern – dein Ates


Ich freu mich schon darauf weitere Kapitel zu verfassen – auch wenn es wohl keine weiteren 50 mehr werden.
Bitte hört nie auf mich mit euren tollen Feedbacks und Kommentaren zu motivieren und zu pushen – ich habe das sowas von nötig xD


Rechtliche Würdigung

  1. Der Angeklagte Emre Ates hat sich deshalb des gemeinschaftlich begangenen Computerbetruges im besonders schweren Fall in 137 Fällen gemäß §§ 263 a Abs. 1 Var. 3, 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1, 25 Abs. 2, 53 StGB (Taten Ziffer III. 1. bis 137.) strafbar gemacht.
  2. Der Angeklagte Cem Ates ist des gemeinschaftlich begangenen Computerbetruges im besonders schweren Fall in 62 Fällen gemäße §§ 263 a Abs. 1 Var. 3, 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1, 25 Abs. 2, 53 StGB (Taten Ziffer III. 76. 137.)schuldig.
  3. Der Angeklagte Adnan Polat hat sich wegen gemeinschaftlich begangenen Computerbetruges im besonders schweren Fall in 75 Fällen gemäß §§ 263 a Abs. 1 Var. 3, 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1, 25 Abs. 2, 53 StGB (Taten Ziffer III. 1. bis 75.) schuldig gemacht.

Strafzumessung

  1. Der Angeklagte Emre Ates war bei Begehung der Taten Ziffer III. 1. bis 84. 22 Jahre, bei den Taten Ziffer III. 85. bis 137. 23 Jahre alt und damit bei sämtlichen Taten Erwachsener. Das allgemeine Strafrecht ist anzuwenden. Die Kammer entnimmt die Strafe für sämtliche Taten dem Strafrahmen des § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1, der über § 263 a Abs. 1, Abs. 2 StGB Anwendung findet. Dieser sieht Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zehn Jahren vor. Der Angeklagte Emre Ates handelte bei seinen Taten in dem Bestreben, sich durch die wiederholte Tatbegehung – über einen Zeitraum von mehr als acht Monaten hinweg – zur Aufbesserung seiner angespannten finanziellen Situation eine nicht nur vorübergehende, ganz erhebliche Einnahmequelle zu verschaffen und damit gewerbsmäßig. Er hatte bereits Schulden angehäuft, die der Vater beglichen hatte. Sein Studium hatte der Angeklagte abgebrochen. Er war in dieser Zeit ohne berufliche Perspektive. Die lukrative Geschäftsidee kam ihm in dieser Zeit gerade recht.

    Die Regelwirkung ausschließende, mildernde Umstände, die die Anwendung des erhöhten Strafrahmens unangemessen erscheinen lassen, konnte die Kammer nach einer Gesamtbewertung aller Umstände nicht erkennen.

    Der Angeklagte Emre Ates hat zwar in einem umfassenden, äußerst detaillierten Geständnis, das von Einsicht und Reue getragen war, seine Tatbeteiligung an den 137 Taten, wie unter Ziffer III. festgestellt, eingeräumt. Offen und aufrichtig gab er zu, wie er auf die Methode gestoßen war und die Voraussetzungen zur Durchführung der einzelnen Arbeitsschritte geschaffen hatte, und veranschaulichte, ohne seinen Tatbeitrag in einem besseren Licht erscheinen lassen zu wollen, wie er arbeitsteilig zunächst mit seinem Freund Adnan Polat, dann mit seinem Bruder Cem Ates die Methode in die Tat umsetze. Die Kammer übersieht dabei nicht, dass das Bestellsystem der Deutschen Bahn AG die Begehung der Taten leicht machte. Zu Gunsten des Angeklagten geht die Kammer auch davon aus, dass die Hemmschwelle im Laufe der Zeit spürbar herabsank.
    In der Hauptverhandlung verzichtete der Angeklagte auf die Herausgabe der Tatmittel, nämlich der Computer PC Tower Medion, Laptop IBM Thinkpad und Joy-PC nebst Zubehör.
    Die Folgen der Untersuchungshaft und der Verurteilung sind für das Leben des jungen Erwachsenen besonders erheblich. Seit etwa einem Jahr wird Untersuchungshaft gegen ihn vollstreckt. Er befindet sich erstmals in Haft und leidet unter der Trennung von seiner Familie. Hinzu trat die Ungewissheit über den Ausgang des Strafverfahrens. Dies und die Tatsache, dass er erstmals überhaupt und zu einer zu vollstreckenden, langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wird, macht ihn besonders strafempfindlich. Hinzu kommt die beträchtliche – auch die Familie des Angeklagten betreffende – Ungewissheit über die gegebenenfalls drohenden ausländerrechtlichen Konsequenzen (vgl. §§ 53 ff. AufenthG), nämlich die Ausweisung des heute 23 – Jährigen, der in Stuttgart geboren wurde, dort im Kreise seiner Familie aufgewachsen und verwurzelt ist, aus der Bundesrepublik Deutschland. Auch auf seine berufliche Zukunft kann sich diese Verurteilung erheblich auswirken.

    Demgegenüber war zu sehen, dass der Angeklagte Emre Ates über acht Monate hinweg 137 und damit eine Vielzahl erheblicher Computerbetrugstaten, denen eine weitaus höhere Zahl an Ticketbestellungen zugrunde lag, begangen hat. Durch nichts hat er sich davon abhalten lassen. Strafrechtlich war der Angeklagte bereits zwei Mal einschlägig in Erscheinung getreten. Zuletzt war er am 08. Mai 2012 wegen Betruges zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Diese Verurteilung hat er sich nicht zur Warnung dienen lassen. Stattdessen beging er bald darauf – ab 27. Juli 2012 – die diesem Urteil zugrundeliegenden Taten. Auch die durch Einsatzkräfte der Bundespolizei Kassel im Rahmen eines anderen Ermittlungsverfahrens, aber wegen gleichgelagerter Vorwürfe durchgeführte Durchsuchung der elterlichen Wohnung schreckte ihn nicht ab.
    Stattdessen erhielt der Angeklagte an diesem Tag die ersehnten Unterlagen für das Konto bei der Ziraat Bank und setzte unverdrossen wenige Tage später gemeinsam mit dem Angeklagten Adnan Polat die Tatserie fort. Der Angeklagte hat damit ein erhebliches Maß an krimineller Energie an den Tag gelegt. Nur durch die Festnahme war er zu stoppen. Durch die Taten verursachte er den erheblichen Schaden von 122.008 Euro.

    Diese gewichtigen Umstände – insbesondere die kriminelle Energie, die der Angeklagte an den Tag legte, um sein Ziel zu erreichen, aber auch die Tatsache, dass er über acht Monate hinweg unbeirrt eine Vielzahl von Vermögensstraftaten beging, lassen – trotz des Umstandes, dass der angeklagte die Taten vollumfänglich und schonungslos einräumte – im Rahmen der Gesamtbewertung aller Umstände die Anwendung des Regelbeispiels des § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 StGB nicht unangemessen erscheinen.

    Eine Milderung der einzelnen Strafen gemäß § 46 b StGB – in der Fassung vom 01. September 2009 – in Verbindung mit § 49 Abs. 1 StGB kam nicht in Betracht. Die Taten des Angeklagten gemäß §§ 263 a Abs. 1 Var. 3, 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 StGB sind zwar Straftagen im Sinne des $ 46 b Abs. 1 Satz 1, Satz 2 StGB mit einer im Mindestmaß erhöhten Freiheitsstrafe. Allerdings hat der Angeklagte Emre Ates nicht durch freiwilliges Offenbaren seines Wissens wesentlich dazu beigetragen, dass eine Tat nach § 100 a Abs. 2 StPO aufgedeckt werden konnte. War der Täter an der Tat beteiligt, muss sich sein Beitrag zur Aufklärung nach § 46 b Abs. 1 Satz 1 StGB über den eigenen Tatbeitrag hinaus erstrecken, § 46 b Abs. 1 Satz 1 StGB. Ein volles Geständnis zur Aufdeckung der eigenen Tatbeteiligung genügt nicht. Der Angeklagte hat zwar – wie von den Vernehmungsbeamten PHM Götner und POK Bauer in der Hauptverhandlung dargelegt – bei seiner polizeilichen Vernehmung am 03. und 04. Juni 2013 ausführliche Angaben zu der Methode und seiner Tatbeteiligung gemacht und insbesondere wichtige, die Ermittlungen wesentlich erleichternde Passwörter, vor allem den vielstelligen Computerzugangscode, preisgegeben. Er habe aber weder Angaben zu dem Angeklagten Adnan Polat gemacht, noch habe er einen Beitrag zur Aufklärung der Tatbeteiligung seines Bruders Cem Vielmehr habe der Angeklagte Emre Ates eine Tatbeteiligung seines jüngeren Bruders im Wesentlichen abgestritten.

    Bei der konkreten Straffindung berücksichtig die Kammer zugunsten des Angeklagten sämtliche bereits bei der Wahl des Strafrahmens genannten Strafzumessungsgesichtspunkte, insbesondere die Tatsache, dass der Angeklagte die taten vollumfänglich und schonungslos eingeräumt und die Verantwortung übernommen hat. Bereits im Ermittlungsverfahren gestand er seine Tatbeteiligung offen und aufrichtig ein. Hinzu kommt, dass er die Ermittlungen durch die Preisgabe seiner Passwörter wesentlich erleichtert hat, wenn auch eine Milderung nach §§ 46 b Abs. 1, 49 StGB nicht in Betracht kam.
    Demgegenüber standen die – ebenfalls bereits bei der Wahl des Strafrahmens genannten – Strafzumessungsgesichtspunkte, die gegen den Angeklagten sprachen, insbesondere der hohe, infolge der Vielzahl der Taten eingetretene Gesamtschaden.
    Sie hat bei der Bemessung der konkreten Einzelstrafen außerdem die Anzahl der den Taten jeweils zugrundeliegenden Bestellungen und damit auch die Höhe des insoweit eingetretenen Schadens berücksichtigt.

    Nach umfassender Würdigung aller für und gegen den Angeklagten sprechenden Strafzumessungsgesichtspunkte und unter Berücksichtigung des Unrechts- und Schuldgehalts der Taten hat die Kammer folgende Einzelstrafen erkannt:

    Für die Taten Ziffer III.
    17., 68., 80., 91., 114. und 199.:
    jeweils dreizehn Monate Freiheitsstrafe,

    für die Taten Ziffer III.
    20., 26., 42., 44., 70., 82., 84., 85., 98., 101., 109., 126., und 135.:
    jeweils elf Monate Freiheitsstrafe.

    für die Taten Ziffer III.
    5., 8., 9., 15., 16., 21., 30., 34., 35., 36., 43., 45., 46., 47., 48., 58., 63., 64., 65., 67., 69., 71., 72., 73., 74., 78., 79., 81., 87., 88., 89., 96., 97., 100., 102., 103., 110., 111., 120., 122., 125., 130., 134., 136. und 137.:
    jeweils neun Monate Freiheitsstrafe.

    und für die Taten Ziffer III.
    1., 2., 3., 4., 6., 7., 10., 11., 12., 13., 14., 18., 19., 22., 23., 24., 25., 27., 28., 29., 31., 32., 33., 37., 38., 39., 40., 41., 49., 50., 51., 52., 53., 54., 55., 56., 57., 59., 60., 60., 61., 62., 66., 75., 76., 77., 83., 86., 90., 92., 93., 94., 95., 99., 105., 106., 107., 108., 112., 113., 115., 116., 117., 118., 121., 123., 124., 127., 128., 129., 131., 132. und 133:
    jeweils sieben Monate Freiheitsstrafe

    Bei der gemäß §§ 52, 54 StGB ausgehend von der Einsatzstrafe von 13 Monaten im Sinne des § 54 Abs. 1 Satz 2 StGB zu bildenden Gesamtstrafe hat die Kammer die für und gegen den Angeklagten Emre Ates sprechenden Strafgesichtspunkte erneut umfassend gewürdigt. Sie hat dabei berücksichtigt, dass die Hemmschwelle des Angeklagten im Laufe der Zeit spürbar herabgesetzt war. Wegen des engen persönlichen und situativen Zusammenhangs dieser Taten erscheint insgesamt ein äußerst straffer Zusammenzug gerechtfertigt.

    Bei der Gesamtabwägung hält die Kammer deshalb die

    Gesamtstrafe von drei Jahren neun Monaten Freiheitsstrafe

    für tat- und schuldangemessen.“

    Auch, wenn dieses Strafmaß zu erwarten gewesen war, konnte ich es in diesem Moment nicht fassen. Mein Herz machte unweigerlich einen Aussetzer. Ein Schaudern durchzog meinen kompletten Körper. Ich hörte ein sehr lautes Schluchzen – es kam von meiner Mutter. Mein Nacken fühlte sich derart steif an, dass ich mich nicht zu ihr drehen konnte. Ich hatte sie erneut enttäuscht. So sehr. Es waren Zahlen – lediglich Zahlen – doch aus dem Munde der Richterin bedeuteten sie die Welt für mich. Mir fiel es schwer zu realisieren, welche Auswirkungen diese Zahlen auf mich haben würden. Ich visualisierte mir die drei und die neun vor dem geistigen Auge, als die Richterin weiterlas:

  2. „Der Angeklagte Cem Ates war bei Begehung der Taten Ziffer III. 76. bis 90. 17 Jahre alt und damit Jugendlicher im Sinne des Jugendgerichtsgesetzes. Jugendstrafrecht ist insoweit anzuwenden (§ 1 JGG). Er besaß zur Zeit dieser Taten die gemäß § 3 JGG erforderliche Strafreife. Am 14. Februar 2013 wurde er 18 Jahre alt. er war damit zum Zeitpunkt der Taten Ziffer III. 91. bis 137. Heranwachsender im Sinne dieses Gesetzes. Die Kammer bringt insgesamt Jugendstrafrecht zur Anwendung, denn er stand bei Begehung dieser Taten in seiner Persönlichkeit und Entwicklung noch einem Jugendlichen gleich. Die Entwicklung des Angeklagten weist Brüche auf. Er erreichte zwar altersentsprechend, allerdings mit mäßigem Erfolg den Hauptschulabschluss. da er sich während des daran anschließenden Berufseinstiegsjahres unterfordert gefühlt und bereits einen Schulplatz an einer Werkrealschule innehatte, brach er diese noch vor den Sommerferien im Jahr 2012 ab, um eine Urlaubsreise zu Verwandten in die Türkei anzutreten. Er kehrte erst nach Beginn des neuen Schuljahres von seiner Urlaubsreise zurück und blieb fortan immer wieder dem Unterricht unentschuldigt fern. Seine schulischen Leistungen litten darunter. Er verbrachte stattdessen seine Freizeit mit Freunden, lebte in den Tag hinein und konsumierte Alkohol. Nachdem sein älterer Bruder nach Esslingen gezogen war, verbrachte er auch dort häufig seine Freizeit. Dem erzieherischen Einfluss seiner Eltern war er weitgehend entglitten. In dieser Zeit litt der junge Angeklagte hin und wieder unter Stimmungsschwankungen. Die Bearbeitung seiner Probleme lehnte er aber ab.

    Die Einschätzung mangelnder Reife wird vom Vertreter der Jugendgerichtshilfe bestätigt.

    Bei dem Angeklagten Cem Ates kommt gemäß §§ 17 Abs. 2 2 JGG nur die Verhängung von Jugendstrafe in Betracht.
    Es liegen die Voraussetzungen der Schwere der Schuld gemäß § 17 Abs. 2 Alternative 2 JGG vor. Die fünf Monate dauernde Tatserie des Angeklagten wiegt schwer. In dieser Zeit war er an der Begehung von 62 Taten, denen eine Vielzahl von betrügerischen Bestellungen von Online-Tickets zugrunde liegen, beteiligt. Der durch diese Taten eingetretene Schaden ist erheblich, die kriminelle Energie enorm.
    In den Taten des Angeklagten sind außerdem schädliche Neigungen solchen Gewichts zu Tage getreten, dass die Verhängung einer Jugendstrafe auch aus diesem Grund zur erzieherischen Einwirkung auf den Angeklagten erforderlich ist. Unter schädlichen Neigungen sind erhebliche, seien es anlagebedingte, seien es durch unzulängliche Erziehung bedingte Mängel zu verstehen, die ohne längere Gesamterziehung die Gefahr der Begehung weiterer Straftaten in sich bergen, die nicht nur gemeinlästig sind oder dem Charakter von Bagatelldelikten haben. Sie können sich bereits in der ersten Tat zeigen. Es bedarf dann aber regelmäßig der Feststellung von Persönlichkeitsmängeln, die, wenn auch verborgen, schon vor der Tat entwickelt waren, auf diese Einfluss gehabt haben und weitere Straftaten befürchten lassen (BGHR JGG § 17 Abs. 2 schädliche Neigungen 3). Strafrechtlich ist der jung Angeklagte bisher nicht vorgeahndet. Er ist aber in einem Zeitraum von fünf Monaten mit der Beteiligung an der erheblichen Zahl von 62 Vermögensstraftaten, denen eine weitaus höhere Zahl an Bestellungen zugrunde liegen, aufgefallen. Er gab außerdem zu, dass es sich dabei nur um einen Teil der ihm anzulastenden Tatserie handelt. Der Angeklagte war dem erzieherischen Einfluss seiner Eltern in dieser Zeit bereits weitgehend entglitten. Er hatte erhebliche Fehlzeiten in der Schule angehäuft, verbrachte seine Freizeit mit seinem Bruder oder Freunden. Mit letzteren konsumierte er Alkohol und lebte in den Tag hinein. Zwar wurden die Taten des Angeklagten durch die allmählich sinkende Hemmschwelle begünstigt. Dies und die Tatsache, dass der heute 19-Jährige die Taten in weiten Teilen eingestanden hat, geben der Tatserie aber keinen solchen Ausnahmecharakter, dass die Ahnung mit milderen Mitteln ausreichend erscheint. Vielmehr belegen die gegen den Angeklagten sprechenden Umstände, dass bei ihm auch nach etwa einem Jahr vollzogener Untersuchungshaft nach wie vor Persönlichkeitsmangel vorliegen, die eine nachhaltige erzieherische Einwirkung durch Jugendstrafe auf ihn erfordern. Bis heute legt der Angeklagte, wenngleich er seine Beteiligung weitgehend eingestanden hat, eine eher bagatellisierende Einstellung gegenüber den eigenen Taten an den Tag. Durch eine Jugendstrafe muss nachhaltig erzieherisch auf ihn eingewirkt und ihm deutlich vor Augen geführt werden, dass er für seine Taten einzustehen hat.

    Bei der konkreten Bemessung der zu erzieherischen Einwirkung erforderlichen Jugendstrafe berücksichtigt die Kammer zu Gunsten des Angeklagten Cem Ates, dass er seine Beteiligung an den 62 Taten in weiten Teilen eingeräumt hat. Der Angeklagte beginnt damit, sich mit dem Unrecht seines Tuns auseinanderzusetzen, und zeigt Ansätze von Reue. Die Kammer übersieht nicht, dass das Bestellsystem der Deutschen Bahn AG den Angeklagten die Begehung der taten leicht machte. Zu Gunsten des Angeklagten geht die Kammer auch davon aus, dass sich die Hemmschwelle zur Begehung der Taten im Laufe der Zeit spürbar herabgesetzt hat.
    Auch bei diesem Angeklagten lagen die Voraussetzungen der Aufklärungshilfe im Sinne des § 46 b StGB – in der Fassung vom 01. September 2009 – nicht vor, im Falle der Anwendbarkeit allgemeinen Strafrechts wäre eine Milderung daher nicht in Betracht gekommen. Während des Ermittlungsverfahrens hat der Angeklagte – wie der Vernehmungsbeamte PHM Götner in der Hauptverhandlung berichtete – am 25. Juni 2013 die ihm in diesem Verfahren gemachten Tatvorwürfe im Wesentlichen abgestritten. Auch hat er weder zum Angeklagten Emre Ates noch zum Angeklagten Adnan Polat in seiner Vernehmung sachdienliche Angaben gemacht. Er hat aber den Computerzugangscode preisgegeben. Wenn auch eine Milderung nach §§ 46 b Abs. 1, 49 Abs. 1 StGB somit nicht in Betracht käme, übersieht die Kammer doch nicht diesen, die Ermittlungen erleichternden Aspekt. In der Hauptverhandlung verzichtete der Angeklagte auch auf das Tatmittel, den Laptop Sony Vaio.
    Strafrechtlich ist der Angeklagte bisher nicht vorgeahndet, wenngleich er selbst einräumte, an vergleichbaren Taten zeitlich vor dem hier relevanten Tatzeitraum beteiligt gewesen zu sein. Mildernd hat die Kammer auch berücksichtigt, dass gegen den jungen Angeklagten bereits seit etwa einem Jahr und damit sehr lange Untersuchungshaft vollstreckt wird. Erstmals befand er sich in Untersuchungshaft. Die Trennung von seiner Familie belastete ihn sehr. Außerdem kam die – auch die Familie des Angeklagten bedrückende – Ungewissheit über den Verfahrensausgang und möglicherweise drohende ausländerrechtliche Konsequenzen hinzu.

    Gegen den Angeklagten spricht, dass er innerhalb eines kurzen Zeitraumes an 62 und damit einer Vielzahl von Computerbetrugstaten beteiligt war, der eine noch größere Zahl an Bestellungen gegenüber der Deutschen Bahn AG zugrundeliegt. Der während der etwa fünf Monate dauernden Tatbeteiligung des Angeklagten durch die Taten Ziffer III. 76. bis 137. eingetretene Schaden ist beträchtlich: Er beträgt 67.970,10 Euro. Die kriminelle Energie, die der Angeklagte an den Tag gelegt hat, ist groß. Nur durch die Festnahme des Angeklagten und seines Bruders konnte die Tatserie beendet werden. Im Übrigen wäre auch bei diesem Angeklagten im Falle der Anwendbarkeit allgemeinen Strafrechts nach Abwägung der genannten Umstände der schwerere Strafrahmen des §§ 263 a Abs. 2, 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1, StGB anzuwenden, da auch er in dem Bestreben handelte, sich eine fortlaufende Einnahmequelle von einigem Umfang und einiger Dauer zur Finanzierung seines Lebensunterhaltes zu verschaffen. In Erwartung einer lukrativen Einnahmequelle brachte er sogar seinen älteren Bruder dazu, die Zusammenarbeit mit dessen Freund unter einem Vorwand zu beenden.

    Bei der konkreten Bemessung der zu verhängenden Einheitsjugendstrafe wägt die Kammer die für und gegen den Angeklagten Cem Ates sprechenden Strafzumessungserwägungen ab. Sie berücksichtigt insbesondere, dass gegen den jungen Angeklagten bereits für die Dauer von etwa einem Jahr Untersuchungshaft vollstreckt wurde. Dabei belastete ihn die Trennung von seiner Familie sehr. Die Kammer sieht vor allem die Wirkung, die eine nicht mehr zur Bewährung aussetzungsfähige und daher zu vollstreckende Jugendstrafe auf den heute erst 19- jährigen Angeklagten, der den Besuch der weiterführenden Schule ab Herbst 2014 und die Mittlere Reife anstrebt, entfalten würde. Bei der Abwägung aller Tatumstände und der Persönlichkeit des Angeklagten hält die Kammer deshalb zur erzieherischen Einwirkung die

    Einheitsjugendstrafe von 2 Jahren

    für erzieherisch angemessen und gerade noch ausreichend.“

    Der laute Aufschrei meiner Mutter traf meine Ohren wie ein scharfer Pfeil. Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein – mein Bruder sollte noch ein weiteres Jahr aushalten? Hass und blinde Wut machten sich in mir breit. Ich fühlte mich schwach und machtlos. Ich fing an, die Kooperation, sowohl mit der Bundespolizei, als auch mit der Richterin, aufrichtig zu bereuen. Der Hass galt jedoch nicht nur dem Gericht und der Bundespolizei, nein, vielmehr galt sie mir selber. Ich hatte meinen Bruder in diese Scheiße geritten und tatsächlich gedacht, ich könnte ihn da wieder rausholen. Ich hasste meine Persönlichkeit, meinen Charakter und überhaupt die Person, die ich die ganze Zeit gewesen war – so war ich doch nicht erzogen worden…Und bei diesem Gedanken schoss plötzlich das Bild meines Vaters in meinen Kopf. Er wurde die ganze Zeit während des Urteils als unser Retter und der gute, vernünftige Vater dargestellt. Kurze Zeit hatte ich das selbst geglaubt, mitunter, als ich der Richterin erzählte, was mein Vater für ein Pech hatte, solch einen undankbaren Sohn wie mich zu haben. Nur finanzielle Probleme hatte ich ihm bereitet – dem armen, schlecht verdienenden Vater. Doch ich hatte ihr nicht von der anderen Seite erzählt. Beim Besuch sagte mir anfangs meine Mutter, dass sie meinem Vater die Schuld gab, dass wir Söhne uns so entwickelt hätten. Damals hatte ich sie überhaupt nicht verstanden, war doch die Entscheidung zum Betrug allein die meine gewesen. Dennoch stellte ich mir die Fragen: was war falsch mit mir? Was war falsch mit meinem Bruder? Wieso hatten wir diese kriminelle Energie? Wieso wollten wir so eine gewaltige Menge an Geld? Wieso wollten wir weg von daheim – uns den, wie das Gericht so schön formuliert hatte, „erzieherischen Maßnahmen unserer Eltern” entziehen? Und plötzlich kam die Erleuchtung, ein Gedankenblitz: “Emre, Du bist echt ein stabiler Junge, Du bist schon so lange hier und ich habe Dich kein einziges Mal meckern gehört”, hatte einst Tayfun während des Hofgangs zu mir gesagt. Damals dachte ich echt, ich sei stabil. Doch das war ich nicht. Nie gewesen. Ich war es lediglich gewohnt, nicht frei zu sein. Ich war nie frei gewesen, ich war ein Gefangener meiner Kultur, ein Gefangener der türkischen Gesellschaft, ein Gefangener der Moschee, ein Gefangener meines Vaters – ich war immer jemand gewesen, der ich nicht sein wollte, auf der Suche nach meinem wahren Ich, auf der Suche nach Freiheit. Doch ich hatte auch Angst vor der Einsamkeit, Angst, die Freiheit alleine zu verbringen, in einer Gesellschaft, die ich bislang nur als „Außenstehender“ erlebt hatte – in einer Welt, in der ich womöglich nicht akzeptiert werde. Ich war egoistisch gewesen, denn ich hatte meinen Bruder mit auf die Suche nach der Freiheit genommen. Ich hatte nämlich auch Angst vor der Einsamkeit, die mir von der anderen Seite her blühte – abgestoßen von der türkischen Gesellschaft, von der deutschen Gesellschaft nicht akzeptiert, wo gehörte ich denn dann noch hin? Der Klang des Schluchzens meiner Mutter hallte noch in meinem Kopf nach, und ein erneutes Schluchzen verstärkte den Nachhall in meinem Kopf immer mehr. Meine Mutter, sie war so enttäuscht – dabei waren ihre Kinder immer alles für sie gewesen.

    Mit jungen fünfzehn Jahren war sie einem Heranwachsenden quasi „übergeben“ worden, und weit weg von ihrer Familie wurde sie in ein fremdes Land mitgenommen. Gefangen bei den Schwiegereltern, ungebildet und finanziell abhängig von ihrem Ehemann. Sie konnte keine eigenen Entscheidungen treffen – sie durfte einfach nicht. Sie musste für jede Kleinigkeit um Erlaubnis fragen – und wehe, es hatte keinen triftigen Grund. Sie wollte sich integrieren, die deutsche Sprache lernen, was ihr nur zu einem gewissen Grad gestattet wurde. Die Zeit in der Sprachschule hätte sie nämlich von der Zeit, in der sie ihrem Ehemann eine gute Hausfrau hätte sein müssen, abknöpfen müssen. Sie durfte aber eines ganz gewiss: ihre Freizeit in der Moschee verbringen, um dort – abgesehen von ihrem Mann – Allah zu dienen. Ich bin mir sicher, dass sie sich ihren Kindern eine tollere Kindheit, aber auch eine bessere Zukunft gewünscht hat als ihre.

    Und nun bestand unsere nahe Zukunft aus vier Wänden, einem Bett und 8 Quadratmetern.

    „Die Kammer setzt die Vollstreckung der Einheitsjugendstrafe gemäß § 21 JGG zur Bewährung aus. Sie geht davon aus, dass deren Vollstreckung im Hinblick auf die Entwicklung des Angeklagten Cem Ates nicht geboten ist. Die Kammer ist überzeugt, dass dieser sich bereits die lang dauernde Hauptverhandlung und die anschließende Verurteilung zur Warnung dienen lässt und auch ohne die Einwirkung des Strafvollzugs, aber der erzieherischen Einwirkung in der Bewährungszeit künftig einen rechtsschaffenen Lebenswandel führen wird. Der junge Angeklagte wird erstmals zu einer Jugendstrafe verurteilt. Die guten familiären Umstände und die Ziele, die sich der Angeklagte vorgenommen hat, zu erreichen, lassen eine günstige Prognose zu. Bis heute verbindet ihn mit seiner Familie ein enges Verhältnis. Dies – und die Unterstützung sowohl durch einen Betreuer im Rahmen der Betreuungsweisung für die Dauer von sechs Monaten als auch durch einen hauptamtlichen Bewährungshelfer – wird ihn während der Bewährungszeit stützten und fördern. Die Kammer ist deshalb überzeugt, dass er sich – auch gestützt durch die Weisungen und Auflagen – künftig straffrei halten wird. Nur so kann es ihm gelingen, sich eine Perspektive für seine Zukunft zu erarbeiten.

  3. Der Angeklagte Adnan Polat war bei den abgeurteilten Taten Ziffer III. 1. bis 75. 20 Jahre alt und damit heranwachsender im Sinne des Jugendgerichtsgesetzes. Die Kammer wendet auf ihn das allgemeine Strafrecht an. Weder ergibt die Gesamtwürdigung der Persönlichkeit des Angeklagten bei Berücksichtigung auch der Umweltbedingungen, dass er zur Zeit der taten nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichstand (§ 105 Abs. 1 Nr. 1 JGG), noch handelt es sich nach der Art, den Umständen oder den Beweggründen der Taten um eine Jugendverfehlung (§ 105 Abs. 1 Nr. 2 JGG). Beim Angeklagten Adnan Polat sind Entwicklungs- und Reifeverzögerungen im Zeitpunkt der Taten nicht ersichtlich. Der Angeklagte wuchs in geordneten Verhältnissen im Kreise seiner Familie in Stuttgart auf. Zunächst absolvierte er problemlos die Hauptschule. Nahtlos wechselte er an die zweijährige Berufsfachschule, die er im Jahr 2009 mit der mittleren Reife abschloss. Unmittelbar daran anschließend erfolgte die Ausbildung zum IT-Systemkaufmann, die ihm zwar wenig Freude bereitete, die er aber verantwortungsbewusst absolvierte, bis er den Abschluss erreicht hatte. Seine schulische und berufliche Laufbahn ist damit geradlinig. Bald nach Abschluss der Ausbildung am 12. Juli 2012 entschloss er sich, gemeinsam mit dem Angeklagten Emre Ates im Bereich der Computerbetrugstaten aktiv zu werden, da er sich einen lukrativen „Nebenjob“ erhoffte. Stand er damals vor der Entscheidung, eine Arbeitsstelle anzutreten oder die Fachhochschulreife zu absolvieren, um studieren zu können, entschied er sich – insbesondere nach Gesprächen mit dem Angeklagten Emre Ates, der ihm zuriet, die Fachhochschulreife zu absolvieren – schließlich für den ihm angebotenen „Nebenjob“, auch um sich den Schulbesuch leisten zu können.
    Auch in der Freizeit übernahm und übernimmt der Angeklagte bis heute Verantwortung. Er war im Bereich des Basketballs zunächst als Vereinsspieler, dann als Trainer und Jugendwart tätig. Bis heute ist er in der Jugendbetreuung und als Schiedsrichter aktiv.
    Wenn der Angeklagte auch als jüngster Sohn der Familie damals und bis heute im Elternhaus lebt und auch nach wie vor Ablösungstendenzen nicht ersichtlich sind, ist dies nicht mit Entwicklungs- und Reifeverzögerungen zu erklären. Vielmehr übernimmt der Angeklagte gerade Verantwortung für seine gesundheitlich angeschlagenen Eltern und unterstützt diese in vielfältiger Hinsicht.
    Aufgrund der Biographie des Angeklagten geht die Kammer daher davon aus, dass die Persönlichkeitsentwicklung des zum Zeitpunkt der Tatbegehung 20 Jährigen altersentsprechend war. Entwicklungs- und Reifeverzögerungen, die es erlaubt hätten, ihn im Sinne des § 105 Abs. 1 Nr. 1 JGG einem Jugendlichen gleichzustellen, mithin im Umfang von mehr als zwei Jahren, konnten nicht festgestellt werden. Die Art, die Umstände und die Beweggründe der Taten zeigen auch keine speziell jugendtümliche Verhaltensweise des bei Tatbegehung Heranwachsenden. Dass er sich einen lukrativen „Nebenjob“ erhoffte und einte, die finanziellen Verluste der Kreditkarteninhaber würden anderweitig schon ausgeglichen werden, ist nicht als speziell jugendtümlich zu werten. Das Handeln und Denken des Angeklagten zeichnete sich auch damals bereits grundsätzlich durch hohe Eigenverantwortung aus. er agierte überlegt und planvoll und legte dabei zugleich eine erhebliche kriminelle Energie an den Tag.

    Bei den abgeurteilten Taten III. 1 bis 75. wendet die Kammer über § 263 a Abs. 2 StGB den schwereren Strafrahmen des § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 StGB a, der eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren vorsieht.

    Auch dieser Angeklagte handelte bei seinen Taten in dem Bestreben, sich durch die wiederholte Tatbegehung – die über einen Zeitraum von etwa drei Monaten erfolgte – zur Aufbesserung seiner finanziellen Situation nach Beendigung seiner Ausbildung und vor der Aufnahme der weiterführenden Schule eine nicht nur vorübergehende, nicht ganz unerhebliche Einnahmequelle zu verschaffen, und damit gewerbsmäßig.

    Die Kammer hat nach einer Gesamtbewertung aller Umstände keinen Anlass, von der Regelwirkung des in § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 StGB genannten Beispiels abzusehen.

    Der Angeklagte Adnan räume zwar ebenfalls seine Beteiligung an den Taten Ziffer III. 1. bis 75. offen und aufrichtig ein, machte ausführliche Angaben zur Vorgehensweise und bereute sein Tun. In der Hauptverhandlung verzichtete er auf die Herausgabe des Tatmittels, seines Laptops Netbook.
    Die Kammer verkennt nicht, dass das Sicherungssystem der Deutschen Bahn AG den Angeklagten die Begehung der Taten leicht machte. Zu Gunsten des Angeklagten geht sie auch davon aus, dass die Hemmschwelle im Laufe der Zeit spürbar sank. Während der Dauer des Verfahrens hatte der junge Angeklagte mit der Ungewissheit betreffend den Verfahrensausgang und den möglichen Konsequenzen für seine persönliche, gegebenenfalls auch ausländerrechtliche und berufliche Situation umzugehen. Dies belastete ihn. Wenn auch nur wenige Tage Untersuchungshaft gegen ihn vollstreckt wurden, so hat ihn diese Zeit doch nachhaltig beeindruckt und die Trennung von seiner Familie belastet. Er befand sich erstmals in Untersuchungshaft. Strafrechtlich war der Angeklagte bisher nicht in Erscheinung getreten. Er hat ein verantwortungsvolles und geordnetes Leben geführt. Erstmals überhaupt hatte er sich nun vor Gericht zu verantworten und eine nicht unerhebliche Freiheitsstrafe zu gewärtigen.

    Demgegenüber sprach den Angeklagten, dass er in einem Zeitraum von etwa drei Monaten gemeinsam mit dem Angeklagten Emre Ates 75 und damit eine Vielzahl an Computerbetrugstaten, denen eine weitaus höhere Zahl an Bestellungen zugrunde lag, begangen und damit eine erhebliche kriminelle Energie an den Tag gelegt hat. Auch er ließ sich von der Durchsuchung in der Wohnung der Familie Ates wegen, wie er erfahren hatte, gleichgelagerter Vorwürfe nicht von der weiteren Tatbeteiligung abhalten. Am selben Tag erhielt sein Freund die von ihnen lange ersehnten Unterlagen zu dem ersten gemeinsamen Konto bei der Ziraat Bank. Der eingetretene Schaden ist beträchtlich: Während der etwa drei Monate dauernde Tatbeteiligung des Angeklagten Adnan Polat verursachten die beiden Angeklagten durch die Taten Ziffer III. 1. bis 75. einen Schaden in Höhe von 54.037,90 Euro.

    Diese Umstände lassen im Rahmen der Gesamtbewertung aller Umstände die Anwendung des Regelbeispiels des § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 StGB nicht unangemessen erscheinen. Auch wenn er seine Beteiligung einräumte, so fällt demgegenüber doch insbesondere die kriminelle Energie, die der Angeklagte während der drei Monate seiner Beteiligung an den Tag legte, ins Gewicht.

    Eine Milderung der Strafe gemäß § 46 b StGB – in der Fassung vom 01. September 2009 – in Verbindung § 49 Abs. 1 StGB kam aber auch bei diesem Angeklagten nicht in Betracht. Der Angeklagte Adnan Polat hat nicht durch freiwilliges Offenbaren seines Wissens wesentlich dazu beigetragen, dass eine Tat nach § 100 a Abs. 2 StPO aufgedeckt werden konnte, § 46 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1. Er hat zwar – wie von dem Vernehmungsbeamten PHM Götner und POK Bauer in der Hauptverhandlung dargelegt – bei seiner polizeilichen Vernehmung am 06. August 2013 geständige Angaben zu seiner Tatbeteiligung gemacht. War der Täter ab an der Tat beteiligt, muss sich sein Beitrag zur Aufklärung nach § 46 b Abs. 1 Satz 1 StGB über den eigenen Tatbeitrag hinaus erstrecken, § 46 b Abs. 1 Satz 3 StGB. Zum Zeitpunkt seiner Aussage, in der er insbesondere die Methode beschrieb, waren aber der Angeklagte Emre Ates der, der bereits Anfang Juni 2013 seine Tatbeteiligung eingeräumt und Passwörter offenbart hatte, und der Angeklagte Cem Ates, der seine Beteiligung zu diesem Zeitpunkt zwar abgestritten, aber auch den Computerzugangscode preisgegeben hatte, bereits seit Anfang April 2013 in Untersuchungshaft.

    Bei der konkreten Straffindung berücksichtigt die Kammer zugunsten des Angeklagten die bereits bei der Wahl des Strafrahmens genannten Strafzumessungsgesichtspunkte, vor allem die Tatsache, dass der Angeklagte seine Beteiligung an den Taten Ziffer III. 1. bis 75. eingeräumt hat. Die Kammer verkennt nicht, dass er bereits im Ermittlungsverfahren zu seiner Tatbeteiligung gestanden und Angaben zur Vorgehensweise gemacht hat, wenn auch eine Milderung nach §§ 46 b Abs. 1, 49 StGB nicht in Betracht kam.
    Demgegenüber standen die – ebenfalls bereits bei der Wahl des Strafrahmens genannten – Strafzumessungsgesichtspunkte, die gegen den Angeklagten sprachen. Insbesondere fällt der in den drei Monaten seiner Tatbeteiligung eingetretene, erhebliche Schaden ins Gewicht.
    Bei der Bemessung der konkreten Einzelstrafen hat die Kammer zudem die Vielzahl der den Taten jeweils zugrundeliegenden Bestellungen und damit auch die Höhe des insoweit eingetretenen Schadens berücksichtigt.

    Insgesamt hat die Kammer unter Berücksichtigung des Unrechts- und Schuldgehalts der Taten und unter umfassender Würdigung aller für und gegen den Angeklagten Adnan Polat sprechenden Strafzumessungsgesichtspunkte auf folgende Einzelstrafen erkannt:

    Für die Taten Ziffer III.
    17. und 68.:
    jeweils zwölf Monate Freiheitsstrafe,

    für die Taten Ziffer III.
    20., 26., 42., 44. und 70.:
    jeweils zehn Monate Freiheitsstrafe,

    für die Taten Ziffer III.
    5., 8., 9., 15., 16., 21., 30., 34., 35., 36., 43., 45., 46., 47., 48., 58., 63., 64., 65., 67., 69., 71., 72., 73. und 74.:
    jeweils acht Monate Freiheitsstrafe,

    und für die Taten Ziffer III.
    1., 2., 3., 4., 6., 7., 10., 11., 12., 13., 14., 18., 19., 22., 23., 24., 25., 27., 28., 29., 31., 32., 33., 37., 38., 39., 40., 41., 49., 50., 51., 52., 53., 54., 55., 56., 57., 59., 60., 61., 62., 66., und 75.:
    jeweils sechs Monate Freiheitsstrafe.

    Bei der gemäß §§ 53, 54 StGB zu bildenden Gesamtstrafe und ausgehend von der Einsatzstrafe von zwölf Monaten im Sinne des § 54 Abs. 1 Satz 2 StGB hat die Kammer die für und gegen den Angeklagten Adnan Polat sprechenden Strafgesichtspunkte erneut umfassend gewürdigt. Sie hat dabei berücksichtigt, dass sich die Hemmschwelle des Angeklagten im Laufe der Zeit spürbar herabgesetzt hat und hält deshalb und wegen des engen persönlichen und situativen Zusammenhangs dieser Taten einen äußerst straffer Zusammenzug gerechtfertigt.

    Bei der Gesamtabwägung hält die Kammer deshalb die

    Gesamtstrafe von einem Jahr und neun Monaten Freiheitsstrafe

    für tat- und schuldangemessen.

    Die Kammer setzt die Vollstreckung der Freiheitsstrafe gemäß § 56 StGB zur Bewährung aus, denn sie ist davon überzeugt, dass der Angeklagte Adnan Polat sich bereits die Verurteilung zur Warnung dienen lässt und auch ohne die Einwirkung des Strafvollzugs künftig einen rechtschaffenen Lebenswandel führen wird. Seine derzeitigen Lebensverhältnisse sprechen für ihn: Er studiert im zweiten Semester, lebt im Elternhaus und kümmert sich um seine gesundheitlich angeschlagenen Eltern, mit denen ihn bis heute ein enges Verhältnis verbindet. Bis heute ist er in der Basketball-Jugendbetreuung aktiv. Kritisch hat sich der Angeklagte mit seinen Taten auseinandergesetzt. Das gute familiäre und soziale Umfeld, die regelgerechte Schul- und Berufsausbildung und die vom Angeklagten ins Auge gefassten Pläne für seine Zukunft lassen eine günstige Prognose zu. All dies wird ihn während der Bewährungszeit stützten und fördern. Neuerliche, vor allem vergleichbare Straftaten muss man bei diesem Angeklagten nicht erwarten. Die Kammer ist deshalb überzeugt, dass er sich – auch durch die Weisungen und Auflagen gestützt – künftig straffrei halten wird. 

Entscheidungen nach § 111 i StPO

Ansprüche Verletzter, mithin der Deutschen Bahn AG, stehen einer Verfallsanordnung betreffend des bei der Postbank AG geführten, durch Beschluss des Amtsgerichts Stuttgart vom 12. Juni 2013 beschlagnahmten Kontos mit dem Restguthaben von 3.737,51 Euro, aber auch des am 05. April 2013 in Gewahrsam genommenen Bargeldbetrags von 995 Euro entgegen, §§ 111 i Abs. 2, 111 c Abs. 1, 111 b Abs. 1, Abs. 5 StPO, § 73 StGB.
Gleiches gilt für die Anordnung des Verfalls von Wertersatz gemäß § 111 i Abs. 2 StPO, § 73 a StGB in Höhe von 117.267 Euro bei dem Angeklagten Emre Ates, 49.267 Euro bei dem Angeklagten Cem Ates und 68.000 Euro bei dem Angeklagten Adnan Polat. Auch insoweit stehen Ansprüche Verletzter, der Deutschen Bahn AG, entgegen. Der Verbleib des Erlangten ist unklar. Lediglich die in Gewahrsam genommene Bargeldsumme in Höhe von 995 Euro und das Guthaben in Höhe von 3.737,51 Euro auf dem zuvor genannten, beschlagnahmten Konto festgestellt werden.

Kosten

Hinsichtlich der Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat ergibt sich die Entscheidung über die Kosten des Verfahrens und deren notwendige Auslagen aus § 465 StPO. Gemäß § 74 JGG hat die Kammer davon abgesehen, dem Angeklagten Cem Ates die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen.“

Ich war etwas verwirrt, als die Richterin mit dem Urteil fertig war und wir uns wieder setzen durften. Sobald das Urteil zu Ende war, sprach ich meine Anwältin an: „Ist mein Bruder auf Bewährung draußen?“ Sie erwiderte meinen verzweifelten Blick lächelnderweise: „Ja, er darf gehen“, flüsterte sie mir zu. Mir schossen Glücksgefühle in die Brust, ein Kribbeln machte sich in meinem Bauch breit und ich fühlte mich fast so, als sei ich verliebt. Innerlich schrie ich: „YES! Mein Bruder ist draußen! Yes!“ Mein Grinsen konnte dem Auge der Richterin nicht entgehen, woraufhin sie meinte: „Sie scheinen wohl kein Problem mit dem Urteil zu haben.“ Ich grinste sie an: „Mein Bruder darf raus, nicht wahr?“ Sie bejahte und sah sofort meinen Bruder an: „Herr Cem Ates, uns ist die Entscheidung nicht leichtgefallen. Eigentlich wollten wir Sie noch weiterhin in Haft behalten und nach Adelsheim schicken, damit sie dort ihre Mittlere Reife nachholen können. Sie können von Glück reden, dass die JVA Adelsheim nach einem Anruf mitgeteilt hat, dass sie keine Plätze mehr für das kommende Jahr haben, weshalb sie als Bewährungsauflage die mittlere Reife nachholen müssen. Wenn Sie jetzt nach Hause gehen…“, die Richterin wurde vom Schluchzen meiner Mutter im Satz unterbrochen und blickte sie tadelnd an: „Frau Ates, warum weinen Sie denn noch? Ihren jüngsten Sohn können Sie heute mitnehmen.“ Ich sah meine Mutter an, sie hatte ihre beiden Hände auf ihr Gesicht gepresst, um ihre Tränen nicht zeigen zu müssen. Ihr Gesicht war total rot angelaufen, als sie hochschreckte. Neben ihr war meine Zwillingsschwester, die auch weinte und ungläubig wirkte: „Was? Mein Bruder ist draußen?“, die Richterin nickte und fragte sich wohl, warum das nicht offensichtlich gewesen sei. Meine Schwester stupste sofort meine Mutter an: „Cem ist draußen, Mama! Cem ist frei!“, meine Mutter stutzte und vergewisserte sich nochmals bei meiner Schwester, ob sie richtig verstanden hätte, und begann von Neuem zu weinen – doch diesmal vor Glück! Dieser Moment brannte sich in mein Gedächtnis ein, es war einer der schönsten in meinem Leben. Meinen Vater hatte ich keines Blickes gewürdigt, auch hatte ich seine Reaktion auf das Strafmaß nicht wahrgenommen. Cem und ich grinsten einander an und ich zeigte ihm den Daumen nach oben, während die Richterin mit einer Predigt fortfuhr. Sie empfahl meinem Bruder, das Beste aus seiner Freiheit zu machen und zu bedenken, dass noch ein weiteres Verfahren gegen ihn lief. Danach wandte sie sich mir zu: „Ja, Herr Ates, zu Ihnen: Wir als Kammer hätten Ihnen – und das können Sie uns glauben – ein milderes Urteil gegeben. Doch das Gesetz hat dies nicht zugelassen, in Anbetracht der Umstände war dies das Wenigste, das wir Ihnen geben konnten. Lassen Sie sich nicht unterkriegen und verfolgen Sie ihr Ziel, ein Studium zu beginnen.“ Ich bedankte mich bei ihr, dass sie meinen Bruder frei gelassen hatten, und wandte mich meiner Anwältin zu. Sie meinte, dass sie alsbald zu Besuch kommen würde, um das weitere Vorgehen zu diskutieren und, dass sie nicht mit dem Urteil zufrieden sei – mich interessierte in diesem Moment aber nur mein Bruder.  Meine Augen wurden leicht feucht, als mir die Handschellen an die Handgelenke angebracht wurden und ich sah, wie mein Bruder in den Armen meiner Familie lag und meine Mutter an seinen Haaren roch und ihn an den Wangen küsste. Es lag so viel Rührung in diesem Moment. Ein Beamter begleitete mich, als ich kurz zu meiner Familie ging und sie mich mit ihren weinenden Augen anblickten. Meine Schwester streckte ihre Hand aus und legte sie auf meine Schulter: „Oh Emre, es tut mir so Leid“, sie begann abermals zu schluchzen, und meine Mutter wollte mich auch noch trösten. Ich versuchte jedoch, stark zu bleiben. Ich wollte nicht weinen, ich wollte nicht, dass sie Mitleid mit mir hatten – ich wollte einfach, dass sie es genießen konnten, meinen Bruder wieder bei sich zu haben. „Wir sehen uns übermorgen, beim Besuch!“, sagte ich munter zu meiner Mutter, als ich in Richtung Ausgang geführt wurde. Mein Vater hielt mich kurz auf: „Mein Sohn…bleib stark, wir schaffen das! Bis übermorgen!“ Ich nickte und wandte meinen Blick in Richtung Ausgang. Das Bild meiner Familie, dieser Wiedervereinigung, würde ich wohl nie vergessen.

Doch sobald ich wieder in der Wartezelle saß, dachte ich über mein Strafmaß nach: war es gerecht oder nicht? Eigentlich hatte es die Richterin bereits plausibel erläutert: Ich war vorbestraft, ich hatte mich von der Hausdurchsuchung seitens der BKA Kassel nicht abhalten lassen weiterzumachen, und Adnan hatte ich auch nicht verraten. Folglich konnte es keine Strafmilderung geben. Andererseits hatten sie mir die Herausgabe des Passwortes auch nicht als strafmildernd anerkannt und mich damit abgespeist, dass ich nur die Ermittlungsarbeiten damit beschleunigt hätte. Ich hatte während meiner Haft schon einige Urteile zu Ohren bekommen, jeder hatte einfach ein anderes Rechtsempfinden. Wenn ich meine Taten mit anderen verglich, erschienen sie mir relativ harmlos – verglichen mit anderen wiederum empfand ich sie als schlimmer. Das gleiche galt beim Strafmaß – ich musste mich einfach damit abfinden, und sollte mich darüber freuen, dass wir nicht des bandenmäßigen Betruges angeklagt worden waren. Sonst wäre ich unter fünf Jahren nicht davongekommen. Es war Zeit, nach vorne zu blicken, denn ich hatte ein ganz bestimmtes Ziel: Ich wollte studieren und das alsbald wie möglich. Wir hatten April 2014 und nach meinen Berechnungen und, ich gebe zu, auch mit einer Prise Wunschdenken, sollte ich ab Oktober 2014 im Freigängerheim studieren dürfen. Ich ließ mir sagen, dass man ein Jahr vor voraussichtlicher Entlassung in den Freigang durfte und ging davon aus, dass ich nur 2/3 meiner Strafe, also 2 Jahre und 6 Monate, absitzen würde müssen. Dies bedeutete, dass ich nach 1 Jahr und 6 Monaten in den Freigang durfte. 1 Jahr saß ich bereits, was wiederum hieß, dass ich nach 6 Monaten, also im Oktober, in den Freigang werde gehen dürfen. Vielleicht war das eine Milchmädchenrechnung und, wie bereits erwähnt, eher Wunschdenken als Realität. Wenn ich jedoch eines in der Haft gelernt hatte, dann, dass Hoffnung zu den Dingen zähle, die einem die Haft einigermaßen erträglich machte. Und so musste ich einfach hoffen, dass ich im Oktober 2014 in den Freigang werde gehen dürfen.

Doch bis dahin war es noch ein weiter weg voller Hürden. Stammheim war nur für U-Häftlinge, ich würde also in eine andere Strafanstalt kommen. Wie würde ich mich dort integrieren? Auch liefen noch zwei weitere Ermittlungsverfahren gegen mich. Nun war ich ein vorbestrafter türkischer Staatsbürger ohne Aufenthaltstitel – ab drei Jahren Strafmaß drohte eine Abschiebung, dies hatte mir die Richterin klargemacht. Doch wie real war diese Gefahr tatsächlich?

Ich hätte niemals ahnen können, dass sich das nächste Jahr ganz anders entwickeln würde, als ich es mir vorgestellt hatte – ich hatte wieder mal keine Ahnung. Ein metallisches Rascheln riss mich aus meinen Gedanken. Es waren die bis heute unvergessenen Schlüsselgeräusche, die ertönten, bevor sich meine Tür öffnete. Ein Beamter aus Stammheim stand vor mir.

„Los geht’s.“

#49 – Mein Urteil: Die Taten und Beweiswürdigung – Teil 2/3

Die Richterin fuhr fort:

„Die Taten

Spätestens ab 27. Juli 2012 kamen die befreundeten Emre Ates und Adnan Polat aufgrund gemeinsam gefassten, auf arbeitsteilige Begehungsweise gerichteten Tatentschluss überein, Computerbetrugstaten mittels Internet zum Nachteil der Deutschen Bahn AG zu begehen, während der Angeklagte Cem Ates von den gemeinschaftlich begangenen Taten der beiden Mitangeklagten keine Kenntnis hatte. Hierzu kam es wie folgt:

Der Angeklagte Emre Ates hatte bereits im Jahr 2012 nicht unerhebliche finanzielle Probleme. Immer wieder hatte der junge Mann, der sich seit langem für Computer, aber auch für Online-Sportwetten interessierte, versucht, das Glücksspiel-System zu überlisten, um hohe Gewinne zu erlangen. Er hatte sogar eine dementsprechende Geschäftsidee entwickelt und Privatpersonen gewinnen können, die vierstellige Beiträge investierten. Der Angeklagte hatte jedoch keinen Erfolg. Die Schulden, die er auf diese Weise angehäuft hatte, beglich sein Vater.

Spätestens im Frühjahr 2012 hatte sich der Angeklagte Emre Ates erstmals in „schwarzen“ Foren im Internet, in denen sich in der Regel Internetnutzer, die ihre Identität durch Verwendung frei erfundener Kurznamen verschleiern, über Möglichkeiten, auf betrügerische Weise via Internet an Geld zu gelangen, austauschen, über die unbefugte Verwendung fremder Kreditkartendaten sog. „carding“, kundig gemacht, um seine finanzielle Situation zu verbessern. Gleichzeitig stieß der Angeklagte Emre Ates auf „Bankdrops“, die ebenfalls in derartigen Foren zum Verkauf angeboten wurden. Dabei handelte es sich, wie er erfuhr, um mit Personalien fremder oder tatsächlich nicht existenter Personen eröffnete Girokonten. Beides weckte sein Interesse. Nachdem er im Juni oder Juli 2012 ein erstes solches bei der Deutschen Bank mit den Falschpersonalien „Massimo Maresi“ eröffnetes Konto zum Preis von 1.000 oder 1.500 Euro erworben hatte, kam er wiederum über das Internet in Kontakt mit einem ihm persönlich nicht bekannten Türken namens „Ibrahim“ aus Bursa, der ihm zum Preis von 150 Euro eine Geschäftsidee – den späteren Modus Operandi – verkaufte, mit der er das Konto bis Juni oder Juli 2012 „befüllte“. Von dieser Geschäftsidee, Bahntickets mit rechtswidrig erlangten Kreditkartendaten auf dem Online-Portal der Deutschen Bahn AG zu bestellen und diese zu einem im Vergleich zum Originalpreis erheblich geringeren Kaufpreis an gutgläubige Interessen zu veräußern, und dem zu diesem Zweck erworbenen Konto bei der Deutschen Bank, auf das der jeweilige Kaufpreis durch die Käufer gezahlt werden sollte, erfuhr auch bald der Angeklagte Cem Ates.

Der Vorwurf des Computerbetrugs betreffend Vorgänge um das Konto „Massi Maresi“ ist im Teil des Ermittlungsverfahrens „Italia“, das bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart unter dem Aktenzeichen 171 Js XYZ bis heute anhängig ist.

Der Angeklagte Emre Ates erklärte und zeigte seinem interessierten und neugierigen Bruder Cem bald jeden Arbeitsschritt, sodass auch dieser bald in der Lage war, mitzuwirken, wofür letzterer von seinem älteren Bruder auch entlohnt wurde. Nach einigen Wochen glaubte der Angeklagte Cem Ates, die Geschäftsidee zu durchschauen und sämtliche Arbeitsschritte eigenmächtig durchführen zu können. Er wollte es seinem Bruder gleichtun und eigenständig damit Geld verdienen. Der Angeklagte Emre Ates stellte seinen jüngeren Bruder aber zur Rede. Es kam zum vorübergehenden Zerwürfnis der Brüder, woraufhin der Angeklagte Cem Ates trotzig immer wieder Andeutungen über die Tätigkeiten seines Bruders gegenüber der Mutter machte.

Am 10. Juli 2012 reiste der Angeklagte Cem Ates zu Verwandten in die Türkei und kehrte erst am 13. September 2012 wieder nach Deutschland zurück. In dieser Zeit soll er mit einer Person namens „dark“ vergleichbare Straftaten begangen haben. Er stellte in dieser Zeit Angebote für verbilligte Fahrkarten auf dem Portal ein. Dieser Vorwurf ist Teil eines weiteren, bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart unter dem Aktenzeichen 171 Js ZYX geführten, noch anhängigen Ermittlungsverfahren („MFZ“).

Zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt, jedenfalls vor dem 27. Juli 2012, erwarb der Angeklagte Emre Ates in einem einschlägigen Forum im Internet ein weiteres, nun auf den Namen „Max Zierke“ eröffnetes Girokonto bei der Volksbank Kiel zum Preis von 1.500 Euro. Auf das Konto bei der Deutschen Bank hatte er zu diesem Zeitpunkt keinen Zugriff mehr. Der Angeklagte Cem Ates hatte von dem Konto bei der Volksbank Kiel keine Kenntnis.

Stattdessen kam es zur Zusammenarbeite zwischen den Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat. Um dieses Konto zu „befüllen“ gingen die beiden Freunde ab 27. Juli 2012 aufgrund gemeinsamen Tatplanes wie folgt vor, während sie vor dem Angeklagten Cem Ates ihre Zusammenarbeit verheimlichten.

Über das Internetforum www.mitfahrgelegenheit.de boten die Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat in arbeitsteiliger Vorgehensweise Bahntickets der Deutschen Bahn AG für verschiedene Fahrstrecken unter einer vom Angeklagten Emre Ates erstellten Legende zum Verkauf an. Die Online-Tickets boten sie in der Regel zu einem Preis von 40 Euro pro Person und Strecke an, während der tatsächliche Kaufpreis für die Fahrkarten in der Regel deutlich darüber lag, um das vorgeschobene Motiv des Fahrkartenverkaufs, der Schwager arbeite bei der Bahn und habe überzählige Tickets, plausibel erscheinen zu lassen.
Für die Kontaktaufnahme mit dem jeweiligen Käufer gaben sie jeweils bei Internetserviceprovidern angelegte E-Mail-Adressen an, die erfundene Namensbestandteile enthielten. Meldete sich ein Kaufinteressent, wurde dieser gebeten, alle zur Online-Ticketbestellung notwendigen Daten, unter anderen die letzten vier Ziffern der Personalausweisnummer anzugeben. Der Angeklagte Emre Ates verwendete überdies zeitweilig ein Formular, das er den Kaufinteressenten übermittelte, damit diese dort die erforderlichen Daten in übersichtlicher Art und Weise eintragen und an ihn zurücksenden konnten. Dieses Formular hatte der Angeklagte Cem Ates jedenfalls vor dem 27. Juli 2012 erstellt und seinem Bruder zur Verfügung gestellt. Der reisende konnte sich während der Fahrt bei einer Fahrkartenkontrolle im Zug lediglich mit seinem Personalausweis als berechtigter Inhaber des Onlinetickets, auf dem lediglich die angegebenen letzten vier Ziffern der Personalausweisnummer und der Original-Verkaufspreis genannt war, ausweisen. Die Kreditkarte, mit der das Ticket bezahlt wurde, musste dieser nicht vorlegen. Wenn der Kaufinteressent die erforderlichen Daten übermittelt hatte, bestellte einer der beiden Angeklagten über das Internetportal der Deutschen Bahn AG unter Verwendung derselben E-Mail-Adresse, die sie bereits bei www.mitfahrgelgenheit.de angegeben hatten, das entsprechende Ticket bei der Deutschen Bahn AG. In die Buchungsmaske gaben sie frei erfundene Postadressen ein. Diese waren zwar auf dem späteren Online-Ticket nicht zu sehen, die Eingabe einer Postadresse aber vor der Buchungsmaske gefordert. Zur Bezahlung der Tickets verwendeten sie widerrechtlich Kreditkartendaten fremder Personen. Diese Kreditkartendaten hatte der Angeklagte Emre Ates zuvor über „schwarze Foren“ wie cardarcc.cc über die ausgespähte Datensätze gehandelt werden, zum Preis von etwa fünf bis zehn Euro pro Kreditkartendatensatz erworben.
Die Angeklagten handelten in der Absicht, durch die Fahrkartenbestellungen die Online-Tickets zu erhalten. An die vorab gefundenen Käufer leiteten sie diese anschließend zur Erfüllung des Verkaufs der Fahrkarten zu einem Bruchteil des tatsächlichen Werts des Tickets weiter.

Die Angeklagten handelten auch in dem Wissen und Wollen, dass über die Webseite der Deutschen Bahn AG nach Eingabe aller Daten – und rascher Prüfung der Bonität der betreffenden Kreditkartendaten – automatisiert das Online-Ticket versendet würde und ab diesem Zeitpunkt auch einsatzbereit wäre, ohne dass die deutsche Bahn AG hierfür die entsprechende Zahlung erhalten würde, da diese zurückgebucht wird oder nur deshalb eine Rückbuchung nicht erfolgt, weil der betroffene Inhaber des Kreditkartenkontos die unrechtmäßige Abbuchung nicht bemerkt. Einen Kreditkartendatensatz verwendeten sie regelmäßig so lange, bis die jeweilige Buchung vom System abgewiesen wurde. Die Käufer der ab 27. Juli 2012 bestellten Tickets wurden angewiesen, den Kaufpreis auf das auf „Max Zierke“ eröffneten Kontos bei der Volksbank Kiel zu überweisen und diese auf diese Weise zu „befüllen“.

Zu der Beteiligung des Adnan Polat war es wie folgt gekommen:
Adnan Polat war den Brüdern Emre und Cem Ates, die er bereits seit seiner Kindheit kannte, zu denen er aber lange Zeit keinen Kontakt hatte, im Frühjahr 2012 bei einem Besuch der Moschee begegnet. In der Folgezeit hatten sich die drei jungen Männer immer wieder in ihrer Freizeit getroffen. Die Freundschaft zwischen den Angeklagten Adnan Polat und Emre Ates lebte rasch wieder auf, während das Verhältnis zwischen dem Angeklagten Adnan Polat und dem Angeklagten Cem Ates aus nicht näher feststellbaren Gründen lose und insbesondere von Seiten des Angeklagten Cem Ates distanzierter blieb.

Nach und nach hatte der Angeklagte Adnan Polat gleichwohl von beiden Brüdern von der lukrativen „Geschäftsidee“, die diese begeisterte, erfahren. Im Juni 2012 hatten die beiden Brüder dem Angeklagten Adnan Polat an dessen Laptop schließlich gezeigt, wie die Bestellungen auf dem Online-Portal der Deutschen Bahn AG getätigt werden.

Nachdem der Angeklagte Cem Ates am 10. Juli 2012 für einen Urlaubsaufenthalt in die Türkei aufgebrochen war und der Angeklagte Adnan Polat am 12. Juli 2012 eine Ausbildung beendet hatte, war es dem Angeklagten Emre Ates gelungen, seinen Freund Adnan Polat davon zu überzeugen, fortan gemeinsam vorzugehen. Der Angeklagte Emre Ates hatte den Angeklagten Adnan Polat – der sich zu diesem Zeitpunkt zwar wünschte, die weiterführende Schule besuchen zu können, um die Fachhochschulreife zu erreichen, sich gleichzeitig aber um seine finanzielle Situation sorge, da er dann ohne Einkommen gewesen wäre – in dessen Vorhaben bestärkt, indem er diesem zugesichert hatte, ihn finanziell nicht unerheblich zu unterstützen, wenn er sich an den Taten beteiligte.

So waren die beiden Angeklagten – beide begeistert von der Möglichkeit, sich künftig für einige Zeit ein nennenswertes zusätzliches Einkommen zu verschaffen – bald übereingekommen, fortan aufgrund ihres gemeinsamen Tatplanes vorzugehen. Der Angeklagte Emre Ates hatte seinen Freund Adnan Polat in die Details der Methode eingeführt und ihm die einzelnen Arbeitsschritte erklärt, bis dieser in der Lage war, jeden einzelnen eigenständig auszuführen. Jedenfalls noch vor dem 27. Juli 2012 hatte der Angeklagte Emre Ates den Laptop Netbook des Angeklagten Adnan Polat mit sämtlichen für die Einstellung von Angeboten und Bestellung von Tickets erforderlichen Programmen ausgestattet und darauf Kreditkartendatensätze gespeichert, sodass der Angeklagte Adnan Polat in der Folgezeit, wie mit dem Angeklagten Emre Ates vereinbart auf arbeitsteilige Weise Angebote einstellen und Online-Tickets buchen konnte. In Ausführung ihres Tatplanes nahmen beide in der Zeit vom 27. Juli 2012 bis 24. Oktober 2012 nach der dargelegten Methode eine Vielzahl von Angebotseinstellungen und Ticketbestellungen vor. Hierfür verwendeten sie überwiegend den Laptop Netbook des Angeklagten Adnan Polat. Jeder der beiden nahm die drei zentralen Aufgaben der Einstellung der Fahrkartenangebote bei www.mitfahrgelgenheit.de, der Kommunikation mit den Reisenden und die Bestellungen der Fahrkarten auf dem Online-Portal der Deutschen Bahn AG wahr. Der Angeklagte Emre Ates hatte das Konto bei der Volksbank Kiel beschafft und war zuständig für die Beschaffung von Kreditkartendatensätzen in einschlägigen Internetforen, stellte die hierfür erforderlichen Kontakte her und pflegte diese via ICQ-Chat, wofür er auch den PC Tower Medion und den Laptop IBM Thinkpad verwendete, die ihm im Elternhaus zur Verfügung standen. Jeder der beiden Angeklagten hatte eine eigene ICQ-Kennung, der Angeklagte Emre Ates auch mehrere. In Absprache mit dem Angeklagten Emre Ates pflegte auch der Angeklagte Adnan Polat mittels ICQ-Chat die hergestellten Kontakte oder reklamierte unbrauchbare Kreditkartendatensätze.

In Ausführung ihres gemeinsam gefassten Tatentschlusses kam es ab 27. Juli 2012 bis 02. August 2012 zu folgenden, auf arbeitsteilige Weise begangenen Taten der Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat.
Dabei wurde der jeweilige Bestellvorgang mit der im Folgenden genannten Online-Ticket-Nummer – sog. OLT – und der aufgeführten Kreditkartennummer zu den genannten Zeiten durchgeführt, wobei der aufgeführte Betrag – der Original-Verkaufspreis des jeweiligen Tickets – auf das angegebene Konto der Bahn gezahlt wurde. Die Tickets waren jeweils ausgestellt auf den genannten Reisenden, der die aufgeführte Route zu dem im folgenden genannten Datum antreten konnte. Die genannte E-Mail-Adresse fand Verwendung bei dem jeweiligen Bestellvorgang auf dem Online-Portal der Deutschen Bahn AG, wie zuvor schon als Kontaktadresse bei dem Angebot im Portal www.mitfahrgelgenheit.de. Hierbei arbeiteten die Angeklagten jeweils über einen gewissen Zeitraum eingegangene Ticketbestellungen von Reisenden aufgrund eines Entschlusses in einer Sitzung ohne längere Unterbrechung am Computer ab, um jeweils den von den reisenden zu bezahlenden Kaufpreis zu erlangen.

1. bis 13. (Fälle 1. bis 39. der Anklage): Liste mit 39 Fällen

War der Angeklagte Emre Ates aufgrund seiner Beschäftigung bei der Daimler AG im Bereich der Produktion in der Zeit vom 17. Juli 2012 bis 07. September 2012 angesichts der Akkord-Tätigkeit während seiner Arbeitsschicht verhindert, so stellte der Angeklagte Adnan Polat Angebote bei www.mitfahrgelgenheit.de ein und bestellte Bahntickets auf dem Online-Portal der Deutschen Bahn AG. So kam es, dass er die Bestellungen der Tickets, die den Taten Ziffer 1., 6., 7., 10. und 11. zugrundeliegen, in Ausführung des gemeinsamen Tatplanes tätigte. Dies war dem Angeklagten Emre Ates recht.

Mit dem bisher nicht näher bekannten Verkäufer des Kontos bei der Volksbank Kiel hatte der Angeklagte Emre Ates, wie auch der Angeklagte Adnan Polat wusste, vereinbart, dass der Kaufpreis in Höhe von 1.500 Euro dargestellt beglichen werden sollte, dass der Verkäufer die Kontounterlagen nebst EC-Karte so lange behalten sollte, bis die durch die Käufer der Online-Tickets vorgenommenen Überweisungen die Summe des Kaufpreises erreichten und der Verkäufer diesen Betrag von dem Konto abgehoben hatte. Anschließend sollte der Verkäufer Kontounterlagen nebst EC-Karte vereinbarungsgemäß an den Angeklagten Emre Ates übersenden. Da der Verkäufer entgegen der Vereinbarung aber weder die Unterlagen noch die EC-Karte an den Angeklagten Emre Ates übermittelte, obgleich das Konto „befüllt“ wurde, sodass die Kaufpreissumme spätestens ab Tat Ziffer 13 erreicht war, gaben die Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat dieses Konto enttäuscht auf. An die in der Zeit von 29. Juli 2012 bis 21. August 2012 eingegangen Einzahlungen der Reisenden in Höhe von insgesamt 1.835 Euro gelangten die Angeklagten nicht.

Der Angeklagte Emre Ates hat stattdessen zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt in einem „schwarzen Forum“ ein weiteres, nun bei der Ziraat Bank International AG eröffnetes Konto von einer nicht näher bekannten Person, die sich in diesem Forum „Louch“ nannte, erworben. Dieses war, wie die Angeklagten wussten, bei dieser Bank mit Personalien einer nicht existenten Person auf den Namen „Christopher Blake“, eröffnet worden. Der Angeklagte Emre vereinbarte mit „Louch“ einen Kaufpreis von 2.500 Euro. Ein Teil des Kaufpreises – mithin 2.400 Euro – sollte durch „Befüllen des Kontos und Abheben dieses Betrages, der übrige Teil durch Übersendung eines Bargeldbetrages von 10 Euro per Post beglichen werden. Die Käufer wurden von den arbeitsteilig handelnden Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat fortan angewiesen, den Kaufpreis der Tickets auf dieses Konto zu überweisen.
So kam es ab 04. Bis 21. August 2012 zu folgenden Taten der beiden Angeklagten:

14. bis 22. (Fälle 40. bis 102. der Anklagte): Liste mit 62 Fällen

Dem Angeklagten Emre Ates war es aufgrund seiner Beschäftigung bei der Daimler AG, die bis 07. September 2012 andauerte, nach wie vor während seinen Schichtzeiten weder möglich, Angebote einzustellen noch Anfragen von Kaufinteressenten zu bearbeiten. So stellte der Angeklagte Adnan Polat in dieser Zeit Angebote bei www.mitfahrgelgenheit.de ein und bestellte Bahntickets auf dem Online-Portal der Deutschen Bahn AG. So kam es, dass er die den Taten Ziffern 20., 22., 24., 26., 28., 30., 32., 33., 34., 36., 37. und 38. zugrundeliegenden Bestellungen, in Ausführung des gemeinsamen Tatplanes tätigte. Dies war dem Angeklagten Emre Ates nach wie vor recht.

Unterdessen wurde am 22. August 2012 die Wohnung der Familie Ates in Stuttgart durch Einsatzkräfte der Bundespolizei Kassel im Rahmen des Ermittlungsverfahrens „MFZ“, das gegen die Angeklagten Emre und Cem Ates und andere wegen des Vorwurfs der Begehung gleichgelagerter Computerbetrugsdaten geführt wird, durchsucht. Die Einsatzkräfte stellten den PC Tower Medion und den Laptop IBM Thinkpad sicher.
Die beiden Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat – der ebenfalls von den Ermittlungsmaßnahmen Kenntnis erlangte – ließen sich hiervon nicht beeindrucken. Vielmehr gelangte der Angeklagte Emre Ates am Tag der Durchsuchung in den Besitz der Kontounterlagen und der EC-Karte für das Konto bei der Ziraat Bank. Am 08., 09., 10., 11. Und 16 August 2012 wurde von Seiten des nicht näher bekannten Verkäufers des Kontos eine Summe von insgesamt 2.480 Euro zur Bezahlung des Kontos abgehoben. Anschließend ließ dieser dem Angeklagten Emre Ates Kontounterlagen nebst EC-Karte über einen „toten Briefkasten“, den der Angeklagte Emre Ates am Haus seiner Großeltern angebracht hatte, zukommen.
Bereits wenige Tage nach der Durchsuchung, ab 27. August 2012 (Tat Ziffer 23.), führten sie weitere Bestellungen mit fremden Kreditkartendaten durch. Fortan bedienten sie ich ausschließlich des Laptops Netbook des Angeklagten Adnan Polat. So begingen die Angeklagten in Ausführung ihres Tatplanes bis zum 09. September 2012 folgende Daten:

23. bis 41. (Fälle 103. Bis 157. der Anklage): Liste mit 54 Fällen

Nach Beendigung seiner Tätigkeit bei der Daimler AG am 07. September 2012 reiste der Angeklagte Emre Ates am 10. September 2012 in die Türkei, um Verwandte, bei denen sich bereits sein Bruder Cem Ates aufhielt, zu besuchen. Bis einschließlich 24. September 2012 hielt sich der Angeklagte Emre Ates in der Türkei auf. In dieser Zeit nahm der Angeklagte Adnan Polat in Ausführung des gemeinsam gefassten Tatplanes an seinem Laptop sämtliche Einstellungen bei www.mitfahrgelegenheit.de und Bestellungen der Tickets auf dem Online-Portal der Deutschen Bahn AG vor. Dies war dem Angeklagten Emre Ates recht. Während der Urlaubsabwesenheit hob der Angeklagte Adnan Polat im Einverständnis mit dem Angeklagten Emre Ates mit einem Schal maskiert an einem Geldautomaten einen Betrag in Höhe von 500 Euro als Entlohnung für seine Tätigkeit von dem Konto bei der Ziraat Bank ab.

So kam es ab dem 10. bis zum 25. September 2012 während der Urlaubsabwesenheit des Angeklagten Emre Ates zu den nachfolgenden Taten, die der Angeklagte Adnan Polat in Ausführung des gemeinsamen Tatplans an seinem Laptop ausführte:

42. bis 65. (Fälle 158. bis 256. der Anklage): Liste mit 98 Fällen

Unterdessen, am 13. September 2012, kehrte der Angeklagte Cem Ates, er am 10. Juli 2012 in die Türkei aufgebrochen war, nach Deutschland zurück. Noch in der Türkei versprach der Angeklagte Emre Ates seinem jüngeren Bruder, nachdem sie sich allmählich wieder versöhnt hatten, großzügig, dieser könne sich an den Angeklagten Adnan Polat wenden, wenn er Geld benötigen würde. Die Zusammenarbeit mit dem Angeklagten Adnan Polat verschwieg der Angeklagte Emre Ates aber weiterhin. Der Angeklagte Cem Ates, der nach seiner Rückkehr der Strenge seines Vaters, der nach wie vor angesichts der Durchsuchung verärgert war, ausgesetzt war, machte von dem Angebot seines Bruders gerne Gebrauch und suchte den Angeklagten Adnan Polat auf, der ihm einen Bargeldbetrag in Höhe von 50 Euro gab. Dass der Angeklagte zu diesem Zeitpunkt bereits von den gemeinschaftlichen, betrügerischen Tätigkeiten seines Bruders und Adnan Polat Kenntnis hatte, konnte die Kammer aber nicht feststellen.

Nachdem der Angeklagte Emre Ates nach seinem bis 24. September 2012 dauernden Aufenthalt in der Türkei nach Deutschland zurückgekehrt war, stellte der Angeklagte Adnan Polat diesem den eigenen Laptop Netbook zur Verfügung, um mit diesem in Ausführung des gemeinsamen Tatplanes weitere Angebote einzustellen und Tickets zu bestellen. Am 26. September 2012 kam es zu folgender Tat:

66. (Fälle 257. und 258. der Anklage): Liste mit 2 Fällen

Anfang Oktober 2012 zog der Angeklagte Emre Ates, um sein Studium an der Hochschule in Esslingen aufzunehmen, aus der elterlichen Wohnung in Stuttgart in eine Wohnung in Esslingen. Am 15. Oktober 2012 war der Umzug abgeschlossen. Da ihm von Seiten der Daimler AG ein Langzeitpraktikum angeboten worden war, nahm er dieses an, u das erste Semester als Praxissemester zu nutzen. Obwohl er sich in dieser Zeit vorgenommen hatte, keine weiteren Betrugstaten durch Bestellung der Online-Tickets mehr zu begehen und sich stattdessen um seine berufliches Fortkommen zu kümmern, gelang ihm dieses Vorhaben nicht langfristig. Er sorgte sich, obgleich er ein Praktikumsentgelt erhalten sollte und ihm zugleich ein Studienkredit bewilligt worden war, um seine finanziellen Verhältnisse. Bereits ab 09. Oktober 2012 tätigte er erneut – in Ausführung des mit dem Angeklagten Adnan Polat gefassten Tatplanes – Bestellungen von Online-Tickets. In dieser Zeit nutzte er hierfür sowohl den ihm vom Angeklagten Adnan Polat zu diesem Zweck überlassenen Laptop Netbook, als auch den Tastatur-PC JoyPC, den sich der Angeklagte Emre Ates in dieser Zeit angeschafft hatte. Der Angeklagte Adnan Polat hatte am 05. Oktober 2012 einen Autounfall, den er kurzfristig zum Anlass genommen hatte, sein kriminelles Tun zu überdenken. Er ließ jedoch hierdurch nicht endgültig davon abbringen, wenngleich ihm recht war, dass der Angeklagte Emre Ates in Ausführung des gemeinsam gefassten Tatplanes die Einstellungen und Bestellung in dieser Zeit selbst vornahm und dadurch Geld auf das Konto bei der Ziraat Bank einging.

Nachdem er am 15. Oktober 2012 das Langzeitpraktikum bei der Daimler AG begonnen hatte, tätigte er die Bestellungen der Online-Tickets in Ausführung des gemeinsamen Tatplanes fortan in seiner Freizeit.
Es kam in der Zeit von 09. bis 24. Oktober 2012 zu folgenden Taten:

67. bis 75. (Fälle 259. bis 352. der Anklage): Liste mit 93 Fällen

Zu einem nicht näher feststellbaren Zeitpunkt kurz vor den Herbstferien 2012, mithin vor dem 29. Oktober 2012, beauftragte der Angeklagte Emre Ates seinen Bruder Cem unter einem Vorwand, einen Umschlag, in dem sich einen Bargeldbetrag von 500 Euro befand, von dem Angeklagten Adnan Polat abzuholen und den Umschlag zu ihm zu bringen. Vor seinem jüngeren Bruder, vor dem er seine kriminellen Aktivitäten nach wie vor geheim halten wollte, verheimlichte er auch, dass sich in dem Umschlag Bargeld, das aus dem Verkauf der Tickets stammte, befand. Der Angeklagte Cem Ates öffnete auf dem Weg zu seinem Bruder den Umschlag und entdeckte den Bargeldbetrag. Sogleich vermutete er, woher das Geld stammte und dass sein Bruder und der Angeklagte Adnan Polat gemeinsame Sache machten. Der Angeklagte Cem Ates wusste um die guten Einnahmemöglichkeiten und war außerdem dem Angeklagten Adnan Polat nicht wohlgesonnen. Verärgert darüber, dass sein Bruder sein Tun und darüber hinaus die Zusammenarbeit mit diesem vor ihm geheim gehalten hatte, stellte er ihn zur Rede. Schließlich stellte er seinen Bruder vor die Wahl, entweder weiterhin mit dem Angeklagten Adnan Polat oder mit ihm, seinem jüngeren Bruder, weiterzuarbeiten. Tatsächlich erhoffte sich der Angeklagte, dass sein Bruder die Zusammenarbeit mit dem Angeklagten Adnan Polat beendete und stattdessen mit ihm die lukrative Geschäftsidee fortführte. Um sein Ziel zu erreichen, wirkte er immer wieder auf seinen Bruder dadurch ein, dass er diesem gegenüber schlecht über den Angeklagten Adnan Polat sprach. Schließlich beugte sich der Angeklagte Emre Ates dem Drängen seines Bruders, da auch er höchstens unter zwei, nicht aber unter drei Personen die Erlöse aus den Taten aufteilen wollte. So gab er gegenüber seinem Freund, dem Angeklagten Adnan Polat, wahrheitswidrig vor, dass die EC-Karte für das Konto bei der Ziraat Bank eingezogen worden sei, das Konto damit nicht mehr genutzt werden könnte und auch keine Abhebungen mehr möglich seien, und beendete somit die Zusammenarbeit mit diesem.

Der Angeklagte Emre Ates und Adnan Polat handelten jeweils bei allen Taten in dem Bestreben, sich aus den Bestellungen der Bahntickets und den Einnahmen aus den Kaufpreiszahlungen eine fortlaufende Einnahmequelle von beträchtlichem Umfang und einiger Dauer zu Finanzierung ihres Lebensunterhaltes zu verschaffen.
In der Zeit von 25. August 2012 bis 04. November 2012 hoben die Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat vom Konto bei der ZIraat Bank in arbeitsteiliger Begehungsweise in 24 Abhebevorgängen an verschiedenen Geldausgabeautomaten in den Abend- und Nachtstunden einen Gesamtbetrag in Höhe von 10.010 Euro ab. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Angeklagte Adnan Polat aus dem Erlös aus dem Verkauf der Bahntickets von dem Angeklagten Emre Ates einen Betrag in Höhe von insgesamt 2.000 Euro für seine Beteiligung erhalten. Der Angeklagte Emre Ates, der seinem Freund gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte, versprach diesem, dass er einen weiteren Betrag in Höhe von 2.000 Euro für seine Tätigkeit erhalten werde. Bis heute hat der Angeklagte Adnan Polat diesen Betrag aber nicht erhalten.

Der Angeklagte Cem Ates verbrachte die Herbstferien in der Zeit von 29. Oktober bis 04. November 2012 in der Türkei. Erst nach seiner Rückkehr aus der Türkei, mithin ab dem 05. November 2012, fassten die Brüder, die Angeklagten Emre und Cem Ates, den Entschluss, gemeinsam und auf arbeitsteilige Weise die Computerbetrugstaten zum Nachteil der Deutschen Bahn AG über deren Online-Portal nach dem bisherigen Modus Operandi fortzuführen. Während der Angeklagte Emre Ates in der weit überwiegenden Zahl der Einstellungen der Angebote bei www.mitfahrgelegenheit.de und der Bestellungen der Online-Tickets, bei denen er das von seinem Bruder zu einem frühere Zeitpunkt erstellte Formular zur einfacheren und schnelleren Handhabbarkeit verwendete, selbst aktiv wurde, übernahm der Angeklagte Cem Ates diese Aufgaben in seltenen Fällen und nur ergänzend, auch wenn sein älterer Bruder sich erhofft hatte, dass dieser häufiger diese Aufgaben übernähme. Seine Hauptaufgabe, die er bereitwillig übernahm, bestand in Ausführung des gemeinsamen Tatplanes fortan überwiegend darin, die Abhebungen der von den Käufern überwiesenen Geldbeträge von Geldautomaten zu übernehmen, während sein Bruder, der große Angst davor hatte, beim Geldabheben gestellt zu werden, die Umgebung absicherte. Für die Abhebungen verwendete der Angeklagte Cem Ates seinen alten Mofa-Helm, den er sich überzog, um seine Identität beim Abheben zu verschleiern.

Bis zum 11. November 2012 nutzte der Angeklagte Emre Ates für die Einstellung der Angebote und Bestellungen der Tickets in Ausführung des mit seinem Bruder gefassten Tatplanes noch den Laptop Netbook des Angeklagten Polat, allerdings ohne dessen Wissen und Wollen. Daraufhin gab er – wie von seinem Freund gefordert – das Gerät an diesen zurück. Die entsprechenden Dateien und Programme waren zuvor gelöscht worden.

Rasch stattete der Angeklagte Emre Ates den Laptop Sony Vaio, den der Vater der beiden Angeklagten am 11. Oktober 2012 für seinen jüngeren Sohn Cem Ates angeschafft hatte, mit sämtlichen für die Einstellungen und Bestellungen erforderlichen Programmen aus, sodass sie fortan nicht nur mit dem Tastatur-PC JoyPC des Angeklagten Emre Ates, sondern auch mit diesem Gerät sämtliche Arbeitsschritte durchführen konnten.

In der Zeit ab 05. November bis 09. Dezember 2012 kam es in Ausführung des gemeinsamen Tatplans der Brüder Emre und Cem Ates zu folgenden Taten:

76. bis 90. (Fälle 353. bis 470. der Anklage): Liste mit 117 Fälle

In der Zeit von 09. Januar 2013 bis 29. Januar 2013 kam es zu weiteren dem Modus Operandi entsprechenden Bestellungen (Fälle 471. bis 528. der Anklage). Von diesen nahm eine dem Angeklagten Emre Ates nicht persönlich bekannte Person, die unter dem Kurznamen „Szene UIN“ in den einschlägigen Foren auftrat, eine nicht näher feststellbare Anzahl vor, wofür diese einen Betrag in Höhe von 150 Euro erhielt. Diese Person verwendete bei den Bestellungen E-Mail-Adressen des Anbieters „zehnminutenmail.de“, die in der Regel nach zehn Minuten automatisch gelöscht wurden. Auch der Angeklagte Emre Ates verwendete solche vorübergehend, kehrte allerdings wegen der Praktikabilität bald zum ursprünglichen System zurück. Insoweit – also hinsichtlich der Ziffern 471. bis 528. der Anklage – sah die Kammer gemäß § 154 Abs. 2 StPO von der Verfolgung ab.

Unterdessen beendete der Angeklagte Emre Ates am 15. Januar 2013 sein Praktikum vorzeitig, da er sich nun doch dem Studium widmen wollte.

Ende Januar 2013 wurde das Konto bei der Ziraat Bank durch die Staatsanwaltschaft Hamburg geschlossen, sodass die Brüder darauf keinen Zugriff mehr hatten. in der Zeit von 04. August 2012 bis 30. Januar 2013 – also während der gesamten Dauer des Einsatzes dieses Kontos, zunächst durch die Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat, dann durch die Brüder Ates – gingen auf dem Konto bei der Ziraat Bank Einzahlungen in Höhe von 20.617,30 Euro ein. In der Zeit von 09. November 2012 bis 22. Januar 2013 hatten die Brüder in arbeitsteiliger Begehungsweise vom Konto bei der Ziraat Bank in 20, an verschiedenen Geldausgabeautomaten im Bereich von Esslingen, Ostfildern und Rottenburg am Neckar getätigten Abhebevorgängen einen Gesamtbetrag in Höhe von 6.785 Euro abgehoben.

In der Folgezeit stand den Brüdern vorübergehend kein Konto zur Verfügung, auf das die Käufer von Tickets die Kaufpreise leisten konnten. Deshalb änderten sie ihre Methode dahingehend ab, dass diese mittels elektronischer Zahlungsmittel namens „Paysafecards“, die nach dem Prepaid-System funktionierten und im Online-Handel weiterverwendet werden konnten, die jeweiligen Kaufpreise zu zahlen hatten. So kam es in der Zeit von 06. Februar 2013 bis 02. März 2013 zu folgenden Taten:

91. bis 95. (Fälle 529. bis 548. der Anklage): Liste mit 19 Fällen

Der Verbleib der durch die Käufer der Tickets in der kontolosen Zeit gezahlten Kaufpreise konnte nicht geklärt werden.

Bald kehrten die beiden Angeklagten aber zu der ursprünglichen Methode zurück: Der Angeklagte Emre Ates hatte sich unterdessen in den einschlägigen Foren auf die Suche nach einem neuen Konto gemacht. So stieß er zu einem nicht näher feststellbaren Zeitpunkt erneut auf ein Angebot des ihm persönlich nicht bekannten „Louch“, der ihm ein Konto, das auf die Falschpersonalien „Enrico Monti“ bei der Postbank eröffnet worden war, verkaufte. Als Kaufpreis vereinbarten sie einen Betrag in Höhe von 2.500 Euro, der durch „Befüllen“ des Kontos, mithin durch die Überweisungen der Käufer und das Abheben der Kaufpreissumme durch den unbekannten Verkäufer beglichen werden sollte. Fortan veranlassten die Angeklagten Emre und Cem Ates die Käufer in Ausführung ihres Tatplanes den jeweiligen Ticketpreis auf dieses Konto zu überweisen. So kam es, dass durch die den Taten zugrundeliegenden Bestellungen bis Ziffer 103. und die darauffolgenden Überweisungen der Käufer die Summe des Kaufpreises erreicht wurde. Durch drei Abhebungen – am 12., 14. und 17. März 2013 – gelangte der Verkäufer in den Besitzt der vereinbarten Kaufpreissumme. Zu einem nicht näher feststellbaren Zeitpunkt übermittelte dieser die Kontounterlagen nebst EC-Karte an den Angeklagten Emre Ates.

Am 08. März 2013 bis 04. April 2013 kam es in Ausführung des Tatplanes zu den nachfolgenden Taten der Brüder:

96. bis 137. (Fälle 554. bis 822. der Anklage): Liste mit 268 Fällen

Kurz vor Mitternacht am 04. April 2013 hob der Angeklagte Cem Ates, maskiert mit seinem Mofa-Helm, in Absprache mit dem Angeklagten Emre Ates einen Bargeldbetrag in Höhe von 1.000 Euro vom Konto bei der Postbank Hamburg an dem Geldautomaten „Wolfstor“ in der Küferstraße 35 in der Innenstadt von Esslingen ab, während sein Bruder die Umgebung absicherte.
Als sie bemerkten, dass die Einsatzkräfte der Polizei sie beobachten und ihnen folgten, flüchteten die Brüder. Der Angeklagte Cem Ates übergab noch den Helm und das Bargeld an seinen Bruder. Rasch wurden sie – kurz nach Mitternacht, mithin am 05. April 2013 – festgenommen. bei dem Angeklagten Emre Ates konnte ein Bargeldbetrag in Höhe von 995 Euro festgestellt und in Gewahrsam genommen werden. Soweit dieser noch während seiner Flucht den mitgeführten Helm gegen einen der Polizeibeamten geworfen hat, wurde bereits von Seiten der Staatsanwaltschaft gemäß § 154 Abs. 1 StPO von der Verfolgung dieser Tat abgesehen.

Die Angeklagten Emre und Cem Ates handelten in der Zeit ihrer Zusammenarbeit jeweils bei ihren Taten in dem Bestreben, sich aus dem Ankauf der Bahntickets und den Einnahmen aus den Kaufpreiszahlungen eine fortlaufende Einnahmequelle von erheblichem Umfang und einiger Dauer zur Finanzierung ihres Lebensunterhaltes zu verschaffen. Der Angeklagte Cem Ates erhielt in der Zeit der Zusammenarbeit von seinem Bruder in der Regel einen wöchentlichen Betrag in Höhe von 250 Euro für seine Beteiligung. Immer wieder verlangte und bekam er darüber hinaus von seinem Bruder auch Geld in nicht sicher feststellbarer Höhe.

Auf dem Konto bei der Postbank gingen in der Zeit von 08. März 2013 bis 08. April 2013 Einzahlungen in Höhe von 13.765 Euro ein.
Über den Betrag von 1.000 Euro hinaus, den die Angeklagten in arbeitsteiliger Weise kurz vor ihrer Festnahme von diesem abgehoben hatten, hatte sie in der Zeit von 20. bis 31. März 2013 in drei Abhebevorgängen an Geldausgabeautomaten im Stadtgebiet von Esslingen von diesem Konto bereits einen Betrag in Höhe von insgesamt 2.620 Euro abgehoben. Desweiteren wurden in der Zeit von 22. März 2013 bis 04. April 2013 acht Überweisungen von diesem Konto in Höhe von 27 bis 575 Euro getätigt.

Die Angeklagten Emre Ates, Adnan Polat und Cem Ates handelten bei ihren Taten jeweils in der Absicht, durch die Fahrkartenbestellungen die Online-Tickets zu erhalten, für die sie bereits vorab Käufer gefunden hatten. Sie leiteten diese anschließend zur Erfüllung des Verkaufs der Fahrkarten an die Käufer weiter. Hierfür konnten sie aber nur einen Bruchteil des tatsächlichen Werts der Online-Tickets als Kaufpreis gegenüber den Reisenden verlangen, um das vorgeschobene Motiv des Fahrkartenverkaufs plausibel erscheinen zu lassen.

Der durch die den Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat zuzurechnenden Taten 1. bis 75. entstandene Schaden beträgt 54.037,90 Euro. Durch die den Angeklagten Emre Ates und Cem Ates zuzurechnenden Taten 76. bis 137. entstand ein Schaden in Höhe von 67.970,10 Euro. Mithin entstand durch die dem Urteil zugrundeliegenden Taten 1. bis 137. ein Schaden von insgesamt 122.008 Euro, der in erster Linie bei der Deutschen Bahn AG angefallen ist, wobei in einzelnen wenigen, nicht näher konkretisierbaren Fällen die berechtigten Inhaber der unbefugt verwendeten Kreditkartendatensätze wegen nicht durchgeführter Rückabwicklung den finanziellen Nachteil erlitten haben, der dem Original-Kaufpreis des Tickets entspricht. Dies nahmen die Angeklagten bei ihrem Tun in Kauf.

Beweiswürdigung

  • A. Die Feststellungen zu den persönlichen Verhältnissen beruhen auf den glaubhaften Einlassungen der Angeklagten, den erörterten Auszügen aus dem Bundeszentralregister und beim Angeklagten Emre Ates auch auf den erörterten Vorverurteilungen. Bei den Angeklagten Cem Ates und Adnan Polat basieren sie außerdem auf den ergänzenden Ausführungen der Jugendgerichtshilfe.
  • B. Die getroffenen Tatsachenfeststellungen beruhen im Wesentlichen auf den Einlassungen der Angeklagten. Bestätigt und ergänzt werden deren weitgehende Geständnisse durch die Angaben der ermittlungsführenden Beamten PHM Götner und POK Bauer, des Beamten Ziegler und des im Bereich der Konzernsicherheit der Deuschen Bahn AG tätigen Zeugen Schenk.
  1. Der Angeklagte Emre Ates hat sich in der Hauptverhandlung umfangreich und äußerst detailliert zu den Tatvorwürfen eingelassen und gestand seine Beteiligung an den Taten 1. bis 137. in vollem Umfang ein. Auch die Feststellungen zu den ursprünglich in der Anklage mit den Ziffern 471. bis 528. belegten Fällen beruhen auf seine Angaben. Anschaulich und sehr ausführlich beschrieb er, wie er von der Methode erfahren und die Rahmenbedingungen zur Durchführung der Taten geschaffen habe. Dabei zog er zur Veranschaulichung und besseren Nachvollziehbarkeit seiner Angaben die Anlage I zur Anklage vom 20. November 2013 heran. Ohne sich zu schonen oder seinen – wesentlichen – Tatbeitrag in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, erläuterte er, wie er erstmals auf die Methode der Bestellung und des Verkaufs von mit rechtswidrig erlangten Kreditkartendatensätzen bezahlten Online-Tickets gestoßen sei. In dieser Zeit sei seine finanzielle Lage bereits schwierig gewesen. Angehäufte Schulden habe sein Vater bezahlt. Sein Studium habe er in dieser Zeit abgebrochen. Der Angeklagte beschrieb ausführlich, wie er in einschlägigen Internetforen sog. Bankdrops, also mit Falschpersonalien eröffnete Konten, und fremde Kreditkartendatensätze, sog. Randoms, die wie er wusste auf nicht näher feststellbare erlang waren, erworben habe. Gleichzeitig erläuterte er stets die von ihm und in den Foren verwendeten Begrifflichkeiten. Anschaulich legte er dar, wie er seinem Freund, dem Angeklagten Adnan Polat die einzelnen Arbeitsschritte gezeigt und schließlich mit diesem gemeinsam wie unter Ziffer III. 1. bis 75. festgestellt auf arbeitsteilige Weise das angeeignete Wissen ab 27. Juli 2012 in die Tat umgesetzt habe, nachdem er den Laptop des Angeklagten Adnan Polat mit den für die Durchführung der Methode erforderlichen Programmen ausgerüstet habe. Anschaulich beschrieb der Angeklagte Emre Ates ihre arbeitsteilige Vorgehensweise. Einzig die Beschaffung der Bankkonten und der Kreditkartendatensätze habe allein er, der Angeklagte Emre Ates, übernommen. Wenn er während seiner Schicht bei der Daimler AG oder durch seine Urlaubsabwesenheit an der Durchführung der einzelnen Arbeitsschritte gehindert gewesen sei, habe allein der Angeklagte Adnan Polat Angebote bei mitfahrgelegenheit.de eingestellt und die Bestellungen abgearbeitet. Dies sei ihm recht gewesen.Auch nach der am 22. August 2012 erfolgten Durchsuchung in der elterlichen Wohnung habe er gemeinsam mit dem Angeklagten Adnan Polat weitergemacht. Er habe damals zwar befürchtet, festgenommen zu werden. Dies sei aber nicht passiert. Außerdem hätten die Ermittlungsbeamten seines Erachtens „falsch ermittelt“. Anschaulich legte der Angeklagte Emre Ates dar, dass er am Tag der Durchsuchung auch die Kontounterlagen für das Konto bei der Ziraat Bank, auf das sie hingearbeitet und das sie fortan „gefillt“ hätten, mittels eines am Haus der Großeltern angebrachten „toten Briefkastens“, eines sog. „Briefkastendrops“, erhalten habe.Sein Bruder Cem Ates habe zwar von dem auf die Falschpersonalien „Massimo Maresi“ eröffneten Konto bei der Deutschen Bank gewusst. Dass er aber gemeinsam mit dem Angeklagten Adnan Polat weitere Konten durch die beschriebene Methode „befüllte“, habe er von seinem Bruder geheim gehalten. Erst kurz vor den Herbstferien, als sein Bruder in dem Umschlag, den er in seinem Auftrag vom Angeklagten Adnan Polat habe abholen sollen, den Bargeldbetrag entdeckt habe, habe sein Bruder davon erfahren. Anschaulich beschrieb der Angeklagte Emre Ates, wie dieser ihn zur Rede und schließlich vor die Wahl gestellt habe, entweder mit dem Angeklagten Adnan Polat oder mit ihm, seinem jüngeren Bruder, weiterzuarbeiten. Offen gab er zu, dass er die Einnahmen aus dem Verkauf der Tickets auch nur ungern mit zwei Personen habe teilen wollen. Sein Bruder und der Angeklagte Adnan Polat hätten sich ohnehin nicht leiden können. Schließlich habe er deshalb seinem Bruder nachgegeben und dem Angeklagten Adnan Polat wahrheitswidrig vorgegeben, die EC-Karte des Kontos bei der Ziraat Bank sei eingezogen worden. Dieser habe dann seinen Laptop zurückgefordert. Er habe das Gerät vorübergehend aber noch bis 11. November 2012 weiterbenutzt und erst dann an diesen herausgegeben. Er habe dem Angeklagten Adnan Polat für dessen Tätigkeit insgesamt etwa einen Betrag in Höhe von 2.000 Euro gegeben und eine, er habe ihm weitere 2.000 Euro versprochen, da er ein schlechtes Gewissen gehabt habe.Fortan habe er, der Angeklagte Emre Ates, die Angebote eingestellt und die Bestellungen abgearbeitet. Sein Bruder Cem, der nach seinem Umzug nach Esslingen oft bei ihm gewesen sei, habe diese Aufgaben nicht übernommen, da er zu faul gewesen sei. Beim Abheben der Bargeldbeträge an Geldautomaten habe sein Bruder ihm aber geholfen. Er gab zu, dass dieser stets von allem gewusst habe und immer auf dem aktuellen Stand gewesen sei. Seinem Bruder sei bekannt gewesen, woher die Einnahmen stammten. Dieser habe auch sämtliche Arbeitsschritte gekannt und hätte diese an sich eigenhändig durchführen können, habe dies aber nicht getan. Ihm, dem Angeklagten Emre Ates sei es ja gelungen, hohe Einnahmen zu erreichen, es habe deshalb keinen Grund dafür gegeben, dass auch noch sein Bruder diese Aufgaben übernehme. Sein Bruder habe ihm bald den Laptop, den der Vater für diesen erworben hatte, zur Verfügung gestellt. Rasch habe er das Gerät – wie schon zuvor den Laptop des Angeklagten Adnan Polat – mit den für die Durchführung der Arbeitsschritte erforderlichen Programmen ausgestattet.Der Angeklagte Emre Ates bestätigte, dass er bei der Abfrage der für die Bestellung erforderlichen persönlichen Daten der Käufer auch ein Formular verwendet habe, dass sein Bruder – vor Beginn des Tatzeitraumes – erstellt habe, das der besseren Übersichtlichkeit der Daten gedient habe. Er habe dieses bereits verwendet, als sein Bruder in der Türkei gewesen sei.Seinem Bruder habe er einen Anteil von etwa 25 Prozent gegeben, mithin etwa 250 bis 300 Euro wöchentlich. Er meinte, er habe ihm dies aber nicht jede Woche gegeben.
  2. Der Angeklagte Cem Ates hatte seiner polizeilichen Vernehmung am 25. Juni 2013, wie der Vernehmungsbeamte PHM Götner in der Hauptverhandlung berichtete, seine Tatbeteiligung im Wesentlichen noch abgestritten. In der Hauptverhandlung räumte der Angeklagte Cem Ates aber schließlich ein, er habe gewusst, woher das Geld auf den Konten gestammt und dass es sich um illegale Konten gehandelt habe. Er habe seinem Bruder den Laptop, den der Vater für ihn angeschafft hatte, zur Verfügung gestellt. Dieser habe das Gerät, wie er gewusst habe, mit sämtlichen für die Durchführung der Methode erforderlichen Programmen ausgestattet. Er, der Angeklagte Cem Ates, sei anwesend gewesen, als sein Bruder Angebote eingestellt und diese abgewickelt habe. Sein Bruder und er hätten darüber gesprochen, was Bahnstrecken und Texte anbelangte. Er habe auch oft neben diesem gesessen, wenn dieser Angebote eingestellt oder Bestellungen abgearbeitet habe. Der Angeklagte Cem Ates gab zu, er habe nachdem er nach den Herbstferien aus der Türkei zurückgekehrt sei, weitgehend das Geldabheben übernommen, was seinem Bruder recht gewesen sei, da dieser sich davor gefürchtet habe. Der angeklagte Cem Ates stritt aber ab, selbst Angebote bei mitfahrgelegenheit.de eingestellt und Bestellungen bei der Deutschen Bahn AG vorgenommen zu haben. Er begründete dies damit, dass er zu faul gewesen sei. Sein älterer Bruder habe dies zwar von ihm erwartet, er sei den Aufforderungen aber nicht nachgekommen. Sein Bruder habe dies letztlich akzeptiert, da er schließlich für das Geldabheben zur Verfügung gestanden habe. Der Angeklagte gab zu, er habe bereits von dem Konto, das auf die Falschpersonalen „Massimo Maresi“ eröffnet worden sei, gewusst und sei auch an den Aktivitäten seines Bruders in der Zeit von Anfang des Jahres 2012 bis etwa Mai 2012 beteiligt gewesen. Bald habe sein Bruder ihm damals alles erzählt und am Computer gezeigt, auch die entsprechenden Internetforen. Seinem Bruder sei es nicht unrecht gewesen, wenn er, der Angeklagte Cem Ates, ihm zugesehen oder er sich gar beteiligt habe. Der Angeklagte Cem Ates gab zu, er sei neugierig gewesen, seinem Bruder bei dessen Vorgehen zuzuschauen, ihm dieses auch abzuschauen und mitzuwirken, zumal er auch in finanzieller Hinsicht davon profitiert habe. Nach einigen Wochen habe er bereits gemeint, alles zu durchschauen und selbst durchführen zu können. Er habe versucht, es seinem Bruder gleichzutun und habe selbst Geld verdienen wollen. Sein älterer Bruder habe ihn daraufhin zur Rede gestellt, es sei zum Zerwürfnis zwischen den Geschwistern und zum Verlust der Bankkarte gekommen. Er, der Angeklagte Cem Ates, habe trotzig darauf reagiert und auch Andeutungen gegenüber der Mutter gemacht, die daraufhin eine Karte für ein anderes Konto zerschnitten habe. Sein älterer Bruder habe daraufhin die Zusammenarbeit mit ihm beendet. Der Angeklagte Cem Ates gab zu, er habe sich daraufhin mit anderen – einem „Flippi“, „dark“ und einem Dritten – zusammengetan. Jeder von ihnen habe „fillen“ und damit Geld verdienen wollen und Lohn für die jeweiligen Aktivitäten beansprucht. Keiner habe aber die Verantwortung tragen und die Organisation übernehmen wollen. Ihm, dem Angeklagten Cem Ates, sei es nicht gelungen, die Kontrolle und den Überblick zu behalten. Seines Erachtens hätten die anderen zu hohe Anteile von ihm gefordert. Am 10. Juli 2012 sei er dann in die Türkei geflogen. Immer wieder habe er zuvor gegenüber seiner Mutter Andeutungen über die kriminellen Aktivitäten seines Bruders gemacht. Der Angeklagte Cem Ates räumte ein, dass er von der Türkei aus, mit „dark“ Kontakt aufgenommen und für diesen ein Formular oder Programm erstellt habe. Dieses habe später auch sein Bruder Emre verwendet. Er habe während seines Urlaubs in der Türkei für „dark“ Einstellungen von Angeboten im Online-Portal www.mitfahrgelegenheit.de vorgenommen. Sein Bruder habe von seiner Tätigkeit für „dark“ gewusst und mit diesem über die Übergabe seines versprochenen Lohnes verhandelt. Der Angeklagte legte dar, dass er, als er am 13. September 2012 nach Deutschland zurückgekehrt sei, nicht geahnt habe, dass sein Bruder weitergemacht habe, erst recht nicht, dass dieser gemeinsame Sache mit dem Angeklagten Adnan Polat machen würde. Das Angebot seines Bruders, er solle den Angeklagten Adnan Polat kontaktieren, falls er Geld benötige, habe er aber gerne angenommen. Allmählich, als sein Bruder bereits nach Esslingen gezogen war, sei ihm aufgefallen, dass sein Bruder und der Angeklagte Adnan Polat auffällig viel miteinander zu tun gehabt hätten und er habe etwas vermutet. Erst aber als er den Bargeldbetrag in dem Umschlag, den er seinem Bruder habe bringen sollen entdeckt habe, habe er Gewissheit erlangt. Er sei überrascht gewesen, dass sein Bruder trotz der Durchsuchung weitergemacht habe und dann auch noch mit dem Angeklagten Adnan Polat, den er nicht leiden könne. Er gab zu, dass er daraufhin seinen Bruder gedrängt habe, die Zusammenarbeit mit diesem zu beenden. Sein Ziel sei gewesen, dass sein Bruder die Einnahmen mit ihm teile, nicht mit dem Angeklagten Adnan Polat. Seines Erachtens habe sein Bruder die Einnahmen ja nicht mit zwei Personen teilen können. Er habe deshalb mehr und mehr seinem Bruder gegenüber schlecht über den Angeklagten Adnan Polat gesprochen. Sein Bruder habe nachgegeben und daraufhin dem Angeklagten Adnan Polat eine Lüge aufgetischt und die Zusammenarbeit beendet.

    Der Angeklagte Cem Ates räumte ein, dass er nach den Herbstferien, nachdem er aus der Türkei zurückgekehrt sei, mit seinem Bruder dergestalt zusammengearbeitet habe, dass er weitgehend die Bargeldabhebungen übernommen habe. Dies sei seinem Bruder recht gewesen, da dieser gerade vor dieser Aufgabe Angst gehabt habe. Dabei habe er einen alten Mofa-Helm verwendet. Sein Bruder habe unterdessen die Umgebung gesichert. Regelmäßig habe er bei den Abhebungen einen Anteil erhalten. Mehr habe er, der Angeklagte, Cem Ates, aber nicht getan. Sein Bruder habe zwar erwartet, dass er, wenn er sich schon häufig in dessen Wohnung aufhalte, selbst Angebote einstelle, während er die Universität besuchte. Er, der Angeklagte Cem Ates sei dem aber nicht nachgekommen. Er sei zu faul gewesen. Sein Bruder sei deshalb verärgert gewesen, habe es aber akzeptiert, da er schließlich für das Geldabheben zur Verfügung gestanden habe. Zunächst gab er noch an, dass er meine, auch Abhebungen im Oktober 2012 getätigt zu haben, korrigierte sich aber dahingehend, dass er entweder am 04. November oder am 09. November 2012 erstmals eine Bargeldabhebung vorgenommen habe.

    Er habe von seinem Bruder einen Anteil von etwa 24 Prozent zum einen für das Geldabheben bekommen, aber auch dafür, dass er Stillschweigen bewahre. Er habe von seinem Bruder auch Geld eingefordert. Er habe sowohl, wenn er selbst Abhebungen vorgenommen habe, als auch, wenn er nur dabei gewesen sei, einen Anteil erhalten.

  3. Der Angeklagte Adnan Polat räumte seine Beteiligung an den Taten – wie unter Ziffer III. 1 bis 75. festgestellt – ein. Offen beschrieb er, wie er zu der Zusammenarbeit mit dem Angeklagten Emre Ates gekommen sei, wie dieser seinen Laptop so eingerichtet habe, dass er an diesem sämtliche Arbeitsschritte habe durchführen können und wie sie die Methode arbeitsteilig umgesetzt hätten. Der Angeklagte Adnan Polat gab zu, er habe Angebote bei mitfahrgelegenheit.de eingestellt, Bestellungen von Tickets auf dem Online-Portal der Deutschen Bahn getätigt und diese an Reisende geschickt. Er habe auch in Absprache mit dem Angeklagten Emre Ates Kontakte via ICQ-Chats gepflegt, wenn sein Freund verhindert gewesen sei, und beispielsweise Kreditkartendatensätze reklamiert, wenn diese nicht funktionierten. Er selbst habe aber weder Bankkonten noch Kreditkartendatensätze gekauft. Diese Aufgaben habe ausschließlich der Angeklagte Emre Ates übernommen. Der Angeklagte Adnan Polat legte dar, dass es nur eine Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Angeklagten Emre Ates gegeben habe. Es sei nie die Rede davon gewesen, dass sie zu dritt, also auch mit dessen Bruder, arbeiteten. Vor diesem hätten sie ihr Tun vielmehr verheimlicht. Der Angeklagte Adnan Polat beschrieb anschaulich, wie er mit dem Angeklagten Emre Ates seine berufliche Situation besprochen und diesen um Rat gefragt habe, ober nach Beendigung seiner Ausbildung einen angebotenen Arbeitsplatz annehmen solle oder, was er sich wünschte, die weiterführende Schule besuchen solle. Sein Freund habe ihm angeboten, ihm finanziell zu helfen und ihn in seinem Vorhaben bestärkt, das Erreichen der Fachhochschulreife in Angriff zu nehmen. So habe er sich dann dafür entschieden, ab Herbst 2012 das Berufskolleg zu besuchen und ab Ende Juli 2012 den ihm von seinem Freund angebotenen „Nebenjob“ übernommen. Als die Durchsuchung in der Wohnung der Familie Ates stattgefunden habe, habe sein Freund ihn damit beruhigt, dass diese nicht wegen ihrer Taten erfolgt sei. Nur wenige Tage später hätten sie mit der Bestellung von Online-Tickets weitergemacht. Wenn der Angeklagte Emre Ates durch seine Tätigkeit im Schichtbetrieb bei der Daimler AG verhindert gewesen sei, habe er, der Angeklagte Adnan Polat, die Bestellungen an seinem Laptop abgearbeitet. Auch als sein Freund urlaubsabwesend gewesen sei, habe er Angebote eingestellt und Ticket-Bestellungen getätigt. Er habe in dieser Zeit auch einen Bargeldbetrag in Höhe von 500 Euro vom Konto bei der Ziraat Bank an einem Geldautomaten abgehoben.Bald nach Rückkehr des Angeklagten Emre Ates aus der Türkei sei dieser nach Esslingen gezogen. Er, der Angeklagte Adnan Polat, aber diesem seinen Laptop mitgegeben. Am 04. Oktober 2012 habe er, der Angeklagte Adnan Polat, einen Autounfall gehabt. infolge dieses Erlebnisses habe er sich an diesem Tag zwar bereits vorgenommen gehabt, sein kriminelles Tun zu beenden, gelungen sei ihm dieses Vorhaben aber nicht. Am 05. Oktober 2012 sei er wieder bei einer Bargeldabhebung dabei gewesen. Schließlich habe ihm der Angeklagte Emre Ates Mitte oder Ende Oktober 2012 mitgeteilt, dass di Karte für das Konto bei der Ziraat Bank eingezogen worden sei. Dies sei ihm recht gewesen, denn er habe nun endgültig nicht mehr weitermachen wollen. Er habe seinen Laptop zurückgefordert, den er Anfang oder Mitte November 2012 schließlich zurückerhalten habe.Er meine, er habe einen Betrag in Höhe von 1.000 bis 1.500 Euro erhalten. Wenn in dem Protokoll seiner polizeilichen Vernehmung von 1.500 bis 2.000 Euro die Rede sei, sei dies nicht richtig. Die Vernehmungsbeamten hätten ihm aber gesagt, dass eine Korrektur nicht erforderlich sei. Der Angeklagte Emre Ates habe ihm versprochen, dass er noch einen weiteren Betrag in Höhe von 2.000 Euro bekommen sollte, tatsächlich habe er diesen aber nie erhalten.
  4. Die Einlassungen der Angeklagten wurden durch die Ergebnisse der umfangreichen Ermittlungen, über die vor allem die ermittlungsführenden Beamten PHM Götner und POK Bauer ausführlich in der Hauptverhandlung berichteten, bestätigt und ergänzt.
    Lediglich hinsichtlich der Einlassung des Angeklagten Adnan Polat betreffend den Betrag, den dieser vom Angeklagten Emre Ates für seien Tätigkeit erhalten haben will, widerlegten sie diesen. Anschaulich beschrieben beide übereinstimmend, dass der Angeklagte Adnan Polat bei seiner Vernehmung angegeben habe, er habe einen Betrag von 1.500 bis 2.000 Euro erhalten. Aufnahme in die Vernehmungsniederschrift habe nur gefunden, was dieser auch gesagt habe. Weder habe dieser später seine diesbezüglichen Angaben dahin korrigieren wollen, dass er nur einen Betrag in Höhe von 1.000 bis 1.500 Euro erhalten habe, noch hätten sie ihn in diesem Zusammenhang damit beruhigt, dass dies ohnehin keine Rolle spiele. Ergänzend führte in Bezug auf die als Anlage I zur Anklage vom 20. November 2013 geführte Liste – die in tabellarischer Form die Gesamtzahl und Umstände der vorgenommenen Fahrkartenbestellungen enthält – der ermittelnde Beamte Ziegler aus, dass er diese anhand eindeutiger Kriterien erstellt habe, sodass eine fehlerhafte Zurechnung von Bestellungen ausgeschlossen werden könne. Ausführlich legte er dar, dass er von den dort enthaltenen Daten die Nummern des Online-Tickets -sog. OLT -, die Kreditkartennummern, die Buchungszeiten, die IP-Adressen, die Originalverkaufspreise der Tickets, die Namen der Reisenden, die Reisedaten, die Routen, die bei den Buchungen verwendeten E-Mail-Adressen und Anschriften jeweils über ein zentrales Datensystem, das von der Deutschen Bahn AG in Verdachtsfällen mit Daten gespeist werde, erhalten habe. Lediglich den jeweils angegebenen Namen des angeblichen Kontoinhabers habe er aus den Angaben der Reisenden übernommen. Die in der Liste genannten Konten bei der Volksbank Kiel, der Ziraat Bank und der Postbank Hamburg habe er selbst ausgewertet und die gefundenen Ergebnisse in die Tabelle übernommen. Ergänzend fügte er an, dass, soweit weder ein vermeintlicher Kontoinhaber noch ein Konto eingetragen sei, dies verschiedene Gründe haben könne: Möglicherweise seien die Daten nicht bekannt oder zuordenbar, eine andere Person als der Reisende habe die Überweisung getätigt oder der Käufer des Tickets habe den Kaufpreis nicht gezahlt.
    Nur wenn mehrere der genannten Daten sich entsprochen hätten, habe er einen Zusammenhang der Fälle hergestellt und diese in die Liste mit aufgenommen. Als Kriterien hätten die Kreditkartennummern, die Buchungszeiträume, die IP-Adressen, der angegebene Kontoinhaber und die Bankkonten, die reisenden, die Buchungs-Email-Adressen und die bei den Bestellungen angegebenen Anschriften gedient. Er habe nur die Fälle, bei denen so viele Kriterien übereinstimmten – etwa 51% oder etwa 4 oder 5 -, dass eine unstreitige Zuordnung möglich gewesen sei, in die Tabelle aufgenommen. Die Kammer hat keinen Zweifel an den ausführlichen und detaillierten Angaben der Beamten zu zweifeln. Insbesondere stehen sie in Übereinstimmung mit den Angaben der Angeklagten, vor allem mit denen des Angeklagten Emre Ates, der die Anlage I der Anklage als Grundlage und zur Veranschaulichung seiner Einlassungen herangezogen und deren Inhalt bestätigt hat. Im Übrigen bestätigte auch der Angeklagte Emre Ates, dass sein Freund Adnan Polat für seine Beteiligung einen Betrag in Höhe von 2.000 Euro erhalten habe.
  5. Die unter Ziffer III. getroffenen Feststellungen dazu, bei wem letztlich die Vermögenseinbuße in Höhe des Originalverkaufspreises der jeweiligen Tickets eingetreten ist, beruhen auf den Angaben des im Bereich der Konzernsicherheit der Deutschen Bahn AG tätigen Zeugen Schenk. Er hat ausgeführt, dass es in der Regel bei nahezu jeder missbräuchlichen Verwendung von Kreditkartendaten bei der Bestellung von Online-Tickets betreffend dieses Verfahren zu einem Rückbuchungsvorgang zu Lasten der Deutschen Bahn AG gekommen sei. Dies sei in etwa 90% der Fälle der Fall gewesen. Lediglich in wenigen Fällen, in denen der berechtigte Kreditkarteninhaber die missbräuchliche Verwendung nicht oder erst nach Ablauf einer sechsmonatigen Frist, in der ein Rückbuchungsvorgang nur möglich sei, beanstandet habe, sei es nicht zu einem solchen Vorgang gekommen. Bei dem Bestellvorgang selbst wurde nur eine Bonitätsprüfung hinsichtlich der verwendeten Kreditkartendaten durchgeführt, eine Prüfung der Berechtigung zur Verwendung oder eine sonstige Plausibilitätsprüfung erfolgt nicht. Die Kammer hat keinen Anlass, an den ausführlichen Angaben des Zeugen zu zweifeln.
  6. Dass die Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat bei den Taten Ziffern III. 1. Bis 75. Und der Angeklagte Emre Ates bei den Taten Ziffer III. 76. bis 137. mit seinem Bruder, dem Angeklagten Cem Ates mittäterschaftlich gehandelt habe, ergibt sich aus Folgendem:
    • a. Nachdem sich der Angeklagte Emre Ates bereits spätestens im Frühjahr 2012 die einzelnen Arbeitsschritte der Methode angeeignet hatte und den Angeklagten Adnan Polat in die Details eingewiesen hatte, waren sie übereingekommen, fortan gemeinsam und auf arbeitsteilige Weise nach der unter Ziffer III. festgestellten Methode vorzugehen. Sie waren beide, wie sie übereinstimmend angaben, zum 27. Juli 2012 in der Lage, Angebote bei mitfahrgelegenehti.de einzustellen, die Bestellungen der Tickets auf dem Online-Portal der Deutschen Bahn AG zu tätigen und die Tickets anschließend an die Käufer weiterzuleiten. Beide erledigten sämtliche Arbeitsschritte auch in Ausführung ihrer vorherigen Absprache zur arbeitsteiligen Begehungsweise. Lediglich die Bankkonten und die fremden Kreditkartendaten erwarb allein der Angeklagte Emre Ates in einschlägigen Internetforen. Der Angeklagte Adnan Polat reklamierte allerdings auch nicht einsetzbare Kreditkatendatensätze oder pflegte Kontakte. War der Angeklagte Emre Ates verhindert, übernahm der Angeklagte Adnan Polat sämtliche Arbeitsschritte. Dabei waren beiden Angeklagten die Aktivitäten des jeweils anderen, die dieser eigenständig am Computer ausführte, bis zum 24. Oktober 2012 recht. Auch nach dem Umzug des Angeklagten Emre Ates war der Angeklagte Adnan Polat mit dem Vorgehen seines Freundes, dem er seinen Laptop zur Verfügung stellte, in dem Wissen, dass dieser das Gerät nutzte, um weitere Taten zu begehen, einverstanden, auch wenn er nach seinem Unfall am 04. Oktober 2012 kurzfristig daran dachte, aufzuhören. Er gab selbst zu, am 05. Oktober 2012 wieder bei einer Bargeldabhebung dabei gewesen zu sein. Anschaulich beschrieb auch der Angeklagte Emre Ates, dass sein Freund froh gewesen sei, wenn er die Bestellungen abgearbeitet habe, denn dieser habe ja trotzdem einen Anteil erhalten.
      Auch bei Geldabhebungen begleitete der Angeklagte Adnan Polat seinen Freund. Auch wenn er nur in der Urlaubsabwesenheit des Angeklagten Emre Ates im Besitz der EC-Karte für das Konto bei der Ziraat Bank war und im Übrigen nur der Angeklagte Emre Ates, der die Konten auch erworben hatte, Zugriff hatte, ändert dies an der einvernehmlichen, arbeitsteiligen Begehungsweise der Computerbetrugstaten gegenüber der Deutschen Bahn AG nichts. Aus dem Taten profitierte der Angeklagte Adnan Polat im Übrigen in der Weise, dass er von seinem Freund für seine etwa drei Monate dauernde Beteiligung insgesamt einen Betrag in Höhe von 2.000 Euro erhalten hat. Weitere 2.000 Euro waren ihm versprochen worden, er erhielt dies aber nie.
      Erst als der Angeklagte Emre Ates seinem Freund auf Drängen seines Bruders wahrheitswidrig vorgab, die Karte für das Konto bei der Ziraat Bank sei eingezogen worden, endete die Zusammenarbeit.
    • b. Die Angeklagten Emre und Cem Ates begingen die taten Ziffer III. 76. bis 137. mittäterschaftlich.

      aa. Dass der Angeklagte Cem Ates auch selbst – wenn auch in seltenen Fällen und eher ergänzend – in der Zeit von 05. November 2012 bis 04. April 2013 Angebote einstellte und Bestellungen tätigte, ergibt sich aus Folgendem: Er bestritt innerhalb des Tatzeitraumes selbst Angebote auf dem Online-Portal www.mitfahrgelegenheit.de eingestellt oder Ticket-Bestellungen getätigt zu haben. Er habe hingegen in einem davorliegenden Zeitraum selbst aktiv mit dieser Methode gearbeitet. Zunächst sei er an den Aktivitäten seines Bruders beteiligt gewesen, anschließend, als er sich drei anderen zugewandt habe, mit denen er dieser Methode nachgegangen sei, hätten sie alle „fillen“ und damit Geld verdienen wollen. Zuletzt habe er während seines Türkeiaufenthalts im Sommer 2012 für einen anderen von dort aus Angebote eingestellt. Schließlich habe er, als er von der Zusammenarbeit seines Bruders mit dem Angeklagten Adnan Polat erfahren habe, ersteren gedrängt, diese zu beenden und stattdessen mit ihm weiterzumachen. Selbst Angebote eingestellt oder Bestellungen getätigt, habe er aber in dem ihm in diesem Verfahren vorgeworfenen Zeitraum nicht. Sein Bruder habe dies zwar erwartet, wenn er seine Freizeit in dessen Wohnung in Esslingen verbracht habe, er sei aber zu faul gewesen. Gleichwohl habe er einen Anteil von seinem Bruder erhalten, denn er habe ja für die von diesem gefürchteten Geldabhebungen zur Verfügung gestanden. Auch sein Bruder ließ sich dahingehend ein. Gleichzeitig gaben beide übereinstimmend aber auch an, dass der Angeklagte Cem Ates regelmäßig auf dem aktuellen Stand gewesen sei und sie sich über Strecken und Texte unterhalten hätten. Hinzu kommt der Inhalt einer Kommunikation via SMS, die die Brüder wie sie bestätigten, am frühen Morgen des 27. Januar 2013 geführt haben. Die Angeklagten bestätigten, dass es zunächst darum gegangen sei, dass der Angeklagte Cem Ates, der an diesem Abend gemeinsam mit einem anderen junge Frauen kennengelernt habe, seinen älteren Bruder mittels Kurznachrichten eindringlich darum gebeten habe, dass dieser seine Wohnung verlasse, damit er, der Angeklagte Cem Ates, sein Freund und die Frauen die Nacht dort verbringen könnten.
      Am 27. Januar 2013 um 02:11 Uhr schrieb deshalb der Angeklagte Cem Ates, wie dieser auch bestätigte, an seinen Bruder:
      „So ne gelgeneit kannst du mir nicht nehmen, denkst du treffen sich wan anders oder was, das sibd kahbas, bitte man, du kriegst die nächsten 2 zahlungen alles man bitte oder was anderes, bitte man ich tue alles du kannst mir nicht die gelgenheit nehmen man, nicht diese, steh zu deinem wort bitte, du musst Ja nich nach stgt. Einfach raus bitte, würdest du es machen wenn für dich auch eien rauspringt, bitte man bitte“. Der Angeklagte Emre Ates, der angab, dass ihm dies nicht recht gewesen sei, antwortete diesem darauf um 02:16 Uhr wie folgt:
      „Junge du raffst es wohl nicht, ich muss morgen für die Prüfung lernen und Brauch meinen Schlaf. Geht doch zu den Tussen nach Hause oder dann Check nächste Woche einfach Tussen ab, heute kannste es aber vergessen, ich Schlaf jetzt muss früh aufstehen und für Prüfung mit Freunden lernen. Im Gegensatz zu dir bin ich jetzt nur wach weil ich gearbeitet und nicht wie du Feiern gehe. Die nächsten 2 Zahlungen werd sowieso ich nehmen weil ich nur arbeite und du eigtl heute den ganzen Tag arbeiten wolltest du spaßt! Schreib mir jetzt Auch nicht weiter und vergiss es einfach! Ich Brauch nichts von dir!“.
      Die Brüder bestätigten zwar den Inhalt der Kurznachrichten, bestritten aber nach wie vor, dass der Angeklagte Cem Ates selbst Angebote einstellte und Bestellungen tätigte. Diese Kommunikation der Brüder legt zwar nahe, dass der Angeklagte Cem Ates am 26. Januar 2013 weder Angebote eingestellt noch Ticket-Bestellungen vorgenommen hat. Gleichwohl ergibt sich aus dem Inhalt der Nachrichten, dass sie sich über die konkrete Ausgestaltung einer zwischen ihnen geltenden Vereinbarung über die Arbeitsteilung und gerechte Verteilung der Einnahmen austauschten. Der Angeklagte Emre Ates machte seinem Bruder dabei gerade den Vorwurf, dass er nicht den ganzen Tag gearbeitete habe, obwohl er dies angekündigt habe. Dass es sich dabei lediglich um die stets erfolglose Aufforderung des älteren gegenüber dem jüngeren Bruder gehandelt habe, wie dies von dem Angeklagten Cem Ates vorgebracht wurde, ergibt sich daraus gerade nicht. Vielmehr belegt diese Kommunikation, dass zwischen den Brüdern eine Vereinbarung bestand, aus der sich für beide ergab, wer von ihnen zu welchem Zeitpunkt in welchem Umfang nach der beiden bekannten Methode arbeiten und wie die Aufteilung des Verkaufserlöses erfolgen sollte. Aus der Kommunikation ergibt sich gerade, dass eine arbeitsteilige Vorgehensweise und gleichmäßige Einnahmenverteilung an sich vereinbart war. Dass es sich bei der „Arbeit“, die der Angeklagte Cem Ates an diesem Tag nicht erledigt habe, wie sein Bruder ihm vorwarf, nur um Geldabhebungen gehandelt haben könnte, ergibt sich daraus ebenso wenig, obgleich der Angeklagte Cem Ates den Inhalt der Nachricht damit zu erklären versuchte. Insbesondere erfolgten die Abhebungen, wie der Angeklagte Emre Ates selbst darlegte, regelmäßig nur in den Abend- bzw. Nachtstunden, nicht während eines ganzen Tages. Im Übrigen wurde auch der Laptop, den der Angeklagte Cem Ates von seinem Vater erhalten und bald seinem älteren Bruder der das Gerät mit den zur Durchführung sämtlicher Arbeitsschritte erforderlichen Programmen, ausgestattet hatte, nach der Festnahme der Brüder im Jugendzimmer des Angeklagten Cem Ates in der elterlichen Wohnung in Stuttgart sichergestellt.

      bb. Bei den Taten Ziffer III. 76. bis 137. Wirkten die Angeklagten Emre und Cem Ates mittäterschaftlich zusammen. Wenn auch der Angeklagte Emre Ates in dieser Zeit weit überwiegend die Aufgaben des Einstellens von Angeboten und Bestellens der Online-tickets übernommen hat, während der Angeklagte Cem Ates selten und nur ergänzend diese Aufgaben übernahm, hat doch der Angeklagte Cem Ates im Einvernehmen mit seinem Bruder überwiegend die von diesem gefürchteten Geldabhebungen vorgenommen und damit einen wichtigen Beitrag geleistet. Dies war dem Angeklagten Emre Ates gerade recht. Nur auf diese Weise gelangten sie an den Erlös aus dem Verkauf der Tickets. Der Angeklagte Emre Ates fürchtete sich aber, musste er hierfür die Anonymität des Internets verlassen, wenn der risikoreichste Teil der Taten, die Bargeldabhebung am häufig videoüberwachten Geldausgabeautomaten, zu erledigen war. Im Übrigen waren beide Angeklagte stets auf dem Laufenden über die Vorgänge, verständigten sich über Texte und Strecken. Beide waren nach ihren Angaben bereits von dem hier relevanten Tatzeitraum in die Methode verstrickt und kannten sich mit den einzelnen Arbeitsschritten bestens aus. Nachdem der Angeklagte Adnan Polat auf Betreiben des Angeklagten Cem Ates unter einem Vorwand aus der Zusammenarbeit entlassen worden war und sein Laptop zurückgefordert hatte, stellte der Angeklagte Cem Ates den von seinem Vater für ihn angeschafften Laptop seinem älteren Bruder alsbald zur Verfügung, der im Einvernehmen mit dem Angeklagten Cem Ates diesen mit allen für die Durchführung der einzelnen Arbeitsschritte erforderlichen Programme ausstattete. Auch das von dem Angeklagten Cem Ates bereits früher erstellte Formular verwendeten sie, um die Vorgänge effizienter zu machen. Wenn auch in dieser Tatphase, lediglich der Angeklagte Emre Ates im dauerhaften Besitz der EC-Karten war, ändert dies an der Bewertung nichts. Der Angeklagte Cem Ates, der in der Regel 250 EUR wöchentlich von seinem Bruder erhielt, aber auch Geldforderungen stellte, profitierte erheblich während des fünf Monate dauernden Zeitraums seiner Beteiligung.“

Gleich war es soweit – ein Jahr hatte ich auf diesen Moment gewartet. Doch meine Geduld würde wohl nicht belohnt werden. Ich realisierte erst jetzt: Wenn dieses Verfahren abgeschlossen war, erwarteten mich noch andere Ermittlungsverfahren. Die von mir vor Juli 2012 begangenen Taten wurden hier nämlich völlig außer Acht gelassen, doch ich war mir sicher, dass mich das noch einholen würde. Ebenso lief eine weitere Ermittlung gegen meinen Bruder und den Jungs „Flippi“ und „dark“, mit denen er etwas gerissen hatte.

Würde ich mich nun weiter gedulden müssen? War das Urteil hier erst der Anfang?

#48 – Mein Urteil: Einleitung und persönliche Verhältnisse – Teil 1/3

Unsere Anwälte waren mit ihren Plädoyers an der Reihe.

Meine Anwältin machte den Anfang. Sie ging vor allem darauf ein, dass ich frühzeitig ein vollständiges Geständnis abgegeben hatte, die Ermittlungen somit vorangebracht und vor allem das TrueCrypt-Passwort genannt hatte. Sie erzählte auch von meinem Ziel, ein neues Studium aufzunehmen. Ein Strafmaß von 3 Jahren hielt meine Anwältin für angemessen. So würde ich die Möglichkeit haben, nach dem Sommer ein Studium im offenen Vollzug aufzunehmen. Ich war noch immer schockiert von den Forderungen der Staatsanwältin. Eigentlich hatte ich gehofft, dass sogar selbst ich auf Bewährung rauskommen würde. Cems Anwalt ging auf das junge Alter ein. Besondere Erwähnung fand der Fakt, dass Cem die mittlere Reife nachholen wolle. Cem, so sein Anwalt, sollte die bisherige Haftzeit genügt haben und somit sogar ohne Bewährung entlassen werden. Adnans Anwalt ging auf das erfolgreiche Studium von ihm ein, dass er nur zeitlich begrenzt mitgewirkt hatte, dass ich ihn überredet hatte mitzumachen, und allen voran das Geständnis von ihm, dass die Ermittlungen erheblich beschleunigt hatte. Er beantragte eine Geldstrafe.

Nach den Plädoyers teilte uns die Richterin noch mit, dass wir nicht als Bande verurteilt werden würden, und dass sie die etwa 800 Fälle auf 137 Fälle zusammengefasst hatten. Sie fragte noch, ob wir etwas Letztes sagen wollten, bevor das Urteil verkündet werden würde. Doch auch, wenn ich froh darüber war, dass wir nicht als Bande verurteilt werden würden, gingen mir die von meiner Anwältin genehmigten 3 Jahre bis hin zu den geforderten 4 Jahren Haftstrafe nicht aus dem Kopf. Ich musste mir eingestehen, dass ich tatsächlich gehofft hatte, heute Abend daheim zu essen – zusammen mit meiner Familie. Da war ich wohl zu optimistisch gewesen: „Es tut mir leid, was ich getan habe. Ich entschuldige mich bei allen Geschädigten.“

Mit diesen letzten Worten meinerseits wurden wir in die Mittagspause geschickt.

Cem und ich waren gemeinsam in einer Wartezelle, beide perplex und aufgewühlt. „Keine Sorge, Cem. Du kommst auf alle Fälle raus!“ Ich musste zugeben, dass ich selbst nicht dran glaubte. Trotzdem wollte ich noch hoffen. „Hör auf! Sag sowas nicht! Sei einfach leise.“ Meinem Bruder war wohl endlich der Ernst der Lage bewusst geworden. Ich spürte seine Anspannung. Doch ich versuchte, weiterhin optimistisch zu sein: „Das passt schon so. Ich beginne einfach nächstes Semester im offenen Vollzug mein Studium, das ist das Wichtigste für mich. Und Du kommst hundert pro raus, dann lässt Du erstmal die Sau raus und kannst dann mit der Realschule beginnen.“ Ich träumte vor mich hin und teilte mein Wunschdenken meinem Bruder mit, der so gar nicht begeistert von meinem Optimismus war. Als nach einer gefühlten halben Ewigkeit die Tür aufging und mein Herz zu rasen begann, wollte ich Cem noch ein letztes Mal alles Gute wünschen: „Cem, Du wirst rauskommen! Ich glaube fest daran! Aber bitte vergiss nicht, mich zu besuchen! Komm jede Woche – Du weißt, wie sehr man sich über Besuch freut. Du musst mir erzählen, was sich draußen verändert hat, einfach alles! Und erzähl mir, wie es sich anfühlt, frei zu sein!“ Mit diesen letzten Worten gingen wir in den Gerichtssaal, für ein allerletztes Mal. Cem war so angespannt, dass er auf meine letzten Worte nur mit der Andeutung eines Grinsens antwortete. Abermals glitten meine Blicke über meine angespannte Familie hinweg. Ich atmete tief ein: „Emre – Alles, was zählt, ist das Studium. Bei 3 Jahren Strafmaß bist Du deinem Traum zum Greifen nah!“ So, oder zumindest so ähnlich redete ich mir nochmals meinen Optimismus ein und versuchte, mich irgendwie zu entspannen. Selbst, wenn ich dies geschafft hätte, wäre der kleinste Funke von Entspannung sofort verflogen, sobald die Richter und Schöffen den Saal betraten und wir aufstanden – meinen Körper fühlte ich nicht mehr, ich war in einem Tunnelblick und schenkte der Richterin mein Gehör. Sie begann, das Urteil vorzulesen.

Sie leitete es mit folgenden Worten ein.

Einleitung

In der Zeit vom 27. Juli 2012 bis 24. Oktober 2012 schlossen sich die befreundeten Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat zusammen, um aufgrund gemeinsamen Tatplanes auf arbeitsteilige Weise eine Vielzahl gleichartiger Computerbetrugstaten zu begehen. Unter einem Vorwand boten sie auf der Internetplattform www.mitfahrgelegenheit.de hochwertige Online-Bahntickets zu einem im Vergleich zum Originalpreis erheblich geringeren Preis – in der Regel 40 Euro pro Person und Fahrt – zum Verkauf an. Meldete sich ein Kaufinteressent, der die für die Bestellung erforderlichen Daten übermittelte, buchten sie in Ausführung ihres Tatplanes auf dem Online-Portal der Deutschen Bahn AG unter Verschleierung ihrer Identität die Tickets zum Original-Verkaufspreis. Für die jeweiligen Bezahlvorgänge bedienten sie sich, wie unter ihnen verabredet, Kreditkartendaten, die den berechtigten Karteninhabern auf nicht näher ermittelte Weise abhanden gekommen waren und die der Angeklagte Emre Ates zum Preis von etwa fünf bis zehn Euro pro Kreditkartendatensatz von bisher nicht näher bekannten Personen in einschlägigen Foren im Internet gekauft hatte. Nach Erhalt der Online-Tickets via E-Mail verschickten sie diese ebenfalls per E-Mail weiter an den jeweiligen Käufer, der den geforderten Kaufpreis auf ein eigens zu diesem Zweck erworbenes Konto – zunächst bei der Volksbank Kiel, dann auf ein Konto bei der Ziraat Bank – zu überweisen hatte. Die Konten bei der Volksbank Kiel eröffnet auf den Namen „Max Zierke“, und bei der Ziraat Bank, eröffnet auf die Falschpersonalien „Christopher Blake“ hatte der Angeklagte Emre Ates zu­vor ebenfalls von bisher nicht ermittelten Personen über einschlägige Foren im Internet gekauft. So begingen die Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat in dieser Zeit 75 Computerbetrugstaten, denen eine weitaus höhere Zahl an Bestellungen gegenüber der Deutschen Bahn AG zugrundeliegt.

Nach der gleichen Methode begingen der Angeklagte Emre Ates und sein jüngerer Bruder, der Angeklagte Cem Ates, ab dem 05. November 2012 bis zum 04. April 2013 weitere 52 Computerbetrugstaten, denen ebenfalls eine weitaus höhere Zahl an Bestellungen gegenüber der Deutschen Bahn AG zugrundeliegt. In dieser Zeit hatten die Käufer den jeweiligen Kaufpreis zunächst weiterhin auf das Konto bei der Ziraat Bank zu überweisen. Anschließend, nach dem dieses von der Staatsanwaltschaft Hamburg geschlossen worden war, hatten die Käufer vorübergehend mittels Paysafe-Karten den Kaufpreis zu zahlen, da den beiden angeklagten vorübergehend kein Konto zur Verfügung gestanden hatte. Schließlich erwarb der Angeklagte Emre Ates ein weiteres, auf die Falschpersonalien „Enrico Monti“ eröffnetes Konto bei der Postbank Hamburg, auf das die Reisenden fortan den jeweiligen Kaufpreis zu zahlen hatten.

Der durch die den Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat zuzurechnenden Taten 1. bis 75. entstandene Schaden beträgt 54.037,90 Euro. Durch die den Angeklagten Emre Ates und Cem Ates zuzurechnenden Taten 76. bis 137. entstand ein Schaden in Höhe von 67.970,10 Euro. Durch die taten 1. bis 137. entstand somit ein Gesamtschaden von insgesamt 122.008 Euro der in erster Linie bei der Deutschen Bahn AG angefallen ist, wobei in einzelnen wenigen, nicht näher konkretisierbaren Fällen die berechtigten Inhaber der unbefugt verwendeten Kreditkartendatensätze wegen nicht durchgeführter Rückabwicklung den finanziellen Nachteil erlitten haben, der dem Originalpreis des Tickets entspricht.

Die persönlichen Verhältnisse

    1. Der heute 23 Jahre alte Angeklagte Emre Ates wurde am 01. Dezember 1990 in Niedernhall geboren. Gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester, seinem jüngeren Bruder, dem jüngeren Bruder, dem Angeklagten Cem Ates, und seiner heute fünfjährigen Schwester wuchs er im Haushalt der Eltern in Stuttgart auf. Diese stammen aus der Türkei. Sie leben bereits seit Ende der 1980er Jahre im Bundesgebiet. Zunächst hatte der Angeklagte Emre Ates sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft inne, nun nur noch die türkische. Der Vater der beiden Angeklagten arbeitet seit vielen Jahren bei der Daimler AG und nebenbei als Kaufhausdetektiv. Außerdem erzielte er Einkünfte aus der Vermietung mehrerer Eigentumswohnungen. Die Mutter der Angeklagten ist Hausfrau. In der Familie wird deutsch und türkisch gesprochen. Die Kinder bevorzugen die deutsche Sprache, die Eltern die türkische. Der Angeklagte wurde altersentsprechend eingeschult, besuchte die Grundschule und wechselte anschließend gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester an die Realschule. Schulischer Erfolg war ihm von Anfang an wichtig. Früh besuchte er auch regelmäßig die Moschee. Um sein Taschengeld aufzubessern, begann er bald aus eigenem Antrieb, Zeitungen auszutragen, in der siebten Klasse entdeckte der Angeklagte Emre Ates durch ein Schulprojekt erstmals sein Interesse für Computer. Am Ende des achten Schuljahres war der Angeklagte versetzungsgefährdet. Die familiäre Situation war in dieser Zeit angespannt: Die Beziehung der Eltern war belastet, von Scheidung war die Rede. Zu einer endgültigen Trennung kam es jedoch nicht. Dennoch litten die Geschwister unter der Situation. In dieser Zeit sah sich der Angeklagte Emre Ates auch verantwortlich für seinen jüngeren Bruder Cem Ates, den er rückblickend als „Rebellkind“ bezeichnet. Als der Angeklagte Emre Ates 16 Jahre alt war, arbeitete er in seiner Freizeit auf 400-Euro-Basis in einem Supermarkt. In dieser Zeit kam er erstmal in Kontakt mit Online-Sportwetten und erhoffte sich bald, auf dieser Weise große Gewinne erzielen zu können.

      In der zehnten Klasse verbesserten sich die schulischen Leistungen des Angeklagten wieder. Er erreichte die mittlere Reife mit einem Notendurchschnitt von 2,3. Gleichwohl hatte er sich mehr erhofft.

      Anschließend wechselte er an ein technisches Gymnasium, um – was sich seine Eltern immer für die Kinder erhofft hatten – die Hochschulreife zu erlangen. In dieser Zeit hatte der Angeklagte bereits erste Schulden durch Sportwetten angehäuft. Auf Druck seines Vaters, der sich wegen der finanziellen Schwierigkeiten seines Sohnes sorgte und diesen stets zum Sparen aufforderte, nahm der Angeklagte immer wieder Nebentätigkeiten an.

      In der zwölften Klasse investierte der Angeklagte den durch die Nebentätigkeiten erlangten Lohn bereits regelmäßig in Online-Sportwetten. Sein Ziel war es, das Sportwetten-System zu überlisten, um höchstmöglichen finanziellen Profit daraus zu schlagen. Allmählich reifte in ihm zur Umsetzung seines Zieles eine Geschäftsidee. Gleichzeitig häufte er mehr und mehr Schulden an, für die in der Regel sein Vater aufkam. Schließlich brachte der Angeklagte andere dazu, mehrere tausend Euro in seine Geschäftsidee zu investiere. Sein Vorhaben blieb aber erfolglos. Stattdessen hatte er Schulden in Höhe von etwa 15.000 Euro angehäuft. Sein Vater kam auch für diese auf.

      Im Sommer 2010 hatte der Angeklagte mit mäßigem Erfolg das Abitur erreicht: Sein Notendurchschnitt betrug 3,3.

      Im Wintersemester 2010/2011 begann der Angeklagte Emre Ates an der Universität Stuttgart ein Informatik-Studium. Allerdings fiel es ihm schwer, sich einzuleben und Freunde unter seinen Kommilitonen zu finden. Er zog sich zurück und verbrachte seine Freizeit zunehmend mit seinem jüngeren Bruder Cem. Gleichzeitig beneidete er seine Zwillingsschwester, die ein Architekturstudium aufgenommen hatte, sich rasch an den Universitätsalltag gewöhnt und Freunde gefunden hatte.

      Im April 2011 nahm der Angeklagte eine Nebentätigkeit in einem Kino auf und kam so in Kontakt mit Gleichaltrigen. Fortan verbrachte er zunehmend mit diesen seine Freizeit, woran er bald Gefallen fand. Im November 2011 beendete er die Nebentätigkeit aber wieder, da er sich damit – neben seinem Studium – überfordert fühlte. Auch seine Eltern sahen in der Nebentätigkeit ihres Sohnes den Grund für die sich allmählich häufenden Schwierigkeiten im Studium: Der Angeklagte hatte Schwierigkeiten, den Kursen inhaltlich zu folgen und nach wie vor kaum Kontakt zu Kommilitonen. So verlor er zunehmend das Interesse ­an seinem Studium und besuchte nur noch selten die Kurse. Zum Ende des Wintersemesters 2011/2012 beendete er sein Studium schließlich.

      Am 20. Oktober 2011 stand der Angeklagte erstmals vor Gericht. Das Amtsgericht Stuttgart sprach ihn wegen zwei Fällen des Computerbetruges im besonders schweren Fall schuldig und verhängte einen Freizeitarrest gegen ihn. Außerdem wies es ihn an, 80 Arbeitsstunden abzuleisten und seine Teilnahme an der Selbsthilfegruppe Spielabhängiger fortzusetzen.

      Dem Urteil liegt Folgendes zugrunde:

      Der Angeklagte nahm am 24. August 2011 per Internet Leistungen der Deutschen Telekom AG/TCOM, Geschäftseinheit T-Online im Wert von 1.941,79 Euro in Anspruch, für deren Bezahlung er ein Clickandbuy-Konto angab. Dieses Clickandbuy-Konto hatte er unter Angabe seines richtigen Namens, eines falschen Geburtsdatums, der mit Ausnahme der Hausnummer richtigen Adresse und Angabe des Namens und der Kontoverbindung des Anzeigeerstatters angelegt. Er handelte dabei in der Absicht, die in Anspruch genommenen Leistungen nicht zu bezahlen. Der Kontoinhaber widerrief die Abbuchung vom 24. August 2011 in Höhe von 1.941,79 Euro von seinem Konto durch die Clickandbuy-KontoInternational Ldt., Lincols House, 137-143 Hammersmith Road, London, W140QL, GB. Somit entstand ein Schaden in entsprechender Höhe zum Nachteil der Clickandbuy bzw. der Deutschen Telekom AG.

      Der Angeklagte bestellte im Januar 2011 per Internet bei der Deutschen Telekom AG, t-online.de Shop, T-Online-Allee 1, 64295 Darmstadt, ein Apple MacBook Pro i5, einen Acer Photo Frame und einen Acer LED-Bildschirm im Gesamtwert von 1.892,90 Euro inklusive Versandkosten. Er zahlte über das Unternehmen Clickandbuy International Ldt., Lincols House, 137-143 Hammersmith Road, London, GB, und gab hierfür unberechtigt die Bankverbindung eines anderen sowie eine fiktive Adresse an, in der Absicht, die Waren nicht zu bezahlen. Die Waren wurden am 12. Januar 2011 per DHL an den Angeklagten ausgeliefert. Die Abbuchung von Clickandbuy wurde durch den Kontoinhaber storniert. Es entstand ein Schaden in Höhe von 1.907,90 Euro (inklusive Rücklastschriftgebühren) zum Nachteil der Clickandbuy International Ltd.

      Der Angeklagte handelte bei beiden Taten jeweils in der Absicht, sich durch wiederholte Tatbegehungen eine nicht nur vorübergehende Einnahmequelle von einigem Umfang und einiger Dauer zu verschaffen und eigene Aufwendungen hierdurch zu ersparen.

      Der Freizeitarrest wurde am 07. Und 08. Januar 2012 gegen den Angeklagten vollstreckt. Die Arbeitsstunden hat er erledigt. Beratungsgespräche bei der Selbsthilfegruppe Spielabhängiger nahm er im Laufe des Jahres 2012 aber­ nur schleppend und wenige wahr. Nach mehreren Ermahnungen nahm er im März 2013 noch an zwei Terminen teil, den für Ende April 2013 vereinbarten Termin konnte er aber wegen seiner Inhaftierung im vorliegenden Verfahren nicht mehr wahrnehmen. Am 09. Juli 2013 hob deshalb das Amtsgericht Stuttgart die Weisung zur Fortsetzung der Teilnahme an der Selbsthilfegruppe Spielabhängiger aus dem Beschluss vom 20. Oktober 2011 auf. Das Urteil vom 20. Oktober 2011 ist damit erledigt.

      Danach schloss der Angeklagte zwar noch gelegentlich Online-Sportwetten ab. Exzessiv spielte er jedoch nicht.

      Spätestens im Frühjahr 2012 stieß der Angeklagte im Internet auf das den Taten der vorliegenden Verurteilung zugrundeliegende Geschäftsmodell.

      Ab März 2012 half der Angeklagte seinem Vater bei der Renovierung einer Eigentumswohnung, auch weil er sich diesem verpflichtet fühlte, da dieser seine Schulden beglichen hatte.

      Mit Strafbefehl vom 08. Mai 2012 verurteilte das Amtsgericht Böblingen den Angeklagten wegen Betruges zu der Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 15 Euro. Diese Verurteilung ist erledigt.
      Dem Strafbefehl liegt Folgendes zugrunde:

      Am 13.01.2012 verkaufte Emre Ates unter den Falschpersonalien „Mark Messerschmied“ unter Vortäuschung seiner Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit an einen anderen über eine Kleinanzeige Ebay ein Macbook Pro 15 zum Preis von 700 Euro. Gemäß der Vereinbarung überwies der Käufer den Betrag auf sein Konto am 14.01.2012, wo der Betrag auch gutgeschrieben wurde. Entsprechend seiner vorgefassten Absicht lieferte er die im Vertrauen auf seine Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit bezahlte Ware nicht. Dem Käufer entstand hierdurch ein entsprechender Schaden. Erst nachdem der Geschädigte Anzeige erstattet hatte, überwies der Angeklagte im März 2012 750 Euro an diesen.

      Nachdem sein Bruder Cem am 10. Juli 2013 zu einem längeren Urlaubsaufenthalt bei Verwandten in die Türkei aufgebrochen war, verbrachte der Angeklagte Emre Ates den Sommer alleine mit seinem Vater in Stuttgart, nachdem auch seine Mutter und die jüngere Schwester dem Bruder in die Türkei gefolgt waren und die Zwillingsschwester ausgezogen war. Vater und Sohn fanden – nachdem das Verhältnis zwischen ihnen wegen der stets schlechten finanziellen Situation des Angeklagten angespannt gewesen war – wieder mehr zueinander.

      Am 17. Juli 2012 begann der Angeklagte eine Ferientätigkeit bei der Daimler AG. Er arbeitete im Bereich der Produktion in Schichtbetrieb. Es handelte sich um eine Akkordtätigkeit.

      In dieser Zeit von 27. Juli 2012 bis 04. April 2013 beging der Angeklagte Emre Ates die dem Urteil zugrundeliegenden Taten.

      Am 22. August 2012 fand im Elternhaus eine Durchsuchung durch Kräfte der Bundespolizei Kassel wegen gleichartiger Tatvorwürfe im Rahmen eines weiteren unter anderem gegen die Brüder Ates geführten Ermittlungsverfahrens statt. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn wurde dadurch erneut belastet.

      Am 07. September 2012 endete die Ferientätigkeit des Angeklagten. Am 10. September 2012 reiste er – wie schon zuvor seine Mutter und die beiden Geschwister – in die Türkei. Der Urlaubsaufenthalt dauerte bis 24. September an.

      Nach seiner Rückkehr nahm der Angeklagte erneut ein Informatik-Studium – nun an der Hochschule Esslingen – auf. Gegen den Willen des Vaters zog der Angeklagte in der Zeit von 01. Bis 15. Oktober 2012 in eine Wohnung in Esslingen, für die er fortan 400 Euro Miete zu zahlen hatte. Sein Vater lehnte jede weitere finanzielle Unterstützung ab. Ein Auto stellte er ihm aber noch zur Verfügung.

      Nur für wenige Tage hatte der Angeklagte die Kurse an der Hochschule besucht. Nachdem es Schwierigkeiten bei der Bewilligung von Bafög gab und sich der Angeklagte sehr um seine finanzielle Situation sorgte, nahm er schließlich ein Angebot der Daimler AG für ein Langzeitpraktikum, das am 15. Oktober 2012 begann, auf. Er versuchte das erste Semester auf diesem Wege als Praxissemester anzuerkennen. Fortan arbeitete er Vollzeit und erhielt monatlich einen Bruttobetrag von 750 Euro, was zu einem Praktikantengehalt von 400 Euro netto führte. Außerdem war ihm ein Studienkredit bewilligt worden, sodass ihm ein weiterer Betrag von monatlich 650 Euro zur Verfügung stand.

      Allmählich geriet er mit seiner Miete in Rückstand, da es ihm nicht gelang, mit den ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln zurecht zu kommen. Der Angeklagte vermisste in dieser Zeit den persönlichen Kontakt zu seiner Familie. Es fiel ihm erneut schwer, Kontakte im Kollegenkreis zu knüpfen.

      Zum 15. Januar 2013 beendete er das Praktikum bei der Daimler AG. Bald fand er Kontakt zu einer Lerngruppe an der Hochschule und nahm motiviert das Studium auf. Es gelang ihm aber nicht mehr, zu den Prüfungen im Januar 2013 zugelassen zu werden, dennoch setzte er sein Studium fort. Anträge auf Bewilligung von BAföG, die er gestellt hatte, wurden in dieser Zeit abgelehnt. Gleichzeitig bemühte er sich erfolglos um eine Nebentätigkeit.

      Am 05. April 2013 wurde der Angeklagte gemeinsam mit seinem Bruder vorläufig festgenommen. Er befindet sich seit diesem Tag zunächst aufgrund Haftbefehls des Amtsgerichts Esslingen vom selben Tag, seit 17. September 2013 auch aufgrund des erweiterten Haftbefehls desselben Gerichts vom 12. September 2013 ununterbrochen in Untersuchungshaft. Am 16. Dezember 2013 erließ die Kammer Haftbefehl gegen den Angeklagten im Umfang der Anklage und setzte diesen in Vollzug.

      Die Familie des Angeklagten steht auch in der Haft zu ihm. Seit Sommer 2013 arbeitet er in der Haft als Reiniger.

      Weitere gegen den Angeklagten gerichtete Ermittlungsverfahren mit gleichgelagerten Vorwürfen sind bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart anhängig.

    2. Der heute 19 Jahre alte Angeklagte Cem Ates wurde am 14. Februar 1995 in Niedernhall geboren. Er ist sowohl türkischer als auch deutscher Staatsangehöriger. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder, dem Angeklagten Emre Ates und den weiteren Geschwistern wuchs er bei den Eltern auf. Nach dem Besuch des Kindergartens wurde der Angeklagte altersentsprechend eingeschult. Er besuchte die Grundschule und wechselte anschließend auf die Hauptschule. Im Jahre 2011 erreichte er den Hauptschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 3,0. Im Anschluss daran besucht er bis Sommer 2012 ein Berufseinstiegsjahr. Da er sich unterfordert fühlte und schließlich mit Hilfe seines älteren Bruders einen Schulplatz an einer Werkrealschule fand, die er von Herbst 2012 an besuchen wollte, um seine mittlere Reife zu erreichen, brach er das Berufseinstiegsjahr noch vor Beginn der Sommerferien ab und reiste am 10. Juli 2012 in die Türkei zu seinen Verwandten. Die familiäre Situation empfand der Angeklagte in dieser Zeit als angespannt. Das Verhältnis des Angeklagten zu seinen Eltern, die sehr viel Wert auf die Schul- und Berufsausbildung ihrer Kinder legen, beschreibt der Angeklagte, der sich stets dem Vergleich mit seinen älteren Geschwistern stellen musste, bis heute als belastet. Seinen Vater erlebte er als streng. Taschengeld erhielt er von seiner Mutter. Der Angeklagte kehrte erst am 13. September 2012 nach Deutschland zurück. Das neue Schuljahr hatte bereits begonnen. Er besuchte fortan nur unregelmäßig den Unterricht der Werkrealschule. Bald häuften sich seine Fehlzeiten. Seine schulischen Leistungen verschlechterten sich.Wegen hin und wieder auftretender Stimmungsschwankungen nahm der Angeklagte auf Betreiben seiner Mutter, die sich um ihren Sohn sorgte, einen Termin bei einem Psychologen wahr, weitere Beratungsgespräche lehnte der Angeklagte jedoch ab.

      In dieser Zeit ging er gerne mit seinen Freunden aus, konsumierte mit diesen Alkohol und besuchte Diskotheken. Nachdem sein Bruder Emre nach Esslingen gezogen war, verbrachte er auch dort häufig seine Freizeit. Dem erzieherischen Einfluss seiner Eltern war er weitgehend entglitten.

      In der Zeit von 05. November 2012 bis 04. April 2013 beging der Angeklagte die seiner Verurteilung zugrundeliegenden Taten.

      Der Angeklagte wurde am 05. April 2013 gemeinsam mit seinem Bruder vorläufig festgenommen. Er befand sich seit diesem Tag zunächst aufgrund Haftbefehls des Amtsgerichts Esslingen vom selben Tag, seit 17. September 2013 auch aufgrund des erweiterten Haftbefehls desselben Gerichts vom 12. September 2013 ununterbrochen in Untersuchungshaft. Am 16. Dezember 2013 erließ die Kammer Haftbefehl gegen den Angeklagten im Umfang der Anklage und setzte diesen in Vollzug.

      In der Haftzeit half der Angeklagte hin und wieder den Reinigern und lernte für die mittlere Reife. Seine Familie stand zu ihm und besuchte ihn regelmäßig.

      Am 08. April 2014 hob die Kammer den Haftbefehl gegen den Angeklagten Cem Ates.

      Der Angeklagte hat weiterhin vor, die Schule zu besuchen und die mittlere Reife zu erreichen. Gegebenenfalls möchte er anschließend eine Ausbildung absolvieren oder Wirtschaftsinformatik studieren.

      Strafrechtlich ist der Angeklagte bisher nicht in Erscheinung getreten. Weitere Ermittlungsverfahren mit gleichgelagerten Vorwürfen sind bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart anhängig.

    3. Der heute 21 Jahre alte Angeklagte Adnan Polat wurde am 08.08.1992 in Niedernhall geboren. Er ist türkischer Staatsangehöriger. Der Angeklagte wuchs als jüngstes von sieben Kindern im Haushalt der Eltern in Niedernhall auf. Der Vater des Angeklagten ist Rentner, arbeitet aber noch als Hausmeister. Die Mutter des Angeklagten ist Hausfrau. Der Angeklagte wurde nach dem Besuch des Kindergartens altersentsprechend eingeschult, besuchte die örtliche Grundschule und anschließend die Hauptschule, die er im Jahr 2007 mit dem Hauptschulabschluss beendete. Im Anschluss daran absolvierte er die zweijährige Berufsfachschule, die er im Jahr 2009 mit der mittleren Reife abschloss. Im September desselben Jahres begann er eine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann. Am 12. Juli 2012 beendete er diese regulär, allerdings mit mäßigem Erfolg. In der Zeit von 27. Juli bis 24. Oktober 2012 beging der Angeklagte die seiner Verurteilung zugrundeliegenden Taten. Ab dem Schuljahr 2012/2013 besuchte der Angeklagte das einjährige Berufskolleg mit dem Ziel, die Fachhochschulreife zu erreichen. Dies gelang ihm im Juli 2013 mit einem Notendurchschnitt von 2,6.Am 06. August 2013 wurde der Angeklagte vorläufig festgenommen, nachdem er an diesem Tag von einem Kuraufenthalt zurückgekehrt war. Am 07. August 2013 erließ das Amtsgericht Stuttgart, nachdem sich der Angeklagte gegenüber Beamten der Bundespolizei zur Sache eingelassen hatte, Haftbefehl gegen ihn und setzte diesen in Vollzug. Der Haftbefehl erging zwar unter dem bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart bis heute anhängigen Ermittlungsverfahren mit dem Aktenzeichen 171 Js XXXXX/12. Ihm liegen jedoch die in diesem Verfahren zur Aburteilung gekommen Vorwürfe zu Grunde.

      Auf die Beschwerde des Angeklagten vom 08. August 2013 setzte das Landgericht am 14. August 2013 den Haftbefehl gegen Auflagen und Weisungen außer Vollzug. Am selben Tag wurde der Angeklagte aus der Untersuchungshaft entlassen.

      Am 18. März 2014 hob das Amtsgericht Stuttgart auf Antrag der Staatsanwaltschaft den Haftbefehl vom 07. August 2013 auf.

      Seit Oktober 2013 studiert der Angeklagte an der Hochschule für Medien in Stuttgart. Er belegt den Studiengang „Wirtschaftsinformatik und digitale Medien“. Derzeit ist er im zweiten Semester. Er erhält monatliche BAföG-Leistungen in Höhe von etwa 400 Euro. Schulden hat der Angeklagte nicht. Für die Zukunft hat er fest vor, sein Studium erfolgreich zu beenden.

      Als einziges der sieben Kinder lebt der Angeklagte nach wie vor im Elternhaus. Pläne, auszuziehen und einen eigenen Haushalt zu gründen, hat er nicht. Als jüngstes Kind fühlt er sich seinen gesundheitlich angeschlagenen Eltern gegenüber verantwortlich. Das Verhältnis zu ihnen beschreibt er als sehr gut.

      Strafrechtlich ist der Angeklagte bisher nicht in Erscheinung getreten.“

    Mein Körper schwitzte in seiner Gesamtheit. Tausende Bilder schossen mir vor das geistige Auge, als die hauptvorsitzende Richterin von meinem Leben erzählte. Mir wurde dabei so heiß im Gesicht – ich lief so rot an wie wahrscheinlich noch nie zuvor. Doch vor allem bereitete mir eine Sache die meisten Sorgen: Meinen Mithäftlingen hatte ich bisher immer mitgeteilt, dass ich Ersttäter war.

    Ich hatte gelogen, und nun wurde ich mit meiner Lüge konfrontiert.

    Das Schlimmste daran war, dass ich sogar angefangen hatte, an meine eigene Lüge zu glauben – Ich war förmlich schockiert, als die Richterin von meinen Vorstrafen berichtete. Ob die zwei Vorstrafen sich stark auf mein Strafmaß auswirken würden? War die Forderung der Staatsanwältin mit den 4 Jahren doch berechtigt?

    Ich fürchtete, ja.

Auf diesem Blog berichte ich über meine Haftzeit als verurteilter Cyberkrimineller…