#48 – Mein Urteil: Einleitung und persönliche Verhältnisse – Teil 1/4

Unsere Anwälte waren mit ihren Plädoyers an der Reihe.

Meine Anwältin machte den Anfang. Sie ging vor allem darauf ein, dass ich frühzeitig ein vollständiges Geständnis abgegeben hatte, die Ermittlungen somit vorangebracht und vor allem das TrueCrypt-Passwort genannt hatte. Sie erzählte auch von meinem Ziel, ein neues Studium aufzunehmen. Ein Strafmaß von 3 Jahren hielt meine Anwältin für angemessen. So würde ich die Möglichkeit haben, nach dem Sommer ein Studium im offenen Vollzug aufzunehmen. Ich war noch immer schockiert von den Forderungen der Staatsanwältin. Eigentlich hatte ich gehofft, dass sogar selbst ich auf Bewährung rauskommen würde. Cems Anwalt ging auf das junge Alter ein. Besondere Erwähnung fand der Fakt, dass Cem die mittlere Reife nachholen wolle. Cem, so sein Anwalt, sollte die bisherige Haftzeit genügt haben und somit sogar ohne Bewährung entlassen werden. Adnans Anwalt ging auf das erfolgreiche Studium von ihm ein, dass er nur zeitlich begrenzt mitgewirkt hatte, dass ich ihn überredet hatte mitzumachen, und allen voran das Geständnis von ihm, dass die Ermittlungen erheblich beschleunigt hatte. Er beantragte eine Geldstrafe.

Nach den Plädoyers teilte uns die Richterin noch mit, dass wir nicht als Bande verurteilt werden würden, und dass sie die etwa 800 Fälle auf 137 Fälle zusammengefasst hatten. Sie fragte noch, ob wir etwas Letztes sagen wollten, bevor das Urteil verkündet werden würde. Doch auch, wenn ich froh darüber war, dass wir nicht als Bande verurteilt werden würden, gingen mir die von meiner Anwältin genehmigten 3 Jahre bis hin zu den geforderten 4 Jahren Haftstrafe nicht aus dem Kopf. Ich musste mir eingestehen, dass ich tatsächlich gehofft hatte, heute Abend daheim zu essen – zusammen mit meiner Familie. Da war ich wohl zu optimistisch gewesen: „Es tut mir leid, was ich getan habe. Ich entschuldige mich bei allen Geschädigten.“

Mit diesen letzten Worten meinerseits wurden wir in die Mittagspause geschickt.

Cem und ich waren gemeinsam in einer Wartezelle, beide perplex und aufgewühlt. „Keine Sorge, Cem. Du kommst auf alle Fälle raus!“ Ich musste zugeben, dass ich selbst nicht dran glaubte. Trotzdem wollte ich noch hoffen. „Hör auf! Sag sowas nicht! Sei einfach leise.“ Meinem Bruder war wohl endlich der Ernst der Lage bewusst geworden. Ich spürte seine Anspannung. Doch ich versuchte, weiterhin optimistisch zu sein: „Das passt schon so. Ich beginne einfach nächstes Semester im offenen Vollzug mein Studium, das ist das Wichtigste für mich. Und Du kommst hundert pro raus, dann lässt Du erstmal die Sau raus und kannst dann mit der Realschule beginnen.“ Ich träumte vor mich hin und teilte mein Wunschdenken meinem Bruder mit, der so gar nicht begeistert von meinem Optimismus war. Als nach einer gefühlten halben Ewigkeit die Tür aufging und mein Herz zu rasen begann, wollte ich Cem noch ein letztes Mal alles Gute wünschen: „Cem, Du wirst rauskommen! Ich glaube fest daran! Aber bitte vergiss nicht, mich zu besuchen! Komm jede Woche – Du weißt, wie sehr man sich über Besuch freut. Du musst mir erzählen, was sich draußen verändert hat, einfach alles! Und erzähl mir, wie es sich anfühlt, frei zu sein!“ Mit diesen letzten Worten gingen wir in den Gerichtssaal, für ein allerletztes Mal. Cem war so angespannt, dass er auf meine letzten Worte nur mit der Andeutung eines Grinsens antwortete. Abermals glitten meine Blicke über meine angespannte Familie hinweg. Ich atmete tief ein: „Emre – Alles, was zählt, ist das Studium. Bei 3 Jahren Strafmaß bist Du deinem Traum zum Greifen nah!“ So, oder zumindest so ähnlich redete ich mir nochmals meinen Optimismus ein und versuchte, mich irgendwie zu entspannen. Selbst, wenn ich dies geschafft hätte, wäre der kleinste Funke von Entspannung sofort verflogen, sobald die Richter und Schöffen den Saal betraten und wir aufstanden – meinen Körper fühlte ich nicht mehr, ich war in einem Tunnelblick und schenkte der Richterin mein Gehör. Sie begann, das Urteil vorzulesen.

Sie leitete es mit folgenden Worten ein.

Einleitung

In der Zeit vom 27. Juli 2012 bis 24. Oktober 2012 schlossen sich die befreundeten Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat zusammen, um aufgrund gemeinsamen Tatplanes auf arbeitsteilige Weise eine Vielzahl gleichartiger Computerbetrugstaten zu begehen. Unter einem Vorwand boten sie auf der Internetplattform www.mitfahrgelegenheit.de hochwertige Online-Bahntickets zu einem im Vergleich zum Originalpreis erheblich geringeren Preis – in der Regel 40 Euro pro Person und Fahrt – zum Verkauf an. Meldete sich ein Kaufinteressent, der die für die Bestellung erforderlichen Daten übermittelte, buchten sie in Ausführung ihres Tatplanes auf dem Online-Portal der Deutschen Bahn AG unter Verschleierung ihrer Identität die Tickets zum Original-Verkaufspreis. Für die jeweiligen Bezahlvorgänge bedienten sie sich, wie unter ihnen verabredet, Kreditkartendaten, die den berechtigten Karteninhabern auf nicht näher ermittelte Weise abhanden gekommen waren und die der Angeklagte Emre Ates zum Preis von etwa fünf bis zehn Euro pro Kreditkartendatensatz von bisher nicht näher bekannten Personen in einschlägigen Foren im Internet gekauft hatte. Nach Erhalt der Online-Tickets via E-Mail verschickten sie diese ebenfalls per E-Mail weiter an den jeweiligen Käufer, der den geforderten Kaufpreis auf ein eigens zu diesem Zweck erworbenes Konto – zunächst bei der Volksbank Kiel, dann auf ein Konto bei der Ziraat Bank – zu überweisen hatte. Die Konten bei der Volksbank Kiel eröffnet auf den Namen „Max Zierke“, und bei der Ziraat Bank, eröffnet auf die Falschpersonalien „Christopher Blake“ hatte der Angeklagte Emre Ates zu­vor ebenfalls von bisher nicht ermittelten Personen über einschlägige Foren im Internet gekauft. So begingen die Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat in dieser Zeit 75 Computerbetrugstaten, denen eine weitaus höhere Zahl an Bestellungen gegenüber der Deutschen Bahn AG zugrundeliegt.

Nach der gleichen Methode begingen der Angeklagte Emre Ates und sein jüngerer Bruder, der Angeklagte Cem Ates, ab dem 05. November 2012 bis zum 04. April 2013 weitere 52 Computerbetrugstaten, denen ebenfalls eine weitaus höhere Zahl an Bestellungen gegenüber der Deutschen Bahn AG zugrundeliegt. In dieser Zeit hatten die Käufer den jeweiligen Kaufpreis zunächst weiterhin auf das Konto bei der Ziraat Bank zu überweisen. Anschließend, nach dem dieses von der Staatsanwaltschaft Hamburg geschlossen worden war, hatten die Käufer vorübergehend mittels Paysafe-Karten den Kaufpreis zu zahlen, da den beiden angeklagten vorübergehend kein Konto zur Verfügung gestanden hatte. Schließlich erwarb der Angeklagte Emre Ates ein weiteres, auf die Falschpersonalien „Enrico Monti“ eröffnetes Konto bei der Postbank Hamburg, auf das die Reisenden fortan den jeweiligen Kaufpreis zu zahlen hatten.

Der durch die den Angeklagten Emre Ates und Adnan Polat zuzurechnenden Taten 1. bis 75. entstandene Schaden beträgt 54.037,90 Euro. Durch die den Angeklagten Emre Ates und Cem Ates zuzurechnenden Taten 76. bis 137. entstand ein Schaden in Höhe von 67.970,10 Euro. Durch die taten 1. bis 137. entstand somit ein Gesamtschaden von insgesamt 122.008 Euro der in erster Linie bei der Deutschen Bahn AG angefallen ist, wobei in einzelnen wenigen, nicht näher konkretisierbaren Fällen die berechtigten Inhaber der unbefugt verwendeten Kreditkartendatensätze wegen nicht durchgeführter Rückabwicklung den finanziellen Nachteil erlitten haben, der dem Originalpreis des Tickets entspricht.

Die persönlichen Verhältnisse

    1. Der heute 23 Jahre alte Angeklagte Emre Ates wurde am 01. Dezember 1991 in Niedernhall geboren. Gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester, seinem jüngeren Bruder, dem jüngeren Bruder, dem Angeklagten Cem Ates, und seiner heute fünfjährigen Schwester wuchs er im Haushalt der Eltern in Stuttgart auf. Diese stammen aus der Türkei. Sie leben bereits seit Ende der 1980er Jahre im Bundesgebiet. Zunächst hatte der Angeklagte Emre Ates sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft inne, nun nur noch die türkische. Der Vater der beiden Angeklagten arbeitet seit vielen Jahren bei der Daimler AG und nebenbei als Kaufhausdetektiv. Außerdem erzielte er Einkünfte aus der Vermietung mehrerer Eigentumswohnungen. Die Mutter der Angeklagten ist Hausfrau. In der Familie wird deutsch und türkisch gesprochen. Die Kinder bevorzugen die deutsche Sprache, die Eltern die türkische. Der Angeklagte wurde altersentsprechend eingeschult, besuchte die Grundschule und wechselte anschließend gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester an die Realschule. Schulischer Erfolg war ihm von Anfang an wichtig. Früh besuchte er auch regelmäßig die Moschee. Um sein Taschengeld aufzubessern, begann er bald aus eigenem Antrieb, Zeitungen auszutragen, in der siebten Klasse entdeckte der Angeklagte Emre Ates durch ein Schulprojekt erstmals sein Interesse für Computer. Am Ende des achten Schuljahres war der Angeklagte versetzungsgefährdet. Die familiäre Situation war in dieser Zeit angespannt: Die Beziehung der Eltern war belastet, von Scheidung war die Rede. Zu einer endgültigen Trennung kam es jedoch nicht. Dennoch litten die Geschwister unter der Situation. In dieser Zeit sah sich der Angeklagte Emre Ates auch verantwortlich für seinen jüngeren Bruder Cem Ates, den er rückblickend als „Rebellkind“ bezeichnet. Als der Angeklagte Emre Ates 16 Jahre alt war, arbeitete er in seiner Freizeit auf 400-Euro-Basis in einem Supermarkt. In dieser Zeit kam er erstmal in Kontakt mit Online-Sportwetten und erhoffte sich bald, auf dieser Weise große Gewinne erzielen zu können.

      In der zehnten Klasse verbesserten sich die schulischen Leistungen des Angeklagten wieder. Er erreichte die mittlere Reife mit einem Notendurchschnitt von 2,3. Gleichwohl hatte er sich mehr erhofft.

      Anschließend wechselte er an ein technisches Gymnasium, um – was sich seine Eltern immer für die Kinder erhofft hatten – die Hochschulreife zu erlangen. In dieser Zeit hatte der Angeklagte bereits erste Schulden durch Sportwetten angehäuft. Auf Druck seines Vaters, der sich wegen der finanziellen Schwierigkeiten seines Sohnes sorgte und diesen stets zum Sparen aufforderte, nahm der Angeklagte immer wieder Nebentätigkeiten an.

      In der zwölften Klasse investierte der Angeklagte den durch die Nebentätigkeiten erlangten Lohn bereits regelmäßig in Online-Sportwetten. Sein Ziel war es, das Sportwetten-System zu überlisten, um höchstmöglichen finanziellen Profit daraus zu schlagen. Allmählich reifte in ihm zur Umsetzung seines Zieles eine Geschäftsidee. Gleichzeitig häufte er mehr und mehr Schulden an, für die in der Regel sein Vater aufkam. Schließlich brachte der Angeklagte andere dazu, mehrere tausend Euro in seine Geschäftsidee zu investiere. Sein Vorhaben blieb aber erfolglos. Stattdessen hatte er Schulden in Höhe von etwa 15.000 Euro angehäuft. Sein Vater kam auch für diese auf.

      Im Sommer 2010 hatte der Angeklagte mit mäßigem Erfolg das Abitur erreicht: Sein Notendurchschnitt betrug 3,3.

      Im Wintersemester 2010/2011 begann der Angeklagte Emre Ates an der Universität Stuttgart ein Informatik-Studium. Allerdings fiel es ihm schwer, sich einzuleben und Freunde unter seinen Kommilitonen zu finden. Er zog sich zurück und verbrachte seine Freizeit zunehmend mit seinem jüngeren Bruder Cem. Gleichzeitig beneidete er seine Zwillingsschwester, die ein Architekturstudium aufgenommen hatte, sich rasch an den Universitätsalltag gewöhnt und Freunde gefunden hatte.

      Im April 2011 nahm der Angeklagte eine Nebentätigkeit in einem Kino auf und kam so in Kontakt mit Gleichaltrigen. Fortan verbrachte er zunehmend mit diesen seine Freizeit, woran er bald Gefallen fand. Im November 2011 beendete er die Nebentätigkeit aber wieder, da er sich damit – neben seinem Studium – überfordert fühlte. Auch seine Eltern sahen in der Nebentätigkeit ihres Sohnes den Grund für die sich allmählich häufenden Schwierigkeiten im Studium: Der Angeklagte hatte Schwierigkeiten, den Kursen inhaltlich zu folgen und nach wie vor kaum Kontakt zu Kommilitonen. So verlor er zunehmend das Interesse ­an seinem Studium und besuchte nur noch selten die Kurse. Zum Ende des Wintersemesters 2011/2012 beendete er sein Studium schließlich.

      Am 20. Oktober 2011 stand der Angeklagte erstmals vor Gericht. Das Amtsgericht Stuttgart sprach ihn wegen zwei Fällen des Computerbetruges im besonders schweren Fall schuldig und verhängte einen Freizeitarrest gegen ihn. Außerdem wies es ihn an, 80 Arbeitsstunden abzuleisten und seine Teilnahme an der Selbsthilfegruppe Spielabhängiger fortzusetzen.

      Dem Urteil liegt Folgendes zugrunde:

      Der Angeklagte nahm am 24. August 2011 per Internet Leistungen der Deutschen Telekom AG/TCOM, Geschäftseinheit T-Online im Wert von 1.941,79 Euro in Anspruch, für deren Bezahlung er ein Clickandbuy-Konto angab. Dieses Clickandbuy-Konto hatte er unter Angabe seines richtigen Namens, eines falschen Geburtsdatums, der mit Ausnahme der Hausnummer richtigen Adresse und Angabe des Namens und der Kontoverbindung des Anzeigeerstatters angelegt. Er handelte dabei in der Absicht, die in Anspruch genommenen Leistungen nicht zu bezahlen. Der Kontoinhaber widerrief die Abbuchung vom 24. August 2011 in Höhe von 1.941,79 Euro von seinem Konto durch die Clickandbuy-KontoInternational Ldt., Lincols House, 137-143 Hammersmith Road, London, W140QL, GB. Somit entstand ein Schaden in entsprechender Höhe zum Nachteil der Clickandbuy bzw. der Deutschen Telekom AG.

      Der Angeklagte bestellte im Januar 2011 per Internet bei der Deutschen Telekom AG, t-online.de Shop, T-Online-Allee 1, 64295 Darmstadt, ein Apple MacBook Pro i5, einen Acer Photo Frame und einen Acer LED-Bildschirm im Gesamtwert von 1.892,90 Euro inklusive Versandkosten. Er zahlte über das Unternehmen Clickandbuy International Ldt., Lincols House, 137-143 Hammersmith Road, London, GB, und gab hierfür unberechtigt die Bankverbindung eines anderen sowie eine fiktive Adresse an, in der Absicht, die Waren nicht zu bezahlen. Die Waren wurden am 12. Januar 2011 per DHL an den Angeklagten ausgeliefert. Die Abbuchung von Clickandbuy wurde durch den Kontoinhaber storniert. Es entstand ein Schaden in Höhe von 1.907,90 Euro (inklusive Rücklastschriftgebühren) zum Nachteil der Clickandbuy International Ltd.

      Der Angeklagte handelte bei beiden Taten jeweils in der Absicht, sich durch wiederholte Tatbegehungen eine nicht nur vorübergehende Einnahmequelle von einigem Umfang und einiger Dauer zu verschaffen und eigene Aufwendungen hierdurch zu ersparen.

      Der Freizeitarrest wurde am 07. Und 08. Januar 2012 gegen den Angeklagten vollstreckt. Die Arbeitsstunden hat er erledigt. Beratungsgespräche bei der Selbsthilfegruppe Spielabhängiger nahm er im Laufe des Jahres 2012 aber­ nur schleppend und wenige wahr. Nach mehreren Ermahnungen nahm er im März 2013 noch an zwei Terminen teil, den für Ende April 2013 vereinbarten Termin konnte er aber wegen seiner Inhaftierung im vorliegenden Verfahren nicht mehr wahrnehmen. Am 09. Juli 2013 hob deshalb das Amtsgericht Stuttgart die Weisung zur Fortsetzung der Teilnahme an der Selbsthilfegruppe Spielabhängiger aus dem Beschluss vom 20. Oktober 2011 auf. Das Urteil vom 20. Oktober 2011 ist damit erledigt.

      Danach schloss der Angeklagte zwar noch gelegentlich Online-Sportwetten ab. Exzessiv spielte er jedoch nicht.

      Spätestens im Frühjahr 2012 stieß der Angeklagte im Internet auf das den Taten der vorliegenden Verurteilung zugrundeliegende Geschäftsmodell.

      Ab März 2012 half der Angeklagte seinem Vater bei der Renovierung einer Eigentumswohnung, auch weil er sich diesem verpflichtet fühlte, da dieser seine Schulden beglichen hatte.

      Mit Strafbefehl vom 08. Mai 2012 verurteilte das Amtsgericht Böblingen den Angeklagten wegen Betruges zu der Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 15 Euro. Diese Verurteilung ist erledigt.
      Dem Strafbefehl liegt Folgendes zugrunde:

      Am 13.01.2012 verkaufte Emre Ates unter den Falschpersonalien „Mark Messerschmied“ unter Vortäuschung seiner Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit an einen anderen über eine Kleinanzeige Ebay ein Macbook Pro 15 zum Preis von 700 Euro. Gemäß der Vereinbarung überwies der Käufer den Betrag auf sein Konto am 14.01.2012, wo der Betrag auch gutgeschrieben wurde. Entsprechend seiner vorgefassten Absicht lieferte er die im Vertrauen auf seine Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit bezahlte Ware nicht. Dem Käufer entstand hierdurch ein entsprechender Schaden. Erst nachdem der Geschädigte Anzeige erstattet hatte, überwies der Angeklagte im März 2012 750 Euro an diesen.

      Nachdem sein Bruder Cem am 10. Juli 2013 zu einem längeren Urlaubsaufenthalt bei Verwandten in die Türkei aufgebrochen war, verbrachte der Angeklagte Emre Ates den Sommer alleine mit seinem Vater in Stuttgart, nachdem auch seine Mutter und die jüngere Schwester dem Bruder in die Türkei gefolgt waren und die Zwillingsschwester ausgezogen war. Vater und Sohn fanden – nachdem das Verhältnis zwischen ihnen wegen der stets schlechten finanziellen Situation des Angeklagten angespannt gewesen war – wieder mehr zueinander.

      Am 17. Juli 2012 begann der Angeklagte eine Ferientätigkeit bei der Daimler AG. Er arbeitete im Bereich der Produktion in Schichtbetrieb. Es handelte sich um eine Akkordtätigkeit.

      In dieser Zeit von 27. Juli 2012 bis 04. April 2013 beging der Angeklagte Emre Ates die dem Urteil zugrundeliegenden Taten.

      Am 22. August 2012 fand im Elternhaus eine Durchsuchung durch Kräfte der Bundespolizei Kassel wegen gleichartiger Tatvorwürfe im Rahmen eines weiteren unter anderem gegen die Brüder Ates geführten Ermittlungsverfahrens statt. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn wurde dadurch erneut belastet.

      Am 07. September 2012 endete die Ferientätigkeit des Angeklagten. Am 10. September 2012 reiste er – wie schon zuvor seine Mutter und die beiden Geschwister – in die Türkei. Der Urlaubsaufenthalt dauerte bis 24. September an.

      Nach seiner Rückkehr nahm der Angeklagte erneut ein Informatik-Studium – nun an der Hochschule Esslingen – auf. Gegen den Willen des Vaters zog der Angeklagte in der Zeit von 01. Bis 15. Oktober 2012 in eine Wohnung in Esslingen, für die er fortan 400 Euro Miete zu zahlen hatte. Sein Vater lehnte jede weitere finanzielle Unterstützung ab. Ein Auto stellte er ihm aber noch zur Verfügung.

      Nur für wenige Tage hatte der Angeklagte die Kurse an der Hochschule besucht. Nachdem es Schwierigkeiten bei der Bewilligung von Bafög gab und sich der Angeklagte sehr um seine finanzielle Situation sorgte, nahm er schließlich ein Angebot der Daimler AG für ein Langzeitpraktikum, das am 15. Oktober 2012 begann, auf. Er versuchte das erste Semester auf diesem Wege als Praxissemester anzuerkennen. Fortan arbeitete er Vollzeit und erhielt monatlich einen Bruttobetrag von 750 Euro, was zu einem Praktikantengehalt von 400 Euro netto führte. Außerdem war ihm ein Studienkredit bewilligt worden, sodass ihm ein weiterer Betrag von monatlich 650 Euro zur Verfügung stand.

      Allmählich geriet er mit seiner Miete in Rückstand, da es ihm nicht gelang, mit den ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln zurecht zu kommen. Der Angeklagte vermisste in dieser Zeit den persönlichen Kontakt zu seiner Familie. Es fiel ihm erneut schwer, Kontakte im Kollegenkreis zu knüpfen.

      Zum 15. Januar 2013 beendete er das Praktikum bei der Daimler AG. Bald fand er Kontakt zu einer Lerngruppe an der Hochschule und nahm motiviert das Studium auf. Es gelang ihm aber nicht mehr, zu den Prüfungen im Januar 2013 zugelassen zu werden, dennoch setzte er sein Studium fort. Anträge auf Bewilligung von BAföG, die er gestellt hatte, wurden in dieser Zeit abgelehnt. Gleichzeitig bemühte er sich erfolglos um eine Nebentätigkeit.

      Am 05. April 2013 wurde der Angeklagte gemeinsam mit seinem Bruder vorläufig festgenommen. Er befindet sich seit diesem Tag zunächst aufgrund Haftbefehls des Amtsgerichts Esslingen vom selben Tag, seit 17. September 2013 auch aufgrund des erweiterten Haftbefehls desselben Gerichts vom 12. September 2013 ununterbrochen in Untersuchungshaft. Am 16. Dezember 2013 erließ die Kammer Haftbefehl gegen den Angeklagten im Umfang der Anklage und setzte diesen in Vollzug.

      Die Familie des Angeklagten steht auch in der Haft zu ihm. Seit Sommer 2013 arbeitet er in der Haft als Reiniger.

      Weitere gegen den Angeklagten gerichtete Ermittlungsverfahren mit gleichgelagerten Vorwürfen sind bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart anhängig.

    2. Der heute 19 Jahre alte Angeklagte Cem Ates wurde am 14. Februar 1995 in Niedernhall geboren. Er ist sowohl türkischer als auch deutscher Staatsangehöriger. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder, dem Angeklagten Emre Ates und den weiteren Geschwistern wuchs er bei den Eltern auf. Nach dem Besuch des Kindergartens wurde der Angeklagte altersentsprechend eingeschult. Er besuchte die Grundschule und wechselte anschließend auf die Hauptschule. Im Jahre 2011 erreichte er den Hauptschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 3,0. Im Anschluss daran besucht er bis Sommer 2012 ein Berufseinstiegsjahr. Da er sich unterfordert fühlte und schließlich mit Hilfe seines älteren Bruders einen Schulplatz an einer Werkrealschule fand, die er von Herbst 2012 an besuchen wollte, um seine mittlere Reife zu erreichen, brach er das Berufseinstiegsjahr noch vor Beginn der Sommerferien ab und reiste am 10. Juli 2012 in die Türkei zu seinen Verwandten. Die familiäre Situation empfand der Angeklagte in dieser Zeit als angespannt. Das Verhältnis des Angeklagten zu seinen Eltern, die sehr viel Wert auf die Schul- und Berufsausbildung ihrer Kinder legen, beschreibt der Angeklagte, der sich stets dem Vergleich mit seinen älteren Geschwistern stellen musste, bis heute als belastet. Seinen Vater erlebte er als streng. Taschengeld erhielt er von seiner Mutter. Der Angeklagte kehrte erst am 13. September 2012 nach Deutschland zurück. Das neue Schuljahr hatte bereits begonnen. Er besuchte fortan nur unregelmäßig den Unterricht der Werkrealschule. Bald häuften sich seine Fehlzeiten. Seine schulischen Leistungen verschlechterten sich.Wegen hin und wieder auftretender Stimmungsschwankungen nahm der Angeklagte auf Betreiben seiner Mutter, die sich um ihren Sohn sorgte, einen Termin bei einem Psychologen wahr, weitere Beratungsgespräche lehnte der Angeklagte jedoch ab.

      In dieser Zeit ging er gerne mit seinen Freunden aus, konsumierte mit diesen Alkohol und besuchte Diskotheken. Nachdem sein Bruder Emre nach Esslingen gezogen war, verbrachte er auch dort häufig seine Freizeit. Dem erzieherischen Einfluss seiner Eltern war er weitgehend entglitten.

      In der Zeit von 05. November 2012 bis 04. April 2013 beging der Angeklagte die seiner Verurteilung zugrundeliegenden Taten.

      Der Angeklagte wurde am 05. April 2013 gemeinsam mit seinem Bruder vorläufig festgenommen. Er befand sich seit diesem Tag zunächst aufgrund Haftbefehls des Amtsgerichts Esslingen vom selben Tag, seit 17. September 2013 auch aufgrund des erweiterten Haftbefehls desselben Gerichts vom 12. September 2013 ununterbrochen in Untersuchungshaft. Am 16. Dezember 2013 erließ die Kammer Haftbefehl gegen den Angeklagten im Umfang der Anklage und setzte diesen in Vollzug.

      In der Haftzeit half der Angeklagte hin und wieder den Reinigern und lernte für die mittlere Reife. Seine Familie stand zu ihm und besuchte ihn regelmäßig.

      Am 08. April 2014 hob die Kammer den Haftbefehl gegen den Angeklagten Cem Ates.

      Der Angeklagte hat weiterhin vor, die Schule zu besuchen und die mittlere Reife zu erreichen. Gegebenenfalls möchte er anschließend eine Ausbildung absolvieren oder Wirtschaftsinformatik studieren.

      Strafrechtlich ist der Angeklagte bisher nicht in Erscheinung getreten. Weitere Ermittlungsverfahren mit gleichgelagerten Vorwürfen sind bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart anhängig.

    3. Der heute 21 Jahre alte Angeklagte Adnan Polat wurde am 08.08.1992 in Niedernhall geboren. Er ist türkischer Staatsangehöriger. Der Angeklagte wuchs als jüngstes von sieben Kindern im Haushalt der Eltern in Niedernhall auf. Der Vater des Angeklagten ist Rentner, arbeitet aber noch als Hausmeister. Die Mutter des Angeklagten ist Hausfrau. Der Angeklagte wurde nach dem Besuch des Kindergartens altersentsprechend eingeschult, besuchte die örtliche Grundschule und anschließend die Hauptschule, die er im Jahr 2007 mit dem Hauptschulabschluss beendete. Im Anschluss daran absolvierte er die zweijährige Berufsfachschule, die er im Jahr 2009 mit der mittleren Reife abschloss. Im September desselben Jahres begann er eine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann. Am 12. Juli 2012 beendete er diese regulär, allerdings mit mäßigem Erfolg. In der Zeit von 27. Juli bis 24. Oktober 2012 beging der Angeklagte die seiner Verurteilung zugrundeliegenden Taten. Ab dem Schuljahr 2012/2013 besuchte der Angeklagte das einjährige Berufskolleg mit dem Ziel, die Fachhochschulreife zu erreichen. Dies gelang ihm im Juli 2013 mit einem Notendurchschnitt von 2,6.Am 06. August 2013 wurde der Angeklagte vorläufig festgenommen, nachdem er an diesem Tag von einem Kuraufenthalt zurückgekehrt war. Am 07. August 2013 erließ das Amtsgericht Stuttgart, nachdem sich der Angeklagte gegenüber Beamten der Bundespolizei zur Sache eingelassen hatte, Haftbefehl gegen ihn und setzte diesen in Vollzug. Der Haftbefehl erging zwar unter dem bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart bis heute anhängigen Ermittlungsverfahren mit dem Aktenzeichen 171 Js XXXXX/12. Ihm liegen jedoch die in diesem Verfahren zur Aburteilung gekommen Vorwürfe zu Grunde.

      Auf die Beschwerde des Angeklagten vom 08. August 2013 setzte das Landgericht am 14. August 2013 den Haftbefehl gegen Auflagen und Weisungen außer Vollzug. Am selben Tag wurde der Angeklagte aus der Untersuchungshaft entlassen.

      Am 18. März 2014 hob das Amtsgericht Stuttgart auf Antrag der Staatsanwaltschaft den Haftbefehl vom 07. August 2013 auf.

      Seit Oktober 2013 studiert der Angeklagte an der Hochschule für Medien in Stuttgart. Er belegt den Studiengang „Wirtschaftsinformatik und digitale Medien“. Derzeit ist er im zweiten Semester. Er erhält monatliche BAföG-Leistungen in Höhe von etwa 400 Euro. Schulden hat der Angeklagte nicht. Für die Zukunft hat er fest vor, sein Studium erfolgreich zu beenden.

      Als einziges der sieben Kinder lebt der Angeklagte nach wie vor im Elternhaus. Pläne, auszuziehen und einen eigenen Haushalt zu gründen, hat er nicht. Als jüngstes Kind fühlt er sich seinen gesundheitlich angeschlagenen Eltern gegenüber verantwortlich. Das Verhältnis zu ihnen beschreibt er als sehr gut.

      Strafrechtlich ist der Angeklagte bisher nicht in Erscheinung getreten.“

    Mein Körper schwitzte in seiner Gesamtheit. Tausende Bilder schossen mir vor das geistige Auge, als die hauptvorsitzende Richterin von meinem Leben erzählte. Mir wurde dabei so heiß im Gesicht – ich lief so rot an wie wahrscheinlich noch nie zuvor. Doch vor allem bereitete mir eine Sache die meisten Sorgen: Meinen Mithäftlingen hatte ich bisher immer mitgeteilt, dass ich Ersttäter war.

    Ich hatte gelogen, und nun wurde ich mit meiner Lüge konfrontiert.

    Das Schlimmste daran war, dass ich sogar angefangen hatte, an meine eigene Lüge zu glauben – Ich war förmlich schockiert, als die Richterin von meinen Vorstrafen berichtete. Ob die zwei Vorstrafen sich stark auf mein Strafmaß auswirken würden? War die Forderung der Staatsanwältin mit den 4 Jahren doch berechtigt?

    Ich fürchtete, ja.

#47 – Die Hoffnung stirbt zuletzt

Neues Stockwerk, neue Gesichter, Regeln und Probleme – was würde da auf mich zukommen? Und noch viel wichtiger: wie lange werde ich hier verweilen müssen? In zwei Kisten hatte ich mein ganzes Hab und Gut in das erste Stockwerk transportiert und befand mich in meiner neuen Zelle – der Reiniger-Zelle. Die Zelle unterschied sich komfortmäßig von anderen Zellen nur in dem Punkt, dass sie immer offen war. Doch sie war unangenehmer als jene in der JVA Schwäbisch Hall, was schon damit anfing, dass ich nur ein Minifenster in der Zelle hatte. Mal abgesehen von der Tatsache, dass damit nicht gut gelüftet werden konnte, war mein Ausblick deprimierend. In Schwäbisch Hall hatte ich über die Mauer sehen können, konnte die Freiheit, die grüne Landschaft und das Leben sehen und bei offenem Fenster auch einatmen. Und hier? Je nachdem, welchen Blickwinkel ich einnahm, sah ich entweder eine riesige Gebäudewand oder den Hof vor mir. Ich befand mich zwar im ersten Stockwerk, doch der Ausblick über die Mauern vom 7. Stock war auch nicht besser – die Mauern waren um einiges höher als jene in Schwäbisch Hall. Während wir in Schwäbisch Hall noch Utensilien an die Nachbarzellen „schicken“ konnten (man nehme hierfür einen Wäschesack mit dem gewünschten Utensil, binde diesen an einen Gürtel und schwinge den Wäschesack aus dem Fenster in Richtung der gewünschten Nachbarzelle, woraufhin deren Insasse nach dem Wäschesack greifen kann), war dies hier unmöglich. Die Zellen waren diagonal im Gebäude untergebracht, und derart versetzt, dass die Nachbarzelle sich nicht auf derselben Höhe wie die eigene befinden konnte. Das Stockwerk war auch um einiges größer, als ich in Erinnerung hatte. Im 7. Stockwerk war mir das ebenfalls nicht aufgefallen. Es gab zwei Flügel – ich nannte sie immer West- und Ost-Flügel, obwohl ich mir der Himmelsrichtungen nicht bewusst war – die nahezu gleich lang waren. Jeder Flügel hatte ca. 35-40 Zellen, was einem gesamten Stockwerk in Schwäbisch Hall entsprach. Es gab lediglich eine Dusche, sowie eine Küche, welche sich gleich neben meiner Zelle befand.

Als ich gerade dabei war, mich in meiner neuen Zelle einzurichten, hörte ich eine Stimme an meiner Tür: „Hey, bist Du der neue Reiniger, oder?“, die Antwort war dem Fragesteller wohl klar, die Frage rhetorisch. Ich blickte den draußen stehenden Häftling an, er hatte Lackschuhe, eine Jeans, sowie ein hellblaues Hemd an – unschwer zu erkennen, dass es Kleider der JVA waren. Er machte auf mich einen sehr gepflegten Eindruck, oder wie mein Vater sagen würde: „Der ist doch metrosexuell!“ Sein Bart war gepflegt und hatte klare Linien, seine Augenbrauen waren extremer gezupft als viele, die ich zuvor bei Männern gesehen hatte, seine lockigen schwarzen Haare schienen mit viel Gel versehen zu sein und seine braune Haut glänzte ein wenig. Wahrscheinlich verwendete er eine Hautcreme. Er schien mir wie eine aus dem Nahen Osten stammende Version Tayfuns. „Hey, ja, ich bin der Emre.“ Meinen Handschlag nahm er freundlich entgegen. Im Grunde genommen waren alle Reiniger, die ich bisher gesehen hatte, freundlich. Wahrscheinlich war dies eines der Kriterien, die man für diese Rolle erfüllen musste. „Mein Name ist Hakim! Bin auch Reiniger – von wo kommst Du? 7. Stock, oder?“ Selbstverständlich war er neugierig, und natürlich wusste ich, dass ich mich bei den anderen Häftlingen erst beweisen musste. Denn ein völlig Fremder kommt in ein Stockwerk, welches schon potenzielle Reiniger-Kandidaten besitzt, und nimmt jemandem den Job weg. „Das werden die nicht gerne sehen. Doch ich habe extra Sie ausgewählt, da Sie neu sind…wohlmöglich noch eine Weile dableiben und niemanden aus dem ersten Stockwerk kennen. Würde jemand aus dem ersten Stockwerk den Job erhalten, hätte dieser bereits die Kenntnisse über die Beamten, die Strukturen und bereits Häftlinge, die er bevorzugt und er würde sich gewiss einen Vorteil aus seiner vertraulichen Position verschaffen.“ Dies waren die intelligenten Worte von Herrn Leder, als er mir den Reiniger-Posten angeboten hatte. Doch ich verheimlichte Hakim nichts, erzählte ihm in knappen Worten von meiner Straftat, über mein bevorstehendes Urteil, meinen Job als Reiniger in Schwäbisch Hall und den Grund meiner Verlegung nach Stammheim. Seine Reaktion war vorhersehbar und ich hatte sie bereits zum gefühlt hundertsten Mal gehört: „Bruder, bist Du ein Hacker?“

Herr Leder hatte gerade Dienst und beobachtete uns von seinem Büro aus, welches zwischen Ost – und Westflügel lag, als er plötzlich neben Hakim stand: „Wieso wird hier nicht gearbeitet? Die Arbeiter rücken gleich an, haben Sie schon den Flur gewischt?“ Mir wurde eiskalt, Herr Leder war dann wohl der Herr Winter von Stammheim. „Ja, aber die Dusche macht Osman. Der ist gerade beim Arzt.“ Herr Leder war wohl enttäuscht, dass sein Anraunzer unberechtigt gewesen war, seine strafenden Blicke legte er trotz allem nicht ab: „Gut. Sagen Sie ihm, dass er es nach dem Mittagessen machen soll. Solange geben Sie Herrn Ates Reiniger-Klamotten und zeigen ihm den Putz-Raum.“

Hakim zeigte mir die heilige Kammer der Reiniger, in der es Putzmittel in Hülle und Fülle gab. „Warum haben wir so viele Sanitärreiniger und Lappen, aber nur ein paar Besen?“, wollte ich wissen. „Jeder Arbeiter hat Sanitärreiniger in seiner Zelle und Lappen, die müssen selber saubermachen. Wir Reiniger gehen zwei Mal in der Woche die Zellen durch, um zu fegen und zu wischen.“ Ich war entsetzt: „Wie jetzt? Wir putzen deren Zellen? Können die nicht gleich selber fegen und wischen?“ Hakim lachte nur: „Wir sind Reiniger, man.“ Er erklärte mir den Ablauf, während er mir aus seinem Schrank Reiniger-Klamotten übergab: „Morgens geben wir Frühstück aus. Warmen Tee, Brötchen und Streichkäse, Honig, manchmal auch Nutella. Zusätzlich sammelt ein anderer den Müll ein, gibt neue Hygienemittel wie Rasierer, Seife etc. aus. Nachdem die Arbeiter abgerückt sind, beginnen wir mit dem Wischen der Flure und dem Desinfizieren der Duschen. Dafür muss man immer ins Büro und so spezielles Desinfektionsmittel nehmen, niedrig dosiert natürlich. Wenn die Arbeiter kommen, ist meist das Mittagessen von der Küche da, mit dem auch gleichzeitig das Abendessen kommt. Nach der Ausgabe des Mittagessens an die Arbeiter können wir auch zu Mittag essen. Meistens räumen die dann ihre leeren Essens-Behälter in den Essens-Wagen ein, oder wir sammeln es wieder ein. Das Abendessen müssen wir dann in der Küche lagern. Jeden Mittwoch gibt es Wäscheausgabe, neue Arbeiterklamotten. Und ganz wichtig: Wir Reiniger dürfen die Küche zum Kochen benutzen, aber sonst niemand anderes. Herr Leder ist da sehr streng!“ Ich nahm alles zur Kenntnis und zog mich um, Herr Leder hatte mir in der Zwischenzeit die Lackschuhe gebracht, welche mehr als unangenehm zu tragen waren. Später würden wir mit Hakim in die Kammer gehen, um neue Arbeitsklamotten für uns Reiniger zu holen.

Als der Mittagessenswagen kam, war auch der dritte Reiniger angekommen. Osman war sein Name, ein älterer, türkischer und dürrer Mann. Mit ihm hatte ich auch ein kurzes Gespräch, als dann plötzlich mehrere Stimmen zu hören waren. Eine Horde von Häftlingen befand sich plötzlich im Flur, alle warteten vor ihren Zellentüren. Meine zwei Reiniger-Kollegen zogen sich Hygiene-Kappen und Handschuhe an. Ich sollte erstmal nur zuschauen. Die Reiniger übergaben dem jeweiligen Häftling das Essen, Herr Leder öffnete die Zellentür, bat den Häftling hinein und schloss hinterher ab. Es waren verschiedenste Gestalten zu sehen, einige beäugten mich gründlich, andere wiederum nahmen mich nicht einmal wahr. Es schien, als bestünde der Großteil aus Albanern und Arabern, aber auch eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Deutschen gab es hier. Die Türken hingegen waren deutlich in der Unterzahl. Einer fiel mir besonders auf, er hatte Haare, die bis zur Schulter gingen, einen Ziegenbart, und war etwas breiter gebaut. Er müsste etwa um die 40 sein, seine Zelle war groß, eine Viermannzelle. Ganz groß an einer Wand sah ich die Aufschrift „Hells Angels“. „Du, ich habe gleich Besuch von meinem Anwalt. Lass meine Tür offen, damit ich duschen kann.“ Das waren seine Worte an den Beamten Herrn Leder, und das Seltsame daran war, dass es war vielmehr ein Befehl als eine Bitte zu sein schien. Ich war schockiert, noch nie hatte ich einen Häftling so mit einem Beamten reden hören. Noch schockierender war die Tatsache, dass Herr Leder darauf einging.

Nachdem das Essen vollständig ausgeteilt und die Schalen wieder eingesammelt worden waren, rückten die Arbeiter ab. Osman rief mich zu sich: „Lass uns die Dusche putzen, ich zeig Dir das.“ Er nahm einen Behälter voll Wasser, ging ins Büro und füllte Desinfektionsmittel ein. Danach begaben wir uns in die Dusche und schrubbten das Mittel auf die Wände. Plötzlich kam der Häftling von den Hells Angels rein: „Meine Güte, was macht ihr da?! Mensch, ich wollte jetzt duschen. Hättet ihr das nicht später machen können?“ Osman sah ihn verwirrt an: „Jetzt ist keine Freizeit, duschen musst Du abends, David. Woher sollen wir das wissen?“. David machte eine „Halt dein Maul“-Handbewegung und verließ das Bad. Nachdem wir das Desinfektions-Mittel für eine halbe Stunde hatten einwirken lassen, wuschen wir das Mittel mit einem Wasserschlauch von den Wänden ab. Osman lästerte ein wenig über diesen David ab, es hatte wohl etwas auf sich mit ihm. „Du kannst dich in deiner Zelle ausruhen, bis die Arbeiter wieder zurück sind.“ Osman erlöste mich von der Arbeit, und ich hatte die Ruhe dringend nötig. Als ich es mir auf meinem Bett gemütlich gemacht und einen türkischen Sender eingeschaltet hatte, klopfte es an meiner Tür. Überrascht war ich, als David da stand und mir eine Frage stellte, die ich schon lange nicht mehr gehört hatte: „Hey Junge, kannst Du deutsch?“ – „Ähm, ja?“, ich wunderte mich, dass es keine Selbstverständlichkeit zu sein schien, die deutsche Sprache hier zu beherrschen. Mit den Worten „Hier hast ein Snickers“, warf er es mir auf mein Bett. Ich war verwirrt: „Ähm, danke. Aber ich brauch das nicht, hier, nimm es zurück.“ Er machte einen genervten Gesichtsausdruck: „Nimm das jetzt einfach. Das ist ein Geschenk. Kannst Du lesen?“, ich bedankte mich und bejahte erneut. „Wie gut kannst Du lesen?“ So langsam dachte ich, dass er mich für dumm hielt: „So gut, dass ich verstehe, was ich lese.“ Er befahl mir, ihm zu folgen und ich ging mit ihm in seine Zelle. Er kramte ein Magazin aus und empfahl mir, einen Artikel zu lesen: „Nimm das mit in deine Zelle. Da steht, was ich gemacht habe.“ Das war ja mal eine ganz andere Art und Weise, seine Tat mitzuteilen, anstatt wie gewohnt mündlich davon zu berichten oder gar den Haftbefehl zum Lesen zu geben. Er schien wohl eine große Nummer zu sein und aus der Tatsache, dass er von den Hells Angels war, machte er wohl kein Geheimnis. Überall in seiner Zelle waren die Aufschriften dieser Rocker-Gang zu lesen. Ich begab mich in meine Zelle und las die Tat: Er hatte Schulden eines Barbesitzers eintreiben wollen, da dieser nicht bezahlt hatte. Er hatte den Gläubiger an einen Stuhl gefesselt und mit einem Hammer seine Finger gebrochen. Auch, wenn das bei mir einen gefährlichen Eindruck über ihn hinterließ – so war das Unangenehmste an ihm, dass er in einer Haftanstalt, in der Rolle des Häftlings, einem Beamten Befehle erteilen konnte.

Nach dem Eintreffen der Arbeiter gab es die Abendessensausgabe und gleich darauf folgend den Hofgang. Der Hofgang war um einiges größer als jener vom 7. Stockwerk, oder gar von Schwäbisch Hall. Mehrere Stockwerke hatten zur selben Zeit Zugang zum Hof. Danach gab es für ca. 90 Minuten die Möglichkeit, sich im Flur frei zu bewegen und zu duschen. Einige Leute sprachen mich an, mehrmals musste ich meine Geschichte erzählen. Und so vergingen die Tage. Meinen Bruder sah ich einige Male, wenn er Hofgang hatte. Vom Fenster aus unterhielten wir uns ein wenig. Ich machte Bekanntschaften mit einigen Häftlingen, mit manchen verstand ich mich besser, mit anderen wiederum weniger gut.

Das Wochenende brach schließlich an, und mit ihm die Besucherzeit. Diesmal klappte es auch bei mir und es war das erste Mal, dass meine Mutter, meine Zwillingsschwester, Cem und ich in einem Raum saßen. Es war ein emotionaler, aber auch freudiger Moment. „Hey Jungs, morgen wird es genau 1 Jahr her sein, seitdem ihr in Haft gekommen seid. Ihr habt es echt gut überstanden! Ich hoffe, in 4 Tagen können wir uns in Freiheit begegnen.“ Meine Schwester erinnerte mich daran, wie schnell und doch auch langsam die Zeit vergangen war. Ich erzählte von meiner neuen Tätigkeit als Reiniger, von den Lockerungen, die ich dadurch hatte und machte mich über Cem lustig: „Haha Cem, kein Wunder, dass Mama immer gesagt hat, dass es Dir schlechter geht als mir. Du siehst ja total müde aus, hast nicht geduscht, deine Haare sind zerzaust und du redest ja gar nichts.“ Er grinste nur: „Ja man, Du redest echt viel. Bei mir redet immer Mama. Wenn Papa da ist, antworte ich nicht mal.“ Meine Mutter hatte Freudentränen in den Augen, sie genoss es, ihre beiden Söhne gemeinsam zu sehen. Als sie sich verabschiedete, umarmte sie uns beide fest und sagte, wie sehr sie uns liebte: „Ich bete zu Allah, ich bete, dass ich beide meiner Söhne in 4 Tagen in Freiheit sehen darf. Meine starken, wundervollen Jungs. Ich liebe euch!“, rief sie und küsste uns auf die Wange. Als Cem und ich uns wieder in der Wartezelle befanden, übergab er mir seine Süßigkeiten: „Bruder hier, mir reicht der Tabak, ich mag keine Schokolade.“ Ich bedankte mich: „Cem, ich hoffe echt, dass wir beide rauskommen. Wenigstens du sollst aber rauskommen, für mich sieht das glaub schwieriger aus. Ich möchte Mama nicht mehr weinen sehen. Ich glaube, wir beide würden es verkraften, wenn wir nicht rauskämen. Aber Mama?“ Er bestätigte es mit einem Nicken, die Aufregung stieg von Minute zu Minute an. Der Countdown lief. Ich ging meinem Reinigerjob nach und plötzlich stand eine der berühmt – berüchtigten Sozialarbeiterinnen vor meiner Tür: „Herr Ates?“

Sie erzählte mir, dass sie wegen meines Antrags auf die Verlegung mit meinem Bruder in eine gemeinsame Zelle käme. Ich grinste bei dem hoffnungsvollen Gedanken, dass es klappen würde. „Wieso lachen Sie? Sind wir hier im Kindergarten? Sie haben als älterer Bruder einen schlechten Einfluss auf Ihren jüngeren Bruder!“ Sie fuhr mit irgendwelchen Anschuldigungen und Behauptungen fort, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass wir beide nicht in eine gemeinsame Zelle dürfen. Mich überkam eine Welle von Hass. Wie konnte eine Sozialarbeiterin, ohne mich oder meinen Bruder zu kennen, die Beziehung zwischen uns beurteilen? „Ähm, Entschuldigung. Aber ich denke kaum, dass Sie eine Ahnung davon haben, welchen Einfluss ich auf meinen Bruder habe. Sie kennen uns doch nicht mal.“ Nach einer hitzigen Diskussion verließ sie meine Zelle. Ich hoffte einfach, dass Cem am Urteilstag rauskommen würde, damit mir eine weitere Diskussion mit der Dame erspart bleiben würde. Denn im worst – case Szenario bräuchte ich die Sozialarbeiterin noch, um meinen Plan, das Studium während der Haft wiederaufzunehmen, verfolgen zu können. Ich war nun ein Jahr in Haft. Angenommen, ich bekäme 3 Jahre: Aufgrund guter Führung würde ich sicherlich 2/3 – Strafe erhalten, was heißen würde, dass ich effektiv 2 Jahre würde absitzen müssen. Da ich allerdings bereits ein Jahr in Haft war, müsste ich nur noch 1 Jahr absitzen. Da wir uns im April befanden, würde das perfekt passen, das letzte halbe Jahr meiner Strafe in den offenen Vollzug zu gehen, damit ich dann hoffentlich mein lang ersehntes Studium beginnen konnte. Ob die Rechnung aufgehen würde, zeigte sich sehr bald. Doch bis dahin konnte ich nur weiterhin hoffen und hypothetische Rechnungen aufstellen.

Irgendwann war es dann so weit. Der Urteilstag stand an. Mein Bruder und ich wieder in schicken Klamotten gekleidet, saßen wir im Transportbus und redeten vor Nervosität kein einziges Wort. Ein Schaudern machte sich in meinem ganzen Körper breit, ich sah meinen Bruder an und wir grinsten nur. Am Landgericht Stuttgart angekommen begleiteten uns Beamte in den Gerichtssaal. „Endlich ist es so weit“, flüsterte ich meinem Bruder zu. Meine Eltern und meine Zwillingsschwester saßen ganz vorne im Zuschauerbereich. Ich lächelte sie an, sie lächelten zurück. Angekommen an meinem Platz, konnte ich mich nicht wirklich hinsetzen, da die Richter bereits eintraten. Meine Beine fühlten sich gelähmt an, mein Herz pochte, mir wurde heiß und mein Kopf juckte irgendwie. Als ich die Stimme der Staatsanwältin hörte, fing mein Herz an zu pochen, erst langsam, dann schneller, erst leise, dann lauter. Mein Herz fühlte sich an wie ein Stein, welcher viel zu schwer war. Meine Schweißperlen trockneten einfach nicht.

Wie lange hatte ich auf diese eine Passage gewartet…seit einem Jahr und drei Tagen…nur auf diese eine. Meine Hoffnung lebte aufgrund dieser Ungewissheit. Und meine Hoffnung, sie sank mit einem Mal ins Grab:

„Ich beantrage 4 Jahre Freiheitsstrafe für den Angeklagten Emre Ates.“

Mein Herz stand still, ich hörte nichts mehr, bis ein lautes Geräusch meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Das seltsame Geräusch, ich werde es niemals vergessen: Mein Vater, ob dieser Worte zutiefst schockiert, presste seine Hand fest auf den Mund. Das Gesicht meiner Mutter wollte ich nicht sehen. Die Staatsanwältin fuhr fort: „…3 Jahre Freiheitsstrafe für den Angeklagten Cem Ates…“ Mein Gesicht lief rot an und tausende Gedanken rasten durch meinen Kopf, die traurigen Seufzer aus dem Zuschauerraum waren nicht zu überhören. Adnan sollte 2 Jahre auf Bewährung bekommen. Genau das hätte ich mir eigentlich für Cem gewünscht. Meine Mutter weinte. Zwar traute ich mich nicht, sie anzublicken, doch es war deutlich zu hören. Ich war wie gelähmt, und plötzlich stieg die nackte Angst in mir hoch. Angst davor, Cem in die Augen zu schauen und Angst davor, ihn anzulügen, indem ich ihm mitteile, dass die Hoffnung noch nicht gestorben ist.

Ich hoffte einfach nur noch auf das Urteil.

#46 – Same shit, different JVA

Zurück in der JVA Schwäbisch Hall, wurde ich sofort von Herrn Winter auf meine Verlegung angesprochen. „Herr Ates, Sie werden übermorgen in die JVA Stammheim verlegt. Bitte packen Sie morgen alles zusammen.“ Ich stellte mir vor, wie er nun seine eigenen Lieblinge als Reiniger einstellen würde, immerhin waren jetzt 3 Posten freigeworden. Keiner konnte Häftlinge leiden, die sich bei den Beamten einschleimten. Schlussendlich jedoch kam man dadurch zu gewissen Lockerungen, die es durchaus wert waren. Außerdem hatte ich es mir angewöhnt, die Beamten nicht als Feinde oder Gegner zu sehen, sondern als Menschen, die ihrer Arbeit nachgingen. Leider gab es auf beiden Seiten immer welche, die ihre Rolle als Häftling oder Gefängniswärter zu ernst nahmen – die Machtgefälle taten dem Rollenverständnis in der Hinsicht nicht gut und bedurften meines Erachtens nach einer Neuordnung.

So ganz konnte ich mich mit dem Gedanken der Verlegung nicht anfreunden. Die angenehme JVA, der tolle Job und meine Bekannten hier, alles im Tausch gegen eine Zelle mit meinem Bruder? Aber an sich klang das nach einem fairen Deal. Ich war bereits ein alter Hase in der U-Haft, so gut wie niemand sonst war für fast ein Jahr in U-Haft gewesen, schon viel früher bekamen andere ihr Urteil. Dementsprechend kannte ich alle Häftlinge und hatte mit den meisten schon mehr oder weniger Gespräche über Herkunft, Straftat und sonstige persönliche Informationen geführt. Ich verabschiedete mich allerdings von den Haftkollegen wie Savas, Tayfun und Kartal. Obwohl am nächsten Tag meine Verlegung anstand, arbeitete ich am letzten Tag noch als vollwertiger Reiniger weiter. Der letzte Arbeitstag war immerhin auch wichtig für den letzten Eindruck. „Bruder, kannst Du bitte mal schauen, warum meine Wäsche nicht gut riecht? Ich habe extra diesen teuren Weichspüler gekauft, dennoch riecht meine Wäsche nach gar nichts. Riech mal nach dem Waschvorgang an der Wäsche, ob es gut riecht, und dann nochmal, nachdem du sie getrocknet hast. Möchte wissen, ob es an der Waschmaschine oder am Trockner liegt“, sprach Tayfun seinen letzten Wunsch an mich aus. Er war einer der wenigen, die sich tagtäglich rundum und gründlich pflegten. Immer frisch rasiert und mit Niveacreme auf dem gewaschenen Gesicht traf man ihn an. Aber auch ein großes Sortiment an den verschiedensten Duschgels gehörte zu seinem Repertoire. Er hatte sich sogar mal parfümierte Wäsche von daheim zusenden lassen, nur, damit er diese beim Besuch seiner Freundin tragen konnte. Dass die Wäsche nun trotz des teuren Weichspülers schlecht roch, konnte er also gar nicht ertragen. Natürlich konnte ich seinen Wunsch nicht abschlagen, zumal es keine große Sache war. Also begab ich mich in den Waschraum, als gerade der Waschvorgang mit der Wäsche Tayfuns fertig war. Ich neigte mich vor die Waschmaschine, öffnete die Luke und nahm die Wäsche in die Hand. Obwohl ich schon eine Prise des frischen Dufts der Waschmaschine entnehmen konnte, roch ich vorsichtig an der eben herausgeholten Wäsche. Sie roch nach Weichspüler. Plötzlich ging die Tür des Waschraums auf, ein Beamter stand vor der Tür… und blickte mich ziemlich entsetzt an: „Schnüffeln Sie etwa an der Wäsche der anderen Häftlinge?“, fragte er doch sehr verdutzt und war dabei kurz vor einem Lachanfall. Ich lief rot an wie eine Tomate und erklärte ihm die Situation, dass mich ein Mithäftling darum gebeten hatte, dass ich doch nur schauen sollte, warum die Wäsche nicht gut duftete…

„Ja, ist klar“, grinste er mich daraufhin nur an und bat mich in sein Büro. Ich sollte ein paar Unterlagen zur Verlegung unterschreiben.

„Welcher Beamte ist eigentlich morgen da?“, wollte ich von ihm wissen. „Wieso fragen Sie?“, wollte mein Gegenüber wissen. „Naja, morgen werde ich verlegt. Ich möchte nicht schon um 7:00 Uhr in die Wartezelle und dann bis 13:00 Uhr auf den Transportbus warten. Ich habe gesehen, dass je nach Beamter, die Reiniger das Privileg haben, bis 13:00 Uhr in ihrer Zelle warten zu dürfen“, erklärte ich ihm offen und ehrlich. Seiner Mimik konnte ich entnehmen, dass er davon Bescheid wusste, dennoch kam er mir nur halbherzig entgegen: „Ich darf Ihnen nicht sagen, welcher meiner Kollegen morgen Schicht hat. Jedenfalls ist es ein neuer Kollege, den Sie nicht kennen.“ Das war kein gutes Zeichen. So wie er es vorhergesagt hatte, stand am nächsten Morgen auch ein völlig unbekanntes Gesicht vor meiner Zellentür und informierte mich, dass ich mich nach dem Abrücken der Arbeiter bereit machen und zum Arzt gehen solle. Folglich würde ich direkt zur Kammer gehen, meine Sachen abgeben und müsste dann in die Wartezelle. Schnell sprach ich ihn bezüglich der Privilegien, die man als Reiniger genoss, an, und ob ich denn nicht nach der Kammer noch zu meinem albanischen Reiniger – Kollegen in die Zelle könne. „Ich würde auch noch arbeiten bis 13 Uhr!“, bot ich ihm an. Er lachte nur und würdigte mich keines Blickes: „Privilegien? Hier werden alle Häftlinge gleichbehandelt!“ Ich war verärgert: „Ich bin schon seit einem Jahr hier, habe immer gut gearbeitet und alles getan, was die Beamten von mir verlangt haben. Sie können mir doch etwas entgegenkommen? Eine Art Belohnung für gute Dienste?“, doch auch diese Argumente stießen auf taube Ohren. Nachdem ich dann beim Arzt fertig war und meine Sachen in der Kammer abgegeben hatte, konnte ich den Beamten immer noch nicht überzeugen. Als ich sehr enttäuscht von einem anderen Kammer-Beamten in Richtung Wartezelle gebracht wurde, erkannte ich plötzlich einen sehr vertrauten und penetranten Parfümduft. Das war eine Beamtin, mit der ich mich sehr gut verstand! „Frau Habich! Können Sie mir helfen? Ich werde heute verlegt. Die wollen mich in die Wartezelle stecken, bis der Transportbus kommt. Können Sie nicht mit dem Beamten reden und fragen, ob ich bis zum Mittagessen oben auf dem Stockwerk warten kann?“ Ich sah sie ziemlich verzweifelt an. Sie konnte wohl nicht widerstehen und war überrascht, dass ich verlegt wurde: „Ach nein, Du wirst verlegt? Ich kümmere mich darum!“ Keine fünf Minuten vergingen in der Wartezelle, als der neue, nun mies gelaunte Beamte die Zellentür öffnete: „Herr Ates, ich weiß nicht, wie Sie das gemacht haben…Aber nur bis zum Mittagessen! Danach gehen Sie wieder hier runter wie alle anderen.“ Ich hatte mich schon seit geraumer Zeit nicht so gut gefühlt – so von Erfolg gekrönt!

Schlussendlich saß ich dann wie jeder andere auch in einer engen Kabine im Transportbus und malte mir einen Unfall aus. Niemals würden wir lebend aus dem Bus kommen – nicht bei den verschlossenen Türen und diesen beengten Verhältnissen. Eine halbe Ewigkeit verging, als ich dann vor diesem runtergekommenen Gebäude stand. Es war genauso hässlich und düster, wie ich es in Erinnerung hatte! Lustiger weise wurde ich in dieselbe Transportzelle verlegt, wie vor einem Jahr – Zelle 39. Diesmal mit einem breit gebauten Kurden und einem Polen in der Zelle. Ersterer kam erst von seinem Mexico-Urlaub zurück, er war im Spring-Break in Cancun gewesen. Letzterer bestätigte das Klischee über Polen – er hatte Autos geklaut. Der Kurde war aus der Red Legions Gruppe und war verwundert, als ich ihm einige kurdischen Namen aufzählen konnte – Häftlinge der Red Legions, die ich aus der JVA Schwäbisch Hall kannte. Es war ein Jahr vergangen, niemals hätte ich mir erträumt, wieder hier in der Zelle zu stehen. Das Einzige, was sich verändert hatte, war meine Erfahrung und eventuell meine Persönlichkeit. Was sich nicht verändert hatte, war die Tatsache, dass ich keine Lust hatte, in einer Toilette mein Geschäft zu verrichten, während mir meine Zellenkollegen dabei zuschauen konnten. Als der Hofgang anstand, wollte ich in der Zelle bleiben. „Das geht so nicht. Entweder alle gehen in den Hofgang, oder alle bleiben in der Zelle!“, herrschte uns der mehr als unfreundliche Beamte an. „Wie jetzt? Wieso darf ich nicht alleine in der Zelle bleiben? Ich muss scheißen“, erklärte ich ihm böse. „Ihr seid alle suizidgefährdet, ihr dürft nicht alleine in der Zelle bleiben.“ Diese Begründung war mehr als absurd. „Was? Ich bin seit einem Jahr in Haft, warum sollte ich gerade jetzt suizidgefährdet sein?“, war meine mehr als berechtigte Frage darauf. Die Begründung war abermals unbefriedigend: „Alle Neuankömmlinge werden so eingestuft, bis der Arzt eine Untersuchung vorgenommen hat.“ Und selbstverständlich war ich wieder mal an einem Wochenende verlegt worden, musste also bis Montag warten. Auch, wenn es meinem Darm keineswegs guttat, blieb ich das Wochenende stark und flehte die Beamten bei der „Erstaufnahme“ an, mich in eine Einzelzelle zu stecken. Sauer war ich dann auf den offensichtlich homosexuellen Häftling, der mit mir in die oberen Stockwerke verlegt wurde, als er mir im Aufzug nach oben mitteilte, dass ich niemals eine Einzelzelle bekommen würde: „Die Einzelzellen sind heiß begehrt, da ist nichts mehr übrig. Du musst sicherlich mit mir in die Zelle.“ Mein einsetzendes Kopfkino gefiel mir ganz und gar nicht… das konnte der sich gleich mal abschminken. Glücklicherweise hatte er unrecht, die Beamtin brachte mich in eine Einzelzelle – die für mich heilige Toilette stand da und wirkte sehr einladend auf mich. Doch bevor ich meinen langersehnten Stuhlgang erledigen konnte, musste die Beamtin wohl auch dringend etwas los werden: „Wissen Sie, wessen Zelle das ist? Hier hat sich ein Terrorist umgebracht.“ Ich schaute sie fragend an, ich befand mich im 7. Stock, in einer Zelle ganz hinten im Flur: „Äh, wie jetzt? Ein Islamist oder wie?“ Sie lachte wie eine Hexe: „Haha nein, ein RAF Terrorist!“ Mein einziger Gedanke war: „Wow – ich scheiß mir gleich in die Hose!“

Einige Tage musste ich noch bis zum vierten Verhandlungstag warten. Diese Tage waren mitunter die schlimmsten meiner Haftzeit. Ich musste tatsächlich 23 Stunden in der Zelle verbringen, 1 Stunde Hofgang gab es nur morgens um 7:00 Uhr, duschen durfte man nur zwei Mal in der Woche, maximal für 10 Minuten, das Essen war mehr als schlecht und die Fenster sehr klein. Ich fühlte mich erst jetzt wirklich gefangen – das davor war dagegen noch erträglich gewesen.

Von meinem kleinen Fenster aus hatte ich einen guten Blick auf den Hofgang, und auch, wenn die Leute schwer zu erkennen waren, hätte ich Cem sicherlich erkennen können. Meinen Antrag auf eine gemeinsame Zelle mit ihm hatte ich bereits abgegeben – ich hoffte, dass er diesmal durchgehen würde. Als ich im Hof lauter Jugendliche sah – keiner wirkte älter als 20 Jahre – rief ich nach Cem. Plötzlich blieb einer der Jugendlichen stehen und blickte hoch: „Wer bist Du?“, schrie er hoch, und suchte nach meinem Fenster. „Hier bin ich! Kennst Du Cem? Ich bin sein Bruder!“, rief ich runter. „Ah, bist Du sein Bruder? Ja, ich kenne ihn! Er ist mit mir auf dem Stockwerk!“ Er hatte mich nun entdeckt. „Wo ist er? Kannst Du ihn rufen?“, fragte ich interessiert. „Er schläft. Der Hofgang ist ihm zu früh am Morgen!“ Das war typisch Cem. Ich bat ihn darum, Cem mitzuteilen, dass sein Bruder da sei und, dass er bitte zum Hofgang kommen möge. In meinem Hofgang lief ich alleine im Kreis herum, keiner sprach mich an – bis auf diesen alten türkischen Mann. Was er getan hatte, fragte ich nie, alles, was mich interessierte, betraf meinen Bruder. Dementsprechend war ich erfreut, als der alte Türke mir versicherte, dass es bei den Jugendlichen lockerer zu Sache ginge – Freizeit, Sportaktivitäten, Unterricht und dergleichen stand auf dem Tagesplan. Enttäuscht war ich dann von Cem, als er die nächsten Tage nicht zum Hofgang erschien, obwohl ich mehrmals nach ihm rufen ließ: „Doch, aber er ist einfach zu faul. Er kann nicht so früh aufstehen“, antwortete mir der jugendliche Häftling vom Hofgang, als ich ihn  – wohl eher rhetorisch – fragte, ob er denn Cem nicht mitgeteilt hatte, dass sein Bruder da sei.

Enttäuscht darüber, meinen Bruder nicht sehen zu können, versuchte ich, die Zeit irgendwie herumzubekommen. Mein Hass auf die TV-Programme kam wieder hoch, ich wollte nicht anderen Leuten dabei zusehen, wie sie ihr Leben in Freiheit lebten. Das Essen kam mir auch immer wieder hoch, mir fehlte Nervennahrung – bis zum Einkauf musste ich mich noch eine Weile gedulden. Auch hatte ich keine wirklichen Kontakte, es gab nur eine Stunde Hofgang pro Tag, es war mir schlicht unmöglich, mich zu „integrieren“. Die Beamten hier schienen viel kälter drauf zu sein, wenn die Tür aufging und man eine Frage hatte, versuchten sie, einen schnell abzuwimmeln – man musste die Tür regelrecht gegendrücken, um mehr Zeit zum Reden zu gewinnen. Bei Nachfragen zu Anträgen wurde man abgespeist: „Ich habe schon vor ein paar Tagen einen Antrag abgegeben, mit der Absicht, in eine Zelle mit meinem Bruder verlegt zu werden. Wann bekomme ich da Rückmeldung?“, wollte ich wissen, als mir die Beamtin zum Abendessen einen Besucherzettel in die Hand drückte. Sie wusste mal wieder von gar nichts und haute mir die Tür vor dem Gesicht zu. Wenigstens hatte ich hier zwei Stunden Besuch, anders als in Schwäbisch Hall – dafür aber auch nur alle zwei Wochen. Die Tage bis zum Besuch vergingen, ohne, dass ich meinen Bruder gesehen hatte.

Ganz früh stand ich auf, damit ich mich frisch machen konnte. Meine Anwältin war vor der Verhandlung zu Besuch gekommen, um mit mir den aktuellen Stand zu besprechen: „Oh meine Güte, wie sehen Sie denn aus? Stammheim tut Ihnen gar nicht gut. Sie haben ja tiefschwarze Augenringe.“ Ich teilte ihr mit, dass Stammheim einem alles abforderte und ich mich alleine in der Zelle total schlecht fühlte. Ich konnte mir einfach nicht erklären, wie zwei JVAs im selben Bundesland so unterschiedlich sein konnten. Doch vor meiner Mutter wollte ich nicht schwach wirken, ich wollte nicht, dass sie sich unnötig mehr Sorgen macht – die Nivea Creme sollte Abhilfe schaffen. Mit Motivation und Vorfreude folgte ich dann der Beamtin zum Aufzug. Das System war hier völlig anders, wahrscheinlich wegen der Größe der JVA. Die Stockwerksbeamtin übergab mir einen Zettel, und während ich sie fragend anblickte, erklärte sie mir, dass dies ein Laufzettel sei: „Zeig das den Beamten, die führen Dich dann damit zum Besucherraum. Verlier den Zettel nicht.“ Das war wohl sowas wie ein Eintrittsticket in den Besucherraum. Ich wartete vor dem Aufzug. Aufgrund der langen Wartezeit verstand ich auch, weshalb ich bereits eine Stunde vor Besuchsbeginn von der Zelle abgeholt worden war. Als der Aufzug ankam, kamen ein paar Häftlinge raus. Ein Beamter mit dem magischen Aufzugsschlüssel fragte mich, wo ich hinmüsse. Ich zeigte ihm den Laufzettel und begab mich in den Aufzug. Bis wir ganz unten ankamen, kamen in jedem Stockwerk neue Häftlinge hinzu, es gab einen regelrechten Häftlingsverkehr. Als meine Blicke im Aufzug umherschweiften und ich versuchte, den anderen Häftlingen – sie wirkten viel gefährlicher als jene in Schwäbisch Hall – nicht in die Augen zu schauen, blieb mein Blick an dem Arsch des Beamten hängen. Ich musste mir das Lachen stark verkneifen.  Der Beamte hatte einen viel zu fetten und festen Arsch, der sehr markant vom restlichen Körper abstand – es sah aus wie operiert. Noch nie zuvor hatte ich sowas gesehen und ich denke, als Frau wäre er sicherlich schon von so manch einem Häftling angebaggert worden. Wobei, als Mann in einer JVA – man weiß nie, was für Häftlinge mit einer wie auch immer gearteten Orientierung sich hier aufhielten.

Im Warteraum angekommen, machte ich es mir in einer Ecke gemütlich. Noch war kein anderer Häftling im Besucherraum. Ich freute mich wie ein kleines Kind auf meine Mutter – vor allem aber auf die Schokolade. Von einem Häftling im Hofgang hatte ich erfahren, dass der Besuch bis zu 10 EUR Waren für den Häftling kaufen durfte. Schokolade für 10 EUR sollte mir bis zur Verhandlung erstmal reichen. Als die Tür des Warteraums aufging, wollte ich mich schon aufrappeln, um zum Besucherraum zu gehen. Statt meiner Eltern kam ein junger Mann herein: Die Haare waren zerzaust, die Augen dick angeschwollen und ein starker Zigarettengeruch umhüllte ihn, als er mich angrinste. „Ach Du meine Scheiße! CEM!“ Ich umarmte ihn – er erwiderte die Umarmung nur halbherzig. „Was geht, Lan? Man, Du siehst voll fertig aus!“ Ich war total aufgeregt. „Haha, Bruder, es ist so früh Lan, die kommen immer so früh.“ Wir plauderten etwas über das letzte Jahr und ich war erleichtert, als er mir mitteilte, dass er als Jugendlicher nicht 23 Stunden in der Zelle war. Er hatte Freizeit, Sportaktivitäten und auch für seine Bildung konnte er hier etwas tun. Als ich ihm versicherte, dass er zum Urteil rauskommen würde, wurde er sauer. „Sag das nicht, sonst komm ich nicht raus“, meinte er. „Na gut, dann kommst halt nicht raus“, grinste ich. „Nein, sag das auch nicht, dann komm ich erst recht nicht raus!“ Er meinte es wohl ernst, etwas abergläubisch war er immer gewesen. Die Zellentür des Warteraums ging erneut auf, die Beamtin blickte besorgt in unsere Richtung: „Leider kann nur Cem Ates zum Besuch. Herr Emre Ates, Sie müssen wieder in die Zelle.“ Die Aussage traf mich wie ein Schlag ins Gesicht: „Aber wieso?“ Sie hielt einen Zettel in der Hand: „Ihre Mutter hat nur eine Besuchsbescheinigung für die JVA Schwäbisch Hall, sie hätte eine für Stammheim beantragen müssen. Es tut mir Leid. Das nächste Mal dann.“ Dass ich mit Beamten, vor allem wenn ich sie nicht kannte, nicht verhandeln konnte, war mir bereits klar. Doch ich wollte es nicht unversucht lassen: „Kann mir meine Mutter bitte wenigstens Schokolade kaufen? Ich brauch die Nervennahrung echt dringend.“ Sie verneinte natürlich – kein Besuch, kein Einkauf. Mein Bruder fragte die Beamtin, ob er mir seine Schokolade geben könne, die er vom Besuch erhalten würde. Sie verneinte erneut. Ich umarmte meinen Bruder und bat ihn, doch wenigstens mal zum Hofgang zu kommen, damit ich vom Fenster aus mit ihm sprechen konnte. Er bejahte, und ich wurde in eine andere Wartezelle geführt. In der nächsten Wartezelle befand sich bereits ein Häftling, der es sich auf der Bank gemütlich gemacht hatte. Es gab eine Wartezelle für diejenigen, die zum Besuch wollten, und eine andere Wartezelle für die Häftlinge, die soeben wieder vom Besuch kamen. Sie wurden dann alle auf einmal vom Aufzugsbeamten abgeholt. Ich wusste in dem Moment fast nicht, was schmerzhafter war – meine Familie nicht zu sehen, oder meine Schokoladenration für die nächsten Tage nicht zu bekommen. Letzteres hätte mir mit dauerhafter Wirkung die Zeit in der Zelle buchstäblich versüßt. Da ging die Wartezellen-Tür erneut auf, die Beamtin stand mit einer Tüte voller Süßigkeiten vor mir und übergab mir diese. Ich wusste nicht, wie mir geschah: „Es ist von ihrem Bruder“, meinte sie. Ich hatte zwar nie Weihnachten gefeiert, doch so müsste sich ein Beschenkter am 24. Dezember fühlen, da war ich mir sicher.

Bis zum Verhandlungstag konnte ich meinen Bruder nochmals sehen. Als ich vom Fenster meiner Zelle hinausblickte, hörte ich ihn nach meinem Namen rufen. Wir plauderten ein wenig, vor allem über das TrueCrypt Passwort. „Hättest Du das Passwort doch bloß nicht verraten, dann wären wir schon längst draußen.“ Damit hatte er wohl nicht ganz unrecht. Seine Häftlingskollegen um ihn herum schienen überrascht zu sein, als ich Cems Aussagen bezüglich der Verschlüsselung der Rechner bestätigte.

Der vierte und vorletzte Verhandlungstag stand an. Diesmal war ein BKA – Beamter mit IT-Background aus Rosenheim da. Er hatte einen Beamer aufgesetzt und seinen Rechner damit verbunden. Er erzählte, welche Daten sie auf unseren Rechnern gefunden hatten und wie sie auf die ICQ-Chatverläufe gekommen waren. Viel Interessantes war da nicht zu hören, im Grunde genommen ging es doch allen nur um die Verschlüsselung. Die Richterin wollte wissen, ob die Wahrscheinlichkeit 0% betrage, das Passwort knacken zu können – so hätten es seine Kollegen behauptet. Der IT-Beamte versuchte, ihr das detaillierter zu erklären: „Im Grunde genommen ist alles knackbar, die Frage betrifft eher die benötigten Ressourcen und Zeit. Doch mit unseren Mitteln hätten wir aufgrund der Komplexität des Passworts keine Entschlüsselung vornehmen können.“ Dass das ein gefundenes Fressen für die Richterinnen war, konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht ahnen. Denn nach meiner Beurteilung hatte der IT-Beamte recht, er hätte nur erwähnen sollen, dass er wahrscheinlich mehrere hunderte Jahre gebraucht hätte sowie eine enorme Rechenpower. „Sie meinen also, mit genug Ressourcen und genügend Zeit hätten Sie den Rechner knacken können?“, fragte die Richterin interessiert. Der IT-Beamte versuchte ihr zu erklären, dass es nicht mit einem einfachen „Ja“ zu beantworten ist: „Naja, also mit genug Ressourcen und einer Menge Zeit vielleicht und selbst dann ist es nicht sicher.“ Die Richterin fragte mehrmals nach, nie kam ein eindeutiges „Ja“ oder „Nein“. Bis dann die Hauptvorsitzende sauer wurde: „Ja oder Nein? Kann man mit den nötigen Ressourcen und genug Zeit das Passwort knacken – Ja oder Nein?!“ Der IT-Beamte fühlte sich wohl angegriffen und ergab sich der Beharrlichkeit der Richtern. Er kämpfte kurz mit sich, man sah ihm an, dass er nicht eindeutig darauf antworten wollte – schlussendlich tat er es dennoch: „Ja – mit genug Ressourcen und Zeit, Ja.“ Mein Gesicht lief rot an, als ich daraufhin die Aussage der Richterin zu Ohren bekam: „Also können wir feststellen, dass die Ates Brüder mit der Herausgabe des Passworts nur die Ermittlungen beschleunigt haben – es war auch in ihrem eigenen Interesse, dass die Ermittlungen frühzeitig beendet werden.“ Ich stand auf, meine Hände zitterten, ich stotterte: „Wollen Sie mich verarschen? Wie realitätsfern kann man sein? Die scheiß Ermittlungen haben mehr als 6 Monate gedauert, OBWOHL ich das blöde Passwort verraten habe! Die Verhandlungstermine waren nach einem verdammten Jahr, OBWOHL ich kooperiert habe! Dann kaufen Sie doch bitte die verdammten Quantenrechner und ich warte gerne in Freiheit, bis Sie das komplexe Passwort knacken! Ohne Beweise hätten Sie uns keine 6 Monate in U-Haft halten können! Ohne Passwort keine Beweise! Nicht mal das Wasser meiner Anwältin durfte ich annehmen, als ich stundenlang vor Gericht sprechen musste! Wie unmenschlich sind Sie eigentlich!“ – Leider spielte sich das alles nur in meinem Gedanken ab. In Wirklichkeit saß ich eingefroren auf meinem Sitz und bereute es zutiefst, je mit der Justiz kooperiert zu haben. Die Hoffnung hatte ich dennoch nicht verloren. Erst mal abwarten bis zum Urteil, dachte ich mir.

Die Mittagspause stand an und auf meinem Weg zur Wartezelle sah ich mal wieder Abde. Er wurde von zwei Beamten festgehalten, er hatte eine Bauchschelle um, an der seine Hände gekettet waren. „Ach Du meine Güte, was ist los?“, wollte ich von ihm wissen, als er von den Beamten mit voller Kraft an mir vorbeigezerrt wurde: „Was soll schon passiert sein? Diese Arschlöcher haben mir 12 Jahre gegeben.“ Mitleid hatte ich gewiss nicht mit ihm und musste plötzlich daran denken, wie mich andere Leute sahen. Es gab sicherlich bessere Menschen als mich, die mich genauso ansahen, wie ich Abde ansah – sie hätten sicherlich auch kein Mitgefühl. Doch das wollte ich auch gar nicht, ich wollte einfach nur eine Zukunft, ein Studium beginnen, ich wollte ehrenhaft leben. Gehörte dazu auch, dass ich Kooperationen mit der Justiz nicht bereuen durfte? Diesmal durfte ich gemeinsam mit Cem in einen Warteraum. Das Topthema war bekannt und das Fazit simpel: „Wenigstens ist jetzt alles raus und es kann im Nachhinein nichts mehr kommen. Nach der Entlassung müssen wir nichts mehr befürchten.“ Dieser Gedanke war befriedigend.

Nach der Mittagspause war ein Vertreter der Deutschen Bahn dran. Als ich ihm zuhörte, wie er von finanziellen Schäden berichtete und wie sie die Zahlungsmethode einfach halten wollen, damit es kundenfreundlich ist, obwohl damit der Kreditkartenbetrug einfach ist – hörte ich, wie die Tür des Gerichtssaals aufging. Ich blickte zur Tür und erstarrte.

Tränen schossen in meine Augen, mein Herz raste wie verrückt und eine Gänsehaut machte sich auf meiner kompletten Haut breit. Ich wollte aufstehen und sie fest an mich drücken, an ihren Haaren riechen, sie an ihren Grübchen küssen und sagen, wie sehr ich sie vermisse und liebe. Ich wollte nochmal hören, wie sie „Abi“ (Bruder) zu mir sagt und mir dabei etwas Kindliches zeigt, ein selbstgemachtes Bild, ein gebasteltes Tier – meine kleine Schwester, mein kleiner Engel war da. Meine Zwillingsschwester führte sie an ihrer Hand auf einen Sitzplatz. Meine kleine Schwester sah mich sofort und strahlte mit einem so goldigen Lächeln, dass alle Sorgen vergessen waren, alles um mich herum war egal. Als der Vertreter der Deutschen Bahn weiter redete, wurde ich kurz involviert – die Frage hieß, wie ich gedachte, den Schaden wieder gut zu machen. „Ich möchte auf alle Fälle studieren. Danach würde ich in monatlichen Raten den Schaden zurückbezahlen“, war meine knappe Antwort und ich verschwand wieder in den Tunnelblick in Richtung meiner kleinen Schwester. Und dann machte sie etwas so Süßes, das brannte sich auf ewig in meine Gedanken ein. Ich weiß es heute noch so klar wie damals:  Mit ihren süßen Kinderhänden machte sie ein Herzchen-Symbol und machte eine Kussbewegung mit ihren Lippen. Ich grinste und machte ebenfalls ein Herzchen-Symbol und gab ihr einen Kuss durch den Gerichtssaal. Sie lächelte. Erneut wurde ich von der Richterin unterbrochen: „Herr Ates, ich kann die Freude über die Familienzusammenführung verstehen, aber konzentrieren Sie sich bitte auf die Verhandlung. Ich genehmige Ihnen später, zu Ihrer Familie zu gehen, bevor Sie abgeführt werden.“ Ich bedankte mich und hörte weiter dem Vertreter der Deutschen Bahn zu. Ob eine Zivilklage folgen würde, wäre noch zu bedenken – so die Worte des Zeugen. Nachdem auch er fertig war, wurden wir alle gefragt, ob wir noch etwas zu sagen haben. Als alle verneinten, wurde die Verhandlung beendet, das nächste Mal sollten die Plädoyers der Anwälte und des Staatsanwaltes folgen. Zudem stand auch das Urteil beim nächsten Mal an.

Ich fragte nochmals höflich nach, ob ich zu meiner kleinen Schwester dürfte. Die Richterin bejahte und machte den Beamten, der mir eine Handschelle anlegen wollte, darauf aufmerksam, dies sein zu lassen. Nachdem ich mich nach langer Sehnsucht mit meiner kleinen Schwester ausgetauscht hatte und ihr Geruch familiäre Gefühle in mir hervorgerufen hatte, betonte ich vor ihr nochmals, wie sehr ich sie lieben würde. Meine Mutter weinte, ich umarmte auch meine Eltern. Nachdem ich sie gebeten hatte, den Saal zu verlassen, legte mir der Beamte die Handschellen an – meine kleine Schwester sollte das nicht sehen. Mit dem Transporter wurden dann Cem und Ich zurück in die JVA verlegt. „Hey, hast Du nicht Kontakte zu den Beamten? Kannst du nicht dafür sorgen, dass wir gemeinsam in eine Zelle können?“, wollte ich auf der Fahrt von meinem Bruder wissen. „Ich habe das schon probiert. Die sagen, dass du einen schlechten Einfluss auf mich hättest und die das nicht machen. Außerdem darfst du nicht in die Jugendabteilung, wenn dann müsste ich in die Erwachsenenabteilung, und dort hab ich dann nicht die gleichen Vorteile. Aber das ist mir egal, ich sag denen, dass ich zu dir will“, erklärte mir Cem ausführlich. „Geht klar, musst Du wissen. Du kannst auch gerne bei den Jugendlichen bleiben. Hast du eigentlich Schokolade? Meine ist wieder ausgegangen, ich dreh durch.“ Auf meine Nachfrage bot mir Cem an, mir Schokolade schicken zu lassen, über die Reiniger würde der Transfer wohl laufen.

Das war mein Stichwort, ich musste schauen, dass ich in Stammheim wieder den Posten als Reiniger gewinne. Ich weiß nicht, ob es an meiner Erfahrung lag, doch meine Strategie war simpel. Täglich stand ich früh auf, machte mein Bett, putzte meine Zelle, machte mich frisch und wartete darauf, dass die Zellentür um 6:00 Uhr aufging. Den Antrag für den Reiniger hatte ich bereits abgegeben, als ich das erste Feedback der Beamtin bekam: „Das ist ja vorbildlich. Immer sauber und ordentlich in Ihrer Zelle.“ Ich erklärte ihr, dass ich mich so wohler fühlen würde und Wert auf Sauberkeit lege – „Mit Dreck kann ich nicht leben“, betonte ich. Keine zwei Tage vergingen, da ging meine Zellentür zu einem ungewohnten Zeitpunkt auf.

„Hallo, ich bin Herr Leder und Abteilungsleiter der ersten zwei Stockwerke. Das sind die Arbeiterstockwerke. Sie waren Reiniger in der JVA Schwäbisch Hall und möchten nun hier Reiniger werden?“

 

#45 – Zurück zum Anfang

Der erste Verhandlungstag war zu Ende.

Ich befand mich nun wieder in der JVA in Schwäbisch Hall und ging meiner täglichen Arbeit nach. Kaum hatte ich den Auftritt meines Bruders verdaut, machte sich schon die Aufregung aufgrund des zweiten Verhandlungstags in mir breit. In einer Woche würde es wieder soweit sein. Ich überbrückte diese Woche voller Nervosität damit, allen möglichen Häftlingen von meinem Debüt im Gerichtssaal zu erzählen. ‘Ein intelligenter Mensch lernt aus seinen Fehlern – ein weiser Mensch aus den Fehlern der anderen.‘ Ich weiß nicht, wer dieses Zitat als erstes von sich gegeben hatte, aber es passte perfekt zu den U-Häftlingen, die aus den Erfahrungen der anderen alles mitnahmen, was sie nur konnten – sie hörten alle meiner Erzählung über den ersten Verhandlungstag sehr aufmerksam zu.

Sie wollten wohl – was wirklich weise war – aus meinen Fehlern lernen. Oder eben aus denen meines Bruders.

Aus den Fehlern meines albanischen Reiniger-Kollegen sollte auch ich lernen. Ihm war der Posten als Reiniger entzogen worden.

Ein U-Häftling hatte mehr Glück als ich gehabt und wurde an seinem ersten Verhandlungstag entlassen. Wir Reiniger mussten seine Zelle räumen. „Hey Emre, wie hat der denn so ein schwarzes Buch bekommen?“, fragte mich mein albanischer Reinigerkollege, während ich die Bettwäsche des entlassenen Häftlings in Kisten packte. „Was soll das denn sein?“, fragte ich verwundert. „Da stehen so Fitness-Sachen drin. Informationen über Anabolika und der ganze Kram. Ich behalte das.” Er schien fasziniert von dem Inhalt, als er die einzelnen Seiten durchblätterte. Dabei war sein Deutsch mehr als nur schlecht. In den letzten Wochen hatte ich in seinem Namen Briefe an seine Freundin auf Deutsch verfasst, da er dazu aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse nicht in der Lage gewesen war. Die Briefe in der U-Haft mussten, bzw. sollten auf Deutsch sein, wenn man längere Wartezeiten verhindern wollte. Wenigstens lernte ich dabei ein paar (wenn man so will, allgemeinbildende) albanische Sprichwörter, die wir gemeinsam ins Deutsche übersetzten. Eines davon lautete „Shpirti Jam“, was wohl „Meine Seele“ bedeutete.

“Das fällt doch sofort auf, leg das in die Kiste. Ich habe keine Lust auf Ärger“, war meine etwas nervöse Antwort. Vor Allem während meiner Verhandlungstage konnte ich mir keinen negativen Vorfall leisten. Endspurt! Er jedoch hatte es sich fest in den Kopf gesetzt, das Buch an sich zu nehmen, wollte wohl dennoch auf Nummer sichergehen: Als wir alles in die Kisten gepackt hatten und der junge Beamte, der aktuell Dienst hatte, den Wagen abholte, wurde jener mit einer ungewöhnlichen Frage des albanischen Reinigers konfrontiert: „Darf ich das Buch behalten?“ Noch ungewöhnlicher erschien mir jedoch die Reaktion des Beamten: „Mir egal, mach halt.“ Gesagt, getan – er verschwand mit dem schwarzen Buch in seiner Zelle. Der andere Reiniger, Yilmaz, befand sich bereits in der Strafhaft. Er hatte vor einiger Zeit sein Urteil bekommen, das er der allgemeinen Ansicht nach mehr als verdient hatte. Wir würdigten ihn keines Blickes mehr, da er seine Frau auf abscheulichste Art und Weise zusammengeschlagen hatte. Dennoch hatte er Berufung eingelegt. Was genau daraus geworden war, erfuhr ich nicht mehr, da er in eine andere JVA  verlegt wurde. Dementsprechend waren wir aktuell nur zwei Reiniger, so schien es an potentiellen Kandidaten zu mangeln. Einige Tage vor meinem zweiten Verhandlungstag rief Herr Winter uns zwei Reiniger in sein Büro. Wir erinnern uns: Wenn Herr Winter da war, musste man aufpassen, ja keine Fehler zu begehen. Die Bestrafung erfolgte während seines Dienstes in der Regel sofort. Sobald Herr Winter einen ins Büro rief, war klar: man hatte bereits den Fehler begangen, und das Wichtigste war dann, bloß nicht zu lügen! Das wusste auch der albanische Reiniger. „Ich habe einen Anruf von einem entlassenen Häftling bekommen. Ihm fehlt seltsamerweise ein schwarzes Buch. Einer von euch sagt mir jetzt, wo das Buch ist, oder euch beiden wird gekündigt.” Er blickte uns strafend  an. Keine drei Sekunden vergingen, als der albanische Reiniger gestand. Er verriet jedoch nicht, dass er einen jungen Beamten während der Räumung informiert hatte. „Sie bringen mir jetzt das Buch. Eine Woche dürfen Sie noch arbeiten, bis wir Ihren Nachfolger bestimmt haben“, ordnete Herr Winter an. Die Widerrede meines Kollegen war wirkungslos. „Aber Herr Winter, das tut mir echt Leid, bitte geben Sie mir eine zweite Chance!“ – „Seien Sie mal froh, dass ich keine weiteren Maßnahmen vornehme. Das ist Diebstahl, was Sie getan haben!“ Wo er Recht hatte, hatte er halt leider Recht.

Der zweite Verhandlungstag stand an und wieder fuhr ich in dem Transporter zum Landgericht Stuttgart. Wo anfangs bei der Fahrt beruhigende Gefühle in mir herrschten, machte sich kurz vor dem Ziel Übelkeit und Aufregung breit. In der Wartezelle traf ich wieder Abde an, die Gebetskette an seiner rechten Hand, die linke Hand an seinem Ziegenbart, grinste er mich an. Nach einer weiteren Unterhaltung mit ihm, die ich mir lieber gespart hätte, befand ich mich kurz darauf wieder auf der Anklagebank.

Die Richterinnen waren mit Cem noch nicht fertig.

„Was würden Sie nach einer Entlassung tun?“, wollte die Richterin von Cem wissen. Diesmal hatten alle eine ernste Mimik aufgesetzt. „Ich will Schule machen”, lautete Cems Antwort. „Laut der Akten waren Sie dabei, Ihre Mittlere Reife nachzuholen. Allerdings hat eine Nachfrage bei der Schule ergeben, dass Sie eine bedeutsame Menge an Fehltagen haben, denken Sie, Sie hätten die Mittlere Reifeprüfung bestanden?“, fuhr die Richterin fort. Die wollte es wohl genau wissen. „Ja, also, ich war zu den Prüfungen zugelassen, aber ich war ja dann in Haft und konnte nicht zur Prüfung. Wir haben auch probiert, dass ich von der JVA aus an der Prüfung teilnehmen kann. Die Schule war damit einverstanden, die JVA allerdings nicht. Sonst hätte ich die Prüfungen geschrieben.” Als Cem dies erzählte, schien irgendwie jedem im Raum klar zu sein, dass er die Prüfungen nicht ohne Weiteres bestanden hätte. Ein alleiniges Schreiben der schulischen Prüfungen reicht eben nicht aus zum Bestehen, da in der Schule mehrheitlich Anwesenheitspflicht in den Fächern besteht. Die Richterin kam mit einem Angebot auf Cem zu: „Falls Sie nicht entlassen werden, werde ich eine Verlegung zur JVA Adelsheim beantragen. Dort können Sie ihren Abschluss nachholen.“ Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Von der JVA Adelsheim hatte ich bereits einiges gehört – aber nur schlimmes. Es war ein Jugendgefängnis, alle Halbstarken mussten sich dort durch Schlägereien beweisen. In Adelsheim ging es tatsächlich hart zur Sache, die Erwachsenen in anderen JVAs waren in solchen Punkten beruhigter und irgendwie auch charakterlich gefestigter. Ich kann mich noch erinnern, als sich unter den Häftlingen rumgesprochen hatte, dass im Hofgang in der JVA Adelsheim eine Massenschlägerei stattgefunden hatte. Mehrere Beamte wurden dabei schwer verletzt, Hunderte Häftlinge bekamen besondere Sicherheitsmaßnahmen. So wie ich Cem einschätzte, würde er seine Aggressionen dort rege ausleben und eventuell noch welche dazu bekommen.

Nun war der dritte und letzte in unserem Bunde dran, alle Augen richteten sich auf Adnan. Er erzählte, wie er damals von mir in das „Geschäft“ eingeweiht wurde, da ich von seinen Geldnöten gewusst hatte. „Ich habe meine Ausbildung beendet und brauchte Geld für den weiteren Bildungsweg, bzw. um ein Studium aufnehmen zu können. Ich hatte mich bereits an die Ausbildungsvergütung gewöhnt und konnte mir nicht vorstellen, am Existenzminimum zu leben.“ Während er seine Begründung für die Entscheidung, mit mir Betrug zu begehen, mitteilte, wurde er mit verständnisvollen Gesichtern konfrontiert. Er erzählte, wie mein Bruder und ich uns verstritten hatten, wie er einige Ticketverkäufe für mich übernahm, während ich einer Ferientätigkeit nachging, und wie es zu seinem Entschluss kam, aufzuhören. „Ich hatte mir eine Playstation Spielekonsole gegönnt … von dem Geld, welches ich von Emre bekam. Mit der Konsole in meinem Wagen fuhr ich gerade vom Media Markt nach Hause, als ich dann einen Unfall baute. Ich hatte große Angst vor dem Tod und dachte die ganze Zeit nur daran, was für ein schlechter Mensch ich geworden war. Ich hatte das „schmutzige“ Geld in meiner Tasche und das alles nur für eine Konsole? Ich war fest davon überzeugt, dass das ein Zeichen von Gott war. Ich wurde diesmal verschont. Mein Entschluss stand fest, ich wollte aufhören. Doch Emre kam mir zuvor. Er meinte, der Bankdrop wäre vom Automaten eingezogen worden und er habe nicht vor, einen neuen Bankdrop zu kaufen. Er wolle auch aufhören. Von dem Zeitpunkt an ging ich davon aus, dass auch er aufgehört hatte. Wir hatten danach auch keinen regelmäßigen Kontakt mehr…“, seine Erzählungen waren durchgehend wahr. Mir hatte er damals tatsächlich von dem Unfall erzählt. Mir kam es generell so vor, als würden die Richter Adnan schonen, sie stellten nicht viele Fragen, akzeptierten seine Aussagen und auch sonst hakten nicht nach, trotz mancher eindeutiger Indizien. So beispielsweise bei der SMS, von der ich vermutet hatte, dass sie zu seinem Verhängnis werden könnte. Es war wichtig, dass wir nicht als Bande verurteilt würden. Noch wichtiger war es, dass ich Adnan nicht unnötig in die Scheiße reiten würde, was mein ohnehin schlechtes Gewissen noch verstärkt hätte. „Sie haben Emre kurz vor seiner Verhaftung eine WhatsApp-Nachricht geschrieben, die wie folgt lautet”, die Richterin begann, zu lesen:

„Adnan: „Hey Bro, was geht, was machst Du so?“

Emre: „Hey Bro, mir geht es gut. Studiere jetzt wieder in Esslingen, chill gerade daheim. Was machst Du so, wie läuft die Schule?“

Adnan: „Ah super, ich fang hoffentlich auch nach dem Sommer mit dem Studium an. Mir geht es nicht so gut. Können wir uns mal treffen?“

Emre: „Oh, was ist denn los? Ja, klar. Um was geht es genau?“

Adnan: „Ich brauche bisschen Hilfe. Können wir wieder was machen?”

Was können Sie mir dazu sagen?”

Die Richterin sah seltsamerweise mich an, anstatt eine Erklärung von Adnan zu verlangen. Ohne, dass sie mich etwas gefragt hätte, antwortete ich sofort an Adnans statt mit einer Lüge: „Ja, ich kenn die SMS. Er wollte wieder mal ins Kino und bisschen zocken. Hatten schon lange nichts mehr gemeinsam gemacht und auch nichts voneinander gehört.“ Die Begründung schien der Richterin mehr als zu reichen, zumal Adnan ihr dies bestätigte. Dass Adnan finanzielle Hilfe gebraucht haben könnte und wieder Betrug begehen wollte, war womöglich nicht nur für mich so klar wie Kloßbrühe. Allen war jedenfalls ebenso bewusst, dass Adnan einem guten Pfad folgte, er hatte seine Ausbildung abgeschlossen, hatte somit die Mittlere Reife. Die kommenden Monate sollte er seine Fachhochschulreife erlangen und mit einem Studium beginnen können. Wegen eines zeitlich begrenzten Fehlers sollte seine Zukunft nicht zerstört werden. Zumal es vor Gericht einen markanten  Unterschied gibt zwischen der Begehung eines dauerhaft anhaltenden Betrugs oder ein nur für einen kurzen Zeitraum begangenen Betrug. Adnan kannte ich seit meiner Kindheit, unsere Familien kannten sich, als Freund wollte ich Adnan lieber draußen sehen. Ganz anders mein Vater: bei mehreren Besuchen machte er mir klar, dass Adnan schuld daran sei, dass Cem immer noch in Haft säße. Er sah alles aus einer falschen Perspektive und wollte die Schuld stets den anderen geben. Eins weiß ich ganz gewiss, Adnan war und ist kein Verräter für mich. Auch wenn Cem das Gegenteil behauptete, einen ganz klaren Fakt darf man nicht vergessen: Als Adnan gefasst wurde und ausgesagt hatte, hatten mein Bruder und ich bereits alles gebeichtet. Die Polizisten konnten keine neuen Erkenntnisse aus seinen Aussagen gewinnen. Mir war es wichtig, dass Adnan ebenfalls bewusst war, dass ich ihn nicht verraten hatte. Obwohl die BKA-Beamten mich damals nach einem dritten Täter fragten und wohlmöglich schon einen Verdacht hatten, leugnete ich einen dritten Mittäter.

Genau jene Beamten waren als Zeugen am dritten Verhandlungstag eine Woche später eingeladen.

An dem dritten Verhandlungstag war ich dann gottfroh, als der BKA-Beamte mich als kooperativ beschrieb, dennoch betonte er ausdrücklich, dass ich hinsichtlich eines dritten Täters gelogen hatte. Sie seien nur durch eigene Ermittlungsarbeit zu Adnan gekommen. „Herr Ates hat im Sommer als Ferienjobber 40 Stunden pro Woche gearbeitet. Zur selben Zeit wurden allerdings Tickets mit seinen erstellten Fake-eMail-Adressen verkauft. Da sein Bruder Cem sich in der Türkei befand und es sich bei den IP-Adressen der eMail-Adressen um deutsche handelte, gingen wir von einem dritten Mittäter aus. Durch einen SMS-Verkehr kam dann Adnan als Verdächtiger zum Vorschein. Nach einer Hausdurchsuchung bei Adnan gestand dieser auch.“ Im Grunde genommen erzählte der BKA-Beamte von seiner Ermittlungsarbeit, aber auch davon, dass Cem im Gegensatz zu mir überhaupt nicht kooperativ gewesen war und auch sonst keine Anstalten gemacht hatte, irgendwelche Ungereimtheiten klarzustellen. Das negative Bild, dass das Gericht von Cem ohnehin bereits hatte, wurde durch die BKA-Beamten bestätigt. „Herr Emre Ates behauptet, das Notebook seines Bruders für die Taten verwendet zu haben. Cem habe, so Herr Ates, am Laptop keine Geschäfte getätigt. Bei den ICQ-Chatverläufen können wir uns bereits denken, welcher der Brüder den Chat geführt hat. Doch können Sie rausfinden, wer den Rechner zu welchem Zeitpunkt benutzt hat?“, wollte die Richterin wissen. „Nun, das geht nicht. Da hätte ja jeder vor dem Laptop sitzen können. Allerdings ist es so, dass das TrueCrypt-Passwort des Laptops von Cem Ates sich nur um zwei zusätzliche Stellen von dem Passwort des Computers von Emre Ates unterscheidet. Also vermuten wir, dass beide das Passwort des anderen kannten und beide Zugriff zu beiden Rechnern hatten.“ Klang logisch. „Wenn Sie schon vom TrueCrypt-Passwort reden, können wir direkt damit weiter machen. Hätten die Ates-Brüder die Passwörter nicht verraten, wie wahrscheinlich wäre es gewesen, dass das BKA die Passwörter geknackt hätte und vor Allem, wie lange hätte es gedauert?“ Auf die Antwort war nicht nur die Richterin gespannt. „Nun ja, Emre Ates hat uns das Passwort erst nach zwei Monaten verraten. Unsere IT-Abteilung in Rosenheim hatte sich mit der Entschlüsselung befasst, aber schon nach kurzer Zeit aufgegeben, das Passwort zu knacken. Uns wurde mitgeteilt, dass die Wahrscheinlichkeit, das Passwort zu knacken, bei nahezu 0% läge. Nein, also nicht mal nahezu, sie liegt bei 0%. Als später rauskam, dass das Passwort um die 40 Stellen hatte und zudem noch Zahlen, Groß- und Kleinschreibung, sowie Sonderzeichen enthielt, wurde die Annahme mit den 0% bestätigt.” Das von einem BKA-Beamten zu Ohren zu bekommen war eine große Nummer. Nicht nur die Richter waren geschockt. Ich selbst bekam eine Gänsehaut, als ich das hörte. Ich hatte zwar damals die Verschlüsselung vorgenommen, in dem Glauben, dass das BKA nicht knacken könnte, aber es war nur ein Glaube gewesen … bis jetzt.

Mein Kopfkino schaltete sich ein, der Film „Was wäre gewesen, wenn…“ lief an.

Auch der nachfolgenden Zeuge, der andere BKA-Beamte, welcher beim Verhör dabei gewesen war, wiederholte die Aussagen seines Vorgängers. Die Richterin sah zu meiner Anwältin und sagte irgendetwas von, dass wir vom Paragraphen § 46b StGB Gebrauch machen können. Schnell flüsterte mir meine Anwältin zu, dass dieser Paragraph eine Strafmilderung vorsieht, da man zur Tataufklärung wesentlich geholfen hat. Nun war ich extrem  froh, dass sich die Herausgabe des Passworts rentieren würde!

Der dritte Verhandlungstag wurde mit einigen Beschlüssen beendet. Auf weitere Zeugen wurde verzichtet, nur noch ein BKA-Beamter der IT von Rosenheim und ein Vertreter der Deutschen Bahn waren zum nächsten Verhandlungstag eingeladen. Am fünften Verhandlungstag sollte dann vorzeitig das Urteil fallen.

Doch der überraschende Beschluss kam als Letztes. „Die Mittätertrennung der beiden Ates-Brüder wird aufgehoben. Die Verlegung des Emre Ates in die JVA Stammheim wird angeordnet.“

#44 – Alle Augen auf Cem

Cems Auftritt wurde auf nach der Mittagspause verlegt. Genug Zeit, um sich von dem stressigen Geständnis vor Gericht zu erholen. Alle strafenden Blicke der Anwesenden fühlten sich schmerzvoll an, ich fühlte mich wie der Teufel, der zur Pilgerfahrt symbolisch gesteinigt wird. Der Zellenkollege war ebenfalls zur Mittagspause da, Abde hieß er, und schien unbeeindruckt von seinem Gerichtsverfahren zu sein: „Ich halte einfach meine Fresse, der Richter kann mich mal.“ Sein Mittäter befand sich mit Cem in einer anderen Zelle. Er schwieg auch wie ein Grab – ganz anders als ich. Meine Hoffnung bestand darin, dass Cem ebenfalls mit dem Gericht kooperieren würde. Durch unser voreiliges Geständnis blieb uns sowieso nichts Anderes übrig, als die reine Wahrheit zu sagen. Wichtig war es nun, das Gericht davon zu überzeugen, dass wir nicht logen. Die Richterin schien weder die Beziehung zwischen meinem Bruder und mir, noch die türkische Kultur zu verstehen: „Weil er mein Bruder ist“, war meine Antwort auf die Frage der Richterin, weshalb ich Cem am Gewinn beteiligt hatte. Die Unzufriedenheit über meine Begründung hatte ich allen Vorsitzenden aus den Gesichtern lesen können.

Ich nahm große Schlucke von meinem Wasser, als frühzeitig ein Beamter vor meiner Zellentür stand: meine Anwältin suchte das Gespräch mit mir. Der „Besprechungsraum“ war direkt nebenan, meine Anwältin saß hinter einer Scheibe und ich setzte mich auf den einzig vorhandenen Stuhl ihr gegenüber. „Das war toll, Herr Ates! Ich bin mir sicher, dass Sie das Gericht überzeugt haben und glaubwürdig erscheinen. Etwas Sorgen um ihren Bruder mache ich mir jedoch schon, er scheint das Ganze nicht ernst zu nehmen. Die Vorsitzenden schienen nicht positiv auf ihn zu reagieren, vor Allem nach Ihrem sympathischen Auftritt fällt ihr Bruder mit seinem Verhalten deutlich negativ auf“. Da war sie nicht die einzige, die diesen Eindruck über meinen Bruder vertrat: „Das Problem ist, es ist erstmal total egal, was mit mir passiert. Also wäre schon super, wenn ich eine so geringe Strafe wie möglich bekomme, aber wenn mein Bruder nicht rauskommt, dann war alles, vor Allem das Geständnis, für die Katz.“ Ich bekam eine Wut gegenüber meinem verantwortungslosen Bruder, am liebsten hätte ich ihm ein paar Respektschellen gegeben und ihm gesagt: „Raff dich mal auf und sei dir dem Ernst deiner Lage bewusst!“ Doch etwas viel Wichtigeres stand im Raum: „Wir müssen darum kämpfen, dass Sie drei nicht als Bande verurteilt werden, damit steigt die Strafe um einiges, dann kann nicht nur Ihr Bruder die Bewährung vergessen, sondern Sie müssen auch mit mindestens fünf Jahren Freiheitsstrafe rechnen. Daher habe ich auch mit dem Anwalt von Herrn Polat geredet, er ist natürlich derselben Meinung. Sie haben bereits die Vorlage gegeben, dass Sie zu keinem Zeitpunkt gleichzeitig agiert haben, die anderen beiden müssen dies nur noch so unterschreiben.“ Ich bedankte mich bei ihr und wurde zurück in meine Zelle gebracht, die ich dann nach einigen Minuten Richtung Gerichtssaal verließ. Es ging nun weiter.

Cem war dran.

Die Richterin begann sofort damit, den Nachrichtenaustausch vorzulesen und gab an, dass der SMS – Verkehr am 15. Februar 2013, also ca. 2 Monate vor der Verhaftung, nachts um 1:21 Uhr stattgefunden hatte:

Cem: „Hey Bruder, kannst Du bitte heute woanders schlafen? Ich habe hier eine auf der Party abgecheckt und brauch eine Wohnung.“

Emre: „Ähm, nein?! Ich arbeite gerade, während Du Spaß auf der Party hast, ein scheiß bekommst Du heut meine Wohnung.“

Cem: „Bitte Bruder, komm schon! Kannst Du nicht in ein Hotel gehen? Komm schon.“

Emre: „Alter, ich habe morgens um 8:00 Uhr Uni, einen scheiß gehe ich in ein Hotel, geh Du doch! Du kannst ja ihre Nummer nehmen und Dich mit ihr morgen treffen.“

Cem: „Ich habe kein Geld mehr Bruder, bitte! Ich schwöre ich mach alles was Du willst! Du kannst das nächste Mal meinen Anteil haben! Ich will dann gar nichts.“

Emre: „Willst Du mich verarschen? Du arbeitest sowieso nie, das ist eh mein Anteil, ich habe die ganze Nacht gearbeitet. Knall die halt auf dem WC oder so, ist mir sowas von egal! Wehe Du kommst mit der hierher, ich kick dich sofort raus! Ich habe morgen früh Uni und gehe jetzt schlafen.“

Cem: „OK amk!“

Mein Gesicht glich am Ende einer reifen Tomate, es war mir extrem peinlich, dass meine Eltern das hörten. Ich blickte zu ihnen und stellte fest, dass meine Mutter auch rot angelaufen war. Nicht vor Wut, sondern weil es ihr ebenfalls peinlich war. Meine Zwillingsschwester war weniger aufgebracht, vielmehr erwischte sie mich dabei, wie ich zu ihr blickte, und grinste mich an à la „Du Idiot, haha“. Über die Reaktion meines Vaters wunderte ich mich sehr: er hatte sich vornübergebeugt, die Arme auf den leeren Stuhl vor sich angelehnt und bekam ein breites Grinsen auf dem Gesicht. So wie ich meinen Vater einschätzte, war ich mir sicher, dass er sich gerade dachte: „Gott sei Dank, wenigstens einer meiner Söhne ist nicht vom anderen Ufer.“ Ein Grinsen machte sich auch auf meinem Gesicht breit und die Rötung flachte etwas ab. Cem wiederum schien ganz stolz darauf zu sein, dass seine Eroberung an jener Nacht hier so öffentlich präsentiert wurde.

Die Richterin fuhr fort: „Also, Herr Ates…“, sie blickte auf meinen Bruder, „Sie haben bei Ihren Eltern gewohnt, Ihr Bruder hatte eine eigene Wohnung in Esslingen, Sie waren in jener Nacht auf einer Party und wollten, dass Ihr Bruder für die eine Nacht Ihnen seine Wohnung zur Verfügung stellt. Was sie dort machen wollten, geht ja sehr deutlich aus dem eben Vorgetragenen hervor. Ist das alles richtig?“ Cem grinste weiterhin und bejahte. „Von welcher Arbeit spricht denn Ihr Bruder bei seinen Nachrichten?“, wollte die Richterin wissen. Dass das eine rhetorische Frage war, verstand mein Bruder wohl nicht und antwortete mit einem Tonfall, der das Gegenüber unweigerlich dumm dastehen ließ: „Ähh, den Ticketverkauf natürlich?!“ Den Richterinnen gefiel diese Art, mit ihnen zu sprechen, natürlich gar nicht: „Also der Ticketverkauf, an dem Sie auch beteiligt waren?“ Cem blickte fragend durch die Gegend: „Nein, mein Bruder hat immer am Computer verkauft. Ich habe das nicht gemacht.“ Die Richterin zur Rechten der Hauptvorsitzenden übernahm nun das Wort: „Sie sprechen von einem Anteil, den Sie ihrem Bruder überlassen wollten. Wofür haben Sie denn den Anteil bekommen?“ Cem machte nun einen Fehler und gab den Richterinnen einen Grund, ihn als Mittäter einzustufen: „Für das Geld abheben. Mein Bruder hatte immer Schiss Geld abzuheben, der hat jemanden gebraucht, der es für ihn gemacht hat. Deswegen habe ich immer mit Helm, Sonnenbrille und Schal das Geld abgehoben. Er hat dann halt Schmiere gestanden. Und dann kam ich mit dem abgehobenen Geld. Er hat mir dann das gegeben was er wollte. Meistens halt die Hälfte.“ Ich traute meinen Ohren kaum. Die Richterinnen, hatten sie doch endlich etwas gefunden, zückten sogleich ihre Stifte und begannen, sich Notizen zu machen. Ich entnahm ihrem Blick, dass meine Anwältin sich am liebsten auf die eigene Stirn geschlagen hätte, auch sie notierte sich etwas. Cems Anwalt schien ebenfalls überrascht von der Aussage zu sein.

Die Stimmung der Richterinnen wandelte sich ob dieser Entwicklung so langsam zum Positiven: „Erzählen Sie mal, was haben Sie denn noch so gemacht, was Ihr Bruder nicht machen wollte oder konnte? Er hat Sie doch sicherlich auch für andere Zwecke gebraucht, z.B. weil er zeitlich durch seine Arbeit oder den Vorlesungen verhindert war?“ Cem überlegte kurz: „Nichts. Das war das Einzige was ich gemacht hab, Geld abheben.“ Die Richterin rutschte wieder in ihre negative Gemütslage: „Sind Sie sich sicher? Wir haben ihre ICQ-Chatverläufe von „prestige“, also Ihren Usernamen. Aus diesen geht in vielen Unterhaltungen hervor, dass Sie Kreditkarten beschafft haben, auch an dem Kauf der Bankdrops haben Sie sich beteiligt.“ Ihre Aussagen basierten – inklusive Seitenangaben – auf den Ermittlungsakten. Meine Anwältin öffnete sofort die entsprechenden Unterlagen auf ihrem Rechner und deutete mit dem Stift auf die zitierten Passagen, so dass ich mir ebenfalls ein Bild davon machen konnte. Es lief gerade sehr schlecht. Auch wenn Cem Recht damit hatte, dass ich Angst vor dem Geldabheben hatte und lieber Schmiere gestanden war, weil ich den Überblick behalten wollte –  war die Behauptung der Richterin, dass er sonstige Aufgaben übernahm, einfach falsch. Mein Bruder sollte dann noch erzählen, wie es dazu kam, dass er sich mit mir verstritt, für einige Monate in der Türkei war und wie er mich dazu brachte, die Mittäterschaft mit Adnan aufzugeben.

„Als ich zurück aus der Türkei war, wusste ich, dass mein Bruder noch weitermacht. Er hatte immer genug Geld dabei. Ich habe auch gesehen, dass er angefangen hatte, mit Adnan abzuhängen, die ganze Zeit. Da habe ich mir schon gedacht, dass die gemeinsam Geschäfte machen. Meinen Bruder konnte ich schon immer leicht überzeugen, vor Allem wenn es darum ging, sich für mich zu entscheiden. Irgendwann hat er dann Adnan gesagt, dass die Bankdrop-EC-Karte eingezogen wurde und er aufhören möchte. Weiß nicht, ob Adnan ihm das abgekauft hat, aber danach hat er auch nicht darauf gepocht, weiterzumachen.“ Wenigstens hatte mein Bruder diesmal mit seiner Aussage dafür gesorgt, dass die Mittäterschaften klar dargestellt wurden. Ein Schmunzeln gab es dann doch noch, als die eine Richterin, die bisher kein Wort von sich gegeben hatte, wissen wollte, wofür das Kürzel „amk“ in der SMS von Cem stand. „Ähm, das ist ein türkisches Schimpfwort“, grinste Cem: „’amına koyayım’ heißt es ausgeschrieben.“ Die Richterin schaute ihn fragend an. Ich fragte mich, was sie erwartet hatte. „Und auf Deutsch?“, wollte sie wissen. Cem zögerte erst, doch als die Richterin auf die Antwort bestand, übersetzte es Cem. Ich weiß nicht, ob dies der Auslöser war, dass ich an die türkische und dann an die deutsche Sprache dachte, doch mir kam ein Geistesblitz: „Darf ich kurz was sagen?“, fragte ich. Die Hauptvorsitzende hatte mich schon aus ihrem Fokus verloren und schien verwundert, meine Stimme zu hören: „Ja, bitte. Sie haben das Wort, Herr Ates.“

„Also, Sie haben ja gesagt, dass aus den ICQ-Chatverläufen hervorgeht, dass Cem auch Kreditkarten gekauft hat usw. Das hat er auf jeden Fall nicht, er hat nur Geld abgehoben. Ich kann das beweisen, wenn Sie mal bitte die Chatverläufe nochmals ansehen würden. Ich habe nämlich den Account von meinem Bruder ständig verwendet. Und wenn Sie den Schreibstil ansehen, dann werden Sie erkennen, dass ich stets auf die Groß – und Kleinschreibung, sowie Kommasetzung achte. Das macht so gut wie keiner auf ICQ. Ebenso wenig mein Bruder, er schreibt sogar Wörter total falsch. Wenn Sie dann einfach mal schauen, wo auf einen korrekten Schreibstil geachtet wurde, werden Sie sehen, dass genau diese Verläufe etwas mit Kreditkartenverkäufen zu tun haben. Dort, wo nicht drauf geachtet wurde, war es mein Bruder und dann immer nur Smalltalk, ohne jeglichen Geschäftsvorgang.“ Ich war stolz auf meine Erkenntnis und schien die Richterinnen auch überzeugt zu haben, dies konnte ich spüren, als sie die Chatverläufe kurz überflogen.

Doch dann begaben Sie sich wieder in den Angriffsmodus: „Sie haben aber erwartet, dass Ihr Bruder „arbeitet“, ist das nicht so? Ihrer SMS kann man entnehmen, dass Sie enttäuscht sind, dass er nicht arbeitet.“ Ich versuchte, meine Intention hinter der SMS zu erklären: „Ich wollte einfach nur, dass er es nicht als selbstverständlich ansieht, dass ich ihm Geld gebe. Dass er es sich nicht „verdient“ hat, dass ich es ihm nur gebe, weil er eben mein Bruder ist.“ Die Hauptvorsitzende war genervt: „Herr Ates, Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass wir Ihnen diese „Er-ist-mein-Bruder“-Geschichte abkaufen. Ihr Bruder hat zugegeben, dass Sie ihn für das Geld-Abheben bezahlt haben.“ Ich war ebenfalls genervt, sie schien es einfach nicht zu verstehen: „Ich hätte mir genauso gut einen Läufer holen können und dem nur 10% abgeben können, statt meinem Bruder 50% zu geben. Ich hätte mich auch selbst dazu bewegen können, Geld abzuheben. Ich habe aber meinem Bruder etwas Gutes tun wollen, ich hatte schon jahrelang das Gefühl, für ihn verantwortlich zu sein. In unserer Kindheit musste ich als älterer Bruder immer eine gewisse verantwortungsvolle Rolle einnehmen. Ich fühlte mich dadurch, dass ich ihm das Geld gegeben habe, von dieser Verantwortung befreit. Ich kann nur sagen, dass ich ihm das Geld gegeben habe, weil er mein Bruder ist und nicht, weil ich ihn für irgendeine Tätigkeit bezahlt habe.“

Meine Anwältin klinkte sich in die Diskussion ein und erhoffte sich dadurch wohl, mir einen Vorteil zu verschaffen: „Darf ich mich kurz einmischen? Ich möchte eine Frage an den jüngeren Ates stellen, wenn dies in Ordnung ist.“ Die Richterin gestattete es.

Meine Anwältin drehte sich zu meinem Bruder um: „Also Cem, nehmen wir einfach mal an, dein Bruder hätte keinen Betrug gemacht. Wäre einer ganz normalen Arbeit nachgegangen und hätte eine Menge Geld. Wenn Du zu ihm gekommen wärst, weil du Geld gebraucht hättest – denkst du, er hätte dir Geld gegeben, nur aufgrund der Tatsache, dass du sein jüngerer Bruder bist?“

Cem blickte mich direkt an: „Natürlich nicht.“

#43 – Alle Augen auf Emre

Etwas seltsam war es schon, als ich mir wieder bewusst machte, dass mehr als ein Dutzend Augen auf mich gerichtet waren und genauso viele Ohren meiner Stimme lauschten. Die hauptvorsitzende Richterin hatte bereits ihren Stift gezückt und begann damit, sorgsame Notizen anzufertigen, während ich erneut ein Geständnis abgab. Die beisitzenden Richterinnen schienen mich gar nicht im Visier zu haben, vielmehr beobachteten sie wohl die anderen beiden Angeklagten. Der Staatsanwältin würdigte ich keines Blickes, da sie außerhalb meines Blickfelds an ihrem Pult zu meiner Linken saß. Dafür wandte ich den Blick keine Sekunde von der Richterin ab, sie sollte mir in die Augen sehen können, um zu erkennen, dass ich nichts als die Wahrheit von mir gab … nun ja, zumindest so gut wie die ganze Wahrheit. Während ich ihr erzählte, wie ich überhaupt in die Untergrundszene geraten war, wie ich bei der Google-Suche auf den Begriff „Carding“ gestoßen war und wie mir zahlreiche „schwarze“ Seiten angezeigt wurden, erkannte ich, dass die Richterin ihre Hausaufgaben gemacht hatte. „Also, und dann habe ich gesehen, dass es Bankkonten gibt, die gefälscht sind, und habe mir eins davon gekauft“, fuhr ich fort, als die Richterin mich unterbrach: „Sie meinen sicherlich die sogenannten Bankdrops?“ Verblüfft, dass sie die Bezeichnung für ein gefälschtes Bankkonto in der Szene kannte, nickte ich und erzählte ihr, dass ich es von einem User Namens „Louch“ gekauft hatte. Dabei musste ich ihr jedoch mehrmals verklickern, dass ich den wahren Namen dieses Users nicht kannte und auch nie Interesse daran gehabt hatte, diesen in Erfahrung zu bringen. Weiterhin erzählte ich, wie ich auf die Methode gekommen war, um Geld auf den Bankdrop zu bekommen. „’Filling‘ nennt sich das“, merkte ich am Rande an und die Richterin nickte, als würde sie meine Aussage in ihrer Richtigkeit bestätigen. „Den Hasan, von dem Sie die Fillling-Methode gekauft haben, kennen wir schon. Er ist in Deutschland vorbestraft, wir werden uns um ihn kümmern.“ Die Richterin prahlte augenscheinlich mit diesem Erfolg. Ich hingegen war verwundert, dass der Türke tatsächlich seinen wahren Namen genutzt hatte, um mit mir Handel zu treiben. Sicherlich hatte die Polizei seine komplette Anschrift durch die Western-Union-Transaktion in Erfahrung gebracht, über die ich ihm das Geld für das Preisgeben der Fillingmethode zugesandt hatte. Als mir dann eine Liste mit mehr als 800 Zeilen auf den Tisch gelegt wurde, und jede Zeile ein einzelner Fall war, für den ich laut der Richterin einzeln belangt werden würde, wurde es mir jedoch zu blöd. Ich sollte wirklich jeden dieser Fälle durchgehen und bestätigen, dass ich das war. Anhand der E-Mail-Adressen und auch sonstiger ähnlicher Merkmalen, wie z.B. bei der Namenswahl, wusste ich genau, dass diese Fälle mir korrekt zugeordnet werden konnten. Doch das Gericht wollte auf etwas völlig anderes hinaus: Sie wollten wissen, welche Fälle mein Bruder Cem, Adnan, ich, oder wir alle gemeinsam gemacht hatten. Die Zeiten in den Einträgen waren angegeben und ich sagte stets aus, dass keiner der Fälle von Dreien gleichzeitig durchgeführt worden war, sondern nur in Kombination mit meinem Bruder und mir sowie Adnan. Fortan wollte das Gericht wissen, welche Tickets mein Bruder bestellt hatte. „Er hat gar nichts bestellt. Ich habe alles bestellt. Er war nur dabei, wenn ich Geld abgehoben habe, mehr nicht.“ Die Richterin schien mir das nicht abzukaufen: „Wir haben mehrere Daten auf dem Rechner Ihres Bruders entdeckt. In ICQ-Chatverläufen ist stets von beiden Brüdern die Rede. Sind Sie sicher, dass ihr Bruder nichts gemacht hat?“ Die Richterin sah mich mit strafenden Blicken an, als ich ihr stets vor Augen führte, weshalb mein Bruder Cem gar nichts gemacht haben konnte: „Der Cem ist ein total fauler Junge, er wäre sich zu schade gewesen, sich eine solch große Arbeit zu machen, indem er Tickets verkauft. Er saß immer auf der Couch und hat geraucht, während ich die Tickets bestellt habe. Außerdem hätte ich ihm nie sowas anvertraut, ich bin der Typ, der gerne alles selber macht und die volle Kontrolle hat. Sein Notebook habe ich genutzt, weil ich selbst keins besaß, deshalb ähneln sich die Passwörter auch, denn ich habe das TrueCrypt-Passwort auf dem Rechner meines Bruders erstellt. Er wäre nie auf solch eine Kombination gekommen. Theoretisch gesehen gehört das Notebook mir, es wurde auch bei mir in Esslingen in der Wohnung gefunden.“ Eine aus meiner Sicht sehr logische Erklärung, und doch, die Richterinnen schienen nicht ganz überzeugt zu sein: „Warum haben Sie denn ihrem Bruder Geld gegeben, wenn er ja sowieso nichts gemacht hat und laut ihrer Worte ‚zu faul‘ war?“ Ich musste nicht lange überlegen: „Er ist mein Bruder. Natürlich gebe ich ihm Geld. Ich musste mit jemandem das Geheimnis teilen, ich konnte es nicht für mich behalten. Da eignete sich mein Bruder am besten. Außerdem hätte er mich sicherlich bei meinen Eltern verraten, hätte ich ihm kein ‚Taschengeld‘ gegeben.“ Eine weitere Notiz der Richterin brachte Sie zur letzten, durchaus berechtigten Frage: „Was haben Sie denn mit dem ganzen Geld gemacht?“ Ich muss zugeben, bis heute kann ich diese Frage weder ausstehen, noch wirklich beantworten: „Ich weiß es nicht, wir haben es halt ausgegeben.“ Diesmal konnte ich den Zorn in den Augen der Richterin deutlich erkennen: „Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie nicht wissen, was Sie mit 60.000 EUR angestellt haben?“ Ich wurde etwas verlegen und errötete: „So auf die Schnelle kann ich es nicht sagen, aber ich kann bis zum nächsten Mal eine Liste machen, wofür ich es ausgegeben haben könnte. Im Grunde genommen haben wir Autos gemietet, waren oft in Shisha-Bars, haben Freunde eingeladen, wurden in der Szene auch einige Male um hohe Beträge erleichtert, und Miete, Lebenserhaltungskosten während des Studiums und so ein Kram, war auch noch dabei.“ Mit dem Vorschlag der Liste konnte ich die Richterinnen zähmen. Nun war ich derjenige, der seine Hausaufgaben erledigen sollte.

Mehrere Stunden waren vergangen, mein Kopf schmerzte, meine Lunge war staubtrocken und meine ganzen Klamotten von Schweiß durchnässt. Gerade als ich dachte, dass ich nun durchatmen konnte, kam der nächste Stressfaktor: Die Richterin wandte sich meinem Bruder Cem zu, ich folgte ihren Blicken und bekam fast die Krise, als wir ihn zeitgleich dabei erwischten, wie er irgendwelche Männchen auf ein Blatt kritzelte. Als er dann merkte, dass er gerade – zumindest aus seiner Sicht – im Rampenlicht stand, blickte er hoch und grinste, als er unsere Blicke bemerkte. Die Empörung über sein Desinteresse stand uns ins Gesicht geschrieben und er grinste erst mich, dann die Richterinnen an. Diese schienen, genauso wie ich, nichts Lustiges daran zu finden und dachten sich sicherlich, dass ihm das Lachen gleich vergehen würde: „So, wenn Sie dann fertig mit Ihren Männchen sind, können Sie anfangen, alles zu erzählen.“ Cem setzte seinen „I don’t give a shit“- Blick auf, seufzte theatralisch und antwortete mit einem frechen Grinsen auf den Lippen: „Was soll ich denn noch sagen? Mein Bruder hat doch schon alles gesagt.“ Die hauptvorsitzende Richterin schwieg, stattdessen kam die Richterin zu ihrer Rechten zu Wort. Als ich ihre Stimme hörte, musste ich an „Guter-Bulle, Böser-Bulle“ denken, und sie schien letzteres zu sein: „Haben Sie mal etwas Respekt gegenüber dem Gericht! Das ist kein Kindergarten hier! Am besten, Sie fangen mit der SMS an, die ein eindeutiger Beweis für ihre Tatbeteiligung ist!“ Mein Bruder hatte sich mit den Falschen angelegt, und langsam merkte ich, dass die Frage der Bewährung für meinen Bruder nicht nur von mir abhing, sondern vielmehr von ihm.  

Und da sah es ganz und gar nicht gut aus. 

#42 – Mögen die Verhandlungen beginnen

Tarek verlegte man in eine andere JVA. Es wurde Zeit, dass ich auch von hier verschwand.
Der neue albanische Reiniger hatte plötzlich ein neues Handy. Es wurde Zeit, dass jemand anderes das Versteckspiel übernahm.
Die zwei Gruppierungen, Black Jackets und Red Legions, wurden wieder getrennt, mehrere Verlegungen fanden statt und sie hatten in der Zwischenzeit alle ihre Urteile bekommen. Es wurde Zeit, dass auch ich mein Urteil bekam.

Tayfun hatte 3 Jahre und 7 Monate bekommen und wurde in die Strafhaft verlegt. Savas hatte mit 4 Jahren und 6 Monaten knapp ein Jahr mehr bekommen, doch durfte er dafür in die Therapie. Das würde bedeuten, dass er nur noch ein paar Monate absitzen musste und das letzte Jahr vor seiner Halbstrafe in eine Therapieanstalt aufgrund seiner Drogensucht verbringen musste, bevor er dann entlassen werden würde.

Ich hatte gemischte Gefühle: Angst vor dem hohen Strafmaß, Freude aufgrund einer möglichen Entlassung, Hoffnung für die Entlassung meines Bruders, Erleichterung für meinen Geduldsfaden, aber vor allem Respekt vor der deutschen Justiz. Dutzende Urteile hatte ich während meiner Haftzeit mitbekommen, von Blitzentlassungen, Bewährungen, Freiheitsstrafen zwischen 3 und 10 Jahren, aber auch lebenslängliche Verurteilungen hatte ich gehört. Wo würde ich mich in dieser Skala befinden? Wie fühlten sich die Richter dabei, wenn sie das Urteil fällten? War es nur eine Zahl für sie? Würde mein Urteil milder oder härter ausfallen, würden die Richter meine Gedanken und Gefühle auch nur im Mindesten ahnen können? Wie viel Einfluss hatte ein Richter auf ein Urteil? Immerhin muss er seine Entscheidung auf dem Gesetz basieren. Ich stellte mir die Frage, weshalb unser Gesetz nicht so konzipiert ist, dass alle möglichen Betrugsfälle abgedeckt sind und mir so ein bestimmtes System sagen kann, was für ein Urteil ich bekomme? Könnte man eine Software erstellen, in die ich meine Tat eintippe, mein Alter, meinen Hintergrund, meine Kultur, meine Gedanken, Gefühle und sonst noch alles was dazu zählt, und dieser spuckt mir dann ein Urteil aus? Ich überlegte mir, dass solch eine Software wahrscheinlich um ein Vielfaches objektiver und somit besser wäre als ein menschlicher Richter. Welche Auswirkungen die Digitalisierung in der Justiz wohl haben würde…Der Informatiker in mir übernahm meine Gedankenwelt, als ich mich schon wieder im Transportbus mit Ziel Landgericht Stuttgart befand. Heute war mein erster Verhandlungstag und ich spürte meinen Körper nicht mehr. Alles Gefühl konzentrierte sich auf mein Gehirn, ich fühlte mich wie ein Geist. Wieder in meinem schicken Anzug folgte ich einem Beamten einen Gang entlang. Die Wände waren diesmal komplett weiß, das letzte Mal war ich wohl nicht hier gewesen. Am Ende des Gangs befand sich ein weiterer Beamter, wohl vom Landgericht Stuttgart. Er hatte eine Namensliste vor sich und hakte meinen Namen ab. „Darf ich zu meinem Bruder rein?“ fragte ich. Er grinste: „Natürlich.“ Dass dies ironisch gemeint war, merkte ich erst, als ich in der Zelle mit meinem Vesper (Halber Liter Wasser und ein Käsebrot) vor einem Häftling stand, der definitiv nicht mein Bruder war. Um dies zu erkennen, musste ich nicht mal seinen Hintern sehen. Der Raum bestand aus zwei kleineren Tischen, die an den Seiten an der Wand befestigt waren. Eine offene Toilette war auch Bestandteil der Zelle, wobei man das nicht wirklich Zelle nennen konnte, denn dies war schlimmer als eine Zelle. Keine Fenster und keine Gitter, nur verdammt weißes Licht mit verdammt weißen Wänden und ein Häftling in Jogging-Hose. Er hatte tatsächlich eine Gebetskette dabei und schaute mich grinsend an: „Voll schick! Hast heute Verhandlung, was?“ Ich nickte: „Ja, Du auch oder wie?“, seinen Klamotten zu urteilen war es ihm wohl schnuppe, was der Richter denken würde. Er bestätigte dies und fragte mich selbstverständlich, was ich denn getan hatte. Als ich gerade dabei war, ihm die Geschichte zu erzählen, unterbrach er mich mittendrin: „Alter! Bist Du der Bruder von dem Cem? Der ist doch auch heute hier, der war mit mir im Transportbus.“ Ich nickte und fragte gleich interessiert: „Wie geht es Cem so? War er aufgeregt oder hat er auf cool getan? Hat der Junge sich wenigstens gescheit angezogen?“ Er lachte. „Haha, klar ist der cool. Der hat sich genauso angezogen wie Du. Alter, stimmt das, dass ihr ne halbe Million gemacht habt?“ Ich war überrascht, es war einfach so gar nicht der richtige Zeitpunkt, dass Cem solche Lügen verbreitete, um gut dazustehen. Nachher gerieten diese Informationen noch an falsche Ohren. „Als ob, der übertreibt nur. Wir haben 130.000 EUR Schaden angerichtet, aber nur ca. 60.000 EUR Gewinn gemacht.“ Er sah etwas enttäuscht aus und hatte wohl das Bedürfnis, sich mit seiner Tat zu brüsten, die ich mehr als unangenehm anzuhören fand: „Haha, das ist ja gar nichts. Ich bin mit meinem Mittäter bei so einem reichen Casino-Besitzer eingebrochen, der hatte locker Sachen im Haus, die 100k und mehr wert waren. Plötzlich hören wir so ein Schnarchen im Wohnzimmer und sehen, dass der auf dem Sofa pennt. Dann bin ich zu dem hin und hab ihn abgestochen.“ Ich war baff, mit welcher Gelassenheit er den letzten Part seiner Geschichte über die Lippen brachte: „Du hast ihn getötet? Einfach so?“, fragte ich erschrocken. „Nein, der Arsch hat überlebt.“ Die Enttäuschung darüber konnte man seinem Gesichtsausdruck entnehmen. „Aber wieso hast Du nicht einfach die Sachen geklaut und bist abgehauen? Wieso musstest Du den abstechen?“, fragte ich war mehr als nur verwirrt nach. Er zuckte mit den Schultern: „Wenn der aufgewacht wäre und uns gesehen hätte, hätten die Bullen uns bekommen.“ Ich hatte aufgrund dieser Blödheit plötzlich einen Anflug von Mitleid mit ihm. Er verstand wohl nicht, dass er so in eine viel tiefere Scheiße geraten war. Doch das Mitleid verflog sehr schnell, als er mir dann etwas erzählte, was aus seiner Sicht wohl unglaublich cool war: „Weißt du, vor der Haft, da kommt meine Freundin und sagt so, die sei von mir schwanger. Ich guck die so an und hau mit voller Wucht auf ihren Bauch. Die lag dann auf dem Boden und hat voll lange geweint.“ Ich wollte ihm das erst nicht abkaufen, doch ich hatte schon einige kranke Leute in der Haft gesehen und seine Stimmlage sowie Mimik deuteten darauf hin, dass er die Wahrheit erzählte: „Warum hast Du ihr denn auf den Bauch geschlagen?“, wollte ich spontan wissen, obwohl ich schon vermuten konnte, was er damit bezwecken wollte: „Ja, damit das Kind verreckt. Kein Bock auf einen kleinen Bastard von der.“ Der Typ hatte es geschafft innerhalb von 10 Minuten auf meine Liste der Top5 meist-gehassten Häftlinge zu kommen.

Viele Worte wechselte ich nicht mehr mit ihm und wenn, dann nur, wenn er irgendetwas von mir wissen wollte. Ich zumindest wollte einfach nur raus aus diesem Raum und war gottfroh, als das erlösende Schlüsselgeräusch die Tür öffnete und ich der erste war, den sie zum Gerichtssaal mitnahmen. Mein Puls stieg, meine Beine waren zittrig und schwach und wie immer, wenn ich aufgeregt war, liefen regelrecht Bäche aus Schweiß aus meinen Händen. Ein Gedanke brachte mich zum Grinsen: Vielleicht finden die Richterinnen mich sympathisch und irgendwie süß … und vielleicht bin ich gar kein Häftling, sondern Manuel Neuer! Abartig, dass mir eine Cola – Werbung in solch einem Moment in den Sinn kam, aber es beruhigte mich. Ich betrat den Gerichtssaal, der Eingang war an der Seite und als ich nach rechts blickte, sah ich den Zuschauerbereich. Meine Eltern und meine Zwillingsschwester waren da, des weiteren der Vater von Adnan und ein paar ältere deutsche Paare, aber auch ein junger Mann, der sich Notizen machte. Eine junge Dame und ein breit gebauter Mann saßen in der hintersten Reihe und plötzlich erkannte ich ihn. Es war der Bundespolizist, der im August 2012 eine Hausdurchsuchung bei uns durchgeführt hatte, als nur mein Vater und ich mich im Haus befunden hatten. Ich wurde leicht rot, als ich mir bewusst wurde, dass ich ja gerade nur wegen des Ermittlungsverfahrens der Bundespolizei München hier war. Ich hatte zwar auch alles zu den anderen Ermittlungsverfahren, wie eben jene für die Bundespolizei Kassel genannt, doch die waren in der Anklageschrift gar kein Bestandteil. Würde da etwa noch etwas auf mich zukommen?

In Richtung Richterpult befanden sich hintereinander drei Tische, am hintersten Tisch saß bereits Adnan mit seinem Anwalt, ich nickte ihm zu und er grüßte mit einem Nicken zurück, an dem zweiten Tisch saß mein Bruder Cem mit seinem Anwalt und grinste nur, woraufhin ich auch grinsen musste. Ich hoffte, meine Eltern sahen das Grinsen nicht, denn ihre Gesichter waren voller Sorge und wenn sie dachten, dass wir das Ganze nicht ernst nähmen, wäre das sehr unangenehm für mich gewesen. Meine Anwältin saß am vordersten Tisch und ich setzte mich neben sie hin. Wir grüßten einander und sie sagte mir, dass ich offen und ehrlich sein solle, weil ich bereits ein Geständnis abgelegt hatte. Und sie habe mit der Richterin bereits gesprochen, es läge an uns, ob es dann tatsächlich 7 Verhandlungstage wurden oder ob wir es früher beenden konnten.

Mein Herz pochte, als die Tür hinter dem Richterpult aufging. Drei Richterinnen kamen aus der Tür und zwei weitere Personen in Zivil. Die Beamten nahmen uns die Handschellen ab. Wir mussten alle aufstehen, an das genauere Prozedere erinnere ich mich jedoch nicht, doch die Geschworenen legten einen Eid ab und als wir uns hinsetzten, blickte ich nochmals nach hinten, in die aufgeregten Augen meiner Mutter und dann auf Cem: „Ich krieg dich hier raus, Junge“, dachte ich mir innerlich und motivierte mich, das Ganze durchzustehen, für meinen Bruder und für meine Familie.

Die Staatsanwältin las die komplette Anklageschrift vor, sie sah sehr nett aus, wie eine sogenannte „Streberin“ aus der Schule. Die würde uns doch niemals zurück ins Gefängnis verdonnern, dachte ich mir. Die Richterinnen hörten konzentriert zu, doch immer wieder erwischte ich sie dabei, wie sie an bestimmten relevanten Stellen ihre vorwurfsvollen Blicke auf uns richteten. Als die Staatsanwältin nach einer gefühlten halben Ewigkeit fertig war, wandte sich die hauptvorsitzende Richterin in meine Richtung: „Sie haben die Anklageschrift gehört. Dann würde ich mal sagen, dass der ältere Ates-Bruder anfängt.“ Das ging schneller, als ich erwartet hatte, mein Hals war trocken und ich musste erst husten. Dann neigte mich zum Mikro: „Ähm, soll ich einfach sagen, was ich gemacht habe?“ Die Richterin lächelte: „Ja, fangen Sie einfach mal an zu erzählen.“ Ich richtete mich auf, strich nochmals verlegen über meine Haare, atmete tief ein und legte los: „Also, ich fang dann mal von ganz vorne an …“

 

#41 – Veränderungen

 

Ein neuer Tag im neuen Jahr brach an, und alles schien wie immer zu sein: Ich machte mich frisch, meine Zellentür ging auf, ich machte mich auf den Weg zu den Mülleimern und bereitete mich auf die Anträge vor. Schließlich fand ich mich vor der ersten Zellentür mit meinen Reiniger-Kollegen wieder. Doch diesmal war nur Yilmaz dabei, der Kroate schien seltsamerweise noch zu schlafen. „Soll ich den anderen Reiniger rufen?“, fragte ich den Beamten, als er anfing, die erste Zellentür zu öffnen. „Nein, der hat heute seine Gerichtsverhandlung, er arbeitet heute nicht.“ Ich beneidete ihn. Jedes Mal, wenn sich eine Zellentür öffnete, betete ich, dass die Fenster über Nacht gekippt worden waren. Andernfalls kam ein strenger Geruch aus der Zelle, die mutigen Beamten mussten dann immer in die Zellen laufen und sinnbildlich auf Überlebende hoffen, so sehr stank es dann. Doch heute duftete es merkbar süßlich durch den ganzen Gang. Ich hielt es erst für einen Streich meiner Nase, doch der Geruch wurde immer stärker: „Riecht es hier nach Parfum?“, fragte ich Yilmaz. Seiner Mimik konnte ich entnehmen, dass er es ebenfalls roch. „Wir haben eine neue Kollegin. Sie arbeitet im unteren Stockwerk“, informierte uns der Beamte lächelnd. „Was? Und ihren Duft kann man bis hierher riechen?“ Ich war entsetzt, der Geruch war wirklich extrem.

Die Tage vergingen und ich realisierte, dass die Beamtin täglich nach diesem süßlichen Duft roch. Sie unterzog sich wohl tagtäglich einer Parfumdusche. Eine enorme Betonung ihrer Weiblichkeit, die es nicht alle Tage in einer JVA voller Männer gab. Es wurde immer offensichtlicher, dass ein angenehm-femininer Geruch unter all diesen nach Schweiß stinkenden Häftlingen eine enorme Wirkung auf die Männer hatte. Sie verdrehte nur aufgrund dieses penetranten Parfums den Kopf – dennoch, sie war sehr nett und zuvorkommend, eine Art weibliche Version von Herr Nils. Ganz anders als Herr Winter, der mir einen Topfschrubber in die Hand drückte und mir befahl, die Ränder des Küchenbodens zu schrubben. Ich verstand zwar, dass er der Nachfolger des Bereichsdienstleiters werden wollte –  doch sah ich nicht den Sinn darin, die Häftlinge zu diesem Zweck strenger zu behandeln, als es andere Beamte taten. Er war der meistgehasste Beamte unter den Häftlingen. Vielleicht war dies ja der Schlüssel zum beruflichen Aufstieg in einer JVA? Doch die sympathischen Beamten waren glücklicherweise in der Mehrzahl. So fiel mir ein etwas kräftigerer Ossi-Beamter auf, der einige Witze auf Lager hatte.

Weniger witzig war es jedoch, als er mir mitteilte, dass wir in der Vergangenheit mit einem Kinderschänder gegessen hatten. „Sie lügen doch! Wann bitte haben wir mit einem Pädophilen gegessen?“, fragte ich entsetzt. „Ja, er ist auch Türke. Ihr habt ihn in eure Gruppe aufgenommen und mit ihm gemeinsam gegessen. Jetzt ist er in Strafhaft in einer anderen JVA“ er verzog keinerlei Mimik, als er das sagte. Nach einem Scherz sah es nicht aus, und wenn, wäre es ein miserabler gewesen: „Wer? Wer war es? Wieso haben Sie uns nicht gewarnt?!“ In mir stieg bei dem Gedanken eine starke Übelkeit auf. „Es ist schon eine Weile her, dass er hier war. Ich durfte und darf dir nicht sagen, wer es war.“ Als ich meinen Türken davon erzählte, grübelten wir lange darüber, wer es wohl gewesen sein könnte, doch kamen wir zu keinem Ergebnis.

Die Tage vergingen, und ich ging der üblichen Aufgabe der Mittagessensausgabe nach, als plötzlich ein Alarm ertönte. Der Beamte schloss uns sofort in die Zellen ein und rannte davon. Etwa 10 Minuten später öffnete er die Zellentür und fuhr mit der Essensausgabe fort. Den Grund für den Alarm nannte er leider nicht, doch das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Häftlingen. „Der Ossi-Beamte hat einen Häftling in den Freizeitraum gepackt und auf ihn eingeschlagen! Anscheinend soll der Häftling aus nichtigen Gründen immer wieder einen Notruf getätigt haben, und nach einer verbalen Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Ossi-Beamten, ging es zur körperlichen über“, erzählte mir Tayfun während des Hofgangs. In der Tat war in dem Zeitraum lange Zeit nichts vom Ossi-Beamten zu hören oder sehen gewesen.

Mittlerweile hatte ich mich – den Sportbeamten sei Dank – im Volleyball stark verbessert. Sie fungierten wie richtige Trainer für mich. Stets hatten sie gute Tipps für sportliche Höchstleistungen parat und motivierten einen, in den jeweiligen Disziplinen besser zu werden. In der restlichen Zeit sah ich die Sportbeamten fast nie in Beamtenbekleidung, ich vergaß tatsächlich nahezu, dass es sich bei ihnen um Beamte handelte. Besonders beim Spiel im Team traten sie nie als die sonst streng dreinblickenden Beamten auf – ganz im Gegenteil: sie selbst spielten mit Begeisterung beim Volley – und Fußball mit.

Während sich in den nächsten Wochen also einiges bei den Beamten getan hatte, blieben wir Häftlinge nicht von den Veränderungen verschont. So wurde der kroatische Reiniger entlassen, sein Nachfolger war wieder ein türkischer Häftling. Mert war sein Name, und ein besonderes Merkmal war, dass er aufgrund der Tatsache, dass eines seiner Beine kürzer war als das andere, humpelte. Nun waren wir ein türkisches Reinigertrio. Interessanterweise sprach mich ein Beamter mal persönlich darauf an: „Ist schon schwierig, mit den anderen beiden Reinigern, oder?“, wollte er von mir wissen. Ich blickte fragend drein: „Wieso denn?“ Er grinste: „Naja, mit zwei Türken ist es sicherlich nicht ganz leicht.“ Erst begriff ich nicht, auf was er hinauswollte, und antwortete prompt: „Ich bin doch auch Türke, was für ein Problem sollte ich da haben?“ Nun war er der Verdutzte: „Sie sind Türke?!“ Ich nickte. „Ich hatte jetzt irgendwie gedacht, Sie wären Deutscher“, meinte er. Meine schwarzen Haare, die braunen Augen und mein ab und an auftretendes Nuscheln schienen ihm wohl nicht aufgefallen zu sein.

Das Türkentrio blieb allerdings nicht lange bestehen. Obwohl Mert als Reiniger einige Freiheiten hatte, war er nur am Meckern und drohte immerzu, seine Mittäter zu verraten. Das war wohl auch der Grund, dass er Ende Januar an seinem ersten von drei Verhandlungstagen entlassen wurde. Wir hatten denselben Anwalt, weshalb mein Anwalt damit prahlte, Mert die Freiheit verschafft zu haben. Da ich aber die genauen Hintergründe aufgrund der täglichen Gespräche mit Mert kannte, wusste ich, dass mein Anwalt da gar nichts großartig machen musste. Ich war sauer auf ihn, mal wieder enttäuscht und wollte jemand Starkes haben, der für mich einstand. Somit entschied ich über die letzte strategische Veränderung: „Vater“, platzte ich eines Tages heraus, „kann ich bitte einen Wahlverteidiger haben? Die Pflichtverteidiger bringen gar nichts! Einer hier hat mir einen Anwalt empfohlen, der soll richtig gut sein.“ Mein Vater willigte ein. Er wollte wohl später nicht angeschuldigt werden, keinen Anwalt für die Entlassung seiner Söhne finanziert zu haben: „Dein Anwalt schläft sowieso immer, wenn ich den besuche. Ich glaube, der ist bald tot“, meinte mein Vater nur trocken. Ich leitete alle weiteren Schritte für einen Verteidigerwechsel ein und wartete auf den ersten Termin mit dem neuen Anwalt.

Extrem erfreut war ich, als Anfang Februar ein Brief mit meinen Verhandlungsterminen eintrudelte. Sage und schreibe 7 Verhandlungstermine waren angesetzt, Ende Februar ging es bereits los, enden sollte es am 05. April 2014. War dies der Tag meiner Entlassung? Ich konnte mir nicht erklären, worüber wir in 7 Tagen verhandeln sollten, doch es waren einige Zeugen geladen. Unter anderem drei Geschädigte, davon einer, der Bahntickets gekauft hatte und zwei, deren Kreditkarten benutzt worden waren. Auch drei BKA-Beamte waren als Zeugen geladen. Die beiden, die mich verhört hatten, und einer, der von der IT war. Sogar von der Deutschen Bahn würde ein Vertreter als Zeuge erscheinen. Dann natürlich wir drei Angeklagten. Das war genug Stoff für mein Kopfkino, bis es dann endlich Ende Februar losging.

Wie ich bereits erwähnte, gab es unter den Häftlingen ebenfalls große Veränderungen. Bisher hatte ich von zwei größeren Gruppierungen gehört, den Black Jackets und den Red Legions. Es waren jedoch nur einzelne Mitglieder der Gruppierungen in unserer JVA, und wenn, dann getrennt voneinander. So waren die Red Legions meist im 1. Stockwerk zu finden, und jene von den Black Jackets im 2. Stockwerk. Im Hofgang konnte man allerdings keine Spannung spüren, obwohl das ja eigentlich rivalisierende Banden sein sollten. Als dann aber Anfang Februar eines Tages der Beamte kam und meinte, ich solle 5 Zugangspakete bereitstellen, war ich verwundert über die hohe Anzahl. Schnell stellte sich heraus, dass es sich dabei um reine Black Jackets Mitglieder handelte. Es gab eine große Verhandlung, in der auch Tayfun involviert war, und in der es wohl um die Black Jackets ging. Die Mittätertrennung wurde allem Anschein nach aufgehoben, womit alle Angeklagten nach Schwäbisch Hall verlegt wurden. Schnell bemerkte ich, wie Tayfun sich veränderte. Er fühlte sich viel stärker als zuvor, mit den Red Legions Häftlingen hatte er jedoch bisher nie Auseinandersetzungen gehabt. Doch jetzt musste er, wohl oder übel, seiner Gang das Gegenteil beweisen.

„Jungs, das ist Emre! Der ist ein richtig stabile Junge! Wir müssen den aufnehmen!“ Tayfun packte mich während des Hofgangs an der Schulter und zeigte mich seinen Leuten vor, so als würde ich gerne zur Gruppe gehören wollen. Diese zeigte sogar Interesse an mir, als ich von meinen Taten erzählte. Natürlich spielte dabei auch das versteckte Handy eine große Rolle. Ich hingegen hatte Angst, mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden. Es würde sicher Nachteile bei meinen bevorstehenden Verhandlungen nach sich ziehen oder gar in irgendwelche Haftbeurteilungen resultieren. Doch gab es ein noch viel größeres Problem: Die Nachfrage nach dem Handy war gewachsen. Tayfun wollte es haben, Tarek wollte es haben, Kartal ebenfalls, da hinzu kamen die ganzen Black Jackets Mitglieder, und da unter anderem deren Anführer. Während diese Kandidaten sich in der Freizeit um das Handy stritten und ich jedes Mal das Handy wieder einsammeln musste, ohne wirklich zu wissen, wer es denn nun hatte, gab es noch einen weiteren Risikofaktor: Ein Albaner wurde von Stammheim nach Schwäbisch Hall verlegt. Dort war er bereits Reiniger gewesen, weshalb er sofort den freien Reinigerposten bei uns übernehmen durfte. Mit seinem Landsmann Tarek verstand er sich gut und auch Kartal war ein alter Kollege aus Stammheim-Zeiten von ihm. Das bedeutete, dass der neue Albaner-Reiniger auch öfter Zugang zu dem Handy hatte. Und der Bedarf war immerhin groß genug: er hatte eine Freundin.

Es war wie Russisch-Roulette, irgendjemanden würde es sicherlich treffen. Ich hoffte, bis zu meinem Urteil ungeschoren davon zu kommen und war dementsprechend aufgeregt, als wir Reiniger einmal in unsere Zellen eingesperrt wurden und draußen lauter Beamte zu hören waren. Das Handy befand sich in der Mülltonne in der Besenkammer und ich hatte Angst, dass das Versteck aufgeflogen war. Die Tür ging auf, und ein grinsender Beamte stand vor mir, doch sonst war nichts. „Ähm, wieso haben Sie uns denn alle eingeschlossen?“ fragte ich. „Das müssen Sie nicht wissen“, meinte er und grinste noch breiter. Ich dachte mir nicht viel dabei, abends erwähnten der Albaner und ich das kurz in der Kochgruppe, doch keiner schenkte dem Vorfall wirkliche Beachtung.

Es war nun fast Ende Februar, meine Verhandlungen würden beginnen. Meinen neuen Anwalt bzw. vielleicht Anwältin durfte ich auch bereits kennen lernen. Leider meinte sie, dass aufgrund meines frühzeitigen Geständnisses eigentlich nicht mehr viel zu machen wäre, sie aber ihr Bestes geben würde. Sie sah wenigstens nach einer qualifizierten Anwältin aus und machte keine leeren Versprechungen: „Sehen Sie, Herr Ates: Laut Strafgesetzbuch in diesem Paragraphen erwartet Sie eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Wenn Sie allerdings wegen bandenmäßigen Betrugs verurteilt werden, fängt die Freiheitsstrafe für Sie als Kopf der Bande bereits bei fünf Jahren an. Wir müssen also alles daransetzen, dass Sie nicht als Bande verurteilt werden.“ Ich war sehr froh, dass es endlich mal jemanden gab, der seine Aussagen auf Gesetzen stützte, das hatte für mich Hand und Fuß. Doch war ich umso angstvoller, dass mich nun wirklich mehr als fünf Jahre erwarten könnten. Eine Horrorvorstellung schlechthin, mit der meine Hoffnung auf Freiheit in weite Ferne rückte. Immerhin wurde uns in der Anklageschrift in mehreren Fällen bandenmäßiger Betrug vorgeworfen. „Ab drei Leuten zählt man nämlich als Bande“, schloss meine neue Anwältin ihre Ausführungen.

Das Treffen mit meiner Anwältin war erfrischend und informativ, dennoch brachte es mich ins Grübeln. Am nächsten Tag weckte mich – wie so oft in letzter Zeit – der süße Duft der neuen Beamtin. Wie jeden Tag gingen wir durch die Zellen. Als wir bei der Einzelzelle von Tarek ankamen, war ich sehr darüber überrascht, dass auf seinem Namensschild ein „BS – Besondere Sicherheitsmaßnahmen“ – Schild angebracht worden war. Er kam aus seiner Zelle heraus und sah so aus, als hätte man ihn regelrecht vergewaltigt.  „Tarek, was ist los? Wieso hast Du besondere Sicherheitsmaßnahmen?“ Er blickte mich traurig an. Solch eine starke Persönlichkeit hatte ich noch nie so gebrochen gesehen. Ohne ein Wort zu sagen, verzog er sich wieder in seine Zelle.

Die Beamtin, stets von ihrer umwerfenden Duftwolke umgeben, schloss die Zellentür ab und blickte mich an: „Er wird in eine andere JVA verlegt, weil er gestern Nacht mit einem Handy erwischt wurde.“

#40 – Ich nix Almanci

Tarek hatte mich gestern mal wieder gebeten, das Handy dem Mülleimer in der Besenkammer zu entnehmen und es ihm während des Umschlusses zu überreichen, damit er abends telefonieren konnte. Allerdings überlegte er sich anders, als ich ihm das Handy übergeben wollte: „Emre, ich brauche es doch nicht. Behalte es“, sagte er mir, während der Beamte alle Häftlinge wieder in ihre Zellen schloss. Ich hatte keine Gelegenheit, das Handy in die bereits abgeschlossene Besenkammer zu bringen und musste es gezwungenermaßen eine Nacht in der Zelle behalten. Ich hatte die ganze Nacht hindurch Angst, dass Beamte jeden Augenblick zur Zellenkontrolle erscheinen würden.

Dennoch hatte ich am nächsten Morgen versäumt, das Handy wieder in das Versteck zu bringen.

Da stand ich nun im Freizeitraum, zwei Beamte stellten meine Zelle auf den Kopf und ich malte mir aus, welche Konsequenzen das für mich haben würde. Auf meine Strafe würde es sich nicht auswirken, dessen war ich mir bewusst. Sehr wohl aber auf meine „gute Führung“, die meine vorzeitige Entlassung bedingte, aber auch besondere Maßnahmen wie bei Kartal würden mich erwarten. Und das, obwohl ich das Mobiltelefon kein einziges Mal für eigene Zwecke verwendet hatte, wobei mir natürlich zugutekam, dass die ganzen Türken aufgrund dieses Opfers gut zu mir waren. Immerhin hatte ich das wertvollste Gut in der Haft, es lag in meiner Verantwortung, ich hätte das Gerät jederzeit verschwinden lassen können. Doch der Vorteil, den ich aus der ganzen Sache zog, war gewiss nicht das Risiko mit den Konsequenzen wert. Vielmehr lag es an meiner schwachen Durchsetzungsfähigkeit. Das Wort „Nein“ fiel mir unheimlich schwer.
Die Zellentür zum Freizeitraum öffnete sich. Der Beamte, der meine Zelle kontrolliert hatte, stand vor der Tür: „Herr Ates, kommen Sie mal mit.“ Mein Kopf lief erneut rot an, ich konnte jeden Pulsschlag spüren und meine Beine wurden zu Wackelpudding. Als ich in meine Zelle eintrat, fand ich sie ordentlich auf. Meine ganzen Utensilien waren so aufgestellt wie zuvor. Meine Kleider waren zusammengefaltet auf meinem Bett und auch sonst sah es nicht so aus, als hätte es eine Zellenkontrolle gegeben. Dass es anders geht, hatte ich schon bei anderen Zellendurchsuchungen miterlebt: Die Kleider werden umhergeworfen, die Lebensmittel durcheinandergewürfelt, die Bettwäsche rausgerissen, die Matratzen vom Bett genommen und das Schlimmste daran ist die ausbleibende Entschuldigung beim Häftling. Die kommt nicht einmal, wenn nichts bei ihm gefunden wird.

Der Beamte begann zu sprechen, ich hielt den Atem an.

„Also Herr Ates…ich arbeite ja in der Kammer, und leider muss ich Ihnen sagen, dass Sie einen Pullover zu viel besitzen. Man darf nur 2 Pullover haben, sie haben aber 3 im Schrank!“ Der Beamte schaute mich milde vorwurfsvoll an. Ich war so erleichtert, dass mir fast Tränen aus den Augen geflossen wären, ich wollte ihn sogar vor Freude fast umarmen. „Herr Salz, das tut mir sehr leid. Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist. Aber wissen Sie, es ist so kalt in der Zelle und im Hofgang auch… Sie können den Pullover hier aber mitnehmen.“ Ich hätte ihm alle drei Pullover mitgegeben, hätte er das verlangt – als Geste meiner Dankbarkeit, dass er nicht fündig geworden war. Er seufzte: „Na gut, Herr Ates, behalten Sie ihn einfach. Aber sagen Sie es den anderen bitte nicht.“ Ich bedankte mich herzlichst bei ihm für diese Großzügigkeit – wenn er nur gewusst hätte, wofür ich ihm noch dankbar war –  und ging mit ihm zur Essensausgabe. Ich hatte wohl schon lange eine solche Freude nicht mehr gespürt. Während des Umschlusses und der Pokerrunde erzählte ich von dem Vorfall, während alle mir aufmerksam zuhörten. Tarek schenkte mir eine seiner Milka-Schokoladen als Entschuldigung, was ich immerhin als eine nette Geste betrachtete. Ich beschloss, das Handy nur noch so herauszugeben, dass ich im worst case das Gerät wieder verstecken konnte. Es war seltsam. Das Handy, welches in einer ungeöffneten Tabakdose versteckt war, hatten die Beamten nicht finden können. Schon damals, als sich das Gerät bei Kartal in der Zelle befunden hatte, wurde der Beamte nicht fündig. Dabei hatten sie Detektoren, die im Normalfall darauf reagierten.

Die Tage vergingen, an Weihnachten kam der Pfarrer und beschenkte uns mit Schokolade, zu Silvester gab es nichts. Alle beschwerten sich, dass es keinen besonderen Umschluss zu Silvester gab und wir uns an Neujahr in den eigenen vier Wänden einschließen mussten. Ich allerdings hatte kein Problem damit. Bisher hatte ich Silvester nie draußen gefeiert, geschweige denn überhaupt darüber nachgedacht, es zu feiern. Jedes Jahr war ich an Silvester in der Moschee, entweder als Schüler, der dort über Weihnachten und Neujahr übernachtete, oder auch nur zum Gebet. Der Drang, raus und feiern zu gehen gingen bei mir gegen Null. Ob Silvester war oder nicht, machte für mich keinen Unterschied – ich erkannte das Besondere daran einfach nicht. Dennoch grübelte ich über das vergangene Jahr, setzte mir Vorsätze für das kommende Jahr und hoffte auf ein tolles 2014.

Das erste große Ereignis im neuen Jahr war allerdings alles andere als berauschend. Ein Brief vom Landratsamt war eingetrudelt. Schnell alarmierte ich den Beamten und bat um ein Gespräch mit dem Sozialarbeiter. Zum Glück war Herr Nils da, der mir kurzfristig ein Gespräch mit dem Sozialarbeiter arrangieren konnte. Ich trat in das Büro des Sozialarbeiters ein. „Was kann ich für Sie tun?“ fragte er. Am liebsten hätte ich ihm eine Backpfeife gegeben: „Ich habe hier einen Brief vom Landratsamt, meine deutsche Staatsbürgerschaft habe ich laut des Schreibens verloren, weil ich die türkische nicht abgegeben habe und das 23. Lebensjahr vollendet habe!“ Ich war sauer, weil ich ihn schon vor Monaten darauf angesprochen hatte und er nur gemeint hatte, während der Haftzeit stünde solcher Papierkram still. „Ach herrje, und Sie haben ihren türkischen Pass nicht abgegeben?“ wagte er zu fragen. „Doch! Nur war das Anfang November und der Antrag liegt irgendwo in Ankara, da habe ich noch keinen Bescheid bekommen.“ Der Sozialarbeiter überlegte kurz: „Dann müssen Sie den Antrag sofort zurückziehen! Am Ende sind Sie noch staatenlos, dann haben wir ein großes Problem.“ Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, sofort rief er meine Eltern an und unterrichtete sie vom Vorfall.

„Also Herr Ates, wie Sie gerade gehört haben, werden sich Ihre Eltern darum kümmern und den Antrag für die Abgabe ihres türkischen Passes zurückziehen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu warten und zu hoffen.“ Damit wollte ich mich allerdings nicht abfinden, ich wollte unbedingt den deutschen Pass: „Im Fernsehen habe ich gesehen, dass die neue Koalition in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt hat, dass türkische Staatsbürger auch die doppelte erhalten können. Trifft das nicht auch auf mich zu?“ Die Antwort, die er mir gab, war genauso unqualifiziert, wie die, die er mir vor Monaten bereits gegeben hatte: „So ein Gesetz muss erstmal rechtskräftig werden, das dauert Monate. Sie können sich doch dann nach Ihrer Entlassung darum kümmern.“ Ich fand mich mit dem Gedanken ab, mich nach der Haft um meine deutsche Staatsbürgerschaft zu kümmern. Doch musste ich erkennen, dass die Auskünfte des Sozialarbeiters nichts taugten. Savas meinte, dass ich ja jetzt kein Almanci mehr sei – so bezeichnen die Türken in der Türkei die Türken aus Deutschland: „Du bisch ja jetzt ein richtiger Türk!“ meinte er scherzhaft, doch leider hatte er wohl Recht. Ob das von Vorteil war, bezweifelte ich, doch den wirklichen Nachteilen war ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst gewesen.

Vor allem jedoch war ich mir nicht bewusst, dass eine Vorstrafe bei der Einbürgerung mehr als nur ein Problem darstellen würde.

#39 – Der Arsch

Mein Großvater war gestorben, und es lastete kaum auf mir.
Es war vielmehr der Gedanke an meine Mutter, der mir – wie schon so oft – den Schlaf raubte. In den ganzen deutschsprachigen Rapsongs, die ich in der Haftzeit kennen und hören lernte – ich hatte so etwas zuvor nie angehört –  prahlten die Rapper mit ihren weltbewegenden, „Scheiß-auf-alles“- Taten und fluchten, was das Zeug hielt. Doch fiel ein Wort über die Mutter, klangen alle wie Muttersöhnchen. Meiner persönlichen Meinung nach ist dies kulturell bedingt. Das Frauenbild in meiner Kultur präsentiert sich nicht wirklich als autonom, eine Frau ist auch heutzutage noch eher abhängig von ihrem Gatten. Kaum ein Lebensziel verfolgt sie nur für sich, denn eigentlich zählt nur eines:  die bestmögliche Versorgung ihrer Kinder. Das war zumindest, was ich mitbekam –  denn meine Mutter entsprach exakt diesem Bild. Bereits in ihren Teenagerjahren wurde sie verheiratet, genoss keinerlei Bildung, wurde dazu gezwungen, in ein fremdes Land zu reisen, gänzlich ohne Kenntnis von Kultur und Sprache, und war zudem völlig allein und finanziell abhängig von meinem Vater. Über uns Kinder erhielt sie ihren Zugang nach draußen, und so folgte sie der Mutterrolle immer gewissenhaft, um uns ein besseres Leben zu schenken. Mein Großvater war gewiss kein schlechter Mensch, ich glaube sogar, dass er es gut meinte, als er seine jüngste Tochter einfach in die Hände eines Wildfremden gab.  Meine Großeltern folgten lediglich der Tradition, die sie für richtig hielten. Ich weiß, dass sie ihre Tochter, meine Mutter, sehr liebten und alles dafür taten, um sie, wie sie dachten, glücklich zu machen. Mein Großvater war nun fort, für immer. Auch ich liebe meine Mutter sehr und würde alles für sie tun, schließlich opferte sie so viel für uns Kinder.
Nun sind ihre Söhne fort, zwar nur für eine kurze Zeit, doch sie wollte und wollte einfach nicht vergehen. Für mich war es stets schwer, im Körper des „guten“ Sohns zu stecken, der alles tat, was die Eltern verlangten. Es fiel mir schwer, ich wollte jemand anderes sein, aber für mich war es lange Zeit wichtiger gewesen, meine Mutter nicht zu enttäuschen.
Dabei wusste ich nicht einmal wirklich, wer ich denn anderes sein wollte. Ich wusste nur, dass ich mich in keine der Rollen gut fühlte. Ich wollte nie der sein, der den Traditionen seiner Eltern bedingungslos folgte, doch wollte ich ebenfalls nie der Betrüger sein, der in Haft einsaß und seinen jüngeren Bruder in die Scheiße mit hineinzog. Bei meiner Entlassung würde sich das alles ändern. Und vielleicht, ganz vielleicht, war es bald soweit.

Ich stieg aus dem Auto aus, hatte wohlgemerkt noch meine Handschellen an, und befand mich in einer großen Garage, in der sich mehrere Transportwagen befanden. Vor zwei Stunden hatte man mich in der JVA zur Kammer gerufen, wo ich saubere Klamotten, eine Jeans und ein Hemd mit Sakko, anziehen durfte. Meine Eltern hatten diese Klamotten dagelassen, und ich musste zugeben, dass ich mich darin inzwischen ziemlich unwohl fühlte. So fragte ich den Beamten ziemlich schnippisch: „Ach, zum Gerichtstermin darf der Häftling sich hübsch machen, ja?“ Er bugsierte mich zum Transporter. „Von mir aus kannst du auch in Jogginghose gehen, nur würde sich das ziemlich negativ auf dein Erscheinungsbild auswirken.“ Die zwei Stunden Fahrt vergingen sehr schnell, da ich in meine Gedanken vertieft war und die Aussicht auf die für mich sehr frisch wirkende Landschaft genoss. Glücklicherweise mieden wir die Autobahn, sofern es ging. Die Beamten führten mich durch einen Gang in eine Wartezelle und schlossen ab. Jetzt hieß es, wie so oft in der Haft, Warten und Kopfkino an. Es war ein einzelner Termin und mein Anwalt meinte, dass es sich um eine 9 – Monats-Haftprüfung handelte, und in einem Monat die 9-Monats-Grenze erreicht werden würde. Für mich hieß dies in logischer Konsequenz, dass die mich entweder heute entlassen müssten, wenn bis Mitte Januar kein Gerichtstermin zustande kommen würde, oder dass bis spätestens zu diesem Zeitpunkt Gerichtsverhandlungen stattfinden müssten. So oder so würde ich heute eine erleichternde Botschaft bekommen. Es fiel mir so unendlich schwer, die Monate in Ungewissheit zu verbringen. Ich wollte endlich mein Urteil.

Als Reiniger hatte ich mich an die offene Tür gewöhnt. Umso schwerer fiel es mir, nun mal wieder die Zeit wartend zu vertreiben. Lesestoff hatte ich leider nicht dabei. Gelangweilt ließ ich meinen Blick also durch den Raum schweifen, in dem es nicht viel gab – so fiel er auf die vollgekritzelte Wand, das wohl spannendste an dem sonst leeren Zimmer. An einem Gekritzel blieb er hängen.

„Bir gün gelecek, bir gün kalacak“.

Eines der motivierenden Dinge, die ich während meiner Haftzeit bis hierhin zu lesen bekam, und dann auch noch in meiner Muttersprache: „Es kommt der Tag, an dem es nur noch ein Tag sein wird.“
Ab und an rief ich vom Fenster aus den Namen meines Bruders, vielleicht war er ja in der Zelle nebenan? Vielleicht war er auch gar nicht da, und wir würden nacheinander unsere Verhandlungen haben. Doch die Langeweile ließ meinen Sinn allerhand zusammenspinnen. Aber es war unwahrscheinlich…bereits bei der Haftprüfung waren wir schließlich getrennt worden. Als dann schließlich meine Tür aufging, ein Beamter mir wieder Handschellen anbrachte, lief ich neben ihm in Richtung Gerichtssaal. Ein paar Meter vor mir war ebenfalls ein Häftling, der von einem Beamten geführt wurde. War es möglich…? Ich sah die Person nur von hinten. Der Kopf war kahl rasiert, das konnte er gar nicht sein. Cem hatte immer volles Haar gehabt. Mein Blick wanderte vom Kopf hinunter, ich sah mir die Statur genauer an. Plötzlich überkam es mich.  Diese fetten Arschbacken, die hoch und runter wackelten…das war definitiv der riesige Arsch von Cem! Ich rief durch den Gang: „Ceeem!“ Er blieb stehen und blickte zurück, und er war es tatsächlich! Ein breites Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit, ich hatte ihn stolze 8 Monate nicht gesehen und jetzt hatte ich ihn an seinem Arsch erkannt. Er grinste ebenfalls, reden konnten wir leider nicht, weil die Beamten uns weiter zum Gerichtssaal führten und einen gewissen Sicherheitsabstand einhielten. Als wir eintraten, sahen wir unsere beiden Anwälte und drei weibliche Personen auf dem Podest sitzen. Die mittlere Person wies uns auf unsere Plätze hin: „Darf ich neben meinem Bruder sitzen?“ fragte ich eingeschüchtert, sie bejahte überraschenderweise und so fand ich mich, nach so langer Zeit, neben meinem Bruder sitzend wieder. Wir blickten uns ständig grinsend an. Der Junge hatte sich einfach die Haare rasiert. Wollte er etwa gefährlich wirken? Grundsätzlich hoffte ich, dass die Richter nicht auf das äußere Erscheinungsbild achteten. Diese Befürchtung kam mir durch die Bemerkung des Beamten vorhin in den Sinn, dass das äußere Erscheinungsbild bei Gerichtsterminen wohl von Bedeutung sei.

Die weiblichen Personen erwiesen sich als unsere drei Richterinnen, die ebenfalls in der eigentlichen Hauptverhandlung für uns zuständig sein würden. Es war dasselbe Spiel wie damals zur Haftprüfung. Mein Anwalt war wieder kurz vor dem Einschlafen, während die Richterin den Wisch vortrug, in dem stand, weshalb wir nicht entlassen werden würden. Die Verdunklungsgefahr war zwar nun nicht mehr Gegenstand der Gründe für den Haftbefehl, nunmehr jedoch die Fluchtgefahr. Uns beide würde eine nicht unerhebliche Haftstrafe erwarten, wir hätten Familie in der Türkei und die Fluchtgefahr sei entsprechend hoch. Leider gäbe es keine Möglichkeit Verhandlungstermine für den Anfang des Jahres anzusetzen, da alles belegt sei, doch die Gerichtstermine würden nun für März stehen. Ich traute meinen Ohren nicht. Wir sollten wieder bis März warten? Was bringen die ganzen Haftprüfungstermine, wenn sowieso alles feststand? Wieso können die das nicht einfach schriftlich mitteilen, dass wir nicht rauskommen und noch ein gutes Quartal warten mussten? Ich hasste diese Bürokratie. Zudem war es zum Verrücktwerden, dass die Verteidiger alles taten – nur nicht uns verteidigen. Ohne wirklich ein Wort mit meinem Bruder wechseln zu können, wurde ich zurück in die Wartezelle, dann in den Transporter Richtung JVA, gesteckt  – und lag kurz darauf in meinem Bett. Ich fühlte mich wie genötigt. Ich dachte schon, dass ich abgestumpft war und sie mich nicht mehr schocken könnten, doch sie toppten es immer wieder aufs Neue. Mein Anwalt ging mir auch auf die Nerven. Jedes Mal sah es so aus, als wären die Worte von den Richtern wie Meditationen für ihn, er schloss ständig seine Augen, sodass man befürchten musste, dass sie nicht mehr aufgingen, da er einem Herzinfarkt erlegen war.

Den Frust ließ ich am nächsten Tag bei meinen Mithäftlingen aus, die mir wieder nur mit anderen Anwaltsvorschlägen kamen. Nun kam die schlimmste Zeit in der Haft. Weihnachten! Freizeit war nicht mehr vorhanden, nur noch Umschlüsse und Sport gab es auch nicht mehr bis Anfang des nächsten Jahres. Wenigstens durften wir noch einen letzten Einkauf tätigen, ich hatte mich glücklicherweise mit mehreren Dutzend Stücken Nervennahrung versorgt. Dabei achtete ich stets auf Quantität statt Qualität, sonst hätte mein Geld für die Menge nicht gereicht. Ich sah es bereits kommen: Mehrere Mitleidsbriefe würde ich an meine Familie schreiben, das Schreiben half mir auch sehr, mich meines Frusts zu entledigen.
Von Freunden las ich kein einziges Wort.
Dadurch, dass es keine Freizeit mehr gab, war es schwieriger, das von mir versteckte Handy hin und her zu geben. Kartal war inzwischen auch von seinen BS-Maßnahmen befreit und konnte mit uns in den Hof und zum Umschluss. Dennoch nahm er das Handy nicht zu sich. Alle hielten es einstimmig für das Sicherste, wenn das Handy bei mir bleiben würde. Ein Albaner, Tarek war sein Name, war seit geraumer Zeit in unserem Stockwerk, er war vom 1. Stock zu uns gezogen. Er hing mit unseren Türken ab und freundete sich ebenfalls mit Kartal gut an. Die nächsten Tage versteckte ich das Handy wohl nur noch für Tarek. Er war der einzige, der Bedarf nach dem geheimen Elektrogerät hatte. Und so holte ich es immer wieder aus dem Mülltonnenversteck heraus. Täglich sah ich mir Weihnachtsfilme an und versuchte, in eine freudigere Stimmung zu kommen, doch das war nicht von Erfolg gekrönt. Täglich spielte ich Karten mit den beiden anderen Reinigern, wir hatten uns fast nichts mehr zu erzählen. Ab und an schmiedeten wir noch Pläne, wie wir wohl am einfachsten Geld „erwirtschaften“ könnten, sobald wir rauskämen. Wenigstens waren die Türen der Reiniger stets geöffnet. So saß ich wieder eines Tages beim kroatischen Reiniger in der Zelle, spielte Karten mit ihm und bekam überraschenderweise zu hören, dass er sogar auch ehrlich Geld verdient hatte. „Ich habe Immobilien gekauft, die renovierungsbedürftig waren. Nach der Renovierung habe ich die Wohnungsobjekte mit Gewinn verkauft.“ An sich war das eine glaubhafte Geschichte, doch andererseits verstand ich nicht, weshalb er in Haft gekommen war. Laut ihm, weil er Schwarzarbeiter für die Renovierung beschäftigt hatte. Es war noch nicht mal Mittagessenszeit, da hörte ich die Schlüsselgeräusche von Beamten, die wohl in Richtung unserer Zelle kamen. Zwei Beamten standen vor der Tür, der eine mit einem Koffer aus Aluminium. Ich wusste nur zu genau, was das für ein Koffer war.

„Herr Ates, wir müssen leider ihre Zelle kontrollieren“, ertönte die entschuldigend klingende Stimme des Beamten.

Mein Herz pochte wie wild. Was war das für ein entschuldigender Tonfall? Ich stand, betont gelassen, auf, und folgte den beiden Beamten in einen Freizeitraum. „Es tut uns wirklich leid, das kommt auf Anordnung des Bereichsdienstleisters“, meinte er. Diesmal sprach er die Entschuldigung aus. Ich kannte beide Beamte zwar gut und verstand mich auch mit ihnen, doch sie taten nur ihren Job, weshalb ich die Entschuldigungen nicht einordnen konnte. Doch dann kam die Erklärung.
„Sie müssen sich leider ausziehen. Wie gesagt, es tut mir wirklich leid!“  Nun lief ich rot an und schaute zu dem anderen Beamten, um sicherzugehen, dass das kein Witz war. Der zweite Beamte stand an der Ecke, er war jung, etwa in meinem Alter. Er versuchte wohl, mich zu trösten, indem er wegschaute. Währenddessen zog ich mich aus, wobei mir der erste Beamte entgegenkam und sagte: „Herr Ates, wenn Sie die Unterhose ausgezogen haben, drehen Sie sich einmal schnell im Kreis und ziehen sie sofort wieder hoch.“ Ich tat, was er sagte und war erleichtert, als es beendet war. Doch meine Gedanken waren trotzdem ganz woanders. „Wir gehen nun in Ihre Zelle, Sie warten dann bitte solange hier, ich schließe den Raum auch ab.“ Ich nickte, und die Tür schloss sich. Ich ging zum Fenster, riss es auf und atmete erstmal tief ein, mein Herz pochte immer noch wie verrückt. Ich flüsterte: „Verdammter Tarek, alles wegen Dir!“

Ich hatte Angst, das Handy war noch in meiner Zelle.