#44 – Alle Augen auf Cem

Cems Auftritt wurde auf nach der Mittagspause verlegt. Genug Zeit, um sich von dem stressigen Geständnis vor Gericht zu erholen. Alle strafenden Blicke der Anwesenden fühlten sich schmerzvoll an, ich fühlte mich wie der Teufel, der zur Pilgerfahrt symbolisch gesteinigt wird. Der Zellenkollege war ebenfalls zur Mittagspause da, Abde hieß er, und schien unbeeindruckt von seinem Gerichtsverfahren zu sein: „Ich halte einfach meine Fresse, der Richter kann mich mal.“ Sein Mittäter befand sich mit Cem in einer anderen Zelle. Er schwieg auch wie ein Grab – ganz anders als ich. Meine Hoffnung bestand darin, dass Cem ebenfalls mit dem Gericht kooperieren würde. Durch unser voreiliges Geständnis blieb uns sowieso nichts Anderes übrig, als die reine Wahrheit zu sagen. Wichtig war es nun, das Gericht davon zu überzeugen, dass wir nicht logen. Die Richterin schien weder die Beziehung zwischen meinem Bruder und mir, noch die türkische Kultur zu verstehen: „Weil er mein Bruder ist“, war meine Antwort auf die Frage der Richterin, weshalb ich Cem am Gewinn beteiligt hatte. Die Unzufriedenheit über meine Begründung hatte ich allen Vorsitzenden aus den Gesichtern lesen können.

Ich nahm große Schlucke von meinem Wasser, als frühzeitig ein Beamter vor meiner Zellentür stand: meine Anwältin suchte das Gespräch mit mir. Der „Besprechungsraum“ war direkt nebenan, meine Anwältin saß hinter einer Scheibe und ich setzte mich auf den einzig vorhandenen Stuhl ihr gegenüber. „Das war toll, Herr Ates! Ich bin mir sicher, dass Sie das Gericht überzeugt haben und glaubwürdig erscheinen. Etwas Sorgen um ihren Bruder mache ich mir jedoch schon, er scheint das Ganze nicht ernst zu nehmen. Die Vorsitzenden schienen nicht positiv auf ihn zu reagieren, vor Allem nach Ihrem sympathischen Auftritt fällt ihr Bruder mit seinem Verhalten deutlich negativ auf“. Da war sie nicht die einzige, die diesen Eindruck über meinen Bruder vertrat: „Das Problem ist, es ist erstmal total egal, was mit mir passiert. Also wäre schon super, wenn ich eine so geringe Strafe wie möglich bekomme, aber wenn mein Bruder nicht rauskommt, dann war alles, vor Allem das Geständnis, für die Katz.“ Ich bekam eine Wut gegenüber meinem verantwortungslosen Bruder, am liebsten hätte ich ihm ein paar Respektschellen gegeben und ihm gesagt: „Raff dich mal auf und sei dir dem Ernst deiner Lage bewusst!“ Doch etwas viel Wichtigeres stand im Raum: „Wir müssen darum kämpfen, dass Sie drei nicht als Bande verurteilt werden, damit steigt die Strafe um einiges, dann kann nicht nur Ihr Bruder die Bewährung vergessen, sondern Sie müssen auch mit mindestens fünf Jahren Freiheitsstrafe rechnen. Daher habe ich auch mit dem Anwalt von Herrn Polat geredet, er ist natürlich derselben Meinung. Sie haben bereits die Vorlage gegeben, dass Sie zu keinem Zeitpunkt gleichzeitig agiert haben, die anderen beiden müssen dies nur noch so unterschreiben.“ Ich bedankte mich bei ihr und wurde zurück in meine Zelle gebracht, die ich dann nach einigen Minuten Richtung Gerichtssaal verließ. Es ging nun weiter.

Cem war dran.

Die Richterin begann sofort damit, den Nachrichtenaustausch vorzulesen und gab an, dass der SMS – Verkehr am 15. Februar 2013, also ca. 2 Monate vor der Verhaftung, nachts um 1:21 Uhr stattgefunden hatte:

Cem: „Hey Bruder, kannst Du bitte heute woanders schlafen? Ich habe hier eine auf der Party abgecheckt und brauch eine Wohnung.“

Emre: „Ähm, nein?! Ich arbeite gerade, während Du Spaß auf der Party hast, ein scheiß bekommst Du heut meine Wohnung.“

Cem: „Bitte Bruder, komm schon! Kannst Du nicht in ein Hotel gehen? Komm schon.“

Emre: „Alter, ich habe morgens um 8:00 Uhr Uni, einen scheiß gehe ich in ein Hotel, geh Du doch! Du kannst ja ihre Nummer nehmen und Dich mit ihr morgen treffen.“

Cem: „Ich habe kein Geld mehr Bruder, bitte! Ich schwöre ich mach alles was Du willst! Du kannst das nächste Mal meinen Anteil haben! Ich will dann gar nichts.“

Emre: „Willst Du mich verarschen? Du arbeitest sowieso nie, das ist eh mein Anteil, ich habe die ganze Nacht gearbeitet. Knall die halt auf dem WC oder so, ist mir sowas von egal! Wehe Du kommst mit der hierher, ich kick dich sofort raus! Ich habe morgen früh Uni und gehe jetzt schlafen.“

Cem: „OK amk!“

Mein Gesicht glich am Ende einer reifen Tomate, es war mir extrem peinlich, dass meine Eltern das hörten. Ich blickte zu ihnen und stellte fest, dass meine Mutter auch rot angelaufen war. Nicht vor Wut, sondern weil es ihr ebenfalls peinlich war. Meine Zwillingsschwester war weniger aufgebracht, vielmehr erwischte sie mich dabei, wie ich zu ihr blickte, und grinste mich an à la „Du Idiot, haha“. Über die Reaktion meines Vaters wunderte ich mich sehr: er hatte sich vornübergebeugt, die Arme auf den leeren Stuhl vor sich angelehnt und bekam ein breites Grinsen auf dem Gesicht. So wie ich meinen Vater einschätzte, war ich mir sicher, dass er sich gerade dachte: „Gott sei Dank, wenigstens einer meiner Söhne ist nicht vom anderen Ufer.“ Ein Grinsen machte sich auch auf meinem Gesicht breit und die Rötung flachte etwas ab. Cem wiederum schien ganz stolz darauf zu sein, dass seine Eroberung an jener Nacht hier so öffentlich präsentiert wurde.

Die Richterin fuhr fort: „Also, Herr Ates…“, sie blickte auf meinen Bruder, „Sie haben bei Ihren Eltern gewohnt, Ihr Bruder hatte eine eigene Wohnung in Esslingen, Sie waren in jener Nacht auf einer Party und wollten, dass Ihr Bruder für die eine Nacht Ihnen seine Wohnung zur Verfügung stellt. Was sie dort machen wollten, geht ja sehr deutlich aus dem eben Vorgetragenen hervor. Ist das alles richtig?“ Cem grinste weiterhin und bejahte. „Von welcher Arbeit spricht denn Ihr Bruder bei seinen Nachrichten?“, wollte die Richterin wissen. Dass das eine rhetorische Frage war, verstand mein Bruder wohl nicht und antwortete mit einem Tonfall, der das Gegenüber unweigerlich dumm dastehen ließ: „Ähh, den Ticketverkauf natürlich?!“ Den Richterinnen gefiel diese Art, mit ihnen zu sprechen, natürlich gar nicht: „Also der Ticketverkauf, an dem Sie auch beteiligt waren?“ Cem blickte fragend durch die Gegend: „Nein, mein Bruder hat immer am Computer verkauft. Ich habe das nicht gemacht.“ Die Richterin zur Rechten der Hauptvorsitzenden übernahm nun das Wort: „Sie sprechen von einem Anteil, den Sie ihrem Bruder überlassen wollten. Wofür haben Sie denn den Anteil bekommen?“ Cem machte nun einen Fehler und gab den Richterinnen einen Grund, ihn als Mittäter einzustufen: „Für das Geld abheben. Mein Bruder hatte immer Schiss Geld abzuheben, der hat jemanden gebraucht, der es für ihn gemacht hat. Deswegen habe ich immer mit Helm, Sonnenbrille und Schal das Geld abgehoben. Er hat dann halt Schmiere gestanden. Und dann kam ich mit dem abgehobenen Geld. Er hat mir dann das gegeben was er wollte. Meistens halt die Hälfte.“ Ich traute meinen Ohren kaum. Die Richterinnen, hatten sie doch endlich etwas gefunden, zückten sogleich ihre Stifte und begannen, sich Notizen zu machen. Ich entnahm ihrem Blick, dass meine Anwältin sich am liebsten auf die eigene Stirn geschlagen hätte, auch sie notierte sich etwas. Cems Anwalt schien ebenfalls überrascht von der Aussage zu sein.

Die Stimmung der Richterinnen wandelte sich ob dieser Entwicklung so langsam zum Positiven: „Erzählen Sie mal, was haben Sie denn noch so gemacht, was Ihr Bruder nicht machen wollte oder konnte? Er hat Sie doch sicherlich auch für andere Zwecke gebraucht, z.B. weil er zeitlich durch seine Arbeit oder den Vorlesungen verhindert war?“ Cem überlegte kurz: „Nichts. Das war das Einzige was ich gemacht hab, Geld abheben.“ Die Richterin rutschte wieder in ihre negative Gemütslage: „Sind Sie sich sicher? Wir haben ihre ICQ-Chatverläufe von „prestige“, also Ihren Usernamen. Aus diesen geht in vielen Unterhaltungen hervor, dass Sie Kreditkarten beschafft haben, auch an dem Kauf der Bankdrops haben Sie sich beteiligt.“ Ihre Aussagen basierten – inklusive Seitenangaben – auf den Ermittlungsakten. Meine Anwältin öffnete sofort die entsprechenden Unterlagen auf ihrem Rechner und deutete mit dem Stift auf die zitierten Passagen, so dass ich mir ebenfalls ein Bild davon machen konnte. Es lief gerade sehr schlecht. Auch wenn Cem Recht damit hatte, dass ich Angst vor dem Geldabheben hatte und lieber Schmiere gestanden war, weil ich den Überblick behalten wollte –  war die Behauptung der Richterin, dass er sonstige Aufgaben übernahm, einfach falsch. Mein Bruder sollte dann noch erzählen, wie es dazu kam, dass er sich mit mir verstritt, für einige Monate in der Türkei war und wie er mich dazu brachte, die Mittäterschaft mit Adnan aufzugeben.

„Als ich zurück aus der Türkei war, wusste ich, dass mein Bruder noch weitermacht. Er hatte immer genug Geld dabei. Ich habe auch gesehen, dass er angefangen hatte, mit Adnan abzuhängen, die ganze Zeit. Da habe ich mir schon gedacht, dass die gemeinsam Geschäfte machen. Meinen Bruder konnte ich schon immer leicht überzeugen, vor Allem wenn es darum ging, sich für mich zu entscheiden. Irgendwann hat er dann Adnan gesagt, dass die Bankdrop-EC-Karte eingezogen wurde und er aufhören möchte. Weiß nicht, ob Adnan ihm das abgekauft hat, aber danach hat er auch nicht darauf gepocht, weiterzumachen.“ Wenigstens hatte mein Bruder diesmal mit seiner Aussage dafür gesorgt, dass die Mittäterschaften klar dargestellt wurden. Ein Schmunzeln gab es dann doch noch, als die eine Richterin, die bisher kein Wort von sich gegeben hatte, wissen wollte, wofür das Kürzel „amk“ in der SMS von Cem stand. „Ähm, das ist ein türkisches Schimpfwort“, grinste Cem: „’amına koyayım’ heißt es ausgeschrieben.“ Die Richterin schaute ihn fragend an. Ich fragte mich, was sie erwartet hatte. „Und auf Deutsch?“, wollte sie wissen. Cem zögerte erst, doch als die Richterin auf die Antwort bestand, übersetzte es Cem. Ich weiß nicht, ob dies der Auslöser war, dass ich an die türkische und dann an die deutsche Sprache dachte, doch mir kam ein Geistesblitz: „Darf ich kurz was sagen?“, fragte ich. Die Hauptvorsitzende hatte mich schon aus ihrem Fokus verloren und schien verwundert, meine Stimme zu hören: „Ja, bitte. Sie haben das Wort, Herr Ates.“

„Also, Sie haben ja gesagt, dass aus den ICQ-Chatverläufen hervorgeht, dass Cem auch Kreditkarten gekauft hat usw. Das hat er auf jeden Fall nicht, er hat nur Geld abgehoben. Ich kann das beweisen, wenn Sie mal bitte die Chatverläufe nochmals ansehen würden. Ich habe nämlich den Account von meinem Bruder ständig verwendet. Und wenn Sie den Schreibstil ansehen, dann werden Sie erkennen, dass ich stets auf die Groß – und Kleinschreibung, sowie Kommasetzung achte. Das macht so gut wie keiner auf ICQ. Ebenso wenig mein Bruder, er schreibt sogar Wörter total falsch. Wenn Sie dann einfach mal schauen, wo auf einen korrekten Schreibstil geachtet wurde, werden Sie sehen, dass genau diese Verläufe etwas mit Kreditkartenverkäufen zu tun haben. Dort, wo nicht drauf geachtet wurde, war es mein Bruder und dann immer nur Smalltalk, ohne jeglichen Geschäftsvorgang.“ Ich war stolz auf meine Erkenntnis und schien die Richterinnen auch überzeugt zu haben, dies konnte ich spüren, als sie die Chatverläufe kurz überflogen.

Doch dann begaben Sie sich wieder in den Angriffsmodus: „Sie haben aber erwartet, dass Ihr Bruder „arbeitet“, ist das nicht so? Ihrer SMS kann man entnehmen, dass Sie enttäuscht sind, dass er nicht arbeitet.“ Ich versuchte, meine Intention hinter der SMS zu erklären: „Ich wollte einfach nur, dass er es nicht als selbstverständlich ansieht, dass ich ihm Geld gebe. Dass er es sich nicht „verdient“ hat, dass ich es ihm nur gebe, weil er eben mein Bruder ist.“ Die Hauptvorsitzende war genervt: „Herr Ates, Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass wir Ihnen diese „Er-ist-mein-Bruder“-Geschichte abkaufen. Ihr Bruder hat zugegeben, dass Sie ihn für das Geld-Abheben bezahlt haben.“ Ich war ebenfalls genervt, sie schien es einfach nicht zu verstehen: „Ich hätte mir genauso gut einen Läufer holen können und dem nur 10% abgeben können, statt meinem Bruder 50% zu geben. Ich hätte mich auch selbst dazu bewegen können, Geld abzuheben. Ich habe aber meinem Bruder etwas Gutes tun wollen, ich hatte schon jahrelang das Gefühl, für ihn verantwortlich zu sein. In unserer Kindheit musste ich als älterer Bruder immer eine gewisse verantwortungsvolle Rolle einnehmen. Ich fühlte mich dadurch, dass ich ihm das Geld gegeben habe, von dieser Verantwortung befreit. Ich kann nur sagen, dass ich ihm das Geld gegeben habe, weil er mein Bruder ist und nicht, weil ich ihn für irgendeine Tätigkeit bezahlt habe.“

Meine Anwältin klinkte sich in die Diskussion ein und erhoffte sich dadurch wohl, mir einen Vorteil zu verschaffen: „Darf ich mich kurz einmischen? Ich möchte eine Frage an den jüngeren Ates stellen, wenn dies in Ordnung ist.“ Die Richterin gestattete es.

Meine Anwältin drehte sich zu meinem Bruder um: „Also Cem, nehmen wir einfach mal an, dein Bruder hätte keinen Betrug gemacht. Wäre einer ganz normalen Arbeit nachgegangen und hätte eine Menge Geld. Wenn Du zu ihm gekommen wärst, weil du Geld gebraucht hättest – denkst du, er hätte dir Geld gegeben, nur aufgrund der Tatsache, dass du sein jüngerer Bruder bist?“

Cem blickte mich direkt an: „Natürlich nicht.“

#43 – Alle Augen auf Emre

Etwas seltsam war es schon, als ich mir wieder bewusst machte, dass mehr als ein Dutzend Augen auf mich gerichtet waren und genauso viele Ohren meiner Stimme lauschten. Die hauptvorsitzende Richterin hatte bereits ihren Stift gezückt und begann damit, sorgsame Notizen anzufertigen, während ich erneut ein Geständnis abgab. Die beisitzenden Richterinnen schienen mich gar nicht im Visier zu haben, vielmehr beobachteten sie wohl die anderen beiden Angeklagten. Der Staatsanwältin würdigte ich keines Blickes, da sie außerhalb meines Blickfelds an ihrem Pult zu meiner Linken saß. Dafür wandte ich den Blick keine Sekunde von der Richterin ab, sie sollte mir in die Augen sehen können, um zu erkennen, dass ich nichts als die Wahrheit von mir gab … nun ja, zumindest so gut wie die ganze Wahrheit. Während ich ihr erzählte, wie ich überhaupt in die Untergrundszene geraten war, wie ich bei der Google-Suche auf den Begriff „Carding“ gestoßen war und wie mir zahlreiche „schwarze“ Seiten angezeigt wurden, erkannte ich, dass die Richterin ihre Hausaufgaben gemacht hatte. „Also, und dann habe ich gesehen, dass es Bankkonten gibt, die gefälscht sind, und habe mir eins davon gekauft“, fuhr ich fort, als die Richterin mich unterbrach: „Sie meinen sicherlich die sogenannten Bankdrops?“ Verblüfft, dass sie die Bezeichnung für ein gefälschtes Bankkonto in der Szene kannte, nickte ich und erzählte ihr, dass ich es von einem User Namens „Louch“ gekauft hatte. Dabei musste ich ihr jedoch mehrmals verklickern, dass ich den wahren Namen dieses Users nicht kannte und auch nie Interesse daran gehabt hatte, diesen in Erfahrung zu bringen. Weiterhin erzählte ich, wie ich auf die Methode gekommen war, um Geld auf den Bankdrop zu bekommen. „’Filling‘ nennt sich das“, merkte ich am Rande an und die Richterin nickte, als würde sie meine Aussage in ihrer Richtigkeit bestätigen. „Den Hasan, von dem Sie die Fillling-Methode gekauft haben, kennen wir schon. Er ist in Deutschland vorbestraft, wir werden uns um ihn kümmern.“ Die Richterin prahlte augenscheinlich mit diesem Erfolg. Ich hingegen war verwundert, dass der Türke tatsächlich seinen wahren Namen genutzt hatte, um mit mir Handel zu treiben. Sicherlich hatte die Polizei seine komplette Anschrift durch die Western-Union-Transaktion in Erfahrung gebracht, über die ich ihm das Geld für das Preisgeben der Fillingmethode zugesandt hatte. Als mir dann eine Liste mit mehr als 800 Zeilen auf den Tisch gelegt wurde, und jede Zeile ein einzelner Fall war, für den ich laut der Richterin einzeln belangt werden würde, wurde es mir jedoch zu blöd. Ich sollte wirklich jeden dieser Fälle durchgehen und bestätigen, dass ich das war. Anhand der E-Mail-Adressen und auch sonstiger ähnlicher Merkmalen, wie z.B. bei der Namenswahl, wusste ich genau, dass diese Fälle mir korrekt zugeordnet werden konnten. Doch das Gericht wollte auf etwas völlig anderes hinaus: Sie wollten wissen, welche Fälle mein Bruder Cem, Adnan, ich, oder wir alle gemeinsam gemacht hatten. Die Zeiten in den Einträgen waren angegeben und ich sagte stets aus, dass keiner der Fälle von Dreien gleichzeitig durchgeführt worden war, sondern nur in Kombination mit meinem Bruder und mir sowie Adnan. Fortan wollte das Gericht wissen, welche Tickets mein Bruder bestellt hatte. „Er hat gar nichts bestellt. Ich habe alles bestellt. Er war nur dabei, wenn ich Geld abgehoben habe, mehr nicht.“ Die Richterin schien mir das nicht abzukaufen: „Wir haben mehrere Daten auf dem Rechner Ihres Bruders entdeckt. In ICQ-Chatverläufen ist stets von beiden Brüdern die Rede. Sind Sie sicher, dass ihr Bruder nichts gemacht hat?“ Die Richterin sah mich mit strafenden Blicken an, als ich ihr stets vor Augen führte, weshalb mein Bruder Cem gar nichts gemacht haben konnte: „Der Cem ist ein total fauler Junge, er wäre sich zu schade gewesen, sich eine solch große Arbeit zu machen, indem er Tickets verkauft. Er saß immer auf der Couch und hat geraucht, während ich die Tickets bestellt habe. Außerdem hätte ich ihm nie sowas anvertraut, ich bin der Typ, der gerne alles selber macht und die volle Kontrolle hat. Sein Notebook habe ich genutzt, weil ich selbst keins besaß, deshalb ähneln sich die Passwörter auch, denn ich habe das TrueCrypt-Passwort auf dem Rechner meines Bruders erstellt. Er wäre nie auf solch eine Kombination gekommen. Theoretisch gesehen gehört das Notebook mir, es wurde auch bei mir in Esslingen in der Wohnung gefunden.“ Eine aus meiner Sicht sehr logische Erklärung, und doch, die Richterinnen schienen nicht ganz überzeugt zu sein: „Warum haben Sie denn ihrem Bruder Geld gegeben, wenn er ja sowieso nichts gemacht hat und laut ihrer Worte ‚zu faul‘ war?“ Ich musste nicht lange überlegen: „Er ist mein Bruder. Natürlich gebe ich ihm Geld. Ich musste mit jemandem das Geheimnis teilen, ich konnte es nicht für mich behalten. Da eignete sich mein Bruder am besten. Außerdem hätte er mich sicherlich bei meinen Eltern verraten, hätte ich ihm kein ‚Taschengeld‘ gegeben.“ Eine weitere Notiz der Richterin brachte Sie zur letzten, durchaus berechtigten Frage: „Was haben Sie denn mit dem ganzen Geld gemacht?“ Ich muss zugeben, bis heute kann ich diese Frage weder ausstehen, noch wirklich beantworten: „Ich weiß es nicht, wir haben es halt ausgegeben.“ Diesmal konnte ich den Zorn in den Augen der Richterin deutlich erkennen: „Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie nicht wissen, was Sie mit 60.000 EUR angestellt haben?“ Ich wurde etwas verlegen und errötete: „So auf die Schnelle kann ich es nicht sagen, aber ich kann bis zum nächsten Mal eine Liste machen, wofür ich es ausgegeben haben könnte. Im Grunde genommen haben wir Autos gemietet, waren oft in Shisha-Bars, haben Freunde eingeladen, wurden in der Szene auch einige Male um hohe Beträge erleichtert, und Miete, Lebenserhaltungskosten während des Studiums und so ein Kram, war auch noch dabei.“ Mit dem Vorschlag der Liste konnte ich die Richterinnen zähmen. Nun war ich derjenige, der seine Hausaufgaben erledigen sollte.

Mehrere Stunden waren vergangen, mein Kopf schmerzte, meine Lunge war staubtrocken und meine ganzen Klamotten von Schweiß durchnässt. Gerade als ich dachte, dass ich nun durchatmen konnte, kam der nächste Stressfaktor: Die Richterin wandte sich meinem Bruder Cem zu, ich folgte ihren Blicken und bekam fast die Krise, als wir ihn zeitgleich dabei erwischten, wie er irgendwelche Männchen auf ein Blatt kritzelte. Als er dann merkte, dass er gerade – zumindest aus seiner Sicht – im Rampenlicht stand, blickte er hoch und grinste, als er unsere Blicke bemerkte. Die Empörung über sein Desinteresse stand uns ins Gesicht geschrieben und er grinste erst mich, dann die Richterinnen an. Diese schienen, genauso wie ich, nichts Lustiges daran zu finden und dachten sich sicherlich, dass ihm das Lachen gleich vergehen würde: „So, wenn Sie dann fertig mit Ihren Männchen sind, können Sie anfangen, alles zu erzählen.“ Cem setzte seinen „I don’t give a shit“- Blick auf, seufzte theatralisch und antwortete mit einem frechen Grinsen auf den Lippen: „Was soll ich denn noch sagen? Mein Bruder hat doch schon alles gesagt.“ Die hauptvorsitzende Richterin schwieg, stattdessen kam die Richterin zu ihrer Rechten zu Wort. Als ich ihre Stimme hörte, musste ich an „Guter-Bulle, Böser-Bulle“ denken, und sie schien letzteres zu sein: „Haben Sie mal etwas Respekt gegenüber dem Gericht! Das ist kein Kindergarten hier! Am besten, Sie fangen mit der SMS an, die ein eindeutiger Beweis für ihre Tatbeteiligung ist!“ Mein Bruder hatte sich mit den Falschen angelegt, und langsam merkte ich, dass die Frage der Bewährung für meinen Bruder nicht nur von mir abhing, sondern vielmehr von ihm.  

Und da sah es ganz und gar nicht gut aus. 

#42 – Mögen die Verhandlungen beginnen

Tarek verlegte man in eine andere JVA. Es wurde Zeit, dass ich auch von hier verschwand.
Der neue albanische Reiniger hatte plötzlich ein neues Handy. Es wurde Zeit, dass jemand anderes das Versteckspiel übernahm.
Die zwei Gruppierungen, Black Jackets und Red Legions, wurden wieder getrennt, mehrere Verlegungen fanden statt und sie hatten in der Zwischenzeit alle ihre Urteile bekommen. Es wurde Zeit, dass auch ich mein Urteil bekam.

Tayfun hatte 3 Jahre und 7 Monate bekommen und wurde in die Strafhaft verlegt. Savas hatte mit 4 Jahren und 6 Monaten knapp ein Jahr mehr bekommen, doch durfte er dafür in die Therapie. Das würde bedeuten, dass er nur noch ein paar Monate absitzen musste und das letzte Jahr vor seiner Halbstrafe in eine Therapieanstalt aufgrund seiner Drogensucht verbringen musste, bevor er dann entlassen werden würde.

Ich hatte gemischte Gefühle: Angst vor dem hohen Strafmaß, Freude aufgrund einer möglichen Entlassung, Hoffnung für die Entlassung meines Bruders, Erleichterung für meinen Geduldsfaden, aber vor allem Respekt vor der deutschen Justiz. Dutzende Urteile hatte ich während meiner Haftzeit mitbekommen, von Blitzentlassungen, Bewährungen, Freiheitsstrafen zwischen 3 und 10 Jahren, aber auch lebenslängliche Verurteilungen hatte ich gehört. Wo würde ich mich in dieser Skala befinden? Wie fühlten sich die Richter dabei, wenn sie das Urteil fällten? War es nur eine Zahl für sie? Würde mein Urteil milder oder härter ausfallen, würden die Richter meine Gedanken und Gefühle auch nur im Mindesten ahnen können? Wie viel Einfluss hatte ein Richter auf ein Urteil? Immerhin muss er seine Entscheidung auf dem Gesetz basieren. Ich stellte mir die Frage, weshalb unser Gesetz nicht so konzipiert ist, dass alle möglichen Betrugsfälle abgedeckt sind und mir so ein bestimmtes System sagen kann, was für ein Urteil ich bekomme? Könnte man eine Software erstellen, in die ich meine Tat eintippe, mein Alter, meinen Hintergrund, meine Kultur, meine Gedanken, Gefühle und sonst noch alles was dazu zählt, und dieser spuckt mir dann ein Urteil aus? Ich überlegte mir, dass solch eine Software wahrscheinlich um ein Vielfaches objektiver und somit besser wäre als ein menschlicher Richter. Welche Auswirkungen die Digitalisierung in der Justiz wohl haben würde…Der Informatiker in mir übernahm meine Gedankenwelt, als ich mich schon wieder im Transportbus mit Ziel Landgericht Stuttgart befand. Heute war mein erster Verhandlungstag und ich spürte meinen Körper nicht mehr. Alles Gefühl konzentrierte sich auf mein Gehirn, ich fühlte mich wie ein Geist. Wieder in meinem schicken Anzug folgte ich einem Beamten einen Gang entlang. Die Wände waren diesmal komplett weiß, das letzte Mal war ich wohl nicht hier gewesen. Am Ende des Gangs befand sich ein weiterer Beamter, wohl vom Landgericht Stuttgart. Er hatte eine Namensliste vor sich und hakte meinen Namen ab. „Darf ich zu meinem Bruder rein?“ fragte ich. Er grinste: „Natürlich.“ Dass dies ironisch gemeint war, merkte ich erst, als ich in der Zelle mit meinem Vesper (Halber Liter Wasser und ein Käsebrot) vor einem Häftling stand, der definitiv nicht mein Bruder war. Um dies zu erkennen, musste ich nicht mal seinen Hintern sehen. Der Raum bestand aus zwei kleineren Tischen, die an den Seiten an der Wand befestigt waren. Eine offene Toilette war auch Bestandteil der Zelle, wobei man das nicht wirklich Zelle nennen konnte, denn dies war schlimmer als eine Zelle. Keine Fenster und keine Gitter, nur verdammt weißes Licht mit verdammt weißen Wänden und ein Häftling in Jogging-Hose. Er hatte tatsächlich eine Gebetskette dabei und schaute mich grinsend an: „Voll schick! Hast heute Verhandlung, was?“ Ich nickte: „Ja, Du auch oder wie?“, seinen Klamotten zu urteilen war es ihm wohl schnuppe, was der Richter denken würde. Er bestätigte dies und fragte mich selbstverständlich, was ich denn getan hatte. Als ich gerade dabei war, ihm die Geschichte zu erzählen, unterbrach er mich mittendrin: „Alter! Bist Du der Bruder von dem Cem? Der ist doch auch heute hier, der war mit mir im Transportbus.“ Ich nickte und fragte gleich interessiert: „Wie geht es Cem so? War er aufgeregt oder hat er auf cool getan? Hat der Junge sich wenigstens gescheit angezogen?“ Er lachte. „Haha, klar ist der cool. Der hat sich genauso angezogen wie Du. Alter, stimmt das, dass ihr ne halbe Million gemacht habt?“ Ich war überrascht, es war einfach so gar nicht der richtige Zeitpunkt, dass Cem solche Lügen verbreitete, um gut dazustehen. Nachher gerieten diese Informationen noch an falsche Ohren. „Als ob, der übertreibt nur. Wir haben 130.000 EUR Schaden angerichtet, aber nur ca. 60.000 EUR Gewinn gemacht.“ Er sah etwas enttäuscht aus und hatte wohl das Bedürfnis, sich mit seiner Tat zu brüsten, die ich mehr als unangenehm anzuhören fand: „Haha, das ist ja gar nichts. Ich bin mit meinem Mittäter bei so einem reichen Casino-Besitzer eingebrochen, der hatte locker Sachen im Haus, die 100k und mehr wert waren. Plötzlich hören wir so ein Schnarchen im Wohnzimmer und sehen, dass der auf dem Sofa pennt. Dann bin ich zu dem hin und hab ihn abgestochen.“ Ich war baff, mit welcher Gelassenheit er den letzten Part seiner Geschichte über die Lippen brachte: „Du hast ihn getötet? Einfach so?“, fragte ich erschrocken. „Nein, der Arsch hat überlebt.“ Die Enttäuschung darüber konnte man seinem Gesichtsausdruck entnehmen. „Aber wieso hast Du nicht einfach die Sachen geklaut und bist abgehauen? Wieso musstest Du den abstechen?“, fragte ich war mehr als nur verwirrt nach. Er zuckte mit den Schultern: „Wenn der aufgewacht wäre und uns gesehen hätte, hätten die Bullen uns bekommen.“ Ich hatte aufgrund dieser Blödheit plötzlich einen Anflug von Mitleid mit ihm. Er verstand wohl nicht, dass er so in eine viel tiefere Scheiße geraten war. Doch das Mitleid verflog sehr schnell, als er mir dann etwas erzählte, was aus seiner Sicht wohl unglaublich cool war: „Weißt du, vor der Haft, da kommt meine Freundin und sagt so, die sei von mir schwanger. Ich guck die so an und hau mit voller Wucht auf ihren Bauch. Die lag dann auf dem Boden und hat voll lange geweint.“ Ich wollte ihm das erst nicht abkaufen, doch ich hatte schon einige kranke Leute in der Haft gesehen und seine Stimmlage sowie Mimik deuteten darauf hin, dass er die Wahrheit erzählte: „Warum hast Du ihr denn auf den Bauch geschlagen?“, wollte ich spontan wissen, obwohl ich schon vermuten konnte, was er damit bezwecken wollte: „Ja, damit das Kind verreckt. Kein Bock auf einen kleinen Bastard von der.“ Der Typ hatte es geschafft innerhalb von 10 Minuten auf meine Liste der Top5 meist-gehassten Häftlinge zu kommen.

Viele Worte wechselte ich nicht mehr mit ihm und wenn, dann nur, wenn er irgendetwas von mir wissen wollte. Ich zumindest wollte einfach nur raus aus diesem Raum und war gottfroh, als das erlösende Schlüsselgeräusch die Tür öffnete und ich der erste war, den sie zum Gerichtssaal mitnahmen. Mein Puls stieg, meine Beine waren zittrig und schwach und wie immer, wenn ich aufgeregt war, liefen regelrecht Bäche aus Schweiß aus meinen Händen. Ein Gedanke brachte mich zum Grinsen: Vielleicht finden die Richterinnen mich sympathisch und irgendwie süß … und vielleicht bin ich gar kein Häftling, sondern Manuel Neuer! Abartig, dass mir eine Cola – Werbung in solch einem Moment in den Sinn kam, aber es beruhigte mich. Ich betrat den Gerichtssaal, der Eingang war an der Seite und als ich nach rechts blickte, sah ich den Zuschauerbereich. Meine Eltern und meine Zwillingsschwester waren da, des weiteren der Vater von Adnan und ein paar ältere deutsche Paare, aber auch ein junger Mann, der sich Notizen machte. Eine junge Dame und ein breit gebauter Mann saßen in der hintersten Reihe und plötzlich erkannte ich ihn. Es war der Bundespolizist, der im August 2012 eine Hausdurchsuchung bei uns durchgeführt hatte, als nur mein Vater und ich mich im Haus befunden hatten. Ich wurde leicht rot, als ich mir bewusst wurde, dass ich ja gerade nur wegen des Ermittlungsverfahrens der Bundespolizei München hier war. Ich hatte zwar auch alles zu den anderen Ermittlungsverfahren, wie eben jene für die Bundespolizei Kassel genannt, doch die waren in der Anklageschrift gar kein Bestandteil. Würde da etwa noch etwas auf mich zukommen?

In Richtung Richterpult befanden sich hintereinander drei Tische, am hintersten Tisch saß bereits Adnan mit seinem Anwalt, ich nickte ihm zu und er grüßte mit einem Nicken zurück, an dem zweiten Tisch saß mein Bruder Cem mit seinem Anwalt und grinste nur, woraufhin ich auch grinsen musste. Ich hoffte, meine Eltern sahen das Grinsen nicht, denn ihre Gesichter waren voller Sorge und wenn sie dachten, dass wir das Ganze nicht ernst nähmen, wäre das sehr unangenehm für mich gewesen. Meine Anwältin saß am vordersten Tisch und ich setzte mich neben sie hin. Wir grüßten einander und sie sagte mir, dass ich offen und ehrlich sein solle, weil ich bereits ein Geständnis abgelegt hatte. Und sie habe mit der Richterin bereits gesprochen, es läge an uns, ob es dann tatsächlich 7 Verhandlungstage wurden oder ob wir es früher beenden konnten.

Mein Herz pochte, als die Tür hinter dem Richterpult aufging. Drei Richterinnen kamen aus der Tür und zwei weitere Personen in Zivil. Die Beamten nahmen uns die Handschellen ab. Wir mussten alle aufstehen, an das genauere Prozedere erinnere ich mich jedoch nicht, doch die Geschworenen legten einen Eid ab und als wir uns hinsetzten, blickte ich nochmals nach hinten, in die aufgeregten Augen meiner Mutter und dann auf Cem: „Ich krieg dich hier raus, Junge“, dachte ich mir innerlich und motivierte mich, das Ganze durchzustehen, für meinen Bruder und für meine Familie.

Die Staatsanwältin las die komplette Anklageschrift vor, sie sah sehr nett aus, wie eine sogenannte „Streberin“ aus der Schule. Die würde uns doch niemals zurück ins Gefängnis verdonnern, dachte ich mir. Die Richterinnen hörten konzentriert zu, doch immer wieder erwischte ich sie dabei, wie sie an bestimmten relevanten Stellen ihre vorwurfsvollen Blicke auf uns richteten. Als die Staatsanwältin nach einer gefühlten halben Ewigkeit fertig war, wandte sich die hauptvorsitzende Richterin in meine Richtung: „Sie haben die Anklageschrift gehört. Dann würde ich mal sagen, dass der ältere Ates-Bruder anfängt.“ Das ging schneller, als ich erwartet hatte, mein Hals war trocken und ich musste erst husten. Dann neigte mich zum Mikro: „Ähm, soll ich einfach sagen, was ich gemacht habe?“ Die Richterin lächelte: „Ja, fangen Sie einfach mal an zu erzählen.“ Ich richtete mich auf, strich nochmals verlegen über meine Haare, atmete tief ein und legte los: „Also, ich fang dann mal von ganz vorne an …“

 

#41 – Veränderungen

 

Ein neuer Tag im neuen Jahr brach an, und alles schien wie immer zu sein: Ich machte mich frisch, meine Zellentür ging auf, ich machte mich auf den Weg zu den Mülleimern und bereitete mich auf die Anträge vor. Schließlich fand ich mich vor der ersten Zellentür mit meinen Reiniger-Kollegen wieder. Doch diesmal war nur Yilmaz dabei, der Kroate schien seltsamerweise noch zu schlafen. „Soll ich den anderen Reiniger rufen?“, fragte ich den Beamten, als er anfing, die erste Zellentür zu öffnen. „Nein, der hat heute seine Gerichtsverhandlung, er arbeitet heute nicht.“ Ich beneidete ihn. Jedes Mal, wenn sich eine Zellentür öffnete, betete ich, dass die Fenster über Nacht gekippt worden waren. Andernfalls kam ein strenger Geruch aus der Zelle, die mutigen Beamten mussten dann immer in die Zellen laufen und sinnbildlich auf Überlebende hoffen, so sehr stank es dann. Doch heute duftete es merkbar süßlich durch den ganzen Gang. Ich hielt es erst für einen Streich meiner Nase, doch der Geruch wurde immer stärker: „Riecht es hier nach Parfum?“, fragte ich Yilmaz. Seiner Mimik konnte ich entnehmen, dass er es ebenfalls roch. „Wir haben eine neue Kollegin. Sie arbeitet im unteren Stockwerk“, informierte uns der Beamte lächelnd. „Was? Und ihren Duft kann man bis hierher riechen?“ Ich war entsetzt, der Geruch war wirklich extrem.

Die Tage vergingen und ich realisierte, dass die Beamtin täglich nach diesem süßlichen Duft roch. Sie unterzog sich wohl tagtäglich einer Parfumdusche. Eine enorme Betonung ihrer Weiblichkeit, die es nicht alle Tage in einer JVA voller Männer gab. Es wurde immer offensichtlicher, dass ein angenehm-femininer Geruch unter all diesen nach Schweiß stinkenden Häftlingen eine enorme Wirkung auf die Männer hatte. Sie verdrehte nur aufgrund dieses penetranten Parfums den Kopf – dennoch, sie war sehr nett und zuvorkommend, eine Art weibliche Version von Herr Nils. Ganz anders als Herr Winter, der mir einen Topfschrubber in die Hand drückte und mir befahl, die Ränder des Küchenbodens zu schrubben. Ich verstand zwar, dass er der Nachfolger des Bereichsdienstleiters werden wollte –  doch sah ich nicht den Sinn darin, die Häftlinge zu diesem Zweck strenger zu behandeln, als es andere Beamte taten. Er war der meistgehasste Beamte unter den Häftlingen. Vielleicht war dies ja der Schlüssel zum beruflichen Aufstieg in einer JVA? Doch die sympathischen Beamten waren glücklicherweise in der Mehrzahl. So fiel mir ein etwas kräftigerer Ossi-Beamter auf, der einige Witze auf Lager hatte.

Weniger witzig war es jedoch, als er mir mitteilte, dass wir in der Vergangenheit mit einem Kinderschänder gegessen hatten. „Sie lügen doch! Wann bitte haben wir mit einem Pädophilen gegessen?“, fragte ich entsetzt. „Ja, er ist auch Türke. Ihr habt ihn in eure Gruppe aufgenommen und mit ihm gemeinsam gegessen. Jetzt ist er in Strafhaft in einer anderen JVA“ er verzog keinerlei Mimik, als er das sagte. Nach einem Scherz sah es nicht aus, und wenn, wäre es ein miserabler gewesen: „Wer? Wer war es? Wieso haben Sie uns nicht gewarnt?!“ In mir stieg bei dem Gedanken eine starke Übelkeit auf. „Es ist schon eine Weile her, dass er hier war. Ich durfte und darf dir nicht sagen, wer es war.“ Als ich meinen Türken davon erzählte, grübelten wir lange darüber, wer es wohl gewesen sein könnte, doch kamen wir zu keinem Ergebnis.

Die Tage vergingen, und ich ging der üblichen Aufgabe der Mittagessensausgabe nach, als plötzlich ein Alarm ertönte. Der Beamte schloss uns sofort in die Zellen ein und rannte davon. Etwa 10 Minuten später öffnete er die Zellentür und fuhr mit der Essensausgabe fort. Den Grund für den Alarm nannte er leider nicht, doch das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Häftlingen. „Der Ossi-Beamte hat einen Häftling in den Freizeitraum gepackt und auf ihn eingeschlagen! Anscheinend soll der Häftling aus nichtigen Gründen immer wieder einen Notruf getätigt haben, und nach einer verbalen Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Ossi-Beamten, ging es zur körperlichen über“, erzählte mir Tayfun während des Hofgangs. In der Tat war in dem Zeitraum lange Zeit nichts vom Ossi-Beamten zu hören oder sehen gewesen.

Mittlerweile hatte ich mich – den Sportbeamten sei Dank – im Volleyball stark verbessert. Sie fungierten wie richtige Trainer für mich. Stets hatten sie gute Tipps für sportliche Höchstleistungen parat und motivierten einen, in den jeweiligen Disziplinen besser zu werden. In der restlichen Zeit sah ich die Sportbeamten fast nie in Beamtenbekleidung, ich vergaß tatsächlich nahezu, dass es sich bei ihnen um Beamte handelte. Besonders beim Spiel im Team traten sie nie als die sonst streng dreinblickenden Beamten auf – ganz im Gegenteil: sie selbst spielten mit Begeisterung beim Volley – und Fußball mit.

Während sich in den nächsten Wochen also einiges bei den Beamten getan hatte, blieben wir Häftlinge nicht von den Veränderungen verschont. So wurde der kroatische Reiniger entlassen, sein Nachfolger war wieder ein türkischer Häftling. Mert war sein Name, und ein besonderes Merkmal war, dass er aufgrund der Tatsache, dass eines seiner Beine kürzer war als das andere, humpelte. Nun waren wir ein türkisches Reinigertrio. Interessanterweise sprach mich ein Beamter mal persönlich darauf an: „Ist schon schwierig, mit den anderen beiden Reinigern, oder?“, wollte er von mir wissen. Ich blickte fragend drein: „Wieso denn?“ Er grinste: „Naja, mit zwei Türken ist es sicherlich nicht ganz leicht.“ Erst begriff ich nicht, auf was er hinauswollte, und antwortete prompt: „Ich bin doch auch Türke, was für ein Problem sollte ich da haben?“ Nun war er der Verdutzte: „Sie sind Türke?!“ Ich nickte. „Ich hatte jetzt irgendwie gedacht, Sie wären Deutscher“, meinte er. Meine schwarzen Haare, die braunen Augen und mein ab und an auftretendes Nuscheln schienen ihm wohl nicht aufgefallen zu sein.

Das Türkentrio blieb allerdings nicht lange bestehen. Obwohl Mert als Reiniger einige Freiheiten hatte, war er nur am Meckern und drohte immerzu, seine Mittäter zu verraten. Das war wohl auch der Grund, dass er Ende Januar an seinem ersten von drei Verhandlungstagen entlassen wurde. Wir hatten denselben Anwalt, weshalb mein Anwalt damit prahlte, Mert die Freiheit verschafft zu haben. Da ich aber die genauen Hintergründe aufgrund der täglichen Gespräche mit Mert kannte, wusste ich, dass mein Anwalt da gar nichts großartig machen musste. Ich war sauer auf ihn, mal wieder enttäuscht und wollte jemand Starkes haben, der für mich einstand. Somit entschied ich über die letzte strategische Veränderung: „Vater“, platzte ich eines Tages heraus, „kann ich bitte einen Wahlverteidiger haben? Die Pflichtverteidiger bringen gar nichts! Einer hier hat mir einen Anwalt empfohlen, der soll richtig gut sein.“ Mein Vater willigte ein. Er wollte wohl später nicht angeschuldigt werden, keinen Anwalt für die Entlassung seiner Söhne finanziert zu haben: „Dein Anwalt schläft sowieso immer, wenn ich den besuche. Ich glaube, der ist bald tot“, meinte mein Vater nur trocken. Ich leitete alle weiteren Schritte für einen Verteidigerwechsel ein und wartete auf den ersten Termin mit dem neuen Anwalt.

Extrem erfreut war ich, als Anfang Februar ein Brief mit meinen Verhandlungsterminen eintrudelte. Sage und schreibe 7 Verhandlungstermine waren angesetzt, Ende Februar ging es bereits los, enden sollte es am 05. April 2014. War dies der Tag meiner Entlassung? Ich konnte mir nicht erklären, worüber wir in 7 Tagen verhandeln sollten, doch es waren einige Zeugen geladen. Unter anderem drei Geschädigte, davon einer, der Bahntickets gekauft hatte und zwei, deren Kreditkarten benutzt worden waren. Auch drei BKA-Beamte waren als Zeugen geladen. Die beiden, die mich verhört hatten, und einer, der von der IT war. Sogar von der Deutschen Bahn würde ein Vertreter als Zeuge erscheinen. Dann natürlich wir drei Angeklagten. Das war genug Stoff für mein Kopfkino, bis es dann endlich Ende Februar losging.

Wie ich bereits erwähnte, gab es unter den Häftlingen ebenfalls große Veränderungen. Bisher hatte ich von zwei größeren Gruppierungen gehört, den Black Jackets und den Red Legions. Es waren jedoch nur einzelne Mitglieder der Gruppierungen in unserer JVA, und wenn, dann getrennt voneinander. So waren die Red Legions meist im 1. Stockwerk zu finden, und jene von den Black Jackets im 2. Stockwerk. Im Hofgang konnte man allerdings keine Spannung spüren, obwohl das ja eigentlich rivalisierende Banden sein sollten. Als dann aber Anfang Februar eines Tages der Beamte kam und meinte, ich solle 5 Zugangspakete bereitstellen, war ich verwundert über die hohe Anzahl. Schnell stellte sich heraus, dass es sich dabei um reine Black Jackets Mitglieder handelte. Es gab eine große Verhandlung, in der auch Tayfun involviert war, und in der es wohl um die Black Jackets ging. Die Mittätertrennung wurde allem Anschein nach aufgehoben, womit alle Angeklagten nach Schwäbisch Hall verlegt wurden. Schnell bemerkte ich, wie Tayfun sich veränderte. Er fühlte sich viel stärker als zuvor, mit den Red Legions Häftlingen hatte er jedoch bisher nie Auseinandersetzungen gehabt. Doch jetzt musste er, wohl oder übel, seiner Gang das Gegenteil beweisen.

„Jungs, das ist Emre! Der ist ein richtig stabile Junge! Wir müssen den aufnehmen!“ Tayfun packte mich während des Hofgangs an der Schulter und zeigte mich seinen Leuten vor, so als würde ich gerne zur Gruppe gehören wollen. Diese zeigte sogar Interesse an mir, als ich von meinen Taten erzählte. Natürlich spielte dabei auch das versteckte Handy eine große Rolle. Ich hingegen hatte Angst, mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden. Es würde sicher Nachteile bei meinen bevorstehenden Verhandlungen nach sich ziehen oder gar in irgendwelche Haftbeurteilungen resultieren. Doch gab es ein noch viel größeres Problem: Die Nachfrage nach dem Handy war gewachsen. Tayfun wollte es haben, Tarek wollte es haben, Kartal ebenfalls, da hinzu kamen die ganzen Black Jackets Mitglieder, und da unter anderem deren Anführer. Während diese Kandidaten sich in der Freizeit um das Handy stritten und ich jedes Mal das Handy wieder einsammeln musste, ohne wirklich zu wissen, wer es denn nun hatte, gab es noch einen weiteren Risikofaktor: Ein Albaner wurde von Stammheim nach Schwäbisch Hall verlegt. Dort war er bereits Reiniger gewesen, weshalb er sofort den freien Reinigerposten bei uns übernehmen durfte. Mit seinem Landsmann Tarek verstand er sich gut und auch Kartal war ein alter Kollege aus Stammheim-Zeiten von ihm. Das bedeutete, dass der neue Albaner-Reiniger auch öfter Zugang zu dem Handy hatte. Und der Bedarf war immerhin groß genug: er hatte eine Freundin.

Es war wie Russisch-Roulette, irgendjemanden würde es sicherlich treffen. Ich hoffte, bis zu meinem Urteil ungeschoren davon zu kommen und war dementsprechend aufgeregt, als wir Reiniger einmal in unsere Zellen eingesperrt wurden und draußen lauter Beamte zu hören waren. Das Handy befand sich in der Mülltonne in der Besenkammer und ich hatte Angst, dass das Versteck aufgeflogen war. Die Tür ging auf, und ein grinsender Beamte stand vor mir, doch sonst war nichts. „Ähm, wieso haben Sie uns denn alle eingeschlossen?“ fragte ich. „Das müssen Sie nicht wissen“, meinte er und grinste noch breiter. Ich dachte mir nicht viel dabei, abends erwähnten der Albaner und ich das kurz in der Kochgruppe, doch keiner schenkte dem Vorfall wirkliche Beachtung.

Es war nun fast Ende Februar, meine Verhandlungen würden beginnen. Meinen neuen Anwalt bzw. vielleicht Anwältin durfte ich auch bereits kennen lernen. Leider meinte sie, dass aufgrund meines frühzeitigen Geständnisses eigentlich nicht mehr viel zu machen wäre, sie aber ihr Bestes geben würde. Sie sah wenigstens nach einer qualifizierten Anwältin aus und machte keine leeren Versprechungen: „Sehen Sie, Herr Ates: Laut Strafgesetzbuch in diesem Paragraphen erwartet Sie eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Wenn Sie allerdings wegen bandenmäßigen Betrugs verurteilt werden, fängt die Freiheitsstrafe für Sie als Kopf der Bande bereits bei fünf Jahren an. Wir müssen also alles daransetzen, dass Sie nicht als Bande verurteilt werden.“ Ich war sehr froh, dass es endlich mal jemanden gab, der seine Aussagen auf Gesetzen stützte, das hatte für mich Hand und Fuß. Doch war ich umso angstvoller, dass mich nun wirklich mehr als fünf Jahre erwarten könnten. Eine Horrorvorstellung schlechthin, mit der meine Hoffnung auf Freiheit in weite Ferne rückte. Immerhin wurde uns in der Anklageschrift in mehreren Fällen bandenmäßiger Betrug vorgeworfen. „Ab drei Leuten zählt man nämlich als Bande“, schloss meine neue Anwältin ihre Ausführungen.

Das Treffen mit meiner Anwältin war erfrischend und informativ, dennoch brachte es mich ins Grübeln. Am nächsten Tag weckte mich – wie so oft in letzter Zeit – der süße Duft der neuen Beamtin. Wie jeden Tag gingen wir durch die Zellen. Als wir bei der Einzelzelle von Tarek ankamen, war ich sehr darüber überrascht, dass auf seinem Namensschild ein „BS – Besondere Sicherheitsmaßnahmen“ – Schild angebracht worden war. Er kam aus seiner Zelle heraus und sah so aus, als hätte man ihn regelrecht vergewaltigt.  „Tarek, was ist los? Wieso hast Du besondere Sicherheitsmaßnahmen?“ Er blickte mich traurig an. Solch eine starke Persönlichkeit hatte ich noch nie so gebrochen gesehen. Ohne ein Wort zu sagen, verzog er sich wieder in seine Zelle.

Die Beamtin, stets von ihrer umwerfenden Duftwolke umgeben, schloss die Zellentür ab und blickte mich an: „Er wird in eine andere JVA verlegt, weil er gestern Nacht mit einem Handy erwischt wurde.“

#40 – Ich nix Almanci

Tarek hatte mich gestern mal wieder gebeten, das Handy dem Mülleimer in der Besenkammer zu entnehmen und es ihm während des Umschlusses zu überreichen, damit er abends telefonieren konnte. Allerdings überlegte er sich anders, als ich ihm das Handy übergeben wollte: „Emre, ich brauche es doch nicht. Behalte es“, sagte er mir, während der Beamte alle Häftlinge wieder in ihre Zellen schloss. Ich hatte keine Gelegenheit, das Handy in die bereits abgeschlossene Besenkammer zu bringen und musste es gezwungenermaßen eine Nacht in der Zelle behalten. Ich hatte die ganze Nacht hindurch Angst, dass Beamte jeden Augenblick zur Zellenkontrolle erscheinen würden.

Dennoch hatte ich am nächsten Morgen versäumt, das Handy wieder in das Versteck zu bringen.

Da stand ich nun im Freizeitraum, zwei Beamte stellten meine Zelle auf den Kopf und ich malte mir aus, welche Konsequenzen das für mich haben würde. Auf meine Strafe würde es sich nicht auswirken, dessen war ich mir bewusst. Sehr wohl aber auf meine „gute Führung“, die meine vorzeitige Entlassung bedingte, aber auch besondere Maßnahmen wie bei Kartal würden mich erwarten. Und das, obwohl ich das Mobiltelefon kein einziges Mal für eigene Zwecke verwendet hatte, wobei mir natürlich zugutekam, dass die ganzen Türken aufgrund dieses Opfers gut zu mir waren. Immerhin hatte ich das wertvollste Gut in der Haft, es lag in meiner Verantwortung, ich hätte das Gerät jederzeit verschwinden lassen können. Doch der Vorteil, den ich aus der ganzen Sache zog, war gewiss nicht das Risiko mit den Konsequenzen wert. Vielmehr lag es an meiner schwachen Durchsetzungsfähigkeit. Das Wort „Nein“ fiel mir unheimlich schwer.
Die Zellentür zum Freizeitraum öffnete sich. Der Beamte, der meine Zelle kontrolliert hatte, stand vor der Tür: „Herr Ates, kommen Sie mal mit.“ Mein Kopf lief erneut rot an, ich konnte jeden Pulsschlag spüren und meine Beine wurden zu Wackelpudding. Als ich in meine Zelle eintrat, fand ich sie ordentlich auf. Meine ganzen Utensilien waren so aufgestellt wie zuvor. Meine Kleider waren zusammengefaltet auf meinem Bett und auch sonst sah es nicht so aus, als hätte es eine Zellenkontrolle gegeben. Dass es anders geht, hatte ich schon bei anderen Zellendurchsuchungen miterlebt: Die Kleider werden umhergeworfen, die Lebensmittel durcheinandergewürfelt, die Bettwäsche rausgerissen, die Matratzen vom Bett genommen und das Schlimmste daran ist die ausbleibende Entschuldigung beim Häftling. Die kommt nicht einmal, wenn nichts bei ihm gefunden wird.

Der Beamte begann zu sprechen, ich hielt den Atem an.

„Also Herr Ates…ich arbeite ja in der Kammer, und leider muss ich Ihnen sagen, dass Sie einen Pullover zu viel besitzen. Man darf nur 2 Pullover haben, sie haben aber 3 im Schrank!“ Der Beamte schaute mich milde vorwurfsvoll an. Ich war so erleichtert, dass mir fast Tränen aus den Augen geflossen wären, ich wollte ihn sogar vor Freude fast umarmen. „Herr Salz, das tut mir sehr leid. Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist. Aber wissen Sie, es ist so kalt in der Zelle und im Hofgang auch… Sie können den Pullover hier aber mitnehmen.“ Ich hätte ihm alle drei Pullover mitgegeben, hätte er das verlangt – als Geste meiner Dankbarkeit, dass er nicht fündig geworden war. Er seufzte: „Na gut, Herr Ates, behalten Sie ihn einfach. Aber sagen Sie es den anderen bitte nicht.“ Ich bedankte mich herzlichst bei ihm für diese Großzügigkeit – wenn er nur gewusst hätte, wofür ich ihm noch dankbar war –  und ging mit ihm zur Essensausgabe. Ich hatte wohl schon lange eine solche Freude nicht mehr gespürt. Während des Umschlusses und der Pokerrunde erzählte ich von dem Vorfall, während alle mir aufmerksam zuhörten. Tarek schenkte mir eine seiner Milka-Schokoladen als Entschuldigung, was ich immerhin als eine nette Geste betrachtete. Ich beschloss, das Handy nur noch so herauszugeben, dass ich im worst case das Gerät wieder verstecken konnte. Es war seltsam. Das Handy, welches in einer ungeöffneten Tabakdose versteckt war, hatten die Beamten nicht finden können. Schon damals, als sich das Gerät bei Kartal in der Zelle befunden hatte, wurde der Beamte nicht fündig. Dabei hatten sie Detektoren, die im Normalfall darauf reagierten.

Die Tage vergingen, an Weihnachten kam der Pfarrer und beschenkte uns mit Schokolade, zu Silvester gab es nichts. Alle beschwerten sich, dass es keinen besonderen Umschluss zu Silvester gab und wir uns an Neujahr in den eigenen vier Wänden einschließen mussten. Ich allerdings hatte kein Problem damit. Bisher hatte ich Silvester nie draußen gefeiert, geschweige denn überhaupt darüber nachgedacht, es zu feiern. Jedes Jahr war ich an Silvester in der Moschee, entweder als Schüler, der dort über Weihnachten und Neujahr übernachtete, oder auch nur zum Gebet. Der Drang, raus und feiern zu gehen gingen bei mir gegen Null. Ob Silvester war oder nicht, machte für mich keinen Unterschied – ich erkannte das Besondere daran einfach nicht. Dennoch grübelte ich über das vergangene Jahr, setzte mir Vorsätze für das kommende Jahr und hoffte auf ein tolles 2014.

Das erste große Ereignis im neuen Jahr war allerdings alles andere als berauschend. Ein Brief vom Landratsamt war eingetrudelt. Schnell alarmierte ich den Beamten und bat um ein Gespräch mit dem Sozialarbeiter. Zum Glück war Herr Nils da, der mir kurzfristig ein Gespräch mit dem Sozialarbeiter arrangieren konnte. Ich trat in das Büro des Sozialarbeiters ein. „Was kann ich für Sie tun?“ fragte er. Am liebsten hätte ich ihm eine Backpfeife gegeben: „Ich habe hier einen Brief vom Landratsamt, meine deutsche Staatsbürgerschaft habe ich laut des Schreibens verloren, weil ich die türkische nicht abgegeben habe und das 23. Lebensjahr vollendet habe!“ Ich war sauer, weil ich ihn schon vor Monaten darauf angesprochen hatte und er nur gemeint hatte, während der Haftzeit stünde solcher Papierkram still. „Ach herrje, und Sie haben ihren türkischen Pass nicht abgegeben?“ wagte er zu fragen. „Doch! Nur war das Anfang November und der Antrag liegt irgendwo in Ankara, da habe ich noch keinen Bescheid bekommen.“ Der Sozialarbeiter überlegte kurz: „Dann müssen Sie den Antrag sofort zurückziehen! Am Ende sind Sie noch staatenlos, dann haben wir ein großes Problem.“ Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, sofort rief er meine Eltern an und unterrichtete sie vom Vorfall.

„Also Herr Ates, wie Sie gerade gehört haben, werden sich Ihre Eltern darum kümmern und den Antrag für die Abgabe ihres türkischen Passes zurückziehen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu warten und zu hoffen.“ Damit wollte ich mich allerdings nicht abfinden, ich wollte unbedingt den deutschen Pass: „Im Fernsehen habe ich gesehen, dass die neue Koalition in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt hat, dass türkische Staatsbürger auch die doppelte erhalten können. Trifft das nicht auch auf mich zu?“ Die Antwort, die er mir gab, war genauso unqualifiziert, wie die, die er mir vor Monaten bereits gegeben hatte: „So ein Gesetz muss erstmal rechtskräftig werden, das dauert Monate. Sie können sich doch dann nach Ihrer Entlassung darum kümmern.“ Ich fand mich mit dem Gedanken ab, mich nach der Haft um meine deutsche Staatsbürgerschaft zu kümmern. Doch musste ich erkennen, dass die Auskünfte des Sozialarbeiters nichts taugten. Savas meinte, dass ich ja jetzt kein Almanci mehr sei – so bezeichnen die Türken in der Türkei die Türken aus Deutschland: „Du bisch ja jetzt ein richtiger Türk!“ meinte er scherzhaft, doch leider hatte er wohl Recht. Ob das von Vorteil war, bezweifelte ich, doch den wirklichen Nachteilen war ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst gewesen.

Vor allem jedoch war ich mir nicht bewusst, dass eine Vorstrafe bei der Einbürgerung mehr als nur ein Problem darstellen würde.

#39 – Der Arsch

Mein Großvater war gestorben, und es lastete kaum auf mir.
Es war vielmehr der Gedanke an meine Mutter, der mir – wie schon so oft – den Schlaf raubte. In den ganzen deutschsprachigen Rapsongs, die ich in der Haftzeit kennen und hören lernte – ich hatte so etwas zuvor nie angehört –  prahlten die Rapper mit ihren weltbewegenden, „Scheiß-auf-alles“- Taten und fluchten, was das Zeug hielt. Doch fiel ein Wort über die Mutter, klangen alle wie Muttersöhnchen. Meiner persönlichen Meinung nach ist dies kulturell bedingt. Das Frauenbild in meiner Kultur präsentiert sich nicht wirklich als autonom, eine Frau ist auch heutzutage noch eher abhängig von ihrem Gatten. Kaum ein Lebensziel verfolgt sie nur für sich, denn eigentlich zählt nur eines:  die bestmögliche Versorgung ihrer Kinder. Das war zumindest, was ich mitbekam –  denn meine Mutter entsprach exakt diesem Bild. Bereits in ihren Teenagerjahren wurde sie verheiratet, genoss keinerlei Bildung, wurde dazu gezwungen, in ein fremdes Land zu reisen, gänzlich ohne Kenntnis von Kultur und Sprache, und war zudem völlig allein und finanziell abhängig von meinem Vater. Über uns Kinder erhielt sie ihren Zugang nach draußen, und so folgte sie der Mutterrolle immer gewissenhaft, um uns ein besseres Leben zu schenken. Mein Großvater war gewiss kein schlechter Mensch, ich glaube sogar, dass er es gut meinte, als er seine jüngste Tochter einfach in die Hände eines Wildfremden gab.  Meine Großeltern folgten lediglich der Tradition, die sie für richtig hielten. Ich weiß, dass sie ihre Tochter, meine Mutter, sehr liebten und alles dafür taten, um sie, wie sie dachten, glücklich zu machen. Mein Großvater war nun fort, für immer. Auch ich liebe meine Mutter sehr und würde alles für sie tun, schließlich opferte sie so viel für uns Kinder.
Nun sind ihre Söhne fort, zwar nur für eine kurze Zeit, doch sie wollte und wollte einfach nicht vergehen. Für mich war es stets schwer, im Körper des „guten“ Sohns zu stecken, der alles tat, was die Eltern verlangten. Es fiel mir schwer, ich wollte jemand anderes sein, aber für mich war es lange Zeit wichtiger gewesen, meine Mutter nicht zu enttäuschen.
Dabei wusste ich nicht einmal wirklich, wer ich denn anderes sein wollte. Ich wusste nur, dass ich mich in keine der Rollen gut fühlte. Ich wollte nie der sein, der den Traditionen seiner Eltern bedingungslos folgte, doch wollte ich ebenfalls nie der Betrüger sein, der in Haft einsaß und seinen jüngeren Bruder in die Scheiße mit hineinzog. Bei meiner Entlassung würde sich das alles ändern. Und vielleicht, ganz vielleicht, war es bald soweit.

Ich stieg aus dem Auto aus, hatte wohlgemerkt noch meine Handschellen an, und befand mich in einer großen Garage, in der sich mehrere Transportwagen befanden. Vor zwei Stunden hatte man mich in der JVA zur Kammer gerufen, wo ich saubere Klamotten, eine Jeans und ein Hemd mit Sakko, anziehen durfte. Meine Eltern hatten diese Klamotten dagelassen, und ich musste zugeben, dass ich mich darin inzwischen ziemlich unwohl fühlte. So fragte ich den Beamten ziemlich schnippisch: „Ach, zum Gerichtstermin darf der Häftling sich hübsch machen, ja?“ Er bugsierte mich zum Transporter. „Von mir aus kannst du auch in Jogginghose gehen, nur würde sich das ziemlich negativ auf dein Erscheinungsbild auswirken.“ Die zwei Stunden Fahrt vergingen sehr schnell, da ich in meine Gedanken vertieft war und die Aussicht auf die für mich sehr frisch wirkende Landschaft genoss. Glücklicherweise mieden wir die Autobahn, sofern es ging. Die Beamten führten mich durch einen Gang in eine Wartezelle und schlossen ab. Jetzt hieß es, wie so oft in der Haft, Warten und Kopfkino an. Es war ein einzelner Termin und mein Anwalt meinte, dass es sich um eine 9 – Monats-Haftprüfung handelte, und in einem Monat die 9-Monats-Grenze erreicht werden würde. Für mich hieß dies in logischer Konsequenz, dass die mich entweder heute entlassen müssten, wenn bis Mitte Januar kein Gerichtstermin zustande kommen würde, oder dass bis spätestens zu diesem Zeitpunkt Gerichtsverhandlungen stattfinden müssten. So oder so würde ich heute eine erleichternde Botschaft bekommen. Es fiel mir so unendlich schwer, die Monate in Ungewissheit zu verbringen. Ich wollte endlich mein Urteil.

Als Reiniger hatte ich mich an die offene Tür gewöhnt. Umso schwerer fiel es mir, nun mal wieder die Zeit wartend zu vertreiben. Lesestoff hatte ich leider nicht dabei. Gelangweilt ließ ich meinen Blick also durch den Raum schweifen, in dem es nicht viel gab – so fiel er auf die vollgekritzelte Wand, das wohl spannendste an dem sonst leeren Zimmer. An einem Gekritzel blieb er hängen.

„Bir gün gelecek, bir gün kalacak“.

Eines der motivierenden Dinge, die ich während meiner Haftzeit bis hierhin zu lesen bekam, und dann auch noch in meiner Muttersprache: „Es kommt der Tag, an dem es nur noch ein Tag sein wird.“
Ab und an rief ich vom Fenster aus den Namen meines Bruders, vielleicht war er ja in der Zelle nebenan? Vielleicht war er auch gar nicht da, und wir würden nacheinander unsere Verhandlungen haben. Doch die Langeweile ließ meinen Sinn allerhand zusammenspinnen. Aber es war unwahrscheinlich…bereits bei der Haftprüfung waren wir schließlich getrennt worden. Als dann schließlich meine Tür aufging, ein Beamter mir wieder Handschellen anbrachte, lief ich neben ihm in Richtung Gerichtssaal. Ein paar Meter vor mir war ebenfalls ein Häftling, der von einem Beamten geführt wurde. War es möglich…? Ich sah die Person nur von hinten. Der Kopf war kahl rasiert, das konnte er gar nicht sein. Cem hatte immer volles Haar gehabt. Mein Blick wanderte vom Kopf hinunter, ich sah mir die Statur genauer an. Plötzlich überkam es mich.  Diese fetten Arschbacken, die hoch und runter wackelten…das war definitiv der riesige Arsch von Cem! Ich rief durch den Gang: „Ceeem!“ Er blieb stehen und blickte zurück, und er war es tatsächlich! Ein breites Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit, ich hatte ihn stolze 8 Monate nicht gesehen und jetzt hatte ich ihn an seinem Arsch erkannt. Er grinste ebenfalls, reden konnten wir leider nicht, weil die Beamten uns weiter zum Gerichtssaal führten und einen gewissen Sicherheitsabstand einhielten. Als wir eintraten, sahen wir unsere beiden Anwälte und drei weibliche Personen auf dem Podest sitzen. Die mittlere Person wies uns auf unsere Plätze hin: „Darf ich neben meinem Bruder sitzen?“ fragte ich eingeschüchtert, sie bejahte überraschenderweise und so fand ich mich, nach so langer Zeit, neben meinem Bruder sitzend wieder. Wir blickten uns ständig grinsend an. Der Junge hatte sich einfach die Haare rasiert. Wollte er etwa gefährlich wirken? Grundsätzlich hoffte ich, dass die Richter nicht auf das äußere Erscheinungsbild achteten. Diese Befürchtung kam mir durch die Bemerkung des Beamten vorhin in den Sinn, dass das äußere Erscheinungsbild bei Gerichtsterminen wohl von Bedeutung sei.

Die weiblichen Personen erwiesen sich als unsere drei Richterinnen, die ebenfalls in der eigentlichen Hauptverhandlung für uns zuständig sein würden. Es war dasselbe Spiel wie damals zur Haftprüfung. Mein Anwalt war wieder kurz vor dem Einschlafen, während die Richterin den Wisch vortrug, in dem stand, weshalb wir nicht entlassen werden würden. Die Verdunklungsgefahr war zwar nun nicht mehr Gegenstand der Gründe für den Haftbefehl, nunmehr jedoch die Fluchtgefahr. Uns beide würde eine nicht unerhebliche Haftstrafe erwarten, wir hätten Familie in der Türkei und die Fluchtgefahr sei entsprechend hoch. Leider gäbe es keine Möglichkeit Verhandlungstermine für den Anfang des Jahres anzusetzen, da alles belegt sei, doch die Gerichtstermine würden nun für März stehen. Ich traute meinen Ohren nicht. Wir sollten wieder bis März warten? Was bringen die ganzen Haftprüfungstermine, wenn sowieso alles feststand? Wieso können die das nicht einfach schriftlich mitteilen, dass wir nicht rauskommen und noch ein gutes Quartal warten mussten? Ich hasste diese Bürokratie. Zudem war es zum Verrücktwerden, dass die Verteidiger alles taten – nur nicht uns verteidigen. Ohne wirklich ein Wort mit meinem Bruder wechseln zu können, wurde ich zurück in die Wartezelle, dann in den Transporter Richtung JVA, gesteckt  – und lag kurz darauf in meinem Bett. Ich fühlte mich wie genötigt. Ich dachte schon, dass ich abgestumpft war und sie mich nicht mehr schocken könnten, doch sie toppten es immer wieder aufs Neue. Mein Anwalt ging mir auch auf die Nerven. Jedes Mal sah es so aus, als wären die Worte von den Richtern wie Meditationen für ihn, er schloss ständig seine Augen, sodass man befürchten musste, dass sie nicht mehr aufgingen, da er einem Herzinfarkt erlegen war.

Den Frust ließ ich am nächsten Tag bei meinen Mithäftlingen aus, die mir wieder nur mit anderen Anwaltsvorschlägen kamen. Nun kam die schlimmste Zeit in der Haft. Weihnachten! Freizeit war nicht mehr vorhanden, nur noch Umschlüsse und Sport gab es auch nicht mehr bis Anfang des nächsten Jahres. Wenigstens durften wir noch einen letzten Einkauf tätigen, ich hatte mich glücklicherweise mit mehreren Dutzend Stücken Nervennahrung versorgt. Dabei achtete ich stets auf Quantität statt Qualität, sonst hätte mein Geld für die Menge nicht gereicht. Ich sah es bereits kommen: Mehrere Mitleidsbriefe würde ich an meine Familie schreiben, das Schreiben half mir auch sehr, mich meines Frusts zu entledigen.
Von Freunden las ich kein einziges Wort.
Dadurch, dass es keine Freizeit mehr gab, war es schwieriger, das von mir versteckte Handy hin und her zu geben. Kartal war inzwischen auch von seinen BS-Maßnahmen befreit und konnte mit uns in den Hof und zum Umschluss. Dennoch nahm er das Handy nicht zu sich. Alle hielten es einstimmig für das Sicherste, wenn das Handy bei mir bleiben würde. Ein Albaner, Tarek war sein Name, war seit geraumer Zeit in unserem Stockwerk, er war vom 1. Stock zu uns gezogen. Er hing mit unseren Türken ab und freundete sich ebenfalls mit Kartal gut an. Die nächsten Tage versteckte ich das Handy wohl nur noch für Tarek. Er war der einzige, der Bedarf nach dem geheimen Elektrogerät hatte. Und so holte ich es immer wieder aus dem Mülltonnenversteck heraus. Täglich sah ich mir Weihnachtsfilme an und versuchte, in eine freudigere Stimmung zu kommen, doch das war nicht von Erfolg gekrönt. Täglich spielte ich Karten mit den beiden anderen Reinigern, wir hatten uns fast nichts mehr zu erzählen. Ab und an schmiedeten wir noch Pläne, wie wir wohl am einfachsten Geld „erwirtschaften“ könnten, sobald wir rauskämen. Wenigstens waren die Türen der Reiniger stets geöffnet. So saß ich wieder eines Tages beim kroatischen Reiniger in der Zelle, spielte Karten mit ihm und bekam überraschenderweise zu hören, dass er sogar auch ehrlich Geld verdient hatte. „Ich habe Immobilien gekauft, die renovierungsbedürftig waren. Nach der Renovierung habe ich die Wohnungsobjekte mit Gewinn verkauft.“ An sich war das eine glaubhafte Geschichte, doch andererseits verstand ich nicht, weshalb er in Haft gekommen war. Laut ihm, weil er Schwarzarbeiter für die Renovierung beschäftigt hatte. Es war noch nicht mal Mittagessenszeit, da hörte ich die Schlüsselgeräusche von Beamten, die wohl in Richtung unserer Zelle kamen. Zwei Beamten standen vor der Tür, der eine mit einem Koffer aus Aluminium. Ich wusste nur zu genau, was das für ein Koffer war.

„Herr Ates, wir müssen leider ihre Zelle kontrollieren“, ertönte die entschuldigend klingende Stimme des Beamten.

Mein Herz pochte wie wild. Was war das für ein entschuldigender Tonfall? Ich stand, betont gelassen, auf, und folgte den beiden Beamten in einen Freizeitraum. „Es tut uns wirklich leid, das kommt auf Anordnung des Bereichsdienstleisters“, meinte er. Diesmal sprach er die Entschuldigung aus. Ich kannte beide Beamte zwar gut und verstand mich auch mit ihnen, doch sie taten nur ihren Job, weshalb ich die Entschuldigungen nicht einordnen konnte. Doch dann kam die Erklärung.
„Sie müssen sich leider ausziehen. Wie gesagt, es tut mir wirklich leid!“  Nun lief ich rot an und schaute zu dem anderen Beamten, um sicherzugehen, dass das kein Witz war. Der zweite Beamte stand an der Ecke, er war jung, etwa in meinem Alter. Er versuchte wohl, mich zu trösten, indem er wegschaute. Währenddessen zog ich mich aus, wobei mir der erste Beamte entgegenkam und sagte: „Herr Ates, wenn Sie die Unterhose ausgezogen haben, drehen Sie sich einmal schnell im Kreis und ziehen sie sofort wieder hoch.“ Ich tat, was er sagte und war erleichtert, als es beendet war. Doch meine Gedanken waren trotzdem ganz woanders. „Wir gehen nun in Ihre Zelle, Sie warten dann bitte solange hier, ich schließe den Raum auch ab.“ Ich nickte, und die Tür schloss sich. Ich ging zum Fenster, riss es auf und atmete erstmal tief ein, mein Herz pochte immer noch wie verrückt. Ich flüsterte: „Verdammter Georgie, alles wegen Dir!“

Ich hatte Angst, das Handy war noch in meiner Zelle.

 

#38 – Drei Engel für Emre

 

Endlich, die Ermittlungen hatten ein Ende. Die Anklageschrift glich meinem Geständnis, die darin aufgezählten Informationen und Erkenntnisse hatten sie mehrheitlich unseren Geständnissen zu verdanken. Die Beweise hatten sie alle auf dem Rechner gefunden, denn ich war derjenige gewesen, der das Verschlüsselungspasswort genannt hatte. Ich war sauer, dass die sogenannten Ermittlungen sich so in die Länge gezogen hatten und schlussendlich doch nur in der Anklageschrift das stand, was ich schon vor Monaten der Bundespolizei München mitgeteilt hatte. Gedanken, wie „Hätte ich kein Geständnis abgegeben, wäre ich nun wahrscheinlich frei“ – machten sich in meinem Kopf breit. Nachdem ich mich in meiner Zelle beruhigt hatte, und die Glocke zur Freizeit läutete, begab ich mich mit der Anklageschrift zu den Türken. In der Hoffnung, dass sie mir sagen konnten, was für ein Urteil ich mit dieser Anklageschrift zu erwarten habe, reichte ich die Anklageschrift von Häftling zu Häftling weiter. Jeder wusste seinen Senf dazuzugeben. Das Ergebnis gefiel mir in der Bilanz jedoch überhaupt nicht. Zwar waren viele verschiedene Meinungen dabei, jedoch nicht jene, die ich mir so sehr gewünscht hatte: „Du wirst bei deinem Geständnis auf jeden Fall beim Gerichtstermin entlassen.“ Dennoch bekam ich von Tayfun einen heißen Tipp: „Beantrage doch eine Telefongenehmigung, dann kannst deine Familie einmal die Woche für 10 Minuten anrufen. Wenn die Ermittlungen zu Ende sind, werden die dir das genehmigen, da du ja quasi nichts mehr verraten kannst.“

An diesem Abend zückte ich meinen Stift und schrieb an die Staatsanwaltschaft, mit der Bitte um eine Genehmigung für Telefongespräche mit meiner Familie. Im Zuge dessen verfasste ich meinen ersten Brief an meinen Bruder Cem, der noch in Stammheim saß. Die überaus emotionalen Zeilen, die ich verfasste, waren mir zu diesem Zeitpunkt keineswegs peinlich. Während ich versuchte, ihm näher zu bringen, dass es mir in der JVA richtig gut ging, und ich dem Brief sogar eine Zeichnung des Teiches beilegte, entschuldigte ich mich bei ihm für seine missliche Lage und versicherte ihm, dass bald alles besser werden würde.

Es verging einige Zeit, bis ich eine Antwort von Cem bekam. Er sorgte dafür, dass ich jede meiner Zeilen an ihn bereute und in mir das Gefühl aufkam, ich hätte ebenso für die Mülltonne schreiben können: „Heul nicht wie eine Schwuchtel“, stand zu Beginn des Briefes. Ein paar seiner selbstgetexteten Rap-Zeilen hatte er mitgeschickt, ansonsten hatte er nicht viel mitzuteilen, außer, dass es in Stammheim „hart“ zu Sache ginge.

Meine kleine Schwester hingegen schickte mir immer wieder wunderschöne und kindliche Zeichnungen zu, und bezeugte mir immer wieder in ihrer süßen, krakeligen Schrift ihre niemals endende Geschwisterliebe.

Nach einigen Tagen kam endlich die Telefongenehmigung der Staatsanwaltschaft an. Auch, wenn ich wöchentlich meine Eltern sah, waren die 30 Minuten Besuchszeit keineswegs genug. Die zehn Minuten Telefonat pro Woche zusätzlich waren da ein willkommenes Entgegenkommen. Sofort vereinbarte ich mit dem Beamten einen Termin während der Freizeit: „Es wird nur Deutsch gesprochen und wir müssen mithören“, wies mich der Beamte an, bevor er die Festnetznummer meiner Eltern wählte und ich zum Hörer greifen durfte.

Meine Mutter ging ran und war positiv überrascht, mich am Telefon zu hören. Nachdem ich ein paar Worte mit ihr gewechselt hatte und sie auf das Zeitlimit hingewiesen hatte, fragte ich etwas beschämt: „Ist die Kleine da?“

Ich hörte, wie meine Mutter nach ihr rief und ihr sagte: „Emre Abi ist am Apparat.“

Es war viel zu lange her, dass ich das letzte Mal ihre Engelsstimme gehört hatte: „Emre Abi?“, ertönte sie. In dem Augenblick wurden meine Augen feucht, ich bekam Gänsehaut und war sogar leicht aufgeregt: „Mein kleiner Engel! Wie geht es dir?“ Ich war auf einmal überfordert mit dem Gespräch, was sollte ich ihr bloß auf die Frage antworten, wo ich bin, wenn sie fragen würde? Sie antwortete mir auf Türkisch, dass es ihr gut ginge und begann, vom Kindergarten zu erzählen. Auf den Hinweis, dass sie doch bitte Deutsch reden möge, reagierte sie kurz, indem sie die folgenden Sätze auf Deutsch begann. Doch sie fuhr immer wieder auf Türkisch fort. Der Mimik des Beamten, der an einem anderen Hörer unser Gespräch mithörte, entnahm ich, dass er die türkische Sprache tolerierte – wahrscheinlich, weil es sich um ein kleines Kind handelte. Sie war in Erzähllaune, für mich ein Genuss für die Ohren, und ihre phantasievollen Erzählungen projizierten wie von selbst die Bilder dazu in mein Gehirn. Die Zeit verging so schnell, dass ich sie leider mitten im Satz unterbrechen musste: „Engelchen, ich muss jetzt leider auflegen. Ich liebe dich sehr! Ich werde hoffentlich bald daheim sein, aber ich habe aktuell sehr viel zu tun in der Uni.“ Es fiel mir schwer, ihr ein Versprechen zu geben, dessen Einhaltung nicht in meiner Macht lag. „Ich liebe dich auch, Emre Abi! Komm bald, ich vermisse dich!“, und mit einem Knutschgeräusch und einem quietschvergnügten „Tschüss!“ verabschiedete sie sich von mir.

Die Tage vergingen, und ich wartete darauf, dass endlich meine Gerichtstermine eintrudelten. Und er kam – viel zu schnell, und vor allem unspektakulär: mein erster Geburtstag in Haft. „Alles Gute Bruder, ich hoffe, Du musst keinen weiteren Geburtstag mehr hier drin verbringen“, war grundsätzlich das, was ich von meinen Mithäftlingen zu hören bekam, wenn sie von meinem Geburtstag erfuhren.

„Herr Nils, Sie hatten Recht, ich werde wohl Weihnachten hier verbringen!“ Das musste ich auch mir selber langsam eingestehen. Immerhin war es schon der erste Dezember. Herr Nils grinste nur: „Ich hoffe für dich, dass es auch dein letztes Weihnachten in Haft wird.“

Ich schrieb einen Brief an meine Zwillingsschwester, sie hatte ja schließlich auch Geburtstag. Wenigstens der Briefverkehr mit ihr war intensiv, sie schrieb mir fast wöchentlich. Der nächste Besuch stand auch wieder an. Ich machte mich frisch, indem ich mich in die Dusche begab, mir Creme auf das Gesicht schmierte und etwas Haarwachs in die Haare gab. Bei jedem Mal wurde ich besser darin, und so sah meine Frisur inzwischen recht ansehnlich aus – verglichen mit meinen Anfangsversuchen mit irgendwelchen Tiegeln und Töpfchen der Haarkosmetik. Mit meiner Jogging-Hose und meiner Trainingsjacke ging ich dann wie ein richtiger Kanake in den Besucherraum. „Draußen“ wäre ich so niemals vor die Leute getreten, doch vor allem an meiner Kleidung konnte ich nichts ändern, da nur solche „Schlabberklamotten“ erlaubt waren. Ich konnte meinen Augen genauso wenig trauen, als ich sie sah, wie sie ihren, als sie mich sah: Nicht meine Eltern, sondern meine Zwillingsschwester stand zuerst vor mir! Erneutes Gefühlschaos füllte die Stimmung des Raumes, sieben Monate waren vergangen, seit ich meine Zwillingsschwester zuletzt gesehen hatte. Wir umarmten uns so fest, wie ich meine Mutter zu Anfangszeiten immer umarmt hatte. Tränen flossen aus den Augen meiner Schwester: „Schwesterchen, hör auf zu weinen. Engel weinen doch nicht.“ Dies sagte ich in einem humorvollen Ton, sodass sie lächeln musste. Meine Mutter war auch dabei, die ich ebenfalls fest drückte. Sie schien auch von dem Wiedersehen ihrer Zwillinge gerührt zu sein. Der Tisch war bedeckt mit mehreren Süßigkeiten und Kaffee: „Wir haben heute eine Stunde Besuch und werden nicht mehr akustisch überwacht, nur noch optisch“, wies mich meine Schwester auf die neuen Regelungen hin, als ich nach dem fehlenden Beamten im Besucherraum Ausschau hielt. „Wir dürfen dann türkisch reden?“, wollte ich wissen. Auch wenn es keiner von uns dreien richtig beantworten konnte, so war die Antwort wohl klar. Endlich konnte ich mit meiner Mutter auf einer Wellenlänge reden, endlich konnte sie mir besser erzählen, wie es ihr ging, endlich konnte ich meine Gefühle besser zu Ausdruck bringen und endlich konnte ich ihre türkische Stimme hören, die familiäre Nähe besser spüren, die sich eindeutig auch sprachlich manifestierte. Die deutsche Sprache wurde selten in unserer Familie zur Kommunikation benutzt, umso stärker war das Fremdheitsgefühl, wenn wir uns in deutscher Sprache unterhielten. Mit meiner Zwillingsschwester jedoch kommunizierte ich zum Großteil auf Deutsch. „Es tut mir so leid, dass ich dich bisher nicht besuchte habe, Emre! Papa hat es nicht zugelassen, er redete etwas vonwegen ich solle deinen Zustand nicht sehen, es würde mir nicht guttun. Doch dich gar nicht zu sehen, hat mir auch nicht gutgetan. Als ich dann erfahren habe, dass die Ermittlungen beendet sind und ihr immer noch drin seid, habe ich meinem Vater klipp und klar gesagt, dass ich euch endlich besuchen will.“ Ich konnte mir gut vorstellen, welche abstrusen Gedanken mein Vater in dieser Hinsicht geäußert hatte und auch, weshalb meine Schwester eine Weile gebraucht hatte, bis sie sich durchsetzen konnte. Doch all das war mir egal, sie stand vor mir, genauso wie ich sie in Erinnerung hatte. Während sie von ihrem Studium erzählte, beneidete ich sie und bereute es, dass ich so leichtsinnig die Freiheit des Studiums gegen die Gefangenschaft im Knast eingetauscht hatte. Schon oft hatte ich das Gespräch zu Beamten und Sozialarbeitern, aber auch zu meinem Rechtsanwalt aufgesucht, und nach Möglichkeiten zur Aufnahme eines Studiums während der Haftzeit gefragt. Ich war stets erfolglos. Lediglich ein Fernstudium an der Uni Hagen würde für mich in Frage kommen. Doch auch erst, wenn ich in Strafhaft wäre. Die eine Stunde Besuchszeit fühlte sich kaum länger an als die bisherigen 30 Minuten. Nachdem meine Mutter mir zum Besuchsende die zwei üblichen Schokoladentafeln überreicht hatte, ging ich glücklich in meine Zelle zurück und verschlang sofort eine ganze Tafel. Die andere verzockte ich dann während des Pokerns beim Umschluss am Wochenende.

Weihnachten rückte immer näher und somit auch Silvester, es würden harte Tage auf uns zukommen. Wie ich mitbekommen hatte, würden wir weniger Freizeit haben. Stattdessen  gab es nur Umschluss und auch die Hofgangszeiten würden sich ändern.

Die Besuchstermine standen auch nur eingeschränkt zur Verfügung. Umso mehr freute ich mich auf den nächsten Besuch und auf das nächste Telefonat. Desto größer war dann die Enttäuschung, als niemand am anderen Ende der Telefonleitung ranging. Der Beamte bot mir an, es in einer halben Stunde noch einmal zu versuchen. Aber der Telefonanruf schlug auch fehl. Leider musste ich dann auf das Telefonat in dieser Woche verzichten und durfte mich „lediglich“ auf den Besuch diese Woche freuen. Die Freude hielt sich aber in Grenzen, da ich vermutete, dass mein Vater wieder dran war mich zu besuchen, worauf ich gar keine Lust hatte. Der Besuchstag stand an und ich befand mich diesmal länger als üblich im Warteraum. Leider hatte ich kein Zeitgefühl und auch keine Uhr. So erkannte ich nicht, dass sich meine Besuchszeit bereits dem Ende zugeneigt hatte und ich mich noch immer im Warteraum befand. Ich zögerte erst ein wenig, doch dann drückte ich den Notruf im Warteraum:

„Ja, bitte?“, ertönte eine Stimme aus den Lautsprechern.

„Ja, hier Ates. Ich bin schon die ganze Zeit im Warteraum. Ich hätte eigentlich Besuch um 9:00 Uhr gehabt, wie viel Uhr haben wir?“

„Wir holen Sie ab.“

Eine Beamtin kam und entschuldigte sich, sie hätten mich vergessen, aber mein Besuch wäre nicht gekommen. „Vielleicht stecken sie im Stau, können wir nicht noch ein bisschen warten?“, fragte ich besorgt. „Es ist schon kurz nach halb zehn, auch wenn die jetzt ankommen, dürfen sie nicht rein.“ Enttäuscht wurde ich zurück in mein Stockwerk gebracht und suchte sofort den Beamten im Büro auf, in der Hoffnung, er wisse vielleicht mehr. In der Tat war es wohl so, dass meine Eltern den Besuch kurzfristig abgesagt hatten. Ein unwohles Gefühl machte sich breit. Was wohl passiert war?

Auch, wenn ich meist ein unangenehmes Kopfkino in der Haft hatte, hatte ich in diesem Fall wenige besorgte Gedanken. Vielmehr dachte ich, dass sie es zeitlich nicht geschafft hatten.

Es war noch nicht Mitte Dezember, als ein Brief vom Gericht eintraf. Ich zerriss den Umschlag und sah, dass ich  demnächst einen Gerichtstermin hatte! „Bruder, Du kommst auf jeden Fall raus! Wenn die nur einen Termin angesetzt haben, wollen die dich sicherlich auf Bewährung rausholen“, war die Meinung von Savas. Mich überkam eine Welle des Glücks. In den nächsten Tagen würde ich endlich rauskommen! Kurzfristig hatte mein Anwalt auch einen Termin in der JVA vereinbart. Sogleich holte er mich von Wolke 7 wieder herunter: „Herr Ates, ich muss Sie leider enttäuschen, das ist nur ein Haftprüfungstermin, weil Sie bald 9 Monate in U-Haft sind und geprüft werden muss, ob das Gericht Sie noch in U-Haft behalten darf.“ Ich war am Boden zerstört, wollten die mich etwa noch länger als 9 Monate in U-Haft lassen?! Oder vielleicht müssten die mich frei lassen, weil sie zu lange gebraucht hatten mit den Ermittlungen. „Wissen Sie eigentlich, wo ihre Familie ist?“ fragte mich mein Anwalt, es war wohl eine rhetorische Frage, denn auf mein „Nein“ antwortete er mit: „Sie sind in der Türkei.“ Ich war überrascht: „Urlaub machen, oder wie?“, wollte ich wissen. „Ich weiß nicht, weshalb. Ich weiß nur, dass sie gerade in der Türkei sind. Ich habe nämlich mit ihrem Vater telefoniert, wegen des Termins.“

Zurück in meiner Zelle überkam mich ein unangenehmes Gefühl. Eine Wut darüber, dass ich in den nächsten Tagen doch nicht rauskommen würde und meine Eltern mich nicht besucht hatten, weil sie lieber Urlaub machten, ohne mir davor Bescheid zu geben, machte sich in mir breit.  Mit diesem Gefühl schlief ich schließlich ein. Der Gerichtstermin stand für morgen an und heute war bereits der nächste Besuchstermin meiner Eltern. Ich wusste nicht, ob dieser stattfinden würde.

Doch er fand statt. Diesmal war meine Mutter alleine da. Während unseres Gespräches betonte ich immer wieder, dass ich enttäuscht war, dass sie den Besuch abgesagt hatten und ich fast eine Stunde im Warteraum gewartet hatte. Meine Mutter blieb standhaft und hatte Ausreden parat, als ich ihr ein schlechtes Gewissen einreden wollte. Dann ließ ich die Bombe platzen: „Mama, ich weiß, dass ihr in der Türkei im Urlaub wart! Ich habe es von meinem Anwalt erfahren.“

Sie blickte mir traurig in die Augen: „Emre, es fällt mir schwer, dir das zu sagen. Aber ich denke, es ist besser, wenn ich Dir das mitteile. Wir waren in der Türkei, weil mein Vater vom Balkon gestürzt ist. Er ist sofort gestorben.“

#37 – Anklageschrift

Meine Eltern waren mittlerweile wieder zu Besuch, diesmal endlich mit den Unterlagen für das türkische Konsulat, um die türkische Staatsbürgerschaft abzugeben. Meine Mutter hatte sich im Laufe der letzten 6 Monate daran gewöhnt, ihre Söhne in der Haft zu sehen. Zu Anfangszeiten weinte sie durchgehend während des Besuchs und nun war „lediglich“ Trauer in ihren Augen zu sehen. Hin und wieder lächelte sie auch. „Emre, wie kannst Du immer noch so humorvoll sein?“, wollte meine Mutter wissen, als ich wieder einen Witz riss. „Ach Mama, ich will zwar auch raus und finde meine Situation gerade nicht so berauschend. Aber es ist alles halb so wild, ich bin in einer JVA in Deutschland, hier geht alles noch human zur Sache.“ Mein Vater sah meine Mutter vorwurfsvoll an, er fand es wohl nicht so lustig, dass meine Mutter lachen musste und ich wieder mal alles auf die leichte Schulter nahm: „Die ganzen Leute wissen jetzt Bescheid über Cem und dich. Deine Mutter konnte nicht den Mund halten und hat sich bei deiner Tante ausgeheult. Die Tratschtante hat die Neuigkeit in kürzester Zeit an mehr Türken herangebracht, als es irgendein Nachrichtensender in derselben Zeit hätte schaffen können.“ Einerseits war ich froh darüber, dass nun ein Großteil unserer Bekannten wusste, wo ich war, denn nun könnten mir meine türkischen Freunde schreiben. Sie wussten sicherlich nicht, wo ich das letzte halbe Jahr war. Doch andererseits konnte ich erahnen, wie Türken tickten, sie würden alle über meinen Bruder und mich lästern. Ich blieb trotzdem gespannt, ob bald Briefe von Freunden ankommen würden.

Nach dem Besuch ging ich wieder meiner täglichen Arbeit nach. Kurz vor der Freizeit, als sich alle noch in ihren Zellen befanden, rief mich der Beamte zu sich ins Büro.

Ein riesiger A4-Umschlag lag auf dem Tisch, als Absender die Staatsanwaltschaft Stuttgart, mein Herz pochte. Ich riss dem Beamten den Umschlag aus der Hand und lief im Eiltempo zu meiner Zelle, bevor mich einer der beiden Reiniger auf den Brief ansprechen konnte. Ganz langsam entnahm ich die zusammen getackerten Blätter aus dem Umschlag und versuchte mich zu beruhigen, als ich in fettgedruckter Schrift das Wort „Anklageschrift“ las.

STAATSANWALTSCHAFT   STUTTGART

 

Stuttgart, den 20.11.2013

An das Landgericht
Jugendkammer

Eilt sehr!

Haft hinsichtlich der Angeschuldigten
Emre Ates und Cem Ates
OLG Haftprüfungstermin (9-Monats-Haftprüfung)
gern. 
§§  121,122 StPO
15.01.2014  für beide

 Die Ermittlungen sind abgeschlossen.

Anlagen:

  • 12 LO Hauptakten
  • 38 LO Fallakten
  • 3 LO Unterlagen StA
  • 2 Haftakten
  • 1 LO „EV Sissi- Beschuldigte Emre Ates und Cem Ates“
  • 1 LO „EV Sissi -Beschuldigter unbekannt alias Enrico Monte“
  • 1 LO „EV Sissi-Beschuldigter unbekannt alias Christopher Blake“
  • 1 LO „EV Sissi- Geschädigter Peter Martin“
  • 1 LO „Adnan Polat“
  • 3 Asservatenhefte (Kopie)
  • 2 CD-R gescannte Akten

Anklageschrift

  1. Der am 01.12.1991 in Niedernhall geborene,

bis zur Inhaftierung in 73728 Esslingen a.N. wohnhafte,

-in vorliegender Sache nach vorläufiger Festnahme am 05.04.2013 seit 05.04.2013 aufgrund des Haftbefehls des Amtsgerichts Esslingen vom 05.04.2013 in Untersuchungshaft, seit 17.09.2013 auch aufgrund der Erweiterung des Haftbefehls des Amtsgerichts Ess­lingen vom 12.09.2013,

-derzeit in der JVA Schwäbisch Hall-

ledige Student
Emre Ates
-Staatsangehörigkeit: deutsch und türkisch

Verteidiger: Rechtsanwalt Günther Mayer

und

  1. der am 14.02.1995 in Niedernhall geborene,

bis zur Inhaftierung in der 70178 Stuttgart wohnhafte,

-in vorliegender Sache nach vorläufiger Festnahme am 05.04.2013 seit 05.04.2013 in Untersuchungshaft aufgrund Haftbefehls des Amtsge­richts Esslingen vom 05.04.2013, seit 17.09.2013 auch aufgrund der Erweiterung des Haftbe­fehls des Amtsgerichts Esslingen vom 12.09.2013,

– zurzeit in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-

ledige Schüler
-Heranwachsende
Cem Ates
Staatsangehörigkeit: deutsch und türkisch

Verteidiger:

Rechtsanwalt Dr. Claudius Strohmann
(Pflichtverteidigerbestellung vom 05.04.2013)

und

  1. der am 08.08.1992 in Niedernhall geborene

in 70187 Stuttgart wohnhafte
ledige
-Heranwachsende
Adnan Polat

Verteidiger: Dr. Erik Baumann

werden angeschuldigt,

es haben

der Angeschuldigte Emre Ates

  1. bis 822.,

der   Angeschuldigte Cem Ates

259. bis 822.,

hiervon in den Fällen 259.  bis 508. als Jugendlicher
und in den Fällen 509. bis 822. als Heranwachsender

und

der Angeschuldigte Adnan Polat

  1. bis 402.

als Heranwachsender

jeweils tatmehrheitlich gemeinschaftlich und gewerbsmäßig
in den Fällen 259. bis 402. gemeinschaftlich, gewerbs- und bandenmä­ßig

in der Absicht, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt, dass sie das Ergebnis eines Datenverarbeitungsvorgangs durch unbefugte Verwendung von Daten beeinflusst haben

weswegen folgende Gegenstände einzuziehen sind:

  • der Joy-PC (Tastatur-PC) mit Maus und 2 Netzkabeln, sichergestellt bei Emre Ates
  • Laptop Sony Vaio, sichergestellt bei Cem Ates
  • Laptop Netbook, sichergestellt bei Adnan Polat
  • Laptop IBM Thinkpad Fx 69239 03/10 mit Zubehör (Median Mouse und Netz­teil), sichergestellt bei Emre Ates
  • PC Tower Median 4445 01 0220735 (15) und Zubehör (Tastatur), sichergestellt bei Emre Ates

Die Staatsanwaltschaft legt den Angeschuldigten folgenden Sachverhalt zur Last:

 Im Zeitraum vom 27.07.2012 bis zum 04.04.2013 erwarb der Angeschuldigte Emre Ates aufgrund eines gemeinsamen Tatplans in der Zeit vom 27.07.2012 bis min­destens zum 09.11.2012- somit in 402 Fällen- gemeinschaftlich mit den Angeschul­digten Polat und seit dem 09.10.2012 bis zum 04.04.2013- somit in 564 Fällen – gemeinschaftlich mit dem Angeschuldigten Cem Ates nach dem nachfol­genden modus operandi in insgesamt 822 Fällen betrügerisch Bahnfahrkarten bei der Deutschen Bahn AG.

Modus Operandi:
Die Angeschuldigten boten über das Internetforum www.mitfahrgelegenheit.de der ,,mitfahrgelegenheit.de carpooling.com GmbH“, Nymphenburger Str. 86, 80636 Mün­chen Bahntickets der Deutschen Bahn AG zum Verkauf an. Die Angebote bezogen sich auf jeweils längere Fahrtstrecken. Die Online-Tickets wurden in der Regel zum Preis von 40,- € pro Person und Strecke angeboten, während der tatsächliche Kauf­ preis für die Fahrkarten normalerweise bei deutlich über 100,- € lag. Für die Kontaktaufnahme mit dem Käufer gaben sie jeweils bei Internetserviceprovidern angelegte E-Mail-Adressen, die erfundene Namensbestandteile wie etwa thomasschniek@yahoo.de, danielmaurer877@hotmail.de, haroldkäfer@gmail.com und viele mehr enthielten, an. Meldete sich ein Kaufinteressent, so wurde dieser ge­beten, alle zur Online-Ticketbestellung notwendigen Daten, unter anderem die letz­ten 4 Ziffern der Personalausweisnummer, anzugeben. Der Reisende konnte sich dann im Zug bei der Fahrkartenkontrolle nur mit seinem Personalausweis als berech­tigter Inhaber des Onlinetickets ausweisen. Die Kreditkarte, mit der das Ticket be­zahlt wurde, musste er nicht vorlegen.
Wenn die Daten vorlagen, bestellten die Angeschuldigten über das Internetportal der Deutschen Bahn AG unter Verwendung derselben E-Mail-Adresse, die sie bei wwww.mitfahrgelegenheit.de angegeben hatten, das entsprechende Ticket bei der Deutschen Bahn AG. In die Buchungsmaske gaben sie dabei frei erfundene Adres­sen ein, um eine spätere Identifizierung zu erschweren. Sie verwendeten zur Bezah­lung des Tickets widerrechtlich die Kreditkartendaten fremder Personen. Diese Kre­ditkartendaten hatten sie zuvor über „schwarze“ Internetforen wie cardars.cc erlangt, über die in großer Zahl ausgespähte Datensätze gehandelt werden. Die An­geschuldigten verwendeten insgesamt 166 verschiedene Kreditkartendatensätze. Die Angeschuldigten handelten in dem Wissen und Wollen, dass über die Webseite der Deutschen Bahn AG nach der Eingabe aller Daten automatisiert das Online­ Ticket versendet würde und ab diesem Zeitpunkt auch einsatzbereit wäre, ohne dass die Deutsche Bahn AG hierfür die entsprechende Zahlung erhalten würde, da diese zurückgebucht wird oder nur deshalb eine Rückbuchung nicht erfolgt, weil der betrof­fene Inhaber des Kreditkartenkontos die unrechtmäßige Abbuchung nicht bemerkt.
Die Käufer der Tickets wurden angewiesen, den Kaufpreis auf verschiedene Giro­konten, überwiegend die zwei Konten Kontonummer 1033951003, BLZ 51220700 bei der Ziraat Bank International AG, Am Hauptbahnhof 16, 60329 Frankfurt und auf das Kontonummer 799489200, BLZ 20010020 bei der Postbank AG zu überweisen. Die beiden Konten wurden von Dritten unter Vorlage gefälschter Personaldokumen­te allein zum Zweck der Vereinnahmung widerrechtlicher Gewinne eröffnet.
Teilweise wurden aber auch andere Girokonten wie das Konto der Volksbank Kiel, BLZ 21090007, Konto-Nr. 30822203, Kontoinhaber Max Zierke, und Zahlungs­wege benutzt.
Die Angeschuldigten handelten in der Absicht, durch die Fahrkartenbestellungen die Online-Tickets zu erhalten. Für diese hatten sie bereits vorab „Käufer“ gefunden und leiteten diese anschließend zur Erfüllung dieses Verkaufs der Fahrkarten an die Rei­senden weiter. Hierfür konnten sie allerdings nur einen Bruchteil des tatsächlichen Werts der Online-Tickets als Kaufpreis gegenüber den Reisenden verlangen, um das vorgeschobene Motiv des Fahrkartenverkaufs, man habe etwa noch überzählige Ti­ckets aus Firmenrabatten, plausibel erscheinen zu lassen.
Die Angeschuldigten Emre Ates, Cem Ates und Adnan Polat handelten, um sich aus dem Ankauf der Bahntickets und den Einnahmen aus den Kaufpreiszah­lungen der Reisenden eine fortlaufende Einnahmequelle von einigem Umfang und einiger Dauer zur Finanzierung ihres Lebensunterhaltes zu verschaffen.

Die Angeschuldigten Brüder Emre Ates und Cem Ates überredeten et­wa im Frühling oder Sommer 2012 den Angeschuldigten Polat, sich an ihrem „Ne­benjob“ zu beteiligen. Emre Ates installierte spätestens Mitte 2012 die notwen­digen Programme auf dem Laptop des Polat. Nachdem der Angeschuldigte Cem Ates, der im Sommer 2012 länger in der Türkei gewesen war, Mitte September 2012 nach Stuttgart zurückgekehrt war, schlossen sich die drei Angeschuldigten mindestens für den Zeitraum Anfang Oktober 2012 bis zum 09.11.2012 zusammen, um nach dem genannten System arbeitsteilig und über einen längeren Zeitraum hin­ weg betrügerisch eine Vielzahl von Bahnfahrkarten zu erwerben. Hierbei nahm jeder der Angeschuldigten die drei zentralen Aufgaben der Einstellung der Fahrkarten bei der www.mitfahrgelegenheit.de, die Kommunikation mit den Reisenden und die Be­stellungen der Fahrkarten wahr. Außerdem waren alle an der Kommunikation mit den Personen aus den „schwarzen Foren“ beteiligt, die ihnen Kreditkartendaten und Bankkonten verschafften. Hierzu hatte jeder Angeschuldigte mindestens eine eigene ICQ-Kennung, wobei die Brüder auch teilweise unter den Kennungen des jeweils anderen schrieben und auch Polat teilweise eine Kennung des Emre Ates verwendete.
Die Geldabhebungen von dem Konto der Ziraat Bank zur Erlangung der Gewinne erfolgten in Anwesenheit aller drei Angeschuldigter. Im November 2012 entschieden sich die Brüder Ates nunmehr ohne Adnan Polat den betrügerischen Erwerb von Bahnfahrkarten fortzusetzen und teilten diesem wahrheitswidrig mit, die EC-Karte für das Konto der Ziraat Bank sei eingezogen worden.

Auch außerhalb des Zeitraums von Anfang Oktober 2012 bis zum 09.11.2012 nah­men die jeweils zwei  Angeschuldigten, also Emre Ates  und Adnan Polat bzw. Emre Ates und Cem Ates aufgrund ihres gemeinsamen Tatplans in wechselnder Beteiligung sowohl die Einstellungen bei der Mitfahrzentrale, die Kom­munikation mit den Reisenden, die Bestellungen der Fahrkarten und die Kommunika­tion mit den Personen aus den „Schwarzen Foren“ vor.

Bis zum Auszug des Emre Ates aus der elterlichen Wohnung in Stuttgart, ca. Ende September/ Anfang Oktober 2012 handelten die Ange­schuldigten Brüder Ates und Polat überwiegend von den Wohnungen in Stuttgart (elterliche Woh­nung des Polat) aus. Nach dem Auszug des Emre Ates dürften die Taten überwiegend von dessen Wohnung in Esslingen aus stattgefunden haben.

Bis zum 09.11.2012 entstand ein Schaden zum Nachteil der Deutschen Bahn AG in Höhe von 60.470 € (Taten Nr. 1 bis 402/Tatbeteiligung Polat). Von Oktober 2012 bis zum 09.11.2012 entstand ein Schaden in Höhe von 41.003 € (Taten Nr. 259 bis 402/Tatbeteiligung aller Angeschuldigten). Von Oktober 2012 bis zum 04.04.2013 entstand ein Schaden in Höhe von 88.749,00 € (Taten Nr. 259 bis 822/Tatbeteiligung Cem Ates).

Bei einer Gesamtbetrachtung dieser sich teilweise überlappenden Schadenssummen ergibt sich ein Gesamtschaden zum Nachteil der Deutschen Bahn AG in Höhe von 129.192,20 €.

Der vereinnahmte Gewinn lag hinsichtlich des Kontos der Volksbank Kiel bei 1.835,00 €, hinsichtlich des Kontos der Ziraat Bank bei 20.617,30 € und hinsichtlich der Postbank Hamburg bei 13.765,00 €. Der Gesamtgewinn dürfte höher als bei 36.217 € liegen, da insbesondere im Februar 2013 zahlreiche Buchungen von Bahntickets vorgenommen wurden, bei denen nicht geklärt ist, wie die Reisenden den „Kaufpreis“ bezahlten.
Im Einzelnen handelt es sich um die in der Anlage zur Anklage konkretisierten Taten Nr. 1-822, die in der Zeit vom 27.07.2012 bis zum  04.04.2013  begangen­ siehe Anlage 1.

 Die Taten sind:

 bei dem Angeschuldigten Emre Ates

679 Vergehen des gemeinschaftlichen, gewerbsmäßigen und 143 Verbrechen des gemeinschaftlichen, gewerbs- und bandenmäßigen Computerbetrugs
gern. § 263a Abs. 1 u. Abs. 2, § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1, Abs. 5 StGB i. V. m. §§ 25 Abs. 2, 53, 74 ff. StGB.

bei dem Angeschuldigten Cem Ates

421 Vergehen des gemeinschaftlichen, gewerbsmäßigen und143 Verbrechen des gemeinschaftlichen gewerbs- und bandenmäßigen Computerbetrugs
gern.  § 263a Abs.  1 u.  Abs.  2, § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1, Abs.  5 StGB i. V. m. §§ 25 Abs. 2, 53, 74 ff. StGB;
in den Fällen   259 bis 508 in Verbindung mit§§ 1,3 JGG
in den Fällen 509 bis 822 in Verbindung mit§§ 1, 105 JGG

bei dem Angeschuldigten Adnan Polat

259 Vergehen des gemeinschaftlichen, gewerbsmäßigen und 143 Verbrechen des gemeinschaftlichen gewerbs- und bandenmäßigen Computerbetrugs

gern. § 263a Abs. 1 u. Abs. 2, § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1, Abs. 5 StGB i. V. m. §§ 25 Abs. 2, 53, 74 ff. StGB

insgesamt in Verbindung mit§§ 1, 105 JGG

Beweismittel:

1.

  1. Einlassung des Angeschuldigten Emre Ates, Hauptakte 1, 120 ff.
  2. Einlassung des Angeschuldigten Cem Ates, Hauptakte 1, 142
  3. Einlassung des Angeschuldigten Adnan Polat, Hauptakte 1, 152 ff.

2. Zeugen:

  1. PHM Götner, zu laden über die Bundespolizeiinspektion München, 80335 München
  2. POK Bauer, zu laden über die Bundespolizeiinspektion München, 80335 München
  3. PHM Karsten, zu laden über das Bundespolizeipräsidium, Referat 55, 83024 Rosenheim

3. Urkunden:

  1. Auskünfte aus dem Bundeszentralregister
  2. Ausdrucke ICQ-Chatprotokolle, gesichert auf dem Joy-PC des Emre Ates, Hauptakte 7
  3. Ausdrucke ICQ-Chatprotokolle, gesichert auf dem Laptop Sony des Cem Ates, Hauptakte 8
  4. Ausdrucke ICQ-Chatprotokolle, gesichert auf dem Laptop IBM, Haupt­akte 9
  5. Ausdrucke ICQ-Chatprotokolle, gesichert auf dem PC Median, Hauptakte 10
  6. IT-Untersuchungsbericht Laptop Sony, Hauptakte 12
  7. IT-Untersuchungsbericht Joy-PC, Unterlagen StA Teil 3, 220 ff.
  8. Kontoauszüge der Ziraat Bank, BI. 47
  9. Kontoauszüge der Postbank AG, BI. 3 ff./EV Sissi- Be­schuldigte Emre Ates  und Cem Ates,  113 ff.
  10. Kontounterlagen Emre Ates, ,,privates Konto“, Hauptakte 5, 13 ff.
  11. Kontounterlagen Cem Ates, ,,privates Konto“, Hauptakte 5, BI. 79
  12. Auswerteprotokolle Mobilfunktelefone/Surf-Surfstick, Hauptakte 2, BI. 110
  13. Lichtbildmappe Volksbank Esslingen eG, Geldautomat in Zell, 01.13, LO „EV Sissi-Beschuldigter unbekannt alias Christopher Blake“, BI. 165 ff./ CD BI. 145
  14. Lichtbildmappe Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, Geldautomat in Zell, 01.13, , LO „EV Sissi-Beschuldigter unbekannt alias Christo­ pher Blake“, BI. 137 ff.
  15. Lichtbildmappen Landesbank BW, Geldautomat Küferstr., 73728 Ess­ lingen, LO „EV Sissi- Beschuldigte Emre Ates und Cem Ates“, BI. 225
  16. CD Handyrohdaten Emre Ates und Cem Ates, Hauptakte 2, BI. 106

Wesentliches Ergebnis der Ermittlungen:

1. Zur Person

  1. Angeschuldigter Emre Ates

Der Angeschuldigte Emre Ates wurde am 01.12.1992 in Niedernhall geboren. Er ist ledig und hat die deutsche und die türkische Staatsangehörigkeit. Er studiert im 3. Semester Informatik.

  1. Angeschuldigter Cem Ates

Der Angeschuldigte Cem Ates wurde am 14.02.1995 in Niedernhall gebo­ren. Er ist lediger Schüler und hat die deutsche und die türkische Staatsangehörig­ keit. Zuletzt besuchte er die Werkrealschule.

  1. Angeschuldigter Polat 

Der Angeschuldigte Polat wurde am 08.08.1992 in Niedernhall geboren. Er ist türki­scher Staatsangehöriger und ledig. Er hat eine Lehre absolviert und einen weiteren Abschluss an der weiterbildenden Fachoberschule absolviert. Er beabsichtigt im Wintersemester 2013/2014 ein Studium zu beginnen.

2. Zur Sache:

  1. Ursprung des Verfahrens:

Ausgangspunkt des Verfahrens war zunächst eine Anzeige der Selina Müller am 17.01.2013 bei der Bundespolizei München. Diese hatte bei www.mitfahrgelegenheit.de ein Bahnticket erworben, welches ihr unter dem Alias­ namen Max Fischer zugesandt wurde. Den Kaufpreis  in Höhe von 40,- € überwies sie auf das Konto der Ziraat Bank, Konto-Nr.: 1033951003, BLZ: 51220700. Anhand des zugesandten Online-Tickets stellte sie fest, dass der tatsächliche Wert der Bahn­ fahrkarte bei 142,- € lag. Dies erschien ihr nicht plausibel zu sein. Parallel erstattete am 19.01.2013 der Kreditkarteninhaber Thomas Hedergott bei der Bundespolizeiinspektion Erfurt Anzeige wegen des missbräuchlichen Gebrauchs seiner Kreditkarte. Hierbei wurden insgesamt 18 widerrechtliche Abbuchungen zu Gunsten der Deutschen Bahn AG festgestellt. Zunächst wurde versucht, die Nutzer der Bahntickets anhand der Ticketnummern zu identifizieren und zu vernehmen. Die Zeugen, die er­mittelt werden konnten, gaben an, die Tickets von einer Person Namens Max Fischer über das lnterforum der Mitfahrgelegenheit.de erworben zu haben und den Kaufpreis auf das Konto der Ziraat Bank überwiesen zu haben. Angeblicher Kontoinhaber des Kontos bei der Ziraat Bank war eine Person Namens Christopher Blake. Bei der Kon­toeröffnung wurde ein gefälschtes niederländisches Ausweisdokument vorgelegt. Das Konto bei der Ziraat Bank wurde dann Ende Januar 2013 durch die Staatsan­waltschaft Hamburg geschlossen. Es wurde noch festgestellt, dass acht Bargeldab­hebungen zwischen dem 04.12.2012 und dem 22.01.2013 vom Konto der Ziraat Bank im Raum Tübingen stattfanden. (Kontounterlagen, Ziraat Bank, , LO „EV Sissi­ Beschuldigter unbekannt alias Christopher Blake“, BI. 45 ff.). Weitere Abhebungen im Dezember 2012 und im Januar 2013 wurden im Raum Esslingen vorgenommen.

Nach der Schließung des Ziraat Bank Kontos wurden über www.mitfahrgelegenheit.de Einstellungen von Fahrkarten gesucht, die Parallelen zu den verwendeten Daten für Max Fischer aufwiesen. Hierbei konnte festgestellt wer­ den, dass ein Angebot unter dem Namen Felix Geissler die gleichen Bestandsdaten enthielt. Über die Ermittlungen bei der Deutschen Bahn AG wurden Fahrkartenkäufe abgefragt, die unter dem Namen Felix Geissler stattgefunden hatten. Hierdurch wur­de man schließlich auf das Konto bei der Postbank Hamburg, Konto-Nr.: 799489200, BLZ: 20010020, eröffnet auf den Namen Enrico Monti, geb. 10.10.1990 in Rom, Zeughausmarkt 19, 20459 Hamburg, aufmerksam. Für Geldabhebungen von diesem Konto am 20.03., 26.03. und 31.03.2013 konnten Videoaufzeichnungen gesichert werden, bei denen jeweils eine Person mit einem Motorradhelm maskiert war (,,EV Sissi- Beschuldigte Emre Ates und Cem Ates“, BI. 225 ff.). Auch bei zwei Geldabhebungen am 09.01.2013 gegen 17:59 Uhr und am 14.01.2013 gegen 22:06 Uhr wurde bei der Volksbank Esslingen bzw. bei der Kreissparkasse Esslin­gen-Nürtingen in den Videoaufzeichnungen eine Person mit Motorradhelm festge­stellt. Auf Grund der vorangegangenen Geldabhebungen wurden zwei Geldautoma­ten der Volksbank Esslingen und der Landesbank Baden-Württemberg am 03.04.2013 und am 04.04.2013 von 19:00 Uhr bis 24:00 Uhr überwacht. Am 04.04.2013 wurden Emre Ates und Cem Ates von der Bundespolizei München schließlich dabei beobachtet, wie sie von einem Geldausgabeautomaten der Baden-Württembergische Bank an der Filiale in der Kieferstr. 35, 73730 Esslin­gen am Neckar gemeinsam Geld abhoben und zwar von dem o.g. Postbankkonto, Konto-Nr.: 799489200, BLZ: 20010020.

Emre und Cem Ates wurden am 05.04.2013 vorläufig festgenommen. Am gleichen Tag fanden bei beiden Angeschuldigten in Esslingen und Stuttgart Woh­nungsdurchsuchungen statt.

  1. Sichergestellte Datenträger:

 Neben verschiedenen Mobilfunktelefonen wurden 4 Computer sichergestellt, die re­levante Daten enthielten.

Bei der Durchsuchung durch die Bundespolizei München am 05.04.2013 wurde in der Wohnung des Emre Ates in Esslingen eine Joy-PC (Tastatur-PC) sicherge­stellt. Bei Cem Ates, der bei seinen Eltern in Stuttgart wohnhaft war, wur­de ein Sony Laptop sichergestellt. Beide PCs waren mit der Software TrueCrypt ver­schlüsselt Die beiden über 30-stelligen Passwörter der Brüder, die diese später preisgaben, unterscheiden sich lediglich in den zusätzlichen 2 Stellen bei Emre Ates, die „18″ lauten.

In dem parallel gelagerten Verfahren wurde bei der Wohungsdurchsuchung der elterlichen Wohnung, in der zu diesem Zeitpunkt noch beide Brüder wohnhaft waren, am 22.08.2012, zwei PCs sichergestellt, die gleich­falls verschlüsselt waren. Sie konnten mit denselben Passwörtern geöffnet werden. Es handelt sich um einen Laptop IBM, auf dem Chatverläufe vom 10.02.2012 bis 06.03.2012 gesichert werden konnten und einen PC Medion, auf dem Chatverläufe vom 13.07.2012 bis zum 20.08.2012 gesichert wurden.

  1. Zurechnungen der Bahnticketbuchungen:

Die von der Bundespolizei München erstellte Gesamtliste der missbräuchlichen Ti­cketbuchungen beruht auf den Daten der Deutschen Bahn AG über betrügerisch er­worbene Bahntickets, die diese an das Bundespolizeipräsidium Potsdam, ,,Soko Combet“ weitergegeben hat. Dort werden die Daten zentral in das polizeiliche Da­tenbanksystem „b-case“ eingegeben, das die Suche nach bestimmten Kriterien wie verwendeter E-Mail-Adresse, Kreditkartennummer oder mitgeloggter IP-Adresse er­möglicht.

Die Zurechnung der Bahnticketbuchungen zu den Angeschuldigten erfolgte einer­seits anhand der Auswertung der beiden Girokonten bei der Ziraatbank und bei der Postbank AG, auf die die Reisenden den „Kaufpreis“ überwiesen haben. Anhand der im Verwendungszweck der Überweisungen angegebenen Daten, wie der 6-stelligen Ticketnummer und des Namens konnten die Ticketbuchungen identifiziert werden.
Die Bahnticketbuchungen, die den Überweisungen auf diese Konten zugrunde lagen, sind den Angeschuldigten einerseits aufgrund der parallelen Abhebesituationen, ins­besondere auch wegen der Verwendung des Motoradhelms zuzurechnen.  Weiter ergibt sich aus einem Vergleich der in der Buchungsmaske angegebenen E­ Mail-Adressen bzw. deren Hauptnamensbestandteilen, dass  Varianten  der Namen „Frank Meyer“ und „Felix Geissler“ sowohl für Ticketbuchungen, deren Gewinn auf das Konto der Postbank Hamburg gingen, verwendet wurden als auch für solche, deren Gewinne auf das Konto der Ziraat Bank gingen. Für den Namen „Frank Meyer“ gilt das etwa in den Fällen 648 – 651, 655 – 663, 665 und 668 bis 677 für das Post­bankkonto und in den Fällen 353 – 434 für das Ziraat Bank Konto. Für „Felix Geissler“ gilt dies etwa in den Fällen 555 – 647 für das Postbankkonto und in den Fällen 435 – 469 für das Ziraat Bank Konto.

Ein Abgleich der bei den Ticketbuchungen seitens der Deutschen Bahn AG mitgeteil­ten IP-Adressen ergibt außerdem, dass der Stamm der IP-Adresse „89.204.“ bei Bu­chungen bzgl. beider Konten auftaucht, was auf die Nutzung eines Surf-Sticks zurückzuführen ist. Die weiteren Buchungen können über identische Elemente, wie mitgeloggte IP-Adressen, verwendete E-Mail-Adressen und verwendete angebliche Anschriften in der Buchungsmaske zugeordnet werden, beispielsweise auch durch markante Kombinationen der Straße mit einer falschen oder nicht existenten Post­leitzahl etwa Baumweg 3, 34343 Berlin oder Kreuzgasse 8, 87347 München und die verwendeten Kreditkartennummern.

a) Tatbeteiligung des Emre Ates:

Am 03. und 04.06.2013 machte der Angeschuldigte Emre Ates umfassende ge­ständige Angaben zu allen ihm hier vorgeworfenen Taten, die sich nach der Auswer­tung der Beweismittel und insbesondere der verwendeten PC’s hinsichtlich seinen ei­genen Tatbeitrags bestätigt haben.

Weiter wird der Angeschuldigte Emre Ates belastet durch die Angaben des An­geschuldigten Adnan Polat, bei dem am 06.08.2013 eine Hausdurchsuchung statt­ fand und der anschließend umfangreiche Angaben gemacht hat.

Der Verbleib des Großteils des Gewinns ist ungeklärt. Soweit der Angeschuldigte Emre Ates angegeben hat, er habe die Gewinne aus den Straftaten aufgrund seiner Spielsucht ausgegeben, wurde dies durch die Ermittlungen bislang nicht bestätigen.

Aus einem auf dem PC Medion gesicherten ICQ-Chatverlauf (Stehordner Hauptakte 10, BI. 23 ff. -der PC wurde sichergestellt durch die Bundespolizei Kassel am 22.08.2012 bei einer Hausdurchsuchung bei der Familie Ates in Stuttgart), ergibt sich, dass er von 18.000,- € Gewinn aus einer früheren Tatphasen nur 2.000,- € verzockt hat und außerdem den Gewinn mit seinem Bruder geteilt hat. Aus dem Zwischenbe­richt III der Bundespolizei Köln (LO Unterlagen StA 3, BI. 136), die ebenfalls gegen Emre und Cem Ates wegen einer dritten Tatphase ermittelt geht jedoch hervor, dass über die E-Mail-Adresse ha­rold.käfer@yahoo.de, die auch regelmäßig für die Bahnticketbestellungen benutzt wurde, über 7.000,- € über den E-Währungstauscher Dagensia in Prag an ein Konto des inzwischen vom FBI im Mai 2013 abgeschalteten Internetbezahlsystems Liberty­ Reserve S.A. überwiesen wurde. Es ist davon auszugehen, dass die Überweisung von Geldern auf ein Liberty-Reserve Konto nur eine Methode war, die Gewinne nachhaltig zu sichern und dass die Gewinne aus dem hiesigen Verfahren gleichfalls über anonyme Internetbezahlsysteme weitergeleitet wurden und mindestens teilwei­se noch verfügbar sind. Insgesamt dürfte der Verbrauch der Gewinne für die Spiel­sucht als eher gering einzuschätzen sein. Auf dem bei der Durchsuchung am 05.04.2013 sichergestellten PC haben sich bislang keine Hinweise auf die Kontakte zur Online-Wettanbietern gefunden.

b) Tatbeteiligung des Cem Ates

Der Angeschuldigte Cem Ates wurde am 25.06.2013 von der Bundespolizei München ausführlich vernommen und gab hierbei auch seine entsprechenden Pass­wörter bekannt. Im Wesentlichen streitet er jedoch eine Beteiligung an den ihm vor­geworfenen Taten ab. Er sei zwar ein paar Mal dabei gewesen, wie sein Bruder Geld abgehoben habe und habe von diesem auch ein kleines Taschengeld erhalten, damit er nicht weiter nachfrage. Er habe lediglich, als er im Sommer 2012 in der Türkei Ur­laub gemacht habe, für „Dark“, den er über ICQ-Chats kannte, Angebote auf der Webseite der Mitfahrgelegenheit eingestellt.  An den Ticketbuchungen für diese Einstellungen sei er nicht beteiligt gewesen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland habe er mit diesen Sachen nichts mehr zu tun gehabt.

Ihm sind die Taten Nr. 259 – 822 im Rahmen einer mittäterschaftlichen Begehungs­weise jedoch aufgrund folgender Umstände zuzurechnen:

Hinsichtlich des Laptops des Cem Ates, der bei der Durchsuchung am 05.04.2013 sichergestellt wurde, gibt Emre Ates in seiner Vernehmung am 04.06.2013 an, er kenne das Passwort nicht. Cem Ates gibt in seiner Ver­nehmung am 25.06.2013 dagegen zunächst an, ihm sei für die Verschlüsselung sei­nes PC’s kein eigenes Passwort eingefallen, daher habe er das „ähnliche Passwort“ gefunden, d.h. das ähnliche Passwort zu dem seines Bruders. Erst im weiteren Ver­lauf der Vernehmung gibt er an, sein Bruder habe den Laptop verschlüsselt und die­ser habe mit ihm gearbeitet. Diese Aussagen widersprechen sich insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass Emre Ates ersichtlich seinen Bruder entlasten wollte. Insgesamt ist anzunehmen, dass die Passwörter deshalb fast identisch waren, damit beide die jeweiligen PC’s nutzen und die Ticketbuchungen durchführen konnten. Im Wesentlichen dürfte jeder Bruder seinen eigenen PC benutzt haben. Auch für die E­Mail-Adressen emreates@gmail.com und cem.a@gmail.com wurde dassel­be Passwort verwendet.

Da die Eltern der Ates wussten, dass die Brüder ihre Computer zur Begehung von Straftaten nutzten, dürfte auch keine Notwendigkeit dafür bestanden haben, dass Emre Ates nach seinem Auszug bei Besuchen bei seinen Eltern dort Zu­griff auf einen PC hatte. Die Kenntnis der Eltern ergibt sich außer aus dem Umstand, dass die Bundespolizei Kassel am 22.08.2012 eine Durchsuchung in der „Familien­wohnung“, Stuttgart durchgeführt hat, insbesondere aus dem Chatverlauf der ICQ-Kennung 1337 880  mit „Steven Bollywood“  am 18.07.12 (Hauptakte 10, Bl.13). Dort heißt es:

„ich schwöre dir, mein bruder wird nichts von der bd erfahren er ist sowieso 2 monate weg weswegen der auch sauer ist weil der selber nicht fillen kann (…) der petzt mich sogar meinen eitern also der hat mich letztens „gepetzt“ weswegen die bd zerschnit­ten wurde“.

Bereits im Februar 2012 gab es familiäre Probleme, da sich Cem Ates ein iPad gekauft hatte (Chatverlauf vom 29.02.2012, gesichert auf dem PC IBM, Haupt­ akte 9, BI. 9).
In seiner Wohnung in Esslingen verfügte Emre Ates über einen eigenen PC.
Hinsichtlich der Taten 353 – 434 ist festzustellen, dass für den Erwerb der Online­ Tickets die E-Mail Adressen f.meyer80@yahoo.de, frank.meyer80@freenet.de, frank.m.80@freenet.de, f.meyer80@freenet.de verwendet wurden, die ausschließlich auf dem Laptop des Cem Ates, nicht jedoch auf dem PC des Emre Ates gesichert wurden (Hauptakte 1, BI. 33, Hauptakte 3, BI. 11). Unter Angabe dieser E­ Mail Adressen wurden vom 05.11. bis zum 11.11.2012 ca. 80 Buchungen von Onli­ne-Tickets mit nicht rechtmäßig erlangten Kreditkartendaten durchgeführt.
Unter der E-Mail-Adresse frank.meyer80@freenet.de wurde am 05.11.2012  auch eine E-Mail an den Administrator der Webseite www.mitfahrgelegenheit.de gesendet, mit der Bitte, die eingestellten Inserate nicht immer zu löschen (Hauptakte 12, BI. 16 des IT-Untersuchungsbericht, Laptop Sony).
Vergleicht man die Kontaktlisten für die ICQ-Chats auf dem PC des Cem Ates und auf dem PC des Emre Ates, so ergeben sich zahlreiche Überein­stimmungen hinsichtlich der Personen, die für die Beschaffung von Konten und Kre­ditkartendaten zentral waren.

Für eine gleichwertige mittäterschaftliche Beteiligung des Cem Ates spricht ferner deutlich der auf dem iPhone 4 des Emre Ates gesicherte SMS-Verkehr in der Nacht vom 26.01.2013 auf dem 27.01.2013 (Hauptakte 3, BI. 91 f.). Hier diskutieren die Brüder darüber, wem die nächsten zwei Zahlungen zustünden, da nunmehr der Emre Ates „gearbeitet“ habe, obwohl Cem Ates hätte arbeiten wol­len bzw. sollen. Hiermit in engem zeitlichen Zusammenhang stehen 93 Fahrkarten­einstellungen bei der Mitfahrgelegenheit und 9 Ticketbuchungen, die zwischen dem 26.01.2013, 16:35 Uhr und dem 27.01.2013, 8:06 Uhr (Fälle 509 – 517) durchgeführt wurden.

Außerdem wird nochmals auf den zuvor zitierten ICQ-Chatverlauf verwiesen, bei dem Emre Ates am 15.07.2012 unter der ICQ-Nummer 1337880 der ICQ­ Nummer 255479123, Nickname „Norbert Waller“ gegenüber angibt, bereits im Mai und Juni „18k€“ gemacht zu haben und mit seinem Bruder geteilt zu haben.

Zwar gab es im Sommer 2012 offenbar auch Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern, wie sich auch aus dem zitierten Chatverlauf mit „Steven Bollywood“ ergibt und Emre Ates wollte das nächste Bankkonto zum Empfang vor Gewinnen vor Cem Ates geheim halten. Allerdings sprechen die zahlreichen Indizien da­gegen, dass es ein dauerhaftes Zerwürfnis zwischen den Brüdern gab. Vielmehr ist aufgrund der vorgenannten Indizien und aufgrund der Angaben des Adnan Polat davon auszugehen, dass die Brüder nach ihrer Rückkehr aus der Türkei unverändert zusammengearbeitet haben.

Der Angeschuldigte Polat machte bei seiner Vernehmung am 06.08.2013 umfas­sende Angaben zu seiner Tatbeteiligung. Die Richtigkeit dieser Angaben hat sein Verteidiger, nachdem er zunächst Zweifel an der ordnungsgemäßen Belehrung des Angeschuldigten äußerte, später bestätigt (LO „Adnan Polat“, BI. 299). Hierbei gab Polat auch an, dass „BXW“ sein ICQ-Nickname sei. In der Stellungnahme des Vertei­digers vom 09.11.2013 hat dieser weitere, teils modifizierende Angaben gemacht.

Der Angeschuldigte Polat gab an, beide Brüder hätten ihm von ihrem Nebenjob er­zählt und zunächst hätten ihn beide eingewiesen. Mit Schriftsatz vom 09.11.2013 konkretisierte der Verteidiger den Zeitpunkt der „Einweisung“ auf Mitte Juli 2012. Cem Ates sei gegen eine Beteiligung des Polat gewesen und teilweise hät­ten er und Emre Ates heimlich an dem Ziraat Bankkonto gearbeitet. Später habe Emre gesagt, der Cem wisse jedoch von dem Konto und weiter gab der Polat auch an, sie seien teilweise alle drei, d.h. Cem, Emre und er, beim Geldabhe­ben gewesen.

Hinsichtlich des Tatzeitraums hat er das Ende der Zusammenarbeit konkret auf den 09.11.2012 datiert, da er zu diesem Zeitpunkt aufgrund der Beendigung der Zusam­menarbeit seinen Laptop von Emre zurückgefordert habe. Weiter gibt er nun an, er sei im Juli 2012 zusammen mit Cem und Emre Ates beim Geldabheben ge­wesen und später dreimal mit Emre Ates.

Dagegen sagte er bei seiner Vernehmung am 06.08.2013 aus, er sei zwei- oder dreimal mit den Brüdern Ates beim Geldabheben dabei gewesen sei und er mei­ne, seine erste Abhebung sei mit einer Karte des Ziraat Bank Kontos gewesen. Demnach wäre es erst nach der Rückkehr des Emre Ates aus dem Urlaub, d. h. erst ab dem 26.09.2012 möglich gewesen, dass die drei Angeschuldigten zusammen Geld abgehoben hätten.
Soweit der Angeschuldigte Polat über seinen Verteidiger (Schriftsatz vom 09.11.2013) vortragen lässt, er habe während der hier relevanten Tatzeit nicht mit beiden Brüdern zusammengearbeitet, haben dies die Ermittlungen nicht bestätigt:

Insoweit ist festzustellen, dass Emre Ates im Chatverlauf mit der der ICQ­ Kennung 1337 880 mit „Steven Bollywood“ am 18.07.12 (Hauptakte 10, Bl.13) angibt:,,ich schwöre dir, mein bruder wird nichts von der bd erfahren er ist sowieso 2 monate weg weswegen der auch sauer ist weil der selber nicht fillen kann(…)“. Da­ her dürfte Cem Mitte oder Ende Juli 2012 nicht in Deutschland gewesen sein.

Außerdem ist auch nicht ersichtlich, welche EC-Karte den Ates Mitte/Ende Juli 2012 zur Verfügung gestanden haben könnte. Die erste Bargeldabhebung mit der EC-Karte des Ziraat Bank Kontos im Raum Stuttgart fand erst am 27.08.2012 in Hailfingen (Stadtteil von Rottenburg a. N.) statt. Die vorherigen Abhebungen mit die­ser EC-Karte fanden im Hamburg statt und dienten der „Bezahlung“ des Girokontos. Auf das Girokonto bei der Volksbank Kiel, das der tatsächliche Inhaber Max Zierke zur Verfügung gestellt haben dürfte, gingen seit 10.07.2012 Überweisungen im Zusammenhang mit Bahnfahrkarten ein (Hauptakte2, BI. 4/38 ff.). Jedoch fanden die Abhebungen ausschließlich im Stadtgebiet Kiel statt.
Auch im Verfahren, das den Tatzeitraum von Mai 2012 bis Ende August 2012 betrifft, stand den Brüdern Ates keine eigene EC-Karte zur Verfü­gung.
Daher müssten die Abhebungen, bei denen alle drei gemeinsam anwesend waren, im Oktober/November 2012 stattgefunden haben.

Emre habe ihm (Polat) auch erzählt, dass Cem Ates öfters die Schule schwänze und er vermute, dass er dann in Emres Wohnung gewesen sei, zu der er einen Schlüssel gehabt habe. Im Zusammenhang mit Fragen zu einem Briefkastendrop gibt er an, dass die (Brüder) sowieso immer zusammen gewesen seien. Er geht auch davon aus, dass beide Brüder gegenseitig Zugriff auf ihre ICQ­ Nicknamen gehabt hätten.

Letzeres ergibt sich auch aus dem auf dem Laptop IBM (sichergestellt von der Bun­despolizei Kassel am 22.08.2012) für den 06.03.2012 gesicherten Chatverlauf,  in dem  Cem  Ates  unter  der  ICQ-Nummer  1337 880,  die  Emre Ates durchgehend bis zur seiner Verhaftung benutzte, schreibt „aber ich bin der Bruder“ (Chat-Verlauf vom 06.03.2012, 17.21 h, Hauptakte 9, BI. 13, unten).

Beide Brüder hätten ihm ca. im November 2012 erzählt, die EC-Karte sei eingezogen worden, vermutlich um den Gewinn nicht weiter mit ihm zu teilen. Insgesamt lässt sich der Aussage des Polat entnehmen, dass dem Cem Ates, der bis Mitte September 2012 in der Türkei war, das Konto der Ziraat Bank zunächst nicht be­kannt gewesen sein könnte. Allerdings ist aufgrund der engen Beziehung der Brüder zueinander, den gemeinsamen Geldabhebungen und der gleichartigen Konfiguration der PC der Brüder davon auszugehen, dass Cem Ates seit seiner Rückkehr aus der Türkei (wieder) tatbeteiligt war. Hierfür spricht auch die Aussage des Polat, dass ihm später beide Brüder erklärt hätten, die EC-Karte sei eingezogen worden.

Als erster Fehltag in der Schule ist bei Cem der  20.09.12  vermerkt.  Emre Ates war vom 10.09.2012 bis 26.09.2012 in der Türkei.  Ab dem  27.09.2012  ist von einer Fortführung der gemeinsamen Taten auszugehen. Die erste Buchung seit diesem Zeitpunkt fand am 09.10.2012  statt.

Eigene Kontakte des Cem Ates zu Kreditkartendatenverkäufern ergeben sich noch aus folgendem:

Der ICQ-Chatverlauf vom 09.03.2013, 15.01 h, gesichert auf dem Laptop des Cem Ates, Kennung 615844633 mit 692155745 (BananaJBananaJ), lautet:

,,Hi, deine CC’s waren gut, ¾ haben gefunzt. nur der hier war invalid“ (Hauptakte 8, BI. 36).

Der auf demselben Laptop gesicherte Chat von der ICQ-Kennung 615844633 mit 467533544 am 11.11.2012  um 14.24 h (Hauptakte  8, 81.11) lautet:

„Hey, ich hatte ja letztens von dir 10 stück CCs gekauft, aber 5 davon gingen nicht und  zwar die(…)“

Dass die Brüder Ates viele Personen aus den „schwarzen Foren“ gemeinsam kannten, ergibt sich beispielsweise auch aus diesem Chat, gesichert auf dem Laptop IBM Chat zwischen der ICQ-Kennung 612162453  und  der  ICQ-Kennung 619286606 am 15.02.2012, bei dem 612162453 anfragt:,, kannst du mir kurz bd da­ten von meinem bruder geben, der ist grad net da und geht nicht an sein handy ran, wollte psc drauf auscashen“ (Hauptakte 9 B1.15) und von derselben Kennung „bin
dann wieder off, muss was für meine mutter erledigen. ich sag meinem bruder nochmal, dass du auf ihn wartest“.

Ähnliches ergibt sich aus dem auf dem Laptop Sony (Cem Ates) gesicherten Chat-Verlauf von 45356689 „Flippi“ an die ICQ-Kennung 617452453 (Cem Ates) am 27.02.2013 (Hauptakte 8, BI. 42) ,,da dein bruder busted wurde und dann gehe ich mal  davon  aus, dass du auch erwischt  wurdest“.  Die Antwort lautet:

,,kk“.

c) Tatbeteiligung des Adnan Polat:

Der Tatverdacht gegen den Angeschuldigten Polat ergab sich aufgrund der im Rah­men des Verfahrens bei der Bundespolizei Kassel durchgeführ­ten TKÜ-Überwachung des Telefonanschlusses 07234892348, Inhaber Murat Ates (Vater des Emre und Cem Ates). Aus dieser TKÜ wurde ein Ge­spräch zwischen dem oben genannten Anschluss und der Telefonnummer 01723489234, Inhaber Adnan Polat, am 26.08.2012 zwischen 21:09 Uhr und 21:1O Uhr mitgeschnitten (Hauptakte 3, BI. 79). Gegenstand dieses Gesprächs ist das Problem, dass eingestellte Angebote bei www.mitfahrgelegenheit.de schnell wieder vom An­bieter gelöscht werden. Hierbei wird diskutiert, ob dies am eingestellten Text oder an der verwendeten IP-Adresse liegt. Bis zu diesem  Zeitpunkt  fanden die Buchungen bei der DB AG fast ausschließlich mit einem Surf-Stick  des Internetserviceproviders O2 statt. Die weiteren Buchungen, die nach diesem Gespräch getätigt wurden, sind im Zeitraum 27.08.2012 bis 10.11.2012 mit der IP-Adresse des lnternetservicesproviders   Lycamobile   getätigt   wurden,   für   den   der  IP-Stamm 83.137.2. mitgeloggt wird.

Aufgrund dieses Gesprächs wurde ein entsprechender Durchsuchungsbeschluss beim Amtsgericht Stuttgart beantragt und am 06.08.2013 vollzogen (LO „Adnan Polat“, BI. 199 ff.).

Der Angeschuldigte Polat machte, wie bereits ausgeführt, bei seiner Vernehmung am 06.08.2013 umfassende Angaben zu seiner Tatbeteiligung. Hierbei gab Polat auch an, dass „BXW“ sein ICQ-Nickname sei. In der Stellungnahme des Verteidigers vom 09.11.2013 hat dieser weitere, teils modifizierende Angaben gemacht.

Fest steht, dass der Angeschuldigte Emre Ates im Zeitraum vom 17.07.2012 bis zum 07.09.2012 als Ferienarbeiter beschäftigt war und es ihm aufgrund seiner Tätigkeit nicht möglich war, während der Arbeitszeit Buchungen durchzuführen.

Zugleich befand sich der Angeschuldigte Cem Ates zu dieser Zeit noch in der Türkei. Selbst wenn er hier einen deutschen Surf-Stick dabei gehabt hätte, wäre die Nutzung des Surf-Sticks dort technisch nicht möglich gewesen (Hauptakte 2, BI. 52).

 So  sind dem  Angeschuldigten Polat  sicher die Taten 1, 12 – 14, 82 – 96, 102, 104, 107 – 117, 120 – 122, 125 – 128, 131, 132, 133, 134- 138,143 – 151, 152/153 zuzu­ordnen.

Das gleiche gilt für den Zeitraum vom 10.09.2012 bis zum 25.09.2012, als Emre Ates im Urlaub in der Türkei war, d.h. für die Taten 158 bis 256. In diesem Zeit­ raum stand dem Angeschuldigten Polat auch die EC-Karte für das Ziraat Bank Konto zur Verfügung, mit der er am 14.09.2012 500,00 € an einem Geldautomat in Böblingen abgehoben hat.

Dies hat der Angeschuldigte Polat auch eingeräumt.

Auf dem PC Medion wurde am 25.07.2012 ein Chat zwischen der von Emre verwen­deten ICQ-Kennung 1337 880 und „BXW“ gesichert, bei dem 1337 880 der Ken­nung „BXW“  zahlreiche  Bank- und Kreditkartendaten mitteilt.  Am 30.07.2012 gegen 22.30 h wurde ein Chatgespräch zwischen den beiden Kennungen gesichert, bei dem „BXW“ mitteilt, dass er gerade beim „fillen“ ist, also bei der Buchung von Bahnti­ckets, um das Girokonto durch die Kaufpreiszahlungen der Reisenden zu füllen. Am 30.07.2012 wurden zwischen 16.05 h und 23.57 h 15 Bahntickets gebucht.

Am 25.07.2012 teilte 1337 880 dem ICQ-Nickname „Lukas Kichmann“, über den er ,,Randoms“ (Kreditkartendaten) mit, er habe jetzt einen Partner, der dieselbe „uin“ (United Internet Number bzw. Unified ldentification Number- eindeutige ldentifizie­ rungsnummer bei ICQ) benutze, er solle sich nicht wundern, wenn dieser anders schreibe. Aus alldem ergibt sich, dass der Angeschuldigte Polat eigenständig aber im Rahmen des gemeinsamen Tatplans mit den Emre und teilweise auch mit Cem Ates zahlreiche Bahnticketbuchungen bei der Deutschen Bahn AG durchgeführt hat.

  1. Bandenabrede

Die Brüder Ates müssen dem Angeschuldigten Adnan Polat bereits zu einem deutlich früheren Zeitpunkt als Juli 2012 von ihrem Nebenjob erzählt haben, da Adnan Polat angibt, zunächst habe man für die Buchungen  bei der Deutschen  Bahn AG verschiedene Verschlüsselungssysteme wie VPN und Proxyserver verwendet, während für die hiesigen Taten offensichtlich Surf-Sticks verwendet wurden. Beide Brüder hätten ihn zum Mitmachen bei dem Nebenjob animiert. Es ist davon auszu­gehen, dass sich die drei Angeschuldigten seit Ende September 2012 zur arbeitstei­ligen Begehung von Bahnticketbuchung verabredet haben und den Gewinn unter  sich aufgeteilt haben. Hierfür spricht auch, dass alle drei Angeschuldigten alle we­sentlichen Aufgaben, die hierfür notwendig waren, wahrgenommen haben und an­schließend zu Dritt das Geld abgehoben haben. Auch der Angeschuldigte Polat hat­te eine eigene ICQ-Nummer (ICQ-Nick „BXW“), um den notwendigen Kontakt zu den anderen ICQ-Mitgliedern z.B. für die Übersendung von Kreditkartendaten zu halten.

Hinsichtlich der gemeinsamen Geldabhebungen wird auf die obigen Ausführungen verwiesen.

3. Rechtliche Würdigung:

Der Tatbestand des Computerbetrugs wird durch die Bestellung und den Ankauf der Bahntickets bei der Deutschen Bahn AG unter Verwendung von fremden Kreditkar­tendaten zur Zahlung der Online-Tickets erfüllt.

Der Ankauf der fremden Kreditkartendaten stellt insoweit eine Vorbereitungshand­lung zur Durchführung  des Computerbetrugs dar. Soweit die Daten von Dritten gemäß

  • 202 a StGB ausgespäht oder auf andere Weise rechtswidrig erlangt wurden, stellt der bloße Ankauf der Daten -bislang- i. d. R. keine Straftat dar. Etwas andere könnte sich ergeben, soweit ein Dritter zur strafbaren Beschaffung der Daten angestiftet wurde. Regelmäßig werden jedoch bereits vorhandene Datensätze verkauft.

Beendet ist der Computerbetrug mit dem Eingang des Bahntickets auf dem E-Mail­ Konto der Angeschuldigten. Zu diesem Zeitpunkt hat die Deutsche Bahn AG über das Online-Ticket verfügt und die Angeschuldigten haben dieses erlangt,  während die Deutsche Bahn AG eine wertlose Gegenleistung erhalten hat.

Ob und wie der „Reisende“ den Kaufpreis für das Bahnticket bezahlt, ist zwar für die Angeschuldigten von wirtschaftlicher Bedeutung, aber für die Erfüllung des Tatbestands des Computerbetrugs unerheblich.

4. Sonstiges:

 Hinsichtlich des Beschlagnahmebeschlusses des Postbankkontos Enrico Monti (Restguthaben: 3.737,54 €) vom 12.06.2013 soll dieser weiter aufrechterhalten werden (§ 111 i Abs. 2, 3 StPO). Dies gilt auch für die bei der Verhaftung sichergestellten 955,- € Bargeld, die aus der Geldab­hebung vom Girokonto „Enrico Monti“ unmittelbar zuvor stammt. Ein Verfall dürfte hier aufgrund des§ 73 Abs. 1 Satz 2 GB nicht möglich sein.

Gegen den Angeschuldigten Adnan Polat wurde in dem parallel gelagerten Verfah­ren nach vorläufiger Festnahme am 06.08.2013 am 07.08.2013 ein Haftbefehl vom Amtsgericht Stuttgart erlassen und in Voll­zug gesetzt. Durch Entscheidung des Landgerichts Stuttgart vom 14.08.2013 wurde der Haftbefehl unter verschiedenen Auflagen außer Vollzug gesetzt.

Ich beantrage, 

  1. das Hauptverfahren zu eröffnen,
  2. neue Haftbefehle im Umfang der Anklage gegen die drei Angeschuldigten zu erlassen und die bisherigen Haftbefehle gegen Emre Ates und Cem Ates aufzuheben. Der Haftbefehl gegen Adnan Polat kann unter entsprechenden Auflagen außer Vollzug gesetzt werden.

 

#36 – Deutscher mit Migrationshintergrund

„Man, Savas! Was soll das? Kartal ist während meiner Abwesenheit einfach in meine Zelle und hat die Tabakdose auf meinen Tisch gelegt!“

Ich war stinksauer. Savas sollte meines Erachtens nach mit ihm klären, dass so etwas nicht angeht. „Hast du es jetzt? Alter, geil Emre.“ Ich hatte Savas schon lange nicht mehr so glücklich gesehen, mit seiner Gebetskette in der rechten Hand und Tayfun an seinem linken Kleinfinger, fing er an, „Halay“ (ein traditioneller türkischer Festtanz) zu tanzen. „Ey man, Savas, jetzt hör mir mal zu! Was wäre passiert, wenn der Beamte gesehen hätte, dass der Kartal nach der Dusche noch in meine Zelle geht? Außerdem hat Herr Winter die Tabakdose auf meinem Tisch gesehen. Der weiß doch ganz genau, dass ich Nichtraucher bin.“ Ich war genervt von den Freudensprüngen der beiden, was sich noch weiter verschlimmerte, als ich merkte, dass ich auf taube Ohren stieß. „Jetzt chill mal, Emre. Der Winter denkt bestimmt, dass du die Tabakdose zum Tauschen gekauft hast, der weiß doch ganz genau, dass Tabak die Währung im Knast ist.“ Für mich milderte dies keineswegs die Umstände, denn die Tauschgeschäfte waren genauso verboten, wie jemandem Schulden zu geben…oder eben, ein Handy zu besitzen. Nur griffen die Beamten bei Letzterem konsequenter ein.

In der Nacht löste jede Stimme und jedes Schlüsselgeräusch ein starkes Herzklopfen in mir aus, denn die Tabakdose hatte ich sehr auffällig im Schrank verstaut. Ich setzte darauf, dass es gerade deswegen nicht auffallen würde. Der Schlaf kam erst, als ich einen genialen Einfall zu einem sicheren Versteck hatte:

Jeden Morgen sammelten wir den Müll der Zellen in blauen Säcken ein. Wir hatten zusätzlich größere Mülltonnen mit blauen Säcken, die wir für den aufkommenden Müll nutzten, der bei den Reinigungsarbeiten so anfiel. Ich würde die Tabakdose einfach zum restlichen Müll in einen der Mülltonnen werfen…und müsste nur jeden Morgen, bevor ich die blauen Säcke nach draußen bringe, darauf Acht geben, dass die Tabakdose dann im neuen, frischen, blauen Sack landete. Außerdem war ich für den Müll zuständig, der andere Reiniger würde sowieso nichts mitbekommen. Der Deutsche war entlassen, er hatte auch nur wegen Dealens mit Gras gesessen. Nebenbei fragte ich mich, wen sie wohl als neuen Reiniger nehmen würden?

Am nächsten Morgen gab ich meinen Antrag für den Sozialarbeiter direkt beim Beamten ab, als er die anderen Anträge der Häftlinge sortierte. Es war wieder mal Herr Nils da, und abermals erwies er sich als der beste Beamte, den ich je getroffen hatte. „Ah, was willst Du denn vom Sozialarbeiter?“, fragte mich Herr Nils, nachdem er meinen Antrag überflogen hatte. Ich erklärte ihm kurz mein Dilemma, woraufhin er seufzte: „Na, dann hoffen wir mal, dass der Sozialarbeiter dir helfen kann.“ Ich begriff zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass er damit die Möglichkeiten des Sozialarbeiters gemeint haben muss. Er zweifelte wohl daran, dass dieser mir würde helfen können. „Was hältst du eigentlich von eurem Türken da? Dem Yilmaz?“, fragte er beiläufig. Ich erwiderte seinen fragenden Ausdruck mit dem gleichen Fragezeichen im Gesicht: „Er hat sich nämlich für den nächsten Reinigerposten beworben“, fuhr er fort. Ich überlegte kurz, denn eigentlich hasste ich diesen Kerl. Außer zu Meckereien war er zu nichts wirklich fähig. Aber… vielleicht war es besser, einen weiteren Türken als Reiniger-Kollegen zu haben. Auch würde er sicherlich weniger rumheulen, wenn er etwas gelockerte Haftumstände durch den Reinigerposten hätte. Gerade in Bezug auf das Handy würden unsere Türken es wohl begrüßen, dass der andere Reiniger mich nicht verpfeifen würde, wenn er wegen des Handys Verdacht schöpfte. Durch Yilmaz würde die Gefahr schon einmal um die Hälfte sinken, da er zu unserer Truppe gehörte. „Ja, weiß nicht, eigentlich ist der ganz nett. Er ist auch total sauber, seine Zelle ist immer schön aufgeräumt. Sein Deutsch ist auch sehr gut, ich denke, zumindest an der Kommunikation würde es nicht scheitern.“ Er schien diese Information wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen.

Ich ging meinem Tagewerk als Reiniger nach und sah den Sozialarbeiter immer durch die Gänge schlendern, aber nie kam er zu mir. Als ich dann gegen mittags, kurz bevor die Mittagsessen-Ausgabe anstand, ungeduldig wurde, sprach ich ihn an. Gerade als er in sein Büro, welches neben dem Beamten-Büro war, hineinspazieren wollte, hielt ich ihn an: „Herr Adler, Sie haben meinen Antrag wohl noch nicht erhalten?“ Obwohl es eine rhetorische Frage war, antwortete er knapp darauf, dass er auf mich zukäme, sobald er etwas wisse. Das Wochenende brach an, und der Sozialarbeiter hatte mich immer noch nicht zu sich bestellt.  Das Handy in der Tabakdose versteckte ich über das Wochenende in der Mülltonne in der Besenkammer. Soweit mir bekannt war, wussten neben mir nur Kartal, Savas und Tayfun Bescheid. Auch teilte Kartal mir mit, dass sich momentan kein Guthaben darauf befände, doch dass Savas sich darum kümmern wolle. Am Wochenende gab es das übliche Programm, morgens Teeausgabe, mittags Essensausgabe, nachmittags dann zwei Stunden Umschluss (ich ging mit ein dutzend Leuten in den Freizeitraum und spielte Poker mit Schokolade als Einsatz), gefolgt vom Hofgang und danach gab es die Abendessensausgabe. Meist verfasste ich Samstag und Sonntag abends Briefe an meine Familie, je nach Gemütslage waren diese entweder voller Trauer (ich verlangte förmlich nach Mitleid) oder ich erzählte von lustigen Vorfällen. Yilmaz wurde in der Zwischenzeit zum Reiniger ernannt, weshalb ich ihn am Wochenende einlernte und dementsprechend bis zum Einschluss am Hals hatte.

Die Woche begann mit einem Besuch. „Ist mein Vater da, oder meine Mutter, oder beide?“, wollte ich vom Beamten wissen, der mich in den Besucherraum begleitete. „Weiß ich nicht, da ist ein Mann.“ Der Beamte konnte daraus wohl nicht schließen, dass der Mann nicht meine Mutter sein konnte. „Mist, ich habe 30 Minuten Besuch, stimmt’s? Können Sie mich nicht einfach nach 15 Minuten rausholen, mit irgendeinem Vorwand, dass ich zur Essensausgabe muss, oder so?“, mein deprimiertes Gesicht schien den Beamten nicht davon abzuhalten, meine Frage als Witz aufzufassen: „Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder?“ Ich nickte, er schüttelte nur den Kopf und schon befand ich mich bei meinem Vater. Nach der Begrüßung setzte ich mich hin und fing an, die Süßigkeiten zu naschen. Wenigstens das machte mein Vater, er kaufte mir einen Haufen Süßigkeiten, und Kaffee gab es auch dazu. Das war pure Nervennahrung und die brauchte ich dringend: nach Gesprächen mit meinem Vater fühlte ich mich schlechter als zuvor. Diesmal durfte ich zu hören bekommen, was für ein Idiot ich war, dass ich mich nicht um meine Staatsangehörigkeit gekümmert hatte, obwohl er es mir seit meinem 18. Lebensjahr immer wieder ans Herz gelegt hatte. Er hatte auch meist Recht mit dem was er sagte, nur die Art und Weise, wie er etwas sagte oder eben wie das bei mir ankam, machte mich sauer. Dass mir die Gespräche total auf den Zeiger gingen, konnte ich ihm auch nicht sagen. Ich schluckte alles und kotzte dann unglücklicherweise bei meiner Mutter über meinen Vater ab, sobald sie mich alleine besuchen kam. „Das türkische Konsulat meint, du müsstest persönlich erscheinen, um die Dokumente zu unterschreiben, die JVA würde Dich zum Konsulat transportieren müssen, solche Fälle hätten sie schon paar Mal gehabt.“ Diese Aussage meines Vaters nahm ich mit zum Gespräch mit dem Sozialarbeiter. Nach der Verabschiedung von meinem Vater begab ich mich direkt zur Essensausgabe, um danach sofort an der Tür des Sozialarbeiters zu klopfen. Ich wollte ihm die Dringlichkeit meines Anliegens nochmals ins Gedächtnis rufen. Die Tür ging tatsächlich auf und der Sozialarbeiter, Herr Adler, stand vor mir: „Ja, was gibt es?“

Nachdem ich ihn darauf hingewiesen hatte, dass ich nun knapp eine Woche auf ihn gewartet hatte und mir die Zeit wegen meines deutschen Passes davonlief, schaute er nur verdutzt, als hätte er es vergessen und als sei ihm gerade ein Licht angegangen. „Treten Sie ein.“ Er zeigte auf einen Sitzplatz und setzte sich vor seinen Computer. Sicherlich hatte er damit Zugriff auf das Internet. Wie gerne würde ich jetzt auf irgendwelchen Newsseiten rumstöbern, auf Facebook schauen, was die Leute so trieben, und natürlich auf die Seiten gehen, die mit „You“- begannen, jedoch nicht auf „Tube“ endeten.

Zurück von meinen Fantasien des Internets, erklärte ich Herrn Adler, dass ich meinen deutschen Pass verlieren würde, wenn ich nicht bald zum türkischen Konsulat transportiert würde. Er war mir keine große Hilfe, lediglich zwei Argumente weshalb ich nichts unternehmen bräuchte, warf er mir auf den Tisch: „Sie können nicht einfach so zum Konsulat transportiert werden. Diese Möglichkeit besteht nur für Strafhäftlinge, als U-Häftling ist sowas nicht möglich. Außerdem werden solche Angelegenheiten wie Bürgerschaftsprozesse während der Haft stillgelegt, Sie müssen nichts befürchten, kümmern Sie sich entweder in der Strafhaft oder nach ihrer Entlassung darum.“ Nun verstand ich, worauf Herr Nils hinaus wollte, als ich ihm gesagt hatte, dass ich die Hilfe vom Sozialarbeiter aufsuchen würde.

In Bezug auf meine Staatsbürgerschaft ergriff ich von nun an keine Eigeninitiative mehr und vertraute dem Sozialarbeiter. Savas hatte in der Zwischenzeit Guthaben für das Handy besorgt und begann, in der Freizeit zu telefonieren. Dieses Zeitintervall war jedes Mal mit Risiken für mich verbunden, denn damit Savas und Tayfun abends in der Freizeit ab 18:00 Uhr telefonieren konnten, musste ich das Handy vor 15:30 Uhr aus dem Mülleimer in der Besenkammer holen und in meine Zelle legen. Ab da wurden die Räume nämlich geschlossen, und der Hofgang begann. Täglich befand sich das Handy also für knapp 3 Stunden in meiner Zelle, weshalb ich auch während meiner Hofgänge gedanklich immer bei meiner Zelle war. Es war nicht unüblich, dass während des Hofgangs Zellen kontrolliert wurden. Das ganze Thema mit dem Handy hatte sich zudem sehr schnell rumgesprochen, ein Russe kam während der Freizeit zu mir: „Hey Emre, hast Du was von einem Handy gehört? Die im ersten Stockwerk haben gesagt, dass die Türken im zweiten Stockwerk ein Handy besitzen.“ Ich konnte meinen Ohren nicht trauen, die beiden Vollpfosten Savas und Tayfun wollten mich ins offene Messer laufen lassen. Wie konnten die nur das Geheimnis nicht für sich behalten? Ich suchte sofort das Gespräch mit den beiden auf, welches aus meiner Sicht jedoch in die völlig falsche Richtung lief: „Emre, keine Angst, wenn etwas passiert, dann nehmen wir das auf uns.“, meinte Tayfun, „Ja? Warum versteckt ihr das Handy dann nicht gleich in eurer Zelle?“ Die Antwort von Savas klang logisch: „Weil die Reiniger-Zellen und Besenkammern viel seltener kontrolliert werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die das Handy finden, ist so geringer.“ Wie ich erfuhr, machten sie Deals mit dem Handy. Ein Russe hatte den beiden tatsächlich eine Tabakdose im Wert von ca. 20.00 EUR (eine beachtliche Summe für Knastverhältnisse) gegeben, um eine halbe Stunde telefonieren zu dürfen. Ich fuhr also mit dem Verstecken des Handys fort, telefonierte jedoch kein einziges Mal damit. Meine Familie würde es nicht verstehen, wenn ich sie anrief. Auch, als der Tag des Opferfests anbrach, traute ich mich nicht, meine Eltern anzurufen, und ihnen zu unserem religiösen Fest zu gratulieren. Dennoch gab es Grund zur Freude: es sprach sich herum, dass das türkische Konsulat für jeden angemeldeten Teilnehmer des Opferfests Döner, Ayran und Baklava mitbringen würde. Herr Nils brachte uns Türken zum anderen Gebäude, in dem das Fest stattfinden würde: „Herr Ates, Sie gehen auch mit? Sind Sie denn überhaupt Moslem?“ Er grinste etwas, ich hatte in vorangegangen Gesprächen nämlich durchaus Skepsis bezüglich des Glaubens durchsickern lassen. „Herr Nils, für einen Döner bin ich der frommste Moslem, den Sie je gesehen haben. Außerdem muss ich mit dem Konsulat wegen meiner Staatsbürgerschaft reden. Ansonsten werde noch zum richtigen Türken, wenn die mir meinen deutschen Pass wegnehmen.“ Ich lief mit ihm voran, so dass die anderen Türken nicht wirklich was von unserer Unterhaltung mitbekamen. „Was? Du bist doch Türke, egal, ob mit deutschem Pass, oder nicht.“ Ich lächelte ihn an: „Herr Nils, ich bin Deutscher mit Migrationshintergrund.“

Ich traute meinen Augen nicht, als ich dann abends tatsächlich mit zwei Dutzend anderen Häftlingen vor diesen Speisen saß und während des Essens den Leuten vom türkischen Konsulat bei ihrer Rede zuhörte. Es war ein Fest für meinen Gaumen, als ich den leckeren, knusprig-saftigen Döner regelrecht verschlang, den salzig-frischen Ayran aus der Kühlbox in großen Schlucken austrank und mir das übersüße Baklava im Mund zergehen ließ. Jeder durfte sich kurz vorstellen, und als ich an der Reihe war, ergriff ich die Chance und erzählte von meinem Konflikt wegen meiner deutschen Staatsbürgerschaft. Einer der Herren des Konsulats diskutierte mit mir. Vor allem erzählte ich ihm von dem Problem, dass ich als U-Häftling wohl nicht zum Konsulat transportiert werden durfte. Der Herr schrieb sich meinen Namen auf und versprach mir, meinen Eltern das Dokument mitzugeben, damit ich es hier vor Ort signieren darf. Das wäre eine Ausnahme, da es unter diesen Umständen keine Alternative gäbe.

Ich war sehr glücklich, dass der Abend noch so ausging – bis der Herr vom Konsulat mich noch kurz vor dem Abschied fragte, wann denn eigentlich mein Geburtstag sei, an dem ich dann auch spätestens meinen türkischen Pass abgegeben haben müsse: „Am 01. Dezember, also in etwas mehr als einem Monat“, meinte ich zunächst gelassen. Seine Mimik sprach Bände: „Ach Du meine Güte. Das wird dann aber nichts! Es dauert mehrere Monate, bis der Vorgang abgeschlossen ist. Die Unterlagen müssen nämlich nach Ankara in die Türkei verschickt werden. Dort wartet man generell einige Zeit, bis sich mehrere Anträge gehäuft haben, und arbeitet dann alle ab. Probier es aber dennoch.“ Ich war entsetzt, die türkische Staatsbürgerschaft würde noch mehr Ärger bedeuten – vor allem vor dem Hintergrund meiner Haft. Diese blöden Prozesse in den Konsulaten hatten dringend eine Optimierung nötig. Mir kamen plötzlich Gedanken an meinen Ethiklehrer hoch: „Emre, erzähl Mal. Fühlst du dich eher türkisch oder deutsch?“ Ich war noch ein Teenager, mit solchen Fragen konnte ich nicht umgehen. Bisher hatte mir keiner diese Frage gestellt – und ich mir selbst auch nicht. „Ähm, ich weiß nicht. Ich bin doch irgendwie beides.“ Er schaute mich damals an, und stieß mit seiner nächsten Frage etwas bei mir an, was mich noch mehrere Jahre beschäftigen würde: „Du meinst also, dass du keine Identitätskrise hast? Du weißt ganz genau, wer du bist?“ Ich konnte mir diese Frage noch sehr lange nicht beantworten. Ich wechselte immer von „Ich bin Türke, ist doch klar“ zu „Ich fühle mich eher Deutsch“.

Würde diese Frage vielleicht bald vom Schicksal geklärt werden, wenn ich meine deutsche Staatsbürgerschaft verliere?

#35 – Affengeschmack

Der Ausflug zum Amtsgericht endete also weniger erfreulich als gedacht, die Verhandlung ließ noch auf sich warten. Mehr als fünf Monate hatte ich bereits hinter mir, doch noch immer hoffte ich, dass es sich nur noch um Wochen handeln würde.

Der Knastalltag hatte mich trotz allem wieder im Griff, ich war auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt. Morgens den Müll einsammeln und wegbringen, die Gänge und Räume fegen und wischen, Essensausgabe am Mittag und am Abend und bei Neuankömmlingen „Starter-Packs“ vorbereiten – das waren meine täglichen Aufgaben.

„Emre, ich muss zugeben, du bist ein stabiler Junge. Kein einziges Mal habe ich dich meckern hören, du hast dich besser integriert, als ich es erwartet hätte. Meinst du nicht auch, Savas?“ Tayfun sah meinem Gesicht wohl an, dass ich deprimiert war. Wir aßen gerade zu Abend, und hatten wieder mal Nudeln mit Thunfischsoße gekocht. Mit ein wenig Erschrecken stelle ich fest, dass sich bei mir ein kleines Bäuchlein bildete – die Kost in der Haft war nicht die gesündeste.. „Haha, der Junge ist schon stabil. Voll der Betrüger ey, ich habe seinen neuen Haftbefehl gelesen, du hast es der Deutschen Bahn voll gegeben“, schmatzte Savas. „Ich bin nicht stolz darauf, im Nachhinein hat es sich ja nun leider nicht bezahlt gemacht.“ Ich begriff erst allmählich, dass es kein Kinderspiel gewesen war, was ich da durchgezogen hatte. Der Ernst der Lage wurde mir bewusster…jeder Tag, den ich hier verschwendete, rief mir diesen Fakt ins Gedächtnis. Savas klopfte auf meine Schulter: „Hey Emre, ich würde mich auch schlecht fühlen, so als Betrüger. Aber auf Deutsch klingt das nicht mal so schlimm. Betrüger – Was ist das schon? Aber auf Türkisch, ja, da heißt es einfach „dolandırıcı“, haha, das ist ein ziemlich krasses Wort. Dein Vater denkt jetzt die ganze Zeit daran, dass sein Sohn ein „dolandırıcı“ ist.“ Offensichtlich wollte er mich damit provozieren. Doch diesmal musste ich kontern, auch wenn ich seine Reaktion nicht einschätzen konnte: „Also Savas, auf Deutsch hört sich Zuhälter auch nicht so schlimm an. Aber auf Türkisch? Da heißt es einfach „pezevenk“, was ja, wie du wahrscheinlich weißt, eines der übelsten Schimpfwörter im türkischen Sprachgebrauch darstellt.“ Alle lachten, auch Savas. Nachdem ich wieder mal den Abwasch gemacht hatte, kam Savas auf mich zu und machte eine „Komm-Mit“-Handbewegung. Ehe ich mich versah, befanden wir uns in meiner Zelle, wobei die Tür von Tayfun bewacht wurde. Bevor ich fragen konnte, was los war – ich stelle mich schon auf eine Entschuldigung wegen des Witzes vorhin ein –  fragte er: „Du warst in der Zelle bei Kartal. Herr Nils hat dich da einfach so reingelassen?“ Ich bejahte überflüssigerweise, schließlich hatte ich ihm ja bereits erzählt, dass ich ein Käffchen mit Kartal getrunken hatte.  „Ich habe mit ihm in der Freizeit durch den Türschlitz geredet, und der meinte, dass du es auch weißt.“ Savas sprach es bewusst nicht aus – ich hingegen nahm kein Blatt vor den Mund. „Meinst du die Tabakdose?“, wollte ich von ihm wissen. Er grinste erst und nickte dann. „Guck mal, Emre, du bist Reiniger. Die erwischen das Ding bei Kartal, so oft wie seine Zelle kontrolliert wird. Zu einem geeigneten Zeitpunkt übergibt er dir die Tabakdose, verstehst du? Versteck sie bei dir, Reiniger werden nie kontrolliert.“ Nun war ich in einem Dilemma: einerseits fiel es mir immer schwer, Nein zu sagen, die übliche Problematik eben – und andererseits hatte er mir gar keine Frage gestellt oder mich um etwas gebeten, er hatte es mir quasi befohlen, was mir sehr hart gegen den Strich ging. Meine Überlegungen unterbrach er mit einem Angebot: „Du kannst das Gerät auch benutzen, wir kümmern uns um das Guthaben.“ „Geht klar.“ Ich schlug ein, damit hatte ich mir soeben eine Vorrangstellung bei unseren Türken verschafft.

Die Tage vergingen, und ich besuchte jeden Morgen Kartal in seiner Zelle. Es war nicht nur Herr Nils, der mich in die Zelle von Kartal ließ. Offenbar hatten die meisten Beamten Mitleid mit ihm, weil er sonst keinerlei soziale Kontakte hatte und sich wenigstens mit mir verstand. „Trinkst Du Cappuccino? Ist mit Schokoladengeschmack.“ Das Angebot von Kartal nahm ich dankend an, ich liebte Schokolade und Kaffee pur war mir immer zu stark. Wir redeten über Gott und die Welt, über unsere Zukunftspläne, über unsere Vergangenheit und über unsere Familien. „Haha Mist, ich muss aufs Klo, tut mir echt Leid“, meinte er plötzlich mitten im Gespräch. Ich drückte auf den Notruf, da unsere Zellentür verschlossen war, und bat den Beamten, mich rauszulassen. „Ich muss zufällig auch“, ich grinste Kartal an, während ich an der Zellentür wartete, bis ebendiese aufging. „Bist Du auch laktoseintolerant, oder wie?“ Diese Frage konnte ich ihm zu dem Zeitpunkt noch nicht beantworten, weil ich das Wort nie zuvor gehört hatte. Der Beamte machte mir die Tür auf und drückte mir einen Besucherzettel in die Hand. „Mein Anwalt? In einer Stunde?“ Ich schaute ihn fragend an, er nickte. Schnell sprang ich unter die Dusche, immerhin hatte ich den ganzen Vormittag Kontakt mit irgendwelchen Chemikalien gehabt und musste dank meines Anwalts auch nicht zur Mittagsessensausgabe. Gerade als ich am Duschen war, kam Kartal rein: „Ich darf duschen, bis die anderen von der Arbeit kommen“. Er grinste und begab sich, wie üblich bei uns Türken nur mit Unterhose bekleidet, unter die Dusche. „Weißt Du, Emre, ich habe meinen Körper erst in der Haft richtig kennen gelernt. Davor habe ich nie drauf geachtet.“ Es war seltsam, dass er mir das sagte, während er seinen Körper rasierte. „Was ist denn diese Laktose?“, wollte ich von ihm wissen. Als er mich aufklärte, kamen plötzlich Erinnerungen an meine Kindheit hoch: „Ich glaub, ich habe das auch?! Ich kann mich noch erinnern, dass meine Mutter mir damals zu Grundschulzeiten immer heiße Milch gekocht hat, bevor ich zur Schule ging. Und jedes Mal musste ich zurück nach Hause laufen, weil ich dann dringend aufs Klo musste.“ Er lachte ein wenig: „Ja, siehst du! Ich würde an deiner Stelle mal rumexperimentieren, das findet man in der Regel schnell heraus. Und du gehst gleich zu deinem Anwalt? Wer ist es denn?“ Als ich ihm den Namen nannte, verzog er die Mimik: „Also, ganz ehrlich Emre, wer hat dir denn den alten Sack empfohlen? Der ist total schlecht, mein Mittäter hatte den.“ Das ganze Ich-habe-den-besten-Anwalt-Gerede ging wieder los, und er empfahl mir wärmstens einen sogenannten Herrn Steiner. Nach der Dusche zog ich mich an und schilderte ihm mein bisheriges Pech mit den Anwälten: „Und darum kann ich jetzt nicht nochmal meinen Anwalt wechseln. Mein Vater meint sonst wieder, ich hätte einen ‚Affengeschmack’, das tut er nämlich immer, wenn ich mich oft umentscheide. Ich glaube, der übersetzt das 1:1 aus dem Türkischen, und da bedeutet es einfach, dass man gierig wie ein Affe sei.“

Ein Beamter brachte mich hinunter in die Besucherräume, und diesmal durfte ich glücklicherweise direkt zu meinem Anwalt, ganz ohne Wartezeit. „Ich fühle mich wie ein VIP-Häftling, wieso darf ich gleich rein?“, wollte ich vom Beamten wissen, als ich in Richtung Besucherraum geführt wurde. „Na, Du musst noch Essen ausgeben, der andere Reiniger ist sonst alleine.“ Ich schaute ihn verdutzt an: „Wieso das? Wo ist der andere?“ Er öffnete die Tür: „Er hatte heute eine Gerichtsverhandlung und wird entlassen.“ Als ich davon hörte, keimte ein starker Neid in mir auf. Ich begab mich mit ziemlich mieser Laune zu meinem unfähigen Anwalt. Nach einer laschen Begrüßung und sinnlosem Smalltalk über das Wetter kam mein Anwalt endlich zu den Fakten: „Ich habe mit der Staatsanwältin geredet, die Ermittlungen dauern leider noch an. Der Fall ist sehr groß. Wir müssen leider mit der Gerichtsverhandlung warten, da die Anklageschrift noch verfasst werden muss, was wiederum erst geschieht, sobald die Ermittlungen beendet sind. Ihre U-Haft wurde bis zum 15.01.2014 verlängert, spätestens dann haben Sie ihre Gerichtsverhandlung.“  Das waren keine guten Nachrichten. Es war das erste Mal, dass ich nicht nach seiner Einschätzung bezüglich meiner endgültigen Haftstrafe fragte. „Da ist noch etwas wegen ihrer doppelten Staatsbürgerschaft. Ihre Eltern meinten, dass sich das Landratsamt gemeldet habe. Sie sollen Ihren türkischen Pass abgeben, ich habe das nicht ganz verstanden, ihre Mutter meinte, Sie würden wissen, um was es geht?“

Mir wurde plötzlich ganz heiß. Ich hatte das Thema „Staatsbürgerschaft“ total vergessen und, so muss ich gestehen, auch ziemlich vernachlässigt. „Ich habe die doppelte Staatsbürgerschaft, also sowohl die türkische, als auch die deutsche. Allerdings muss ich spätestens zu meinem 23. Lebensjahr eine von beiden Staatsangehörigkeiten abgeben. Kurz vor meiner Verhaftung bin ich zum türkischen Konsulat und habe mitgeteilt, dass ich meinen türkischen Pass abgeben möchte. Daraufhin meinten diese, ich müsse erst meinen Wehrdienst in der Türkei verlängern – das sei die übliche Prozedur. Nachdem ich meinen Wehrdienst verlängert habe, könne ich die weiteren Schritte zur Abgabe meines türkischen Passes einleiten. Also habe ich den Antrag auf Verlängerung meiner Wehrdienstpflicht gestellt. Kurz vor meiner Verhaftung kam dann auch die Bestätigung, dass meine Wehrdienstpflicht verlängert wurde. Doch bevor ich zum Konsulat gehen konnte, um meinen türkischen Pass abzugeben, wurde ich verhaftet. Das Landratsamt entzieht mir automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn ich bis zu meinem Geburtstag nicht nachweisen kann, dass ich die türkische Staatsbürgerschaft abgegeben habe.“ Der Anwalt schien bei der langen Erzählung fast eingeschlafen zu sein. „Ich werde mich nochmals mit ihrer Mutter in Verbindung setzen, um das zu klären“, sagte er vage zur Verabschiedung.

Nachdem ich mich in den Warteraum begeben hatte und vom Beamten direkt zur Essensausgabe hoch gebracht worden war, konnte ich mich nach knapp einer Stunde auf mein Bett legen und mich in meine Gedanken vergraben. Ich musste irgendetwas wegen meiner Staatsbürgerschaft tun. Am besten würde es sein, wenn ich den Sozialarbeiter in der Sache aufsuchte. Als meine Gedanken zu der verlängerten U-Haft schweiften, bekam ich einen Hass auf die Beamten, dass die Ermittlungen so schleppend voran gingen…Plötzlich unterbrach mich ein Klopfen an meine Zellentür.

„Herr Ates, möchten Sie auch zur Opferfest-Veranstaltung?“

Es war der Beamte Herr Winter. Mit einem Zettel und einem Stift in der Hand stand er neben meinem Bett. Ich stand auf und fragte nach, was genau das sei. „Zu eurem religiösen Fest kommt das türkische Konsulat. Sie haben angegeben, dass sie Moslem sind. Also dürfen Sie da auch hin.“ Ich war überrascht: „Das türkische Konsulat … von Stuttgart?“ Er bejahte meine Frage. Das war mehr als nur ein glücklicher Zufall! „Sie müssen nur hier unterschreiben.“ Er legte den Zettel auf den Tisch und übergab mir den Stift.

Als ich unterschrieb, wurde mir plötzlich schlecht, als ich zufällig neben das Blatt schaute.

Auf meinem Tisch lag eine Tabakdose. Und hinter mir stand noch immer Herr Winter.

In diesem Blog berichte ich über meine Haftzeit als verurteilter Cyberkrimineller..