#7 – Semesterticket

„Die Polizisten rannten Dir hinterher, ich war verwundert, warum sie sich nicht aufgeteilt hatten. Keiner hatte Interesse daran, mich zu verfolgen. Es lag wohl daran, dass Du den Motorradhelm hattest und somit als Hauptverdächtiger in Frage kamst.“ Das war in der Tat eine logische Schlussfolgerung von meinem jüngeren Bruder, ich hörte ihm gespannt zu, während wir unsere Runden im Hof drehten. Ich hoffte, dass der Hofgang nie enden würde.
„Als ich merkte, dass keine Menschenseele mir gefolgt war, musste ich mich erstmal beruhigen. Ich ging auf den Hinterhof eines Cafés und setzte mich auf die Bank. Alles, was ich in den Taschen hatte, warf ich in einen Mülleimer, den ich dort auffand. Als ich am Überlegen war, was ich als nächstes tun könnte, überraschte mich eine Angestellte des Cafés. Sie trug offensichtlich den Müll zu dem Müllcontainer. Sie war genauso erschrocken wie ich, als sie mich sah. Ruckartig stand ich auf und lief weg, ich hatte ein ungutes Gefühl und wollte nicht dort sitzen bleiben. Instinktiv entschied ich mich dazu, einfach zum Bahnhof zu gehen und die nächste S-Bahn zu unseren Eltern zu nehmen.

Ich war gerade auf halber Strecke, als Streifenpolizisten neben mir anhielten und wollten, dass ich stehen bleibe. Sie wollten, dass ich mich ausweise.
„Wie heißen Sie?“ wollte der Streifenpolizist wissen. „Ates“ antwortete ich, da er sowieso meinen Ausweis in der Hand hielt.
„Woher kommen Sie, nachts um diese Uhrzeit?“, mein Nachname schien dem Polizisten wohl nicht beeindruckt zu haben, noch wurde ich nicht verdächtigt.
„War bei einem Kumpel und fahr jetzt nach Hause, lauf grad zum Bahnhof“, seltsamerweise wirkte ich kein bisschen nervös, als ich die Beamten anlog.
„Alles sauber, er hat keine Eintragungen“, meinte der zweite Polizist, der im Streifenwagen wohl eine Abfrage nach meinen Personalien getätigt hatte, und gab seinem Kollegen das OK mich gehen zu lassen.
Ich war heilfroh und überwältigt von der Leichtsinnigkeit der Polizisten.
Als ich gerade gehen wollte, kam ein Funkspruch rein: „Ates, der Nachname ist Ates!“, brüllte einer aus dem Funkgerät.
„Halt! Stop!“, schrie der Polizist, der eben noch meinen Ausweis in der Hand hatte.
Ich versuchte erst gar nicht wegzurennen. Sie legten mir Handschellen an, brachten mich in das Revier, nahmen Fingerabdrücke und dann ab in die Arrestzelle. Später nahmen sie auch eine DNA-Probe von mir.“

Zuerst war ich sauer auf meinen Bruder: „Du Idiot, warum gibst Du denen deine DNA, das dürfen die nicht ohne richterlichen Beschluss. Bei mir wollten die das auch machen, hab gesagt die sollen mit Beschluss kommen und bis jetzt kam nichts!“
„Keine Ahnung man, als ob ich mich mit so etwas auskenne“, meinte er.
Doch langsam kamen die Gewissensbisse: „Voll Stier, ich hatte gar nichts dabei als die mich verhaftet hatten. Ich war überrascht, als die in meiner Jackentasche mein Semesterticket fanden. Dort stand auch mein voller Name drauf. Das muss wohl der Moment gewesen sein, als sie auf den Nachnamen gekommen sind und ihn per Funk weitergegeben haben.“

Mein jüngerer Bruder war Raucher und hatte es allem Anschein nach geschafft, eine Kippe zu besorgen. Diese zündete er nun an und überlegte kurz: „Haha krass oder, einfach wir haben die Deutsche Bahn gef*ckt und ausgerechnet dein Scheiß Semesterticket für Bus und Bahn hat’s mir gegeben. Wie heißt das Wort nochmal?“
Ich wusste gleich, was er meinte: „Karma.“
„Ja man, Karma.“

Wir redeten noch ein wenig, ich kann mich nicht mehr erinnern, worüber.
Doch eins weiß ich ganz sicher, als der Hofgang zu Ende war, waren unsere letzten Worte:
„Kein Geständnis, kein Passwort geben!“

Und ich brach unsere Abmachung. Ich verriet mein Passwort, und machte ein umfassendes Geständnis.
Doch nur, um meinen Bruder rauszukriegen.
Das Ganze ging aber nach hinten los.
Wenn ich eine Weisheit aus der Haft gezogen habe, dann folgende: Geständnisse, die lückenhaft sind, sind genauso wertlos, als legte man gar keines ab. Falls also jemand mal in die Lage kommen sollte: Haltet entweder euren Mund oder gesteht alles, wirklich alles, ohne das kleinste Detail zu vergessen oder zu verheimlichen, denn sonst schießt ihr euch nur selber ins Bein.

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