#8 – Tränen sind das Blut der Seele

Das Wochenende war endlich vorüber, es tat sich langsam etwas. Nachdem das Frühstück wieder pünktlich um 6:00 Uhr gebracht wurde, legte sich keiner von uns dreien wieder ins Bett.
„Endlich man, hab meine Zelle schon vermisst.“ Der Italiener strahlte vor Glück.
„Krass wie Du dich auf deine Zelle freust, man denkt schon, du wirst entlassen.“ Ich war verwundert und nach der Aussage ziemlich geschockt: „Bruder, was für Entlassung, ich hab noch 8 Jahre vor mir“.
Das war das erste Mal, dass ich konkret von einem Häftling erfuhr, wie lange er sitzen musste. Und dann auch noch fast ein ganzes Jahrzehnt.
„Ach Du Scheiße, was hast Du gemacht?“ fragte ich ihn, er schien sich mit seiner Strafe abgefunden zu haben und konnte meinem Gesichtsausdruck die Angst entnehmen, die Angst, dass mich das gleiche Schicksal treffen würde.
„Keine Angst man, ich hab schon viel Scheiße gebaut, 80 kg Gras, und vieles mehr. Deine wird nicht so hoch, du bist ein guter Junge, gehörst hier nicht rein. Bei Betrug kommst mit Bewährung raus.“ Ich war wieder erleichtert, ich klammerte mich fest an die Hoffnung, dass ich nach einigen Wochen auf Bewährung hier rausspazieren würde.
Wir packten alle unsere Sachen zusammen und eine halbe Stunde später kam bereits der Beamte, öffnete unsere Zellentür und forderte uns auf, unsere Sachen zu nehmen und im Flur zu warten.
Alles im Bettlacken eingewickelt, warf ich dieses über meine Schulter und gesellte mich zu der Menge an Häftlingen, die im Flur auf Anweisungen von Beamten warteten.
Alle würden jetzt in Stockwerke und Zellen aufgeteilt werden, und ich hoffte, dass ich eine Einzelzelle bekommen würde. Ich malte mir gerade aus, wie ich erneut in einer 4-Mann-Zelle untergebracht würde. Es war ein schlimmer Gedanke.
Der Beamte schloss währenddessen die restlichen Zellentüren auf und wir warteten bis auch der Letzte aus seiner Zelle kroch, einige waren immer noch am Schlafen gewesen.
Dann sah ich auf einmal erneut meinen Bruder, wir begrüßten uns kurz, als der Beamte dann mit einer Liste kam und schrie, wir sollten alle leise sein.
Mein Bruder und Ich hörten dem Beamten zu, als er einen Namen vorlas und dann unser Name dran kam: „Ates, in den Warteraum hier rechts.“
Mein Bruder und ich schauten einander erst einmal fragend an: „Welcher Ates?“ fragte ich den Beamten. „Wie, welcher Ates? Gibt es zwei?“
„Ja, mein Bruder und ich.“
„Ach Du Scheiße, ihr seid ja Mittäter. Ab mit Dir in die Zelle, sofort!“
Er packte mich und zog mich in einen Warteraum, in dem sich bereits einige Häftlinge befanden.
Meinen Bruder sah ich erst 9 Monate später wieder, ich weiß noch ganz genau, wie er an dem Tag im Flur aussah.  Aber ich weiß auch, wie er nach 9 Monaten aussah…sehr schlecht und kaputt.

Der Warteraum war voller Rauch, alle hatten eine Kippe im Mund und zündeten sofort wieder eine an, nachdem sie die vorige fertig geraucht hatten. Mir wurde schwindelig von dem ganzen Rauch, und alles ging so schnell plötzlich, dass mir das Kotzen kam. Zudem hatte ich mich das ganze Wochenende zurückgehalten nicht aufs WC zu gehen, mit Erfolg, doch ich spürte schon die Konsequenzen, die mein Körper daraus zog. Jetzt war mein Gedanke nur noch, dass ich in eine Einzelzelle mit einer eigenen, privaten Toilette kommen würde.
Doch der Warteraum hieß nicht umsonst Warteraum, ich wartete stundenlang, wirklich Stunden.
Wir waren ca. 20 Leute in einer mickrigen Zelle, und es wurden ca. im 10 Minuten Takt einer oder zwei von uns geholt. Ich war einer der letzten, denn meine Zelle befand sich im obersten Stockwerk. Wenn ich jetzt zurückdenke, kann ich mir die lange Wartezeit in dem Warteraum nur damit erklären, dass ein einziger Beamte die Häftlinge in ihre Stockwerke gebracht hatte und sich damit Zeit ließ und Häftlinge, die sich im selben Stockwerk befanden, hatte er gleich zusammen mitgenommen.
Da meine Zelle im obersten Stockwerk war, kam ich auch als einer der Letzten dran.

Als dann endlich der Beamte meinen Namen aufrief und ich meine Sachen nahm, verspürte ich irgendwie Freude, ich konnte mir nicht erklären weshalb, aber es schien wohl daran zu liegen, dass alles besser war als dieser Warteraum, in dem es nicht mal Fenster zum Durchlüften gab.

„Entschuldigung, bekomme ich eigentlich eine Einzelzelle?“ fragte ich den Beamten höflich.
„Das weiß ich doch nicht, wart ab, ich lass dich nur in deinem Stockwerk heraus.“
„Auf welches Stockwerk komme ich denn?“
„Stell keine Fragen, wirst schon gleich sehen… auf das oberste Stockwerk.“
Er befahl mir, in einen Aufzug zu steigen, welcher locker 20 Leute aufnehmen konnte. Während ich im Aufzug wartete und die Tür offen stand, begab er sich zu einer Art „Beamtenbüro“ wo sich zwei weitere Beamten befanden. Er tratschte glaube ich mit ihnen, sie lachten und redeten. Ein paar Minuten hatte ich gewartet, als er dann endlich kam.
Er schloss die Aufzugstür, nahm seinen Schlüsselbund mit gefühlt tausend Schüsseln und drehte an einer Art „Freigabeschloss“.
Es gab sieben Stockwerke, er hielt in jedem Stockwerk an und Häftlinge stiegen ein.
Alle hatten einen sogenannten Laufzettel. Auf diesem stand, woher jeder kam und wohin er gebracht werden musste. Der Beamte war, wie ich im Nachhinein erfuhr, lediglich für das Aufzugfahren zuständig. Er brachte die Häftlinge in die jeweiligen Stockwerke (wenn Sie zum Beispiel vom Arzt oder Sozialarbeiter kamen) und versicherte sich, dass der jeweilige Stockwerksbeamte den Häftling vom Aufzug entgegennahm.
Dementsprechend dauerte es ein wenig, bis ich endlich im 7. Stock ankam.
Er ließ mich ab und verschwand auch gleich wieder. Ich stand wie blöd da und wusste nicht wohin.
Eine Beamtin kam dann auf mich zu und fragte wie ich heiße. „Ates, kann ich bitte, bitte eine Einzelzelle haben?“.
„Du bist Nichtraucher, oder?“
„Ja, ich rauche nicht.“
„Sicher?“
„Ja, wirklich. Ich hab noch nie in meinem Leben geraucht.“
„Gut, dann komm mit.“
Sie brachte mich ganz weit nach hinten im Flur, zeigte mir die Zelle und rief den Reiniger, der mir Klopapier und Kopfkissen brachte.
„Das Programm für heute siehst Du hier.“ Sie zeigte auf einen Plan, der an der Zellentür angebracht war. Ich sah mir diesen kurz an.
„Da steht um 14:00 Uhr Abendessen?“
„Ja, Du bekommst das Abendessen mit dem Mittagessen zusammen. Und hast Pech gehabt, der Hofgang für heute ist schon vorbei.“
Etwas traurig war ich nach dieser Aussage schon, doch war ich froh darüber, dass ich endlich meine Privatsphäre hatte und auf das WC konnte.
Sie schloss die Tür zu. Ich richtete meine Sachen, schaute mir den Plan nochmals an. Duschen war nur 2 mal in der Woche angesagt, Hofgang war um 7 Uhr morgens und nach 14:00 Uhr ging nicht mehr die Tür auf, denn Mittagessen und Abendessen wurden gleichzeitig geliefert. Es gab keine Freizeitmöglichkeiten und arbeiten durfte ich auch nicht, da ich eine sogenannte Mittätertrennung hatte.
Ich legte mich hin und schaltete den Fernseher an. Als ich alle Kanäle durchgeschaut hatte, um zu sehen, ob es auch türkische gibt, was es in der Tat gab, wurde ich von der Zellentür gestört.
Sie ging auf, es war schon Mittagessenszeit. Ich bekam erneut irgendeine Schüssel mit irgendwelchen zusammengewürfelten Zutaten, und das Abendessen bestand aus Brot, Käse oder wahlweise Salami.
Bevor die Beamtin meine Tür schloss: „Ganz kurz bitte, darf ich mit meinem Bruder in eine Zelle? Wir haben uns schon im Hofgang gesehen und alles besprochen, es macht keinen Sinn mehr, uns zu trennen.“
„Ich kann da nichts machen, schreib einen Antrag an den Sozialdienst.“
„Antrag? Wie mach ich das?“
„Steh morgen früh auf, dann bekommst beim Frühstück Anträge, die einfach ausfüllen und dann am nächsten Morgen abgeben.“
„Geht klar, danke.“

Ich versuchte erneut das Essen herunterzukriegen und legte mich auf mein Bett. Ich wollte nicht mehr viel nachdenken, mein Gehirn schien kurz vor einer Explosion zu sein. Mein Wunsch war es nur, abzuschalten und irgendetwas im Fernsehen anzuschauen.
Ich war auf einem türkischen Kanal unterwegs und dann kamen meine Gefühle hoch. Es war ein Kanal bzw. ein TV-Programm, das wir mit der ganzen Familie regelmäßig angesehen hatten und ich musste daran denken, wie es wäre, wenn ich mit meiner Familie jetzt zu hause sitzen würde. Und auch daran, was sie wohl jetzt durchmachen müssen, beide Söhne im Knast. Eine Gedankenflut erwischte mich, hinzu war es bereits dunkel geworden, zu meinem Unglück sah ich vom Fenster aus nur den Innenhof und hörte Schreie von Häftlingen.
Ich saß aufrecht auf meinem Bett, sah mich um, ich war endlich allein, schaltete den Fernseher ab und tat das erste Mal das, was wohl alle Häftlinge tun, ich betete zu Gott.
Und dann fing es an, ich hatte eine Gefühlsexplosion, erst ein paar Tränen, dann ein Schluchzen und dann weinte ich los. Es war kein lautes Weinen, doch mein Gesicht war verzogen, Tränen flossen in Strömen, und meine Nase lief pausenlos.
Dieser Zustand dauerte eine Weile, bis ich mich dann in mein Bett legte und langsam weinend und schluchzend einschlief, mein Kissen besabbernd.

Das war das erste Mal, dass ich in der Haft geweint hatte.
Das war auch das letzte Mal, dass ich in der Haft geweint hatte.
Doch das Schlimmste war, als ich meine Mutter das erste Mal sah, wie sie weinte, als ich sie das zweite Mal sah, wie sie weinte, als ich sie das dritte, das vierte, das fünfte und auch das 30. Mal sah, wie sie weinte … Ich brauchte nicht mehr zu weinen, denn sie hatte genug Tränen für uns beide verschüttet, ich brauchte nur noch stark zu sein, ein richtiger Mann zu sein, ein ehrenvoller Mann zu sein, ein Mann, nein, ein Sohn zu sein, den meine Mutter verdient hatte, aufrichtig und ehrlich!
Wenn ich heute da stehe wo ich jetzt bin, wenn ich heute frei bin, dann ist es nur wegen meiner Familie, die mich über die ganze Haftzeit unterstützt und zu mir gestanden hat, mir Kraft verlieh und zeigte, dass sie mich liebt.
Auch wenn die Haft mich von meiner Familie für einige Jahre getrennt hatte, so hat sie uns auch näher gebracht.

Wenn meine Mutter das nächste Mal wegen mir weint, dann hoffe ich, dass es Freudentränen sein werden!

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