#9 – Verteidigerpost und mein erster Antrag

Die erste Nacht in meiner Einzelzelle verbrachte ich mit vielen Träumen, dementsprechend musste ich mir beim Aufwachen erst einmal darüber klar werden, wo ich bin und ob ich mich nicht in einem Traum befinde. Doch die Schlüsselgeräusche an meiner Türe klangen real. Die Beamtin begrüßte mich und fragte, ob ich etwas brauche. Schnell stand ich auf: „Ich wollte dem Sozialarbeiter etwas schreiben, einen Antrag oder so?“. Der Reiniger überreichte mir einen Stapel voller Papiere, darunter Anträge, Briefumschläge, Blanko-Blätter und einen Stift: „Einfach ausfüllen und morgen abgeben.“ Ich bedankte mich und fragte mich gleichzeitig noch, ob es sich bei dem Reiniger um einen normalen Häftling handelte, oder was ihn ausmachte.
Ich machte mich erst einmal frisch, schaltete einen Musiksender ein und überlegte mir Formulierungen zur Beschreibung meines Anliegens. Letztendlich kam etwa folgendes dabei heraus:
„Sehr geehrter Herr Sozialarbeiter,
mein Bruder und Ich haben Mittätertrennung, aber wir haben uns 60 Minuten lang im Hofgang gesehen und alles über unseren Fall beredet. Es gibt also keinen Grund mehr uns zu trennen, können Sie uns bitte zusammen in eine Zelle tun?
Mit freundlichen Grüßen
Ates“
Als ich die Blanko-Blätter und die Briefumschläge sah, entschloss ich mich, meinem Anwalt zu schreiben und ihn zu bitten, mich so schnell wie möglich zu besuchen:
„Sehr geehrter Herr Holz,
können Sie bitte baldmöglichst einen Besuchstermin vereinbaren und mir mitteilen, was der Stand der Dinge ist? Wann können mein Bruder und ich mit der Entlassung rechnen? Mein Bruder muss auf jeden Fall raus, er ist unschuldig, er war nur so dabei. Und können Sie meinen Eltern sagen, dass es mir sehr sehr Leid tut!? Ich habe sie sehr enttäuscht, ich bereue es zutiefst. Ich habe sowohl als Sohn als auch als älterer Bruder versagt. Sagen sie meinen Eltern, dass ich mich auf jeden Fall bessern werde und ich hoffe, dass sie mir verzeihen können! Sagen sie ihnen, dass ich sie über alles Liebe und dass es mir hier gut geht und es nicht so schlimm ist. Sie sollen sich keine Sorgen machen!
Bitte schauen sie erst mal, dass mein Bruder raus kommt, ich bin vorerst egal.
Mit freundlichen Grüßen
Ates“

Ich packte den Brief in den Umschlag, klebte ihn zu und dann fiel mir ein, dass ich die Adresse vom Anwalt gar nicht hatte. Ich überlegte eine Weile. Da ich wusste, wo sich sein Büro ungefähr befindet, entschloss ich mich dazu, eine kleine Beschreibung der Adresse beim Empfänger zu notieren und zu hoffen, dass der Brief ankommen würde.
Der Empfängerbereich sah ungefähr so aus:
„An: Rechtsanwalt Herr Holz
Straße weiß ich leider nicht
Neben dem Kaufhaus XYZ
In der Stadt Gornbach“

Beides gab ich am nächsten Tag ab. Eine Briefmarke hatte ich von der Beamtin bekommen, als ich ihr sagte, dass ich ja ganz neu bin und der Brief dringend weg muss.
Mein Anwalt besuchte mich 2 Monate später, der Brief war tatsächlich angekommen, nämlich zwei Tage vor seinem Besuch, es hatte also knapp 2 Monate gedauert, bis der Brief bei ihm ankam, aber auch nur, weil die Adresse nicht genau draufstand. Ich war dennoch verblüfft, dass es geklappt hatte.

Die Tage vergingen sehr langwierig und langweilig, morgens Hofgang (ich lief alleine rum und redete mit niemandem) und dann Fernsehen, bis das Mittagessen oder Abendessen kam, und dann wieder den ganzen Tag Fernsehen und/oder Briefe schreiben, die ich aber nicht abschicken würde.
Es war Donnerstag, also noch keine Woche Haft, als dann der Beamte morgens mir mitteilte, dass ich verlegt werde.
„Verlegt? Wie verlegt? Wohin?“, fragte ich erschrocken.
„Du wirst in die JVA in XYZ verlegt.“, antwortete er und war schon grad dabei, die Türe zu schließen.
„Warten Sie, aber warum? Ich bin doch gerade eben erst angekommen? Ich will hier nicht weg, ist es dort schlimmer als hier?“. Ich bombardierte ihn mit Fragen über Fragen.
„Haha, ob XYZ schlimmer ist als hier? Glaub mir, du bist hier schon im schlimmsten Gefängnis in unserem Bundesland, sei froh, dass Du hier weggehst.“ Er schloss die Tür zu.
Ich war gerade dabei, mich an die Anstalt zu gewöhnen, und außerdem war mein Bruder doch hier, kam er vielleicht mit mir mit?
Ein paar Stunden später kam ein Mann rein, es war der Sozialarbeiter. Er wollte, dass ich ihm in sein Büro folge.
„Setzen Sie sich hin. Also, Sie haben mir einen Antrag geschrieben. Die Sache ist, dass wir als JVA nicht in der Lage sind, eine Mittätertrennung zu gewährleisten. Wenn Sie zum Arzt gehen, dann könnte es sein, dass zufällig ihr Bruder auch dorthin geht und Sie sich sehen, obwohl Sie das nicht dürfen. Genauso wie beim Hofgang, das war ein großer Fehler, deswegen müssen wir Sie verlegen.“
„Mein Bruder kommt nicht mit?“
„Nein, gerade deswegen werden Sie verlegt. Aber glauben Sie mir, dort ist es besser als hier.“
„Kann dann nicht mein Bruder dorthin und ich bleibe hier?“
„Das geht leider nicht, er ist noch Jugendlicher, die Haftanstalt in XYZ ist nur für Heranwachsende und Erwachsene, er ist noch zu jung, sonst hätte ich ihn auch lieber dorthin geschickt als Sie.“
Ich war froh und enttäuscht zu gleich, einerseits, weil es dort anscheinend besser sein sollte, und anderseits war ich traurig, dass mein Bruder nicht dorthin durfte.
„Packen Sie dann heute Abend ihre ganzen Sachen.“
„Heute Abend? Wann werde ich denn verlegt?“
„Morgen früh, allerdings kommen Sie heute Abend in die Transportzelle.“
„Was? Muss ich schon wieder in eine 4-Mann-Zelle?“
„Ja, so läuft das nun mal hier, machen Sie sich keine Sorgen, ist doch nur eine Nacht.“

Abends brachten sie mich dann wieder runter zu den Transportzellen, seltsamerweise in genau dieselbe Zelle, in der ich mich die Woche zuvor befand.
Ich fragte mich, was für Leute ich jetzt in der Zelle haben würde, ich ging hinein und sah mich um:
Niemand war da! Aber auch kein Fernseher, die Nacht war lang, sehr lang.

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