#10 – Die besten Sitze im Transportbus

Direkt nach dem Frühstück holte mich ein Beamter ab und brachte mich in den stinkenden Warteraum, der schon wieder mit Häftlingen gefüllt war, die nur am Qualmen waren.
„Kann ich nicht in meiner Zelle warten? Ich halte das mit dem Rauch nicht aus“,  bat ich den Beamten höflich.
„Ach, Sie sind Nichtraucher? Dann kommen Sie in einen anderen Warteraum.“
Ich war überglücklich, doch die Glücksgefühle legten sich schnell, als ich in einen kleinen Warteraum gesteckt wurde, in der sich keine Menschenseele befand und ich ganz genau wusste, dass ich sicherlich einige Stunden hier alleine verbringen musste. Für etwas Gesellschaft im Gegenzug zu Zigarettenrauch hätte ich jetzt nichts einzuwenden gehabt.
Auch wenn anfangs das Zeitgefühl ziemlich schlecht war und mir Minuten wie Stunden vorkamen (später war das Zeitgefühl nahezu perfekt), kann ich mich gut daran erinnern, dass ich bis zum Mittagessen um 12 Uhr warten musste, also ganze 5 Stunden.
Letztendlich wurde ich in einen Transportbus gebracht. Dieser war genau so groß wie ein normaler Bus, nur gab es keine Fenster, zumindest erkannte man die kleinen „Durchguck“-Scheiben so gut wie gar nicht.
Als ich einstieg musste ich bis nach hinten durchlaufen. Der Flur bzw. Durchgang war ziemlich schmal, denn die Kabinen nahmen viel Platz ein. Es waren geschätzt 8 Kabinen im Bus, ich musste in die hinterste, „längliche“ Kabine.
Ich setzte mich ganz nach rechts, und drei weitere Häftlinge kamen rein. Alle drei schienen normal zu sein, zumindest sahen sie so aus. Wir redeten eine Weile nicht, bis der Bus losfuhr und ich mich beschwerte: „Ist schon ziemlich eng hier. Können wir eigentlich nicht in eine andere Kabine?“
Die Jungs lachten: „Man, das sind die besten Sitze hier. Die anderen sitzen zu viert in einer kleinen Kabine, die Knie von denen treffen sich, die haben gar kein Platz um sich zu bewegen. Wir haben wenigstens ein wenig Beinfreiheit hier.“
„Weshalb sitzt ihr?“, so fing meistens ein Kennenlernen unter Häftlingen an. Die drei waren wegen BtM drin, dementsprechend fanden sie meinen Fall interessant und es gab erst einmal genug Gesprächsstoff bis zum nächsten Halt.
„An wie vielen JVAs halten wir denn überhaupt?“, fragte ich die Jungs, die anscheinend schon genug Erfahrung mit Transportfahrten hatten.
„3-4 JVAs, aber die lassen die Leute immer nur kurz ab und holen neue rein. Wenn überhaupt sind wir maximal 30 Minuten am Warten.“
Diese ständige Warterei ging mir jetzt schon auf die Nerven, doch mit der Zeit übte ich mich in Geduld, denn ich erkannte, dass es mir nichts brachte, wenn alles schnell vonstatten lief, da ich so oder so meine Zeit absitzen musste.
„Geht ihr alle in die JVA Hall?“ fragte der Russe, der aussah, als bräuchte er langsam mal wieder Stoff.
Alle bejahten, und ich schoss gleich mit der für mich wichtigsten Frage umher: „Wie ist es eigentlich dort? Stimmt es, dass es besser sein soll als Stammheim?“
Der Deutsche unter den dreien fing an, über die JVA Hall zu erzählen, seine Worte hörten sich an wie eine Werbekampagne: „Hall ist mega gut, die haben einen Teich mitten im Hof. Das Essen schmeckt zwar nicht super, aber tausend Mal besser als in Stammheim. Die Gebäude sind neu und schön weiß und angenehm, nicht so dunkel und abgekommen wie Stammheim. Die Beamten sind auch ganz ok. Und Du hast voll viele Freizeitmöglichkeiten. Das Beste ist, Du hast jeden Tag Freizeit, drei Stunden lang! Und an Wochenenden halt Umschluss.“
Seine Augen strahlten als er mir davon berichtete, und ich hörte ihm gespannt zu.
Nach 5 Stunden Fahrt kamen wir endlich in Hall an und als ich ausstieg traute ich meinen Augen nicht: Die hatten echt einen Teich, und da schwammen Enten drauf.

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