#66 – Aus der Asche des Phoenix

Leider hatte ich in dieser Nacht nicht gut geschlafen. Zum einen befand ich mich in einer völlig neuen Umgebung und hatte mich noch nicht an das Zimmer gewöhnt, andererseits hatte Bernd die ganze Nacht hindurch geschnarcht und musste bereits um halb sechs aufstehen, da er im Stall arbeitete und früh auf der Matte stehen musste. Zudem hatte ich ständig die aufregenden Gedanken, was mich heute erwarten würde. Wenigstens konnte ich durch die Abwesenheit von Bernd in Ruhe mein Morgenritual vollziehen – auch, wenn die Tür die ganze Zeit offen war und sich von innen nicht abschließen ließ. Die Toilette war wieder in einer kleinen Kabine, die allerdings mit einer hauchdünnen Trennwand getrennt war, so dass sämtliche Gerüche und Geräusche locker in das Zimmer gelangen konnten. Etwas unangenehm war es schon, abermals die Arbeiterklamotten für Häftlinge zu tragen. Da durfte ich endlich mal wieder mehr Privatklamotten besitzen, und war doch gezwungen, den Tag in der Häftlingsgarderobe zu verbringen. Dies lag wohl daran, dass im Falle einer Flucht die Identifizierung des Flüchtigen in einer einheitlichen Tracht schneller vonstatten geht.

Im Flur kam mir dann der angenehme Geruch von frischem, warmem Kaffee entgegen und erweckte in mir eine starke Lust darauf. Leider hatte ich weder einen Wasserkocher, noch löslichen Kaffee bei mir. Beides hatte ich meinen Häftlingskollegen in der geschlossenen Anstalt hinterlassen. Das Trio – bestehend aus Tarik, Luigi und Hassan – hatte sich wohl in einem der vielzähligen Zimmer des Bauernhauses, aus dem der wohlige Geruch zu mir zog, zum Kaffee versammelt. Zumindest konnte ich drei Stimmen aus dem Zimmer von Tarik ausmachen. Gerade, als ich mich zum Aufenthaltsraum in das untere Stockwerk begeben wollte, kam Tarik aus seinem Zimmer geschossen. Die Müdigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben, jedoch wusste er diese mit gestylter Haarpracht, einem in Form geschnittenen Bart und einer Wolke aus frischem Creme-Geruch gekonnt zu kompensieren: „Ah Emre, ich wollte gerade zu Dir. Hab‘ Wasser gekocht, hol deine Tasse und komm dann zu uns.“ Ich war extrem überrascht ob dieser Willkommensgeste. Gerade Tarik hätte ich das in der Form nicht zugetraut. Voller Vorfreude auf den Kaffee sprang ich in mein Zimmer, griff nach der roten Kaffeetasse, welche mir Kartal geschenkt hatte, und begab mich zu den Jungs. Für einen kurzen Moment schweiften meine Gedanken zu Kartal. Als ich ihn kennengelernt hatte, stand er unter „Besonderen Sicherheitsmaßnahmen“, weswegen ich lange Zeit sein einziger sozialer Kontakt war. Dementsprechend waren wir einander auch enger verbunden gewesen. Es war ein Paradoxon, dass er, so wie viele andere Häftlinge, so nett und freundlich war und man sie alle im Alltag wohl als sympathische Persönlichkeiten eingeschätzt hätte – doch im Endeffekt waren wir alle einmal kriminell gewesen bzw. viele sind es sicherlich noch immer. Mir gefiel der Gedanke, dass die „kriminelle Energie“ nur einen Teil des Menschen ausmachte, quasi eine Macke darstellte und keineswegs den Menschen insgesamt ausmachte. Zumindest erleichterte mich dieser Gedanke in der Hoffnung, dass mich die Gesellschaft künftig trotz meiner „Macke“ akzeptieren würde. Mir wurde bewusst, dass ich gar nicht mehr auf dem letzten Stand war, was die Verurteilung und Revision von Kartal betrafen. Es stimmte wohl wirklich: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Die Tasse erinnerte mich zwar kurz an Kartal, doch das war es dann auch wieder.

Ich genoss den Kaffee mit den Jungs. Bis auf Luigi war der Rest am frühen Morgen noch nicht sehr redselig. Um acht Uhr würde uns Herr Kuhn zur Arbeit abholen. Luigi redete von deutschen Rappern, von „Haftbefehl“, aber auch von einem „Xatar“, der wohl wegen eines Goldraubs aktuell ebenfalls in Haft saß. Aber er war auch fasziniert von einem „Shindy“, der wohl die Szene, so sein O-Ton, „rasierte“. Von all diesen Künstlern hatte ich zuvor nichts gehört, denn bisher war für mich Deutsch-Rap eher etwas, worin Mütter, Schwestern, einfach Frauen im Allgemeinen beleidigt wurden. Damit konnte ich nichts anfangen. Luigi redete derart viel von der Rap-Szene, dass ich zu dem Schluss kam, dass er selber als Rapper groß rauskommen wollte. Das Image eines Rappers verkörperte er in meinen Augen durchaus, ich war gespannt, wie es wohl um sein künstlerisches Talent stand. Mir gefiel sein Schwärmen, denn auch ich war stets ein Träumer gewesen und verfolgte gerne große und unerreichbar scheinende Ziele. Ich war stets der Meinung, dass man seine Träume verfolgen sollte, bis einen die Realität einholt und wieder zurück auf den Teppich bringt. Von Tarik und Hassan hatte ich noch keine weiteren Informationen, doch würde uns noch genug Zeit bleiben, um einander besser kennenzulernen.

Meinen Kaffee hatte ich genüsslich hinunter geschlürft und freute mich bei jedem Schluck auf den ersten richtig guten Kaffee, den ich mir in Freiheit gönnen würde. Wenn mir dieser lösliche Kaffee schon schmeckte, wie würde dann ein frisch gemahlener Kaffee mit feiner Crema schmecken? Es waren eben die kleinen Dinge, die einen glücklich machten. Das war ein positiver Nebeneffekt der Inhaftierung. Man – zumindest ging es mir so – begann, die kleinen Dinge im Leben wert zu schätzen. Herr Kuhn riss die Zimmertür auf und grüßte mit einem so lauten „Guten Morgen“, dass sogar der Schläfrigste unter uns davon hellwach wurde. Wir folgten Herrn Kuhn nach unten vor die Eingangstür, gingen schnell in die Umkleidekabine nebenan, um unsere Arbeitsschuhe anzuziehen, als mir wieder dieser widerliche Geruch in die Nase stieg: „Was ist das für ein scheiß Geruch?“, fragte ich in die Runde und verzog dabei angeekelt mein Gesicht. Hassan lachte: „Haha, was glaubst Du denn? Das ist von den Stallarbeitern. Deren Klamotten riechen so krank nach Scheiße. Du kannst echt von Glück reden, dass Du nicht im Stall arbeiten muss. Niemals würde ich dort arbeiten wollen.“ Die anderen beiden bestätigten dies nickend. Ich hätte niemals gedacht, dass Klamotten so extrem stinken können, auch wenn man im Stall arbeitete. Wie musste es dann erst im Stall stinken? Zu allem Überfluss teilte mir Luigi noch mit, dass die Arbeiter selbst ebenfalls total streng rochen und sich einige zwar dann zwei Mal am Tag nach jeder Schicht (morgens und abends je zwei Stunden) duschten, jedoch längst nicht alle sich die Mühe machten, dabei hygienische Sorgfalt walten zu lassen und er das ganz schön zum Kotzen finde. Ich wusste zwar noch nicht, welche Arbeit mich erwartete, aber es schien allemal besser zu sein, als die Arbeit im Stall.

Herr Kuhn öffnete uns die Tür und ein Mann in „Arbeiterklamotten“ stand vor uns. Er war wohl auch Beamter, jedoch hauptsächlich auf dem Bauernhof tätig und ging keiner typischen Vollzugsbeamten-Tätigkeit nach. Ich war positiv überrascht, als er mich persönlich mit einem Handschlag begrüßte, sich als „Herr Steinhauer“ vorstellte und mich willkommen hieß. Mir gefiel es jetzt schon so gut, ich dachte, es könnte nicht besser werden. Doch dann teilte uns Herr Steinhauer mit, dass er mit dem Traktor aufs Land müsse und wir doch bitte „hoch“ zum Holzhacken sollen. Ich war verwirrt, während die Jungs sich schon schnurstracks, ganz alleine, ohne Aufsicht, ohne Beamten auf den Weg machten. Ich folgte ihnen mit zögernden Schritten, blieb jedoch ab und an stehen und fragte mich, ob das ein Trick ist. „Jungs, wartet mal, wartet mal.“ Die drei waren in ein Gespräch verwickelt und standen kurz vor einem Hügel und wollten diesen gerade hochlaufen, als ich total nervös stehen blieb und sie mich erwartungsvoll anblickten: „Äh, ähm, also, wir gehen jetzt einfach hoch, so ganz alleine?“ Die drei lachten und Luigi antwortete sofort: „Was denkst Du, wo Du hier bist, man? Wir gehen nur hoch zum Holz hacken. Komm mal runter.“ Auf dieses Wortspiel folgten noch etliche Witze über mich, wobei sie sich köstlich zu amüsieren schienen. Mich überwältigte die Situation jedoch sehr, mein Herz hatte schon lange nicht so wild gepocht, das Ganze kam völlig unerwartet, ich war total überfordert. Weiterhin langsamen Schrittes folgte ich den Jungs, als ein frischer Wind wehte, und sich rechts und links von uns Kühe befanden, die friedlich ihr Gras von den Feldern rupften. Der Sonne Strahlen begannen mein Gesicht zu erwärmen, während ich den weichen, moosigen Boden unter mir spürte. Dieses Gefühl war so unbeschreiblich, dass mich eine Gänsehaut überkam. Die Wärme der Sonne glitt von meiner Haut direkt in mein Herz, in meinem Magen kribbelte es und ich war kurz davor, eine Freudenträne zu verlieren. War dies das Gefühl von Freiheit? Hatte man mir wirklich die Ketten abgenommen und erlaubt, hier eigenständig hochzugehen, da…draußen? In der einen Minute war mein Kopf voller Fragen, voller Sorgen, ein reines Chaos, als würde er gleich explodieren. In der nächsten fühlte es sich so an, als wären all meine Gedanken implodiert und mein Kopf war plötzlich leer. Ich spürte nur noch die Freiheit und genoss den wohl wunderschönsten Augenblick meines Lebens, die wundervolle Aussicht. Ich fühlte mich wie neugeboren – wie ein Phoenix, welcher aus seiner Asche neu auferstanden war.

Während ich all das durchmachte, liefen die drei Jungs unbeeindruckt weiter den Hügel hoch, sie hatten sich wohl schon an die Lage gewöhnt, oder sie nie als so intensiv empfunden. Ich rief den dreien zu: „Jungs, wartet auf mich!“ Ich grinste, während ich ihnen hinterherrannte. Es fühlte sich an, als würde ich in die Arme meiner Mutter laufen. Ja, irgendwie fühlte sich die Freiheit wie eine Mutter an, die ihren Sohn voller Liebe in ihre Arme schloss.

Doch wie jede Mutter musste die Freiheit mich noch erziehen und mir zeigen, dass ich eben nicht all das machen kann, was ich möchte. Dass das Leben einem Grenzen setzt, Grenzen, die man nicht überschreiten sollte oder nicht überschreiten kann.

6 Gedanken zu „#66 – Aus der Asche des Phoenix“

  1. Endlich ein neuer Beitrag, hab gefühlte hundert Mal reingeschaut! Ich kenne den Stallgeruch, hab da selbst mehrere Male gearbeitet. Man gewöhnt sich schnell daran.
    Die Klamotten riechen schlimmer als der Stall selbst.

    Klingt nach nem schönen Leben im halboffenen Vollzug. Kaffee, schöne Tätigkeiten wie Holz hacken, Stallarbeit….kein Stress mit einkaufen und dem ganzen Kram, mit dem man sich draußen rumplagt.
    Würde ich glatt gegen mein jetziges Leben tauschen.
    Warst du im Urlaub? Dein Schreibstil hat sich nochmal verbessert.

    Liebe Grüße aus Pirna! Lass uns nicht wieder so lange warten!

  2. Ich musste selbst mal eine Strafe absitzen, nur nicht solange wie du, und habe in der Haft kaum was vermisst.

    Das Leben war einfach, die Arbeit gut. Das Essen war erträglich und wir hatten Zugang zu Büchern. Ich kam innerlich zur Ruhe. Man kann sagen, dass mir die Haft gefallen hat und ich der Entlassung nicht gerade entgegenfieberte.

    So eine Art Reiniger – Posten hatte ich auch inne, wodurch der Einschluss vermieden wurde. Ich vermisse diese einfache und sorgenfreie Zeit oft. Lediglich meine immense Freude an Wanderungen und Spaziergängen mit dem Hund verhindern, dass ich mich wieder inhaftierten lasse. Klingt sehr paradox, doch mir gefällt es in der Haft.

    Ich lese seit vielen Monaten dein Tagebuch. Ist wirklich schade, dass es sich anscheinend dem Ende nähert. Sollte ich nochmal eine Strafe antreten müssen, werde ich deinem Beispiel folgen und ebenfalls eins schreiben.

    Liebe Grüße aus Pirna!

  3. Deine Geschichte hat Bestseller-Qualität! Hab schon gelesen, dass du es als Buch veröffentlichst, ich kanns kaum erwarten mir das zu holen. Deine Geschichte fasziniert mich extrem. Ich würd mal behaupten, dass manche Menschen erst interessant werden, wenn sie mal ins schiefe Licht geraten.

    Kennst du zufällig den Youtuber KnastVlog? Der sitzt wegen mehrfachen Bankraubes und macht sowas ähnliches, berichtet vom Knastalltag und den Missständen und erzählt, wie er kriminell geworden ist , aber in Vlogs auf Youtube.

    Lg, Phillip

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