#78 – Enkidu

Es war ein herkömmlicher Tag gewesen bis zu diesem schicksalsverändernden Moment. Ich war wieder müde von der schweren Maske, die ich aufhatte. Ich war wieder bei meiner Familie. Die Sonne war gerade untergegangen. Meine Eltern waren beschäftigt mit ihrem Alltag. Bei meinem Vater hieß das: Arbeiten außerhalb der Arbeitszeit. Meine Mutter hatte ihre Aufgaben als Hausfrau für den Tag erledigt und schaute sich türkische Serien an, in ihrer Hand Stricknadeln, in ihrem Schoß das Garn. Sie nähte eine Jacke für ihr erstes Enkelkind, welches auf dem Weg war. Meine kleine Schwester war versunken in ihrer eigenen Welt, welche aus Instagram und YouTube Videos bestand. Nicht, dass sie faul war, ganz im Gegenteil. Sie war zielstrebiger als ich. Ich lag nämlich lethargisch im Bett, mit halboffener Tür, welche zum Wohnzimmer zeigte, und ruhte mich aus vom kräftezehrenden Nichtstun. Wenn man konstantes, tiefes Denken Nichtstun nennen darf. Ich hatte es nicht im Griff. Ich hatte es nie im Griff. 

Ich wollte mich ablenken und dieser mir unerträglichen Stimmung zu Hause entkommen. Ich überlegte, was ich tun könnte. Alleine wollte ich nicht raus. Nicht heute. Ich rief also alte Freunde an. Da war einmal Adnan, welcher sich wie immer freundlich, aber gleichzeitig auch irgendwie verbraucht anhörte. „Hey, was geht ab? … Bock rauszugehen? … Wie immer, man …. Rumfahren, und einen Kaffee bei McDonalds …. Alles klar“. Auch der andere freute sich über meinem Anruf. Auch er wollte der schweren Luft zuhause entkommen. Also holte ich beide ab und wir fuhren zum McDonalds. An die Gespräche bis zu unserer Ankunft kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber es war sowieso immer das Gleiche: Wie geht’s? Gut! Wie läuft das Studium, wie läuft Arbeit? Geht so, stressig. Wie läuft‘s zuhause? Beschissen. 

Etwas war jedoch anders. Die Luft heute war leicht geladen. Ich hatte mit Gedanken gespielt, die Monaten davor. Mit gefährlichen Gedanken. Gedanken, welche ich sogar vor mir selbst verheimlichte. Gedanken, welche mein Fundament erschüttern sollten. Gedanken, die mir den Schlaf raubten und mich peinigten. Ich konnte sie nicht mehr abschütteln und sie waren mittlerweile omnipräsent. Ich war neben mir und geistig distanziert, während des gesamten Treffens. 

Doch dann stellte Adnan eine Frage. Für ihn eine harmlose Frage, mich aber holte sie sofort aus meinen Gedanken. „Wie sieht‘s aus, Jungs? Geht ihr eigentlich noch zur Moschee und so?“ Ich zog tief an meiner Zigarette in der rechten Hand. Sie zitterte. In der linken hielt ich eine Serviette, welche ich sorgfältig gefaltet hatte und nun zwischen meinen Fingern drehte. Sollte ich mein tiefstes Geheimnis preisgeben? Ich war misstrauisch. Ich war der Meinung: Wenn selbst ich mein Geheimnis nicht für mich behalten kann, wie sollten es andere geheim halten? Eine Last lag auf meinen Schultern, da hätte selbst Atlas mitleidig geschaut. Mein Geist jedoch gab keine Ruhe. Es stand zu viel auf dem Spiel. Sie würden mich mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgrenzen. Sie würden ihr Mundwerk nicht halten können. Es würde nach außen dringen. Ich könnte meinen kompletten sozialen Kreis verlieren, meinen Eltern, nach allem, was ich getan hatte, und es würde mir die letzte Lebensfreude nehmen. Mein Bekanntenkreis war voller Leute, die unberechenbar waren, was dieses Thema anging. Im schlimmsten Fall müsste ich mit meinem Leben bezahlen für diese Entscheidung. 

Doch mein Geist wollte die Last weiter anheben. Ich sank weiter in meinen Stuhl. Mein Körper gab nach. „Jungs … ganz ehrlich“, platzte es aus mir heraus. Es war so, als wäre es nicht ich, der sprach. Ich hörte meine eigene Stimme, meine Lippen bewegten sich. Aber was ich sagte, durfte ich nicht sagen. „Ich hab abgeschlossen … Ich glaub nicht mehr an das Ganze. Dieses ganze Zeug mit dem Glauben und der Religion … ich glaube nicht mehr daran.“ Für den durchschnittlichen Bürger in Deutschland mag das eine banale Aussage sein. Vor allem für Deutsche. Doch Adnan und der andere Freund blickten mich an, als hätten sie einen Geist gesehen. Noch nie hatten sie so etwas in ihrem eigenen Kreis gehört. Erst Recht nicht von jemanden, mit dem sie ihre komplette Jugend im muslimischen Internat verbracht hatten. Ungläubig blickten sie mich, den Ungläubigen, an. Vor allem Adnan. Er konnte es einfach nicht begreifen. Er suchte lange in meinen Augen. Er versuchte, ein Anzeichen für einen Spaß zu finden. Ein Lächeln, das ich mir nicht verkneifen konnte. Ein Zucken, irgendetwas. Doch auch er wusste eigentlich genau, dass man über das, was ich eben von mir gegeben hatte, nicht zu spaßen hatte. Ich blickte ihn mit gesenktem Kopf an und zog nervös an meiner Zigarette. Er sank ebenfalls zurück in seinen Stuhl und blickte leer auf den Tisch. Um uns herum aßen und sprachen die Menschen. Wir waren wie in einer Kapsel im Meer. Ich konnte die Jungs atmen hören. 

Ich zog erneut an meiner Zigarette. Diesmal blickte ich meinen anderen Freund an. Er hatte die ganze Zeit nicht die Augen von mir gelassen. Ich konnte förmlich hören, wie sein Gehirn ratterte, als er mich mit seinen Blicken fixierte. Auch er war sprachlos. So starrten wir uns sprachlos an. Er war der erste, welcher die Stille brach. Schließlich presste er seine Lippen aufeinander und verzog sie zu einem schiefen Lächeln: „Ja man…“ presste er heraus. Er wirkte verwirrt und zugleich erlöst. Sein Lächeln wurde breiter, bis man seine Zähne sah. „Du hast recht“, sagte er, doch diesmal war seine Stimme klar und deutlich. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte mir schon ausgemalt, wie mein bisheriges Leben zusammenbrach, weil ich meinen Mund nicht hatte halten können.

Doch es kam anders. Wie so oft in meinem Leben. Ein Geheimnis, von dem ich dachte, dass ich es in mein Grab nehmen müsste … ich teilte es mit der Überzeugung, schwere Konsequenzen davon tragen zu müssen. Ein Geheimnis, von dem ich überzeugt war, dass nur ich es besitze, und mich niemand in meinem Umfeld jemals verstehen würde. Die letzten Monate zuvor waren Monate völliger Einsamkeit gewesen. Doch plötzlich rutschte mir diese Wahrheit heraus. Meine ganz persönliche Wahrheit. Und statt meine Welt in Flammen zu setzen, zündete diese Wahrheit eine Kerze an. Der Name des anderen Freundes lautete: Emre Ates .

Ich heiße Enkidu. 

2 Gedanken zu „#78 – Enkidu“

  1. Danke für deine Geschichte! Hat mich mitunter sehr berührt, bewegt, aber ich habe sie durchweg gerne und gespannt verfolgt. Schade, dass es nun schon aufhört, einige offene Fragen hätte ich noch; was ist aus deinem Bruder geworden, hat er den rechten Weg gefunden? Hast du dein Studium erfolgreich abschließen können? Vielleicht setzt du deinen Bericht ja eines Tages fort. Habe die Kapitel in jedem Falle immer gerne gelesen.

    1. Gerne! Danke für das Lesen meiner Geschichte!

      Mein Bruder hat zwar nichts Illegales mehr gemacht. Ist aber leider gerade etwas ziellos unterwegs. Hat keine Ausbildung, lebt in den Tag hinein und übernimmt null Verantwortung. Er kostet meinen Eltern aktuell sehr viel Kraft und Nerven. Wir wissen leider nicht, wie wir das mit ihm angehen sollen. Aktuell lassen wir ihn in Ruhe, in der Hoffnung, dass er bald selbst zu Erkenntnis kommt, dass es mit seinem Leben so nicht weiter gehen kann.

      Mein Studium habe ich erfolgreich abgeschlossen. Für weiteres siehe meine Antwort an s4lt und z200.

      Danke dir nochmals! ☺️

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