„Wie geht’s meinem Bruder?“

Obwohl wir nun schon eine Weile im Bau saßen, war ich immer noch besorgt um ihn. „Deinem Bruder geht es schlecht, Emre. Du kommst  frisch geduscht und mit einem Grinsen in den Besucherraum, dir scheint es hier ja gut zu gehen. Dein jüngerer Bruder stinkt nach Zigaretten, seine Haare sind jedes Mal völlig zerzaust, er tauscht fast kein Wort mit uns aus.“ Mein Vater redete mir ein schlechtes Gewissen ein. Mir ging es doch auch nicht wirklich gut, aber ich versuchte, vor meinen Eltern den starken Sohn zu spielen, zu zeigen, dass wir gemeinsam diese harte Zeit überstehen werden. Stammheim war ein ganzes Stück härter als die JVA in Schwäbisch Hall, das musste ich zugeben, aber er war doch im Jugendbau, da müsste es doch irgendwelche Vorteile geben? Meine Mutter sah meinen Vater böse an: „Emre, Du kennst deinen jüngeren Bruder, er wird das schon durchstehen, wir kümmern uns um ihn. So, wie wir uns um Dich kümmern und Sorgen machen. Ich hoffe, Dir geht es den Umständen entsprechend gut?“ Meine Mutter sorgte sich immer um ihre Kinder, sah nur das Gute in uns. „Mama, mir geht es gut, ganz ehrlich. Ich bin auch Reiniger geworden, das ist richtig cool. Meine Tür ist von 5:30 Uhr bis 21:30 Uhr offen, ich muss nur ein bisschen putzen und Essen verteilen.“ Meine Eltern sahen mich so an, als würde ich ein Lügenmärchen erzählen.

Sie waren es gewohnt, dass ich log. Ich log wegen Kleinigkeiten, wegen größerer Angelegenheiten, log, um Probleme zu vertuschen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen, um zu kriegen was ich wollte, ich log, um meine Lügen zu vertuschen. Es brauchte Zeit, bis meine Eltern mir wieder vertrauen konnten, bis ich meine Aussagen nicht mehr beweisen musste.

„Mama, Du denkst, dein Sohn hier ist ein guter Junge? Dann täuschst Du Dich, er hat zwei Gesichter. Er zeigt Dir immer nur sein Engelsgesicht, aber sein teuflisches Gesicht hast Du noch nicht gesehen.“ Mein Bruder versuchte, mich bei meiner Mutter immer schlecht darzustellen. Auch mein Vater bezeichnete mich als Teufel, der sich als Engel maskiert hatte. Irgendwann fragte ich mich, ob ich wirklich zwei Gesichter hatte, ob ich nur so tat, als wäre ich ein guter Sohn. Ich hinterfragte praktisch meine Identität. Mein Bruder kannte alle meine Geheimnisse, er kannte mich besser als jeder andere Mensch auf der Welt, hatte er also Recht mit den zwei Gesichtern? Konnte er das am besten beurteilen? Er teilte von Zeit zu Zeit meine Geheimnisse meinen Eltern mit, zeigte ihnen, dass ich kein offenes Buch, sondern ein guter Lügner war.

Wenn ich meinen Bruder heute so ansehe, dann sehe ich mein eigenes Spiegelbild von vor einigen Jahren. Ich hasse den Emre von vor einigen Jahren, ich hasse meinen Bruder. Doch damals in der Haft habe ich Ihn geliebt, er war die wichtigste Person in meinem Leben. Nicht nur, weil ich die Verantwortung als älterer Bruder spürte, sondern weil er mein bester Freund und mein bester Feind zugleich war und wir dasselbe Schicksal teilten. Doch das ist nun ganz anders.

„Die Haftbeschwerde deines Bruders wurde abgelehnt.“ Das waren die knallharten Worte meines Vaters, die das Adrenalin in mir fließen ließen. „Aber…warum?“ wollte ich wissen, während mir tausende Gedanken durch den Kopf schossen. Mein Vater sah den Beamten, der uns optisch und akustisch überwachte, an, so als ob er mir gleich ein Geheimnis verraten würde: „Die Bundespolizei ist auf neue Erkenntnisse gestoßen. Sie reden etwas von einem dritten Mittäter.“

Konnte das wirklich sein? Hatten sie ihn nun echt erwischt? „Was für ein dritter Mittäter?“ Ich hoffte, dass sie mir jetzt keinen Namen nennen konnten. „Sag Du es uns, Emre. Irgendeiner, den Du in Schutz nimmst, weswegen nun dein Bruder büßen muss?“ Ich konnte es ihnen einfach nicht sagen, ich konnte nicht sagen, dass tatsächlich ein Dritter im Bunde war. Offensichtlich hatte die Polizei noch keine Ahnung, wer der dritte Mittäter war, sonst hätten das meine Eltern längst mitbekommen. Die Eltern des dritten Mittäters hätten meine Eltern besucht und ihnen Vorwürfe gemacht: „Wegen eures Sohnes sitzt unserer nun auch hinter Gittern!“, hätten sie gesagt. Ich war kein 31er, ich war kein Verräter, ich war ein Freund, ein Freund des dritten Mittäters. Mein Bruder musste in Haft sitzen, damit der Dritte in Freiheit bleibt?

Dann sollte es so sein.

Ich stellte mir die Frage, wieso ich einen dritten Mittäter überhaupt gebraucht hatte, wieso hatte ich ihn mit ins Boot geholt? Es müsste circa 7-8 Monate vor meiner Verhaftung gewesen sein, ich war in einem Supermarkt und mein guter Freund Adnan war dabei. „Emre, endlich ist meine Ausbildung zu Ende, ich hoffe, die übernehmen mich.“ Adnan war froh, dass er nach seinem Hauptschulabschluss nun auch seine Ausbildung abgeschlossen hatte. Er hatte es verdient, er war ein sehr netter, sympathischer und intelligenter Junge. Doch seine Familie verlangte ihm viel ab. Er war das typische Beispiel eines türkischen Sohnes, der nur für seine Familie lebte und wohl nur in die Welt gesetzt wurde, damit er dem Familienoberhaupt und seinen Untergebenen dienen kann. „Hast Du schon mal darüber nachgedacht zu studieren, Adnan? Ich meine, Du bist jünger als ich, Du könntest vom Alter her früher mit dem Studium beginnen als ich?“

Er überlegte nicht lange: „Ich hab mir schon Gedanken darüber gemacht, ich müsste nur ein Jahr Berufskolleg machen, dann könnte ich an einer Hochschule studieren.“ Wir nahmen uns jeweils eine RedBull Dose aus dem Regal und gingen in Richtung Kasse. „Ja, ist doch toll ey, wusste ich gar nicht. Dann musst Du ja nur ein Jahr auf die Schule, das ist doch grandios. Was hält Dich davon ab?“. Ich war verblüfft, dass das deutsche Bildungssystem so etwas ermöglichte. An dem Tag wurde mir klar, dass jeder ähnliche Chancen auf Bildung hatte und quasi selbst schuld war, wenn er seine Schulbildung früher abbrach. „Weißt Du Emre, ich habe mich während der Ausbildung an das Geld gewöhnt, ich kann nicht studieren. Ich habe mir ein Auto gekauft und auch sonstige finanzielle Verpflichtungen.“ Das war für mich eine faule Ausrede, ich wollte es genauer wissen: „Ich mein, wie viel hast Du denn schon verdient in der Ausbildung? 700-800 EUR? Als Student hast Du doch das Anrecht auf Bafög, meine Güte. Und dann holst Du dir noch einen Nebenjob und bist gleich mal auf demselben finanziellen Niveau wie bei deiner Ausbildung!“. Auch wenn er den Anschein erweckte, wirklich studieren zu wollen, ließ er sich nicht so schnell von meiner Aussage beeinflussen. „Da ist doch noch das eine Jahr Berufskolleg, da bekommt man doch, wenn überhaupt, nur Schüler-Bafög. Das ist glaub recht wenig“, meinte er, als wir unsere Energy Drinks tranken und in der Stadt herumlungerten. Ich weiß nicht, was ich mir in diesem Moment gedacht hatte, warum zum Teufel ich dachte, dass ich ihm nun etwas Gutes tun würde. Aber wie üblich war mein Mundwerk schneller als mein Gehirn, ich redete oft unüberlegt: „Adnan, wenn Du jeden Monat 1.000 bis 2.000 EUR bekommen würdest, würdest Du dann studieren?“ Er sah mich an und war überrascht, als er merkte, dass dies eine ernst gemeinte Frage war. „Ja natürlich, damit könnte ich gut leben.“ Das hatte ich auch nicht anders erwartet und fing sogleich mit meiner überzeugenden Rede an: „Adnan, ich erzähl Dir jetzt etwas, aber nur, weil ich Dir vertraue und Dir helfen möchte.

Du kennst sicherlich die Deutsche Bahn?“

Adnan war ein guter Junge, und er ist es noch immer. Dennoch: Ihn zu dem Computerbetrug zu überreden war einfacher, als ihm das Studium schmackhaft zu machen. An dem Tag begriff ich, dass man einen Menschen nicht nach Gut und Böse kategorisieren kann. Menschen tun Böses, Menschen tun Gutes, das würde es eher treffen. Und Adnan war kurz davor, Böses zu tun. Warum? Es war nicht nur das Geld, es war nicht nur das Adrenalin… es gab einen viel wichtigeren Grund: Wir waren wohl einfach zu schwach für diese Welt.

„Ich habe keinen dritten Mittäter Papa, ich habe doch alles bei den Polizisten gestanden.“ Meine Mutter fing wieder an zu weinen: „Wenigstens einen meiner Söhne hätten sie mir zurück geben sollen.“ Eine halbe Stunde war manchmal wie eine Ewigkeit, manchmal war es aber einfach nur eine halbe Stunde. Die Besuchszeit war vorbei. Ich verabschiedete mich von meinen Eltern. „Das wird schon, mein Sohn. Hoffen wir auf das Beste, Gott wird uns helfen.“ Meine Mutter umarmte mich fest. Ich küsste die Hand meines Vaters, umarmte ihn nicht, ich hatte ihn nämlich noch nie umarmt.

„Emre, merk dir eins: Wir werden Widerspruch gegen die Haftbeschwerde einlegen. Und ich bin dein Vater. Ich merke, wenn Du lügst.“

Ich nahm meine zwei Tafeln Schokolade, die mir meine Eltern jedes Mal vor dem Besuch kauften, mit auf die Zelle und verputzte sie sofort, denn ich war gestresst und verzweifelt. Schokolade war meine Nervennahrung. Ich legte mich auf mein Bett und fing an nachzudenken. Sollte ich Adnan verpetzen? Wollte ich meinen Bruder retten, oder wollte ich meinen Freund aus der Scheiße raushalten?Meine Entscheidung war nicht leicht. In den drei Monaten, in denen Adnan mit im Boot gewesen war, hatte es sehr viel Stress gegeben. Schon damals musste ich mich für einen von beiden entscheiden. Nun stand ich wieder vor derselben Entscheidung.

Was ich allerdings völlig außer Acht gelassen hatte, war, dass nicht aller guten Dinge drei sind. Nein, ganz im Gegenteil, die Drei stand für „Bande“, und das wiederum stand für ein hohes Strafmaß. Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen.