#12 – Besuchstag No.1

Zurück vom Arzt befand ich mich in meiner 4-Mann-Zelle, die nun mit einem weiteren Häftling besetzt war. Neben dem alten war nun auch ein kahlköpfiger Mann, wahrscheinlich Ende 30, in der Zelle und lag auf dem Bett. Er schaute mich kurz an, wir tauschten unsere Namen aus. Die erste Frage die er mir stellte war, ob ich Zigaretten hätte. Da weder ich noch der ältere Mann Raucher waren, musste er sich damit abfinden, ein paar Tage nichts zu rauchen. Doch er bekam es ziemlich schnell hin durch irgendwelche Anträge vom Pfarrer einen Beutel Tabak zu erhalten. Doch der Beutel hielt nicht lange. Ich weiß nur noch, dass er sich ewig lange rumgeschnorrt hatte, bis er dann anfing zu arbeiten und erstmal seine Schulden begleichen musste. Bei mir hatte er im weiteren Haftverlauf auch ein paar Euro an Schulden zahlen müssen, die ich allerdings, wie fast jeder, nicht bekam. Nachdem ich allerdings sah, dass der Kahlköpfige Tabak vom Pfarrer erhielt, fragte ich nach einer Tafel Schokolade bei diesem an, da ich unbedingt Nervennahrung brauchte, doch ich war erfolglos. Scheinbar war es wichtiger, die Häftlinge mit Tabak zu versorgen. Zudem war es seitens der JVA falsch, einen Nichtraucher mit einem Raucher in eine gemeinsame Zelle zu stecken. Doch als Neuling weiß man das noch nicht. Später hatte ich sogar den Luxus, alleine in einer Zwei-Mann-Zelle zu „wohnen“, obwohl die JVA überfüllt war, doch sie fanden einfach keinen weiteren Nichtraucher, der in meiner Zelle  hätte Platz finden können. So kam ich im weiteren Haftverlauf immer öfter und leichter an die begehrten Einzelzellen.
Jedenfalls war ich nun in meiner 4-Mann-Zelle und der kahlköpfige, ziemlich gesprächige Typ erzählte von seinen Taten. Er hatte wohl irgendwelche Autos geknackt, gestohlen und weiß Gott was damit gemacht. Erwischt wurde er, als er am nächsten Tag in das geklaute Auto steigen wollte. Es sollen mehr als ein Dutzend Polizisten am Auto auf ihn gewartet haben. „Die Polizei hatte ein leichtes Spiel“, sagte er. „Ich war schon polizeilich bekannt und die haben sofort erkannt, dass das Tatmuster meinen vorherigen Taten entspricht und sind direkt zu mir gekommen. Haben dann extra gewartet, dass ich in das geklaute Fahrzeug steige“. Als er redete, merkte ich, dass ihm Zähne fehlten. Das waren aber nicht ein paar Lücken im Gebiss, viel mehr waren so gut wie alle Zähne weg oder irgendwie abgeschliffen. Ich fragte nicht, weshalb er solch ein widerliches Gebiss hatte, da ich nicht wusste, ob es ein Unfall war oder sonst irgendwas Schlimmes passiert war, wofür er nichts konnte. Doch schnell erfuhr ich, dass es aufgrund von Drogen, irgendwie Heroin oder weiß der Geier was, passiert war. Als ich ihm meine Geschichte erzählte, war er ziemlich baff, sagte sowas wie: „Bist Du ein Hacker?“. Ich lachte jedes Mal, wenn mir jemand diese Frage stellte, bis nach einer gewissen Zeit auch mir das Lachen verging, weil es einfach nicht mehr lustig war: „Nein, nein. Ich hab keine Ahnung vom Hacken. Ich hab lediglich irgendwelche Anleitungen befolgt und viel mehr gekauft, verkauft usw. Dafür hat man nicht wirklich Computerkenntnisse gebraucht. Ich sag mal so, meine Lieferanten waren vielleicht „Hacker“, aber wenn, dann bestimmt keine Profis.“
Es vergingen einige Tage, und nichts Spannendes geschah. Jeden Tag kam ein Beamter abends in unsere Zelle und fragte, ob wir rüberkommen wollen, zwecks Freizeit. Ich verstand nie, was er wollte und was „rüberkommen“ hieß. Doch da weder der alte Mann, noch der Zahnlose rüber wollten, habe ich es auch nie gewagt. Doch nach einer Woche war ich dann endlich „drüben“. Aufgrund der Überfüllung in der JVA hatten die mich in die Abteilung von Strafhäftlingen gesteckt, und nicht in die Abteilung, in der die U-Häftlinge sind. Somit war abends meine Zellentür zu, während Strafhäftlinge in unserer Abteilung „Freizeit“ hatten. Und wir hätten quasi mit dem Beamten in die Abteilung der U-Häftlinge mitgehen können, doch taten dies nie. Des Weiteren hatte ich einen Antrag wegen Arbeit geschrieben. Es dauerte keine zwei Tage, da stand schon ein Beamter vor meiner Zellentür und teilte mir mit, dass ich ab kommender Woche anfangen dürfe zu arbeiten. Die Arbeit war sehr interessant, und dieser Satz ist voller Ironie, doch im nächsten Kapitel werde ich euch über meine Arbeit berichten. Während ich also auf die kommende Woche wartete, abends nicht zur Freizeit ging und keinen Fernseher in der Zelle hatte (dieser kostete Geld und keiner von uns dreien in der Zelle hatte auch nur einen Cent) vergingen die Stunden wie Tage. Der alte Mann lief nachts immer einen Kreis in der Zelle und störte den Kahlkopf, der wegen Nikotinentzug kurz vorm Durchdrehen war. Und auch der alte Mann wurde langsam gesprächig, irgendwas mit der Bild-Zeitung wollte er machen und irgendwie hatte er eine Tochter, die ihn weder besuchte noch irgendwie finanziell unterstützte. Im Hofgang war ich ganz klar als Neuling identifizierbar, keiner Gruppe zugehörig, lief manchmal ausversehen gegen den Uhrzeigersinn und schaute niemandem in die Augen. Und nachdenklich war ich auch, sodass ich zuerst gar nicht begriff, dass mich einer ansprach: „Hey, bist Du Türke?“. Ich sah ihn an, erneut ein Typ Mitte 30. „Ja, du auch?“ fragte ich, „Ja, weswegen sitzt Du?“. „Wegen Computerbetrug“, antwortete ich. Wie immer war ein Staunen im Gesicht zu sehen. „Vay amina koyiim, was hast Du gemacht, lan?“. Ich erzählte es ihm  kurz, und dann fragte er: „In welcher Zelle bist Du?“. Ich nannte ihm meine Zellennummer. „Warum bist Du bei der Strafhaft? Du bist doch neu oder nicht?“. „Ich weiß nicht, ich versteh das gar nicht.“.
Da waren noch andere Jungs neben ihm, als wir das Gespräch hatten: „Du machst jetzt folgendes: Du schreibst einen Antrag, dass Du in U-Haft kommen willst und morgen bringst Du mir deinen Haftbefehl mit zum Hofgang.“ Ich bejahte dies und lief weitere Runden. Was ich da noch nicht wusste war, dass die „Türken“ erst schauen wollten, weshalb ich tatsächlich sitze, und ihnen das mit meiner Zelle in der Strafhaft suspekt vorkam, so als wolle man mich „schützen“ und würde mich deshalb in eine andere Zelle stecken, bevor sie mich in ihre Gruppe aufnehmen.
Zurück in der Zelle wartete ein Zettel auf dem Tisch auf mich. Das war der erste von vielen. „Was ist das denn?“ fragte ich in die Runde. Der Kahlkopf schaute sich das an: „Du hast morgen Besuch. Halbe Stunde und Überwachung ist optisch und akustisch.“ Ich schaute nochmal drauf, die Namen meiner Eltern standen drauf. Mein Herz fing an zu rasen und mir wurde fast schwindelig. Den ganzen Abend geisterte ich in der Zelle rum, konnte die ganze Nacht nicht schlafen, musste immerzu an den Besuch denken und wie sauer mein Vater sein würde und wie enttäuscht meine Mutter. Verschiedene Szenarien malte ich mir aus, und keiner entsprach der Realität, und keiner war so gefühlsecht wie der Besuch, der dann tatsächlich stattfand. Nach diesem Besuch fing das ganze Gefühlschaos an, ich wollte einfach nur alles ungeschehen machen. Doch es war viel zu spät.
Recht früh, soweit ich mich erinnern kann um 9:00 Uhr, waren meine Eltern bereits da. Der Besuchstermin war auf 9:30 Uhr gesetzt. Ich war schon seit morgens um 6:00 Uhr, als es „Frühstück“ gab, wach. Meine Zähne geputzt, frisch geduscht (Danke an den Beamten, der dies zugelassen hat), wartete ich in meiner Zelle. Der Beamte kam und nahm mich mit: „Hast Du irgendwas dabei?“. Ich verneinte und wir gingen in den Innenhof. Es war so schön, mal etwas anderes als unseren Hof vom Hofgang zu sehen. Der Teich, der sich im Innenhof befand, hatte eine beruhigende Wirkung, doch ich konnte mein Herzklopfen hören und meine Hände waren schweißnass. In einem Vorraum betatsche mich der Beamte erstmal und kontrollierte, ob ich irgendwelche Gegenstände bei mir trug. Danach ging es in einen Warteraum. Dieser war ziemlich klein und es warteten schon andere Häftlinge. Als ich mich hinsetzte, tauschte ich erstmal ein paar Blicke mit den anderen Häftlingen aus. Um mir meine Aufregung zu nehmen, wollte ich ein Gespräch anfangen, doch dies ging nach hinten los und ich war einfach nur still. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, wenn ich meine Eltern sah. Ob ich so tun sollte, als ob es mir gut ginge. Doch die Entscheidung war richtig, ich tat so, als wäre alles ganz gut für Knastverhältnisse. Ein Beamter kam in den Warteraum, nannte meinen Namen und führte mich in einen Raum, der sich ganz hinten befand. Die Strecke schien mir endlos zu sein und steinig, ich wäre fast gefallen. Und dann ging ich durch die Tür in den kleinen Besuchsraum. Hinten an der Wand war eine Beamtin, die auf einem Stuhl saß. Sie war quasi für die optische und akustische Überwachung zuständig. Mein Hals war ganz trocken, als ich meine Mutter und meinen Vater am kleinen Tisch sitzen sah. Beide saßen mit gebeugten Köpfen am Tisch und sahen aus, als hätten sie die ganze Nacht über hart gearbeitet und keine Kraft mehr, um aufzustehen. Ich ging zuerst zu meiner Mutter und wollte ihre Hand küssen, doch sie umarmte mich sofort. Das vertraute Gefühl überwältigte mich, ich klammerte mich fest um sie, doch schaffte es, keine Träne zu vergießen. Als dann meine Mutter so langsam los ließ, wollte ich die Hand meines Vaters küssen (dies tut man in der türkischen Kultur aus Respekt), doch er gewährte mir dies nicht und sagte, dass ich mich setzen solle. Bei diesem ersten Besuch verloren wir sehr wenig Worte. Mein Vater fing an, eine kleine Predigt zu halten, die auch einen Hauch von religiösem Inhalt besaß. Ich hörte zu, während meine Aufregung immer noch nicht komplett verschwunden war. Plötzlich stand meine Mutter auf, ging an die Wand und fing an zu weinen. Sie schluchzte, weinte und zitterte. Die Beamtin war völlig unbeeindruckt und ich war wie erstarrt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ein Hass überwältigte mich. Ein Hass auf mich selbst. Dass ich es tatsächlich gewagt hatte, meine Mutter so zum Weinen zu bringen. Ich hatte sie bisher noch nie so gesehen. Mein Vater allerdings blieb standhaft, sehr ernst, und verzog keine Mimik. Als sich meine Mutter, auch auf „Befehl“ meines Vaters, beruhigte und sich wieder hinsetzte, versuchte ich sie zu beruhigen: „Mama, glaub mir, die JVA hier ist sehr angenehm. Die Beamten sind nett, die Häftlinge sind auch ganz ok. Ich kann jeden Tag duschen und ich fang auch nächste Woche an zu arbeiten. Da gibt’s sogar einen Teich im Innenhof.“ Sie weinte weiter: „Aber draußen gehen die Blumen auf, es ist Frühling, und du bist hier drin.“, Tränen flossen ihr aus den Augen. Die Beamtin funkte in das Gespräch rein: „Sie haben nur noch 2 Minuten.“ Ich war baff, wie schnell waren 30 Minuten vergangen. Mein Vater schaute mich ernsthaft an und sagte: „Sorg dafür, dass dein Bruder rauskommt. Du spielst jetzt keine Rolle, er ist jünger, er muss raus!“ Ich nickte. Und die 2 Minuten waren auch schon um. Nochmals umarmte ich meine Mutter ganz fest. Mein Vater erlaubte den körperlichen Kontakt nicht zu ihm, und so gingen beide fort. Ich wurde zurück in meine Zelle gebracht, ein Beamter überreichte mir zwei Tafeln Schokolade. „Von deinen Eltern“, sagte er. Diese Schokolade teilte ich mit meinen Zellenmitbewohnern. Während ich immer noch damit zu kämpfen hatte meine Tränen zurückzuhalten, kam dann eine weitere Nachricht: „Du hast ein Kleiderpaket von deinen Eltern bekommen, nächste Woche darfst Du in die Kammer und es abholen.“ Dies freute mich. Endlich Bettwäsche von daheim, meine Kleider von daheim, und alles würde nach Zuhause riechen! Die Blicke, als meine Eltern mich das erste Mal in der Häftlingskleidung sahen, werde ich niemals vergessen.
Abends im Bett schossen mir erneut tausend Gedanken durch den Kopf. Ich musste meinen Bruder irgendwie rausholen, als älterer Bruder hatte ich die Verantwortung dafür. Meine Mutter sollte nicht wegen beiden Söhnen weinen. Und mein Vater, egal wie hart und standhaft er war, auch er hatte ein Herz, denn eine Woche später sah ich das erste Mal wie mein Vater weinte….wegen mir.

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